-
Der skandalöseste Prozess aller ZeitenDer Wachtturm 2011 | 1. April
-
-
Eine Unregelmäßigkeit nach der anderen
Die Gesetze, die dem Volk Israel durch Moses übermittelt wurden, bilden den Kern des „großartigsten und aufgeklärtesten Rechtssystems aller Zeiten“, wie es ein Autor nannte. Bis zur Zeit Jesu hatten regelorientierte Rabbis jedoch eine Unmenge Vorschriften hinzugefügt, von denen viele später im Talmud festgehalten wurden. (Siehe dazu „Jüdische Gesetze in den ersten Jahrhunderten“ auf Seite 20.) Wie ist der Prozess Jesu vor diesem Hintergrund zu sehen?
Wurde Jesus aufgrund von zwei übereinstimmenden gerichtlichen Zeugenaussagen festgenommen? Für eine ordnungsgemäße Verhaftung wäre das notwendig gewesen. Wollte ein Jude in Palästina im 1. Jahrhundert jemand wegen einer Gesetzesübertretung anklagen, musste das während der regulären Gerichtszeiten geschehen. Die Gerichte konnten selbst keine Klagen anregen, sondern gingen nur vorgebrachten Beschuldigungen nach. Kläger waren ausschließlich die Zeugen eines mutmaßlichen Verbrechens. Das Verfahren wurde eröffnet, wenn zu einer Tat mindestens zwei übereinstimmende Zeugenaussagen vorlagen. Sie bildeten die Anklage, die zur Verhaftung führte. Ein Zeuge allein genügte nicht (5. Mose 19:15). Bei Jesus war die jüdische Obrigkeit jedoch lediglich darauf aus, „Mittel und Wege“ zu finden, um ihn zu beseitigen. Als sich „eine gute Gelegenheit“ bot, nahm man ihn nachts „abseits von der Volksmenge“ fest (Lukas 22:2, 5, 6, 53).
Jesus wurde verhaftet, ohne dass eine Anklage gegen ihn vorlag. Die Priester und der Sanhedrin, die höchste gerichtliche Instanz der Juden, suchten erst Zeugen, als er bereits in Gewahrsam war (Matthäus 26:59). Sie konnten allerdings keine zwei Zeugen finden, deren Aussagen übereinstimmten. Im Übrigen war es überhaupt nicht Sache des Gerichts, nach Zeugen zu suchen. Und „einem Mann den Prozess zu machen, bei dem es auch noch um Leben und Tod geht, ohne vorher zu konkretisieren, was ihm zur Last gelegt wird, kann man mit Fug und Recht als Skandal bezeichnen“, schreibt der Rechtsanwalt und Autor A. Taylor Innes.
Die Männer, die Jesus festhielten, brachten ihn zum Haus des ehemaligen Hohen Priesters Annas, der ihn dann verhörte (Lukas 22:54; Johannes 18:12, 13). Damit missachtete Annas die Bestimmung, dass Kapitalverbrechen nicht nachts, sondern am Tage verhandelt werden mussten. Außerdem hätte eine Beweisaufnahme öffentlich stattfinden müssen und nicht hinter verschlossenen Türen. Wohl wissend, dass dieses Verhör rechtswidrig war, sagte Jesus: „Warum fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen redete. Siehe! Diese wissen, was ich gesagt habe“ (Johannes 18:21). Annas hätte nicht den Angeklagten, sondern die Zeugen verhören sollen. Jesu Kommentar hätte bei einem ehrlichen Richter vielleicht Wirkung gezeigt, doch Annas lag nichts an Recht und Gerechtigkeit.
Jesus bekam für seine Antwort von einem Beamten einen Schlag ins Gesicht — eine von vielen Misshandlungen, denen er in jener Nacht ausgesetzt war (Lukas 22:63; Johannes 18:22). Aus den Bestimmungen über die Zufluchtsstädte in 4. Mose, Kapitel 35 geht hervor, dass Angeklagte vor Übergriffen geschützt werden mussten, bis ihre Schuld erwiesen war. Ein solcher Schutz hätte auch Jesus zugestanden.
Nun führte man Jesus zum Haus des Hohen Priesters Kaiphas, wo der illegale nächtliche Prozess fortgesetzt wurde (Lukas 22:54; Johannes 18:24). Unter Missachtung aller Rechtsgrundsätze suchten die Priester dort „nach einem falschen Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen“, doch keine zwei Zeugen machten übereinstimmende Aussagen über das, was Jesus gesagt hatte (Matthäus 26:59; Markus 14:56-59). Deswegen versuchte der Hohe Priester, Jesus dazu zu bringen, sich selbst zu belasten. „Gibst du keine Antwort?“, fragte er. „Was ist das, worin diese gegen dich zeugen?“ (Markus 14:60). Das war jetzt der Gipfel! „Die Frage an den Angeklagten zu richten und mit seiner Antwort einen Schuldspruch zu begründen, war ein formaljuristischer Verstoß“, schreibt Innes.
