Wer zerstört die Regenwälder?
OFT wird zur Beantwortung dieser Frage mit dem Finger auf die Armen der Welt gezeigt. Jahrhundertelang haben die Bauern in den tropischen Regionen Brandrodungswirtschaft betrieben. Ein Stück Wald wurde gerodet, abgebrannt und entweder vor oder nach dem Abbrennen bepflanzt. Die Asche des Waldes versorgte dann die Pflanzen mit Nährstoffen.
Diese Art der Landwirtschaft hat schon vor langer Zeit zu einer überraschenden Feststellung geführt: Über 95 Prozent der Regenwälder wachsen auf sehr armen Böden. Die Nährstoffe werden so schnell wiederverwertet, daß sie sich überwiegend über dem Boden, in den Bäumen und anderen Pflanzen, befinden, wo sie vor dem Regen sicher sind, der sie aus dem Boden waschen würde. Der Regenwald ist somit perfekt seiner Umwelt angepaßt. Für die Bauern ist das allerdings keine so erfreuliche Erkenntnis.
Die Misere der Armen
Nur zu bald trägt der Regen die Nährstoffe in der von dem verbrannten Wald übriggebliebenen Asche fort. Mit der Zeit wird der Anbau zum Alptraum. Ein armer bolivianischer Bauer drückte das so aus: „Im ersten Jahr fällte ich die Bäume und verbrannte sie. Und der Mais wurde in der Asche hoch und süß; wir alle dachten, jetzt hätten wir es endlich geschafft. ... Doch dann wurde es schlechter. Der Boden wurde immer trockener, es wuchs nichts mehr außer Unkraut. ... Und erst das Ungeziefer! Noch nie habe ich soviel verschiedene Arten gesehen. ... Wir sind völlig am Ende.“
In der Vergangenheit rodete ein Bauer einfach ein neues Stück Wald und ließ die alte Fläche brachliegen. Nachdem der Wald sich das Stück zurückerobert hatte, konnte man wieder von vorn beginnen. Damit das jedoch funktioniert, müssen die freigelegten Flächen von Primärwald umgeben sein, so daß Insekten, Vögel und andere Tiere die Samen verbreiten und die Schößlinge bestäuben können; das alles erfordert Zeit.
Die Bevölkerungsexplosion hat alles verändert. Je mehr die Bauern zusammenrücken müssen, desto kürzer werden die Brachperioden. Oft laugen Siedler einfach den Boden in ein paar Jahren aus und ziehen dann weiter in den Wald, den sie auf breiter Front abbrennen.
Noch etwas verschlimmert die Situation: Etwa zwei Drittel der Menschen in den weniger entwickelten Ländern sind auf Holz zum Kochen und Heizen angewiesen. Über eine Milliarde Menschen können ihren Brennstoffbedarf nur stillen, indem sie mehr Feuerholz schlagen als gegenwärtig nachwächst.
Tiefere Ursachen
Es ist natürlich leicht, den Armen die Schuld zu geben. Gemäß den Ökologen James D. Nations und Daniel I. Komer wäre das jedoch so, als würde man „den Soldaten die Schuld am Krieg geben“. Weiter sagen die beiden: „Sie sind nur Schachfiguren in einem großen Spiel. Um die Rolle der Siedler bei der Entwaldung zu verstehen, muß man zuerst einmal fragen, warum diese Familien überhaupt in den Regenwald gehen. Die Antwort ist einfach: Nirgends sonst gibt es für sie Land.“
In einem tropischen Land sind 72 Prozent des Grund und Bodens im Besitz von nur 2 Prozent der Landbesitzer. Dagegen haben 83 Prozent der Bauernfamilien entweder nicht genug Land zum Überleben oder gar keines. Dieses Schema wiederholt sich in unterschiedlichem Grad überall auf der Erde. Auf riesigen Flächen, die sich in Privatbesitz befinden, werden keine Nahrungsmittel für die einheimische Bevölkerung angebaut, sondern Agrarprodukte für den Export in die reichen Länder in den gemäßigten Breiten.
