-
Teil 7: Eine politische Suche nach UtopiaErwachet! 1990 | 8. November
-
-
Die Utopien von Marx und More
Aber „keiner dieser Sprecher des Sozialismus“, heißt es in dem obenerwähnten Werk, „hatte einen vergleichbaren Einfluß wie Karl Marx, dessen Schriften zum Prüfstein sozialistischer Gedanken und Handlungen wurden“.a Marx lehrte, daß durch den Klassenkampf die Geschichte Schritt für Schritt voranschreite. Wenn das ideale politische System erst einmal erreicht sei, werde Geschichte in diesem Sinne aufhören. Das ideale System werde die Probleme der vorhergehenden Gesellschaften lösen. Jedermann werde in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben, ohne daß man Regierungen oder Militär brauche.
-
-
Teil 7: Eine politische Suche nach UtopiaErwachet! 1990 | 8. November
-
-
Die Theorien von Marx spiegelten auch die Ansichten des deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel wider. Gemäß dem Dictionary of the History of Ideas „wurde der apokalyptische, quasireligiöse Charakter des marxistischen Sozialismus von Hegels philosophischer Neuformulierung der radikalchristlichen Theologie geformt“. Gegen diesen Hintergrund der „radikalchristlichen Theologie“ entwickelte Marx, wie der Publizist Georg Sabine erklärt, „einen äußerst machtvollen moralischen Appell, getragen von einer quasireligiösen Überzeugung. Es war nichts weniger als der Appell, sich dem Vormarsch der Zivilisation und des Rechts anzuschließen.“ Dem Sozialismus gehörte die Zukunft. Und vielleicht war er ja, wie einige meinten, in Wirklichkeit der Siegeszug des Christentums unter einem neuen Namen.
Der Weg vom Kapitalismus nach Utopia
Marx konnte vor seinem Tod nur den ersten Band seines Werkes Das Kapital herausgeben. Die beiden weiteren Bände wurden 1885 und 1894 von seinem engsten Mitarbeiter, Friedrich Engels, einem sozialistischen Philosophen aus Deutschland, fertiggestellt und herausgegeben. Das Kapital lieferte eine Erklärung für den historischen Hintergrund des Kapitalismus, des Wirtschaftssystems, das für die westlichen parlamentarischen Demokratien typisch ist. Der Kapitalismus, wie Marx ihn erklärte, ist auf uneingeschränktem Handel und Wettbewerb ohne staatliche Kontrolle aufgebaut und konzentriert die Produktions- und Vertriebsmittel in den Händen von Privatpersonen und Körperschaften. Nach Marx bringt der Kapitalismus eine Mittelschicht und eine Arbeiterklasse hervor, was zur Feindschaft zwischen den beiden und zur Unterdrückung der letzteren führt. Gestützt auf die Werke orthodoxer Wirtschaftswissenschaftler, argumentierte Marx, daß der Kapitalismus in Wirklichkeit undemokratisch sei und daß der Gipfel der Demokratie der Sozialismus sei, der für die Gleichheit und Freiheit der Menschen eintreten und sich somit als Segen für sie erweisen würde.
Utopia wäre erreicht, sobald das Proletariat sich in einer Revolution erhoben, die Bedrückung durch die Bourgeoisie abgeschüttelt und das aufgerichtet habe, was Marx „die Diktatur des Proletariats“ nannte. (Siehe Kasten auf Seite 21.) Mit der Zeit milderte er jedoch seine Ansichten ab und ließ zwei verschiedene Revolutionskonzepte gelten — ein gewaltsames und ein eher stetiges und schrittweises. Dadurch erhob sich eine interessante Frage.
-