„Ihre Tochter hat Diabetes!“
DIE Wirkung dieser Worte des Arztes werde ich so schnell nicht vergessen. Meine Tochter, Sonya, war damals zehn Jahre alt. Sie hatte nur so vor Gesundheit und Energie gestrotzt — manchmal hatte sie sogar zuviel Energie. Mit fünf Jahren hatte sie das letzte Mal wegen einer Krankheit behandelt werden müssen.
Doch die Tage vor jenem Arztbesuch waren nicht leicht gewesen. Sonya sah nicht gut aus. Sie hatte großen Durst, mußte jedoch gleichzeitig ständig zur Toilette, manchmal sogar alle 15 Minuten. Nachts mußte sie mindestens dreimal aufstehen. Zuerst versuchte ich, die Symptome wegzuerklären — es sei nur eine Blasenentzündung und würde bald besser werden. Aber nach ein paar Tagen kam ich zu dem Schluß, daß Sonya wahrscheinlich ein Antibiotikum benötigte, um die Infektion loszuwerden.
Also gingen wir zum Arzt. Ich erklärte ihm, was sie meiner Meinung nach hatte. Er bat um eine Urinprobe, und mir fiel auf, daß in dem Urin im Becher jede Menge Partikel waren, fast wie kleine Schneeflocken. Auch der Arzthelferin fiel das auf. Der Verdacht wurde durch einen einfachen Bluttest bestätigt: Sonya hatte Typ-1-Diabetes.
Sonya wußte, was das bedeutete. Sie war zwar erst zehn Jahre alt, aber sie hatte in der Schule gelernt, was Diabetes ist. Ihr und mir standen die Angst und das Entsetzen im Gesicht geschrieben. Um Schlimmeres zu verhindern, so sagte der Arzt, müsse Sonya schnell ins Krankenhaus gebracht werden. Er arrangierte alles, damit sie auf die Intensivstation eines Krankenhauses in Portland (Oregon, USA) eingeliefert werden konnte. Sonya war sehr aufgebracht, weil ihr das passierte. Sie wollte nicht ständig Spritzen bekommen müssen, um am Leben zu bleiben. Sie weinte und fragte immer wieder, warum. Ich hatte alle Mühe, meine eigene Bestürzung zu unterdrücken. Dann konnte ich nicht mehr an mich halten. Da saßen wir also im Wartezimmer, eng umschlungen und schluchzend, und flehten Jehova an, uns zu helfen, die Sache durchzustehen.
Die Zerreißprobe im Krankenhaus
Der Arzt gestattete mir noch, mit Sonya nach Hause zu fahren, so daß ich ein paar Sachen holen, meinen Mann Phil anrufen und dafür sorgen konnte, daß jemand unseren Sohn Austin von der Schule abholte. Innerhalb einer Stunde waren mein Mann und ich mit Sonya im Krankenhaus. Man gab ihr sofort Infusionen, um den überhöhten Blutzucker- und Ketonkörperspiegel zu senken.a Das wurde zur Zerreißprobe. Sonya hatte infolge der Dehydratation sieben Pfund Gewicht verloren. Ihre kollabierten Venen waren schwer zu finden. Endlich gelang es der Krankenschwester, und die Aufregung legte sich etwas — vorübergehend. Man drückte uns ein dickes Buch und viele Unterlagen in die Hand, die wir alle durchlesen und verstehen sollten, bevor wir Sonya wieder nach Hause holen dürften.
Ärzte, Krankenschwestern und Diätassistenten gaben sich die Klinke in die Hand. Man zeigte uns, wie man eine Spritze aufzieht und wie wir Sonya die beiden Insulinspritzen geben mußten, die sie von nun an täglich brauchte. Außerdem brachte man uns bei, wie man den Bluttest macht, den Sonya viermal am Tag zur Kontrolle ihrer Blutzuckerwerte durchführen mußte. Es gab so viel zu lernen! Des weiteren mußten wir darüber aufgeklärt werden, wie sie sich in Zukunft zu ernähren hätte. Sie würde stark zuckerhaltige Speisen meiden müssen, und jede Mahlzeit müßte sowohl ihrem Wachstum angepaßt sein als auch die exakte Menge an Kohlenhydraten enthalten.
