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  • Die verantwortungsvolle Aufgabe der Pflege
    Erwachet! 1997 | 8. Februar
    • Die verantwortungsvolle Aufgabe der Pflege

      „ZUWEILEN habe ich mir gewünscht, ich könnte dem Ganzen entfliehen. Aber er brauchte mich mehr denn je. Ich fühlte mich zeitweise sehr allein“ (Jeanny; sie pflegte 18 Monate lang ihren 29jährigen Mann, bis er an einem Gehirntumor starb).a

      „Mitunter ärgerte ich mich über Mutti, und dann mochte ich mich selbst nicht mehr leiden. Ich fühlte mich wie eine Versagerin, wenn ich mit der Situation nicht richtig zurechtkam“ (Rose, 59 Jahre; sie pflegte ihre 90jährige gebrechliche Mutter, die bettlägerig war).

      Die Nachricht von einer unheilbaren oder chronischen Krankheit kann Angehörige und Freunde des Kranken völlig niederschmettern. „Wenn sie von der Diagnose erfahren, haben alle betroffenen Familien das Empfinden, allein dazustehen. Möglicherweise kennen sie keine Familie, die das gleiche Problem hatte“, schreibt Jeanne Munn Bracken in ihrem Buch Children With Cancer. Oftmals sind die Betreffenden auch „wie betäubt und fassungslos“ so wie Elsa, als sie erfuhr, daß Betty, eine gute Freundin von ihr, mit 36 Jahren an Krebs erkrankt war. Sue „schlug es regelrecht auf den Magen“ und ihr war völlig elend, als ihr schließlich klar wurde, daß ihr kranker Vater an Krebs sterben würde.

      Verwandte und Freunde sehen sich unter Umständen urplötzlich mit der Rolle des Pflegenden konfrontiert, der für die physischen und emotionellen Bedürfnisse eines Kranken sorgen muß. Sie müssen vielleicht nahrhafte Mahlzeiten zubereiten, darauf achten, daß der Kranke seine Medizin einnimmt, dafür sorgen, daß er zum Arzt kommt, daß die Besucher des Patienten unterhalten werden, daß für den Patienten Briefe geschrieben werden und vieles mehr. Und das alles muß oftmals in einem ohnehin vollen Zeitplan untergebracht werden.

      Verschlechtert sich der Zustand des Patienten, verlangt einem die Pflege noch mehr ab. Was schließt das gegebenenfalls mit ein? „Alles!“ erwidert Elsa, die ihre bettlägerige Freundin Betty betreute. „Sie mußte gewaschen und gefüttert werden und benötigte Hilfe, wenn sie sich übergeben mußte oder wenn ihr Urinbeutel geleert werden mußte.“ Kathy hatte neben ihrer Ganztagsarbeit für ihre kränkliche Mutter zu sorgen. Sue, von der zuvor die Rede war, erzählt, sie habe bei ihrem Vater „alle halbe Stunde die Temperatur gemessen und diese aufgeschrieben, ihn abgerieben, wenn die Temperatur gestiegen war, und alle paar Stunden seine Kleidung gewechselt und sein Bett frisch bezogen“.

      Die Qualität der Pflege hängt größtenteils vom Wohlbefinden des Pflegenden ab. Doch die Gefühle und die Bedürfnisse der Menschen, die Kranke umsorgen, werden nicht selten übersehen. Wenn die Pflege für die Betreuer nur Rückenschmerzen und verspannte Schultern zur Folge hätte, wäre das schon schwer genug. Aber wie die meisten Pflegenden bestätigen werden, ist die emotionelle Belastung besonders groß.

      „Es war mir furchtbar peinlich“

      „In Studien wird wiederholt beschrieben, wie belastend das unberechenbare, peinliche Verhalten ... [eines Patienten] und dessen Zornausbrüche sind“, hieß es in der Publikation The Journals of Gerontology. Gillian zum Beispiel erzählt, daß eine Freundin sie bei einer christlichen Zusammenkunft einmal fragte, ob sie mit Gillians betagter Mutter sprechen könne. „Mutter schaute nur ausdruckslos vor sich hin und reagierte nicht“, erinnert sich Gillian traurig. „Es war mir furchtbar peinlich, und mir kamen die Tränen.“

      „Das ist eines der Dinge, mit denen man am schwersten zurechtkommt“, meint Joan, deren Mann an Demenz leidet. „Seit er krank ist, haben seine Umgangsformen nachgelassen“, erklärt sie. „Wenn wir mit anderen in einem Restaurant sind, geht er manchmal zu den Nebentischen, probiert die Marmelade und steckt den gebrauchten Löffel dann wieder in das Marmeladentöpfchen. Besuchen wir Nachbarn, kann es passieren, daß er auf den Gartenweg spuckt. Ich kann mich nur schwer von dem Gedanken lösen, daß andere über seine Angewohnheiten reden und ihn für entsetzlich ungehobelt halten. Deswegen ziehe ich mich oft in mein Schneckenhaus zurück.“

