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  • Kambodscha — Einen Alptraum überleben
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Erwachet! 1987
g87 22. 2. S. 13-19

Kambodscha — Einen Alptraum überleben

Von Khem Sou erzählt

VIELE Jahre herrschte in Kambodscha (oder Kamputschea) Frieden. Dann riß im Jahre 1970 Generalleutnant Lon Nol die Macht an sich. Daraufhin erhoben sich die Khmer Rouge oder Rote Khmer genannten Kommunisten zum Aufstand. Lon Nol bot alle Kräfte des Landes auf, um die Kommunisten zu bekämpfen.

Damals studierte ich an der Universität Phnom Penh Jura und Medizin und betätigte mich auch schriftstellerisch. Mein erstes Buch, „Tränen der Waisenkinder“, schrieb ich bereits mit 15 Jahren. Es setzte sich hauptsächlich aus einer Sammlung von Tagebüchern zusammen, die ich seit meinem achten Lebensjahr geführt hatte. Das Buch verkaufte sich sehr gut, und da ich das Geld nicht brauchte, stiftete ich den Gewinn einem Waisenhaus.

An der Universität war ich als Schriftsteller, Textdichter und Sänger bekannt. Insgesamt schrieb ich etwa 20 Bücher und viele Songs. Meine schriftstellerische Neigung ist wahrscheinlich auf den Einfluß meiner Mutter zurückzuführen, die als Professorin an der Universität Phnom Penh französische Literatur lehrte. Nach ihrem Wunsch sollte ich Jurist werden.

Als aber Lon Nol zum Kampf gegen die Kommunisten mobil machte, mußte ich mein Studium abbrechen und mich entscheiden, ob ich zum Militär oder zur Polizei gehen wollte. Mein Stiefvater war zwar ein angesehener General, doch ich hatte mit dem Militär nichts im Sinn. So ging ich zur Polizei, und 1973 hatte ich es im Alter von 22 Jahren zum Oberleutnant gebracht.

Während meines Dienstes bei der Polizei wurde ich immer unzufriedener mit meinem Leben. Dies bewog mich, ein Buch zu schreiben mit dem Titel „Das Leben hat keinen Sinn“. Traurigerweise war ich zu diesem Urteil gelangt, nachdem ich mich eingehend mit dem Buddhismus und einer Reihe französischer Philosophien befaßt hatte. Auch meine Tätigkeit als Polizist und Schriftsteller hatte dazu beigetragen.

Kindheit und Jugend

Als Kind lebte ich bei meiner Großmutter, einem Onkel und zwei Tanten. Später heiratete meine Mutter wieder, und so kam ich mit 12 Jahren schließlich zu meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinen beiden Schwestern.

Meine Großmutter erzog mich im buddhistischen Glauben. Im Alter von 10 Jahren wurde ich für drei Monate zur religiösen Unterweisung in ein Kloster geschickt. Außerhalb des Klosters, so bemerkte ich, gingen die Mönche mit gesenktem Kopf umher und erschienen wie die Sanftmut selbst, aber drinnen verging kein Tag, ohne daß sie miteinander stritten.

In unserer Pagode befand sich ein kleiner goldener Buddha, der von Zeit zu Zeit nicht an seinem Platz stand. Wo war er dann? Die Mönche behaupteten, die Statue könne fliegen und besuche verschiedene Pagoden in der näheren Umgebung. Eines Tages legte ich mich auf die Lauer und beobachtete, daß ein Mönch die Statue wegnahm und sie versteckte. Es beunruhigte mich, daß die Mönche einen solchen Betrug verübten. Als ich meiner Großmutter davon erzählte, wurde sie sehr ungehalten über mich, da sie sich ihren Glauben an die fliegende Statue nicht nehmen lassen wollte.

Nachdem ich das Kloster verlassen hatte, nahm mein Unglaube noch zu. Der Religionslehrer sagte uns sogar, daß der Buddhismus in viele sogenannte „Schulen“ unterteilt sei und daß er nichts weiter sei als eine Philosophie. Ich wandte mich den Lehren verschiedener französischer Philosophen zu in der Hoffnung, eine Antwort auf meine Fragen über das Leben zu erhalten. Doch dadurch stiegen in mir nur noch mehr Zweifel an der Existenz Gottes auf. Was sollte ich glauben? Ich wußte es nicht, fragte mich aber immer wieder, wofür ich überhaupt lebte.

