Die Mumie, die aus der Kälte kam
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN ITALIEN
Auf den ersten Blick hätte es der Schauplatz eines Verbrechens sein können. Ein ausgedörrter Leichnam, das Gesicht dem Boden zugewandt, steckte bäuchlings im Eis. War es ein Unfall gewesen? Ein Mord aus Rache? Oder handelte es sich lediglich um einen verunglückten Bergsteiger? Wie auch immer, warum hatte sich dieser Mann dort oben, 3 200 Meter über dem Meer, in der Stille der Tiroler Alpen aufgehalten? Wer war er? Und wie war er ums Leben gekommen?
DER „Mann aus dem Eis“, wie er unverzüglich genannt wurde, oder Homo tyrolensis (sein wissenschaftlicher Name) wurde im September 1991 von einem deutschen Ehepaar zufällig entdeckt, das den Similaun (in den Ötztaler Alpen) bestieg, über den die Grenze zwischen Österreich und Italien verläuft. Auf Grund des besonders heißen Sommers in jenem Jahr war der meiste Schnee geschmolzen, und Überreste wurden freigegeben, die sonst, wer weiß wie lange noch, verborgen geblieben wären. Nachdem Untersuchungsbeamte einige anfängliche Unklarheiten in Verbindung mit dem Fund beseitigt hatten, wurde der mumifizierte Tote unsanft aus dem Eis gehackt, wobei er verletzt wurde. Schon bald war offenkundig, daß es sich hierbei nicht um einen gewöhnlichen Leichnam handelte. Unweit davon lagen mehrere Gegenstände, die von der üblichen Ausrüstung moderner Bergsteiger, die solche Höhen erklimmen, stark abwichen.
Einige erkannten, daß der Leichnam sehr alt war. Nach ersten Untersuchungen gab Konrad Spindler von der österreichischen Universität Innsbruck eine überraschende Erklärung ab — der auf dem Similaun gefundene mumifizierte Tote sei Tausende von Jahren alt! Nähere Untersuchungen der Fundstelle ließen die Gelehrten schlußfolgern, daß der Leichnam „der bei weitem älteste Mensch ist, der jemals in praktisch unversehrtem Zustand gefunden wurde“ (Time, 26. Oktober 1992). Nach Ansicht von Archäologen war der Mann aus dem Eis, der liebevoll „Ötzi“ (von „Ötztal“ abgeleitet) genannt wurde, etwa um 3000 v. u. Z. gestorben.
Als erst einmal die Bedeutung des Fundes klar war, kehrten die Archäologen mehrmals zum Similaun zurück und suchten nach weiteren Artefakten, die klären sollten, was dem Mann vor all den Jahrhunderten widerfahren war. Was fand man heraus? Warum bestand solch ein reges Interesse an einer im Eis steckenden Mumie? Konnte irgendeines der Geheimnisse, die den Mann aus dem Eis umgeben, gelüftet werden?
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Ötzi, der Mann aus dem Eis
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Foto: Archiv Österreichischer Alpenverein/Innsbruck, S.N.S. Pressebild GmbH