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  • Die Würde des Kranken wahren
    Erwachet! 1998 | 22. September
    • Die Würde des Kranken wahren

      ZWEI Tage bevor Sally mit ihrem Mann einen Neurologen aufsuchte, wurde in Südafrika ein neuer Premierminister gewählt. Nach dem Wahlergebnis befragt, starrte Alfie den Neurologen ratlos an und brachte keine Antwort heraus. Nach einer Gehirnuntersuchung ließ sich der Arzt dann zu der ziemlich gefühllosen Äußerung hinreißen: „Der Mann kann ja kaum zwei und zwei zusammenzählen. Sein Gehirn funktioniert nicht mehr!“ Darauf riet er Sally: „Sie müssen Ihre Finanzen regeln. Außerdem kann dieser Mann aggressiv werden und auf Sie losgehen.“

      „Niemals!“ erwiderte Sally. „Nicht mein Mann!“ Sally hatte recht. Alfie wurde nie handgreiflich, obwohl manche Alzheimer-Kranke tatsächlich aggressiv werden. (Ursache sind oft Gefühle der Frustration, die sich durch die Art und Weise, wie man mit dem Betroffenen umgeht, bisweilen abschwächen lassen.) Der Neurologe stellte zwar die richtige Diagnose, war sich aber offenbar nicht bewußt, daß die Würde des Patienten zu achten ist. Sonst hätte er Sally unter vier Augen behutsam über Alfies Zustand aufgeklärt.

      „Würde, Respekt und Selbstachtung sind die offensichtlichsten Bedürfnisse Demenzkranker“, heißt es in dem Buch When I Grow Too Old to Dream. Ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, die Würde des Kranken zu wahren, wird in einem Informationsblatt der Londoner Alzheimer-Gesellschaft, betitelt Communication, angeführt: „Sprechen Sie nie mit anderen Leuten über ... [Alzheimer-Kranke], als ob sie nicht da wären. Sollten sie das Gesagte auch nicht verstehen, könnten sie sich doch irgendwie ausgegrenzt und geringschätzig behandelt fühlen.“

      Tatsache ist, daß manche Alzheimer-Kranke durchaus verstehen, was andere über sie sagen. Ein Patient in Australien ging einmal mit seiner Frau zu einem Treffen einer Alzheimer-Gesellschaft. Sein Kommentar dazu: „Sie gaben den Betreuern Hinweise, was man tun kann und wie man vorgehen sollte. Mir machte es sehr zu schaffen, daß ich dort war und keiner über die Patienten sprach. ... Es ist zum Heulen. Weil ich Alzheimer habe, ist das, was ich sage, unbedeutend. Keiner hört zu.“

      Optimismus ausstrahlen

      Es gibt viele konstruktive Möglichkeiten, dem Betroffenen seine Würde zu lassen. Er braucht vielleicht Hilfe, um Alltagsaufgaben, die ihm einst leichtfielen, weiter zu bewältigen. War er zum Beispiel früher ein guter Briefeschreiber, könnte man sich mit ihm hinsetzen und ihm helfen, Briefe von besorgten Freunden zu beantworten. In ihrem Buch Alzheimer’s—Caring for Your Loved One, Caring for Yourself gibt Sharon Fish praktische Tips, wie man Alzheimer-Kranken beistehen kann. Sie schreibt: „Überlegen Sie sich einfache gemeinschaftliche Tätigkeiten, die sinnvoll und produktiv sind: Geschirr spülen und abtrocknen, den Boden fegen, Wäsche zusammenlegen, kochen.“ Weiter führt sie aus: „Ein Alzheimer-Kranker ist höchstwahrscheinlich nicht in der Lage, die ganze Wohnung sauberzumachen oder ein komplettes Essen zu kochen, doch der Leistungsabfall schreitet meistens allmählich voran. Man kann die noch intakten Fähigkeiten ausnutzen und sie so lange wie möglich fördern. Dadurch fördert man gleichzeitig die Selbstachtung des Angehörigen.“

