Dem Mann aus dem Eis auf der Spur
ÖTZI war über die Jahrhunderte hinweg gut aufgehoben. Er lag in über 3 200 Meter Höhe in einer Mulde, die sich in einer schmalen, schneebedeckten Felsrinne befand, und war so vor den Bewegungen des Gletschers sicher. Wäre der Körper im Gletschereis eingefroren, wäre er zermalmt und fortgetragen worden. Sehr wahrscheinlich war es der geschützten Lage zu verdanken, daß der Körper erhalten blieb.
Einige Meter von der Leiche entfernt fand man Gegenstände, die damals anscheinend zum täglichen Leben gehörten: einen nicht gespannten Bogen aus Eibenholz, einen mit 14 Pfeilen gefüllten Fellköcher (2 Pfeile waren schußfertig, die anderen Pfeile waren noch nicht fertiggestellt), einen Dolch mit einer Feuersteinklinge, ein Beil, einen Lederbeutel, ein Gefäß aus Birkenrinde, ein Objekt, das man für den Rahmen eines einfachen Tragegerüstes hält, Bekleidungsreste sowie anderes Zubehör.
Als man den Similaunmann (ein weiterer Name) fand, trug er noch einzelne Teile seiner Kleidung sowie Lederschuhe, die zum Schutz vor der Kälte mit Heu ausgestopft waren. Unweit des Kopfes lag eine „Matte“ aus geflochtenem Gras. Es hatte den Anschein, als sei der Gletschermann eines Abends vor lauter Müdigkeit und Kälte sanft eingeschlafen, nur um Tausende von Jahren später wieder das Tageslicht zu „erblicken“. Der Fund sei „ein Schnappschuß aus einer Epoche, einer Gesellschaft und einer Population“, erklärte der Archäologe Francesco Fedele, der den Similaunmann als eine „Kassette mit Zeitdokumenten“ bezeichnete.
Wie blieb er erhalten?
Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wieso Ötzi unter den gegebenen Umständen eine so lange Zeit unbeschadet überstehen konnte. „Selbst wenn die Mulde, in der er gefunden wurde, wirklich Schutz bot, so grenzt es doch an ein Wunder, daß er erhalten geblieben ist“ war in der Zeitschrift Nature zu lesen. Die momentan plausibelste Erklärung stützt sich auf das Zusammentreffen „dreier unwahrscheinlicher Ereignisse“: 1. Kälte, Sonne und Föhn (ein warmer, trockener Wind) sorgten für eine schnell voranschreitende natürliche Mumifizierung (Dehydratation); 2. der Leichnam wurde schon bald von Schnee bedeckt, was ihn vor Raubtieren schützte; und 3. die Felsmulde gewährte Schutz vor den Bewegungen des Gletschers. Einige halten jedoch nicht einmal diese Erklärung für überzeugend; sie weisen darauf hin, daß der Föhn in jenem Teil der Alpen nicht solche Höhen erreicht.
Es gibt aber auch unleugbare Fakten in Verbindung mit dem Mann aus dem Eis. Mit Bestimmtheit läßt sich sagen, daß er zwischen 25 und 40 Jahre alt, um die 1,60 Meter groß und etwa 50 Kilogramm schwer war. Er hatte eine kräftige Statur und war muskulös; sein braunes Haar war gepflegt und wurde anscheinend regelmäßig geschnitten. Kürzlich durchgeführte Untersuchungen seiner DNS mittels Gewebeproben ergaben, daß er die gleiche Erbmasse hatte wie seine Zeitgenossen aus Mittel- und Nordeuropa. Die abgenutzten Zähne lassen auf den Verzehr von Schrotbrot schließen und darauf, daß er einer ackerbautreibenden Gemeinschaft angehörte; das belegen auch die Weizenkörner, die in seiner Kleidung steckten. Interessanterweise ließ sich feststellen, um welche Zeit herum er starb — es muß gegen Ende des Sommers oder Anfang Herbst gewesen sein. Wieso? Im Beutel des Toten fand man Schlehen, Früchte, die im Spätsommer reifen; vielleicht gehörten sie zu seinen letzten Vorräten.
