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Wenn die Kindheit verloren gehtErwachet! 2003 | 22. April
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Wenn die Kindheit verloren geht
„Die Kindheit ist das grundlegendste Menschenrecht der Kinder“ („The Hurried Child“).
WAHRSCHEINLICH wird jeder zustimmen, dass alle Kinder eine relativ unbeschwerte und ungetrübte Kindheit erleben sollten. Doch so traurig es auch ist, genau das bleibt für zahlreiche Jungen und Mädchen ein Wunschtraum. Man denke nur an die vielen tausend, ja vielleicht Millionen Kindheitsträume, die sich nie erfüllen werden, weil Kinder zu Opfern von Kriegen werden. Nicht zu vergessen all die Kinder, deren Leben durch Sklaverei und Misshandlung ruiniert wird.
Die meisten von uns können sich nur schwer in Kinder hineinversetzen, die auf der Straße leben müssen, weil sie sich dort sicherer fühlen als zu Hause. Gerade dann, wenn ein junger Mensch möglichst viel Liebe und Geborgenheit braucht, müssen diese Kinder Strategien entwickeln, um sich vor den Übergriffen rücksichtsloser Ausbeuter auf der Straße zu schützen. Immer wieder wird in den schwierigen Zeiten unserer Tage ausgerechnet die Kindheit zerstört.
„Ich wünschte, ich könnte noch einmal Kind sein“
Carmena (22) führte als Kind einen jahrelangen harten Kampf. Sie und ihre Schwester wurden von ihrem Vater misshandelt und von ihrer Mutter vernachlässigt, und so sahen sie sich zu einem Leben als Straßenkinder gezwungen. Trotz der Gefahren dieses Daseins konnten die beiden Mädchen Fallen meiden, in die viele andere junge Ausreißer hineingeraten.
Dennoch trauert Carmen ihrer Kindheit nach — eigentlich kann sie sich gar nicht erinnern, überhaupt eine solche gehabt zu haben. „Ich war erst ganz klein, dann gleich 22 Jahre alt, und dazwischen war nichts“, klagt sie. „Nun bin ich verheiratet und habe selbst ein Kind, aber ich sehne mich danach, das zu tun, was kleine Mädchen tun — zum Beispiel mit Puppen spielen. Ich möchte von Eltern geliebt und gedrückt werden. Ich wünschte, ich könnte noch einmal Kind sein.“
Unzählige andere Kinder leiden wie Carmen und ihre Schwester damals. Ihrer Kindheit praktisch beraubt, fristen sie ein Dasein auf der Straße. Um zu überleben, werden viele von ihnen kriminell. Wie Statistiken und Medienberichte zeigen, sind Kinder bereits in erschreckend jungen Jahren in Verbrechen verstrickt. Erschwerend kommt ein weiteres Problem hinzu: Viele Mädchen werden schon als Teenager Mutter — wenn sie buchstäblich selbst noch Kinder sind.
Unterschwellige Gesellschaftskrise
Es überrascht nicht, dass immer mehr Kinder in Pflegefamilien gegeben werden. In einem Leitartikel der Zeitung The Weekend Australian wurde berichtet: „In der Pflegschaft hat sich ganz unmerklich eine Krise breit gemacht. Immer mehr Kinder aus zerrütteten Ehen und Familien haben das Nachsehen.“ Ferner hieß es: „Manche Pflegekinder bekommen Monate oder gar Jahre keinen Sozialarbeiter zu Gesicht, während andere von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht werden, ohne je ein festes Zuhause zu finden.“
Ein geschilderter Fall handelte von einer Dreizehnjährigen, die in einem Zeitraum von drei Jahren in 97 Pflegefamilien untergebracht worden war — bei manchen nur eine Nacht. Sie erinnert sich, wie verstoßen, verunsichert und niedergeschlagen sie sich fühlte. Wie sie müssen auch viele andere Pflegekinder den Verlust ihrer Kindheit ertragen.
