Kohlenbergbau in der Prärie
Vom „Awake!“-Korrespondenten in Kanada
WIR bogen von der Hauptstraße ab und fuhren auf die grauen „Berge“ zu, die man hier in der Prärie überall sieht. Sozusagen in allen Richtungen erheben sich diese düsteren „Hügelzüge“ über das ebene Land. Wir wollten eine ungewöhnliche Grube besichtigen, nicht in diesen „Bergen“, sondern daneben.
Die Straße führte über einen Erddamm, der das vierzehn Kilometer lange Staubecken eines riesigen Elektrizitätswerkes abschloß. Auf einem Schild konnte man lesen: „Boundary Dam Power Station — Saskatchewan Power Corporation“; die Bezeichnung „Grenzdamm-Kraftwerk“ erinnerte uns daran, daß wir uns nur etwa elf Kilometer nördlich der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika befanden. Wir fahren zwischen dem Kraftwerk und einem gewaltigen Kohlenhaufen hindurch, bogen dann ab und folgten einem „Hügelzug“, der, wie wir nachher feststellten, nicht aus Steinen und Felsen aufgebaut war, sondern aus einer Reihe von Schutthalden. Nachdem wir wieder eine der Halden umfahren hatten, wurde die Straße ganz schmal und führte zu einem tiefen Graben.
Die beiden kleinen Kinder kletterten aufgeregt aus dem Auto. Man schärfte ihnen ein, keine Streifzüge auf eigene Faust zu unternehmen, denn obschon die Grube nicht in Betrieb war, war es doch gefährlich, ohne Begleitung auf Entdeckungsreisen zu gehen. Unser Gastgeber dagegen kannte sich hier gut aus, und eine Führung mit ihm war ganz ungefährlich. Möchtest du dich uns nicht anschließen?
Maschinen, die eine Grube freilegen
Unsere erste Überraschung erleben wir, als wir einen Blick in die Grube werfen, nicht in einen dunklen Schacht, sondern in ein etwa fünfzehn Meter tiefes Loch! Etwa vor hundert Jahren fing man an, in der Prärie im Tagebaubetrieb Kohle zu fördern.
Was unsere Aufmerksamkeit jedoch am meisten fesselt, ist die gewaltige Maschine neben der offenen Grube. Es ist ein gewaltiger Schleppschaufelbagger, der den Spitznamen führt „Mister Klimax“! Unser Führer erzählt uns, daß das der größte Schleppschaufelbagger ist, den es in Kanada gibt, und daß der Tagebau eigentlich erst wirtschaftlich wird, wenn man solche Maschinen hat. Wir treffen den Vorarbeiter, der heute Dienst hat, und er bereichert ganz unerwartet unsere Besichtigung, indem er sich etwas Zeit für uns nimmt.
„Er ist so hoch wie ein zehnstöckiges Gebäude und wiegt über 1 500 Tonnen“, erzählt der Vorarbeiter von dem Großbagger „Mr. Klimax“. Das bedeutet, daß er etwa tausendmal schwerer ist als unser Auto!
„Er kann fast dreißig Meter tief graben und mit einem Mal sechsundzwanzig Kubikmeter Baggergut wegheben“, berichtet er weiter. „Aber da der Bagger heute nicht in Betrieb ist, möchtet ihr vielleicht einen Blick in sein Inneres werfen.“
Das möchten wir wirklich gerne! Wir ersteigen den gewaltigen Unterbau, und der Vorarbeiter schließt die Tür auf, als wären wir im Begriff, ein großes Gebäude zu betreten. Im Innern dieses Kolosses betrachten wir staunend die riesigen Getriebe, Seile und Antriebsmaschinen.
„Alle Antriebsmaschinen und Getriebe sind hier im Maschinenhaus untergebracht“, erklärt der Vorarbeiter. „Diese betätigen die Seile, mit denen Ausleger und Schleppschaufel vorn an der Maschine bewegt werden. Wenn der Ausleger gesenkt wird, wird durch das eine Seil die Schleppschaufel herabgelassen und durch ein anderes an die Maschine herangezogen, während sich die Schleppschaufel mit Baggergut füllt. Dann wird der Ausleger gehoben, die ganze Maschine dreht sich auf dem Unterbau, und die Schleppschaufel wird über der Halde neben der offenen Grube ausgeschüttet.“
Wir klettern einige weitere Metallstufen hoch und gelangen zum Führerstand, der sich in einer oberen Ecke vorn in der Maschine befindet. Vom Führerstand aus steuert der Maschinenführer mit Hilfe von drei Hebeln und zwei Pedalen die ganze Abräumarbeit.
