Wer ist Herr in eurem Haus?
HEUTZUTAGE ist das keine müßige Frage. Die kanadische Zeitung Toronto Star zitierte folgende Worte eines Professors, die dieser bei einem Seminar über die Rolle der Kinder und der Eltern äußerte: „In Nordamerika steigt die Zahl der ,machttrunkenen Kinder‘, die das Leben ihrer Eltern beherrschen und manipulieren, in beängstigendem Maße.“
Man beachte, daß dieser Professor nicht sagte, die Eltern wünschten es so oder sie würden zugeben, daß bei ihnen die Kinder zu bestimmen hätten. Aber wenn die Kinder „das Leben ihrer Eltern beherrschen und manipulieren“, wer ist dann Herr im Haus?
Vielen Kindern gelingt es zum Beispiel, durch Schreien und Wüten ihren Willen durchzusetzen. Vielleicht gelingt es ihnen nicht jedesmal, aber doch so häufig, daß sie es immer wieder mit dieser Tour versuchen. Es gibt Familien, in denen die Kinder gegen das, was die Eltern tun, sozusagen das Vetorecht besitzen, ja sie diktieren ihnen sogar, wann sie nach Hause kommen müssen und wann sie weggehen dürfen.
Da es heute in vielen Familien so zugeht, sollten alle Eltern, ganz gleich, ob sie mit diesem Problem zu kämpfen haben oder nicht, sich etwas damit beschäftigen. Warum entsteht dieses Problem überhaupt? Wie kann man es lösen, oder wie kann man ihm vorbeugen, und was wird dadurch erreicht?
Tyrannische Kinder — Warum?
Warum macht manch ein Kind den Versuch, „Herr“ im Haus zu sein? Ein wichtiger Grund dafür ist die Tatsache, daß nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder unvollkommen sind. Darüber lesen wir in der Bibel: „Tief im Herzen des Kindes steckt schon die Torheit, die Zuchtrute muß sie hinaustreiben“ (Spr. 22:15, Bruns). Außer der Unvollkommenheit spielen aber noch weitere Faktoren und Einflüsse eine Rolle, z. B. folgende:
Wenn Eltern das Kind durch Bestechung dazu bringen wollen, artig zu sein, indem sie sagen: „Wenn du im Laden artig bist, kriegst du eine Tüte Bonbons“, schaffen sie eine Voraussetzung dafür, daß das Kind „Herr“ im Haus wird. Nein, sie schenken ihm die Tüte nicht aus Liebe oder aus Freigebigkeit, vielmehr wollen sie das Kind damit bestechen oder seinen Wunsch erfüllen, geben ihm aber so die Möglichkeit, sie zu beherrschen. Meinst du, das Kind merke das nicht?
Manches Kind lernt so, seine Eltern durch eine Art Erpressung zu beherrschen. Ein Junge sagte: „Ich bekomme alles, was ich will, da meine Mutter denkt, daß ich mich sonst schlecht benehmen werde.“ Ja, er beherrscht sie. „Auf diese Weise lernt er wenigstens, sich anständig zu benehmen“, mag jemand denken. Doch gerade das Gegenteil trifft zu; dieser Junge sagte nämlich noch: „Natürlich muß ich mich oft genug schlecht benehmen, damit sie merkt, daß sie mich nicht umsonst bezahlt.“ Wer lenkt also wen?
Ein weiterer Faktor ist die verführende Umwelt des Kindes. Es mag sehen, daß andere Kinder ihren Eltern auf der Nase herumtanzen, und versucht dann, sie nachzuahmen. Eltern sollten, sobald sie merken, daß das Kind einen solchen Versuch macht, liebevoll, doch entschieden darauf reagieren und ihm so klarmachen, daß es nicht Herr im Haus ist.
In Ulster (Irland) werden viele Kinder verleitet, sich Banden anzuschließen, die mit Steinen werfen und in den Schulen sowie in ihren Wohnvierteln einen ziemlichen Einfluß ausüben. Solche Kinder kommen dann leicht in die Gefahr, sich auch zu Hause so zu benehmen, also auch die Eltern zu beherrschen. In einem vor kurzem veröffentlichten Bericht über die Lage in Irland hieß es:
„Es gibt Eltern, die sich sogar vor ihren eigenen Kindern fürchten. ,Er ist so stark wie ein Mann‘, sagte die Mutter eines Elfjährigen. ,Deshalb bin ich mit ihm zum Psychiater gegangen. Ich fürchtete mich vor ihm.‘“
Ferner mag ein Kind den Versuch machen, „Herr“ im Haus zu sein, weil es nicht genau weiß, wer sonst die Autorität besitzt. Seine Eltern mögen sich ständig zanken und streiten. Der Vater schreit, er sei Herr im Haus, worauf die Mutter ihm trotzig sarkastische Worte an den Kopf wirft. Was wird das Kind in einem solchen Fall tun? Es wird die Schwierigkeiten zwischen den Eltern vielleicht ausnutzen, indem es Vater und Mutter geschickt gegeneinander ausspielt. So übt es Einfluß aus und ist in einem gewissen Maß Herr im Haus.
Was tun?
Das Kind mag durch viele Faktoren und Schwierigkeiten in die Lage versetzt werden, Herr im Haus zu sein, doch ist das nicht im Interesse des Kindes. Es ist nicht glücklich, sondern leidet und entwickelt sich anormal.