      Ein Alzheimer-Kranker wird nicht alle Arbeiten zufriedenstellend erledigen, so daß man den Boden unter Umständen nochmals fegen oder das Geschirr nochmals spülen muß. Aber dadurch, daß man dem Betroffenen das Gefühl gibt, nützlich zu sein, ermöglicht man ihm ein erfülltes Leben. Ein Lob ist auch dann am Platz, wenn eine Arbeit nicht ganz richtig ausgeführt wurde. Immerhin hat er im Rahmen seiner nachlassenden Fähigkeiten sein Bestes getan. Alzheimer-Kranke brauchen ständig Bestätigung und Lob — um so mehr, wenn sich die Leistungseinbußen zunehmend bemerkbar machen. „Jeden Augenblick, ganz ohne Vorwarnung, können sie von Gefühlen der Wertlosigkeit überwältigt werden“, sagt Kathy, deren 84jähriger Mann an Alzheimer leidet. „Der Pflegende muß dann sofort helfen und dem Kranken liebevoll versichern, daß er es schon richtig macht.“ In dem Buch Failure-Free Activities for the Alzheimer’s Patient heißt es ebenfalls: „Wir haben alle das Bedürfnis zu hören, daß wir gute Arbeit leisten, und das ist bei Demenzkranken besonders stark ausgeprägt.“

      Wie mit peinlichem Verhalten umgehen?

      Pflegende müssen lernen, mit peinlichem Verhalten ihres Angehörigen umzugehen. Eine der schlimmsten Befürchtungen ist Inkontinenz in Gegenwart anderer. „Solche Vorfälle passieren nicht häufig und lassen sich meist verhüten oder auf ein Minimum beschränken“, erklärt Dr. Gerry Bennett in seinem Buch Alzheimer’s Disease and Other Confusional States. „Man muß die Dinge auch im richtigen Verhältnis sehen, denn nicht der Vorfall selbst oder die Anwesenden sind das Problem, sondern daß der Betroffene seine Würde einbüßt.“

      Ist das Mißgeschick passiert, darf man nicht ungehalten werden. Ein Tip wäre: „Bleiben Sie ruhig und gelassen, und denken Sie daran, daß der Betroffene Sie nicht ärgern will. Wahrscheinlich ist er eher zur Zusammenarbeit bereit, wenn Sie freundlich und bestimmt reagieren, als wenn Sie gereizt sind und ungeduldig werden. Tun Sie Ihr möglichstes, damit das Problem Ihrer gemeinsamen Beziehung nicht schadet“ (Incontinence, eine Informationsschrift der Londoner Alzheimer-Gesellschaft).

      Ist Berichtigen immer das Ideale?

      Demenzkranke sagen oft etwas Unzutreffendes. Vielleicht sprechen sie davon, daß sie den Besuch eines längst verstorbenen Verwandten erwarten. Oder sie haben Halluzinationen und bilden sich ein, etwas Bestimmtes zu sehen. Ist es immer nötig, einen Alzheimer-Kranken, der etwas Verkehrtes sagt, zu berichtigen?

      „Es gibt Eltern“, schreibt Robert T. Woods in seinem Buch Alzheimer’s Disease—Coping With a Living Death, „die es nicht lassen können, ihre Kinder bei jedem falsch ausgesprochenen Wort oder Grammatikfehler zu berichtigen. ... Das Resultat ist oft ein gereiztes, in sich gekehrtes Kind, das erleben muß, wie seine Bemühungen, sich auszudrücken, erstickt statt belohnt werden. Genauso kann es einem Alzheimer-Kranken ergehen, der unentwegt korrigiert wird.“ Interessanterweise gibt die Bibel für den Umgang mit Kindern den Rat: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden“ (Kolosser 3:21). Wenn schon Kinder auf ständiges Korrigieren gereizt reagieren, wieviel mehr dann ein Erwachsener! „Vergessen Sie nicht, daß es sich bei dem Patienten um einen Erwachsenen handelt, der sehr wohl weiß, was Unabhängigkeit und Leistung bedeuten“, gibt das in Südafrika erscheinende Mitteilungsblatt ARDA Newsletter zu bedenken. Es kann sein, daß der Alzheimer-Kranke durch fortgesetztes Berichtigen nicht nur reizbar, sondern auch depressiv oder sogar aggressiv wird.

