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  • Lebst du mit deinem Nächsten in Frieden?
    Erwachet! 1986 | 22. Januar
    • Lebst du mit deinem Nächsten in Frieden?

      LIEBE deinen Nächsten. So hat man uns gelehrt. Das ist nicht immer leicht. Nur Frieden zu halten ist schon schwer. Rockmusik aus der Wohnung des Nachbarn bringt deine Wände zum Vibrieren. Seine Kinder spielen tollend und kreischend im Flur. Draußen auf dem Gehsteig wirst du überfallen. Auf der Straße schneiden dich die Autofahrer — drück auf die Hupe, und du wirst erschossen! Maßlos übertrieben? Mancherorts unvorstellbar, aber nicht so in Großstädten. Kleinstädte und Dörfer haben ihr eigenes Problempaket, das die Nächstenliebe erschwert.

      Unsere heutige hochtechnisierte Welt ist zum großen Teil für den Streß verantwortlich. Tausende leben eingepfercht in den Wohnsilos der Großstädte. Pendler kochen vor Wut, wenn sie zur Stoßzeit im Schrittempo vorwärts kriechen. Dorfbewohner stürzen schreiend aus dem Haus, weil die Hühner des Nachbarn ihren Garten ruinieren. Landwirte werden zugrunde gerichtet, weil das immunisierte Ungeziefer ihre Ernte zerstört. Und überall speien Fabriken Schadstoffe aus. Die Luft wird braun, saurer Regen geht nieder, in den Seen sterben die Fische, und Giftmülldeponien verunreinigen sogar das Grundwasser. Immer mehr Krankheiten, großes Sterben.

      Dies und vieles mehr führt bei Millionen zu Streß. Die Menschen sind geladen — ein Funke genügt, und sie explodieren. Und das geschieht oft. Viele wollen der Wirklichkeit entfliehen, indem sie sich ganz ihren selbstsüchtigen Neigungen und Wünschen hingeben. Besitz anhäufen, die Sorgen im Alkohol ertränken, Drogentrips einwerfen, ein lasterhaftes Leben führen — alles nur, um sich in das Schneckenhaus des Ichkults zurückzuziehen. Selbstliebe verdrängt die Nächstenliebe, wenn das Fleisch übersättigt ist und der Geist verhungert.

      Und in den ärmeren Ländern verhungern Fleisch und Geist. Politische Unruhen zehren am Volk, Seuchen fordern Todesopfer, Hunger greift um sich, Hoffnung stirbt, und Verzweiflung regiert.

      Nein, in der heutigen Welt ist es nicht immer leicht, seinen Nächsten zu lieben. Doch es gibt noch Nächstenliebe, und tatsächlich leben viele mit ihrem Nächsten in Frieden.

  • Bemühe dich um Frieden mit deinem Nächsten
    Erwachet! 1986 | 22. Januar
    • Bemühe dich um Frieden mit deinem Nächsten

      WILL man sich um Frieden mit anderen bemühen, muß man zunächst mit sich selbst im reinen sein. Dieser Gedanke ist in den Worten Jesu Christi enthalten: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matthäus 22:39). Um deinen Nächsten lieben zu können, mußt du dich auch selbst lieben. Nicht, weil du keine Fehler machst. Du bist dir darüber im klaren, daß du nicht vollkommen bist. Du hast Schwächen, machst Fehler und hast Schuldgefühle. Das weißt du nur zu gut. Aber du weißt auch, daß dir deine Fehler leid tun. Du möchtest, daß man dir vergibt, nimmst dir vor, dich zu bessern, und wirst so mit drückenden Schuldgefühlen fertig.

      Je nachdem, wie es im Herzen aussieht, spricht und handelt man (Matthäus 12:34, 35). Wenn das Herz voller Schuldgefühle und Selbstanklagen ist, wird man solche negativen Gefühle auf andere übertragen. Um andere lieben zu können, muß man ein gewisses Selbstwertgefühl oder eine gewisse Selbstachtung haben und sich selbst akzeptieren. Man muß auch über sich lachen können. Wenn man sich auf diese Weise liebt, hat man nicht die innere Unruhe, die ein gutes Verhältnis zu anderen erschwert. Diese innere Sicherheit bewirkt, daß man sich nicht von Menschen bedroht fühlt, sondern sich liebevoll um andere kümmern kann. Innerer Frieden ist die Voraussetzung für ein friedliches Verhältnis zu anderen.