      „Ich befürchtete, daß er wegen einer Unachtsamkeit unsererseits ...“

      Die Pflege eines schwerkranken geliebten Menschen kann mit großen Ängsten einhergehen. Der Pflegende hat vielleicht Angst davor, wie es sein wird, wenn die Krankheit fortschreitet oder wenn der geliebte Mensch stirbt. Eventuell befürchtet er, nicht stark genug oder nicht imstande zu sein, den Bedürfnissen des Patienten gerecht zu werden.

      Elsa erzählt, welche Angst sie bedrückte: „Ich hatte große Bange, Betty weh zu tun und ihre Qualen dadurch noch zu verschlimmern oder etwas zu tun, was ihr Leben verkürzen könnte.“

      Manchmal übertragen sich die Ängste des Patienten auf den Pflegenden. „Mein Vater hatte große Angst davor zu ersticken und geriet zuweilen in Panik“, verrät Sue. „Ich befürchtete, daß er wegen einer Unachtsamkeit unsererseits ersticken könnte und seine schlimmste Befürchtung damit wahr würde.“

      „Vielleicht trauert man der Person nach, die der Kranke früher war“

      „Trauer ist ein normaler Prozeß bei Menschen, die sich mit der langwierigen Krankheit eines geliebten Angehörigen auseinandersetzen müssen“, heißt es in der Veröffentlichung Caring for the Person With Dementia. „Je mehr die Krankheit fortschreitet, desto mehr verliert man einen Gefährten und eine Beziehung, die einem wichtig war. Vielleicht trauert man der Person nach, die der Kranke früher war.“

      Jennifer beschreibt, wie sich der stetige Verfall ihrer kranken Mutter auf die Familie auswirkte: „Es schmerzte uns. Wir vermißten die angeregten Gespräche mit ihr. Wir waren sehr bedrückt.“ Gillian erklärt: „Ich wollte nicht, daß Mutter stirbt, und ich wollte nicht, daß sie leiden muß. Ich mußte immerzu weinen.“

      „Ich [fühlte] mich zurückgestoßen und war verärgert“

      Der Pflegende fragt sich möglicherweise: „Warum mußte es mich treffen? Wieso helfen andere nicht mit? Sehen sie nicht, daß ich mich schwertue? Kann der Kranke nicht ein wenig kooperativer sein?“ Ab und an ist der Pflegende womöglich verärgert, weil es den Anschein hat, daß sowohl der Patient als auch Verwandte immer mehr von ihm fordern und zu hohe Anforderungen stellen. Rose, von der eingangs die Rede war, erklärt: „Noch häufiger ärgerte ich mich über mich selbst, wenn auch nur innerlich. Aber Mutti sagte, man sehe es mir an.“

      Vielfach bekommt der Pflegende die Frustrationen und die Wut des Kranken mit voller Wucht ab. In dem Buch Living With Cancer erklärt Dr. Ernest Rosenbaum, daß manche Patienten „bisweilen ihren Zorn oder ihre Depressionen an demjenigen auslassen, der um sie herum ist ... Dieser Zorn offenbart sich gewöhnlich als Verärgerung über Kleinigkeiten, die dem Patienten unter normalen Umständen überhaupt nichts ausmachen würden.“ So etwas zerrt verständlicherweise an den bereits angeschlagenen Nerven der Angehörigen oder Freunde, die den Kranken nach bestem Vermögen betreuen.

      Maria zum Beispiel hat ihre todkranke Freundin wirklich auf lobenswerte Weise gepflegt. Dennoch war ihre Freundin hin und wieder überempfindlich und zog voreilige Schlüsse. „Liebe Freunde waren von ihrer Bissigkeit und Unhöflichkeit oft peinlich berührt“, erzählt Maria. Was empfand Maria dabei? „In dem Moment scheint man den Kranken zu ‚verstehen‘. Doch wenn ich später darüber nachdachte, fühlte ich mich zurückgestoßen und war verärgert und verunsichert; danach war ich nicht gerade gewillt, ihr die Liebe zu geben, die sie brauchte.“

      In einer Studie, die in der Publikation The Journals of Gerontology veröffentlicht wurde, kam man zu dem Schluß: „Im Verlauf der Pflege kann sich enorm viel Ärger aufstauen ... [und] bisweilen zu tatsächlichen oder gedachten Gewalthandlungen führen.“ Wie Forscher herausfanden, befürchtete fast jeder fünfte Pflegende, gewalttätig zu werden. Und mindestens jeder zwanzigste ist tatsächlich gewalttätig gegen den Patienten geworden.