Die Holzindustrie gehört ebenfalls zu den Hauptschuldigen. Sie fügt dem Wald nicht nur direkt Schaden zu, sondern macht ihn auch anfälliger für Brände — und für Menschen. Straßen für den Holzeinschlag, von Bulldozern in den jungfräulichen Wald geschnitten, bereiten den Weg für viele vorrückende Siedler.
Wenn der Ackerbau fehlschlägt, was oft der Fall ist, kaufen Rinderzüchter das Land auf und verwandeln es in Viehweiden. Das ist besonders in Süd- und Zentralamerika zu beobachten. Der größte Teil des dort erzeugten Fleisches geht in die reicheren Länder. Im Durchschnitt bekommt eine Hauskatze in den Vereinigten Staaten im Jahr mehr Fleisch, als ein Mensch in Zentralamerika ißt.
Im Endeffekt finanzieren die Industrienationen das Sterben des tropischen Regenwaldes — und das, um ihren unersättlichen Appetit zu stillen. Das Fleisch, die exotischen Tropenhölzer und die Agrarprodukte, die sie begierig von den tropischen Ländern kaufen, werden auf Kosten intakter Wälder exportiert. Das Verlangen Amerikas und Europas nach Kokain ist schuld daran, daß in Peru Hunderttausende Hektar Regenwald abgeholzt wurden, um Platz für den lukrativen Anbau von Kokasträuchern zu schaffen.
Gewinne mit bitterem Nachgeschmack
Viele Regierungen fördern die Waldzerstörung direkt. Sie räumen Steuererlaß für Viehzucht, Holzeinschlag und exportorientierte Landwirtschaft ein. Einige Länder stellen einem Bauern Land zur Verfügung, wenn er es „verbessert“, indem er den Wald abholzt. In einem Land in Südostasien hat man Millionen von Siedlern in die entlegenen Regenwälder geschickt.
Solche Vorgehensweisen werden mit dem Argument gerechtfertigt, der Wald werde ja verwandt, um den Armen zu helfen oder die leidende Wirtschaft anzukurbeln. Nach Meinung der Kritiker sind allerdings selbst diese kurzfristigen Gewinne illusorisch. Beispielsweise ist Land, das für den Anbau von Feldfrüchten ungeeignet ist, für die Viehhaltung nicht unbedingt geeigneter. Normalerweise werden Viehzuchtbetriebe nach zehn Jahren aufgegeben.
Der Holzwirtschaft geht es oft nicht besser. Wenn tropische Harthölzer in den Wäldern geschlagen werden, ohne daß man an die Zukunft denkt, schrumpfen die Waldbestände schnell. Schätzungen der Weltbank zufolge werden in 20 von 33 Ländern, die Tropenhölzer exportieren, innerhalb der nächsten zehn Jahre sämtliche Bestände aufgebraucht sein. In Thailand hat die Entwaldung so drastische Ausmaße angenommen, daß jeglicher Holzeinschlag verboten werden mußte. Man rechnet damit, daß die Philippinen bis zur Mitte der 90er Jahre völlig abgeholzt sein werden.
Doch die bitterste Ironie ist: Der Regenwald wirft, wie Studien ergeben haben, mehr Gewinn ab, wenn er intakt bewahrt wird und man die Früchte sammelt sowie Kautschuk gewinnt und was er sonst noch hervorbringt. Ja, das bringt mehr Geld ein als Landwirtschaft, Viehwirtschaft oder Holzeinschlag. Aber die Vernichtung geht weiter.
Die Erde kann diese Behandlung nicht auf Dauer ertragen. In dem Buch Saving the Tropical Forests (Rettet die tropischen Wälder) heißt es daher: „Wenn wir mit der gegenwärtigen Vernichtung fortfahren, lautet die Frage nicht, ob die Regenwälder verschwinden werden, sondern nur noch, wann.“ Würde die Welt durch die Zerstörung aller Regenwälder jedoch wirklich in Mitleidenschaft gezogen werden?
[Bild auf Seite 7]
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