      Bei der Hetze und dem Streß der heutigen Zeit wird der innere Frieden allerdings manchmal bedroht, und der edle Zug der Nächstenliebe ist im Schwinden begriffen. Die Menschen begegnen einander wie Schildkröten, die ihre Umwelt nur mit eingezogenem Kopf unter dem Schutz ihres sicheren Panzers beobachten und Angst haben, ihn herauszustrecken. Ungezwungene Freundlichkeit ist der Furcht und der Abkapselung gewichen. Das ist bedauerlich, aber verständlich, wenn man bedenkt, in welch gefährlicher Zeit wir heute leben (2. Timotheus 3:1-5).

      Ergreift man aber die Initiative im Freundlichsein, so wird diese Mühe meistens durch eine erfreuliche Reaktion belohnt. Einen Nachbarn anzusprechen, dem man auf der Straße begegnet; einen Moment stehenzubleiben, um ein paar Worte mit jemandem zu wechseln, der im Vorgarten arbeitet; kurz mit jemandem zu plaudern, der neben einem auf der Parkbank sitzt — solche Momente können willkommene Unterbrechungen in der Hetze des Alltags sein. Es gibt Richtlinien, die man beachten kann, um aus solchen Gelegenheiten angenehme Augenblicke zu machen und den Frieden in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu fördern. Einige Anregungen folgen.

      Sei ein guter Zuhörer

      Respektiere dein Gegenüber. Sieh denjenigen an, der mit dir spricht. Wenn deine Blicke woandershin wandern, sendest du ihm die Botschaft: „Ich bin weder an dir noch an dem, was du sagst, interessiert.“ Wahrscheinlich ist das nicht deine Absicht. Höre dem anderen daher zu, und reagiere entsprechend. Unterbrich ihn nicht, es sei denn, du möchtest Einzelheiten wissen oder passende Fragen stellen. „Wenn irgendeiner auf eine Sache eine Erwiderung gibt, ehe er sie angehört hat, so ist es ihm Torheit und Demütigung“ (Sprüche 18:13). Höre so zu, daß du ihn verstehst — seine Denkweise, seine Ansichten und seine Gefühle. Höre nicht nur mit den Ohren zu, sondern auch mit dem Herzen. Sei „schnell ... zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“ (Jakobus 1:19).

      Sei mitteilsam und bereit, dich zu unterhalten

      Etwas mitzuteilen bedeutet, Informationen, Gedanken oder Gefühle so weiterzugeben, daß dein Gegenüber sie versteht. Drücke dich klar und prägnant aus, nicht wortreich oder weitschweifig. Geh sicher, daß der andere deine Aussage verstanden hat. Sich zu unterhalten bedeutet, Gedanken und Meinungen auszutauschen. Eine Unterhaltung ist kein Vortrag, sondern ein Gedankenaustausch. Höre dir, nachdem du einen Gedanken dargelegt hast, die Erwiderung deines Gegenübers an. Denke daran: Wenn dir jemand ein Erlebnis erzählt oder über etwas berichtet, bist du Zuhörer; bei einer Unterhaltung bist du Teilnehmer. Trage zum Gespräch bei, und gib auch dem anderen die Möglichkeit dazu. Sei flexibel und für neue Ideen empfänglich. Eine vorgefaßte Meinung, an der man dogmatisch festhält, macht einen blind, taub und hart (Matthäus 13:15).

      Sei freundlich und ehrlich, kümmere dich um andere

      Sei nicht schüchtern. Geh auf andere zu. Deine Freundlichkeit wird meistens Widerhall finden. Gefühle sind ansteckend. Empfinde, wie du möchtest, daß andere empfinden. Tu, was du möchtest, daß andere tun. Behandle andere, wie du möchtest, daß sie dich behandeln. Säe, was du ernten möchtest. Sei du selbst, sei ehrlich, sei aufrichtig an anderen interessiert. Kümmere dich um sie, und stehe ihnen zu Diensten.