      „Ich fühle mich schuldig“

      Viele Pflegende werden von Schuldgefühlen geplagt, die mitunter eine direkte Folge ihres Ärgers sind, das heißt, sie fühlen sich schuldig, weil sie sich gelegentlich ärgern. Diese Emotionen können sie derart aufreiben, daß sie meinen, sie könnten so nicht mehr weitermachen.

      In manchen Fällen bleibt keine andere Wahl, als den Patienten in ein Pflegeheim oder ein Krankenhaus zu bringen. Diese Entscheidung kann für den Pflegenden zu einem wahren Trauma werden und ihm emotionell sehr zusetzen. „Als ich letztendlich gezwungen war, Mutter in ein Heim zu bringen, war mir, als ob ich sie verraten oder abschieben würde“, sagt Jeanne.

      Ganz gleich, ob sich der Patient im Krankenhaus befindet oder nicht, seine Angehörigen fühlen sich möglicherweise schuldig, weil sie meinen, nicht genug für ihn zu tun. Elsa sagt: „Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil ich sowenig Zeit hatte. Manchmal wollte mich meine Freundin einfach nicht gehen lassen.“ Außerdem macht man sich vielleicht Sorgen, weil man andere familiäre Verpflichtungen vernachlässigt, vor allem wenn man als Pflegender viel Zeit im Krankenhaus verbringt oder länger arbeiten muß, um die sich stapelnden Rechnungen zu bezahlen. „Ich muß mitarbeiten, damit wir die Rechnungen bezahlen können“, klagt eine Mutter, „aber ich fühle mich schuldig, weil ich nicht zu Hause bei meinen Kindern sein kann.“

      Pflegende benötigen also dringend Beistand, besonders wenn der Patient gestorben ist. „Meine schwierigste Aufgabe ... besteht darin, dem Pflegenden [nach dem Tod des Patienten] seine vielfach unausgesprochenen Schuldgefühle zu nehmen“, erklärt Dr. Fredrick Sherman aus Huntington (New York).

      Werden solche Gefühle nicht ausgesprochen, kann das sowohl dem Pflegenden als auch dem Kranken schaden. Was können Pflegende daher tun, um solchen Gefühlen Herr zu werden? Und was können andere — Angehörige und Freunde — tun, um ihnen zu helfen?

  • Die verantwortungsvolle Aufgabe der Pflege
    Erwachet! 1997 | 8. Februar
    • Ihren Einsatz nicht als selbstverständlich voraussetzen

      „WIR wissen, daß 80 Prozent der häuslichen Pflege älterer Personen von Frauen verrichtet werden“, sagt Myrna I. Lewis, Assistenzprofessorin der Abteilung Sozialhygiene an der Medizinischen Fakultät Mount Sinai (New York).

      Gemäß einer in der Publikation The Journals of Gerontologyb veröffentlichten Studie erklärten 61 Prozent der pflegenden Frauen, sie würden von Verwandten oder Freunden keinerlei Hilfe erhalten. Und über die Hälfte (57,6 Prozent) der Frauen sagten, ihr Mann würde ihnen nicht genug Rückhalt geben. Jeanne Munn Bracken weist in ihrem Buch Children With Cancer darauf hin, daß oftmals ein großer Teil der Pflegetätigkeit von der Mutter geleistet wird, während „sich der Vater eher in seine Arbeit zurückzieht“.

      Ein beträchtlicher Teil der Pflegetätigkeit wird nach Angaben von Dr. Lewis allerdings auch von Männern ausgeführt. Eine relativ große Gruppe bilden beispielsweise die Männer, deren Frau an der Alzheimer-Krankheit leidet. Und sie sind mit Sicherheit nicht verschont von den Belastungen, die mit der Pflege eines geliebten kranken Menschen einhergehen. „Diese Männer sind möglicherweise sogar von allen Pflegenden am anfälligsten“, sagt Dr. Lewis weiter, „denn sie sind in der Regel älter als ihre Frau und unter Umständen selbst gesundheitlich nicht auf der Höhe. ... Die meisten haben außerdem keinerlei praktische Erfahrung im Pflegebereich.“