Wen wundert es da, wenn in Fachkreisen heute von der wachsenden Tragödie der verlorenen Kindheit gesprochen wird. Angesichts dieser harten Tatsachen sollte sich jeder Vater und jede Mutter glücklich schätzen, für ihre Kinder sorgen und ihnen ein Zuhause bieten zu können. Eine andere Gefahr besteht darin, dass in der Welt von heute Kindern die Kindheit nicht immer komplett verloren geht, sondern dass sie manchmal einfach durch die Kindheit gehetzt werden. Was ist damit gemeint und welche Folgen ergeben sich daraus?
[Fußnote]
a Der Name wurde geändert.
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Wenn Kinder durch die Kindheit gehetzt werdenErwachet! 2003 | 22. April
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Wenn Kinder durch die Kindheit gehetzt werden
GEWITTERWOLKEN hingen am Himmel. Mit heulendem Motor raste das einmotorige Flugzeug über die Startbahn und hob ab. Es war ein medienträchtiges Ereignis, über das in Presse und Fernsehen berichtet wurde. Reporter stellten bewundernde Fragen und waren voll des Lobes. Wem galt all die Aufmerksamkeit? Sie galt weder dem einzigen ausgebildeten Piloten an Bord noch dem einen erwachsenen Passagier, sondern dessen Tochter. Sie war sieben Jahre alt.
Das Mädchen sollte das Flugzeug fliegen und damit einen Rekord brechen. Zeitlich war alles genau geplant. Beim nächsten Stopp würden wieder Presse und Fernsehen warten. Also stiegen die drei trotz des düsteren Himmels in die Maschine. Das Mädchen saß auf einem Kissen, um über das Instrumentenbrett schauen zu können, und an den Pedalen waren Verlängerungen angebracht, damit sie mit den Füßen heranreichte.
Der Flug fand leider ein jähes Ende. In einem plötzlichen Sturm geriet die Maschine außer Kontrolle, sackte durch und zerschellte. Alle drei Insassen kamen ums Leben. Anstatt Lobeshymnen anzustimmen ergingen sich die Medien nun plötzlich in tiefem Bedauern. Einige Reporter und Journalisten warfen die Frage auf, ob nicht die Medien bei dieser Tragödie eine Rolle gespielt hätten. Viele Leute forderten umgehend ein Flugverbot für Kinder. In den Vereinigten Staaten wurden sogar entsprechende Gesetze erlassen. Hinter der Sensationshascherei und den vordergründigen Lösungen lagen allerdings grundsätzlichere Probleme verborgen.
Die geschilderte Tragödie ließ so manchen ernsthaft über einen Trend unserer Tage nachdenken: Kinder werden heute durch ihre Kindheit gehetzt und müssen schon früh die Aufgaben von Erwachsenen übernehmen. Zugegebenermaßen hat das nicht immer gleich so dramatische oder gar tragische Folgen, aber sie können dennoch massiv und weitreichend sein. Wir wollen sehen, inwiefern Kinder durch die Kindheit gehetzt werden.
Ausbildung im Eiltempo
Eltern sind verständlicherweise sehr am Erfolg ihrer Kinder interessiert. Wenn sie in diesem Bestreben jedoch über das Ziel hinausschießen, könnte es sein, dass sie ihre Kinder überfordern und sie zu früh großem Druck aussetzen. Das beginnt oft ganz harmlos. So melden beispielsweise immer mehr Eltern ihre noch kleinen Kinder zu außerschulischen Aktivitäten an, etwa zum Sporttraining, zum Musikunterricht oder zur Ballettstunde. Dazu kommen häufig noch private Nachhilfestunden.
Natürlich ist es nicht verkehrt, die Interessen und Talente seiner Kinder zu fördern. Aber besteht dabei nicht die Gefahr, dass man über das Ziel hinausschießt? Offensichtlich ja, denn manche Kinder scheinen unter fast genauso vielen Belastungen zu stehen wie stressgeplagte Erwachsene. Die Zeitschrift Time schreibt: „Früher hatten die Kinder eine Kindheit, jetzt geht alles nach Zeitplan; Kinder, die herumtollen und -toben sollten, bewegen sich heute so zielgerichtet wie Arbeitsbienen.“
Manche Eltern hoffen, ihre Sprösslinge würden als talentierte Sportler, Musiker oder Schauspieler Karriere machen. Noch bevor die Kinder das Licht der Welt erblicken, werden sie schon zwecks Verbesserung ihrer Erfolgschancen in der Vorschule angemeldet. Manche Mütter sind in Bildungseinrichtungen für Ungeborene eingeschrieben, wo durch Musikerziehung die Entwicklung des Gehirns des Fötus angeregt werden soll.