Das Ende der Regierung Lon Nol

In den Jahren 1973 und 1974 nahmen die Unruhen des Krieges zu, und Menschen aller Lebensbereiche wurden wegen der Ungerechtigkeiten, die sie beobachteten, immer unzufriedener. Da ich als Polizist kaum etwas gegen die Mißstände tun konnte, versuchte ich es in meiner Eigenschaft als Schriftsteller. Ich schrieb einen sozialkritischen Roman mit dem Titel „Der Himmel ist finster“.

Das war mein letztes Buch. Ich wurde deswegen eingesperrt. Man verurteilte mich zu zwei Jahren Gefängnis, doch dank meiner Blutsverwandtschaft mit der königlichen Familie und mit einem kambodschanischen Botschafter in einem benachbarten asiatischen Land wurde ich schon nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Der Botschafter hatte seinen Einfluß zu meinen Gunsten geltend gemacht.

Natürlich zog ich die Freiheit der Haft vor, aber ich fühlte mich nicht wirklich frei. Das Establishment, das jedem seine Denk- und Handlungsweise aufzuzwingen versuchte, war mir fast ebenso zuwider wie das Gefängnis. Mir erschien das Leben in der Hauptstadt Phnom Penh, meinem Geburtsort, so unnatürlich. Ich hatte die korrupte, materialistische und vergnügungssüchtige Gesellschaft satt und wollte fort. Da ich nicht länger bei der Polizei bleiben wollte, schied ich aus dem Dienst aus.

Bald darauf zog ich in die Provinz Pailin an der thailändischen Grenze. Um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete ich bei einer Firma, die Edelsteine abbaute. Das Landleben sagte mir mehr zu, doch ich konnte es nicht lange genießen. Das lag daran, daß die kommunistischen Roten Khmer im April 1975 in Phnom Penh einmarschierten, Lon Nol vertrieben und sogleich versuchten, eine völlig neue Gesellschaftsordnung aufzurichten.

Zu diesem Zweck mußten sich alle Beamten, die unter dem ehemaligen Regime gedient hatten, melden. Sie sollten zu einer Umschulung in besondere Lager geschickt werden. Ich meldete mich nicht, weil ich nicht wieder zur Polizei wollte. Dies rettete mir das Leben. Später erfuhr ich, daß mit „Umschulung“ in Wirklichkeit Hinrichtung gemeint war. Alle, die sich gemeldet hatten, wurden exekutiert.

Eine Zeit des Schreckens

Gemäß Schätzungen wurden in den folgenden Monaten ein bis zwei Millionen Kambodschaner hingerichtet. Ich sah mit eigenen Augen Exekutionen, Massengräber sowie Flüsse und Seen, die buchstäblich rot von Blut waren und auf denen Unmengen von Leichen trieben. Familien wurden auseinandergerissen und aus ihren Häusern und von ihrem Land vertrieben. Eine Revolution ohnegleichen in der Geschichte des Landes wischte die über zweitausend Jahre alte kambodschanische Tradition hinweg. Kein Kambodschaner hätte solche radikalen Veränderungen je für möglich gehalten.

Beunruhigt und voller Schrecken fragte ich mich, ob es überhaupt einen Sinn habe, in einer so unmenschlichen Gesellschaft zu leben. Ich beschloß, in ein fremdes Land zu fliehen. Die Roten Khmer waren bereits auf der Suche nach mir; ich stand auf der schwarzen Liste. Seit ich aus dem Polizeidienst ausgeschieden war, lebte ich unter einem Decknamen, was ihnen die Suche erschwerte. Da ich aber als Textdichter und Schriftsteller bekannt war, wußten viele Leute, wer ich war, und nannten mich bei meinem richtigen Namen. Mir wurde bewußt, daß ich mich in großer Gefahr befand.

Dennoch fiel mir die Entscheidung, nach Thailand zu fliehen, keineswegs leicht. Welches Regime auch immer an der Macht war, ich liebte meine Heimat nach wie vor. Auch wußte ich, daß ich, wenn ich das Land verließ, nie damit rechnen durfte, zurückzukehren, um meine Eltern, meinen Bruder und meine Schwestern wiederzusehen. Abgesehen davon, bestand keine Möglichkeit, Fluchtwege nach Thailand zu ermitteln. Fragen konnte ich niemanden. Ich hatte den Leichnam eines Mannes gesehen, den man erschossen und auf dem Boden liegen gelassen hatte, weil bekanntgeworden war, daß er aus dem Land fliehen wollte.

