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Trost und Hilfe für MissbrauchsopferDer Wachtturm (Studienausgabe) 2019 | Mai
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STUDIENARTIKEL 20
Trost und Hilfe für Missbrauchsopfer (Teil 4 von 4)
„Der Gott allen Trostes . . . tröstet uns in allen unseren Prüfungen“ (2. KOR. 1:3, 4)
LIED 134 Kinder – ein kostbares Geschenk von Jehova
VORSCHAUa
1, 2. (a) Was zeigt, dass Menschen ein natürliches Bedürfnis nach Trost haben und die Gabe, zu trösten und zu helfen? (b) Wodurch werden manchen Kindern schlimme Wunden zugefügt?
MENSCHEN haben ein natürliches Bedürfnis nach Trost und die erstaunliche Gabe, zu trösten und zu helfen. Wenn zum Beispiel ein Kind beim Spielen hinfällt und sich das Knie aufschlägt, läuft es weinend zu Mama und Papa. Die Eltern können zwar die Wunde nicht heilen, aber sie können das Kind trösten. Wahrscheinlich fragen sie, was denn passiert ist, wischen ihm die Tränen ab, nehmen es in den Arm, reden ihm gut zu und verarzten die Wunde. Bald hört das Kind auf zu weinen und spielt vielleicht sogar weiter. Das Knie ist nach einiger Zeit verheilt.
2 Manchmal werden Kinder jedoch viel schlimmer verletzt, zum Beispiel durch sexuellen Missbrauch. Ein Missbrauch kann ein Einzelfall sein oder sich über Jahre hinziehen. In jedem Fall können tiefe emotionale Wunden zurückbleiben. Manche Täter werden gefasst und bestraft, andere wiederum scheinen ungestraft davonzukommen. Doch selbst wenn ein Täter schnell zur Rechenschaft gezogen wird, spüren Opfer die Folgen des Missbrauchs oft bis weit ins Erwachsenenalter.
3. Was möchte Jehova gemäß 2. Korinther 1:3, 4, und mit welchen Fragen befassen wir uns?
3 Was kann einem Christen helfen, der als Kind Opfer von Missbrauch wurde und emotional noch darunter leidet? (Lies 2. Korinther 1:3, 4.) Fest steht: Jehova möchte, dass seine Schafe die Liebe und den Trost bekommen, die sie brauchen. Befassen wir uns deshalb mit folgenden Fragen: 1. Warum benötigt jemand, der als Kind missbraucht wurde, Trost und Hilfe? 2. Wer kann Trost und Hilfe bieten? 3. Wie können wir konkret trösten und helfen?
WARUM SIE TROST UND HILFE BENÖTIGEN
4, 5. (a) Warum muss man verstehen, dass Kinder ganz anders sind als Erwachsene? (b) Warum tun sich Kinder nach einem Missbrauch schwer, anderen zu vertrauen?
4 Manche Erwachsene brauchen noch Trost und Hilfe, obwohl der Missbrauch schon viele Jahre zurückliegt. Warum? Weil Kinder anders sind als Erwachsene. Misshandlung wirkt sich auf Kinder und Erwachsene ganz unterschiedlich aus. Wieso kann man das sagen?
5 Kinder müssen eine enge Bindung und ein tiefes Vertrauen zu ihren Bezugspersonen aufbauen können. Das schafft Geborgenheit und die Kinder lernen Menschen zu vertrauen, von denen sie geliebt werden (Ps. 22:9). Leider findet Missbrauch meist zu Hause statt und die Täter sind oft Angehörige oder gute Freunde der Familie. Wird Vertrauen auf diese Weise zerstört, tun sich Opfer oft noch nach Jahren schwer, anderen zu vertrauen.
6. Warum ist sexueller Missbrauch so schlimm?
6 Kinder sind schutzlos, und sexueller Missbrauch ist grausam und richtet Schaden an. Sexuelle Handlungen an und mit Kindern, die ja für Sexualität und Ehe körperlich, mental und emotional noch lange nicht reif sind, können schlimme Folgen haben. Die Kinder bekommen womöglich ein stark verzerrtes Bild von Sexualität, von sich selbst oder von Menschen, die ihnen nahe sein wollen.
7. (a) Warum sind Kinder leicht zu täuschen, und wie gehen Täter dabei vor? (b) Was kann die Folge sein?
