Sterben die Evangelischen in Deutschland aus?
Von unserem Korrespondenten in der Bundesrepublik Deutschland
EINIGE waren wahrscheinlich bestürzt, als sie im deutschen Fernsehen folgende Worte hörten: „Die evangelische Kirche hat keine Zukunft und wird auch in Zukunft keine Zukunft haben.“ Weit bestürzender war, daß jene Worte in der Heimat von Martin Luther geäußert wurden, dem Urheber dieser Kirche und Vater der Reformation.a
Zugegeben, die evangelische Kirche ist bei weitem die größte protestantische Religionsgemeinschaft in Deutschland, denn gemäß den neuesten Angaben zählt sie immerhin ungefähr 25 Millionen Mitglieder. Und dennoch liegt sie in Trümmern, wofür die Ruine der ausgebombten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in West-Berlin (Titelbild) ein geeignetes Symbol ist.
Im Jahre 1961 waren über die Hälfte aller Deutschen evangelisch, 1970 nur noch 49 Prozent und 1980 noch 46 Prozent. Danach schien es wieder aufwärtszugehen. Eine bundesdeutsche Tageszeitung meldete Anfang 1981: „Nach den Rückschlägen vor einem Jahrzehnt hat sich in der Bundesrepublik Deutschland die evangelische Kirche wieder gefangen. ... Die Kirchenaustritte ... haben ihr bedrohliches Ausmaß verloren.“
Die Mitgliederzahl im Jahre 1984 bewies allerdings, daß dieser Optimismus verfrüht war. Neueren Schätzungen zufolge wird die Kirche innerhalb der nächsten zehn Jahre weitere 4 500 000 Mitglieder einbüßen. Im Jahre 2030 sei höchstens noch ein schwaches Drittel der Bürger im Bundesgebiet evangelisch.
Warum verlassen sie die Kirche?
In der erwähnten Fernsehsendung, die 1986 ausgestrahlt wurde, nannten sieben ehemalige Kirchenmitglieder als Gründe für ihre Verstimmung folgendes: der Widerstand der Kirche gegen den Sport am Sonntag, die Unterstützung kommunistischer Guerilla-Bewegungen mit Kirchengeldern, die Einstellung zur Verteidigungspolitik des Staates, die Entlassung von zwei homosexuellen Pastoren und die Vernachlässigung des Tierschutzes. Jemand anders war verärgert, weil den Mitgliedern die Kirchensteuer direkt vom Verdienst abgezogen wird. Es fiel auf, daß nur zwei von ihnen Gott überhaupt erwähnten. Geht es aber in der Religion nicht vor allem um Gott?
Der führende evangelische Theologe Johannes Hansen betrachtet den Mitgliederschwund zwar als ernst, doch weit besorgniserregender ist für ihn „die wahrhaft desolate religiöse Verfassung der Kirchenmitglieder“. Dieser Verfassung ist es zuzuschreiben, daß der sonntägliche Besuch des Gottesdienstes unter 6 Prozent liegt; in Großstädten sogar noch darunter. Nur jeder vierte Gläubige meint, daß der Gottesdienst und das Bibellesen für einen Christen unerläßlich seien. Acht von zehn Protestanten sagen, es reiche für einen guten evangelischen Christen aus, getauft und konfirmiert zu werden und ein anständiger, zuverlässiger Mensch zu sein. Daher überrascht es nicht, daß die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem gut plazierten Artikel schrieb: „Die Gefahr für die evangelische Kirche stammt nicht aus den Zahlen. Sie kommt aus dem Mangel an geistlicher Kraft.“
Die Kirchenmitglieder, denen es an geistlicher Kraft mangelt, sind gegenüber ihrer Kirche dementsprechend eingestellt. Sie bewundern deren Geschichtsträchtigkeit, rühmen sich ihrer Prachtbauten und nutzen ihre sozialen Angebote. Wenn es aber darum geht, „Gott zu finden“, suchen ihn viele lieber im Waldesrauschen als in der Kirche. Das brachte eine Oberkirchenrätin so weit, daß sie ihren aushäusigen Gläubigen empfahl, sich statt vom Pfarrer doch lieber gleich vom Oberförster beerdigen zu lassen.
„Was anscheinend fehlt“, schrieb vor nicht allzu langer Zeit eine amerikanische Zeitschrift, „ist die Leidenschaft für Gott und seine Wahrheit — ein charakteristisches Merkmal der Ur-Lutheraner.“ Warum sehen viele evangelische Gläubige in ihrer Kirche nur noch einen willkommenen Rahmen für die Taufe ihrer Kinder, die Konfirmation und die Trauung? Warum suchen sie Gott im Waldesrauschen und wenden sich der Kirche erst später wieder zu, wenn sie „würdig“ beerdigt werden möchten? Warum fehlt ihnen die geistliche Kraft?
[Fußnote]
a Um korrekt zu sein, sei gesagt, daß Luther in einem Teil Deutschlands geboren wurde, der heute in der Deutschen Demokratischen Republik liegt, und er verbrachte auch die meiste Zeit seines Lebens dort.