Ein erfülltes, lohnendes Leben im Dienst Jehovas
VON LEO KALLIO ERZÄHLT
Man schrieb das Jahr 1914. Ein schöner Spätsommertag ging langsam zur Neige, als die Ruhe in unserem Ort, einem Vorort der finnischen Stadt Turku, plötzlich durch die Nachricht erschüttert wurde, ein großer Krieg sei ausgebrochen. Bald wimmelte es auf den Straßen von Leuten, die sich über die Bedeutung der Ereignisse Gedanken machten. Wir Kinder fragten uns, was wohl geschehen werde, weil die Erwachsenen so ernste Gesichter machten. Ich war neun Jahre alt, und ich erinnere mich, daß aus den friedlichen Spielen der Kinder bald Kriegsspiele wurden.
FINNLAND wurde zwar nicht in den Ersten Weltkrieg (1914—1918) verwickelt, 1918 jedoch von einem Bürgerkrieg heimgesucht. Wegen unterschiedlicher politischer Ansichten richteten Menschen, die miteinander verwandt oder vorher befreundet waren, die Waffen aufeinander. Auch unsere siebenköpfige Familie bekam diesen Haß zu spüren. Mein Vater, der mit seiner Meinung nie hinter dem Berg hielt, wurde verhaftet und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Später erließ man ihm die Strafe, aber da war seine Gesundheit schon ruiniert.
Während dieser schrecklichen Zeit litt unsere Familie unter Hunger und Krankheit. Drei meiner jüngeren Schwestern starben. Der Bruder meines Vaters, der in Tampere lebte, erfuhr von unserer Notlage und lud meinen Vater, meine Mutter und uns zwei übriggebliebene Kinder ein, bei ihm zu wohnen.
Ich lebte immer noch in Tampere, als ich Jahre später eine bezaubernde junge Frau namens Sylvi kennenlernte. Sie hatte ähnliches erlebt wie ich. Ihr Vater war im Bürgerkrieg umgekommen, worauf Kaarlo (Kalle) Vesanto aus Pori, ein enger Freund der Familie, Sylvi, ihre Schwester und ihre Mutter bei sich aufnahm. Er besorgte Sylvis Mutter eine Arbeitsstelle und schickte die Mädchen auf eine Schule. Auf der Suche nach Arbeit zog Sylvi später nach Tampere, und dort lernten wir uns kennen.
Ein Abend, der mein Leben veränderte
Im Jahr 1928 verlobte ich mich mit Sylvi, und wir reisten eines Tages nach Pori, um Kalle Vesanto und seine Familie zu besuchen. Kein anderes Erlebnis hat mein Leben so entscheidend beeinflußt wie dieser Besuch. Kalle hatte einen Rennstall besessen und war Trabrennen gefahren, hatte dieses Geschäft aber aufgegeben. Seine Frau und er waren eifrige Verkündiger der guten Botschaft von Gottes Königreich geworden. Im Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1990 wird beschrieben, wie Kalle auf einer Wand seines zweigeschossigen Hauses die Worte „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ anbringen ließ. Die Schrift war so groß, daß man sie selbst von schnell vorbeifahrenden Zügen aus gut lesen konnte.
In jener Nacht unterhielten Kalle und ich uns bis in die frühen Morgenstunden. Ich fragte immer: „Warum? Warum? Warum?“, und Kalle erklärte. Ich lernte die Grundlehren der Bibel buchstäblich über Nacht kennen. Die Bibeltexte, mit denen die verschiedenen Lehren belegt wurden, notierte ich mir. Als ich später wieder nach Hause kam, schrieb ich alle diese Bibelstellen Wort für Wort in ein Notizbuch. In der Bibel kannte ich mich noch nicht so gut aus; deshalb gebrauchte ich das Notizbuch, um meinen Arbeitskollegen auf der Baustelle Zeugnis zu geben. Wenn ich die Irrlehren der falschen Religion als solche bloßstellte, wiederholte ich oft Kalles Worte: „Ihr seid wirklich betrogen worden!“
Kalle gab mir die Adresse von einem kleinen Haus in Tampere, wo sich ungefähr 30 Bibelforscher versammelten. Dort hockte ich mich nahe der Tür in eine Ecke neben Bruder Andersson, dem das Häuschen gehörte. Ich besuchte die Zusammenkünfte ziemlich unregelmäßig, doch das Gebet half mir. Als ich einmal ernste Schwierigkeiten auf meiner Arbeitsstelle hatte, betete ich: „Ich verspreche dir, Gott, jede Zusammenkunft zu besuchen, wenn du mir bitte hilfst, meine Schwierigkeiten zu überwinden.“ Aber alles wurde nur noch schlimmer. Da erkannte ich, daß ich Jehova eigentlich Bedingungen gestellt hatte, und deshalb betete ich von nun an: „Ich verspreche dir, alle Zusammenkünfte zu besuchen, ganz gleich, was passiert.“ Daraufhin ließen meine Schwierigkeiten nach, und ich besuchte die Zusammenkünfte regelmäßig (1. Johannes 5:14).