7 Die Fähigkeit von Kindern, zu denken, zu schlussfolgern und Gefahren zu erkennen oder zu vermeiden, ist noch nicht voll ausgeprägt (1. Kor. 13:11). Deshalb können Täter Kinder nur allzu leicht täuschen. Sie kommen mit gefährlichen Lügen wie zum Beispiel, dass das Kind selbst an dem Missbrauch schuld ist, dass die Sache ein Geheimnis bleiben muss, dass keiner zuhört oder sich dafür interessiert, wenn das Kind davon erzählt, oder dass sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern ein Zeichen von echter Liebe sind. Solche Lügen können das Denken der Kinder und ihre Vorstellung von Richtig und Falsch über Jahre verzerren. Viele wachsen dann mit dem Gedanken auf, nicht normal zu sein. Sie fühlen sich schmutzig und nicht wert, geliebt und getröstet zu werden.
8. Warum können wir sicher sein, dass Jehova die trösten kann, die Opfer von Missbrauch geworden sind?
8 Bei alldem versteht man gut, warum sexueller Missbrauch dauerhaften Schaden anrichten kann. Das ist ein gemeines Verbrechen! Die zahlreichen Missbrauchsfälle zeigen deutlich, dass wir in den letzten Tagen leben, einer Zeit, in der viele lieblos sind und „schlechte Menschen und Betrüger . . . es immer schlimmer treiben“ (2. Tim. 3:1-5, 13). Satans Absichten sind durch und durch böse, und es ist traurig, wenn Menschen Dinge tun, die ihm gefallen. Doch Jehova ist viel stärker als der Teufel und seine Helfershelfer. Er ist nicht blind für Satans Machenschaften. Wir können sicher sein: Er weiß genau, wie sehr wir leiden, und er kann uns Trost geben. Wie schön ist es doch, dass wir dem „Gott allen Trostes“ dienen, der uns „tröstet . . . in allen unseren Prüfungen, damit wir durch den Trost, den wir von Gott bekommen, andere in jeder Art Prüfung trösten können“ (2. Kor. 1:3, 4). Aber durch wen tröstet Jehova eigentlich?
WER KANN TROST UND HILFE BIETEN?
9. Was tut Jehova laut Psalm 27:10 für Menschen, die von ihrer Familie im Stich gelassen wurden?
9 Wer von seinen Eltern alleingelassen oder von nahestehenden Menschen missbraucht wurde, hat Trost und Hilfe wahrscheinlich besonders nötig. Der Psalmenschreiber David wusste, dass Jehova immer tröstet; auf ihn ist Verlass. (Lies Psalm 27:10.) David vertraute darauf, dass Jehova die aufnimmt, die von ihrer Familie im Stich gelassen wurden. Wie tut Jehova das? Durch seine treuen Diener. Alle, die mit uns Jehova anbeten, sind für uns wie eine Familie. Jesus bezeichnete Menschen, die mit ihm Jehova anbeteten, als seine Brüder, Schwestern und seine Mutter (Mat. 12:48-50).
10. Wie beschrieb Paulus seine Tätigkeit als Ältester?
10 Folgendes Beispiel zeigt, dass die Versammlung wie eine Familie sein kann. Der Apostel Paulus war ein fleißiger, treuer Ältester. Er gab ein sehr gutes Beispiel und durfte andere sogar auffordern, sich ihn zum Vorbild zu nehmen, wie er sich Christus zum Vorbild nahm (1. Kor. 11:1). Er beschrieb seine Tätigkeit als Ältester einmal so: „Als wir bei euch waren, wurden wir sanft wie eine stillende Mutter, die liebevoll für ihre Kinder sorgt“ (1. Thes. 2:7). Treue Älteste können auch heute mit sanften, liebevollen Worten Trost aus der Bibel geben.
Reife Schwestern können oft sehr gut trösten und helfen (Siehe Absatz 11)c
11. Was zeigt, dass nicht nur Älteste trösten können?
11 Können nur Älteste Missbrauchsopfer trösten und unterstützen? Nein. Wir alle sind aufgefordert, uns immer wieder gegenseitig zu trösten (1. Thes. 4:18). Besonders reife Schwestern können anderen Schwestern sehr gut Mut machen. Jehova Gott vergleicht sich passenderweise mit einer Mutter, die ihren Sohn tröstet (Jes. 66:13). Die Bibel enthält Beispiele von Frauen, die andere nach Unglücksschlägen trösteten (Hiob 42:11). Wie muss es Jehova doch freuen, wenn er heute sieht, dass Christinnen für Glaubensschwestern da sind, die emotional leiden! Manchmal bitten ein oder zwei Älteste eine reife Schwester diskret darum, einer betroffenen Schwester zur Seite zu stehen.b
WIE KÖNNEN WIR TRÖSTEN UND HELFEN?