In einigen Ländern werden Kinder schon unter sechs Jahren auf ihre Rechen- und Leseleistung geprüft. Allerdings wurden wegen der emotionalen Konsequenzen Bedenken laut. Wie mag zum Beispiel ein Kind empfinden, das im Kindergarten „durchfällt“? David Elkind, Autor des Buches The Hurried Child, erklärt, Kinder würden in der Schule zu schnell und zu früh in Kategorien eingestuft, und zwar eher aus organisatorischen Gründen als mit dem Ziel, sie effektiver zu unterrichten.
Um welchen Preis werden Kinder Druck ausgesetzt und frühzeitig zu einer Art kompetenter kleiner Erwachsener gemacht? Die Gesellschaft ist, in einer für Elkind besorgniserregenden Weise, zu der Ansicht gelangt, Kinder müssten die Bürden von Erwachsenen tragen können. Elkind kommentiert: „Darin spiegelt sich die Tendenz, die immer größeren und nachhaltigeren Belastungen der jungen Leute von heute als ‚normal‘ hinzunehmen.“ Ja, die Vorstellungen von dem, was für Kinder normal ist, scheinen sich rasch zu ändern.
Im Eiltempo auf Platz eins
Zahlreiche Eltern halten es offenbar für normal, ja ratsam, ihren Kindern einzutrichtern, gewinnen sei alles — besonders im Sport. Die Medaillen bei den Olympischen Spielen sind heute für viele Kinder ein Anreiz. Für einige Ruhmesmomente nach dem Sieg und für ein späteres gesichertes Leben werden manche Kinder durch die Kindheit gehetzt oder müssen komplett darauf verzichten.
Nehmen wir zum Beispiel Kunstturnerinnen. Sie beginnen schon sehr früh mit einem knochenharten Training, bei dem ihr zarter Körper enormen Belastungen ausgesetzt ist. Jahrelang bereiten sie sich körperlich und geistig auf die olympischen Wettkämpfe vor. Natürlich können nur einige wenige gewinnen. Werden dann die Verliererinnen wohl damit fertig werden, dass sie für das erzielte Ergebnis einen Großteil ihrer Jugend geopfert haben? Vielleicht kommen sogar den Siegerinnen auf lange Sicht Zweifel, ob sich der hohe Einsatz gelohnt hat.
In dem Bestreben, sportliche Superstars heranzubilden, werden diese Mädchen emotional gesehen durch die Kindheit gehetzt. In ihrer körperlichen Entwicklung bleiben sie aber wegen des harten Trainings womöglich zurück. Manche haben ein gestörtes Knochenwachstum, häufig kommt es zu Essstörungen und in einigen Fällen bleibt die Menstruation aus — oft jahrelang. Demgegenüber ist bei vielen Mädchen von heute das Gegenteil zu beobachten, nämlich dass die Pubertät schon früh beginnt. Darauf wird in dem obigen Kasten eingegangen.
Sie haben alles, nur keine Kindheit
Den Unterhaltungsmedien nach zu urteilen, besteht die ideale Kindheit darin, sich mit allerlei Luxus zu umgeben. Manche Eltern arbeiten sehr hart, um ihren Kindern möglichst viel Komfort zu bieten, zum Beispiel ein Zuhause, in dem es an nichts fehlt, Unterhaltung ohne Ende und teure Kleidung.
Nicht wenige Kinder, die so aufwachsen, verfallen jedoch dem Alkohol, nehmen Drogen oder werden mürrisch und rebellisch. Warum? Viele sind voller Wut, weil sie sich vernachlässigt fühlen. Kinder brauchen Eltern, die für sie da sind, sie lieben und umsorgen. Väter und Mütter, die vor lauter Arbeit dafür keine Zeit haben, glauben vielleicht, durch ihr Bemühen das künftige Glück ihrer Kinder zu sichern — doch in Wirklichkeit tun sie womöglich genau das Gegenteil.