Nach drei Tagen kam sie aus dem Krankenhaus. Sie ließ sich von mir die Spritzen geben, doch die Blutzuckermessungen führte sie selbst durch. Nach einem Monat wollte sie sich auch das Insulin selbst spritzen, und seitdem macht sie das allein. Es war erstaunlich, zu sehen, wie sie die Krankheit akzeptieren und damit leben lernte. Zuerst wollte sie nur sterben und einfach im Paradies aufwachen, aber dann lernte sie, die Signale ihres Körpers wahrzunehmen, ihre Gefühle einzuordnen, ihre Grenzen zu akzeptieren und ihre Bedürfnisse zu äußern.
Eine Umgewöhnungsphase
Die ersten Monate waren sehr schwierig. Jeder in der Familie hatte mit einer Vielzahl von Gefühlen zu kämpfen. Ich verausgabte mich so sehr, daß ich irgendwann an den Punkt kam, wo ich am liebsten weg wollte. Am schwersten war es, den straffen Zeitplan einzuhalten, vor allem wenn er sich mit den christlichen Zusammenkünften oder unserer Predigttätigkeit überschnitt — ganz zu schweigen von dem täglichen Schulrhythmus und den Ferien. Aber mit Hilfe vieler Gebete lernten mein Mann und ich, uns nicht um das Morgen zu sorgen und unsere neuen Aufgaben zu akzeptieren.
Wir haben einen einmaligen Arzt gefunden, der Spezialist für Endokrinologie ist und uns in unseren Sorgen und Nöten stets zur Verfügung steht und sogar über E-Mail mit uns Kontakt hält. Regelmäßig alle drei Monate gehen wir zur Routinekontrolle in seine Praxis und erhalten so ein Bild von dem Verlauf der Krankheit; dadurch haben wir auch das Gefühl, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Sonya zu helfen.
Verständlicherweise hatte unser Sohn alle Mühe, damit umzugehen, daß man seiner Schwester so viel Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Sowohl Glaubensbrüder aus der Versammlung als auch seine Lehrerin in der Schule erkannten das und halfen ihm, sich zu beschäftigen und zu begreifen, daß die Situation Umstellungen erforderte. Heute ist er eine große Hilfe, wenn es darum geht, ein Auge auf Sonya zu haben. Als Eltern neigten wir manchmal dazu, Sonya gegenüber überfürsorglich zu sein und übertriebene Angst um ihr Wohlbefinden zu haben. Wie wir festgestellt haben, ist der beste Weg zur Bekämpfung dieser Ängste, sich über die Krankheit gut zu informieren und sich ein Bild davon zu verschaffen, was sie im Körper eigentlich bewirken kann.
Wie geht es uns heute?
Wir sprechen oft über Jehovas Verheißungen und darüber, daß bald die Zeit kommt, in der Krankheiten nur noch dunkel in Erinnerung sein werden (Jesaja 33:24). Bis dahin ist es als Familie unser Ziel, Jehova aktiv zu dienen und soviel wie möglich mit anderen über die Segnungen des Königreiches Gottes zu sprechen. Wir bemühen uns auch nach besten Kräften, regelmäßig die Versammlungszusammenkünfte zu besuchen.
Vor ein paar Jahren wurde meinem Mann eine zeitlich begrenzte Arbeit in Israel angeboten. Angesichts Sonyas gesundheitlicher Situation überlegten wir uns sorgfältig, ob wir dorthin ziehen sollten, und wir schlossen die Sache in unsere Gebete ein. Wir kamen zu dem Schluß, daß sich ein solcher Umzug — bei entsprechender Vorbereitung, zu der auch die Frage der richtigen Ernährung für Sonya zählte — möglicherweise sogar vorteilhaft auf unser Glaubensleben auswirken würde. Eineinhalb Jahre lang hatten wir das Vergnügen, zur englischen Versammlung in Tel Aviv zu gehören. Wir lernten eine ganz andere Art des Predigens kennen, und es war eine herrliche, bereichernde Erfahrung für unsere Familie.