12. Wovor werden wir uns hüten?
12 Natürlich werden wir uns hüten, neugierig zu sein und Dinge wissen zu wollen, über die der andere nicht reden möchte (1. Thes. 4:11). Es gibt aber einiges, was wir tun können. Hier fünf Anregungen aus der Bibel.
13. Was tat Jehovas Engel laut 1. Könige 19:5-8 für Elia, und was können wir uns davon abschauen?
13 Praktische Hilfe anbieten. Als der Prophet Elia in Lebensgefahr war und floh, war er so entmutigt, dass er sterben wollte. Jehova schickte ihm einen mächtigen Engel. Der tat genau das, was Elia jetzt brauchte. Er gab ihm eine warme Mahlzeit und forderte ihn freundlich auf zu essen. (Lies 1. Könige 19:5-8.) In diesem Bericht steckt etwas sehr Nützliches für uns: Eine kleine freundliche Geste kann viel Gutes bewirken. Durch ein Essen, ein kleines Geschenk oder eine nette Karte können wir Liebe und Interesse zeigen. Das sind bestimmt gute Möglichkeiten, wenn es uns nicht so liegt, mit jemandem über ganz persönliche oder schmerzliche Themen zu sprechen.
14. Welche Lehre können wir aus dem Bericht über Elia ziehen?
14 Dafür sorgen, dass sich der Betreffende wohl und sicher fühlt. Auch dazu können wir aus dem Bericht über Elia etwas lernen. Jehova gab dem Propheten durch ein Wunder Kraft, damit er bis zum Berg Horeb durchhielt. An diesem weit entfernten Ort, wo Jehova Jahrhunderte zuvor einen Bund mit seinem Volk geschlossen hatte, fühlte sich Elia wahrscheinlich sicher und hatte das Gefühl, endlich außerhalb der Reichweite seiner Verfolger zu sein. Die Lehre für uns? Bevor wir Missbrauchsopfer trösten und unterstützen können, müssen wir vielleicht erst die Voraussetzungen schaffen, dass sie sich sicher und geborgen fühlen. Älteste sollten zum Beispiel berücksichtigen, dass sich eine Schwester womöglich zu Hause in entspannter Umgebung bei einer Tasse Tee wohler und sicherer fühlt als im Besprechungsraum im Königreichssaal. Bei anderen ist es vielleicht genau umgekehrt.
Durch gutes Zuhören, innige Gebete und tröstende Worte können wir helfen, dass Wunden heilen (Siehe Absatz 15-20)d
15, 16. Was gehört zu gutem Zuhören?
15 Gut zuhören. „Jeder soll schnell sein zum Hören, langsam zum Reden“, so sagt es die Bibel (Jak. 1:19). Bist du ein guter Zuhörer? Oft denkt man ja, Zuhören wäre etwas Passives – einfach den anderen anschauen, ohne etwas zu sagen. Aber damit ist es nicht getan. Wie war das denn, als Elia sich schließlich seinen ganzen Kummer von der Seele redete? Jehova hörte ihm wirklich zu. Jehova erkannte, dass Elia Angst hatte, sich allein fühlte und dachte, seine ganze Arbeit sei umsonst gewesen. Er ging liebevoll auf all das ein, was zeigt, dass er Elia gut zugehört hatte (1. Kö. 19:9-11, 15-18).
16 Wie können wir beim Zuhören durch Einfühlsamkeit und tiefes Mitgefühl unsere Liebe zeigen? Manchmal geht das schon mit ein paar von Herzen kommenden taktvollen Worten. Du könntest sagen: „Es tut mir so leid, dass du das durchmachen musstest! So etwas sollte keinem Kind passieren!“ Vielleicht könntest du ein, zwei Fragen stellen, um sicherzugehen, dass du den anderen richtig verstanden hast. Zum Beispiel: „Ich möchte gern verstehen, was du meinst. Kannst du mir da helfen?“, oder: „Als du das gesagt hast, dachte ich . . . Hab ich dich da richtig verstanden?“ Wenn du so liebevoll auf den anderen eingehst, spürt er, dass du wirklich zuhörst und ihn verstehen möchtest (1. Kor. 13:4, 7).
