Was sagt die Bibel?
Was macht einen guten Bürger aus?
NACH dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Menschen in Europa und Japan, die sich für gute, gesetzestreue Bürger hielten, vor Gericht, wo sie für Kriegsverbrechen verurteilt wurden. Unter ihnen befanden sich hochrangige Militärs, Wissenschaftler und sonstige Fachleute. In dem Versuch, ihre Handlungsweise zu rechtfertigen, erklärten einige der Verbrecher, sie hätten lediglich Befehle ausgeführt — so wie es von einem guten Staatsbürger erwartet würde. Ihre Vorstellung davon, was einen guten Bürger ausmacht, bewog sie allerdings dazu, entsetzliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen.
Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die die Autorität des Staates mißachten. Einige lehnen die Regierungsgewalt unverhohlen ab, andere sind bereit, das Gesetz zu brechen, solange geringe Gefahr besteht, dabei ertappt zu werden. Nur wenige würden freilich abstreiten, daß Gehorsam gegenüber einer Autorität nötig ist, denn ansonsten gäbe es Anarchie und Chaos. Die Frage ist jedoch: Wie weit darf das Einhalten der staatsbürgerlichen Pflichten und der Gehorsam gegenüber dem Gesetz gehen? Beschäftigen wir uns mit einigen Grundsätzen, die den ersten Christen geholfen haben, eine ausgeglichene Ansicht über ihre Pflichten gegenüber dem Staat zu haben.
Christliche Unterordnung unter die Gewalten
Die ersten Christen ordneten sich bereitwillig den Gesetzen und Vorschriften der damaligen „obrigkeitlichen Gewalten“ oder Herrschermächte unter (Römer 13:1). Christen waren davon überzeugt, daß es richtig war, „Regierungen und Gewalten als Herrschern untertan und gehorsam zu sein“ (Titus 3:1). Obgleich sie Christus als ihren himmlischen König anerkannten, waren sie auch gesetzestreue Untertanen der menschlichen Herrscher, und sie stellten keine Bedrohung für die Sicherheit des Staates dar. Sie wurden vielmehr dazu angehalten, zu allen Zeiten ‘den König zu ehren’ (1. Petrus 2:17). Der Apostel Paulus rief Christen sogar zu folgendem auf: „Ich ermahne daher vor allem, daß Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen in bezug auf Menschen von allen Arten dargebracht werden, in bezug auf Könige und alle, die in hoher Stellung sind, damit wir weiterhin ein ruhiges und stilles Leben führen können in völliger Gottergebenheit und Ernsthaftigkeit“ (1. Timotheus 2:1, 2).
Die ersten Christen bezahlten gewissenhaft alle von ihnen geforderten Steuern, auch wenn dies mitunter eine schwere Belastung war. Sie hielten sich an die inspirierte Anweisung, die der Apostel Paulus in dieser Sache gab. Er schrieb: „Erstattet allen, was ihnen gebührt: dem, der die Steuer verlangt, die Steuer“ (Römer 13:7). Vom Standpunkt der Jünger Jesu aus herrschten die römische Regierung und ihre Beamten mit Gottes Zulassung und dienten in einem gewissen Sinn als „Gottes öffentliche Diener“, weil sie der Gesellschaft ein bestimmtes Maß an Frieden und Stabilität verliehen (Römer 13:6).
‘Bereit für jedes gute Werk’
Die ersten Christen wurden dazu angehalten, den vom Staat auferlegten Bürgerpflichten nachzukommen. Jesus Christus persönlich riet seinen Jüngern, mitunter sogar bereit zu sein, über das vom Staat verlangte Minimum hinauszugehen. „Wenn jemand mit Befugnis dich für eine Meile zum Dienst zwingt“, sagte er, „so gehe mit ihm zwei Meilen“ (Matthäus 5:41). Dadurch, daß die Christen diesen Rat beachteten, zeigten sie, daß sie die Vorzüge einer geordneten Gesellschaft nicht genießen wollten, ohne selbst etwas dafür zu tun. Sie waren stets ‘bereit für jedes gute Werk’ (Titus 3:1; 1. Petrus 2:13-16).