„Es ist so leicht wie Autofahren“, sagt der Vorarbeiter lächelnd. „Der Baggerführer steht durch einen Feldfunksprecher, den er in seinem Führerhaus hat, mit dem Grubenbüro stets in Verbindung.“
Die Aussicht auf die unendliche Weite der Prärie macht auf uns einen tiefen Eindruck, auch auf das kleine Mädchen, das sich durch dieses Abenteuer der Gefahr ausgesetzt hat, sein hübsches Kleidchen mit Kohlenstaub oder Maschinenöl zu beschmieren. Und die Phantasie des kleinen Jungen wird mächtig angeregt, während er auf dem gepolsterten Stuhl des Maschinenführers sitzt und mit seinen kleinen Händen die riesigen Hebel umfaßt.
Während wir die Treppen hinabsteigen und dem Ausgang zustreben, fragen wir uns, wie eine solch gewaltige Maschine von einer Arbeitsstelle zur anderen gefahren werden kann.
„Wenn sie sich in Bewegung setzen soll, werden auf beiden Seiten riesige Pontons herabgelassen, die Maschine wird darauf gehoben und rückt dann immer ein Stück rückwärts. Deshalb spricht man von einem ,wandelnden‘ Schleppschaufelbagger“, erklärt der Vorarbeiter. „Doch das ganze Unternehmen ist recht heikel, denn das Gewicht des 73 Meter langen Auslegers und der 18 Tonnen schweren Schleppschaufel muß durch ein Gegengewicht genau ausgeglichen werden, damit der Bagger nicht umstürzt.“
„Mr. Klimax“ hat vor kurzem eine weite Reise gemacht. Das muß ein eindrucksvolles Bild gewesen sein!
„Dieser große Schleppschaufelbagger stand vorher in einer Grube, die etwa zwölf Kilometer von dieser entfernt ist, und legte diesen Weg mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Metern in der Minute zurück. Da er elektrisch angetrieben wird, mußten wir Kabel legen und auf dem ganzen Weg kleine Hütten bauen — ,Doghouses‘ nennen wir sie. In diesen Hütten waren Transformatoren untergebracht, die die Spannung von 72 000 Volt auf 4 160 Volt, die Voltzahl des ,Mr. Klimax‘, umformten.“
„Mr. Klimax“ überquerte eine Eisenbahnlinie, zwei Autostraßen und zwei Flüsse. Aber das schwierigste Wegstück war das Tal vom Damm abwärts.
„Der Höhenunterschied beträgt dort siebenundzwanzig Meter, daher mußten wir zu beiden Seiten des Tales eine Straße bauen mit zehn Prozent Steigung“, berichtet der Vorarbeiter. Sechzehn Tage nach Beginn der Reise traf „Mr. Klimax“ jedoch sicher an seinem neuen Arbeitsplatz ein.
Vielleicht denkst du, diese Grabemaschine sei die größte dieser Maschinen, die es gibt, doch dem ist nicht so. Im Vergleich zu dem Schleppschaufelbagger, der in Südohio (USA) in Betrieb ist, erscheint dieser Bagger als Zwerg. Die Schleppschaufel hat einen Inhalt von 168 Kubikmetern.
Ist der Tagebau wirtschaftlich, obschon Großbagger benutzt werden, die Millionen Dollar kosten? Die große Leistungsfähigkeit dieser Maschinen im Wegräumen des Deckgebirges macht den Tagebau wirtschaftlich. Diese Maschinen sind meist Tag und Nacht in Betrieb. Die Kosten für die Förderung von Kohlen in dieser Grube betragen zum Beispiel nur etwa ein Sechstel der Kosten der Kohlenförderung im Untertagebau in anderen Gruben Kanadas.
Spaziergang auf einem Kohlenflöz
Da du dich uns auf einer Besichtigungstour angeschlossen hast, möchten wir dich jetzt einladen, etwas ganz Ungewöhnliches anzusehen. Wir besteigen wieder das Auto und fahren an einer Reihe von Halden entlang, die an die „Badlands“, die wüstenhafte, zerklüftete Landschaft am Kleinen Missouri, erinnern. Die Straße führt steil nach unten, und auf einem schwarzen Feld halten wir an — wir stehen auf einem Kohlenflöz!
