Das Kind eines Froschs
„Das Kind eines Froschs ist ein Frosch.“
Dieses japanische Sprichwort besagt, daß ein Kind genauso wird wie seine Eltern. Meine Mutter war eine Geisha.
ICH wuchs in einem Geishahaus auf, das von meiner Mutter geführt wurde. So war ich von klein auf von wunderschönen Damen in den teuersten Kimonos umgeben. Ich wußte, daß ich, wenn ich älter wäre, mich ihren Reihen anschließen würde. Meine Ausbildung begann 1928 am sechsten Tag des sechsten Monats, als ich sechs Jahre alt war. Die Zahl 666 sollte angeblich den Erfolg garantieren.
Ich erlernte Japans traditionelle Künste — unter anderem Tanzen, Singen, das Spielen von Instrumenten und die Teezeremonie. Jeden Tag nach der Schule rannte ich nach Hause, zog mich um und ging zum Unterricht. Dort traf ich meine Schulkameradinnen wieder, denn unsere Mütter waren alle Geishas. Unser Zeitplan war ausgefüllt, und es machte mir Spaß.
Vor dem Zweiten Weltkrieg endete die Schulpflicht mit 12 Jahren; also fing ich in diesem Alter an zu arbeiten. Als Nachwuchsgeisha war ich in prachtvolle Kimonos gekleidet, deren Ärmel fast bis zum Boden reichten. Es war ein erhebendes Gefühl, als ich meinen ersten Auftrag hatte.
Meine Arbeit als Geisha
Meine Arbeit bestand im wesentlichen darin, Gesellschafterin und Gastgeberin zu sein. Wenn wohlhabende Männer ein Abendessen in einem exklusiven Speiselokal planten, riefen sie gewöhnlich ein Geishahaus an und forderten die Dienste einiger Geishas an. Von den Geishas wurde erwartet, den Abend unterhaltsam zu gestalten und dafür zu sorgen, daß jeder Gast zufrieden und mit dem Gefühl, sich amüsiert zu haben, heimging.
Dazu mußten wir die Bedürfnisse eines jeden Gastes vorausahnen und sie stillen, bevor sich der Gast dessen überhaupt bewußt wurde. Am schwersten war es meiner Meinung nach, sich von einem Augenblick zum andern umzustellen. Wenn die Gäste uns plötzlich tanzen sehen wollten, dann tanzten wir. Wollten sie Musik hören, holten wir unsere Instrumente und spielten die gewünschte Musik oder sangen das gewünschte Lied.
Allgemein herrscht das Mißverständnis, daß alle Geishas teure Callgirls für die High-Society sind. Das ist nicht der Fall. Obgleich es Geishas gibt, die davon leben, daß sie ihren Körper verkaufen, hat eine Geisha es nicht nötig, zu solchen Mitteln zu greifen. Ich weiß das, denn ich habe so etwas nie getan. Eine Geisha ist eine Unterhaltungskünstlerin, und wenn sie gut ist, bringen ihr ihre Fertigkeiten Aufträge, teure Geschenke und großzügige Trinkgelder von den Kunden ein.
Freilich sind nur wenige Geishas so gut, daß sie es bis zur Spitze schaffen. Die meisten beherrschen nur eine der japanischen traditionellen Künste. Ich hatte hingegen Diplome in sieben Kunstbereichen; dazu gehörte der japanische Tanz, das Arrangieren von Blumen, die Teezeremonie, das Spielen der japanischen Trommel, der sogenannten taiko, und das Spielen von drei verschiedenen Musikstilen auf der dreisaitigen shamisen oder Spießlaute. Ohne diese Ausbildung hätte ich vielleicht gedacht, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, müsse ich alles tun, worum die Kunden bitten.