      Schenke anderen Aufmerksamkeit

      In einem Roman von Booth Tarkington ist von einer Gruppe Kinder die Rede, die vor dem Haus herumtollen. Eines der Kinder, die kleine Orvie, die sich nicht genügend beachtet fühlt, fängt plötzlich an zu rennen, herumzuhüpfen und zu schreien: „Guckt mich jetzt an! Guckt mich jetzt an!“ Erwachsene äußern sich zwar gewöhnlich nicht so freimütig, aber auch sie wünschen Aufmerksamkeit. Babys und ältere Menschen können sogar sterben, wenn sie nicht genügend beachtet werden. Schau andere daher an, höre ihnen zu, nimm Notiz von ihnen! Lerne deine Nachbarn kennen. Sei freundlich, bewundere ihren Hund, ihren Rosenstrauch, das neue Kleid der Nachbarin — aber immer aufrichtig, nie aus Berechnung.

      Meide Kritik

      Sie führt zu nichts. Sie verletzt den Stolz des anderen und verstimmt ihn. Sie wirkt wie ein Angriff und treibt ihn in die Defensive. Er versucht, sich zu rechtfertigen und dir deine Bemerkung heimzuzahlen. Kritisiere, und du trittst ins Fettnäpfchen. Vergiß nicht, daß bei Menschen öfter das Gefühl als der Verstand überwiegt, besonders wenn sie sich angegriffen fühlen — und so empfinden sie, wenn man sie kritisiert. Versuche, den anderen zu verstehen, statt ihn zu verurteilen. Aufmunternde Worte wirken Wunder. Erkenne seine guten Seiten, statt dich auf seine Schwächen zu konzentrieren. Eines Menschen „Ruhm ist es, über Verfehlungen hinwegzugehen“ (Sprüche 19:11, Einheitsübersetzung).

      Ratgeben

      Sei herzlich, freundlich und liebevoll. Laß den anderen zuerst sprechen, und laß ihn ausreden. Versuche herauszufinden, warum er auf diese oder jene Weise denkt und handelt. Habe für seine Wünsche Verständnis. Achte auf seinen Standpunkt. Stelle fest, welche emotionalen Gründe hinter seiner Handlungsweise stecken. Laß ihn wissen, daß auch du Fehler machst, daß du genauso unvollkommen bist wie er. Versuche dann, „einen solchen Menschen im Geist der Milde wieder zurechtzubringen, während du dich selbst im Auge behältst, damit nicht auch du versucht werdest“ (Galater 6:1). Beschränke deinen Rat auf die Sache, um die es geht. Schneide ihn auf den Betreffenden zu. Hilf ihm freundlich, zu erkennen, worauf es ankommt, und rede taktvoll mit ihm. „Eure Rede sei stets gefällig, mit Salz gewürzt, damit ihr wißt, wie ihr einem jeden zu antworten habt“ (Kolosser 4:6). Sprich positiv und aufmunternd, und lobe ihn, wenn er sich bessert.

      Sei mitfühlend, und zeige das auch

      Das bedeutet, sich in die Lage des anderen hineinversetzen zu können. Erkenne seine Bedürfnisse. Empfinde, wie er empfindet. Wie wolltest du behandelt werden, wenn du an seiner Stelle wärst? All das mußt du wissen, wenn du dich nach der Goldenen Regel richten möchtest: „Alles ..., was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, sollt auch ihr ihnen ebenso tun“ (Matthäus 7:12). Das ist nicht leicht. Manchmal ist es unmöglich, sein Mitgefühl in Worte zu kleiden — man kann es dann nur mit Tränen ausdrücken. Der Apostel Paulus riet zu solchem Mitgefühl mit den Worten: „Freut euch mit den sich Freuenden; weint mit den Weinenden“ (Römer 12:15).

      Nach dem Tod des Lazarus ging Maria zu Jesus. In dem Bericht darüber heißt es: „Als Jesus daher sah, wie sie weinte und wie die Juden, die mit ihr kamen, weinten, seufzte er im Geist und wurde beunruhigt; und er sprach: ‚Wo habt ihr ihn hingelegt?‘ Sie sagten zu ihm: ‚Herr, komm und sieh.‘ Jesus brach in Tränen aus“ (Johannes 11:33-35). Jesus wußte, was er tun würde, doch als er ihren Kummer sah, mußte er einfach mit ihnen weinen. Er bekundete Mitgefühl.

