Junge Leute fragen sich:
Was ist schlimm daran, wenn ich andere schikaniere?
„Hey, es hat mir eben Spaß gemacht! Na und? Außerdem hatte Ron es verdient.“
VIELLEICHT bist du größer und stärker als die meisten deiner Altersgenossen. Oder du bist schlagfertig und streitlustig und hast eine scharfe Zunge. Auf jeden Fall scheinst du es zu verstehen, andere einzuschüchtern, aufzuziehen oder auf ihre Kosten Spaß zu haben.
Obwohl deine Freunde es lustig finden mögen, wenn du jemand schikanierst, so ist das doch alles andere als eine harmlose Angelegenheit. Tatsächlich haben Forscher herausgefunden, daß Schikanen mehr Schaden anrichten, als sie jemals gedacht hätten. Eine Umfrage unter amerikanischen Jugendlichen im Schulalter ergab, daß „90 Prozent der Opfer sagten, Schikanen hätten schädliche Auswirkungen wie schulischer Leistungsabfall, gesteigerte Angst, Verlust von Freunden oder weniger Freizeitaktivitäten“. In Japan erhängte sich ein Dreizehnjähriger, „nachdem er ausführlich schriftlich festgehalten hatte, wie er in den letzten drei Jahren schikaniert worden war“.a
Aber wodurch wird man zum Schikanierer? Und wie kannst du dich ändern, falls du einer bist?
Was sind Schikanen?
Die Bibel berichtet von Männern, die vor der Flut der Tage Noahs lebten und die andere tyrannisierten. Man nannte sie Nephilim, was „Die zu Fall Bringenden“ bedeutet. Während ihrer Schreckensherrschaft wurde „die Erde ... mit Gewalttat erfüllt“ (1. Mose 6:4, 11).
Jemand braucht jedoch andere nicht unbedingt zu schlagen oder herumzukommandieren, um ein Schikanierer zu sein. Jeder, der andere — besonders schwache und empfindliche Personen — grob behandelt oder sie beleidigt, ist ein Schikanierer. (Vergleiche Prediger 4:1.) Eine solche Person versucht, anderen zu drohen, sie einzuschüchtern oder zu beherrschen. Die meisten benutzen dazu allerdings ihren Mund, nicht ihre Fäuste. Seelische Schikanen sind die häufigste Art dieser Form von Mißhandlung. Dazu können demnach Beleidigungen, sarkastische Bemerkungen, Spott und Beschimpfungen gehören.
Bisweilen erfolgen Schikanen allerdings auch auf raffinierte, nicht leicht erkennbare Weise. Diese Erfahrung machte zum Beispiel Lisa.b In ihrer Kindheit hatte sie mehrere Freundinnen. Als sie 15 Jahre alt war, wurde alles anders. Aus Lisa wurde ein sehr hübsches Mädchen, das viele Blicke auf sich zog. Sie erklärt: „Meine Freundinnen mieden mich plötzlich und sagten gemeine Sachen über mich, entweder hinter meinem Rücken oder mir direkt ins Gesicht.“ Außerdem verbreiteten sie Lügen über Lisa und versuchten so, ihren Ruf zu ruinieren. Eifersüchtig schikanierten sie sie auf gemeinste Weise.
Was macht jemand zum Schikanierer?
Aggressives Verhalten steht oft in Verbindung mit jemandes häuslicher Umgebung. „Mein Vater war aggressiv, also war ich es auch“, sagt Scott, ein Jugendlicher. Auch Aaron hatte es zu Hause nicht leicht. Er berichtet: „Mir war klar, daß die anderen über mein Zuhause Bescheid wußten — daß es eben anders war —, und ich wollte kein Mitleid.“ Wenn Aaron Sport trieb, mußte er daher einfach gewinnen. Doch das war ihm nicht genug. Er wollte seine Gegner unbedingt demütigen und rieb ihnen ihre Niederlage immer wieder unter die Nase.