      Angehörige müssen darauf achten, daß sie die Pflege nicht einer einzigen Person aufbürden, die die Aufgabe recht gut zu meistern scheint. „Oftmals übernimmt ein ganz bestimmtes Familienmitglied die Rolle des Pflegenden, und das mehrmals hintereinander“, heißt es in dem Buch Care for the Carer. „Ein hoher Anteil dieser Pflegekräfte sind Frauen, die selbst nicht mehr die Jüngsten sind. ... Außerdem denken die meisten, das Pflegen liege eher im Naturell der Frauen ..., doch Verwandte und Freunde sollten dies niemals als selbstverständlich voraussetzen.“

  • Der Umgang mit den Gefühlen
    Erwachet! 1997 | 8. Februar
    • Der Umgang mit den Gefühlen

      WER gegenwärtig einen schwerkranken geliebten Menschen pflegt, durchlebt wahrscheinlich eine Reihe verwirrender und beängstigender Gefühle. Wie kann er damit umgehen? Einige Pflegekräfte haben geschildert, mit welchen Gefühlen sie zu kämpfen hatten und welche praktischen Anregungen ihnen geholfen haben.

      Verlegenheit. Ab und zu fühlt man sich wegen des Verhaltens einer kranken Person in Gegenwart anderer vielleicht peinlich berührt. Wenn man Freunden und Nachbarn jedoch erklärt, wie sich die Krankheit des geliebten Menschen äußert, hilft ihnen das wahrscheinlich, Verständnis zu entwickeln sowie Mitgefühl und Geduld zu zeigen (1. Petrus 3:8). Wenn möglich, sollte man sich mit anderen Familien unterhalten, die in einer ähnlichen Lage sind, und Erfahrungen austauschen. Vermutlich legt sich die Verlegenheit dann. Sue sagt, was ihr geholfen hat: „Mir tat mein Vater so unendlich leid, daß mir sein Verhalten nicht mehr peinlich war. Auch sein Sinn für Humor war mir eine große Hilfe.“ Ja, Humor — sowohl auf seiten des Patienten als auch auf seiten der Betreuer — ist ein fabelhaftes Mittel, strapazierte Nerven zu beruhigen. (Vergleiche Prediger 3:4.)

      Ängste. Unkenntnis über die Krankheit kann Ängste hervorrufen. Sofern möglich, wäre es gut, sich von professioneller Seite Rat zu holen, damit man weiß, was einen bei fortschreitender Krankheit erwartet und wie man unter den gegebenen Umständen den Patienten richtig betreut. Für Elsa war zur Überwindung ihrer Angst mit am wichtigsten, von anderen Pflegekräften und von Krankenschwestern zu erfahren, was auf einen zukommt, wenn sich der Zustand des Patienten verschlechtert. Jeanny rät: „Man muß sich seinen Ängsten stellen und sie in den Griff bekommen. Die Angst davor, was passieren könnte, ist oft schlimmer als die Wirklichkeit.“ Dr. Ernest Rosenbaum empfiehlt, daß man über seine Ängste „spricht, sobald sie auftreten“, ganz gleich, was der Auslöser dafür ist. (Vergleiche Sprüche 15:22.)

      Trauer. Es ist nicht leicht, mit Trauer umzugehen, vor allem in der Pflegezeit. Vielleicht trauern wir, weil uns die Kameradschaft eines geliebten Menschen fehlt, der nun krank ist und womöglich nicht mehr sprechen, nicht mehr alles erfassen oder uns nicht mehr erkennen kann. Es könnte sein, daß andere solche Empfindungen nicht verstehen. Spricht man mit einem verständnisvollen Freund, der geduldig zuhört und einfühlsam ist, über seine Trauer, kann einem das die so dringend benötigte Linderung verschaffen (Sprüche 17:17).

      Ärger und Frustration. Das ist eine völlig normale Reaktion bei der Pflege eines Schwerkranken, dessen Verhalten mitunter etwas schwierig ist. (Vergleiche Epheser 4:26.) Man muß sich bewußtmachen, daß meist die Krankheit und nicht der Kranke für das irritierende Verhalten verantwortlich ist. Lucy sagt rückblickend: „Wenn ich richtig ärgerlich wurde, fing ich an zu weinen. Dann habe ich mich jedoch auf den Zustand und die Krankheit des Patienten besonnen. Ich wußte, daß der Kranke meine Hilfe brauchte. Das half mir weiterzumachen.“ Eine solche Einsicht kann ‘jemandes Zorn verlangsamen’ (Sprüche 14:29; 19:11).