      Vergelte nicht Böses mit Bösem

      Handle nicht nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir“, wie einige die Goldene Regel verdrehen. Vergelte nicht Böses mit Bösem, sondern besiege das Böse mit dem Guten. Jehova spornt uns durch seine Liebe an, ebenfalls zu lieben. „Wir [lieben], weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Johannes 4:19). Das ist nicht bloße Theorie; es entspricht der menschlichen Natur. Eine milde Antwort läßt den Zorn verrauchen. Die andere Wange hinzuhalten kann einen Angriff abwenden. So, wie in alter Zeit die Kohlen im Ofen das Metall aus dem Erz schmolzen, mag der Zorn deines Gegenübers wegschmelzen, das heißt besiegt werden, wenn du Böses mit Gutem vergiltst. Es kann allerdings sein, daß du weiterhin unter seinen Schlechtigkeiten leiden mußt, aber zumindest hast du getan, was du konntest, um Frieden zu schaffen. Du bist außerdem dir und deinen Prinzipien treu geblieben und hast nicht zugelassen, daß der andere dich zu schlechten Handlungen verleitete (Römer 12:17-21).

      „Haltet, soweit es von euch abhängt, mit allen Menschen Frieden“

      Bemühe dich aktiv um Frieden mit allen Menschen (Hebräer 12:14). Frieden herrscht nicht automatisch. Und nicht immer ist es möglich, ihn herbeizuführen. Manchmal muß man sogar aufgeben. „Hab keine Gemeinschaft mit irgendeinem dem Zorn Ergebenen; und mit einem Mann, der Wutanfälle hat, sollst du dich nicht einlassen“ (Sprüche 22:24). Dennoch gilt für uns der Rat: „Wenn möglich, haltet, soweit es von euch abhängt, mit allen Menschen Frieden“ (Römer 12:18).

      Das griechische Wort für die Art Liebe, die wir, wie Jesus sagte, gegenüber unserem Nächsten bekunden sollten, heißt agápē. Die Definition, die der Apostel Paulus von dieser Eigenschaft, der agápē, gab, faßt die Richtlinien für ein friedliches Verhältnis zwischen dir und deinem Nächsten treffend zusammen. Er sagte: „Die Liebe ist langmütig und gütig. Die Liebe ist nicht eifersüchtig, sie prahlt nicht, bläht sich nicht auf, benimmt sich nicht unanständig, blickt nicht nach ihren eigenen Interessen aus, läßt sich nicht aufreizen. Sie rechnet das Böse nicht an. Sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sondern freut sich mit der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, erduldet alles. Die Liebe versagt nie“ (1. Korinther 13:4-8).

      [Kasten auf Seite 5]

      Richtlinien für zwischenmenschliche Beziehungen aus dem Bibelbuch Sprüche

      „Eine Antwort, wenn milde, wendet Grimm ab, aber ein Wort, das Schmerz verursacht, läßt Zorn aufkommen“ (15:1).

      „Das Herz des Weisen läßt seinen Mund Einsicht bekunden, und seinen Lippen fügt es Überzeugungskraft hinzu“ (16:23).

      „Liebliche Reden sind eine Honigwabe, süß für die Seele und Heilung für das Gebein“ (16:24).

      „Wer Übertretung zudeckt, sucht Liebe, und wer ständig über eine Sache spricht, trennt die miteinander Vertrauten“ (17:9).

      „Der Anfang eines Streites ist, wie wenn einer Gewässer losläßt; ehe also der Zank ausgebrochen ist, zieh dich zurück“ (17:14).

      „Wer seine Reden zurückhält, besitzt Erkenntnis, und ein Mann von Unterscheidungsvermögen ist kühlen Geistes“ (17:27).

      „Eines Menschen Einsicht verlangsamt sicherlich seinen Zorn, und es ist für ihn etwas Schönes, Übertretung zu übergehen“ (19:11).