„Das Kohlenflöz, auf dem wir stehen, ist etwa drei Kilometer lang“, berichtet unser Gastgeber. „Bei dieser Kohle hier handelt es sich um Lignit oder Braunkohle. Früher galt diese Kohle als minderwertig, doch jetzt kennt man bessere Verbrennungsmethoden, und seither ist sie ein begehrtes Brennmaterial für Elektrizitätswerke.“
„Man hat das Gefühl, in einem Cañon zu sein.
„An dieser Stelle, wo wir stehen, sind die Wände etwa 18 Meter hoch.“
„Und wie mächtig ist das Kohlenflöz?“
„Durchschnittlich 1,80 Meter. Die Flöze erstrecken sich wellenförmig. An einigen Stellen hören sie plötzlich auf, und einige Meter weiter beginnen sie wieder.“
Wenigstens zwei Jahre bevor man beginnt, das Deckgebirge abzuräumen, werden die Flöze vermessen, und ein Plan wird aufgestellt, um die Bewegung schwerer Maschinen sowie die Förderstrecke auf ein Minimum zu beschränken.
„Wenn der Tagebaubetrieb beginnt, decken Bulldozer die oberen paar Zentimeter Erde ab, und mit besonderen Kehrgeräten wird die Kohle, wenn notwendig, saubergekehrt“, berichtet unser Gastgeber weiter. „Löffelbagger, die mit einem Raupenfahrwerk versehen sind, beladen dann die Förderwagen, die zum Teil über siebzig Tonnen fassen.“
Während wir alles betrachten und auch ein Stück Kohle näher untersuchen, steigt in uns die Frage auf, wie solche großen Lagerstätten gebildet worden sind. Unser Gastgeber ist Fachmann und weiß über dieses Thema genau Bescheid, hat aber auch als reifer Christ Wertschätzung für das Werk Jehovas, des Schöpfers der Erde.
„In den Kohlenflözen kann man häufig noch Reste von Bäumen erkennen“, erklärt er. „Die Kohle ist offenbar aus solch verwesendem pflanzlichen Material entstanden.“
Nun kommen wir auf die Zeit zu sprechen, die erforderlich ist, um solch pflanzliches Material in Kohle umzuwandeln, weil die anerkannten Theorien, die von Millionen von Jahren sprechen, im Widerspruch zu der genauen biblischen Zeitrechnung stehen. Unser Gastgeber erinnert uns daran, daß vor der Sintflut auf der ganzen Erde ein Treibhausklima geherrscht hat. Solche klimatischen Verhältnisse hatten Jahrtausende vom dritten Schöpfungs„tag“ an, der Zeit der Erschaffung der Pflanzen, bestanden. Diese Bedingungen begünstigten die Entwicklung riesiger Wälder und einer üppigen Vegetation, ebenso die teilweise Zersetzung der Bäume und anderer Grünpflanzen nach ihrem Absterben.
Durch gewaltigen Druck und die dadurch erzeugte Hitze gehen chemische und physikalische Prozesse vor sich, die zur Bildung von Kohle führen. Zeit ist nicht der über alles wichtige Faktor. In dem einen Jahr, in dem die Erde von dem Wasser der Sintflut bedeckt war, muß ein ungeheurer Druck auf dieses sich zersetzende organische Material ausgeübt worden sein. Es mag sein, daß diese anomalen Verhältnisse die Umbildung pflanzlicher Stoffe in Kohle stark beschleunigt haben.
Wissenschaftliche Forschungen bestätigen nicht nur, daß einst auf der Erde solche klimatischen Bedingungen geherrscht haben, sondern auch, daß sich in viel kürzerer Zeit Kohle bilden kann, als man allgemein annimmt. Im Jahre 1963 berichtete die New York Times, daß es einer Gruppe australischer Wissenschaftler gelang, in nur sechs Wochen Kohle zu erzeugen, die man chemisch nicht von der im Staat Victoria geförderten Braunkohle unterscheiden konnte.
Ein wertvoller Rohstoff
Als wir wieder beim Elektrizitätswerk eintreffen, deutet unser Gastgeber auf den gewaltigen Kohlenhaufen.