Flucht und Glaube an Gott

GENAU zwei Monate nach der Machtübernahme durch die Roten Khmer unternahmen ein anderer Mann und ich einen Fluchtversuch. Doch wir verirrten uns und mußten zurückkehren. Ich gab aber nicht auf. Wenige Tage später brach ich mit einem ehemaligen Kollegen von der Polizei auf. Später schlossen sich uns sieben weitere an, darunter befand sich ein dreijähriges Kind.

Im Dschungel ließ uns das Gebrüll der Tiger das Blut in den Adern gerinnen. Noch furchtbarer als Tiger und Giftschlangen waren jedoch die Anhänger der Roten Khmer, die auf der Suche nach Flüchtlingen ständig den Dschungel durchkämmten. Ab und zu sahen wir einige. Das leiseste Geräusch hätte ihre Aufmerksamkeit erregt und für uns den Tod bedeutet. Zeitweise raubte uns die Angst den Schlaf.

Am dritten Tag unserer Flucht dachten wir irrtümlich, wir hätten die Grenze überschritten. Wir waren so glücklich, daß wir all unseren Reis kochten und aufaßen. Das war ein schwerer Fehler! In den nächsten vier Tagen hatten wir nichts mehr zu essen. Unsere Hoffnung schwand, und unsere Kräfte ließen nach. Doch plötzlich entdeckten wir eine Gruppe Affen, die von Baum zu Baum sprangen und Bananen bei sich trugen. Da wir so hungrig waren, „baten“ wir die Affen um die Bananen. Und man kann es glauben oder nicht — einer der Affen ließ eine Banane fallen! Dann folgten die anderen seinem Beispiel, und wir erhielten insgesamt 20 Stück.

Die aufregenden Ereignisse des Tages ließen mich in jener Nacht nicht zur Ruhe kommen. Ich schaute zu dem wolkenlosen Himmel auf und betrachtete den Vollmond am tiefblauen, samtenen Firmament. Myriaden von Sternen leuchteten. Jene Nacht sollte mir unvergeßlich bleiben.

Seit einiger Zeit schon beschäftigten mich Fragen über die Existenz Gottes. Wenn ich all die wunderbaren und wohldurchdachten Vorgänge in der Natur beobachtete, fragte ich mich, warum wir Menschen die Ehre dafür nicht einem weisen Schöpfer geben sollten. Während ich die Schönheit jener Nacht bewunderte, drängte es mich zu beten. In dem Bewußtsein, daß Gott irgendwo weit über dem Himmelsgewölbe weilen müsse, blickte ich zum Himmel und betete zum erstenmal in meinem Leben wirklich von Herzen, so vertraulich, als würde ich mit meinem eigenen Vater sprechen. Dieses Gebet erwies sich als entscheidender Wendepunkt in meinem Leben.

Nachdem ich Gott mein Herz geöffnet hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich gelangte zu der Überzeugung, daß Gott existiert und daß das Leben einen Sinn hat. Ich kam zu dem Schluß, daß alle Vorgänge in der Natur von intelligenter Planung zeugen. Sollte dann nicht der Urheber dieser bedeutsamen Naturgesetze den Menschen zu einem bestimmten Zweck erschaffen haben?

Als nächstes stellte sich mir die Frage: Da Gott offensichtlich die Macht und die Weisheit besitzt, dem menschlichen Leid ein Ende zu machen, warum hat er dann bisher so viel Elend zugelassen? Auch wollte ich wissen, in welcher Religion der wahre Gott angebetet wird. Die Suche nach Antworten auf diese brennenden Fragen sollte nun in meinem Leben Vorrang haben. Ich konnte nicht glauben, daß Gott so lieblos sei und dem Menschen die Antworten vorenthalten würde.

Während wir uns weiter durch den Dschungel kämpften, dachte ich über meine Mutter nach. Sie hatte sich ein wenig für das Christentum interessiert. Oft hatten wir zu Hause Missionare aus Frankreich zu Gast. Manchmal sprach meine Mutter mit mir über die seltsame Religion, deren Anhänger kein Blut zu sich nahmen. Sie sprach auch von einer „guten Botschaft“, die von gerechten, ja sogar paradiesischen Zuständen handelte, die Gott herbeiführen würde. Damals hatte ich kein Wort davon geglaubt. Aber jetzt fragte ich mich: „Habe ich überhaupt Gründe für meine Skepsis? Ist meine Mutter nicht eine intelligente Frau, die den Dingen auf den Grund geht und alles genau überprüft?“ Ich war nun wißbegierig. Doch zunächst mußte ich lebend aus Kambodscha herauskommen.

