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  • Die Goajiroindianer reagieren günstig
  • Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich 1992
  • Zwischentitel
  • Erste Eindrücke
  • Auf der Suche nach Häusern
  • Auge in Auge mit den Goajiro
  • Ein unerwartetes Ergebnis
  • Eine erfolgreiche „Fortsetzung“
Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich 1992
w92 15. 5. S. 24-27

Die Goajiroindianer reagieren günstig

DIE ältere Frau, die im Schatten des riesigen Baumes saß und ein knöchellanges schwarzes Gewand trug, schien aus einer anderen Welt zu kommen. Auch ihre Sprache war unseren Ohren fremd. „Kommen Sie wieder“, sagte sie voller Begeisterung. Auf 50 andere Leute aus ihrem Volk deutend, die um sie herum saßen, fügte sie hinzu: „Wir alle möchten, daß Sie wiederkommen. Kommen Sie doch jede Woche!“

Wer waren diese Leute? Warum lag ihnen so viel daran, daß wir sie wieder besuchten, obwohl sie uns zuvor noch nie gesehen hatten? Wir möchten gern erzählen, wie es uns erging, als wir einen Tag bei den Goajiroindianern verbrachten, die auf der Halbinsel Guajira im Grenzland zwischen Nordostkolumbien und Nordwestvenezuela leben.

Erste Eindrücke

Auf unserer Reise von Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, aus machten wir zum ersten Mal halt in Maracaibo. Als wir in die Stadt hineinfuhren, fielen uns drei junge Frauen auf, die in langen bunten Gewändern die Straße entlangliefen. Mit ihren hohen Wangenknochen, der braunen Haut und dem glatten schwarzen Haar sahen sie ganz anders aus als die durchschnittlichen Venezolaner. Sie bewegten sich leichtfüßig und anmutig. Diese erste Begegnung mit Goajiroindianern weckte unsere Neugier.

Am Tag unserer Reise zur Halbinsel Guajira war schönes Wetter. Bevor die Morgensonne zu heiß wurde, bestieg unsere Gruppe von 50 Personen einen Bus. Wir waren begeistert, uns an der besonderen, landesweiten Kampagne zur Verkündigung der biblischen Botschaft in entlegenen Gebieten Venezuelas beteiligen zu können. Unser Ziel war die Stadt Paraguachón nahe der Grenze zu Kolumbien.

Wir ließen Maracaibo hinter uns und fuhren durch viele Dörfer und kleinere Ortschaften. Überall gab es einen Markt mit mehreren Ständen, an denen geflochtene Sandalen und die langen bunten Gewänder, Mantas genannt, zum Kauf angeboten wurden. Zentrum eines jeden Dorfs war ein gepflegter Platz mit einer in hellen Farben gestrichenen Kirche. Das Ganze bot einen reizvollen Anblick. Alle Menschen hatten indianische Gesichtszüge. Sie sahen so ganz anders aus als wir, doch mußten wir daran denken, daß sie zu den Ureinwohnern Venezuelas gehörten.

Auf der Suche nach Häusern

Schließlich erreichten wir unseren Bestimmungsort. Unser Bus fuhr von der Straße ab und parkte neben einer kleinen Mauer im Schatten eines mächtigen Baumes. Jenseits der Mauer befand sich die Dorfschule. Es war ein Sonntag, daher war die Schule geschlossen.

In zwei Gruppen aufgeteilt, marschierten wir auf der Suche nach Häusern in entgegengesetzte Richtungen los. Wir wollten alle zu einem biblischen Vortrag einladen, der im Schulhof um drei Uhr nachmittags in der Goajirosprache gehalten werden sollte. Unsere Gruppe wurde von Evelinda begleitet, einer Goajiroindianerin. Wir hofften, daß uns die Leute ihretwegen eher zuhören würden, denn wir sprachen zwar Spanisch, aber die Goajirosprache war uns völlig fremd.