Letztendlich stürzten sich die Versammelten auf eine bestimmte Aussage Jesu. Auf die Frage „Bist du der Christus, der Sohn des Gesegneten?“ hatte er geantwortet: „Ich bin es; und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Das legten ihm die Priester als Gotteslästerung aus, und „sie alle verurteilten ihn als des Todes schuldig“ (Markus 14:61-64).b
Laut dem Gesetz Mose mussten Gerichtsverhandlungen öffentlich abgehalten werden (5. Mose 16:18; Ruth 4:1). Jesu Prozess hingegen fand im Geheimen statt. Niemand wollte oder durfte für ihn sprechen. Es wurde nicht untersucht, ob er irgendeinen berechtigten Anspruch erheben konnte, der Messias zu sein. Jesus hatte keine Möglichkeit, Entlastungszeugen beizubringen. Und es gab keine ordentliche richterliche Abstimmung über die Schuldfrage.
-
-
Der skandalöseste Prozess aller ZeitenDer Wachtturm 2011 | 1. April
-
-
[Kasten/Bild auf Seite 20]
Jüdische Gesetze in den ersten Jahrhunderten
Die mündliche jüdische Überlieferung, die in den ersten Jahrhunderten u. Z. schriftlich festgehalten wurde, die man aber für viel älter hält, enthielt folgende Bestimmungen:
▪ In Todesstrafsachen werden entlastende Aussagen zuerst gehört
▪ Die Richter müssen alles versuchen, um den Angeklagten zu retten
▪ Richter können für, aber nicht gegen den Angeklagten sprechen
▪ Zeugen werden auf ihre schwere Verantwortung hingewiesen
▪ Zeugen werden getrennt verhört, nicht im Beisein anderer Zeugen
▪ Die Zeugenaussagen müssen in allen wesentlichen Punkten übereinstimmen: Datum, Ort, Tageszeit der Tat und so weiter
▪ Verhandlungen über Todesstrafsachen werden bei Tag geführt und müssen auch bei Tag geschlossen werden
▪ Am Vortag eines Sabbats oder eines Festes dürfen keine Prozesse stattfinden
▪ Bei Todesstrafsachen darf ein Verfahren nur dann am selben Tag abgeschlossen werden, wenn das Urteil zugunsten des Angeklagten ausfällt; ist es zu seinen Ungunsten, kann der Prozess erst am nächsten Tag mit einem Urteilsspruch beendet und die Hinrichtung vorgenommen werden
▪ Todesstrafsachen werden vor mindestens 23 Richtern verhandelt
▪ Die Richter stimmen nacheinander über die Schuldfrage ab, beginnend mit den jüngsten; Gerichtsschreiber protokollieren die Worte der Schuldig- und der Freisprechenden
▪ Für einen Freispruch genügt eine Mehrheit von einer Stimme, für einen Schuldspruch dagegen ist eine Zwei- Stimmen-Mehrheit nötig; wird mit nur einer Stimme Mehrheit auf schuldig erkannt, kommen so lange jeweils zwei Richter hinzu, bis eine gültige Entscheidung getroffen wird
▪ Ein Urteilsspruch ist nur gültig, wenn mindestens ein Richter für den Angeklagten gesprochen hat (ein einstimmiger Schuldspruch galt als „Indiz für eine Verschwörung“)
Rechtswidrigkeiten im Prozess Jesu
▪ Es gab keine Anhörung von Aussagen zugunsten des Angeklagten
▪ Keiner der Richter versuchte, Jesus zu verteidigen; sie waren ihm alle feindlich gesinnt
▪ Die Priester suchten Zeugen, die falsch aussagen würden, damit sie Jesus zum Tod verurteilen konnten
▪ Die Anhörung fand nachts und hinter verschlossenen Türen statt
▪ Der Prozess wurde am selben Tag — dem Vortag eines Festes — begonnen und abgeschlossen
▪ Als Jesus verhaftet wurde, lag keine Anklage vor
▪ Jesu Anspruch, der Messias zu sein, wurde ihm als Gotteslästerung ausgelegt, aber nie untersucht
▪ Als man den Fall vor Pilatus brachte, wurde die Anklage abgeändert
▪ Die Beschuldigungen waren falsch
▪ Pilatus hielt Jesus für unschuldig, ließ ihn aber trotzdem hinrichten
-