      Eine Lektion für den Umgang mit den Defiziten Demenzkranker läßt sich auch aus dem Verhalten Jesu Christi ableiten. Er korrigierte nicht augenblicklich jeden irrigen Standpunkt seiner Jünger. Zuweilen enthielt er ihnen Informationen vor, weil sie noch nicht imstande waren, sie zu begreifen (Johannes 16:12, 13). Wenn Jesus auf die Grenzen gesunder Menschen Rücksicht nahm, haben wir um so mehr Grund, uns auf die seltsamen, aber harmlosen Ideen schwerkranker Erwachsener einzustellen. Einem Betroffenen den wahren Sachverhalt klarmachen zu wollen wäre möglicherweise zuviel von ihm verlangt. Warum nicht schweigen oder taktvoll das Thema wechseln, statt einen Streit vom Zaun zu brechen? (Philipper 4:5).

      Die liebevollste Methode besteht mitunter darin, einfach mitzumachen, wenn der Demente Halluzinationen hat, statt sie ihm ausreden zu wollen. Es kann sein, daß ein Alzheimer-Kranker unruhig wird, weil er ein wildes Tier „sieht“ oder einen Einbrecher hinter dem Vorhang vermutet. Das ist dann nicht der richtige Zeitpunkt, logisch argumentieren zu wollen. Immerhin ist das, was er sich einbildet, für ihn real, und man muß ihm seine tatsächlich empfundenen Ängste nehmen. Vielleicht ist es am besten, hinter dem Vorhang nachzuschauen und zu sagen: „Falls du ihn noch mal ‚siehst‘, sag mir Bescheid, damit ich dir helfen kann.“ Geht man auf die Vorstellungswelt des Patienten ein, so Dr. Oliver und Dr. Bock in ihrem Buch Coping With Alzheimer’s: A Caregiver’s Emotional Survival Guide, dann gibt man ihm „das Gefühl, den schrecklichen und erschreckenden Erscheinungen, die in seinem Sinn auftauchen, nicht ausgeliefert zu sein. ... Er weiß, daß er sich auf einen verlassen kann.“

      „Wir alle straucheln oft“

      All die erwähnten Anregungen umzusetzen kann schwierig sein, besonders wenn man bereits ein großes Arbeitspensum und noch andere familiäre Verpflichtungen hat. Es kann gelegentlich vorkommen, daß man als stark beanspruchter Betreuer die Selbstbeherrschung verliert und die Würde des Alzheimer-Kranken verletzt. In diesem Fall ist es wichtig, sich nicht mit Schuldgefühlen herumzuplagen. Wahrscheinlich wird der Demente auf Grund der Natur seiner Krankheit den Vorfall ganz schnell wieder vergessen.

      Der Bibelschreiber Jakobus erklärt außerdem: „Wir alle straucheln oft. Wer nicht im Wort strauchelt, der ist ein vollkommener Mann“ (Jakobus 3:2). Bei der schwierigen Aufgabe, einen Alzheimer-Kranken zu versorgen, muß man damit rechnen, Fehler zu machen, zumal keine menschliche Pflegekraft vollkommen ist. Im nächsten Artikel wird betrachtet, was Betreuern noch helfen kann, die Pflege eines Alzheimer-Kranken zu bewältigen und sogar Freude dabei zu empfinden.

  • Die Würde des Kranken wahren
    Erwachet! 1998 | 22. September
    • Sollte man es dem Kranken sagen?