Ich trug lediglich einen Sarong, war also nur dürftig bekleidet. Meine nackten Füße und Beine schwollen stark an. Wir waren alle erschöpft und halb verhungert. Um am Leben zu bleiben, kauten wir Blätter von Bäumen. Am zehnten Tag unserer Flucht mußten wir einen Berg hinaufklettern. Wir hielten die Gegend, die wir von dort oben aus überschauten, für Thailand. Als wir den Berg hinabgestiegen waren, trafen wir auf eine Hütte, aus der es nach verwestem Fleisch stank. Drinnen lagen eine halbverweste Leiche und ein Skelett. Um die Hütte herum entdeckten wir die verräterischen Fußspuren der Roten Khmer. Von Panik ergriffen, flohen wir. Wir waren also noch nicht in Sicherheit. Dies müssen die Überreste von Personen gewesen sein, die versucht hatten, aus Kambodscha zu entkommen.

Schließlich stießen wir auf einen Fluß, den wir für die Grenze hielten. Etwa 30 Meter stromabwärts war allerdings ein Wasserfall. Zwischen meinem Freund und mir brach ein Streit aus. Wegen des Risikos bestand er darauf, daß nur Erwachsene versuchen sollten, den Fluß zu überqueren. Doch ich hörte nicht auf ihn, sondern wartete die Dunkelheit ab, band mir das kleine Mädchen auf den Rücken und schwamm los. Das Wasser war tief, und ich ging unter, aber schließlich schaffte ich es. Wir waren alle ans andere Ufer gelangt!

Am nächsten Tag kamen wir auf dem Weg in ein Dorf an Maisfeldern vorbei. Um unseren Hunger zu stillen, aßen wir den rohen Mais. In der Nähe befand sich eine kleine Hütte, in der wir eine Streichholzschachtel fanden. Die Aufschrift verriet, daß sie in Thailand hergestellt worden war, nicht in Kambodscha. Unsere Freude war unvorstellbar groß. Das war der Beweis! Wir waren in Thailand!

Wie wunderschön uns die Berge und die Flüsse doch nun erschienen! Kurz darauf bekam ich hohes Fieber und erlangte erst nach drei Tagen das Bewußtsein wieder. Anscheinend hatte ich mir im Dschungel Malaria zugezogen. Trotzdem hielten wir uns für die glücklichsten Menschen der Welt.

Den Sinn des Lebens finden

IN Thailand waren wir mit 200 anderen Kambodschanern in einem Flüchtlingslager untergebracht. Dort hatte ich die Möglichkeit, mit einem Vertreter der „Children of God“ („Gotteskinder“), einer protestantischen Glaubensgemeinschaft, die Bibel zu betrachten. Diese Gruppe erkannte mein Interesse am Christentum und wollte mich an Ort und Stelle taufen. Ich ließ mich aber nicht darauf ein, denn es fehlte mir immer noch an innerer Überzeugung. Viele Kambodschaner ließen sich gleich taufen, da man ihnen nachher Kleidung gab.

Von den „Children of God“ erhielt ich eine Bibelübersetzung in meiner Muttersprache. Ich erkannte, daß Jehova der persönliche Name Gottes ist und daß dieser Gott, der sich den Juden des Altertums auf besondere Weise offenbarte, auch der Gott der Christen ist. Diesen Gott wollte ich besser kennenlernen.

Im Dezember 1975, nach fünf Monaten Aufenthalt in Thailand, wanderte ich mit der Hilfe des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz nach Österreich aus. Zunächst kam ich in ein Flüchtlingslager, wo ich anfing, Deutsch zu lernen. Sechs Monate später zog ich nach Linz und mietete mir dort eine Wohnung. Abends lernte ich Deutsch, und tagsüber arbeitete ich in einer Fabrik.

