Handarbeiten — Etwas für dich?
Vom „Awake!“-Korrespondenten in Australien
„IN Lettland, wo ich vor vielen Jahren wohnte, hatte ich eine Freundin, die sich darauf verstand, Schafe zu scheren, die Wolle zu spinnen, Tuch davon zu weben und aus dem Tuch ihre eigenen Kleider zu schneidern.“ Beim Erzählen leuchteten Gretes Augen, und man sah ihr an, wie sehr sie die Tüchtigkeit ihrer Freundin bewunderte.
Früher haben die meisten Leute vieles selbst verfertigt. Es gab damals gar keine andere Möglichkeit, als Gebrauchsgegenstände und Kleidung selbst herzustellen. Heute ist das nicht mehr so.
Warum sind Handarbeiten jetzt wieder so beliebt? Manche schätzen Handgefertigtes wegen der Einförmigkeit der Massenartikel. Andere werden durch Handarbeiten an die „gute alte Zeit“ erinnert, als das Leben noch ruhiger und geordneter verlief. Vielen Leuten verschafft das Handarbeiten Freude und Befriedigung — etwas, was in unserer heutigen Industriegesellschaft nicht leicht zu erlangen ist.
Handarbeiten und Erziehung
Manche Pädagogen halten den Handarbeitsunterricht für außerordentlich wichtig. Warum? Im Handarbeitsunterricht lernt der Schüler nicht nur gewisse Fertigkeiten, sondern dieser Unterricht ist auch persönlichkeitsbildend. Der im Handarbeits- oder Werkunterricht angefertigte Gegenstand gilt als zweitrangig, verglichen mit der Entwicklung von Initiative, Phantasie, Wendigkeit, Anpassungsfähigkeit und Kreativität sowie (bei Gruppenarbeiten) von Toleranz, Verständnis und der Weckung der Teamwork-Gesinnung.
Fachleute, die sich mit seelisch Kranken beschäftigen, erkennen auch an, daß die Handarbeit für ihre Patienten therapeutischen Wert hat. Das Handarbeiten befriedigt und vermittelt einem das Gefühl, etwas geleistet zu haben. Es kann auch die Kontaktaufnahme mit anderen erleichtern, weil man sich mit ihnen über die Handarbeit unterhält oder ihnen dabei hilft. Das erfüllt einen mit Genugtuung, weil man sich benötigt fühlt.
Etwas für mich?
Interessierst du dich für Handarbeiten? Wenn ja, für welche? Überdenke deine Situation, ehe du dich dafür entscheidest, mit Handarbeiten zu beginnen. Man darf nicht vergessen, daß man dafür Zeit braucht. Würdest du vielleicht dadurch von wichtigeren Dingen abgelenkt?
Sich mit einer Handarbeit zu beschäftigen hat viele Vorteile. Man freut sich über das, was man mit seinen Händen geschafft hat, und empfindet ein Gefühl der Befriedigung. Viele, die tagtäglich einer Routinearbeit nachgehen, die ihnen keine Möglichkeit bietet, ihre schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten, brauchen das. Handarbeiten ist auch nützlich, weil Gegenstände für Angehörige und Freunde dabei geschaffen werden, die praktisch und dekorativ sind. Ein selbstverfertigtes Geschenk, das auf die Persönlichkeit oder die Bedürfnisse des Empfängers zugeschnitten ist, kann die große Liebe und das Interesse des Schenkenden widerspiegeln. Da Handarbeiten eine Form der Entspannung ist, kann es auch Geist und Leib erfrischen, etwas, was wir alle benötigen. Viele machen lieber eine Handarbeit oder basteln irgend etwas, anstatt passiv vor dem Fernseher zu sitzen.
Wenn du dir überlegst, was für eine Handarbeit für dich in Frage käme, dann berücksichtige auch deine persönlichen Umstände. Wohnst du beispielsweise in einer kleinen Wohnung, wäre es töricht, Ledergerben als dein Hobby zu wählen. Das würde nämlich große Bottiche erfordern sowie reichlich fließendes Wasser. Bevor du dich für eine Tätigkeit entscheidest, bei der es große Unordnung gibt, bedenke auch, daß hinterher das Zimmer wieder in Ordnung gebracht werden muß.
Ideal ist es natürlich, wenn die ganze Familie gemeinsam bastelt. Abgesehen davon, daß die Kinder etwas lernen, wird dadurch die Familie auch enger zusammengeschmiedet.
Ferner muß man die Kosten für die notwendige Ausrüstung und das Material in Erwägung ziehen. Es gibt Handarbeiten, für die man Materialien verwenden kann, die zu Hause herumliegen. Dazu gehört zum Beispiel das sogenannte Patchwork, die Herstellung von Decken und anderem aus Stoff- oder Lederflicken. Müssen Geräte gekauft werden — ein Webstuhl, ein Spinnrad oder eine Töpferscheibe —, so könnten mehrere Personen, die sich für die betreffende Handarbeitssparte interessieren, das gemeinsam tun. Es gibt Handarbeiten, bei denen man außer den eigenen Fingern keine Geräte benötigt, so zum Beispiel bei Makramee. Einschlägige Literatur über Handarbeiten findet man in den meisten Büchereien.