Die simplen Worte „Ihre Tochter hat Diabetes!“ haben unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Doch statt uns von Verzweiflung übermannen zu lassen, haben wir die Gesundheit unserer Tochter zu einem Familienprojekt gemacht; wir sind uns dadurch alle noch näher gekommen. Jehova, „der Gott allen Trostes“, hat uns geholfen, die Situation zu meistern (2. Korinther 1:3). (Von Cindy Herd erzählt.)
[Fußnote]
a „Ein unbehandelter Diabetes führt zu einer Ketose, einem erhöhten Gehalt an Ketonkörpern im Blut — Produkte, die beim Fettsäureabbau entstehen; darauf folgt eine Azidose (Anhäufung von Säure im Blut) mit Übelkeit und Erbrechen. Während sich die toxischen Produkte des gestörten Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsels weiter anhäufen, fällt der Patient in ein diabetisches Koma“ (Encyclopædia Britannica).
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Was ist Diabetes?
Unser Körper wandelt Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, in für uns verwertbare Energie um. Diese Funktion ist so wichtig wie die Atmung. Im Magen und im Darm werden die Nahrungsmittel in ihre Grundbestandteile aufgespalten, unter anderem in eine Art Zucker, Glukose genannt. Die Bauchspeicheldrüse reagiert auf Zucker mit der Produktion von Insulin, das dazu beiträgt, daß der Zucker in die Körperzellen gelangt. Der Zucker kann dann in Energie umgewandelt werden.
Leidet jemand an Diabetes, produziert die Bauchspeicheldrüse entweder nicht genug Insulin, oder der Körper kann das Insulin nicht richtig verwerten. Die Folge ist, daß der im Blut befindliche Zucker nicht in die Körperzellen gelangt und daher von ihnen nicht verwertet wird. So heißt es in dem Buch Understanding Insulin Dependent Diabetes: „Der Blutzucker steigt dann auf einen hohen Wert an und wird über die Nieren in den Urin ausgeschieden.“ Diabetiker, die nicht behandelt werden, müssen möglicherweise häufig urinieren und haben auch unter anderen Symptomen zu leiden.
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Typ-1-Diabetes
Dieser Typ Diabetes wurde früher auch als juveniler Diabetes bezeichnet, weil er hauptsächlich bei Kindern und jungen Erwachsenen auftritt. Er kann jedoch in jeder Altersgruppe auftreten. Die Ursache für Diabetes ist zwar nicht ganz geklärt, aber nach dem Dafürhalten einiger spielen bei dem Typ-1-Diabetes verschiedene Faktoren eine Rolle:
1. genetische Faktoren,
2. autoimmunologische Reaktionen (das Immunsystem des Körpers richtet sich gegen körpereigenes Gewebe oder körpereigene Zelltypen — in diesem Fall in der Bauchspeicheldrüse),
3. äußere Einflüsse (zum Beispiel Virusinfektionen, chemische Faktoren).
Es ist möglich, daß Virusinfektionen und andere Faktoren Schäden in den Zellen des Inselorgans anrichten (die Zellgruppe innerhalb der Bauchspeicheldrüse, wo das Insulin hergestellt wird). Je mehr Zellen des Inselorgans zerstört werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Person Diabetes bekommt.
Diabetiker weisen eine Reihe von Symptomen auf:
1. häufiges Urinieren,
2. extremer Durst,
3. häufiger Hunger — der Körper verlangt nach der Energie, die er nicht erhält —,
4. Gewichtsverlust — wenn der Körper nicht in der Lage ist, Zucker in die Zellen aufzunehmen, verbrennt er sein eigenes Fett und Eiweiß, um Energie zu gewinnen, was zu einem Gewichtsverlust führt —,
5. Reizbarkeit, weil der Diabetiker nachts häufig aufstehen muß, um Wasser zu lassen, und infolgedessen sein Schlaf gestört ist; außerdem kann es zu Verhaltensveränderungen kommen.