„Die Förderwagen fahren diesen Abhang hinauf auf die Waage, wo die Kohle, die sie anfahren, gewogen wird. Dann gelangt sie in eine Maschine, in der sie in Stücke zerkleinert wird, die für die Lagerung praktischer sind. Danach wird sie auf einem eingeschalteten Förderband in die Bunker befördert, die hoch oben im Kraftwerk untergebracht sind. Von dort aus wird sie großen Kugelmühlen zugeleitet, in denen sie zu Staub gemahlen wird, der so fein ist wie der Gesichtspuder der Damen.“
Der Kohlenstaub wird dann mit Luft in den Ofen geblasen, wo er fast wie Gas verbrennt. Der Dampf aus den Kesseln treibt die Turbinen, und diese wiederum treiben Generatoren, die Strom erzeugen; wenn das Kraftwerk vollendet sein wird, wird es 432 000 Kilowatt elektrische Energie erzeugen.
Aber der Nutzen der Kohle, die in der Prärie gefördert wird, endet nicht in dem Inferno des Ofens. Sie nützt dem Menschen noch in einer anderen Form, nämlich als „Flugasche“. Diese feine von den Rauchgasen mitgerissene Asche, die bei der Verbrennung von Braunkohle entsteht, wird als Zuschlagstoff bei der Herstellung von Beton benutzt. In den gewaltigen Silos neben dem Kraftwerk können fast 4 000 Tonnen Flugasche gespeichert werden. Die Flugasche wird in riesige Tankwagen verladen und an Betonfabriken geliefert.
Die Tausende von Tonnen Flugasche lassen erkennen, wieviel Kohle verbrannt wird. Wenn der neue Anbau des Kraftwerkes vollendet sein wird, sollen jährlich rund zwei Millionen Tonnen Kohle verbrannt werden. Wenn die Kohlengruben in Saskatchewan diesen Bedarf decken, wird diese Prärieprovinz unter den Provinzen Kanadas zum zweitgrößten Kohlenerzeuger aufsteigen.
Da allein um Estevan (nahe der Südgrenze) über 400 Millionen Tonnen liegen, rechnet man damit, daß man hier noch längere Zeit in großem Umfang Kohle fördern kann. Und das ist nur ein Teil der gesamten Kohlenlagerstätten Saskatchewans, die insgesamt rund 26 000 Quadratkilometer groß sind oder ungefähr so groß wie Belgien!
Der Bedarf an Kohlen steigt ständig. Die chemische Industrie benötigt Kohlen für die Herstellung von Erzeugnissen wie Parfüm, Arzneimittel, Kunststoff und Düngemittel. Die Kohle spielt auch weiterhin eine wichtige Rolle als billige Wärme- und Energiequelle, denn der größte Teil der in der kanadischen Prärie geförderten Braunkohle wird doch für die Erzeugung von Wärme und elektrischer Energie verwendet. Die Gefahr ist offenbar gering, daß die Kohlenlager in naher Zukunft erschöpft sein werden, denn gewisse Fachleute sind der Meinung, die bekannten Kohlenlagerstätten der Welt wären bei der jetzigen Förderung erst in 5 000 Jahren abgebaut. So bleibt die Kohle eine wichtige und wertvolle Rohstoffquelle.
Wertschätzung für die Reichtümer der Erde
Beim Kraftwerk ist unsere Besichtigung zu Ende. Nun geht es heimwärts; allmählich verschwinden die „Berge“ in der Ferne, doch wir fragen uns, was aus diesen trostlosen Halden wird, die an die verborgenen Schätze in der Prärie erinnern. Unter dem heutigen System der Dinge werden die Bodenschätze hauptsächlich um des geschäftlichen Gewinnes willen abgebaut; wo das Gesetz nicht verlangt, daß die Halden in die ausgehobenen Gruben geschüttet und mit fruchtbarem Boden bedeckt werden, geschieht das nicht, weil es Geld kostet.
Wie traurig ist es doch, daß der Mensch nicht dankbarer ist für die Schätze unserer schönen Erde. Wie froh sind wir, daß es nicht mehr lange dauert, bis Jehovas neue gerechte Ordnung dafür sorgen wird, daß die Schönheit unseres Planeten erhalten bleibt. Dann werden seine Reichtümer so genutzt werden, daß er nicht zur Wüste, sondern allmählich zu einem Paradies wird. Ja, sogar die Einöde wird blühen wie eine Rose. — Jes. 35:1, van Eß.