Wenn die Wirtschaftslage in Japan instabil war, entschlossen sich manche Mädchen, eine Geisha zu werden, damit sie ihre Angehörigen finanziell unterstützen könnten. Um ihre Ausbildung und die Kimonos bezahlen zu können, liehen sie sich Geld. Andere wurden von ihren Angehörigen an Geishahäuser verkauft. Die Besitzer, die große Summen bezahlt hatten, forderten das Geld von den Mädchen zurück. Wurde ein Mädchen unter solchen Bedingungen eine Geisha, war sie stark benachteiligt, denn ihre Ausbildung fing spät an und begann mit einem großen Schuldenberg. Viele sahen sich dann zu Unmoral genötigt, um ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.
Meine Dienste wurden von berühmten Leuten aus der Politik, der Sport-, Unterhaltungs- und der Geschäftswelt in Anspruch genommen. Zu meinen Kunden zählten Kabinettsmitglieder und Premierminister. Diese Männer behandelten mich mit Respekt und dankten mir für meine Arbeit. An ihren Gesprächen beteiligte ich mich nicht unaufgefordert, aber mitunter wurde ich nach meiner Meinung gefragt. Darum las ich Zeitungen und hörte täglich Radio, um auf dem laufenden zu sein. Die von mir betreuten Partys wurden oft abgehalten, um Verhandlungsgespräche zu führen, darum mußte ich diskret sein und durfte nichts wiederholen, was ich dort gehört hatte.
Wer ist meine Mutter?
Eines Tages im Jahr 1941 — ich war 19 Jahre alt — wurde ich in ein Speiselokal gerufen, in dem zwei Frauen auf mich warteten. Eine von ihnen eröffnete mir, sie sei meine leibliche Mutter und wolle mich nach Hause holen. Die andere Frau beschäftigte Geishas und bot mir Arbeit an. Ihrer Meinung nach sollte ich mit meiner Arbeit meine leibliche Mutter und nicht meine Adoptivmutter unterstützen. Niemals war mir der Gedanke gekommen, daß die Frau, die mich aufgezogen hatte, nicht meine wirkliche Mutter sein könnte.
Verwirrt lief ich nach Hause und erzählte meiner Adoptivmutter, was passiert war. Sie war ein Mensch, der seine Emotionen immer unter Kontrolle hatte, doch damals stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie sagte, eigentlich habe sie mir erzählen wollen, daß ich als Einjährige in ein Geishahaus gebracht worden war. Nachdem ich die Wahrheit gehört hatte, verlor ich mein Vertrauen zu den Menschen und wurde verschlossen und still.
Ich weigerte mich, meine leibliche Mutter anzuerkennen. Unser kurzes Gespräch hatte mir gezeigt, daß sie von meinem Erfolg gehört hatte und nun wollte, daß ich für sie arbeitete. Ich wußte, in welcher Gegend das Unternehmen ihrer Freundin lag, und konnte daraus schließen, daß die Arbeit dort mit Unmoral zu tun hatte. Ich wollte meine künstlerischen Fähigkeiten verkaufen, aber nicht meinen Körper. Und so war ich damals überzeugt davon — und bin es noch heute —, daß meine Entscheidung richtig war.
Obgleich ich über meine Adoptivmutter verärgert war, mußte ich zugeben, daß sie mich dazu erzogen hatte, meinen Lebensunterhalt selbständig zu verdienen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto stärker wurde das Gefühl, in ihrer Schuld zu stehen. Sie hatte meinen Arbeitsbereich stets sorgfältig und kompromißlos ausgesucht und mich vor Männern bewahrt, die die Dienste einer Geisha nur in unmoralischer Absicht anforderten. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.
Sie lehrte mich auch Grundsätze. Ein Grundsatz, den sie immer wieder betonte, war, daß mein Ja ja bedeuten solle und mein Nein nein. Außerdem lehrte sie mich, Verantwortung zu übernehmen und mich nicht gehenzulassen. Da ich diese Grundsätze befolgte, hatte ich in meiner Arbeit Erfolg. Ich bezweifle, daß meine leibliche Mutter mir auf diese Weise geholfen hätte. Die Adoption hatte mich wahrscheinlich vor einem sehr harten Leben bewahrt, und ich konnte froh sein, daß es so gekommen war.