Dr. Judith Paphazy beschreibt „berufstätige Doppelverdiener aus guten sozioökonomischen Kreisen“ und erklärt, sie würden oft „ihre Kinder verhätscheln, weil ihnen unterschwellig bewusst ist, dass ihr materielles Streben zulasten der Familie geht“. Wie Paphazy meint, wollen sich Erwachsene in solchen Fällen „aus ihrer Verantwortung als Eltern freikaufen“.
Das kommt die Kinder oft teuer zu stehen. An Luxus mag es ihnen nicht mangeln, doch das Wichtigste zu einer guten Kindheit fehlt ihnen, nämlich die Zeit und die Liebe der Eltern. Ohne Anleitung, Zurechtweisung und Orientierung werden sie zu früh mit Erwachsenenproblemen konfrontiert, auf die sie nur schlecht oder überhaupt nicht vorbereitet sind. „Sind Drogen etwas für mich? Wie steht es mit Sex? Darf ich zuschlagen, wenn ich wütend bin?“ Auf solche Fragen werden sich die Kinder wahrscheinlich ihre eigenen Antworten suchen und sie von Gleichaltrigen oder von Personen aus Film und Fernsehen erhalten. Die Folge ist oft ein jähes oder gar tragisches Ende der Kindheit.
Der zweite „Erwachsene“
Das abrupte Ende einer Ehe — sei es durch einen Todesfall, durch Trennung oder Scheidung — bringt für Kinder oft emotionales Leid mit sich. Natürlich gibt es viele Familien mit nur einem Elternteil, die gut zurechtkommen, aber bei manchen werden die Kinder durch die Kindheit gehetzt.
Verständlicherweise fühlen sich Alleinerziehende bisweilen einsam. Manche lassen jedoch dann eines ihrer Kinder — meistens das älteste — in die Rolle des zweiten „Erwachsenen“ in der Familie schlüpfen. Sie vertrauen sich dem Kind vielleicht aus Verzweiflung an und belasten es mit Problemen, mit denen es in seinem Alter überfordert ist. Einige Alleinerziehende machen sich emotional zu sehr von ihrem Kind abhängig.
Wieder andere Eltern kommen ihren Pflichten überhaupt nicht nach und zwingen ihre Kinder, die Rolle von erwachsenen Familienmitgliedern zu übernehmen. Carmen und ihre Schwester, von denen bereits die Rede war, befanden sich in einer solchen Situation, als sie ihr Elternhaus verließen und ein Leben auf der Straße begannen. Obwohl selbst noch Kinder, war es ihre Aufgabe gewesen, den jüngeren Geschwistern die Eltern zu ersetzen. Das war über ihre Kräfte gegangen.
Es ist zweifellos gefährlich und man sollte es tunlichst vermeiden, seine Kinder durch die Kindheit zu hetzen. Eltern können jedoch zuversichtlich sein: Sie können nämlich ganz konkrete Schritte unternehmen, damit ihre Sprösslinge glückliche Kindheitsjahre erleben. Welche Schritte sind das? Betrachten wir einige altbewährte Empfehlungen.
[Kasten auf Seite 6]
Frühe Pubertät — eine Herausforderung
Kommen Mädchen heute früher in die Pubertät? Unter Wissenschaftlern ist diese Frage umstritten. Manche führen an, die Pubertät bei Mädchen habe Mitte des 19. Jahrhunderts im Schnitt mit 17 Jahren begonnen, während sie heute schon unter 13 einsetze. Wie eine Untersuchung in den Vereinigten Staaten aus dem Jahr 1997 zeigte, wiesen von 17 000 Mädchen etwa 15 Prozent der Weißen und 50 Prozent der Afroamerikanerinnen bereits im Alter von 8 Jahren erste pubertäre Anzeichen auf. Einige Ärzte bestreiten allerdings solche Ergebnisse und warnen Eltern davor, eine extrem frühe Reife einfach als „normal“ hinzunehmen.