In einem Bericht aus Israel wurde gesagt: „Das Regiment, das diese jungen Tyrannen in der Familie führen, erfüllt sie offenbar mit Furcht vor der rauhen Wirklichkeit außerhalb des Elternhauses. ... Sie befürchten, niemand zu haben, an den sie sich wenden können, wenn sie in Not sind.“
Wie kann dieses Problem gelöst werden? Durch eine neue Theorie oder ein neues Verfahren eines Kinderpsychologen ist das nicht möglich, sondern lösen kann man es nur, wenn man die Ratschläge anwendet, die vor vielen Jahren in der Bibel schriftlich festgehalten worden sind.
Der Schöpfer gibt unter anderem den Rat, ein Kind als Bestandteil der Familienordnung zu betrachten, in der der Vater das Haupt ist. Doch darf er diese Funktion weder despotisch noch herrisch ausüben, sondern er sollte liebevoll auf Frau und Kinder Rücksicht nehmen (Kol. 3:18-21). Das Kind kann diese Ordnung aber nur erkennen und respektieren, wenn der Vater seine Aufgabe erfüllt. Auch die Mutter sollte immer wieder bekunden, daß sie diese Ordnung achtet und sich ihr auch selbst fügt.
Wie wertvoll es ist, wenn Vater und Mutter bemüht sind, ihre Aufgabe zu erfüllen, zeigen die Folgen, die es hat, wenn das nicht geschieht. In dem Buch Eltern und Kinder von Haim G. Ginott werden Familien erwähnt, in denen der Vater sich vor seiner Aufgabe drückt und die Mutter „die höchste Instanz [ist], auf die man sich in allen wichtigen Angelegenheiten beruft“.
„Offenbar vermeidet es dieser Ehemann, Herr des Hauses zu sein. Er bezeichnet ehrlich seine Frau als den ,Vorstand‘. Wenn die Kinder ihn um einen Entschluß bitten, so lautet seine Antwort gewöhnlich: ,Frag Mutter.‘ Kinder aus solchen Häusern wachsen mit wenig Achtung und Bewunderung für Männer auf. Jungen wie Mädchen sehen beide den Vater durch die Augen der Mutter: einen süßen, nur ,halb-durchbackenen‘ Jungen, einen gutmütigen Tölpel“ (S. 104).
Gottes Wort gibt jedoch den Rat: „Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie weiterhin auf in der Zucht und in der ernsten Ermahnung Jehovas“ (Eph. 6:4). Ja, der Vater ist das Haupt der Familie, und er hat die Pflicht, die Erziehung seiner Kinder zu überwachen und sich auch selbst daran zu beteiligen. Ist das so in eurer Familie?
Ferner zeigt die Bibel, welche wichtige Rolle die Mutter für die Familie spielt. Sie respektiert den Mann als Haupt und unterstützt ihn bei der Kindererziehung. Wir lesen in Sprüche 14:1: „Die wahrhaft weise Frau hat ihr Haus aufgebaut, aber die törichte reißt es mit ihren eigenen Händen nieder“ (vergleiche Sprüche 1:8; 3. Mose 19:3).
Bedeutet das, daß dem Kind keine Möglichkeit gelassen wird, seine Persönlichkeit zu entwickeln oder zu entfalten? Nein, das bedeutet es nicht. Aber wenn die Eltern ihm eine gewisse Verantwortung übertragen und eine gewisse Freiheit lassen, tun sie es in einer Weise, daß das Kind weiß, daß es nicht alles zu bestimmen hat. Die Mutter könnte zum Beispiel, anstatt zu fragen: „Was sollen wir heute nachmittag machen?“, sagen: „Heute nachmittag gehen wir spazieren. Wohin sollen wir gehen?“ So räumt sie dem Kind eine gewisse Entscheidungsfreiheit ein, gleichzeitig aber merkt es, daß es nicht Herr im Haus ist.
Ein wesentlicher Bestandteil
Aber nur wenn Kinder in Zucht genommen werden, lernen sie, daß sie nicht Herr im Haus sind. Manche Eltern sind anderer Meinung — und sicherlich auch viele Kinder. Doch man beachte folgende Äußerung eines Kinderpsychiaters (Wayne Weisner):
„Um aus Kindern gesittete Menschen zu machen, müssen sie in Zucht genommen werden, ja die Kinder wollen das sogar. Sie lassen sich von Eltern, die konsequent und stets gerecht sind, bereitwillig in Zucht nehmen. In der Erziehung müssen sich die Eltern absolut einig sein, denn das Kind merkt es sofort, wenn eine gewisse Uneinigkeit besteht, und sieht darin eine Ermunterung, nicht zu gehorchen.“
Diese Auffassung deckt sich natürlich mit dem, was Gott vor langer Zeit über die beste Erziehungsmethode niederschreiben ließ: „Rute und Zurechtweisung verleihen Weisheit; aber ein sich selbst überlassenes Kind bringt seiner Mutter Schande“ (Spr. 29:15, Menge).
Es gibt viele Familien, in denen die Kinder Herr im Haus sind, ihren Eltern diktieren und alles bestimmen. Aber solche Familien sind nicht glücklich. Weder die Eltern noch die Kinder sind glücklich, ja sie können es auch nicht sein. Das Wort Gottes zeigt deutlich, daß eine Familie nur dann wirklich glücklich ist, wenn der Vater seine Funktion als Haupt erfüllt und die Mutter ihn respektiert und unterstützt. Dann fühlen sich die Kinder geborgen und sicher geleitet. Das aber sind wichtige Voraussetzungen dafür, daß sie sich zu ausgeglichenen, seelisch reifen Menschen entwickeln.