Mit Mukoviszidose leben
VON JIMMY GARATZIOTIS ERZÄHLT
Am 25. Juli 1998 wurde ich mit quälenden Schmerzen in der Brust auf schnellstem Weg in ein Krankenhaus eingeliefert. Mein Herz war in Ordnung, aber die Lunge war dermaßen entzündet, daß ich nur mit äußerster Not atmen konnte. Ich war gerade erst 25, und mein Leben hing an einem seidenen Faden.
ZWEI Tage nach meiner Geburt teilten die Ärzte meinen Eltern mit, ich sei schwer an Gelbsucht erkrankt. Falls ich keine Bluttransfusion erhielte, würde ich entweder sterben oder einen Hirnschaden davontragen, hieß es. Ich überlebte ohne Bluttransfusion — und ohne Hirnschaden.
Meine ersten beiden Lebensjahre waren von vielen rätselhaften Gesundheitsproblemen und Lungenentzündungen gekennzeichnet. Schließlich diagnostizierte ein Arzt Mukoviszidose. Damals hatte man mit dieser Krankheit eine durchschnittliche Lebenserwartung von sieben Jahren. Doch dank medizinischer Fortschritte erreichen immer mehr Kinder, die an Mukoviszidose leiden, das Erwachsenenalter.
Was ist Mukoviszidose?
Mukoviszidose ist eine unheilbare Erbkrankheit. Sie verursacht sich stetig verschlimmernde schwere Atembeschwerden, und die Betroffenen haben oft extreme Schwierigkeiten, Nahrung zu verdauen.
Etwa jeder 25. ist Träger des defekten Gens, das für Mukoviszidose verantwortlich ist. Die meisten Träger sind sich indessen gar nicht bewußt, daß sie das Gen aufweisen, weil sich keinerlei Symptome bemerkbar machen. Wenn sowohl der Vater als auch die Mutter Träger sind, liegt die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Kinder mit Mukoviszidose zur Welt kommen, bei 1 zu 4.
Ich bin einer der seltenen Fälle, bei denen Mukoviszidose auf Grund von Nasenpolypen diagnostiziert wurde. Die Ärzte sahen sich wegen der Polypen veranlaßt, den Salzgehalt meines Schweißes zu testen, was das üblichste Verfahren zur Erkennung von Mukoviszidose ist. Das Vorhandensein von Salz auf der Haut wird häufig als erstes von den Eltern oder Großeltern bemerkt, die einen salzigen Geschmack auf ihren Lippen feststellen, nachdem sie dem Kind einen Kuß gegeben haben.
Das Wachstum der Nasenpolypen erschwerte meine Atmung, so daß die Polypen fast jedes Jahr operativ entfernt werden mußten. Solche Operationen sind unangenehm, und die Heilung ist schmerzhaft. Außerdem ist der Eingriff wegen der Blutungen nicht ungefährlich. Ich wurde allerdings oft operiert und immer ohne Bluttransfusionen. Wie dankbar bin ich, daß ich mir keine Sorgen über die Komplikationen machen muß, die mit Bluttransfusionen einhergehen können, und daß ich nicht mit den Folgen leben muß!
Mit der Krankheit fertig werden
Durch meine Krankheit sind mir zwar Grenzen gesetzt, aber ich versuche, so aktiv wie möglich zu sein. Ein besonderer Tag in meinem Leben war der 1. August 1987, als ich mich zum Zeichen meiner Hingabe an Jehova Gott taufen ließ.
Doch nun zu meinem Alltag: Morgens nach dem Aufstehen inhaliere ich eine Albuterol-Lösung und anschließend eine Kochsalzlösung. Das löst die Verschleimung in der Lunge und macht die Atemwege frei, so daß ich besser atmen kann. Die Therapie dauert ungefähr eine Viertelstunde. Darauf folgen 40 bis 60 Minuten Physiotherapie, um den Schleim in der Lunge zu lösen und abfließen zu lassen. Anschließend inhaliere ich ein Antibiotikum, mit dem Infektionen bekämpft werden sollen. Die ganze Prozedur muß am Nachmittag und am Abend wiederholt werden.
Die drei Programme nehmen jeden Tag rund vier Stunden in Anspruch. Meist esse ich erst hinterher, weil die Therapie mit einem leeren Magen besser wirkt. Trotz dieser zeitraubenden täglichen Prozedur machte ich es mir zur Gewohnheit, den Zusammenkünften der griechischsprachigen Versammlung der Zeugen Jehovas in London (Ontario, Kanada) beizuwohnen. An den jeweiligen Abenden verschiebe ich die Therapie auf 22 Uhr. Die Segnungen, die ich durch die Zusammenkünfte erhalte, wiegen jedes Opfer auf. Es bedeutet mir auch viel, regelmäßig am Predigtdienst teilzunehmen.
Glaubensverkündigung
Durch Krankenhausaufenthalte haben sich mir besondere Gelegenheiten geboten, meinen christlichen Glauben zu verkündigen. Einmal konnte ich mit einem griechisch-orthodoxen Geistlichen sprechen, der in einem anderen Zimmer lag. Er bemerkte, ich sei ein respektvoller junger Mensch und die Jugendlichen in der griechischen Gemeinde könnten sich ein Beispiel an mir nehmen. Mir war bekannt, daß er für den Widerstand gegen die Predigttätigkeit der Zeugen Jehovas unter den griechischsprachigen Einwohnern verantwortlich war, doch das ahnte er nicht.