Wie dem auch sei: Wenn die Pubertät sehr früh einsetzt, sind Eltern und Kinder gefordert. Die Zeitschrift Time kommentiert: „Noch umwälzender als die physiologischen Veränderungen sind die möglichen psychologischen Folgen einer frühen Sexualentwicklung bei Kindern, die eigentlich Märchen lesen sollten, anstatt Aufreißer abzuwehren. . . . Die Kindheit ist auch so schon kurz genug.“ Folgende Frage in dem Artikel gibt zu denken: „Wenn junge Mädchen von ihrem Körper zum Erwachsensein gezwungen werden, bevor sie geistig und emotional dazu bereit sind, was geht dann unwiederbringlich verloren?“
Oft geht die Unschuld verloren — durch sexuelle Ausbeutung. Eine Mutter sagt ganz unverblümt: „Mädchen, die für ihr Alter zu reif aussehen, sind wie Honig. Sie ziehen ältere Jungs an.“ Der Preis, den diese Mädchen bezahlen, wenn sie schon sehr jung zu sexuellen Handlungen gedrängt werden, ist hoch. Ihre Selbstachtung und ihr reines Gewissen gehen verloren, und möglicherweise werden sie sogar organisch und psychisch krank.
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Wenn die Kindheit behütet istErwachet! 2003 | 22. April
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Wenn die Kindheit behütet ist
EINE gute Kindheit hängt weitgehend von der Fähigkeit der Eltern ab, ihre Kinder gut zu erziehen. Doch was schließt das eigentlich ein? Wahrscheinlich hat jeder schon Ratschläge zu diesem Thema gehört: Man sollte Kindern Zeit widmen, ihnen zuhören, sie mit fester Hand führen. Man sollte mit ihnen mitfühlen, Freud und Leid mit ihnen teilen und ihnen ein guter Freund sein, ohne die elterliche Autorität aufzugeben. Solche Empfehlungen hört man oft und sie sind bei der Kindererziehung natürlich eine gute Hilfe. Vor allen Dingen gilt es jedoch, etwas viel Grundsätzlicheres und Wichtigeres zu beachten.
Millionen Eltern auf der ganzen Welt haben erkannt, dass der Schlüssel zu einer guten Kindererziehung im Befolgen biblischer Grundsätze liegt. Wieso? Jehova Gott, der weise Autor der Bibel, ist der Urheber der Familie (1. Mose 1:27, 28; 2:18-24; Epheser 3:15). Deshalb ist sein inspiriertes Wort, die Bibel, auch der beste Ratgeber zum Thema Kindererziehung. Aber was kann uns ein so altes Buch über die gegenwärtige Tendenz sagen, Kinder durch die Kindheit zu hetzen? Betrachten wir einige einschlägige biblische Grundsätze.
„Gemäß dem Schritt der Kinder“
Isaaks Sohn Jakob hatte mehr als zwölf Kinder. In der Bibel sind die weisen Worte aufgezeichnet, die Jakob auf einer Reise mit seiner Familie an seinen älteren Bruder Esau richtete: „Die Kinder [sind] zart . . . Mein Herr möge bitte seinem Knecht vorausziehen, doch mich lass nach meiner Gemächlichkeit weitergehen . . . gemäß dem Schritt der Kinder“ (1. Mose 33:13, 14).
Jakob betrachtete seine Kinder nicht als kleine Erwachsene. Sie waren „zart“ — kleiner, schwächer und hilfsbedürftiger als erwachsene Menschen. Anstatt sie zum Schritthalten anzutreiben, ging Jakob langsamer und passte sich ihrem Tempo an. So spiegelte er die Weisheit wider, die Gott gegenüber seinen menschlichen Kindern zeigt. Unser himmlischer Vater kennt unsere Grenzen. Er stellt keine unangemessen hohen Erwartungen an uns (Psalm 103:13, 14).
Diese Weisheit ist sogar in der Tierwelt erkennbar, denn Gott erschuf die Tiere „instinktiv weise“ (Sprüche 30:24). Naturforscher haben beispielsweise beobachtet, dass sich eine ganze Elefantenherde der Geschwindigkeit eines Jungtieres in ihrer Mitte anpasst und so lange gemächlicher geht, bis das Kleine mit dem normalen Tempo Schritt halten kann.