Unser Dienst in den Anfangsjahren
Sylvi und ich heirateten 1929, und 1934 symbolisierten wir beide unsere Hingabe an Jehova durch die Wassertaufe. Wenn wir in der damaligen Zeit in den Dienst gingen, nahmen wir einen Plattenspieler und mehrere Schallplatten mit und fragten die Leute freundlich, ob wir ihnen kostenlos einen biblischen Vortrag vorspielen dürften. Häufig bat man uns gleich herein, und nachdem sich die Leute den Vortrag angehört hatten, unterhielten sie sich mit uns und nahmen Literatur entgegen.
Mit Genehmigung der Behörden spielten wir die Vorträge auch über Lautsprecher in Parks ab. Und in den Vororten der Städte befestigten wir den Lautsprecher an einem Dach oder einem Schornstein. Ein andermal spielten wir die Vorträge am Seeufer ab, wo sich viele Leute aus der Stadt aufhielten. Wir packten die Lautsprecheranlage einfach in ein Boot und ruderten langsam das Ufer entlang. Sonntags reisten wir oft mit dem Bus aufs Land, ausgerüstet mit unseren kostbaren Plattenspielern und Unmengen an Literatur.
Ein Wechsel, der unseren Glauben auf die Probe stellte
Im Jahr 1938 nahm ich den Vollzeitdienst als Pionier auf, arbeitete aber weiter als Maurer. Im darauffolgenden Frühjahr lud mich das Zweigbüro der Gesellschaft ein, als reisender Aufseher — heute Kreisaufseher genannt — zu dienen. Es fiel mir nicht leicht, diese Aufgabe anzunehmen, denn ich arbeitete gern mit unserer Versammlung in Tampere zusammen. Außerdem hatten wir ein eigenes Haus, unser 6jähriger Sohn Arto sollte bald eingeschult werden, und Sylvi liebte ihre Arbeit als Verkäuferin. Doch nachdem wir uns beraten hatten, nahm ich dieses zusätzliche Vorrecht im Königreichsdienst an (Matthäus 6:33).
Nicht lange danach begann abermals eine schwere Zeit. Am 30. November 1939 marschierten sowjetische Truppen in Finnland ein, und Krieg brach aus. Der sogenannte Winterkrieg dauerte bis März 1940, als Finnland einen Friedensvertrag unterzeichnen mußte. Sogar die Natur schien den Krieg erklärt zu haben, denn jener Winter war mit Abstand der kälteste, an den ich mich erinnern kann. Mit dem Fahrrad fuhr ich von Versammlung zu Versammlung, obwohl das Thermometer auf mehr als 30 Grad unter Null sank.
Im Jahr 1940 wurde das Werk der Zeugen Jehovas in Finnland verboten. Daraufhin wurden viele junge finnische Zeugen ins Gefängnis gesteckt und mußten dort unter unmenschlichen Bedingungen ausharren. Zum Glück konnte ich während des gesamten Zweiten Weltkrieges, von 1939 bis 1945, den Versammlungen dienen. Häufig mußte ich Sylvi und Arto deshalb monatelang allein lassen. Auch stand ich ständig in Gefahr, verhaftet zu werden, weil ich eine ungesetzliche Tätigkeit durchführte.
Ich muß einen eigenartigen Anblick abgegeben haben, wenn ich auf dem Fahrrad saß — beladen mit einem Koffer, einer Tasche voll Literatur sowie einem Plattenspieler und Schallplatten. Die Platten schleppte ich unter anderem deshalb mit, damit ich im Fall einer Verhaftung hätte beweisen können, daß ich kein mit dem Fallschirm abgesprungener Spion der Russen war. Wäre ich ein Fallschirmjäger — so hätte ich argumentieren können —, dann wären die Platten beim Landen ja schließlich zerbrochen.
