Sansibar — Die „Gewürzinsel“
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN KENIA
UNGEFÄHR 35 Kilometer vor der Ostküste Afrikas liegt die Insel Sansibar. Umspült von den warmen blauen Gewässern des Indischen Ozeans, gesäumt von weißen Stränden und durchzogen von sanften Hügelketten, auf denen sich Palmen im Passatwind wiegen, ist Sansibar wirklich eine malerische Insel. Obwohl verhältnismäßig klein (ihre größte Länge beträgt 85 und ihre Breite knapp 40 Kilometer), spielte Sansibar in der afrikanischen Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle.
Im Laufe von Jahrhunderten haben Perser, Araber, Inder, Portugiesen, Briten, Asiaten, Nordamerikaner und natürlich auch Festlandafrikaner Sansibar besucht. Ein besonders einträgliches Geschäft war damals der Sklavenhandel. Kaufleute und Forschungsreisende wurden auf Sansibar auch mit Nachschub versorgt. Ja, im 19. Jahrhundert durchreisten die meisten europäischen Afrikaforscher diese Insel. Kein Wunder, daß sie schließlich das Tor Afrikas genannt wurde!
Gewürznelken und ihre Verwendung
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verließ Sayid Said, der Sultan von Oman, seine Heimat am Persischen Golf und ließ sich auf Sansibar nieder. Als Herrscher dieser Insel veranlaßte er die arabischen Plantagenbesitzer, statt Kokosnüsse etwas viel Gewinnbringenderes anzubauen: Gewürznelken. Kurz vor seinem Tod wurde der Erlös aus dem Gewürznelkenanbau nur noch von dem Sklaven- und dem Elfenbeinhandel übertroffen. Nach der Abschaffung der Sklaverei wurde Sansibar daher als Gewürzinsel bekannt. Heute ist sie Hauptlieferant für Gewürznelken.
Gewürznelken sind eigentlich die getrockneten Blütenknospen einer immergrünen tropischen Pflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Eugenia caryophyllata. Auf Sansibar wird der Baum im Durchschnitt etwa 9 Meter hoch. Die Blütenknospen werden gewöhnlich geerntet, wenn sie rotbraun sind und eine Länge von ungefähr 1,3 Zentimeter haben. Von einem gesunden Baum kann man bis zu 34 Kilogramm Knospen ernten. Die geernteten Knospen werden in der heißen Tropensonne zum Trocknen ausgelegt.
Wegen ihres angenehmen Geruchs und ihres brennend-kräftigen Geschmacks werden Nelken hauptsächlich als Küchengewürz verwendet. Der Geschmack von Fleisch- und Gemüsegerichten wird oft mit Nelken verfeinert. Man kann auch vier oder fünf leicht zerriebene Nelken mit kochendem Wasser übergießen und erhält so einen würzigen Tee. Und wenn man an einem kalten Wintertag Rotwein erhitzt und ihm einige Nelken beifügt, bekommt man ein anregendes Getränk. Manche Leute verwenden Nelken als Duftspender im Badezimmer, indem sie eine mit etwa zwanzig Nelken bespickte Apfelsine ungefähr eine Woche lang darin hängen lassen. Zahnärzte verwenden Nelkenöl zur örtlichen Betäubung, um Zahnschmerzen zu lindern. Auch bei der Herstellung von Mundwässern und Parfümen werden Gewürznelken verwendet. Kein Wunder, daß diese winzige Insel als Gewürzinsel so berühmt geworden ist!
Die Bevölkerung
Die eigentliche „Würze“ der Insel ist jedoch die einheimische Bevölkerung. Sobald man den Fuß auf die Insel setzt, wird man von den Sansibarern herzlich begrüßt. Sie scheinen ein gemächliches Leben zu führen und nehmen sich Zeit füreinander. Während einer Unterhaltung schütteln sie sich mehrmals die Hände, vielleicht drei- oder viermal innerhalb von zehn Minuten. Auf diese Weise reagieren sie spontan auf eine humorvolle Äußerung.
Besucht man sie zu Hause, so lernt man sie von ihrer wohlbekannten gastfreundlichen Seite kennen. Einem Besucher muß stets das Allerbeste gegeben werden. Kommt er unerwartet während der Essenszeit, so ist es selbstverständlich, daß er sich dazusetzt und sich ebenfalls satt ißt. Diese Gastfreundschaft erinnert an biblische Zeiten. (Vergleiche 1. Mose 18:1-8.)
Die Sansibarer bieten auch ein buntes, fremdartiges Erscheinungsbild. Die Frauen tragen in der Öffentlichkeit den buibui, eine Art Umhang, der sie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt. Darunter mögen sie interessanterweise westliche Kleidung tragen. Die Männer sind mit einem kanzu bekleidet, einem weißen oder pastellfarbenen Gewand. Als Kopfbedeckung tragen sie die kofia, eine mit Litzen besetzte Mütze.
Wenn man durch Sansibars Altstadt, die „Stone Town“, geht, hat man das Gefühl, in die ferne Vergangenheit zurückversetzt worden zu sein. In dem Gewirr von Straßen und Gassen gibt es keine Bürgersteige. Die Türen der unzähligen Läden liegen direkt an der Straße. Einige der vielen Straßenhändler verkaufen kahawa, einen gesüßten, mit Ingwer gewürzten arabischen Kaffee.
Die Schönheit Sansibars läßt sich jedoch weder mit Worten noch durch Bilder auch nur annähernd beschreiben. Ja, Sansibar verdient zu Recht die Bezeichnung „Gewürzinsel“.
[Karte auf Seite 16]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
SANSIBAR
[Bildnachweis auf Seite 17]
Afrikakarte und Karte im Hintergrund: The Complete Encyclopedia of Illustration/J. G. Heck