Brent dagegen wurde von gottesfürchtigen Eltern erzogen. Doch er räumt ein: „Ich brachte andere zwar zum Lachen, aber manchmal wußte ich nicht, wann ich aufhören mußte, und dann wurden Gefühle verletzt.“ Brents Wunsch, Spaß zu haben und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, führte dazu, daß ihm die Gefühle anderer gleichgültig waren (Sprüche 12:18).
Andere Jugendliche scheinen vom Fernsehen beeinflußt zu sein. In Kriminalfilmen werden „harte Jungs“ verherrlicht, und es wird der Eindruck erweckt, Freundlichkeit sei etwas Unmännliches. Bekannte Komödien strotzen nur so vor Sarkasmus. In Berichten über Sportereignisse werden oftmals die Streitereien und die rauhe Sprache der Sportler herausgestellt. Auch deine Freunde können Einfluß darauf haben, wie du andere behandelst. Wenn sie andere gern schikanieren, tust du es ihnen vielleicht schnell gleich, um nicht selbst von ihnen getriezt zu werden.
Ganz gleich, wie deine Situation aussieht, wenn du einschüchternde Methoden anwendest, schadest du nicht nur deinen Opfern damit.
Lebenslange Folgen
In der Zeitschrift Psychology Today hieß es: „Schikanen können in der Kindheit beginnen, doch sie setzen sich im Erwachsenenalter fort.“ Die Dallas Morning News berichtete, daß einer Studie zufolge „65 Prozent der Jungen, die bereits Schikanierer waren, als sie in die zweite Klasse gingen, im Alter von 24 Jahren wegen Schwerverbrechen verurteilt worden waren“.
Natürlich wird nicht jeder Schikanierer kriminell. Gewöhnst du es dir jedoch an, andere grob zu behandeln, könntest du dadurch später echte Probleme bekommen. Wenn du diese Gewohnheit irgendwann mit in die Ehe nimmst, bringst du womöglich großen Kummer über deinen Ehepartner und deine Kinder. Und da Arbeitgeber Arbeitskräfte vorziehen, die gut mit anderen auskommen, wirst du vielleicht Absagen erhalten. Ebenso könnten dir zukünftige Vorrechte in der Christenversammlung verwehrt werden. „Eines Tages würde ich gern die nötigen Voraussetzungen erfüllen, Ältester zu werden, doch mein Vati hat mir klargemacht, daß andere nicht mit ihren Problemen zu mir kommen werden, wenn sie denken, ich könnte eine sarkastische Bemerkung machen“, sagt Brent (Titus 1:7).
Wie kannst du dich ändern?
Wir erkennen unsere eigenen Fehler nicht immer deutlich. Die Bibel weist uns darauf hin, daß jemand sogar ‘zu schmeichlerisch gegen sich handelt in den eigenen Augen, als daß er sein Vergehen herausfinden könnte, um es zu hassen’ (Psalm 36:2). Daher könntest du deine Eltern, einen vertrauten Freund oder einen reifen Christen nach seinen Beobachtungen fragen. Die Wahrheit tut möglicherweise weh, aber sie kann dir helfen, zu erkennen, welche Änderungen du vornehmen mußt (Sprüche 20:30). „Ich denke, daß ich auf Rat gehört habe, hat mir am meisten geholfen“, sagt Aaron. „Diejenigen, die ehrlich waren, sagten mir, was ich falsch machte. Es war nicht immer das, was ich gern gehört hätte, aber es war das, was ich in Wirklichkeit brauchte.“
Ist damit gemeint, daß du eine drastische Umwandlung deiner ganzen Persönlichkeit durchmachen mußt? Nein, wahrscheinlich müssen nur dein Denken und bestimmte Verhaltensweisen zurechtgebracht werden (2. Korinther 13:11). Womöglich hast du bis heute immer gedacht, du seist auf Grund deiner Größe, deiner Stärke oder deiner Schlagfertigkeit etwas Besseres als die anderen. In der Bibel werden wir dagegen ermuntert, ‘in Demut die anderen höher zu achten als uns selbst’ (Philipper 2:3). Mache dir bewußt, daß andere — ungeachtet der Größe oder Stärke — bewundernswerte Eigenschaften haben, die du nicht hast.