      „Ehre ist es einem Mann, vom Streit abzustehen, doch jeder Törichte wird ihn vom Zaun brechen“ (20:3).

      „Rat im Herzen eines Mannes ist wie tiefe Wasser, aber der Mann von Unterscheidungsvermögen, der wird ihn herausschöpfen“ (20:5).

      „Führe deine eigene Rechtssache mit deinem Mitmenschen, und offenbare nicht das vertrauliche Gespräch eines anderen“ (25:9).

      „Mache deinen Fuß selten im Haus deines Mitmenschen, damit er von dir nicht genug bekommt und dich gewißlich haßt“ (25:17).

      „Hast du einen Mann erblickt, der hastig ist mit seinen Worten? Für einen Unvernünftigen gibt es mehr Hoffnung als für ihn“ (29:20).

  • Wer ist mein Nächster?
    Erwachet! 1986 | 22. Januar
    • Wer ist mein Nächster?

      „WER mein Nächster ist? Das ist doch klar: mein Mitmensch, jemand, der mir nahesteht, und die Menschen, die in meiner Umgebung wohnen. Sie sind meine Nächsten.“

      Für einige der Zeitgenossen Jesu Christi war der Fall nicht so klar. Selbst damals gab es darüber Meinungsverschiedenheiten. Dies wird aus dem in Lukas 10:25-37 aufgezeichneten Gespräch zwischen Jesus und einem Mann, der im jüdischen Gesetz bewandert war, ersichtlich.

      „Lehrer, was soll ich tun, um ewiges Leben zu ererben?“ fragte der Gesetzeskundige.

      „Was steht im GESETZ geschrieben? Wie liest du?“ erwiderte Jesus.

      „‚Du sollst Jehova, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Sinn‘ und ‚deinen Nächsten wie dich selbst‘“, antwortete der Gesetzeskundige.

      „Du hast richtig geantwortet“, sagte Jesus. „Tu das weiterhin, und du wirst Leben erlangen.“

      Der Gesetzeskundige aber wollte es nicht dabei bewenden lassen. Daher fragte er: „Wer ist in Wirklichkeit mein Nächster?“

      In den mündlichen Überlieferungen der jüdischen Schriftgelehrten hieß es entgegen ihrem eigenen, dem mosaischen Gesetz: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ Die Schriftgelehrten und Pharisäer lehrten, daß sich der Begriff Nächster nur auf Juden erstreckte, die das mündliche Gesetz hielten. Juden, die das nicht taten, und alle Heiden wurden nicht als Nächste, sondern als Feinde betrachtet. Solchen ketzerischen Juden und den Heiden durfte nicht geholfen werden, selbst wenn sie sich in Lebensgefahr befanden. Mit diesen Ansichten im Sinn und mit der Absicht, sich zu rechtfertigen, da er nicht alle Menschen liebte, fragte der Gesetzeskundige: „Wer ist in Wirklichkeit mein Nächster?“

      Um diese Frage zu beantworten, erzählte Jesus das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. (Die Samariter wurden als Ausländer betrachtet, und die Juden haßten sie.)

      „Ein gewisser Mensch“, sagte Jesus, „ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auszogen und ihm auch Schläge versetzten und weggingen und ihn halb tot zurückließen.“ Ein Priester, der den Mann sah, ging auf der entgegengesetzten Seite vorüber. Ein Levit, der ihn bemerkte, handelte ebenso. „Aber ein gewisser Samariter, der des Weges zog, kam zu ihm, und als er ihn sah, wurde er von Mitleid bewegt.“ Er behandelte seine Wunden, brachte ihn in eine Herberge, zahlte für die Pflege des Verletzten und sagte dem Herbergswirt, er werde auf dem Rückweg vorbeikommen und für irgendwelche zusätzlichen Ausgaben aufkommen.

