Quinoa — die bemerkenswerte Wüstenpflanze
Von unserem Korrespondenten in Bolivien
WENIGE Gebiete der Erde stellen einen Bauern vor größere Probleme als der Altiplano in Südamerika. Hier, besonders im trockenen Süden, werden die armen Böden bei Tag versengt, und bei Nacht friert es. Die Niederschläge, die zum Teil nur 200 Millimeter im Jahr erreichen, kommen oft in Form vernichtender Hagelstürme.
Ungeachtet dessen bringt dieses rauhe Land eine Wüstenpflanze hervor, die dazu beitragen könnte, den Hunger in der Welt zu lindern. Diese Pflanze, die Quinoa oder Reismelde genannt wird, ist nicht nur für die Bauern in den Anden von Bedeutung, sondern auch für Forscher in der ganzen Welt. Doch was ist Quinoa? Wie wird sie von den Bewohnern der Anden genutzt? Und welche weltweite Bedeutung könnte sie eines Tages erlangen?
Nahrung, die in der Wüste wächst
Quinoa ist ein blättriges Kraut, das bis zu zwei Meter hoch wird und eine Menge Samenkörner hervorbringt — Samen, die als wertvolles Nahrungsmittel dienen. Es ist eine erstaunlich robuste Pflanze, die selbst in dem rauhen Klima des südamerikanischen Altiplano gedeiht.
Die Bolivianerin Felicidad beispielsweise bebaut Land, das für den Pflug zu steinig ist. Sie kann jedoch Quinoa anbauen, indem sie einfach mit einem Pflanzstock Löcher in den Boden bohrt und Samen hineinsteckt. In wenigen Monaten reift die Quinoa ohne große Pflege heran. Dann steht die Wüste in „Flammen“ — ein Meer von Gelb, Purpur, Grün und Rot. Es gibt etwa 17 Arten von Quinoa, und oft wachsen verschiedene Varietäten zusammen auf einem Feld.
Wenn die Erntezeit da ist, werden die Pflanzen ausgerissen, an der Sonne getrocknet und dann von Hand gedroschen. Jetzt kommt eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft der Quinoa zum Tragen: Sie kann jahrelang gelagert werden, ohne zu verderben. Während langer Trockenzeiten erweist sich Quinoa wirklich als ein Segen. Kein Wunder, daß für die Menschen in jenem Teil Boliviens Quinoa das Hauptnahrungsmittel ist. Doch von welchem Interesse ist sie für die übrige Welt?
Ein ideales, vielseitig verwendbares Nahrungsmittel
Als die Spanier Amerika erkundeten, entdeckten sie eine Reihe von Nahrungsmitteln, die bald an den Tafeln der ganzen Welt beliebt waren: Mais, Kakao, Tomaten, Ananas, Erdnüsse und Kartoffeln. Der Quinoa schenkte man allerdings kaum Beachtung. Obwohl überall in den Anden verbreitet, verschmähten die Spanier Quinoa als die Nahrung der Landbevölkerung. Daher war diese erstaunliche Pflanze bis vor wenigen Jahren kaum bekannt.
Doch in vielen Ländern, die weit von der bolivianischen Wüste entfernt sind, beginnt man nun, den Wert der Quinoa zu schätzen. „Es ist das neueste Getreide in der Stadt“, hieß es im San Francisco Chronicle. „Quinoa, die man sich aus den Küchen der Avantgarde-Restaurants in New York schon nicht mehr wegdenken kann, ist jetzt an beiden Küsten der Renner.“
Der Grund für diese Begeisterung? Wie Ernährungswissenschaftler herausgefunden haben, ist Quinoa arm an Zucker und Stärke, reich an Faserstoffen und ungesättigten Fettsäuren und enthält wichtige Mineralstoffe und Vitamine. Aber das Herausragendste aus der Sicht der Wissenschaftler ist das Protein: Sein Anteil ist nicht nur um 50 Prozent höher als bei Weizen, Hafer, Gerste oder Reis, sondern es ist auch von besserer Qualität. Die Mischung von Aminosäuren ist genau die, die wir brauchen. Zu diesen gehört unter anderem das wichtige Lysin, an dem es pflanzlichen Proteinen im allgemeinen mangelt, das aber reichlich in Fleisch, Fisch und Eiern vorhanden ist. Daher bezeichnen einige Experten Quinoa als das ideale Nahrungsmittel.