Inmitten der Kriegswirren ein Sohn
Im Jahr 1943 brachte ich einen Sohn zur Welt. Ganz im Sinn der traditionellen japanischen Kultur, in der der Begriff „Sünde“ nicht akzeptiert wird, dachte ich nicht, etwas Falsches oder Unanständiges getan zu haben. Ich freute mich riesig über meinen Sohn. Er war das Kostbarste, was ich hatte — jemand, für den es sich zu leben und zu arbeiten lohnte.
Tokio wurde im Jahr 1945 heftig bombardiert, und ich mußte mit meinem Sohn aus der Stadt fliehen. Es gab nur wenig zu essen, und er war sehr krank. In all dem Gedränge, das auf dem Bahnhof in der allgemeinen Massenhysterie herrschte, gelang es mir irgendwie, einen Zug zu erklimmen, der Richtung Norden nach Fukushima fuhr. In jener Nacht schliefen wir in einer Herberge; bevor ich meinen kleinen Sohn jedoch in ein Krankenhaus bringen konnte, starb er an Unterernährung und Dehydratation. Er war erst zwei Jahre alt. Ich war völlig am Boden zerstört. Der Heizer in der Herberge äscherte die Leiche meines Sohnes ein — er verbrannte sie in dem Feuer, mit dem er das Badewasser heiß machte.
Kurz danach endete der Krieg, und ich ging nach Tokio zurück. Die Bombenangriffe hatten die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Mein Zuhause war zerstört und auch alles, was ich besessen hatte. Ich ging zu einer Freundin. Sie lieh mir ihre Kimonos aus, und ich fing wieder an zu arbeiten. Meine Adoptivmutter, die Tokio verlassen hatte und nun außerhalb der Stadt wohnte, verlangte von mir, ihr Geld zu schicken und für sie in Tokio ein Haus zu bauen. Durch solche Forderungen fühlte ich mich einsamer denn je. Ich trauerte noch um meinen Sohn und benötigte dringend Trost, aber sie erwähnte das Kind nicht einmal. Sie war nur an sich selbst interessiert.
Familiäre Pflichten
Gemäß der Tradition verdanken wir alles, was wir haben, unseren Eltern und Vorfahren, und deshalb ist es die Pflicht der Kinder, die Eltern dafür zu entschädigen, indem sie ihnen bedingungslos gehorchen und bis zu ihrem Tod für sie sorgen. Ich kam meiner Pflicht nach, aber die Ansprüche meiner Adoptivmutter waren übertrieben hoch. Sie verlangte von mir, daß ich auch die beiden Kinder ihres Bruders, die sie adoptiert hatte, mitversorgte. Bis zum Alter von 19 Jahren hatte ich geglaubt, sie seien meine Geschwister.
Viele Geishas haben nie geheiratet und es vermieden, Kinder zu bekommen. Oftmals adoptierten sie jedoch ein Mädchen aus einer armen Familie und zogen sie sich als Geisha heran — aus dem alleinigen Grund, im Alter finanzielle Unterstützung und ein bequemes Leben zu haben. Leider wurde mir klar, warum mir meine Adoptivmutter all die Fürsorge und die Ausbildung hatte zukommen lassen. Es war ihr nur um ihre künftige finanzielle Sicherheit gegangen.
Ich nahm es hin, obwohl ich mich schon fragte, warum ich neben meiner Adoptivmutter auch meinen „Bruder“ und meine „Schwester“ versorgen mußte, denn beide waren gesund und arbeitsfähig. Dennoch versorgte ich alle drei und tat alles, was sie verlangten. Im Jahr 1954 — es war einen Tag vor ihrem Tod — kniete sich meine Mutter in ihrem Bett hin, verbeugte sich und dankte mir in aller Form. Sie sagte, ich hätte genug getan. Diese einmalige Anerkennung und Dankesäußerung entschädigte mich für meine jahrelange Arbeit. Ich hatte ein befriedigendes Gefühl, weil ich alle meine Pflichten erfüllt hatte, und noch heute kommen mir bei dem Gedanken daran die Tränen.