Einige populäre Handarbeiten
Es folgen einige Einzelheiten über populäre Handarbeiten, die du interessant finden magst:
Die TÖPFEREI ist eine uralte und beliebte Kunst. Man kann zu Hause auch ohne Töpferscheibe schöne Sachen verfertigen, indem man aus Tonwülsten Gefäße frei formt. Ein zylindrisches Gefäß (z. B. ein Weckglas) dient der Formgebung; man kann auch Modellierhölzer benutzen oder Gipsformen, in die man den Ton drückt. Ebenso interessant wie das Töpfern ist das Glasieren der getöpferten Gegenstände. Viele ziehen das Glasieren sogar dem Töpfern vor. Das Grundmaterial für die Glasur sind feingemahlene Chemikalien und Mineralien, die ihre Farbe durch Zusatz von Metalloxyden erhalten. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten des Glasierens.
BATIK ist eine Methode, Gewebe bunt zu färben, indem die Stellen im Stoff, die nicht gefärbt werden sollen, mit Wachs überzogen werden. Man kann damit viel experimentieren, und was einem dabei oft Freude macht, ist das überraschende Ergebnis. PLANGI ist ebenfalls eine Färbetechnik, bei der man allerdings durch Falten, Abbinden und Knoten des Gewebes bestimmte Muster erzielt.
MAKRAMEE ist eine faszinierende Knüpftechnik. Mit Hilfe dieser Technik kann man aus irgendwelcher Schnur oder aus starkem Bindfaden mit zwei grundlegenden Knoten viele verschiedene nützliche und dekorative Artikel verfertigen. Die Technik beherrscht man schon nach wenigen Stunden, und dann sind einem keine Grenzen mehr gesetzt, außer durch die eigene Phantasie. Makramee-Arbeiten lassen sich „verschönern“, indem man „Perlen“ aus Kartoffel- oder Möhrenstückchen einfügt. Man schneidet sie auf die gewünschte Form zu und läßt sie in einem warmen Ofen langsam trocknen. Sobald sie ganz trocken sind, werden sie angemalt und in die Arbeit eingefügt.
In den letzten Jahren ist das SPINNEN wieder populär geworden. Es gibt verhältnismäßig billige Spinnräder, die man nur noch fertig zusammenbauen muß. Die Rohwolle erhält man bei einem Schäfer oder in Hobbygeschäften. Für alle, die die Wolle nicht selbst färben möchten, steht auch gefärbte Wolle zur Verfügung. Das Färben der Wolle ist aber an sich sehr interessant, und es gibt viele Rezepte, nach denen man „naturgemäß“ färben kann, zum Beispiel mit Zwiebelschalen, Walnußschalen, Blättern, Borken oder Flechten. Natürlich eignen sich auch viele andere Fasern zum Spinnen. Jemand wurde sogar von dem Besitzer eines Pekinesen gebeten, aus den Haaren des Hundes Garn zu spinnen.
Handarbeiten gibt es für jedes Alter, für jeden Geschmack sowie für die unterschiedlichsten Fähigkeiten. Weitere Beispiele sind die Verfertigung von Schmuckgegenständen, Lederarbeiten, Weben, Klöppeln, Glasritzen, das Anfertigen von Holzrindenbildern, von Mustern mit Nägeln und Faden, Schiffchenarbeit oder Frivolitätenarbeit, Nähen, Stricken, Häkeln, Holzschnitzen, Bauernmalerei, Glasmalerei, Korbflechten und Filetarbeit.
Ein Wort zur Vorsicht
Bei einer Handarbeit, die die Phantasie anregt und das Bedürfnis, kreativ tätig zu sein, befriedigt, besteht natürlich die Gefahr, daß man sich zu sehr hineinsteigert und sich so sehr davon gefangennehmen läßt, daß man wichtigere Dinge vernachlässigt. Und wenn jemand schon ein vollgestopftes Programm hat, wäre es unweise, sich noch mit einer Handarbeit zu beschäftigen, denn dann wäre sie nur eine Last, und das wäre ja nicht der Sinn der Sache.
Wichtig ist auch, daß man ganz sicher ist, welche Handarbeit einem wirklich Freude machen würde, ehe man Geld für eine teure Ausrüstung und für Materialien investiert. Es gibt viele Sets, die es einem ermöglichen, eine Handarbeit auszuprobieren, ehe man Material kauft, das dann liegenbleibt, weil man das Hobby doch nicht betreibt. Zudem mag es nützlich sein, sich mit Personen zu unterhalten, die sich dieser Handarbeit bereits verschrieben haben. Vielleicht geben sie dir Gelegenheit, es mit ihrer Ausrüstung und ihrem Material einmal zu versuchen. Das wird dir die Enttäuschung ersparen, dich mit Dingen einzudecken, die du dann doch nicht benutzt.
Ist Handarbeiten etwas für dich? Das mußt du entscheiden. Denke jedoch daran, daß du vermutlich mehr Freude am Leben hast, wenn du eine Handarbeit beherrschst, und daß sie auch anderen von Nutzen sein kann.