Nachdem wir das Dorf verlassen hatten, mußten wir von einem Haus zum anderen weit laufen. Als wir eine lange, gerade Straße mit dichtem Unterholz zu beiden Seiten entlanggingen, gesellte sich ein etwa zehnjähriger kleiner Junge zu uns und starrte uns neugierig an. Evelinda lächelte ihm zu und erklärte ihm auf Goajira, aus welchem Grund wir hier seien. Er hieß Omar, und nachdem wir ihn zum Vortrag eingeladen hatten, hüpfte er wieder davon.

Wir verließen die Straße und folgten einem schmalen Feldweg, auf dem es noch ganz feucht war, denn es hatte kurz zuvor geregnet. Wie wir erfuhren, handelte es sich um einen der Schmugglerpfade zwischen Kolumbien und Venezuela. Der Duft der üppigen Vegetation erfüllte die Luft. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit war es zwar drückend heiß, doch das dämpfte unsere Begeisterung nicht. Jedenfalls waren alle Beschwernisse schnell vergessen, als sich die dichte tropische Vegetation plötzlich zu einer Lichtung öffnete — dort stand ein typisches Goajirogehöft.

Auge in Auge mit den Goajiro

Etwa ein Dutzend Ziegen mit hübscher weißer, schwarzer und gelbbrauner Zeichnung lagen im Schatten und kauten gemütlich vor sich hin. In einer zwischen zwei Bäumen gespannten Hängematte fütterte eine Frau ihr Baby. Daneben spielten kleine Kinder, und dahinter befand sich ein eingezäuntes, strohgedecktes Lehmhaus. Im Umkreis standen mehrere offene Hütten. In einer davon — offensichtlich der Küche — brannte ein Holzfeuer am Boden, wo einige kesselartige Töpfe standen. Daneben hingen Ziegenhäute zum Trocknen.

Ein Mann, der am Tor stand, sah uns kommen und beeilte sich, neben der Frau in der Hängematte zwei Stühle für uns hinzustellen. Evelinda begrüßte den Mann und die Frau in ihrer Sprache und erläuterte anhand der bebilderten Broschüre Für immer auf der Erde leben! die biblische Zukunftshoffnung. Angesichts der friedlichen Verhältnisse in der Umgebung erschien es uns nicht angebracht, über internationale Krisen oder Raubüberfälle in Armutsvierteln von Großstädten zu sprechen. Eine Schwester aus der Gruppe hatte uns erklärt, daß die Goajiroindianer von Natur aus ein wenig reserviert seien und es deshalb darauf ankomme, zu Beginn freundlich zu sein und aufrichtiges persönliches Interesse zu zeigen. „Oft fragen wir, ob die Familie gesund ist, wie die Ernte war, ob es in letzter Zeit geregnet hat usw.“, sagte sie. „Daraufhin können wir ihnen von Gottes Königreich erzählen und ihnen zeigen, daß Jehova bald allem Leid ein Ende machen und Satan, den Teufel — vor dem sie sich besonders fürchten —, beseitigen wird.“

Evelindas Zuhörer stimmten dem zu, was sie sagte, und bald schlossen sich uns eine weitere Frau und mehrere Kinder an. Wir hatten erfahren, daß das Gesetz der Goajiro es einem Mann erlaubt, mehr als eine Frau zu haben. War das hier etwa der Fall? Wir erinnerten uns an Yenny, eine hübsche 21jährige Goajiro, die in Maracaibo wohnt. Ein wohlhabender Goajiro wollte einen beträchtlichen Brautpreis für sie zahlen. Yennys Eltern, die keine Zeugen Jehovas sind, waren sich jedoch nicht einig. Obwohl ihre Mutter zustimmte, lehnte ihr Vater ab. Der Freier war bereits mit Yennys Schwester verheiratet!