Sie hatten echte Liebe zum Nächsten und suchten nach Möglichkeiten, anderen zu helfen (Matthäus 22:39). Da sie eine solche Liebe hatten und an hohen Moralvorstellungen festhielten, übten sie einen guten Einfluß in ihrer Gemeinde aus. Ihre Nachbarn hatten allen Grund, froh zu sein, mit einem Christen Tür an Tür zu leben (Römer 13:8-10). Die Christen bewiesen ihre Liebe nicht nur dadurch, daß sie nichts Schlechtes taten. Sie wurden außerdem dazu ermutigt, aus sich herauszugehen, sich aktiv für die Interessen anderer einzusetzen und „gegenüber allen [nicht nur gegenüber Glaubensbrüdern] das Gute [zu] wirken“, so wie Jesus Christus das getan hatte (Galater 6:10).
„Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“
Der Gehorsam der ersten Christen gegenüber weltlichen Regierungen war allerdings nicht uneingeschränkt. Sie taten nichts, was ihr Gewissen verletzt oder ihr Verhältnis zu Gott getrübt hätte. Als die religiösen Machthaber in Jerusalem beispielsweise den Aposteln verboten, weiter von Jesus zu predigen, weigerten sie sich, dem Folge zu leisten. „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“, erklärten sie (Apostelgeschichte 5:27-29). Sie weigerten sich standhaft, sich in den götzendienerischen Kaiserkult verwickeln zu lassen (1. Korinther 10:14; 1. Johannes 5:21; Offenbarung 19:10). Was für Folgen hatte das? „Es kam zu Verurteilungen“, sagt der Historiker J. M. Roberts, „und zwar nicht, weil sie Christen waren, sondern weil sie sich weigerten, etwas zu tun, was das Gesetz verlangte“ (Shorter History of the World).
Warum weigerten sich die Christen in diesem Fall, etwas zu tun, was das Gesetz verlangte? Sie erkannten an, daß die „obrigkeitlichen Gewalten“ ihre Macht mit der Zulassung Gottes ausübten und aus diesem Grund als ‘Gottes Diener’ fungierten, indem sie Recht und Ordnung aufrechterhielten (Römer 13:1, 4). Aber das Gesetz Gottes war in den Augen der Christen eine noch höhere Autorität. Sie erinnerten sich daran, daß Jesus für seine Nachfolger den ausgewogenen Grundsatz geprägt hatte: „Zahlt daher Cäsars Dinge Cäsar zurück, Gottes Dinge aber Gott“ (Matthäus 22:21). Ihre Verpflichtungen gegenüber Gott mußten gegenüber den Forderungen des Cäsars Priorität haben.
Daß dieser Weg richtig war, bewiesen die Folgen, die sich daraus ergaben, daß viele nominelle Christen jene guten Grundsätze nicht mehr beachteten. Wie der Militärhistoriker John Keegan sagt, wurden abtrünnige Führer der Christenheit als „gefügige Werkzeuge“ benutzt, „vor allem wenn es um die Aufstellung und Unterhaltung von Streitkräften ging“. Ihre Anhänger ergriffen schließlich Partei in Kriegen, in denen das Blut von Millionen unschuldiger Menschen vergossen wurde. Hierzu erklärt John Keegan: „Sobald das Blut der Menschen in Wallung geriet ..., stießen Gottes Gebote auf taube Ohren.“
Die ersten Christen sind dagegen ein leuchtendes Vorbild für eine ausgeglichene Haltung in dieser Hinsicht. Sie waren gute Bürger. Sie kamen ihren Bürgerpflichten und ihrer Verantwortung auf beispielhafte Weise nach. Aber sie hielten auch standhaft an eindeutigen biblischen Grundsätzen fest und folgten ihrem biblisch geschulten Gewissen in allen Lebenslagen (Jesaja 2:4; Matthäus 26:52; Römer 13:5; 1. Petrus 3:16).
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„Zahlt daher Cäsars Dinge Cäsar zurück“