      Schuldgefühle. Pflegende haben häufig Schuldgefühle. Sie können jedoch davon überzeugt sein, daß sie eine äußerst wichtige, aber auch außerordentlich schwierige Aufgabe übernommen haben. Sie sollten akzeptieren, daß sie nicht immer das Richtige sagen oder tun werden. Daran erinnert auch die Bibel mit den Worten: „Wir alle straucheln oft. Wer nicht im Wort strauchelt, der ist ein vollkommener Mann, imstande, auch seinen ganzen Leib zu zügeln“ (Jakobus 3:2; Römer 3:23). Schuldgefühle dürfen einen nicht davon abhalten, positive Schritte zu unternehmen. Sollte man sich über etwas ärgern, was man gesagt oder getan hat, wird man höchstwahrscheinlich feststellen, daß es einem selbst und dem Kranken bessergeht, wenn man sich mit den Worten „Es tut mir leid!“ entschuldigt. Ein Mann, der einen kranken Verwandten pflegte, gab den Rat: „Man sollte unter den gegebenen Umständen sein möglichstes tun.“

      Depressionen. In Familien mit einem schwerkranken Patienten trifft man verständlicherweise häufig auf depressive oder ‘bekümmerte Seelen’. (Vergleiche 1. Thessalonicher 5:14.) Eine Betreuerin, die unter Depressionen leidet, erklärt, was ihr hilft: „Viele danken uns für die Betreuung und die Pflege. Ein paar ermunternde Worte können einem wirklich einen solchen Auftrieb geben, daß man auch nicht aufgibt, wenn man erschöpft oder deprimiert ist.“ In der Bibel heißt es: „Angstvolle Besorgtheit im Herzen eines Mannes wird es niederbeugen, aber das gute Wort erfreut es“ (Sprüche 12:25). Andere bemerken vielleicht nicht immer, daß man Ermunterung benötigt. Deshalb muß man seine „angstvolle Besorgtheit“ im Herzen manchmal erst offen zeigen, um von anderen ein ‘gutes Wort’ der Ermunterung zu bekommen. Sollten allerdings die Depressionen anhalten oder zunehmen, ist es eventuell ratsam, einen Arzt aufzusuchen.

      Hilflosigkeit. Oftmals steht man dem hinfälligen Zustand des Patienten recht hilflos gegenüber. Man muß sich mit der momentanen Situation jedoch abfinden und akzeptieren, daß einem Grenzen gesetzt sind. Ein Betreuer kann an dem Gesundheitszustand des Patienten nichts ändern, aber er kann ihn liebevoll und fürsorglich pflegen. Er sollte weder von sich noch von dem Patienten, noch von Freunden, die ihm zur Seite stehen, Perfektion erwarten. Ausgeglichenheit wird einem nicht nur das Gefühl der Hilflosigkeit nehmen, sondern einem auch die Last der Arbeit erleichtern. Viele, die einen geliebten Menschen gepflegt haben, geben deshalb den weisen Rat: Man muß lernen, einen Tag nach dem anderen zu bewältigen (Matthäus 6:34).

  • Der Umgang mit den Gefühlen
    Erwachet! 1997 | 8. Februar
    • Ermutigende Kommentare von Pflegenden

      „MAN sollte sich nicht mit negativen Gedanken über sich selbst quälen. Derartige Gedanken sind unter solchen Umständen völlig normal. Selbstverständlich darf man nicht zulassen, daß sich derlei Gefühle aufstauen, sondern man sollte sich jemandem anvertrauen und wenn möglich einmal pausieren — eine Weile weggehen —, um neue Kräfte zu sammeln“ (Lucy; sie hat im Lauf ihrer Arbeit auf einer Pflegestation einer Anzahl Pflegenden und Patienten beigestanden).

      „Wenn Familienangehörige oder Freunde zur Verfügung stehen und gewillt sind zu helfen, sollte man sie helfen lassen. Es ist wichtig, die Last mit anderen zu teilen“ (Sue; sie pflegte ihren Vater, bis er an der Hodgkin-Krankheit starb).

      „Man muß einen Sinn für Humor entwickeln“ (Maria; sie half mit bei der Betreuung einer lieben krebskranken Freundin bis zu deren Tod).

      „Es ist wichtig, in geistiger Hinsicht stark zu bleiben, sich Jehova zu nahen und unablässig zu beten (1. Thessalonicher 5:17; Jakobus 4:8). Er schenkt uns durch seinen Geist, sein Wort, seine irdischen Diener und seine Verheißungen Hilfe und Trost. Man sollte die Zeit möglichst gut einteilen. Zum Beispiel kann man einen Plan für die Einnahme der Medizin und eine Liste mit den Namen der Helfer aufstellen“ (Hjalmar; er betreute seinen todkranken Schwager).

      „Es wäre gut, soviel wie möglich über die Krankheit des Patienten in Erfahrung zu bringen. Dann weiß man, was auf den Kranken und einen selbst zukommt und wie man für den Patienten sorgen kann“ (Joan; ihr Mann leidet an der Alzheimer-Krankheit).