Für eine Tochter sorgen
Im Jahr 1947 bekam ich eine kleine Tochter, und ich beschloß, hart zu arbeiten, um ihr Wohlstand zu bieten. Jeden Abend ging ich arbeiten. Außerdem spielte ich auf der Bühne an Japans größten Theaterhäusern, wie zum Beispiel am Kabukiza im Geschäftsviertel Ginza. Diese Arbeit wurde ebenfalls gut bezahlt.
Ob ich tanzte oder die shamisen spielte, ich bekam stets die Hauptrolle. Doch obgleich ich einen Erfolg genoß, von dem andere Geishas nur träumen konnten, war ich nicht glücklich. Vielleicht wäre ich nicht so einsam gewesen, wenn ich geheiratet hätte, aber das Leben einer Geisha und die Ehe lassen sich schlecht unter einen Hut bringen. Mein einziger Trost war Aiko, mein kleines Mädchen; sie war der Mittelpunkt meines Lebens.
Normalerweise bildet eine Geisha ihre Töchter, ob leibliche oder adoptierte, gleichfalls als Geishas aus. Zuerst folgte ich dieser Sitte, doch dann dachte ich darüber nach, auf was für ein Leben ich meine Tochter vorbereitete. Würde die Sitte so fortgesetzt werden, würde eine Generation nach der anderen niemals wissen, was es heißt, eine echte Familie zu haben. Diesen Kreislauf wollte ich durchbrechen. Ich wollte, daß Aiko und später ihre Kinder eine Ehe und ein normales Familienleben führten. Ich wollte nicht, daß das Kind dieses Froschs ein Frosch werden würde.
Als Aiko ins Teenageralter kam, war sie nicht mehr zu bändigen. Seit dem Tod meiner Adoptivmutter ein paar Jahre zuvor, waren Aikos einzige Gefährten meine Dienstmädchen gewesen. Sie brauchte unbedingt meine Zeit und meine Aufmerksamkeit. Daher beschloß ich — obwohl ich erst Mitte Dreißig und auf dem Höhepunkt meiner Karriere war —, die Welt der Geishas hinter mir zu lassen und nur noch vorzutanzen und die shamisen zu spielen. Ich tat das Aiko zuliebe. Von da an aßen wir gemeinsam zu Abend, und sie wurde zusehends umgänglicher. Ihr Zeit zu widmen wirkte Wunder.
Schließlich zogen wir in ein ruhiges Wohngebiet, wo ich ein Café eröffnete. Aiko wuchs heran, und ich war froh, als sie Kimihiro heiratete, einen liebenswürdigen Mann, der für das Leben, das ich geführt hatte, Verständnis zeigte.
Die Religion wird zur Streitfrage
Im Jahr 1968 brachte Aiko mein erstes Enkelkind zur Welt. Kurz darauf fing sie an, mit Zeugen Jehovas die Bibel zu studieren. Das überraschte mich, denn wir hatten doch bereits eine Religion. Nachdem meine Mutter, das heißt meine Adoptivmutter, gestorben war, hatte ich in meiner Wohnung einen großen buddhistischen Altar aufgestellt, vor dem ich regelmäßig niederkniete und meine Mutter verehrte. Außerdem ging ich jeden Monat zum Familiengrab, um ihr alles zu erzählen, was sich inzwischen ereignet hatte.