      VIELE Pflegende fragen sich, ob sie ihren Angehörigen über seine Krankheit aufklären sollten. Wenn ja, wie sollte man vorgehen, und wann ist der richtige Zeitpunkt? In einem Mitteilungsblatt einer südafrikanischen Alzheimer-Gesellschaft waren folgende interessanten Äußerungen einer Leserin abgedruckt:

      „Mein Mann hat seit ungefähr sieben Jahren Alzheimer. Er ist jetzt 81 und baut zum Glück nur sehr langsam ab ... Lange Zeit hielt ich es für grausam, ihm zu sagen, daß er Alzheimer hat, und so ließen wir die Ausrede gelten, die er sich selbst zurechtgelegt hatte: ‚Was will man denn von einem 80jährigen erwarten!‘“

      Darauf erwähnte die Leserin ein Buch, in dem angeraten wird, den Betroffenen mit freundlichen, einfachen Worten über seine Krankheit zu unterrichten. Allerdings wartete sie noch ab aus Angst, ihr Mann könnte das nicht verkraften.

      „Eines Tages“, so fuhr sie fort, „äußerte mein Mann die Befürchtung, sich in einer Gruppe von Bekannten lächerlich zu machen. Das war die Gelegenheit! Mir brach der kalte Schweiß aus, als ich mich neben ihn kniete und ihm sagte, daß er an Alzheimer leidet. Natürlich begriff er nicht, was das ist, aber ich erklärte ihm, daß ihm wegen dieser Krankheit jetzt manches schwerfällt, was früher leicht für ihn war, und daß er deswegen auch vergeßlich geworden ist. Ich zeigte ihm nur zwei Sätze in Ihrer Broschüre Alzheimer’s: We Can’t Ignore It Anymore: ‚Die Alzheimer-Krankheit ist eine Erkrankung des Gehirns, die Gedächtnisverlust und einen starken Abbau der geistigen Fähigkeiten bewirkt ... Es ist eine Krankheit und KEINE NORMALE ALTERSERSCHEINUNG.‘ Ich versicherte ihm auch, seine Freunde wüßten über die Krankheit Bescheid und hätten daher Verständnis. Er ließ sich das kurz durch den Kopf gehen und meinte dann: ‚Was für eine Erleichterung! Das ist mir eine große Hilfe!‘ Sie können sich vorstellen, wie ich empfand, als ich sah, wie sehr ihn dieses Wissen entlastete.

      Sobald er sich jetzt wegen irgend etwas aufregt, kann ich den Arm um ihn legen und sagen: ‚Denk dran, das bist nicht du. Es ist diese schlimme Krankheit, die dir das Leben schwermacht‘, und er beruhigt sich auf der Stelle.“

      Freilich liegt jeder Fall von Alzheimer anders. Auch sind die Beziehungen zwischen Betreuern und Pflegebedürftigen ganz unterschiedlich. Es ist somit eine persönliche Angelegenheit, ob man dem Angehörigen sagt, daß er an der Alzheimer-Krankheit leidet.

  • Die Würde des Kranken wahren
    Erwachet! 1998 | 22. September
    • Ist es wirklich Alzheimer?

      IST ein betagter Mensch mit einemmal verwirrt, sollte man nicht voreilig auf Alzheimer schließen. Ein Trauerfall, ein abrupter Wohnungswechsel, eine Infektion und vieles mehr können bei Älteren zu Orientierungslosigkeit führen. In vielen Fällen läßt sich ein akuter Verwirrtheitszustand bei alten Menschen wieder rückgängig machen.