Beim Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse wenig oder gar kein Insulin. In solchen Fällen muß das Insulin täglich zugeführt werden, gewöhnlich durch Spritzen (oral eingenommenes Insulin wird im Magen zerstört).
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Typ-2-Diabetes
Bei dieser Krankheit, die nicht mit dem Typ-1-Diabetes zu verwechseln ist, produziert der Körper nicht genügend Insulin oder spricht nicht richtig darauf an. Typ-2-Diabetes tritt am häufigsten bei Erwachsenen über 40 Jahren auf und schreitet eher langsam fort. Bei der Entstehung dieser Krankheit spielt zum einen Vererbung eine Rolle, zum anderen wird sie durch eine falsche Ernährung oder Übergewicht oft verstärkt. In vielen Fällen können zumindest anfangs Tabletten eingenommen werden, die die Bauchspeicheldrüse dazu anregen, mehr Insulin zu produzieren. Die Tabletten sind nicht insulinhaltig.
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Mit Diabetes einhergehende Gefahren
Der Körper benötigt Brennstoff, um zu funktionieren. Kann er Glukose nicht verwerten, wendet er sich dem Körperfett und -eiweiß zu. Bei der Fettverbrennung entstehen jedoch Stoffwechselprodukte, die man Ketonkörper nennt. Die Konzentration der Ketonkörper im Blut steigt an, und sie werden über den Urin ausgeschieden. Da diese Ketonkörper im Vergleich zu gesundem Körpergewebe als starke Säuren wirken, kann eine hohe Konzentration an Ketonkörpern zu der gefährlichen Komplikation führen, die als Ketoazidose bezeichnet wird.
Gefährlich wird es für einen Diabetiker auch, wenn der Blutzuckerspiegel unter den Normalbereich fällt (Hypoglykämie). Warnsignale für diese Situation sind unangenehme Symptome. Der Diabetiker fühlt sich möglicherweise zittrig, müde, hungrig und gereizt, er schwitzt oder ist verwirrt, er hat vielleicht einen schnellen Herzschlag, eine eingeschränkte Sehfähigkeit, verspürt Kopfschmerzen, Taubheitsgefühle oder ein Brennen um Mund und Lippen. Er kann auch Krampfanfälle bekommen oder bewußtlos werden. Durch richtige Ernährung und geregelte Mahlzeiten läßt sich dem oft vorbeugen.
Treten die oben erwähnten Symptome auf, kann der Blutzuckerspiegel auf einen ungefährlicheren Wert angehoben werden, indem man sogenannte Einfachzucker zu sich nimmt, vielleicht in Form von Fruchtsäften oder Traubenzucker, bis man etwas anderes essen kann. In schweren Fällen muß Glukagon injiziert werden. Dabei handelt es sich um ein Hormon, das die Freisetzung von Zuckervorräten in der Leber fördert und damit den Blutzuckerspiegel hebt. Die Eltern eines diabetischen Kindes sollten die Schullehrer und gegebenenfalls den Schulbusfahrer oder auch die Tagesmutter über die Krankheit ihres Kindes unterrichten.
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Spätfolgen
Bei Diabetikern können sich Spätfolgen einstellen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenerkrankungen oder häufige Infektionen. Andere Komplikationen können die Augen und die Füße oder Beine betreffen. Derlei Komplikationen werden durch Schäden an den Blutgefäßen und den Nerven und durch die reduzierte Infektabwehr des Körpers verursacht. Allerdings stellen sich nicht bei allen Diabetikern derartige Spätfolgen ein.
Die schädlichen Auswirkungen solcher Spätfolgen können unter Umständen hinausgeschoben oder beschränkt werden, indem man den Blutzuckerspiegel nahe dem Normalbereich hält. Sehr effektiv für die Risikoreduktion ist auch, das Gewicht und den Blutdruck im Normbereich zu halten sowie nicht zu rauchen. Ein Diabetiker braucht viel körperliche Bewegung, muß sich richtig ernähren und sich der vorgeschriebenen medikamentösen Behandlung unterziehen.
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Familie Herd