Die Ahnenverehrung stellte mich zufrieden. Ich hatte das Gefühl, meine Pflicht zu erfüllen, indem ich für meine Ahnen sorgte und ihnen meine Dankbarkeit zeigte; Aiko hatte ich genauso erzogen. Daher war ich entsetzt, als sie mir erklärte, sie werde sich an der Ahnenverehrung nicht mehr beteiligen, noch könne sie mich nach meinem Tod verehren. Ich fragte mich, wie ich solch ein Kind hervorbringen konnte und wie sie sich einer Religion anschließen konnte, die die Leute lehrte, so undankbar gegenüber ihren Vorfahren zu sein. In den folgenden drei Jahren war mir, als hinge eine dunkle Wolke über mir.
Der Wendepunkt kam, als sich Aiko taufen ließ und dadurch eine Zeugin Jehovas wurde. Aikos Freundin, eine Zeugin, war überrascht, daß ich bei der Taufe meiner Tochter nicht zugegen war, und sagte Aiko, sie werde mich einmal besuchen. Ich war wütend, aber da gute Manieren mir einfach in Fleisch und Blut übergegangen waren, empfing ich sie freundlich, als sie kam. Aus demselben Grund sagte ich auch nicht nein, als sie erklärte, sie werde in der nächsten Woche wiederkommen. Diese Besuche gingen Woche für Woche weiter und machten mich anfangs so wütend, daß ich zuerst gar nichts von dem, was sie sagte, mitbekam. Mit der Zeit brachten mich die Gespräche jedoch zum Nachdenken.
Ich erinnerte mich an das, was meine Mutter immer gesagt hatte. Sie wollte zwar nach dem Tod verehrt werden, aber sie war sich nicht sicher, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Für die Eltern sei am wichtigsten, so erklärte sie stets, daß ihre Kinder lieb zu ihnen sind und freundlich mit ihnen reden, solange sie noch am Leben sind. Als ich in der Bibel Texte wie Prediger 9:5, 10 und Epheser 6:1, 2 las und feststellte, daß die Bibel ebenfalls dazu ermutigt, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Andere Prinzipien, die meine Mutter mich gelehrt hatte, standen ebenfalls in der Bibel, wie zum Beispiel, daß ein Ja ja bedeuten sollte und ein Nein nein (Matthäus 5:37). Da ich mich fragte, was wohl noch alles in der Bibel steht, stimmte ich einem Bibelstudium zu.
Je mehr Bibelwissen ich mir aneignete, desto mehr schwand das Gefühl der Traurigkeit und der Frustration, das ich die meiste Zeit meines Lebens verspürt hatte. Als ich anfing, die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas zu besuchen, war ich tief beeindruckt. Das war eine ganz andere Welt. Die Leute waren aufrichtig, nett und freundlich; und das sprach mein Herz an. Besonders berührte es mich, als ich lernte, wie barmherzig Jehova ist. Er vergibt liebevoll allen Sündern, die bereuen. Ja, er würde mir alle meine Fehler, die ich in der Vergangenheit gemacht hatte, vergeben und mir helfen, ein neues Leben zu beginnen.
Veränderungen in meinem Leben
Ich wollte Jehova zwar dienen, aber ich war fest in die Unterhaltungswelt eingebunden. Obwohl ich damals bereits eine Mittfünfzigerin war, trat ich nach wie vor auf der Bühne auf. Außerdem war ich in der Zeit, in der Danjuro Ichikawa in dem Stück Sukeroku am Kabukiza spielte, die erste Musikerin und eine der beiden Organisatoren einer Gruppe von shamisen-Musikern. Da nur wenige shamisen-Spieler katoubushi spielen können — die Stilrichtung der Begleitmusik zu Sukeroku —, gab es für mich keinen Ersatz, wenn ich aufhörte. Ich war in einer Zwickmühle.
Ein älterer Zeuge, der ebenfalls eine traditionelle Form der japanischen Unterhaltung ausübte, fragte mich jedoch, wieso ich meinte, damit aufhören zu müssen. „Man muß doch arbeiten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen“, erklärte er. Er führte mir vor Augen, daß ich nichts Schriftwidriges tat und daß ich Jehova dienen und gleichzeitig weiterspielen könne.