      „Wer von diesen dreien“, fragte Jesus den Gesetzeskundigen, „hat sich, wie es dir scheint, als Nächster des Mannes erwiesen, der unter die Räuber fiel?“ Der Gesetzeskundige antwortete: „Derjenige, der ihm gegenüber barmherzig handelte.“ Daher forderte Jesus ihn auf: „Geh hin, und handle selbst ebenso.“

      Der Priester war — wie anzunehmen ist — ein Diener Jehovas. Das trifft auch auf den Leviten zu. Und doch gingen beide an dem Verletzten vorüber. Keiner von beiden war dem Mann in seiner Not ein guter Nächster. Der Samariter, der von dem Priester und dem Leviten aufgrund ihrer Religion verachtet wurde, war derjenige, der etwas unternahm. Der Verletzte erregte sein Mitleid, und er kam ihm zu Hilfe. Er erwies sich als Nächster des Mannes. Er praktizierte Nächstenliebe.

      Wer erweist sich heute als dein Nächster?

      Heute denken wir bei dem Wort Nächster an Menschen in unserer Umgebung. Das griechische Wort plēsíon, das mit „Nächster“ wiedergegeben wird, bedeutet eigentlich „nahe“. Sowohl in den Hebräischen als auch in den Griechischen Schriften der Bibel hingegen wird das Wort Nächster in einem weit umfassenderen Sinn gebraucht.

      Die Schriftgelehrten und die Pharisäer der Zeit Jesu beschränkten den Begriff „Nächster“ auf diejenigen, die sich an die mündlichen Überlieferungen ihrer Religion hielten. Daher erstreckte sich ihre Nächstenliebe nur auf Mitgläubige. Die Liebe Jehovas und Jesu aber wurde jedem zuteil (Matthäus 5:43-48). Das muß man auch von der Liebe der wahren Christen in der heutigen Zeit sagen können. Um nicht nur dem Namen nach Christen zu sein, müssen sie sich für alle Menschen als Nächste erweisen und gegenüber allen Nächstenliebe bekunden.

      Erweckte der Samariter in dem Verletzten nicht Liebe, als er ihm gegenüber Nächstenliebe bekundete? Das ist anzunehmen, aber die Bibel sagt nichts darüber. Als Jesus zur Erde kam und für die Menschen starb, erwies auch er sich als ihr Nächster. Wurden die Menschen dadurch bewogen, ihn zu lieben, und fühlten sie sich zu ihm hingezogen? Hat Jehovas Liebe zur Menschenwelt, die sich dadurch zeigte, daß er seinen Sohn als Lösegeld zur Erde sandte, bewirkt, daß sich die Menschen zu Gott hingezogen fühlen? Bei vielen war und ist das der Fall. „Wir [lieben], weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Johannes 4:19; Johannes 3:16; Jakobus 4:8).

      Wie kann man diese Liebe zeigen? Nicht dadurch, daß man „Herr, Herr“ sagt, sondern dadurch, daß man Gottes Willen tut, indem man anderen von seinem Königreich Zeugnis gibt (Matthäus 7:21; 1. Johannes 5:3; Jesaja 43:10-12; Apostelgeschichte 1:8). Das ist die einzige echte und bleibende Hilfe für die heutige leidende Menschheit. Diejenigen, die wie der menschenfreundliche Samariter von Mitleid bewegt sind, wenn sie die traurige und gefährliche Situation der Menschen sehen, und ihnen die heilende gute Botschaft vom Königreich Jehovas bringen, erweisen sich wirklich für alle als Nächste. Ob Mann oder Frau, jung oder alt, reich oder arm, ganz gleich, welcher Nationalität, Rasse, Religion oder Hautfarbe — niemand ist ausgenommen. Alle werden als Nächste betrachtet, denen durch die gute Botschaft vom Königreich geholfen werden kann.

      Aus Nächstenliebe befolgen Jehovas Zeugen seit vielen Jahren das Gebot aus Epheser 4:25: „Ein jeder von euch [rede] mit seinem Nächsten Wahrheit.“ Millionen haben positiv darauf reagiert und selbst begonnen, diese Wahrheit zu verkündigen. Es ist die Wahrheit über Jehovas Königreich in den Händen Jesu Christi, des Friedefürsten. Es ist die Wahrheit, die zwischen Menschen Frieden schafft. Und was noch besser ist, es ist die Wahrheit, die den „Frieden Gottes“ bringt, „der alles Denken übertrifft“ (Philipper 4:7).

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