Braucht die Menschheit wirklich einen Messias?
„HOCHGESTELLTE PERSÖNLICHKEIT SAGT, DIE WELT BRAUCHE EINEN MESSIAS“
Diese Schlagzeile war 1980 in der in Toronto erscheinenden Zeitung The Financial Post zu lesen. Bei der zitierten hochgestellten Persönlichkeit handelte es sich um Aurelio Peccei, Präsident und Gründer einer bekannten Denkervereinigung, des Club of Rome. Wie die Zeitung berichtete, glaubte Peccei, „daß ein charismatischer Führer — in wissenschaftlicher, politischer oder religiöser Hinsicht — für die Welt die einzige Rettung von sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen sei, die die Zivilisation bedrohten“. Wie denkst du darüber? Ist die Welt wirklich in einer solchen Notlage, daß die Menschheit einen Messias braucht? Betrachten wir nur eines der vielen Probleme, denen die Welt sich gegenübersieht — den Hunger.
ZWEI große braune Augen starren uns von einem Bild in einer Zeitung oder Illustrierten an. Die Augen gehören einem Kind, einem kleinen Mädchen, das noch nicht einmal fünf Jahre alt ist. Aber diese Augen bringen uns nicht zum Lächeln. In ihnen schimmert kein kindliches Leuchten, kein fröhliches Staunen, kein argloses Vertrauen. Statt dessen sind sie voll Bestürzung und Weh, voll dumpfem Schmerz, voll verzweifeltem Hunger. Das Kind ist am Verhungern. Nie hat es etwas anderes kennengelernt als Schmerz und Hunger.
Wie vielen anderen auch sind uns solche Bilder vielleicht unangenehm, und so blättern wir schnell weiter. Natürlich ist es uns nicht gleichgültig, aber wir sind deprimiert, weil wir das Gefühl haben, daß für dieses Kind jede Hilfe zu spät kommt. An den ausgemergelten Gliedern und dem aufgedunsenen Leib kann man leicht erkennen, daß der Körper des Mädchens schon damit begonnen hat, sich selbst zu verzehren. Zu dem Zeitpunkt, da wir ihr Bild zu Gesicht bekommen, ist sie wahrscheinlich schon längst tot. Was noch schlimmer ist — wir wissen, daß ihr Fall alles andere als eine Ausnahme war.
Wie weitreichend ist das Problem denn eigentlich? Nun, können wir uns 14 Millionen Kinder vorstellen? Die meisten von uns können das nicht; die Zahl ist einfach zu hoch, als daß man sich einen Begriff davon machen könnte. Stellen wir uns daher einmal ein Stadion mit 40 000 Sitzplätzen vor. Nehmen wir an, es ist bis auf den letzten Platz mit Kindern gefüllt — Reihe für Reihe, Rang für Rang, ein Meer von Gesichtern. Selbst das kann man sich nur schwer vorstellen. Doch brauchte man 350 solche Stadien voller Kinder, um auf die Zahl von 14 Millionen zu kommen. Laut Angaben der UNICEF (Weltkinderhilfswerk der Vereinten Nationen) sterben in Entwicklungsländern jedes Jahr genau so viele Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung und leicht vermeidbaren Krankheiten. Das ist fast jeden Tag ein Stadion voll sterbender Kinder! Wenn man dazu noch die Zahl der hungernden Erwachsenen zählt, kommt man weltweit auf etwa eine Milliarde chronisch unterernährter Menschen.
Warum so viel Hunger?
Auf unserem Planeten wird gegenwärtig mehr Nahrung erzeugt, als die jetzt lebenden Menschen verbrauchen, und es könnte noch mehr Nahrung erzeugt werden. Trotzdem sterben jede Minute 26 Kinder an Unterernährung und an Krankheiten. Während derselben Minute gibt die Welt etwa 2 000 000 US-Dollar für Kriegsvorbereitungen aus. Können wir uns ausmalen, was man mit all dem Geld — oder auch nur mit einem winzigen Bruchteil davon — für die betreffenden 26 Kinder tun könnte?
Der Hunger in der Welt kann offensichtlich nicht einfach auf einen Mangel an Nahrungs- oder Finanzmitteln zurückgeführt werden. Das Problem reicht viel tiefer. Treffend sagte der argentinische Professor Jorge E. Hardoy: „Die Welt als Ganzes leidet unter einer chronischen Unfähigkeit, den Komfort, die Energie, die Zeit, die Ressourcen und das Wissen mit denen zu teilen, die dies dringender benötigen.“ In der Tat sind nicht fehlende Mittel die Wurzel des Problems, sondern der Mensch selbst. Treibende Kräfte innerhalb der menschlichen Gesellschaft sind offenbar Habgier und Selbstsucht. Das wohlhabendste Fünftel der Erdbevölkerung leistet sich sechzigmal mehr Güter und Dienstleistungen als das ärmste Fünftel.
Zugegeben, manche bemühen sich aufrichtig, die Hungernden mit Nahrung zu versorgen, aber meist scheitern ihre Bemühungen an Faktoren, auf die sie keinen Einfluß haben. Von Hungersnot sind oft die Länder heimgesucht, in denen Bürgerkriege oder Aufstände toben, und nicht selten sind es die gegnerischen Parteien, die verhindern, daß die Hilfsgüter die Bedürftigen erreichen. Beide Seiten befürchten, daß sie ihre Feinde ernähren, wenn sie Nahrung zur hungernden Zivilbevölkerung im feindlichen Gebiet gelangen lassen. Selbst Regierungen scheuen sich mitunter nicht, den Hunger als politische Waffe einzusetzen.
Keine Lösung in Sicht?
Leider ist das Problem Millionen Hungernder bei weitem nicht die einzige Krise, die der Menschheit heutzutage zu schaffen macht. Die ungezügelte Zerstörung und Vergiftung der Umwelt, die anhaltende Plage des Krieges, die Millionen Menschenleben verschlingt, die Epidemie an Verbrechen und Gewalttat, die überall Furcht und Mißtrauen erzeugt, sowie das ständig weiter sinkende sittliche Niveau, das offenbar die Wurzel vieler dieser Übel ist — all diese weltweiten kritischen Zustände bestätigen sozusagen mit vereinter Stimme die gleiche, unumstößliche Tatsache: Der Mensch kann sich nicht erfolgreich selbst regieren.
Viele haben fraglos aus diesem Grund die Hoffnung aufgegeben, die Probleme der Welt könnten gelöst werden. Andere empfinden wie Aurelio Peccei, der anfangs erwähnte Italiener. Wenn es denn eine Lösung geben sollte, so ihre Überlegung, dann müßte sie aus einer außergewöhnlichen — vielleicht sogar übermenschlichen — Quelle kommen. Darum findet die Vorstellung von einem Messias großen Anklang. Ist es aber realistisch, auf einen Messias zu hoffen? Oder handelt es sich dabei um bloßes Wunschdenken?
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Titelbild: (oben) U.S Naval Observatory; (unten) NASA photo
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WHO-Foto von P. Almasy
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WHO-Foto von P. Almasy
U.S. Navy-Foto