17. Warum sollten wir geduldig und „langsam zum Reden“ sein?
17 Achte jedoch darauf, „langsam zum Reden“ zu sein. Unterbrich den anderen nicht, um ihm Ratschläge zu geben oder seine Denkweise zu korrigieren. Und hab Geduld! Als Elia Jehova sein Herz ausschüttete, brachte er seine ganze Angst und Verzweiflung zum Ausdruck. Nachdem Jehova dann Elias Glauben gestärkt hatte, drückte Elia seine Gefühle noch einmal mit denselben starken Worten aus (1. Kö. 19:9, 10, 13, 14). Was zeigt uns das? Manchmal reicht es nicht, wenn sich Betroffene nur einmal aussprechen. Achten wir immer darauf, so wie Jehova ein geduldiger Zuhörer zu sein. Einfühlsamkeit und tiefes Mitgefühl zu zeigen ist besser, als Lösungen anzubieten (1. Pet. 3:8).
18. Wann tun unsere Gebete gut?
18 Ein inniges Gebet sprechen. Jemand, der so richtig am Boden ist, hat vielleicht nicht die Kraft zu beten. Er traut sich womöglich nicht, sich an Jehova zu wenden, weil er sich wertlos vorkommt. Wir könnten dann anbieten, mit ihm zu beten, und im Gebet seinen Namen gebrauchen. Wir könnten Jehova sagen, wie viel der Betreffende uns und der Versammlung bedeutet. Auch könnten wir Jehova bitten, diesem lieben, wertvollen Menschen Trost und innere Ruhe zu schenken. Solche Gebete können richtig guttun (Jak. 5:16).
19. Was sollte man tun, bevor man jemand tröstet?
19 Worte wählen, die heilen und trösten. Denk nach, bevor du etwas sagst. Gedankenlose Worte können wehtun, freundliche Worte können heilen (Spr. 12:18). Bitte Jehova deshalb, nette Worte zu finden, die trösten und beruhigen. Vergiss nicht, dass das, was Jehova durch die Bibel sagt, am meisten Kraft hat (Heb. 4:12).
20. Wie fühlen sich manche, und wovon möchten wir sie überzeugen?
20 Manche, die als Kind missbraucht wurden, fühlen sich schmutzig, wertlos oder ungeliebt, ja nicht einmal liebenswert. Aber das sind sie nicht! Wir können sie mit der Bibel davon überzeugen, wie wertvoll sie für Jehova sind. (Siehe den Kasten „Trost aus der Bibel“.) Denken wir nur daran, wie ein Engel den Propheten Daniel einmal liebevoll aufbaute, als dieser sich schwach und mutlos fühlte. Daniel sollte wissen, dass er für Jehova wertvoll war (Dan. 10:2, 11, 19). Und das sind auch unsere Brüder und Schwestern, die bedrückt sind!
21. Was erwartet reuelose Täter, und was sollten wir bis dahin tun?
21 Wenn wir andere trösten, erinnern wir sie daran, dass Jehova sie liebt. Vergessen wir auch nicht, dass Jehova ein Gott der Gerechtigkeit ist. Kein Missbrauch bleibt verborgen. Jehova sieht alles und wird reuelose Täter nicht ungestraft davonkommen lassen (4. Mo. 14:18). Wir können inzwischen unser Möglichstes tun, um Betroffenen Liebe zu zeigen. Und wie schön ist es doch, dass Jehova alle, die von Satan und seiner Welt misshandelt oder missbraucht worden sind, für immer heilen wird! Bald werden keine schmerzlichen Erfahrungen mehr im Herzen oder im Sinn hochkommen (Jes. 65:17).
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Liebe und Gerechtigkeit angesichts des BösenDer Wachtturm (Studienausgabe) 2019 | Mai
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STUDIENARTIKEL 19
Liebe und Gerechtigkeit angesichts des Bösen (Teil 3 von 4)
„Du bist kein Gott, dem Böses gefällt. Kein Schlechter darf bei dir bleiben“ (PS. 5:4)
LIED 142 An unserer Hoffnung festhalten
VORSCHAUa
1-3. (a) Wie empfindet Jehova laut Psalm 5:4-6, wenn Böses geschieht? (b) Warum ist Kindesmissbrauch ein Verstoß gegen das „Gesetz des Christus“?