In manchen Bereichen der modernen Gesellschaft hat man die göttliche Weisheit aus den Augen verloren, doch das muss nicht auf uns persönlich ebenfalls zutreffen. Behalten wir im Sinn, dass Kinder „zart“ sind — sie können die Bürden und Verantwortlichkeiten der Erwachsenen nicht schultern. Angenommen, jemand ist allein erziehend und hat ein ernstes persönliches Problem. Anstatt der Versuchung nachzugeben, mit seinem Kind darüber zu sprechen, sollte sich der Betreffende einem reifen Erwachsenen anvertrauen, der zur Lösung des Problems beitragen kann — am besten jemandem, der ihm hilft, den weisen Rat aus der Bibel zu befolgen (Sprüche 17:17).
In ähnlicher Weise sollten Eltern darüber wachen, dass das Leben ihrer Kinder nicht derart hektisch, durchorganisiert und reglementiert ist, dass alle kindliche Freude erstickt wird. Sie sollten ein kindgerechtes Tempo einschlagen und nicht sklavisch mit der heutigen Welt Schritt halten wollen. Die Bibel gibt dazu folgenden weisen Rat: „Lasst euch nicht von der Welt in ihre Form pressen“ (Römer 12:2, Phillips).
„Für alles gibt es eine bestimmte Zeit“
Ein anderer weiser biblischer Grundsatz besagt: „Für alles gibt es eine bestimmte Zeit, ja eine Zeit für jede Angelegenheit unter den Himmeln.“ Natürlich hat Arbeit im Leben ihren Platz. Auch Kinder haben viel zu tun, denn sie müssen zum Beispiel Hausaufgaben machen, im Haushalt helfen und haben Verpflichtungen als Christen. Die genannte Passage in der Bibel spricht jedoch auch von einer „Zeit zum Lachen“ und einer „Zeit zum Herumhüpfen“ (Prediger 3:1, 4).
Vor allem Kinder wollen spielen, lachen und ihrem kindlichen Tatendrang möglichst unbekümmert freien Lauf lassen. Wenn der ganze Tag mit Schule, außerschulischen Terminen und anderen wichtigen Aufgaben ausgefüllt ist, dann ist keine Zeit mehr zum Spielen übrig. Dies wiederum kann Kinder ärgerlich oder gar mutlos machen (Kolosser 3:21).
Denselben Grundsatz kann man auch noch anders anwenden. Wenn die Bibel sagt, es gebe für alles eine bestimmte Zeit, liegt es dann nicht nahe, dass die Kindheit eine Zeit sein sollte, in der ein Kind auch Kind ist? Wahrscheinlich werden Erwachsene dem zustimmen, Kinder jedoch nicht immer. Oft wollen Jungen und Mädchen das nachmachen, was sie bei den Erwachsenen sehen. Kleine Mädchen könnte es reizen, sich wie Frauen zu kleiden und zurechtzumachen, und wenn sie früh in die Pubertät kommen, wird der Wunsch, älter zu wirken, mitunter noch stärker.
Kluge Eltern erkennen die Gefahr in einer solchen Neigung. In der Werbe- und Unterhaltungsbranche der heutigen entarteten Welt werden Kinder frühzeitig sexualisiert. Make-up, Schmuck und aufreizende Kleidermoden bürgern sich bei den Kleinen mehr und mehr ein. Sollten Kinder jedoch zu immer attraktiveren Sexualobjekten für perverse Ausbeuter gemacht werden? Eltern, die ihre Kinder dazu erziehen, sich altersgemäß zu kleiden, handeln im Einklang mit dem biblischen Grundsatz: „Der Kluge, der das Unglück gesehen hat, hat sich verborgen“ (Sprüche 27:12).