      Selbst bei einem Alzheimer-Patienten muß eine plötzliche Verschlechterung des Zustands, etwa eine beginnende Inkontinenz, nicht unbedingt von der Alzheimer-Demenz herrühren. Die Alzheimer-Krankheit nimmt einen schleichenden Verlauf. „Eine abrupte Verschlechterung“, so das Buch Alzheimer’s Disease and Other Confusional States, „läßt zumeist auf eine akute Krankheit (zum Beispiel eine Atemwegs- oder Harnwegsinfektion) schließen. Eine kleine Gruppe von [Alzheimer-]Kranken scheint tatsächlich schneller abzubauen ... Bei den meisten geht der Verfall jedoch recht langsam vonstatten, insbesondere wenn der Betroffene gut versorgt ist und irgendwelche anderen gesundheitlichen Beschwerden frühzeitig und effektiv angegangen werden.“ Der Inkontinenz bei einem Alzheimer-Patienten kann auch ein anderes, behandelbares Gesundheitsproblem zugrunde liegen. „Der erste Schritt ist grundsätzlich der [Arzt-]Besuch“, heißt es in dem Informationsblatt Incontinence von der Londoner Alzheimer-Gesellschaft.

  • Was Pflegende tun können
    Erwachet! 1998 | 22. September
    • Was Pflegende tun können

      „ICH habe schon immer gestaunt, wie unterschiedlich ... [Menschen] Schwierigkeiten bewältigen“, sagt Margaret, eine Ärztin in Australien, die seit vielen Jahren mit Alzheimer-Patienten und ihren Betreuern zu tun hat. „Manche Familien werden mit den unglaublichsten Belastungen fertig“, führt sie weiter aus, „während sich andere schon bei der leisesten Persönlichkeitsveränderung des Kranken überfordert fühlen“ (aus dem Buch When I Grow Too Old to Dream).

      Was macht den Unterschied aus? Ein Faktor kann die Qualität der Beziehung vor Krankheitsausbruch sein. Familien mit einer engen, liebevollen Beziehung fällt es unter Umständen leichter, die Lage zu meistern. Wird der Alzheimer-Kranke gut gepflegt, kommt man außerdem mit der Krankheit oft besser zurecht.

      Trotz intellektueller Einbußen sprechen die Betroffenen meist bis ins Endstadium der Krankheit auf Liebe und zärtliche Zuwendung an. „Worte sind nicht das einzige Kommunikationsmittel“, heißt es ausdrücklich in dem Informationsblatt Communication von der Londoner Alzheimer-Gesellschaft. Zu der für Betreuer wichtigen nichtverbalen Kommunikation gehören ein freundlicher, liebevoller Gesichtsausdruck und ein sanfter Tonfall. Von Bedeutung ist außerdem Augenkontakt und eine klare, ruhige Sprechweise, wobei der Name des Kranken häufig genannt wird.

      „Die Kommunikation mit dem Angehörigen aufrechtzuerhalten ist nicht nur möglich, sondern auch wichtig“, sagt Kathy, die schon im vorhergehenden Artikel zu Wort kam. „Liebevoller Körperkontakt, eine sanfte Stimme, ja allein schon, daß man um den Kranken herum ist, all das gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.“ Die Londoner Alzheimer-Gesellschaft faßt die erwähnten Punkte wie folgt zusammen: „Zuneigung kann die Verbundenheit stärken, vor allem wenn es zunehmend schwieriger wird, sich zu unterhalten. Die Hand des Betroffenen zu halten, den Arm um ihn zu legen, ihm besänftigend zuzureden oder ihn zu umarmen sind Möglichkeiten, ihm zu zeigen, daß man weiter für ihn da ist.“

      Besteht ein liebevolles Verhältnis, können Betreuer und Pflegebedürftiger oft herzlich miteinander lachen — auch über Fehlhandlungen. Ein Ehemann erinnert sich zum Beispiel, daß seine verwirrte Frau beim Bettenmachen die Decke aus Versehen unter das Laken legte. Beim Zubettgehen entdeckten sie den Irrtum. „Na, so was!“ meinte sie. „Ich bin doch dumm.“ Und sie brachen beide in schallendes Gelächter aus.