JEHOVA GOTT hasst Böses in jeder Form. (Lies Psalm 5:4-6.) Wie sehr muss er dann erst sexuellen Kindesmissbrauch hassen – ein besonders abstoßendes, abscheuliches Vergehen! Als Zeugen Jehovas empfinden wir wie er: Wir verabscheuen Kindesmisshandlung und -missbrauch und dulden so etwas in der Christenversammlung nicht (Röm. 12:9; Heb. 12:15, 16).
2 Jeder Fall von Kindesmissbrauch ist ein krasser Verstoß gegen „das Gesetz des Christus“ (Gal. 6:2). Wie der vorige Artikel gezeigt hat, beruht das Gesetz des Christus – also alles, was Jesus durch seine Worte und sein Verhalten lehrte – auf Liebe und fördert Gerechtigkeit. Echte Christen halten sich an dieses Gesetz und behandeln Kinder so, dass sie sich sicher und von Herzen geliebt fühlen. Kindesmissbrauch dagegen ist etwas Egoistisches, Ungerechtes und führt dazu, dass sich Kinder nicht geborgen und nicht geliebt fühlen.
3 Leider ist Kindesmissbrauch ein weltweites Problem, von dem auch echte Christen betroffen sind. Es gibt heute so viele „schlechte Menschen und Betrüger“, und manche versuchen, in die Versammlung einzudringen (2. Tim. 3:13). Außerdem ist es vorgekommen, dass einige, die vorgaben, zur Versammlung zu gehören, perversem sündigem Verlangen nachgegeben und Kinder sexuell missbraucht haben. Befassen wir uns nun mit den Fragen: Warum ist Kindesmissbrauch eine so schwere Sünde? Wie gehen Älteste bei Fällen von schwerem Fehlverhalten wie Kindesmissbrauchb vor, und wie können Eltern ihre Kinder schützen?
EINE SCHWERE SÜNDE
4, 5. Warum ist Kindesmissbrauch eine Sünde gegen das Opfer?
4 Kindesmissbrauch hat weitreichende Folgen. Betroffen sind nicht nur die Opfer selbst, sondern auch die, denen sie am Herzen liegen: ihre Familie sowie ihre Glaubensbrüder und -schwestern. Kindesmissbrauch ist eine schwere Sünde.
5 Eine Sünde gegen das Opferc. Es ist eine Sünde, anderen Schmerz und Leid zuzufügen. Wie der nächste Artikel zeigt, tut ein Missbrauchstäter jedoch genau das. Er fügt dem Kind verheerenden Schaden zu. Er missbraucht das Vertrauen des Kindes und raubt ihm das Gefühl der Sicherheit. Vor einem solchen schlimmen Vergehen müssen Kinder geschützt werden, und wer Opfer geworden ist, braucht Trost und Hilfe (1. Thes. 5:14).
6, 7. Warum ist Kindesmissbrauch eine Sünde gegen die Versammlung und gegen die staatlichen Behörden?
6 Eine Sünde gegen die Versammlung. Begeht jemand aus der Versammlung Kindesmissbrauch, macht er der Versammlung Schande (Mat. 5:16; 1. Pet. 2:12). Wie unfair das doch gegenüber den Millionen treuen Christen ist, die „einen harten Kampf für den Glauben“ führen! (Jud. 3). Wir dulden unter uns niemand, der reuelos Böses tut und den guten Ruf der Versammlung schädigt.
7 Eine Sünde gegen die staatlichen Behörden. Christen müssen „sich den übergeordneten Autoritäten unterordnen“ (Röm. 13:1). Das zeigt sich daran, dass wir die Landesgesetze respektieren. Begeht jemand aus der Versammlung eine Straftat wie etwa Kindesmissbrauch, sündigt der Betreffende gegen die staatlichen Behörden. (Vergleiche Apostelgeschichte 25:8.) Älteste sind nicht zur Strafverfolgung befugt, aber sie bewahren auch keinen Missbrauchstäter vor den rechtlichen Folgen seiner Tat (Röm. 13:4). Der Sünder erntet, was er gesät hat (Gal. 6:7).