Ein „Ritter aus dem Mittelalter mit einem Gewehr“
Doch was verrät uns Ötzi? Die italienische Zeitschrift Archeo zählte einige Fragen auf, die mit der Entdeckung Ötzis aufkamen: „War er ein Krieger oder ein Jäger? War er ein Außenseiter, oder war er zusammen mit seiner Gruppe unterwegs? Wollte er vielleicht mit einigen aus seiner Gruppe die Berge überqueren? ... War er inmitten all des Eises allein, oder ist anzunehmen, daß noch weitere Tote gefunden werden?“ Die Gelehrten wollen in erster Linie durch die Untersuchung und die Bestimmung der auf dem Similaun gefundenen Objekte diese Fragen beantworten. Verschiedene Theorien wurden aufgestellt, die erklären sollen, warum Ötzi sich in über 3 200 Meter Höhe aufgehalten hat; jeder Theorie wird allerdings durch irgendein Detail widersprochen. Beschäftigen wir uns mit einigen dieser Theorien.
Der Bogen, der noch nie gespannt worden war, und die Pfeile würden vermuten lassen, daß der Mann aus dem Eis Jäger war. Ist das des Rätsels Lösung? Vielleicht, obwohl der Bogen mit seinen fast 1,8 Metern „für einen Mann seiner Statur ziemlich lang und für die Jagd auf alpine Tiere entschieden zu groß war“, so der Archäologe Christopher Bergman. Was wollte er mit einem Bogen, den er gar nicht gebrauchen konnte? Außerdem muß jemand, der in den Bergen unterwegs ist, alles überschüssige Gewicht vermeiden, „was es besonders rätselhaft erscheinen läßt, daß der Bogen und 12 der 14 Pfeile noch nicht gebrauchsfertig waren; die anderen Waffen (der Dolch und das Beil) dagegen waren abgenutzt“, hieß es in Nature.
Was ist mit dem Beil, das nur wenige Meter von dem Toten entfernt lag? Anfänglich dachte man, es sei aus Bronze, doch Untersuchungen ergaben, daß es in Wirklichkeit aus Kupfer besteht. Unter anderem aus diesem Grund sind viele Archäologen geneigt, Ötzi dem Beginn der sogenannten Kupferzeit (viertes und drittes Jahrtausend v. u. Z.) zuzuordnen. „C-14-Untersuchungen ... bestätigten, daß der Gletschermann vor 4 800 bis 5 500 Jahren gelebt hat“ war in der Zeitschrift Audubon zu lesen.a Andere Beifunde lassen manche Experten jedoch eher vermuten, daß der Mann aus dem Eis aus einer etwas älteren Periode stammt. Offensichtlich läßt sich der Similaunmann keiner bestimmten alten Kultur zuordnen. Bezug nehmend auf das Kupferbeil, meinte ein Archäologe, daß Ötzi „eine Waffe besaß, die für seine Epoche technisch zu ausgereift war. Es ist so, als hätten wir einen Ritter aus dem Mittelalter mit einem Gewehr gefunden. Tatsächlich war Kupfer zur damaligen Zeit nur in den östlichen Kulturen bekannt.“
Wie außerdem bereits erwähnt, könnte das Beil für die Zeitgenossen des Mannes aus dem Eis ein sehr kostbarer Gegenstand gewesen sein. Andere Artefakte wie die Scheide für den Dolch zeugen ebenfalls von großer Kunstfertigkeit und waren offenbar „Prestigeobjekte“. Wenn Ötzi aber eine bedeutende Persönlichkeit war, ein Anführer, wieso war er dann zum Zeitpunkt seines Todes allein?
Konrad Spindler von der Universität Innsbruck wurde in der Zeitschrift Popular Science wie folgt zitiert: „Was ursprünglich für geheimnisvolle Tätowierungen gehalten wurde, steht in direkter Verbindung mit den abgenutzten Knie- und Sprunggelenken und mit dem Verschleiß der Rückenwirbel. Der Arzt des Eismanns ‚brannte‘ wahrscheinlich die Haut über den schmerzenden Gelenken und rieb dann Kräuterasche in die Wunden.“
Unlängst kam bei einem Treffen von Gerichtsmedizinern in Chicago der Gedanke auf, daß Ötzi womöglich auf der Flucht vor Leuten gestorben war, die ihn geschlagen und verletzt hatten. Man stellte bei ihm mehrere Rippenbrüche und einen Kieferbruch fest. Jedoch läßt sich nicht sagen, wann genau es zu diesen Verletzungen kam — zu seinen Lebzeiten oder nach seinem Tod. Wenn er hingegen ein Opfer von Gewalt geworden war, wieso besaß er dann immer noch all seine Utensilien, einschließlich der kostbaren Gegenstände wie das Kupferbeil? Diese Frage wurde in Archeo gestellt.