      Das Leben unkompliziert gestalten

      In der vertrauten Umgebung kommen Alzheimer-Kranke am besten zurecht. Sie brauchen auch einen geregelten Tagesablauf. Dabei ist ein großer Kalender mit deutlich vermerkten Terminen eine große Hilfe. „Jemand aus der gewohnten Umgebung zu reißen“, erklärt Dr. Gerry Bennett, „kann furchtbare Folgen haben. Für Verwirrte ist ein gleichbleibender Rhythmus äußerst wichtig.“

      Im weiteren Verlauf der Krankheit fällt es Alzheimer-Kranken immer schwerer, Anweisungen zu befolgen. Hinweise müssen einfach und verständlich gegeben werden. Die Aufforderung, sich anzuziehen, kann für den Dementen zu kompliziert sein. Unter Umständen muß man die Kleidungsstücke in der richtigen Reihenfolge hinlegen und dem Kranken nacheinander bei jedem Kleidungsstück helfen.

      Aktiv bleiben

      Manche Alzheimer-Kranke gehen ständig auf und ab oder laufen weg und verirren sich. Laufen ist gut für den Patienten, es vermindert möglicherweise die Ruhelosigkeit und fördert einen guten Schlaf. Weglaufen dagegen kann gefährlich sein. In dem Buch Alzheimer’s—Caring for Your Loved One, Caring for Yourself heißt es dazu: „Ist Ihr Angehöriger weggelaufen, sehen Sie sich mit einer Notsituation konfrontiert, die sich leicht zu einer Tragödie wenden kann. Der Satz, den Sie sich vor Augen halten sollten, lautet: Nicht in Panik geraten. ... Suchtrupps brauchen eine Beschreibung des Vermißten. Sorgen Sie dafür, daß Sie ein paar neuere Farbfotos zu Hause haben.“a

      Andere Demente hingegen werden lethargisch und wollen den ganzen Tag nur dasitzen. Man kann versuchen, den Kranken zu einer Tätigkeit zu animieren, die sowohl ihm als auch einem selbst Spaß macht, beispielsweise singen, pfeifen oder ein Musikinstrument spielen. Einigen bereitet es Freude, zu ihrer Lieblingsmusik zu klatschen, sich zu bewegen oder zu tanzen. Dr. Carmel Sheridan sagt: „Am erfolgversprechendsten bei Alzheimer-Kranken sind Aktivitäten, die mit Musik zu tun haben. Oft erzählen Familien, daß ihr Angehöriger, lange nachdem er mit anderen ... [Dingen] nichts mehr anfangen kann, immer noch an altvertrauten Liedern und Melodien Freude hat.“

      „Ich wollte es tun“

      Eine Südafrikanerin, deren Mann die Alzheimer-Krankheit im Endstadium hatte, fand es schön, jeden Tag zu ihm ins Pflegeheim zu gehen und bei ihm zu sein. Allerdings wurde sie von wohlmeinenden Angehörigen deswegen kritisiert. Wahrscheinlich dachten sie, sie würde ihre Zeit verschwenden, weil ihr Mann sie anscheinend nicht mehr erkannte und nie ein Wort herausbrachte. „Trotzdem wollte ich bei ihm sitzen“, sagte sie nach seinem Tod. „Das Pflegepersonal hatte viel zu tun, und so konnte ich ihn selbst waschen und umziehen, wenn er sich schmutzig gemacht hatte. Ich habe es gern gemacht. Ich wollte es tun. Einmal stieß er sich den Fuß, als ich ihn in einem Rollstuhl schob. Ich fragte: ‚Tut es weh?‘, und er antwortete: ‚Natürlich!‘ Da merkte ich, daß er immer noch etwas fühlte und sprechen konnte.“

      Selbst in Fällen, wo vor Krankheitsausbruch keine gute familiäre Beziehung existierte, sind Betreuer mit der Situation klargekommen.b Schon das Bewußtsein, das Richtige zu tun und Gott zu erfreuen, kann einem tiefe Befriedigung geben. Die Bibel sagt: ‘Nimm Rücksicht auf einen alten Mann.’ Und: „Verachte nicht deine Mutter, nur weil sie alt geworden ist“ (3. Mose 19:32; Sprüche 23:22). Außerdem wird Christen geboten: „Wenn ... irgendeine Witwe Kinder oder Enkel hat, so laß diese zuerst lernen, in ihrem eigenen Hause Gottergebenheit zu pflegen und ihren Eltern und Großeltern beständig eine gebührende Vergütung zu erstatten, denn das ist in Gottes Augen annehmbar. Bestimmt hat jemand, der für die Seinigen und besonders für seine Hausgenossen nicht sorgt, den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger“ (1. Timotheus 5:4, 8).