Eine Zeitlang spielte ich am Kabukiza, Japans bedeutendstem Theater, weiter. Dann fielen die Vorstellungen auf die Abende, an denen die Zusammenkünfte stattfanden, und ich bat darum, an diesen Abenden ersetzt zu werden. Bald änderten sich jedoch die Versammlungszeiten, und ich konnte sowohl die Arbeit als auch die Zusammenkünfte unter einen Hut bringen. Um die Zusammenkünfte besuchen zu können, mußte ich jedoch oft direkt nach der Vorstellung in ein wartendes Taxi springen und konnte mich nicht entsprechend der Sitte mit den anderen Schauspielern zusammen entspannen. Schließlich beschloß ich, die Arbeit aufzugeben.
Damals waren wir mitten in den Proben für eine sechsmonatige Tournee durch Japans größere Städte. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt erwähnt, daß ich aufhören wollte, hätte das einen riesigen Wirbel verursacht. Darum schulte ich jemand als Nachfolger heran, ohne irgend etwas über meine Absicht verlauten zu lassen. Als die Tournee vorüber war, erklärte ich jedem, der davon betroffen war, daß ich meine Verpflichtungen erfüllt hätte und nun aufhören würde. Manche wurden ärgerlich. Andere beschuldigten mich, eingebildet zu sein und ihnen absichtlich Schwierigkeiten zu bereiten. Es war keine leichte Zeit für mich, aber ich hielt an meiner Entscheidung fest und hörte nach 40 Jahren Schauspielkunst auf zu spielen. Seitdem gebe ich Unterricht im shamisen-Spiel; auf diese Weise habe ich ein kleines Einkommen.
Meiner Hingabe gemäß leben
Ein paar Jahre zuvor hatte ich mich Jehova Gott hingegeben. Am 16. August 1980 ließ ich mich taufen. Heute bin ich von dem Gefühl einer tiefen Dankbarkeit gegenüber Jehova durchflutet. Ich komme mir vor wie die Samariterin, von der in der Bibel in Johannes 4:7-42 die Rede ist. Jesus sprach liebevoll mit ihr, und sie bereute. Ebenso hat Jehova, der „sieht, wie das Herz ist“, mir liebevoll den richtigen Weg gezeigt, und dank seiner Barmherzigkeit konnte ich ein neues Leben anfangen (1. Samuel 16:7).
Im März 1990 wurde ich mit fast 68 Jahren Pionier, wie Jehovas Zeugen Vollzeitprediger nennen. Aiko und ihre drei Kinder sind ebenfalls Pioniere. Sie sind wie ihre Mutter geworden, ganz nach dem japanischen Sprichwort: „Das Kind eines Froschs ist ein Frosch.“ Aikos Mann dient als ein christlicher Ältester in der Versammlung. Ich bin wirklich sehr gesegnet, denn ich bin von meinen Angehörigen umgeben, die alle in der Wahrheit sind, und habe liebevolle Glaubensbrüder und -schwestern in der Versammlung.
So dankbar ich meinen Vorfahren auch bin, mein größter Dank gilt Jehova, der mehr für mich getan hat, als ein Mensch je tun könnte. Insbesondere die Dankbarkeit für seine überströmende Barmherzigkeit und für den von ihm kommenden Trost weckt in mir den Wunsch, ihm bis in alle Ewigkeit zu dienen. (Von Sawako Takahashi erzählt.)
[Bild auf Seite 19]
Als Achtjährige beim Üben
[Bild auf Seite 20]
Meine Adoptivmutter und ich
[Bild auf Seite 21]
Meine Tochter war mein ganzer Stolz
[Bild auf Seite 23]
Vor diesem Familienaltar verehrte ich meine Mutter
[Bild auf Seite 24]
Meine Tochter, ihr Mann, meine Enkel und ich