Ein weiteres erstaunliches Merkmal sind die vielfältigen Zubereitungsmöglichkeiten. Quinoa hat einen ganz eigenen nußartigen Geschmack. Man kann sie zum Frühstück essen wie die üblichen Getreideflocken, man kann sie roh in den Salat tun, heiß als Beilage zu Fleisch servieren oder süß als Nachspeise. Speziell die Bewohner der Anden haben eine Menge verschiedene Möglichkeiten entdeckt, Quinoa zuzubereiten.
„Ich bin nie ohne Quinoa unterwegs“, sagt ein ehemaliger reisender Prediger der Zeugen Jehovas in den Anden. „Da ich wie alle anderen mit dem Fahrrad fahre, darf mein Gepäck nicht zu schwer sein. Ich nehme immer eine Tasche voll geröstetem Quinoamehl mit. Vermischt mit Wasser, ist es eine nahrhafte Stärkung.“
Rosa, eine Bolivianerin, die in einem Dorf auf dem Altiplano aufgewachsen ist, erinnert sich noch an andere Verwendungsmöglichkeiten für Quinoa. „Mutter machte aus Quinoa, die sie mit einem Stein mahlte, Brot und Gebäck, und oft gab es einfach gekochte Quinoa mit Ei.“ Später zog Rosa in die Stadt und arbeitete jahrelang als Köchin für eine reiche Familie. Rosa machte sie mit einem Gericht bekannt, das bald in der Familie sehr beliebt war: Quinoasuppe. „Man schneidet einige Zwiebeln, Möhren, Dicke Bohnen und etwas Kürbis klein“, erklärt Rosa, „und kocht diese Zutaten dann zusammen mit gewaschenen, ganzen Quinoakörnern in Fleischbrühe, bis die Körner aufplatzen.[a] Nach dem Kochen kann etwas Salz hinzugegeben werden.“
Welches Quinoagericht mögen Rosas eigene Kinder am liebsten? „Tortillas!“ schreit der kleine Sohn. Daraufhin Rosa: „O ja, sie sind leicht zu machen. Man kocht einfach gewaschene Quinoakörner, so wie man Reis kocht, aber ohne Salz. Mit einem Löffel zerrührt man die Körner zu einem Brei und rührt ein Ei, etwas Milch und etwas Weizenmehl darunter. Man kann noch eine Prise Salz und eine Prise Zimt dazugeben. Dann bäckt man die Mischung — jeweils einen Löffel voll — wie Eierpfannkuchen. Hmm, das schmeckt!“
Schlüssel zur Bekämpfung des Hungers?
Hungerhilfsorganisationen glauben, daß Quinoa bei der Eindämmung des Hungers in der Welt eine Schlüsselrolle spielen könnte. Die Pflanze ist widerstandsfähig und kann in unwirtlichen Gegenden ohne teure landwirtschaftliche Ausrüstung angebaut werden. Durch Kreuzungen hat man schon besonders widerstandsfähige Varianten gezüchtet, die gegen Unbilden der Witterung wie Hagelstürme und Frost unempfindlich sind. Außerdem ist Quinoa nahrhaft, wohlschmeckend und kann auf die unterschiedlichste Weise zubereitet werden.
Ob Quinoa etwas zur Lösung des Hungerproblems beitragen wird, muß die Zeit zeigen. Doch vielleicht möchtest du dich erkundigen, ob in deiner Gegend Quinoa erhältlich ist. Mit etwas Phantasie und dem Mut zum Probieren kannst du möglicherweise deinen Speiseplan um ein nahrhaftes Gericht erweitern, eines aus Quinoa — der bemerkenswerten Wüstenpflanze.
[Fußnote]
a Abgepackte Quinoa wird gewöhnlich industriell gewaschen, um die bitteren Hülsen zu entfernen. Die Kochzeit variiert stark und hängt von der Art, von der Behandlung und davon ab, in welcher Höhenlage gekocht wird.