      Mit der Hilfe Gottes sind viele imstande, bei der Pflege von kranken Angehörigen, zu denen auch Alzheimer-Kranke gehören, Anerkennenswertes zu leisten.

      [Fußnoten]

      a Einige Betreuer achten darauf, daß der Kranke ein Armband, eine Halskette oder Ähnliches mit Namen und Adresse trägt.

      b Zusätzliche Informationen darüber, was bei der Pflege zu beachten ist und wie andere helfen können, gibt die Serie „Liebevolle Pflege — Eine große Aufgabe“ im Erwachet! vom 8. Februar 1997, Seite 3—13.

      [Kasten auf Seite 11]

      Alzheimer und Medikamente

      ZUR Zeit werden zwar an die 200 Therapien für Alzheimer erprobt, doch eine Heilung gibt es bislang nicht. Einige Medikamente sollen im Frühstadium den Gedächtnisabbau eine Zeitlang verringern und in Einzelfällen das Fortschreiten der Krankheit verzögern. Allerdings ist Vorsicht geboten, weil diese Mittel nicht bei allen Patienten wirken und zum Teil sogar schaden können. Andere Medikamente werden manchmal bei Beschwerden eingesetzt, die mit Alzheimer einhergehen, etwa Depressionen, Angstzustände und Schlaflosigkeit. In Absprache mit dem behandelnden Arzt kann die Familie des Erkrankten die Vorteile gegen die Risiken abwägen, ehe sie eine Entscheidung trifft.

      [Kasten auf Seite 11]

      Wie Besucher helfen können

      WEGEN der geistigen Leistungseinbußen sind Alzheimer-Kranke in der Regel nicht zu tiefgründigen Gesprächen über aktuelle Ereignisse fähig. Bei Unterhaltungen über die Vergangenheit sieht es jedoch oft anders aus. Das Langzeitgedächtnis mag besonders im Anfangsstadium noch relativ intakt sein. Viele Demente schwelgen gern in Erinnerungen. Deshalb sollte man sie ruhig auffordern, ihre Lieblingsgeschichten zu erzählen, selbst wenn man sie schon etliche Male gehört hat. So trägt man zum Glück des Kranken bei. Gleichzeitig gönnt man dadurch dem regulären Betreuer eventuell eine dringend benötigte Verschnaufpause. Eine große Entlastung wäre es auch, anzubieten, den Patienten für eine gewisse Zeit, vielleicht einen ganzen Tag, zu versorgen.

      [Kasten auf Seite 12]

      Mit Inkontinenz zurechtkommen

      OBSCHON Inkontinenz „die Belastung ins Unerträgliche zu steigern scheint“, so das Informationsblatt Incontinence, „läßt sich doch einiges tun, um das eigentliche Problem oder den damit verbundenen Streß zu mindern“. Dabei muß man bedenken, daß der Kranke nicht unbedingt auf Dauer inkontinent ist. Vielleicht war er plötzlich verwirrt oder hat es nicht zur Toilette geschafft. Möglicherweise hat er auch ein behandelbares Leiden, das vorübergehend Inkontinenz verursacht, und man müßte deswegen einen Arzt aufsuchen.