8. Wie betrachtet Jehova gegen Menschen begangene Sünden?
8 Vor allem eine Sünde gegen Gott (Ps. 51:4). Wer gegen seinen Mitmenschen sündigt, sündigt auch gegen Jehova. Das zeigt ein Beispiel aus dem Gesetz, das Gott den Israeliten gab. Wenn jemand seinen Mitmenschen beraubte oder betrog, handelte er „gegenüber Jehova untreu“ (3. Mo. 6:2-4). Demnach handelt jemand in der Versammlung, der ein Kind missbraucht – es also seiner Sicherheit beraubt –, ebenfalls untreu gegenüber Jehova. Sein Verhalten wirft ein sehr schlechtes Licht auf Jehovas Namen. Deshalb ist Kindesmissbrauch strikt als das zu verurteilen, was es ist – eine schwere Sünde gegen Gott.
9. Was hat Jehovas Organisation im Lauf der Jahre zur Verfügung gestellt, und warum?
9 Jehovas Organisation hat im Lauf der Jahre eine Vielzahl auf die Bibel gestützter Veröffentlichungen zum Thema Kindesmissbrauch zur Verfügung gestellt. In Wachtturm- und Erwachet!-Artikeln ging es zum Beispiel darum, wie Missbrauchsopfer mit emotionalen Wunden zurechtkommen können, wie andere ihnen helfen und Mut machen können und wie Eltern ihre Kinder schützen können. Älteste erhielten detaillierte biblische Schulung, wie bei so einem schweren Vergehen zu verfahren ist. Die Organisation überprüft regelmäßig die Anweisungen an die Versammlungen zum Umgang mit der Sünde des Kindesmissbrauchs. So wird sichergestellt, dass das Vorgehen mit dem Gesetz des Christus übereinstimmt.
VORGEHEN BEI FÄLLEN VON SCHWEREM FEHLVERHALTEN
10-12. (a) Was behalten Älteste im Sinn, wenn sie sich mit einem schweren Fehlverhalten befassen, und worum geht es ihnen? (b) Worum bemühen sich die Ältesten gemäß Jakobus 5:14, 15?
10 Befassen sich Älteste mit schwerem Fehlverhalten, behalten sie im Sinn: Das Gesetz des Christus verlangt von ihnen, mit der Herde liebevoll umzugehen und zu tun, was in Gottes Augen richtig und gerecht ist. Wird ihnen also von einem schweren Fehlverhalten berichtet, werden sie Verschiedenes bedenken. Ihnen ist in erster Linie an der Heiligkeit von Gottes Namen gelegen (3. Mo. 22:31, 32; Mat. 6:9). Außerdem liegt ihnen das Verhältnis ihrer Brüder und Schwestern zu Jehova am Herzen, und sie möchten jedem helfen, der Opfer eines Vergehens geworden ist.
11 Worum geht es den Ältesten noch? Ist der Täter jemand aus der Versammlung, werden sie ihm helfen, sein Verhältnis zu Jehova wiederherzustellen, wenn das möglich ist. (Lies Jakobus 5:14, 15.) Ein Christ, der einem verkehrten Verlangen nachgibt und eine schwere Sünde begeht, ist im Glauben krank, das heißt, er hat kein gutes Verhältnis zu Jehova mehr.d Die Ältesten sind dann wie Ärzte. Sie wollen „den Kranken [in dem Fall den Täter] gesund machen“. Ihr Rat aus der Bibel kann ihm helfen, sein Verhältnis zu Gott wiederherzustellen, aber nur, wenn er wirklich bereut (Apg. 3:19; 2. Kor. 2:5-10).
12 Älteste tragen ganz offensichtlich eine schwere Verantwortung. Ihnen liegt die Herde, die Gott ihnen anvertraut hat, sehr am Herzen (1. Pet. 5:1-3). Sie möchten, dass sich ihre Brüder und Schwestern in der Versammlung sicher fühlen. Deswegen handeln sie sofort, wenn ihnen ein schweres Vergehen wie Kindesmissbrauch berichtet wird. Gehen wir dazu auf einige Fragen ein. Sie stehen am Anfang der Absätze 13, 15, und 17.
13, 14. Halten sich Älteste bei Missbrauchsvorwürfen an gesetzliche Anzeigepflichten? Erkläre es.
13 Halten sich Älteste bei Missbrauchsvorwürfen an gesetzliche Anzeigepflichten? Ja. Wo solche Gesetze bestehen, halten sich Älteste daran (Röm. 13:1). Solche Gesetze stehen nicht im Widerspruch zum Gesetz Gottes (Apg. 5:28, 29). Erfahren Älteste also von einem Vorwurf des Kindesmissbrauchs, informieren sie sich sofort, wie sie gesetzlichen Anzeigepflichten entsprechen können.