Ein weiteres Beispiel: Wenn man zulässt, dass im Leben eines Kindes der Sport den ersten Platz einnimmt, kann das zu Unausgeglichenheit führen, denn es gibt dann nicht mehr für alles eine bestimmte Zeit. Die Bibel enthält die weise Ermahnung: „Die Leibesübung ist zu wenigem nützlich; Gottergebenheit aber ist für alle Dinge nützlich, da sie eine Verheißung auf gegenwärtiges und künftiges Leben hat“ (1. Timotheus 4:8).
Lassen wir also nicht zu, dass unsere Kinder die Überzeugung entwickeln, gewinnen sei alles. Nicht selten verderben Eltern ihren Kindern die Freude an Sport und Spiel, weil sie ihnen Höchstleistungen abverlangen und den Sieg um jeden Preis erwarten. Manche Kinder verstoßen daher gegen die Regeln oder verletzen sogar Mitspieler, um zu gewinnen. Bestimmt ist ein solcher Sieg seinen Preis nicht wert!
Selbstbeherrschung lernen
Kinder wollen oft nicht begreifen, dass alles seine Zeit hat. Es fällt ihnen nicht leicht, geduldig zu warten, wenn sie etwas haben wollen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich die Gesellschaft auf Sofortgenuss eingeschworen zu haben scheint. In den Unterhaltungsmedien wird häufig die Botschaft vermittelt: „Hol dir, was du willst, und zwar sofort!“
Hüten wir uns davor, solchen Einflüssen nachzugeben und die eigenen Kinder zu verhätscheln und zu verziehen. „Auf die Erfüllung von Wünschen warten zu können ist ein wichtiger Aspekt der emotionalen Intelligenz“, heißt es in dem Buch The Child and the Machine. „Selbstdisziplin und soziale Harmonie sind ein gutes Gegenmittel gegen die zunehmende Gewalt unter Kindern innerhalb und außerhalb der Schule.“ Ein hilfreicher Grundsatz aus der Bibel lautet: „Wenn einer seinen Knecht von Jugend an verzärtelt, wird er in seinem späteren Leben sogar ein Undankbarer werden“ (Sprüche 29:21). Dieser Vers betrifft zwar genau genommen den Umgang mit jungen Knechten, doch nach Ansicht vieler Eltern ist er im Grundsatz auch für die Kindererziehung von großem Nutzen.
Kinder benötigen insbesondere die ‘Zucht und die ernste Ermahnung Jehovas’, von denen in der Bibel die Rede ist (Epheser 6:4). Liebevolle Zurechtweisung verhilft Kindern zu Eigenschaften wie Selbstbeherrschung und Geduld. Diese werden ihnen helfen, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.
Wenn nichts mehr die Kindheit gefährdet
Vielleicht fragt sich der eine oder andere: „Hatte Gott, der in seiner Weisheit und Liebe solche nützlichen Grundsätze aufschreiben ließ, wirklich im Sinn, dass unsere Welt so sein sollte, wie sie heute ist? Wollte er, dass Kinder in einer Welt aufwachsen, die oft eher gefährlich als förderlich für sie ist?“ Es ist sicher tröstlich, zu erfahren, dass Jehova Gott und sein Sohn Jesus Christus die Menschen, einschließlich der Kinder jeden Alters, von Herzen lieben. Sie werden bald die Erde von allen Bösen befreien (Psalm 37:10, 11).
Wie soll man sich eine solche Zeit des Glücks und des Friedens vorstellen? Nun, man braucht sich nur die folgende Szene auszumalen, die in der Bibel so wunderbar beschrieben ist: „Der Wolf wird tatsächlich eine Zeit lang bei dem männlichen Lamm weilen, und der Leopard wird bei dem Böckchen lagern, und das Kalb und der mähnige junge Löwe und das wohlgenährte Tier, alle beieinander; und ein noch kleiner Knabe wird sie führen“ (Jesaja 11:6). Wir leben heute in einer Welt, in der die Kindheit oft brutal zerstört oder rücksichtslos verkürzt wird. Wie tröstlich ist doch da die Gewissheit, dass Gott eine so herrliche Zukunft für die Menschheit auf der Erde verheißt! Der Schöpfer möchte eindeutig nicht, dass die Kindheit verloren geht oder verkürzt wird, sondern dass Kinder glücklich, zufrieden und behütet aufwachsen.
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