      „Man sollte sich bewußtmachen, daß andere solche Situationen bereits bewältigt haben und daß Jehova uns helfen kann, alles, was noch kommen mag, zu meistern“ (Jeanny; sie umsorgte ihren Mann bis zu seinem Tod).

  • Beistand für den Pflegenden — Wie andere helfen können
    Erwachet! 1997 | 8. Februar
    • Beistand für den Pflegenden — Wie andere helfen können

      „LAWRIE und ich sind seit langer Zeit, und zwar schon 55 Jahre, verheiratet — und was für glückliche Jahre das waren! Wenn ich ihn irgendwie hätte zu Hause behalten können, hätte ich es getan. Aber mit meiner Gesundheit ging es bergab. Schließlich mußte ich ihn in einem Pflegeheim unterbringen. Ich kann fast nicht darüber sprechen, so schmerzlich ist es. Ich liebe ihn und habe große Achtung vor ihm, und sooft ich kann, besuche ich ihn. Mehr lassen meine Körperkräfte nicht zu“ (Anna, 78 Jahre; sie pflegte nicht nur über zehn Jahre lang ihren Mann, der an der Alzheimer-Krankheit leidet, sondern betreut auch schon 40 Jahre ihre Tochter mit Down-Syndrom).a

      Annas Fall ist durchaus nicht ungewöhnlich. Gemäß einer Umfrage auf den Britischen Inseln „ist in bestimmten Altersgruppen (Personen in den Vierziger- und Fünfzigerjahren) jede zweite Frau eine Pflegekraft“. Wie bereits besprochen, kann ein Wirrwarr von Gefühlen oder können Probleme, denen sich Pflegende gegenübersehen, die Situation stellenweise schier unerträglich machen.

      „Mindestens 50 Prozent der Pflegenden werden meiner Ansicht nach im Lauf des ersten Pflegejahrs depressiv“, sagt Dr. Fredrick Sherman von der Amerikanischen Gesellschaft für Geriatrie. Für ältere Menschen wie Anna wird die Situation durch das Schwinden der eigenen Kräfte und durch nachlassende Gesundheit erheblich erschwert.

      Um Pflegenden zu helfen, ihren Verpflichtungen nachzukommen, müssen wir ein wachsames Auge für ihre Bedürfnisse haben. Worin bestehen ihre Bedürfnisse, und wie können wir darauf eingehen?

      Pflegende müssen sich aussprechen können

      „Ich mußte mich bei jemandem aussprechen“, sagte eine Frau, die bei der Pflege ihrer schwerkranken Freundin mithalf. Wie der vorherige Artikel zeigte, sind Probleme oft leichter zu ertragen und zu meistern, wenn man mit einem verständnisvollen Freund darüber reden kann. Viele Pflegende, die sich auf Grund der Umstände wie gefangen fühlen, haben ein Gespräch über ihre Situation als hilfreich empfunden, um ihre Gefühle zu ordnen und die immer stärker werdende psychische Belastung abzubauen.

      „Ich war dankbar, wenn Freunde erkannten, daß wir beide moralische Unterstützung nötig hatten“, sagt Jeanny rückblickend auf die Zeit, in der sie ihren Mann pflegte. Nach ihren Worten brauchen Pflegekräfte Zuspruch und bisweilen eine Schulter, an der sie sich ausweinen können. Hjalmar, der seinen kranken Schwager mit betreute, stimmt dem zu: „Ich brauchte jemand, der sich meine Ängste und Probleme anhörte und verstand, wie ich fühlte.“ Von einem guten Freund sagt Hjalmar: „Es war schön, ihn zu besuchen, und wenn es nur für eine halbe Stunde war. Er hörte mir stets zu. Er nahm wirklich Anteil. Danach fühlte ich mich immer gestärkt.“

      Ein verständnisvoller Zuhörer kann einen Pflegenden enorm aufrichten. ‘Seid schnell zum Hören, langsam zum Reden’, lautet der weise Rat der Bibel (Jakobus 1:19). Wie ein Bericht in der Veröffentlichung The Journals of Gerontology zeigte, „ist allein das Wissen, daß jemand für einen da ist, oftmals schon eine wesentliche Hilfe“.

      Was brauchen Pflegende außer einem offenen Ohr und moralischer Unterstützung noch?

      Praktische Hilfe

      „Sowohl dem Patienten als auch der Familie tut es gut, wenn sie auf irgendeine Weise Liebe und Ermunterung erhalten“, bemerkt Dr. Ernest Rosenbaum. Fürs erste kann eine solche „Liebe und Ermunterung“ in Form eines persönlichen Besuchs, eines Anrufs oder eines kleinen Briefes (vielleicht zusammen mit einem Blumenstrauß oder einem anderen Geschenk) vermittelt werden.