      Wie auch immer, mit Inkontinenz läßt sich viel leichter umgehen, wenn der Kranke Oberbekleidung trägt, die man problemlos an- und ausziehen kann, sowie Spezialhöschen. Eine Hilfe sind auch Schutzauflagen für Betten und Stühle. Hautreizungen oder Wundsein läßt sich dadurch vermeiden, daß man Kunststoff nicht mit der Haut des Kranken in Berührung kommen läßt. Außerdem sollte man ihn gründlich mit warmem Wasser und Seife waschen und gut abtrocknen, bevor man ihn wieder anzieht. Alles was ihn hindern könnte, die Toilette schnell und sicher zu erreichen, räumt man am besten aus dem Weg. Eine Nachtbeleuchtung kann ihm helfen, den Weg auch nachts zu finden. Da der Kranke in diesem Stadium wahrscheinlich unsicher ist, wird ihm ein in der richtigen Höhe angebrachter Haltegriff die Angst beim Gang zur Toilette nehmen.

      „Eine Portion Humor kann die Situation entschärfen“, rät die Londoner Alzheimer-Gesellschaft. Wie ist es dem Pflegenden möglich, den Herausforderungen gewachsen zu sein? Eine erfahrene Pflegekraft zählt folgendes auf: „Geduld, Freundlichkeit, Güte und die Art stillschweigender Höflichkeit, die dem Kranken jederzeit seine Würde läßt, ohne Angst vor Peinlichkeit oder Schamgefühlen.“

      [Kasten auf Seite 13]

      Ist ein Umzug angeraten?

      BEDINGT durch den sich verschlechternden Zustand des Alzheimer-Kranken kann ein Umzug zu einem Angehörigen oder in ein Pflegeheim leider unumgänglich sein. Doch bevor man sich dazu entschließt, ihn aus seiner vertrauten Umgebung zu reißen, sollte man einige wichtige Faktoren überdenken.

      Die Folge eines Umzugs kann völlige Orientierungslosigkeit sein. Dr. Gerry Bennett führt als Beispiel eine Patientin an, die oft auf Wanderschaft ging und sich hin und wieder verlief. In ihrer Wohnung kam sie allerdings noch zurecht. Ihre Angehörigen wollten jedoch, daß sie in ein Apartment in ihrer Nähe zog, damit sie besser auf sie achten konnten.

      „Bedauerlicherweise akzeptierte sie die neue Wohnung nie als ihr Zuhause“, berichtet Dr. Bennett. „Sie lebte sich nicht ein und wurde tatsächlich wesentlich abhängiger, weil sie sich in ihrer neuen Umgebung nicht zurechtfand. Die Küche war ihr fremd, und sie konnte sich den neuen Weg zur Toilette nicht merken und wurde inkontinent. Was gut gemeint war, entwickelte sich zu einem Desaster, und am Ende stand die Unterbringung in einem Pflegeheim“ (Alzheimer’s Disease and Other Confusional States).

      Was aber, wenn es keine Alternative zu einem Umzug in ein Heim zu geben scheint? Dieser Entschluß fällt sicherlich nicht leicht. Man sagt, daß es sich dabei um eine der Entscheidungen handelt, die „die meisten Schuldgefühle hervorrufen“, weil die Betreuer oft denken, sie hätten versagt und ihren Angehörigen im Stich gelassen.

      „Dies ist eine normale Reaktion, aber das Schuldbewußtsein ist unnötig“, sagt eine Altenpflegerin, die langjährige Erfahrung im Umgang mit Alzheimer-Kranken hat. Warum? „Weil die wichtigste Überlegung die Versorgung und die Sicherheit ... [des Dementen] sein müßte.“ Dr. Oliver und Dr. Bock pflichten dem bei: „Sich einzugestehen, daß die eigenen emotionellen Reserven aufgebraucht sind und daß die Krankheit bis zu einem Punkt fortgeschritten ist, wo häusliche Pflege nicht mehr möglich ist, ist wahrscheinlich am schwersten.“ Doch manche Betreuer kommen nach dem Abwägen aller Faktoren in ihrer speziellen Situation sehr wohl zu dem Schluß, daß „die Unterbringung in einem Pflegeheim ... im besten Interesse des Kranken ist“ (Coping With Alzheimer’s: A Caregiver’s Emotional Survival Guide).

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