14 Die Ältesten informieren Opfer, deren Eltern und andere, die von der Sache Kenntnis haben, dass es ihnen freisteht, einen Missbrauch bei staatlichen Behörden zu melden. Was aber, wenn die Anzeige jemand aus der Versammlung betrifft und der Fall dann öffentlich bekannt wird? Sollte derjenige, der den Fall gemeldet hat, denken, er habe Jehovas Namen in den Schmutz gezogen? Nein. Nicht er, sondern der Täter hat Jehovas Namen in den Schmutz gezogen.
15, 16. (a) Warum sind in Übereinstimmung mit 1. Timotheus 5:19 mindestens zwei Zeugen nötig, bevor die Ältesten ein Rechtskomitee bilden können? (b) Was tun Älteste, wenn sie erfahren, dass jemandem aus der Versammlung Kindesmissbrauch vorgeworfen wird?
15 Warum sind mindestens zwei Zeugen nötig, bevor die Ältesten in der Versammlung ein Rechtskomitee bilden können? Das verlangt der hohe Gerechtigkeitsmaßstab der Bibel. Liegt kein Geständnis vor, sind zwei Zeugen erforderlich, damit die Ältesten ein Rechtskomitee bilden können (5. Mo. 19:15; Mat. 18:16; lies 1. Timotheus 5:19). Müssen auch zwei Zeugen vorhanden sein, damit ein Missbrauchsfall den Behörden gemeldet werden kann? Nein. Das ist keine Voraussetzung dafür, dass Älteste oder andere eine mutmaßliche Straftat zur Anzeige bringen.
16 Erfahren Älteste, dass jemandem aus der Versammlung Kindesmissbrauch vorgeworfen wird, werden sie alles tun, um gesetzlichen Anzeigepflichten nachzukommen, und dann eine Untersuchung gemäß biblischen Verfahrensweisen einleiten. Bestreitet der Beschuldigte den Vorwurf, befassen sich die Ältesten mit der Aussage von Zeugen. Ein Rechtskomitee wird gebildet, wenn die Anklage von mindestens zwei Zeugen gestützt wird – von dem, der die Beschuldigung vorbringt, und von einer zweiten Person, die das gemeldete oder andere Missbrauchsvergehen seitens des Beschuldigten bestätigt.e Fehlt ein zweiter Zeuge, bedeutet das nicht, dass der Beschuldiger die Unwahrheit gesagt hat. Selbst wenn sich eine Anklage nicht durch zwei Zeugen stützen lässt, ist den Ältesten bewusst, dass eine schwere Sünde vorliegen könnte, die tiefe Wunden gerissen hat. Sie werden Betroffenen kontinuierlich Beistand leisten. Außerdem bleiben sie dem Beschuldigten gegenüber wachsam, um die Versammlung vor potenziellen Gefahren zu schützen (Apg. 20:28).
17, 18. Welche Rolle spielt das Rechtskomitee?
17 Welche Rolle spielt das Rechtskomitee? Der Wortbestandteil „Rechts-“ drückt nicht aus, dass die Ältesten darüber urteilen, ob ein Beschuldigter von den Behörden für eine Gesetzesübertretung bestraft werden sollte. Die Ältesten greifen nicht in die Strafverfolgung ein. Sie überlassen die strafrechtliche Seite den weltlichen Behörden (Röm. 13:2-4; Tit. 3:1). Älteste beurteilen vielmehr, ob der Betreffende in der Versammlung bleiben kann.
18 Die Rolle von Ältesten in einem Rechtskomitee ist religiöser Natur. Sie beurteilen auf der Grundlage der Heiligen Schrift, ob der Täter bereut oder nicht. Bereut er nicht, wird ihm die Gemeinschaft entzogen und es gibt eine Bekanntmachung in der Versammlung (1. Kor. 5:11-13). Zeigt er Reue, kann er in der Versammlung bleiben. Die Ältesten informieren ihn jedoch darüber, dass er vielleicht nie mehr geeignet sein wird, irgendwelche Dienstaufgaben oder eine Aufsichtsstellung in der Versammlung zu übernehmen. Zum Schutz der Kinder können die Ältesten zum Beispiel die Eltern Minderjähriger in der Versammlung im persönlichen Gespräch auf die Notwendigkeit hinweisen, eventuelle Kontakte ihrer Kinder zu dem Betreffenden zu überwachen. Dabei achten die Ältesten darauf, die Privatsphäre der Betroffenen zu wahren.