      „Es hat uns sehr getröstet, wenn unsere Freunde auf einen Sprung bei uns vorbeikamen“, sagt Sue im nachhinein über die Unterstützung, die die Familie erhielt, als ihr Vater, der an der Hodgkin-Krankheit litt, im Sterben lag. „Eine meiner Freundinnen“, erzählt sie weiter, „nahm Telefonanrufe entgegen und half uns beim Waschen und Bügeln.“

      Die Unterstützung für Pflegende kann und sollte sich durch spezielle und ganz konkrete Hilfeleistungen ausdrücken. Elsa erinnert sich: „Es war eine echte Erleichterung, wenn Freunde praktische Hilfe anboten. Sie sagten nicht einfach: ‚Laß es mich wissen, wenn ich irgend etwas für dich tun kann.‘ Statt dessen sagten sie: ‚Ich gehe jetzt einkaufen. Was kann ich dir mitbringen?‘ oder: ‚Darf ich mich um deinen Garten kümmern?‘ oder: ‚Ich kann mich jederzeit zu der Patientin setzen und ihr etwas vorlesen.‘ Praktisch fanden wir auch die Idee, daß Besucher für meine kranke Freundin in einem Notizbuch eine Nachricht hinterließen, wenn sie müde war oder schlief. Das hat uns allen viel Spaß gemacht.“

      Man kann auch ganz konkret seine Hilfe für verschiedene Hausarbeiten anbieten. Rose erklärt: „Ich war dankbar, wenn mir jemand half, die Betten zu machen, für meine kranke Mutter Briefe zu schreiben, ihre Besucher zu unterhalten, Medizin zu besorgen, die Haare zu waschen und zu frisieren oder das Geschirr zu spülen.“ Verwandte und Freunde können den Pflegenden außerdem dadurch entlasten, daß sie abwechselnd Essen kochen.

      Wenn angebracht, kann man auch bei grundlegenden Aspekten der Krankenpflege helfen. Vielleicht benötigt der Pflegende Hilfe beim Waschen oder Füttern des Patienten.

      Fürsorgliche Familienangehörige und Freunde bieten wahrscheinlich im Anfangsstadium der Krankheit ihre Hilfe an, doch wie verhält es sich, wenn die Krankheit langwierig ist? Da jeder einen ausgefüllten Zeitplan hat, kann es leicht passieren, daß man die anhaltende — und möglicherweise wachsende — Belastung für den Pflegenden übersieht. Wie traurig wäre es, wenn die so dringend benötigte Unterstützung dann im Sand verlaufen würde.

      Falls das geschieht, wäre es für den Pflegenden eventuell empfehlenswert, einen Familienrat einzuberufen, um die Frage der Pflege des Patienten zu besprechen. Oftmals ist es möglich, Freunde und Verwandte, die sich bereits angeboten haben, zu Hilfe zu rufen. Das haben Sue und ihre Angehörigen getan. „Wenn wir Hilfe benötigten“, erzählt sie, „erinnerten wir uns an diejenigen, die uns ihre Hilfe angeboten hatten, und riefen sie an. Bei ihnen fühlten wir uns frei, um Hilfe zu bitten.“

      Pflegenden zu einer Verschnaufpause verhelfen

      „Sowohl für Sie [den Pflegenden] als auch für den ... [Kranken] ist es absolut notwendig, daß Sie regelmäßige ‚Freizeiten‘ einbauen, die Ihnen eine Pause in der 24-Stunden-Pflege garantieren“, heißt es in dem Buch Der 36-Stunden-Tag. „Das Pausieren in der Pflege eines ... Menschen ist eines der wichtigsten Dinge und kann entscheidend für die Kraft sein, weiterhin kontinuierlich für einen ... [Kranken] zu sorgen.“ Ist das auch die Meinung der Pflegenden?

      „Auf jeden Fall“, antwortet Maria, die bei der Pflege einer lieben krebskranken Freundin mithalf. „Ich mußte mich in regelmäßigen Abständen ‚ausklinken‘ und eine Zeitlang jemand anders die Pflege überlassen.“ Joan (ihr Mann hat die Alzheimer-Krankheit und wird von ihr gepflegt) ist derselben Meinung. „Eines der größten Bedürfnisse ist, hin und wieder Zeit für sich selbst zu haben“, sagt sie.