Als ich allerdings einmal eine Gegend bereiste, in der die Leute vor einem Spion gewarnt worden waren, hielt mich eine Familie von Zeugen Jehovas für einen solchen. In einer dunklen Winternacht klopfte ich an ihre Tür, sie hatten aber Angst, die Tür zu öffnen. Also verbrachte ich die Nacht in der Scheune und vergrub mich im Heu, um nicht zu erfrieren. Am nächsten Morgen erkannten sie, wer ich war, und ich muß sagen, daß mir während der verbleibenden Zeit meines Besuchs in diesem Haus außergewöhnliche Gastfreundschaft erwiesen wurde.
In den Kriegsjahren besuchten nur Bruder Johannes Koskinen und ich die Versammlungen in Mittel- und Nordfinnland. Jeder von uns war für ein riesiges Gebiet von etwa 600 Kilometern zuständig. So viele Versammlungen waren zu besuchen, daß wir nur zwei oder drei Tage in jeder Versammlung bleiben konnten. Die Züge fuhren selten nach Fahrplan, und wenn überhaupt einmal ein Bus fuhr, war er überfüllt — ein Wunder, daß wir immer unser Ziel erreichten!
Mit knapper Not entkommen
Zu Anfang des Winterkrieges reiste ich einmal zum Zweigbüro nach Helsinki und holte vier schwere Kartons voll Literatur ab, die ich mit dem Zug zu den Versammlungen befördern wollte. Wir befanden uns gerade am Bahnhof Riihimäki, da wurde Luftalarm gegeben. Die Soldaten im Zug zogen ihre Schneeanzüge an, und die Fahrgäste wurden angewiesen, sofort den Zug zu verlassen und sich zu einem unbebauten Grundstück gegenüber dem Bahnhofsgebäude zu begeben.
Ich bat die Soldaten, meine Kartons zu tragen, weil der Inhalt ungemein wichtig sei. Vier Soldaten nahmen je einen Karton, und wir rannten etwa 200 Meter weit über ein schneebedecktes Feld. Dann warfen wir uns zu Boden, und jemand rief mir zu: „He, Sie Zivilist! Keine Bewegung! Wenn die Bomber die geringste Bewegung entdecken, werden sie auf uns zielen!“ Ich war aber neugierig, und als ich vorsichtig meinen Kopf drehte, um zum Himmel zu schauen, konnte ich 28 Flugzeuge zählen.
Plötzlich erzitterte die Erde unter der Detonation der Bomben. Zwar blieb das Bahnhofsgebäude unbeschädigt, doch der Zug, mit dem wir gekommen waren, wurde getroffen. Welch ein groteskes Bild gaben doch der zerstörte Zug und die verbogenen Schienen ab! Am darauffolgenden Morgen konnte ich meine Reise mit meinen Kartons fortsetzen, und die Soldaten bestiegen einen anderen Zug. Einer von ihnen wurde nach dem Krieg ein Zeuge Jehovas und erzählte mir, die Soldaten hätten sich noch lange über den eigenartigen Zivilisten mit seinen Kartons unterhalten.
Einige Zeit später wurde Bruder Koskinen, als er auf dem Weg zu der kleinen Versammlung in Rovaniemi in Nordfinnland war, noch bevor er den Zug verlassen konnte, verhaftet. Man warf ihn ins Gefängnis und mißhandelte ihn schwer. Als ich an der Reihe war, die gleiche Versammlung zu besuchen, stieg ich schon an dem kleinen Bahnhof Koivu aus. Dort hatte Schwester Helmi Pallari dafür gesorgt, daß ich den restlichen Weg in einem Milchwagen mitfahren konnte. Mein Besuch in der Versammlung Rovaniemi verlief erfolgreich. Bei meiner Abreise allerdings geriet ich in Schwierigkeiten.
Auf dem Weg zum Bahnhof stießen mein Begleiter und ich auf zwei Militärpolizisten, die die Papiere aller Passanten kontrollierten. „Schau sie gar nicht an, schau immer nur geradeaus“, sagte ich zu meinem Begleiter. Wir gingen an ihnen vorbei, als ob sie überhaupt nicht existierten. Dann rannten sie uns nach. Im Bahnhof konnte ich schließlich in der Menge untertauchen und auf einen abfahrenden Zug aufspringen. Ja, der Reisedienst in jenen Tagen war alles andere als langweilig!