Die Forscher halten die verfügbaren Fakten für unzureichend, um das Bild zu vervollständigen, und viele Fragen bleiben offen. Fest steht aber, daß die Kultur, der Ötzi angehörte, komplex und durchstrukturiert war.
Ötzi und seine Welt
Bei ihrer Beschreibung der Welt des Similaunmanns stützen sich die Gelehrten auf Funde aus alpinen Gegenden, die von seinen Zeitgenossen besiedelt gewesen sein sollen. Doch auch in jener Zeit waren die Menschen aus einer Gegend fortschrittlicher als die aus einer anderen, und die meisten technischen Errungenschaften, zum Beispiel der Werkstoff Kupfer, stammten aus dem Nahen Osten.
Eine Rekonstruktion besagt, daß Ötzi vielleicht in einem Dorf im Etschbecken lebte, wo man Ackerbau betrieb. Die Etsch war ein bedeutender Handelsweg, der die italienische Halbinsel mit Mitteleuropa verband. In diesem Teil der Alpen hat man an verschiedenen Orten eine Reihe Siedlungen entdeckt, selbst in einer Höhe von etwa 2 000 Metern. Die Dörfer, in denen damals Landwirtschaft betrieben wurde, bestanden in der Regel aus drei oder vier Häusern, höchstens aus einigen wenigen Dutzend. Wie sahen die Häuser aus? Ausgrabungen zeigen lediglich den Boden, der zumeist aus festgetretener Erde bestand. Die Wohnhäuser hatten einen einzigen Raum, in dessen Mitte sich gewöhnlich eine Feuerstelle, manchmal auch ein Ofen, befand. Bei den Dächern handelte es sich wahrscheinlich um Giebeldächer, ähnlich wie bei den Pfahlbauten, die man in der Nähe einiger Bergseen entdeckt hat. Der eine Raum diente möglicherweise jeweils einer Familie als Unterkunft.
Welche Art Kontakt bestand zwischen den Gemeinschaften der Viehzüchter und Bauern? Zweifellos verband sie der Handel. Das Beil vom Similaunmann ähnelt zum Beispiel den Beilen, die weiter südlich an den Ufern des Gardasees hergestellt wurden, und könnte daher ein Handelsobjekt gewesen sein. Zu Ötzis Ausrüstung gehörten auch einige Feuersteingegenstände, die entlang der Etschtalroute als kostbare Handelsobjekte galten. Unter anderem machte der jahreszeitlich bedingte Viehtrieb größere Ortsveränderungen nötig. Noch heute führen die Hirten in Tirol ihre Herden auf der Suche nach neuen Weidegründen über die Pässe. Was hat man noch über die Herkunft des Gletschermannes in Erfahrung gebracht?
[Fußnote]
a Informationen über die Unzuverlässigkeit der Radiokarbon- oder C-14-Methode sind im Erwachet! vom 22. September 1986, Seite 21—26 zu finden sowie in dem von der Wachtturm-Gesellschaft herausgegebenen Buch Das Leben — Wie ist es entstanden? Durch Evolution oder durch Schöpfung?, Seite 96.
[Karte auf Seite 5]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Der Mann aus dem Eis wurde kurz hinter der italienischen Grenze auf dem Similaun gefunden
DEUTSCHLAND
ÖSTERREICH
Innsbruck
SCHWEIZ
SLOWENIEN
ITALIEN
Bozen
Similaun
Adria
[Bilder auf Seite 7]
Das X zeigt an, wo Ötzi gefunden wurde. Kleine Bilder: 1 Kupferbeil, 2 Feuersteindolch, 3 wahrscheinlich ein Amulett, 4 Holzstift mit Geweihspan.
[Bildnachweis]
Foto: Prof. Dr. Gernot Patzelt/Innsbruck
Fotos 1—4: Archiv Österreichischer Alpenverein/Innsbruck, S.N.S. Pressebild GmbH