      Wie kann man sich jedoch unter der Last der Verpflichtungen etwas Freiraum schaffen? Jennifer, die bei der Pflege ihrer betagten Eltern mithalf, verweist darauf, was ihr gutgetan hat: „Eine Freundin der Familie kümmerte sich hin und wieder einen Tag lang um meine Mutter, damit wir etwas ausspannen konnten.“

      Vielleicht können wir dem Pflegenden ebenfalls zu einer Verschnaufpause verhelfen, indem wir uns anbieten, den Patienten, sofern sich das praktisch machen läßt, eine Weile auszuführen. Joan sagt: „Es tut mir gut, wenn jemand meinen Mann ausführt, so daß ich ab und zu etwas Zeit für mich habe.“ Eine andere Möglichkeit ist, sich zu dem Patienten zu setzen. So oder so sollte man dem Pflegenden zu seiner wohlverdienten Ruhe verhelfen.

      Dabei darf man allerdings nicht vergessen, daß es für den Pflegenden nicht immer einfach ist abzuschalten. Möglicherweise fühlt er sich schuldig, weil er nicht die ganze Zeit bei dem Kranken ist. „Es ist nicht leicht, abzuschalten und auszuspannen oder auszuruhen“, gibt Hjalmar zu. „Ich hatte das Gefühl, ständig um den Kranken herumsein zu müssen.“ Hjalmar war innerlich ruhiger, wenn er sich immer zu den Zeiten freimachte, wo sein Schwager am wenigsten Aufmerksamkeit benötigte. Andere haben es so eingerichtet, daß ihr Pflegling einige Stunden in einem Tagespflegeheim versorgt wird.

      Das Ende aller Krankheiten

      Die Pflege eines schwerkranken geliebten Menschen bringt sicher eine enorme Verantwortung mit sich. Doch sie kann einen ausfüllen und innerlich befriedigen. Forscher und Pflegende sprechen davon, daß das Verhältnis zu Angehörigen und Freunden enger wird. Der Pflegende entwickelt neue Eigenschaften und Fähigkeiten. Viele spüren außerdem, daß es ihnen in geistiger Hinsicht zugute kommt.

      Am wichtigsten ist jedoch, daran zu denken, daß Jehova und sein Sohn, Jesus Christus, die mitfühlendsten und fürsorglichsten Personen überhaupt sind, wie die Bibel uns zeigt. Biblische Prophezeiungen sichern uns zu, daß das Ende aller Krankheiten, aller Qualen und des Todes kurz bevorsteht. Bald wird der liebevolle Schöpfer des Menschen gerechte Bewohner auf der Erde mit ewigem Leben in einer neuen Welt belohnen, in der sich jeder bester Gesundheit erfreuen wird — einer Welt, in der ‘kein Bewohner sagen wird: „Ich bin krank“’ (Jesaja 33:24; Offenbarung 21:4).

  • Beistand für den Pflegenden — Wie andere helfen können
    Erwachet! 1997 | 8. Februar
    • Die Pflege eines Menschen kann eine lohnende Aufgabe sein

      „EINE lohnende Aufgabe?“ fragen sich manche vielleicht. „Wie kann das sein?“ Dazu ein paar Aussagen von Pflegenden gegenüber Erwachet!:

      „Eigene Interessen und Wünsche zurückzustellen bedeutet nicht weniger Glück. ‚Beglückender ist Geben als Empfangen‘ [Apostelgeschichte 20:35]. Es kann sehr befriedigend sein, jemand, den man liebt, zu umsorgen“ (Joan).

      „Ich war froh, daß ich meiner Schwester und meinem Schwager in einer Zeit, in der sie wirklich Hilfe benötigten, beistehen konnte, ohne daß es ihnen möglich war, sich dafür bei mir zu revanchieren. Das hat uns zusammengeschmiedet. Ich hoffe, daß ich die Erfahrungen, die ich dabei gesammelt habe, eines Tages einsetzen kann, um jemand anders in einer ähnlichen Situation zu helfen“ (Hjalmar).

      „Ich habe weit mehr bekommen als gegeben, und das habe ich meiner kranken Freundin Betty mehr als einmal gesagt. Ich habe gelernt, Mitgefühl zu zeigen und Geduld zu üben, und begriffen, daß man auch unter den widrigsten Umständen eine positive Einstellung bewahren kann“ (Elsa).

      „Geistig gesehen bin ich gewachsen. Mir ist deutlicher bewußt geworden, wie es ist, Tag für Tag auf Jehova Gott angewiesen zu sein und zu erleben, wie er meine Bedürfnisse stillt“ (Jeanny).

  • Beistand für den Pflegenden — Wie andere helfen können
    Erwachet! 1997 | 8. Februar
    • Wenn man einen Pflegenden besucht

      • Mit Einfühlungsvermögen zuhören

      • Aufrichtige Anerkennung aussprechen

      • Konkrete Hilfe anbieten

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