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Die Große Mauer — Monument für den Traum eines KaisersErwachet! 1986 | 22. Mai
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Traum eines Herrschers, Alptraum eines Reiches
Gemäß der offiziellen chinesischen Geschichte kam Ch’in Shih Huang Ti 214 v. u. Z. auf die Idee, die gesamte Nordgrenze seines Reiches abzuriegeln. Man stelle sich vor, wie der Kaiser seinen Hofbaumeistern aufgeregt ein glänzendes Bild seiner jüngsten Phantasie vor Augen führte. „Wir bauen eine Mauer!“ hat er angeblich verkündet. Der Verteidigungswall sollte an zahlreichen Abschnitten bis zu 7,2 Meter hoch werden, und oben sollte er so breit sein, daß acht Soldaten nebeneinander marschieren könnten. Diese unvorstellbar schwere Aufgabe fiel dem tüchtigen Meng T’ien zu, einem der hervorragendsten Generäle Ch’ins. Er mobilisierte seine Armee und trieb die Massen an, den Traum seines Gebieters wahr werden zu lassen.
Da die Mauer vorgeblich als Verteidigungswall gegen die gefürchteten Eindringlinge aus dem Norden dienen sollte, wurden Wachttürme benötigt, um die Feindbewegungen über die ganze Länge zu überwachen. Daher ging Meng T’ien daran, große Türme zu bauen, deren Querschnitt sich von 12 Metern im Quadrat am Fuß auf 9 Meter im Quadrat nach oben verjüngte. Sie waren gerade so weit voneinander entfernt, daß Bogenschützen von den Türmen aus jeden Zentimeter der Mauer verteidigen konnten. Insgesamt 25 000 Türme ragten in die Höhe, bergauf, bergab über die ganze Breite des Landes.
Wo es möglich war, bezog Meng T’ien die Befestigungsanlagen früherer Staaten mit ein und verband diese zu einer Befestigungsanlage, die die Chinesen später Wan Li Ch’ang Ch’eng oder Mauer der 10 000 Li nannten (ein chinesisches Li ist rund 500 Meter lang). Die Mauer an sich ist aber nicht 5 000 Kilometer, sondern nur rund 3 000 Kilometer lang. Spätere Generationen verlängerten den sich schlängelnden Wall in viele Richtungen und bauten Zweigmauern. Neueste Erkundungen der chinesischen Regierung, „bei denen Mauerreste in abgelegenen Gebirgsgegenden aufgespürt wurden, haben ergeben, daß die tatsächliche Länge ungefähr 10 000 Kilometer betrug“, heißt es in der Zeitschrift China Reconstructs.
Allem Anschein nach hatten Teilstücke der Mauer Fundamente aus riesigen Granitblöcken von 4,2 Meter Länge und 1,2 Meter Breite. Darauf standen 60 Zentimeter bis 2,5 Meter dicke Seitenwände, ähnlich der Bauweise, die im 16. Jahrhundert unter der Mingdynastie angewandt wurde. Den Raum zwischen den Seitenwänden stampfte man mit Erdreich zu, und die Krone, die als Weg diente, pflasterte man mit Ziegelsteinen. Westwärts durchzog die Mauer eine weiträumige, fruchtbare Ebene, in der kaum Steine zu finden waren. Den Bauleuten blieb nichts anderes übrig, als das vorhandene Baumaterial zu verwenden — den feinen gelben Boden oder Lößboden. Manche Abschnitte wurden gebaut, indem man angefeuchteten Lößboden in Fachwerkrahmen füllte. Andere Teile der Mauer schuf man einfach dadurch, daß man mit dem Lößboden einen Erdwall aufschüttete. Davon sind heute nur noch kärgliche Reste übrig.
Die Große Mauer schlängelte sich auf die höchsten Bergrücken Chinas hinauf, fiel jäh in die tiefsten Täler und zog sich durch heiße Wüstenebenen. Im Osten machten eisige Winde und dichte Schneestürme die Arbeit zur Qual. Im Westen brannte die Wüstensonne gnadenlos auf die Arbeiter nieder, und schneidende Sandstürme fegten über sie hinweg. Das Bauwerk ist ein stummer Zeuge der Qual Hunderttausender Zwangsarbeiter, die sich bis zur Erschöpfung abplagten. Wer von ihnen zu langsam arbeitete, wurde zusammen mit den Leichnamen derer, die vor Hunger oder vor Entkräftung gestorben waren, lebendig in einen der Gräben geworfen, die man für die Fundamente ausgehoben hatte. Mit den ungefähr 400 000 Toten, die der Bau der Mauer gefordert hat, brachte sie es als „der längste Friedhof der Welt“ zu einer traurigen Berühmtheit.
Unter den Opfern waren viele chinesische Intellektuelle, die als Bedrohung für die politische Stabilität des Imperiums gebrandmarkt wurden. Ihr feudalistisches Gedankengut und ihre Kritik an den durchgreifenden Reformen des Kaisers führten 213 v. u. Z. zu der berüchtigten Bücherverbrennung und Hinrichtung von Literaten. All das bewirkte, daß Ch’in Shih Huang Ti mit einem schlechten Ruf in die Geschichte einging. Bis auf den heutigen Tag werden in Balladen die Toten, die der Bau der Mauer forderte, beklagt. Wirklich ein Alptraum!
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Die Große Mauer — Monument für den Traum eines KaisersErwachet! 1986 | 22. Mai
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[Kasten auf Seite 27]
Wie groß war die Große Mauer?
◻ Die ursprüngliche Mauer würde vom Pazifischen Ozean über die Rocky Mountains hinweg bis hin zum Mississippi reichen oder von der äußersten Spitze der Bretagne in Frankreich quer durch Europa bis nach Moskau.
◻ Die Große Mauer bestand aus so viel Material, daß man damit eine 2,40 Meter hohe, 90 Zentimeter dicke Mauer bauen könnte, die den Äquator umgürten würde — eine Länge von 40 000 Kilometern.
[Karte auf Seite 26]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
MONGOLEI
CHINA
Jiayuguan
Lintao
Yanmenguan
Shanhaiguan
KOREA
■ — Die Große Mauer während der Herrschaft von Ch’in Shih Huang Ti
● — Die Große Mauer der Mingdynastie
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