Als Evelinda ihre Darbietung beendet hatte, nahm der Mann die Broschüre. Die hinter ihm stehende Frau bat ebenfalls um ein Exemplar, das wir ihr auch gerne gaben. In der Zwischenzeit hatten uns die anderen Brüder überholt, so daß wir die Familie zum Vortrag am Nachmittag einluden und dann gingen, weil wir uns in der fremden Umgebung nicht verlaufen wollten.

Ein Zeuge aus der Gruppe erzählte, was ihm widerfahren war. Ein Mann in einer Hängematte hörte aufmerksam zu, während seine Frau eine Erfrischung zubereitete — zwei Gläser mit Chicha, das aus gemahlenem Mais gewonnen wird. Unser Bruder nahm höflich an und trank. Später erklärte ihm seine Goajirobegleiterin Magaly, wie man das Getränk herstellt. Gewöhnlich wird der Mais mit den Zähnen gemahlen! Sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als sie sah, wie er bleich wurde.

Ein anderer indianischer Mann war sichtlich beeindruckt davon, daß unsere Brüder sich die Mühe gemacht hatten, mit der biblischen Botschaft zu ihm zu kommen. Er schwang sich aus seiner Hängematte, zog ein Hemd an und führte sie zu einer versteckten Siedlung, die übersehen worden war.

Als wir eine Lichtung passierten, wo unsere Brüder mit den Erwachsenen einer Familie sprachen, sahen wir eine Gruppe kleiner nackter Kinder mit aufgeblähten Bäuchen ruhig unter einem Baum stehen. Wie wir erfuhren, sind Unterernährung und Parasiten die Ursache dafür. Die meisten Menschen dort haben weder fließendes Wasser noch Strom. Das bedeutet, daß es natürlich auch keine Kühlschränke, Ventilatoren und kein elektrisches Licht gibt.

Ein unerwartetes Ergebnis

Der Vormittag war sehr rasch vorübergegangen. Als wir uns auf den Weg zurück zum Bus machten, wo wir etwas essen wollten, waren wir gespannt, wie viele von denen, die wir eingeladen hatten, wohl am Nachmittag zum biblischen Vortrag kommen würden.

Um 14.45 Uhr fragten wir uns, ob nur unsere Busmannschaft dem Goajirobruder, der einen 45minütigen Vortrag in der Sprache der Leute ausgearbeitet hatte, zuhören würde. Das war aber nicht der Fall. Schon betrat die erste kleine Familie schüchtern den Schulhof. Sie muß erstaunt gewesen sein, daß jeder sie herzlich willkommen hieß. Innerhalb weniger Minuten kamen noch viele andere — manche waren offensichtlich sehr weit gelaufen. Auch die Familie, die auf der Lichtung wohnte und ein Dutzend Ziegen hatte, war anwesend. Wie anders sah die Frau aus der Hängematte doch in ihrer schicken schwarzen Manta aus! Sogar der kleine Omar, mit dem wir auf der Straße gesprochen hatten, war gekommen — anscheinend ganz allein. Je mehr Leute kamen, desto voller wurde es auf der langen Betonstufe, die im Schulhof als Bank diente. Das veranlaßte unseren freundlichen Busfahrer, die Sitze aus dem Bus auszubauen und sie als Sitzgelegenheit während des Vortrags zur Verfügung zu stellen.

Insgesamt 55 Goajiroindianer saßen da und hörten Eduardos biblischem Vortrag zu. Sie saßen allerdings nicht ganz still. Waren sie mit einem Gedanken, den der Redner darlegte, einverstanden, dann brummten oder murmelten sie beifällig. Als er von dem bevorstehenden Ende des Bösen sprach, fiel ihm die anfangs erwähnte ältere Frau ins Wort. „Ja, es gibt sehr viel Böses“, sagte sie so laut, daß alle es hören konnten. „Tatsächlich sitzen einige böse Leute gerade jetzt hier unter uns. Ich hoffe, daß sie gut zuhören!“ Bruder Eduardo bedankte sich taktvoll für den Kommentar und fuhr mit seinem Vortrag fort.