Einmal wurde ich verhaftet und vor die Musterungskommission gebracht. Man wollte mich an die Front schicken. Plötzlich klingelte aber das Telefon, und der Offizier, der im Begriff war, mich zu befragen, nahm den Hörer ab. Ich hörte, wie eine Stimme am anderen Ende der Leitung schrie: „Warum zum Kuckuck schickt ihr uns immer kranke Männer, die wir nicht gebrauchen können! Uns bleibt nichts anderes übrig, als sie zurückzuschicken. Wir brauchen Männer, die anpacken können!“ Zum Glück hatte ich ein Attest dabei, das mir eine bestimmte Krankheit bescheinigte. Ich legte es vor, und daraufhin ließ man mich gehen, so daß ich ohne Unterbrechung meinen Dienst für die Versammlungen fortsetzen konnte.
Hilfe bei einem Gerichtsverfahren
Die Kriegshysterie hielt unvermindert an, und mein Freund Ahti Laeste wurde verhaftet. Seine Frau rief mich an. Als ich sie besuchte, fand ich bei seinen Unterlagen ein von der Ortspolizei ausgestelltes Dokument, wonach es Ahti erlaubt war, in den öffentlichen Parks der Stadt Schallplatten mit Vorträgen abzuspielen. Wir nahmen das Dokument mit zur Verhandlung. Nachdem die Anklage verlesen worden war, gab ich Bruder Laeste das Dokument. Der Richter ließ einen Soldaten einen Plattenspieler und mehrere Schallplatten mit biblischen Darbietungen holen, die sich das Gericht anhören wollte. Als der Richter sich alle Darbietungen angehört hatte, sagte er, er habe an dem, was gesagt wurde, nichts zu beanstanden.
Anschließend wurden Ahti, seine Frau und ich aus dem Saal geschickt, und wir mußten auf dem Flur die Entscheidung des Gerichts abwarten. Gespannt standen wir da. Schließlich hörten wir eine Stimme rufen: „Wir bitten den Angeklagten hereinzukommen.“ Bruder Laeste wurde freigesprochen. Wir waren Jehova wirklich von ganzem Herzen dankbar und setzten unsere Tätigkeit fort — Bruder und Schwester Laeste in ihrer Ortsversammlung und ich im Reisedienst.
Der Krieg geht zu Ende — unser Dienst geht weiter
Bei Kriegsende wurde das Verbot unserer Tätigkeit aufgehoben, und man entließ die Brüder aus dem Gefängnis. Während all der Jahre in meinem Dienst war ich immer wieder höchst beeindruckt von der Rolle, die christliche Frauen im Königreichswerk spielten, sowie davon, wie sie ihre Männer unterstützten. Besonders dankbar bin ich für die Opfer, die Sylvi gebracht hat, und für ihre Unterstützung. So konnte ich 33 Jahre ohne Unterbrechung im Reisedienst stehen und anschließend als Sonderpionier dienen.
Sylvi und ich ermunterten Arto, nach Abschluß seiner Schulausbildung den Pionierdienst aufzunehmen, Englisch zu lernen und die Wachtturm-Bibelschule Gilead in den Vereinigten Staaten zu besuchen. Er absolvierte die Gileadschule 1953. Danach heiratete er Eeva, und beide waren in verschiedenen Zweigen des Vollzeitdienstes tätig, unter anderem im Reisedienst, im Betheldienst und im Sonderpionierdienst. 1988 sind sie nach Tampere gezogen, wo wir wohnen, damit sie sich um Sylvi und mich kümmern können; sie dienen weiter als Sonderpioniere.
Sylvi und ich können auf ein erfülltes und gesegnetes Leben zurückblicken, und wir haben viele schöne Erinnerungen, die uns stärken, obwohl unsere Kraft sehr nachgelassen hat. Am lohnendsten ist es, über das Wachstum nachzudenken, das wir erleben durften. Als ich 1939 anfing, die Versammlungen zu besuchen, gab es in Finnland 865 Königreichsverkündiger — heute sind es über 18 000!
Ich hätte mir 1938, als ich den Vollzeitdienst aufnahm, nicht träumen lassen, daß ich mich 55 Jahre später immer noch daran beteiligen würde. Wenn wir auch an Jahren fortgeschritten sind, gehen wir doch in der Kraft Jehovas weiter voran und freuen uns auf die verheißene Belohnung. Wir vertrauen auf die Worte des Psalmisten: „Jehova ist gut; seine liebende Güte währt auf unabsehbare Zeit und seine Treue für Generation um Generation“ (Psalm 100:5).
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Leo und Sylvi Kallio symbolisierten 1934 ihre Hingabe an Jehova
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Dieses kürzlich aufgenommene Bild zeigt Leo und Sylvi nach fast 60 Jahren treuen Dienstes