Vielleicht mußt du auch die Neigung zu aggressivem oder dominierendem Verhalten ablegen. Arbeite daran, ‘nicht nur die eigenen Dinge in deinem Interesse im Auge zu behalten, sondern auch persönlich Interesse für die der anderen zu zeigen’ (Philipper 2:4). Wenn du deine Meinung sagen mußt, dann tu dies, ohne beleidigend, sarkastisch oder ausfallend zu werden (Epheser 4:31).
Bist du versucht, andere zu schikanieren, dann denke daran, daß Gott die Nephilim vernichtete (1. Mose 6:4-7; 7:11, 12, 22). Jahrhunderte später, zur Zeit des Propheten Hesekiel, brachte Gott sein großes Mißfallen denen gegenüber zum Ausdruck, die Hilflose ‘drängten und mit den Hörnern stießen’ (Hesekiel 34:21). Das Bewußtsein, daß Jehova es haßt, wenn man andere schikaniert, kann ein starker Ansporn sein, die nötigen Änderungen vorzunehmen.
Außerdem ist es eine Hilfe, ernsthaft über biblische Grundsätze nachzusinnen. Die Goldene Regel lautet: „Alles daher, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, sollt auch ihr ihnen ebenso tun“ (Matthäus 7:12). Wenn du versucht bist, jemand einzuschüchtern, dann frage dich: „Möchte ich gern herumgestoßen, eingeschüchtert oder gedemütigt werden? Warum behandle ich dann andere so?“ Die Bibel gebietet uns, ‘gütig zueinander zu sein, voll zarten Erbarmens’ (Epheser 4:32). Jesus gab in dieser Hinsicht ein vollkommenes Beispiel. Obwohl er allen Menschen überlegen war, behandelte er jeden mit Freundlichkeit, Einfühlungsvermögen und Achtung (Matthäus 11:28-30). Versuche, dich genauso zu verhalten, wenn du es mit einem Schwächeren zu tun hast oder auch wenn dir jemand auf die Nerven geht.
Was aber, wenn dein aggressives Verhalten auf Gefühle des Zorns über die schlechte Behandlung, die du zu Hause erfährst, zurückzuführen ist? In manchen Fällen ist es gerechtfertigt, darüber zornig zu sein. (Vergleiche Prediger 7:7.) Aus der Bibel erfahren wir jedoch, welche Warnung der gerechte Hiob erhielt: „Gib acht, daß Wut dich nicht zu gehässigem ... [Handeln] verlockt ... Sei auf der Hut, daß du dich nicht Schädlichem zuwendest“ (Hiob 36:18, 21). Selbst wenn du schlecht behandelt wirst, hast du nicht das Recht, andere ebenfalls schlecht zu behandeln. Besser wäre es, wenn du versuchst, mit deinen Eltern zu reden. Solltest du sehr schlecht behandelt werden, ist eventuell die Hilfe Außenstehender vonnöten, um dich vor weiterem Schaden zu schützen.
Sich zu ändern ist nicht immer leicht, aber es ist möglich. Brent sagt: „Ich bete fast jeden Tag darum, und Jehova hat mir geholfen, einige schöne Fortschritte zu machen.“ Wenn auch du dich in der Art und Weise verbesserst, wie du mit anderen umgehst, wirst du ganz bestimmt feststellen, daß du dadurch bei anderen beliebter wirst. Vergiß nicht: Schikanierer sind womöglich gefürchtet, aber in Wirklichkeit mag sie keiner.
[Fußnoten]
a Der Artikel „Junge Leute fragen sich: Was kann ich gegen Angreifer in der Schule tun?“ im Erwachet! vom 8. August 1989 handelt davon, wie jemand, der schikaniert wird, sich zur Wehr setzen kann.
b Einige Namen wurden geändert.
[Herausgestellter Text auf Seite 19]
„Schikanen können in der Kindheit beginnen, doch sie setzen sich im Erwachsenenalter fort“
[Bild auf Seite 18]
Verbale Mißhandlung ist eine Form von Schikanen