Nach dem Vortrag machte einer aus unserer Gruppe ein Foto. Das gefiel den Goajiro, und sie fragten, ob sie für das nächste Bild ihre Broschüre Für immer auf der Erde leben! hochhalten sollten. Allmählich machten sich einige auf den Nachhauseweg, doch etwa die Hälfte der Leute blieb da, bis wir in den Bus stiegen. Sie nahmen uns das Versprechen ab wiederzukommen und winkten uns nach, bis der Bus nicht mehr zu sehen war.

Auf der Heimfahrt waren wir überzeugt, daß es ein Vorrecht war, jenen Menschen die gute Botschaft von Gottes Königreich zu bringen. Viele hatten sie zum allerersten Mal gehört. Die Zeugen in Maracaibo sprachen schon davon, sie wieder zu besuchen. Würde diese Geschichte eine Fortsetzung haben?

Eine erfolgreiche „Fortsetzung“

Zwei Wochen darauf unternahmen die Brüder einen erneuten Besuch. Es wurden große Mengen biblischer Literatur zurückgelassen, Rückbesuche bei Interessierten durchgeführt und Heimbibelstudien eingerichtet. Außerdem besuchten 79 Indianer die zweite öffentliche Zusammenkunft unter freiem Himmel. Bei dieser Gelegenheit erklärten die Brüder, daß sie nicht in zwei, sondern erst in drei Wochen wiederkämen, weil ein Kreiskongreß stattfände. Das beunruhigte die Indianer. Einer sagte: „Wir könnten bis dahin sterben!“ Sie fragten, was denn ein Kreiskongreß sei. Es hörte sich so interessant an, daß sie beschlossen, auch zu kommen. Vorbereitungen wurden getroffen, so daß 34 von ihnen dem Kongreß in Maracaibo beiwohnen konnten, wo Brüder, die Goajiro sprechen, ihnen halfen, das in Spanisch dargebotene Programm zu verstehen.

Es ist der Wille Jehovas, daß „alle Arten von Menschen ... zu einer genauen Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Timotheus 2:3, 4). Welch eine Freude, zu sehen, wie günstig diese wahrheitssuchenden Indianer auf der Halbinsel Guajira reagieren!

[Kasten auf Seite 26]

Die biblische Wahrheit bereichert das Leben

Iris und Margarita, zwei Goajiro-Teenager, waren von der Broschüre Für immer auf der Erde leben! entzückt. Sie hatten aber ein Problem. Beide konnten nicht lesen. Die Zeugin, die sie besuchte, bot sich an, es ihnen anhand der Broschüre Learn to Read and Write (Lerne lesen und schreiben) beizubringen. Schon bald konnten die begeisterten Mädchen den Namen Jehova schreiben und richtig aussprechen.

Je mehr Fortschritte sie machten, desto mehr staunten sie über die wunderbare Hoffnung, die die Bibel in Aussicht stellt. Besonders berührte sie die Verheißung, daß die ganze Menschheit frei sein wird. „Das Leben hier ist für uns Teenager sehr traurig“, erklärten sie. „In der Regel werden wir sehr jung verheiratet, und ständig schweben wir in der Gefahr, vergewaltigt zu werden.“

Daß sie den Kreiskongreß in Maracaibo besuchen konnten, war für Iris und Margarita ein außergewöhnliches Erlebnis. Man konnte ihnen die von Herzen kommende Freude vom Gesicht ablesen, besonders beim Singen der Lieder. Wenn die Zeugin zum Bibelstudium kam, warteten sie jeweils schon ungeduldig an der Tür, und sie versäumten keinen einzigen öffentlichen Vortrag, der in ihrem Dorf gehalten wurde. Jene jungen Mädchen haben das Empfinden, daß ihr Leben durch die Erkenntnis über Jehova Gott und seinen Vorsatz wirklich bereichert worden ist.

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