In dieser Zeit kam ich mit der evangelischen und der katholischen Kirche in Berührung, aber dort konnte mir niemand eine zufriedenstellende Antwort auf meine Fragen geben, wie zum Beispiel: „Was geschieht nach dem Tod?“ Oder: „Was ist Gottes Reich?“ Ich erkundigte mich bei einem katholischen Priester nach der Bedeutung der „guten Botschaft“ und fragte ihn, ob es so etwas wie eine „Gute-Botschaft-Religion“ gebe. Er hatte keine Antwort. Ich fragte mich, worin die gute Botschaft bestand, von der mir meine Mutter hatte erzählen wollen.

Zweimal betete ich zu Gott, und jedesmal entdeckte ich nach dem Gebet einen Handzettel, den jemand unter die Tür geschoben hatte. Es handelte sich um Einladungen für Zusammenkünfte an einem Ort, der sich Königreichssaal der Zeugen Jehovas nannte. Der Name Jehova sagte mir bereits etwas, aber wer waren „Jehovas Zeugen“? Wovon waren sie Zeugen? Neugierig und voller Fragen machte ich mich jeweils auf die Suche nach dem Königreichssaal. Beide Male landete ich in einer Kirche. Der Königreichssaal befand sich im ersten Stock eines Gebäudes über einer Diskothek, und ich konnte ihn einfach nicht finden.

Einige Tage nach meinem zweiten Versuch war ich gerade bei einem Freund aus Thailand zu Besuch, als zwei Personen, die sich als Zeugen Jehovas vorstellten, an seiner Tür vorsprachen. Als ich merkte, daß mein Freund sie wegschicken wollte, sagte ich ihm, daß ich mich gern mit ihnen unterhalten würde. Zunächst fragte ich sie, was Gottes Reich sei. Anhand der Bibel erklärten sie mir, daß es sich um eine himmlische Regierung mit Christus als Regenten handle, die einmal über die Erde herrschen werde. Sie gebrauchten wieder die Bibel, um meine Fragen über den Zustand des Menschen nach dem Tod zu beantworten. Ihre logischen, biblisch begründeten Erklärungen beeindruckten mich tief, und ich bat sofort um ein Bibelstudium. Noch an demselben Tag besuchten mein Freund und ich die Zusammenkunft im Königreichssaal.

Ich hörte mir die Ansprache an, obwohl ich das meiste nicht verstand, weil ich die Sprache noch nicht gut beherrschte. Immerhin verstand ich, daß es um die gute Botschaft ging, die gute Botschaft von Gottes Königreich. Durch Jehovas Königreich würde die Erde zu einem Paradies umgestaltet werden, wo die Menschen keine Tränen der Trauer mehr vergießen würden und wo Gott „alle Dinge neu“ machen würde (Offenbarung 21:3-5). Ich erinnerte mich, daß mir meine Mutter diese Worte einmal aus der Bibel vorgelesen hatte. Eine Erde ohne all die üblen Mißstände dieser Welt war genau das, was ich von einem mächtigen und gerechten Gott erwartete.

Nun wollte ich jedoch wissen, warum Jehova nicht schon vor langer Zeit eine solche Welt geschaffen hat. Diese und viele andere Fragen wurden mir im Laufe der Zeit bei regelmäßigen biblischen Betrachtungen zufriedenstellend beantwortet. Ich freute mich darüber, daß ich eine Religion gefunden hatte, die keinen blinden Glauben von mir verlangte. Darüber hinaus sagten mir die Lehren Jesu Christi und seine Lebensweise sehr zu.

Ganz im Gegensatz zu den „Children of God“ forderten mich die Zeugen nicht schon nach einer kurzen Zeit der Belehrung auf, mich taufen zu lassen. Ich erkannte selbst, daß die Taufe ein christliches Erfordernis ist, und so bat ich darum, getauft zu werden. Ich erwartete, daß sie mich schleunigst taufen würden, bevor ich es mir anders überlegte. Aber zu meinem Erstaunen war es ihnen lieber, daß ich mir Zeit ließ, um zu entscheiden, ob ich diesen Schritt wirklich tun wollte. Ich merkte, daß es den Zeugen mehr auf eine gründliche Unterweisung ankam als darauf, Anhänger zu sammeln. Nachdem ich die Bibel sieben Monate lang in deutscher Sprache studiert hatte, ließ ich mich schließlich im Juli 1977 auf einem Kongreß der Zeugen Jehovas in Linz taufen.