WIE KÖNNT IHR EURE KINDER SCHÜTZEN?
Eltern schützen ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch, indem sie ihnen altersgemäße Informationen über Sex vermitteln; sie verwenden dafür Material, das Gottes Organisation bereitstellt (Siehe Absatz 19-22)
19-22. Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu schützen? (Siehe Titelbild.)
19 Wer trägt die Verantwortung für den Schutz und die Sicherheit von Kindern? Die Eltern.f Eure Kinder sind ein heiliges Gut, „ein Erbe von Jehova“ (Ps. 127:3). Es ist eure Aufgabe, dieses Gut zu schützen. Wie könnt ihr eure Kinder vor Missbrauch bewahren?
20 Erstens: Informiert euch über Kindesmissbrauch. Welche Art Menschen missbrauchen Kinder? Wie gehen sie vor, um Kinder zu täuschen? Habt ein Auge für potenzielle Gefahren (Spr. 22:3; 24:3). Denkt daran, dass die Täter in den meisten Fällen Menschen sind, die das Kind kennt und denen es vertraut.
21 Zweitens: Achtet auf eine gute Kommunikation mit euren Kindern (5. Mo. 6:6, 7). Das schließt ein, gut zuzuhören (Jak. 1:19). Kinder trauen sich ja oft nicht, etwas über einen Missbrauch zu sagen. Sie haben vielleicht Angst, man würde ihnen nicht glauben, oder sie wurden vom Täter eingeschüchtert. Falls ihr also spürt, dass etwas nicht stimmt, stellt den Kindern vorsichtig Fragen und hört dann geduldig zu.
22 Drittens: Klärt eure Kinder auf. Gebt ihnen ihrem Alter entsprechende Informationen über Sex. Bringt ihnen bei, was sie sagen und tun sollen, wenn jemand sie irgendwie unangebracht anfassen will. Macht euch die Informationen von Jehovas Organisation zunutze, um eure Kinder zu schützen. (Siehe den Kasten: „Informiert euch und eure Kinder“.)
23. Wie betrachten wir sexuellen Missbrauch von Kindern, und worauf geht der nächste Artikel ein?
23 Als Zeugen Jehovas betrachten wir sexuellen Missbrauch von Kindern als eine schwere Sünde und ein schlimmes Vergehen. Unsere Versammlungen lassen sich vom Gesetz des Christus leiten und bewahren Missbrauchstäter nicht vor den Folgen ihrer Tat. Aber was können wir tun, um Missbrauchsopfern zu helfen? Darauf geht der nächste Artikel ein.
LIED 103 Hirten – ein Geschenk von Jehova
a In diesem Artikel geht es darum, wie Kinder vor sexuellem Missbrauch bewahrt werden können. Er zeigt, was Älteste zum Schutz der Versammlung und Eltern zum Schutz ihrer Kinder tun können.
b KURZ ERKLÄRT: Sexueller Kindesmissbrauch liegt vor, wenn ein Erwachsener ein Kind benutzt, um sein sexuelles Verlangen zu befriedigen. Er kann Geschlechtsverkehr einschließen, Oral- oder Analverkehr, das Streicheln der Geschlechtsteile, der Brüste oder des Gesäßes eines Kindes oder andere perverse Handlungen. Die Opfer sind meist Mädchen, manchmal aber auch Jungen. Täter sind meist männlich, manchmal aber auch weiblich.
c KURZ ERKLÄRT: In diesem und im nächsten Artikel bezieht sich „Opfer“ auf jemand, der als Kind sexuell missbraucht wurde. Damit soll deutlich werden, dass das Kind verletzt und benutzt wurde und dass es unschuldig ist.
d Im Glauben krank zu sein ist keine Entschuldigung für schwere Sünden. Der Sünder ist für seine Entscheidungen und sein Verhalten voll verantwortlich und Jehova gegenüber rechenschaftspflichtig (Röm. 14:12).
e Von einem Kind wird nie verlangt, einem Beschuldigten gegenüberzutreten. Die Ältesten können von einem Elternteil oder einer anderen Vertrauensperson über den Vorfall unterrichtet werden, damit das Kind keinen weiteren emotionalen Schaden erleidet.
f Was hier über Eltern gesagt wird, gilt auch für gesetzliche Vertreter oder andere Personen, denen elterliche Verantwortung für einen Minderjährigen übertragen ist.
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