Den Sinn des Lebens erkennen

Auf diesem Kongreß wurde ein neues Buch freigegeben. Vier Jahre zuvor hatte ich mein Buch „Das Leben hat keinen Sinn“ geschrieben. Nun gaben Jehovas Zeugen ein Buch heraus, das mir fast wie eine Antwort auf mein eigenes erschien — Das Leben hat doch einen Sinn. Mir war bewußt, was für einen Unsinn ich geschrieben hatte, und ich begrüßte das neue Buch von ganzem Herzen.

Wie ich mich doch danach sehnte, meine leidgeprüften Landsleute in Kambodscha mit der guten Botschaft bekannt zu machen! Diese Botschaft würde ihnen eine untrügliche Hoffnung und ein wunderbares Lebensziel vermitteln. Da es mir nicht möglich war, in dieses Land zurückzukehren, gab ich mir alle Mühe, den in Österreich lebenden Kambodschanern von der guten Botschaft zu erzählen. Ich sagte wie Jesaja zu Jehova Gott: „Hier bin ich! Sende mich“, und mein Wunsch war es, daß Jehova mich gebrauchen würde, um meinen Landsleuten zu helfen (Jesaja 6:8).

Im Jahre 1980 heiratete ich in Wien eine japanische Zeugin. Ich hatte sie auf einer Hochzeit von Zeugen Jehovas kennengelernt. Auch meine Frau hatte das gefunden, wonach sie gesucht hatte. Ihr half eine japanische Studienkollegin an der Wiener Musikakademie, eine Zeugin Jehovas, die Bibel zu verstehen. Nach der Geburt unseres zweiten Kindes ging es meiner Frau jedoch gesundheitlich schlecht, und es schien für sie das beste zu sein, nach Japan zurückzukehren. So zogen wir 1983 nach Tokio.

Ich habe nach wie vor den dringenden Wunsch, kambodschanischen Flüchtlingen beizustehen. In Japan gibt es etwa 600 Kambodschaner, die zum größten Teil verstreut in den Randbezirken von Tokio leben. Es bereitet mir große Freude, sie zu besuchen und ihnen zu helfen, Jehovas liebevollen Vorsatz hinsichtlich der Menschheit zu verstehen. Ich darf bei rund einem Dutzend Heimbibelstudien mit Kambodschanern mitwirken. Zum Teil leite ich die Studien selbst, zum Teil unterstütze ich die japanischen Brüder, die ein solches Studium durchführen. Zweimal im Monat bringt unsere gesamte Familie einen ganzen Tag damit zu, ausschließlich Kambodschaner zu betreuen. Zwar müssen wir dann eine Strecke von fast 300 Kilometern zurücklegen, aber es ermuntert uns sehr, zu sehen, daß einige ständig Fortschritte machen.

Lange Zeit hatte ich keine Verbindung zu meinen Angehörigen in der Heimat; doch schließlich erhielt ich eine Antwort auf einen Brief, den ich 1981 geschrieben hatte. Ich erfuhr, daß mein Stiefvater und eine Schwester im Bürgerkrieg umgekommen sind. Drei meiner nächsten Angehörigen — meine Mutter, mein Bruder und eine Schwester — sind noch am Leben. Wir können uns nun einige Male im Jahr schreiben, aber es ist schwer, aus ihren Briefen herauszulesen, wie die religiöse Situation in Kambodscha aussieht.

Ich kann mit fester Überzeugung sagen, daß meine Suche nach dem Sinn des Lebens reich belohnt worden ist. Ich habe den wahren Sinn und Zweck des Lebens gefunden und bin überglücklich, eine Familie zu haben, in der Liebe herrscht und die vereint unserem großen Gott, Jehova, dient. Wie sehr ich mich doch auf den Tag freue, an dem ich mit meiner Mutter, meinem Bruder und meiner Schwester wieder vereint sein werde! Bis dahin ist es mir eine große Freude, gemeinsam mit anderen den Leidgeprüften und Bedrückten die gute Botschaft von Gottes Königreich zu überbringen.

[Karten auf Seite 16]

(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

Kambodscha und die angrenzenden Länder mit unserem Fluchtweg nach Thailand

CHINA

VIETNAM

LAOS

THAILAND

KAMBODSCHA

Andamanensee

[Karte]

THAILAND

Battambang

Pailin

KAMBODSCHA

[Bild auf Seite 15]

Ein Gebäude des königlichen Palastes in Phnom Penh. Als Junge tanzte ich hier vor dem König.

[Bild auf Seite 18]

Meine Frau und ich studieren mit unseren beiden Kindern

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