Besucher, die zu ihm kamen, schickte er auch zu mir. Seine Besucher erkannten meine Angehörigen und Freunde, die zu mir kamen, wieder, weil diese in ihrem Predigtdienst bereits bei ihnen vorgesprochen hatten. Einige seiner Besucher blieben, während andere verblüfft zu dem Geistlichen zurückgingen und ihn fragten, warum er sie zu den Zeugen Jehovas schicke. Selbst nachdem er erfahren hatte, daß ich ein Zeuge Jehovas bin, setzten wir unsere Gespräche über die Bibel fort. Wir sprachen über Themen wie den Namen Jehova, die Dreieinigkeit und die politische Neutralität der Zeugen Jehovas in Griechenland. Bei unseren Unterhaltungen spürte ich förmlich, wie die Mauern seines Widerstands zerbröckelten.
Er gab zu, bei manchen biblischen Themen, die wir besprachen, den wahren Sachverhalt zu kennen, aber aus Angst, seine Arbeit zu verlieren, nicht die Wahrheit darüber zu lehren. Später besuchte ich ihn zusammen mit meiner jüngeren Schwester Esther zu Hause, und er nahm biblische Literatur entgegen. Der Widerstand gegen unsere Predigttätigkeit in dem Gebiet ließ nach. Viele, die von der positiven Reaktion des Geistlichen erfahren hatten, hörten uns jetzt zu. Es dauerte jedoch nicht lange, und der Geistliche wurde versetzt.
Dadurch, daß ich im Krankenhaus über meinen Glauben sprach, bahnte sich für mich noch eine weitere bedeutsame Entwicklung an. Ich unterhielt mich mit einem Jugendlichen namens Jeff, der seinen Großvater besuchte. Weitere Gespräche führten zu einem Bibelstudium mit Jeff. Nach einiger Zeit wollte er zu den Zusammenkünften der Versammlung gehen. Obwohl ich normalerweise einer Versammlung in London angehörte, ging ich eine Zeitlang mit ihm zu den Zusammenkünften ins nahe gelegene Stratfort. Meine Absicht war, jemanden in seiner näheren Umgebung zu finden, der sich weiter um ihn kümmern konnte.
Bedauerlicherweise gab Jeff dem Druck seiner Angehörigen nach und machte keine Fortschritte im Glauben. Doch als ich die Zusammenkünfte in Stratford besuchte, traf ich Deanne Stewart wieder. Wir hatten uns kennengelernt, als wir beim Bau eines Königreichssaals mithalfen. Es entwickelte sich eine Freundschaft, und am 1. Juni 1996 heirateten wir.
Mein Zustand verändert sich
Leider wurde ich drei Wochen nach unserer Hochzeit schwer krank. Damit setzte eine Reihe von Krankenhausaufenthalten ein, die in dem eingangs geschilderten Notfall gipfelten. Seither bekomme ich rund um die Uhr Sauerstoff. Fieber, Nachtschweiß, Rippenfellentzündungen, Schlaflosigkeit wegen nächtlichen Hustens und Schmerzen in verschiedenen Gelenken, in den Beinen und in der Brust machen mir zu schaffen. Ab und zu huste ich auch Blut, was besorgniserregend ist, denn wenn es nicht aufhört, kann ich ganz plötzlich sterben.
Mit meiner lieben Frau als Gefährtin und Gehilfin an meiner Seite gebe ich Ärzten, Physiotherapeuten und Patienten in Krankenhäusern Zeugnis sowie den medizinischen Betreuern, die mich zu Hause besuchen. So schwer meine gesundheitlichen Probleme auch sind, nutzen wir diese Gelegenheiten doch, um Jehovas Namen zu preisen.
Was mich aufrechterhält
Wegen unserer veränderten Situation haben Deanne und ich die Möglichkeit, über eine spezielle Standleitung die Zusammenkünfte mitzuverfolgen und uns daran zu beteiligen. Durch diese liebevolle Vorkehrung werden wir sehr gestärkt und haben das Gefühl, in das Versammlungsgeschehen einbezogen zu sein, obschon wir meistens nicht mehr direkt anwesend sein können.
Unseren Predigtdienst haben wir so verlagert, daß wir Menschen anrufen und mit ihnen über unsere biblische Hoffnung sprechen. Wir haben sogar telefonische Bibelstudien eingerichtet. Es bereitet uns große Freude, uns mit Fremden über Jehova und all das Wunderbare zu unterhalten, das er für treue Menschen in einer neuen, gerechten Welt vorgesehen hat.
Die Unterstützung meines Vaters und meiner Mutter gibt mir Kraft und Trost. Aber vor allem schulde ich Jehova Dank, daß er mich mit Deanne gesegnet hat, die mich trotz meiner Krankheit akzeptiert und jetzt entscheidend dazu beiträgt, daß ich alles ertragen kann.
Während ich mich dem Endstadium meiner Krankheit nähere, erhält mich der Gedanke an meine Zukunftshoffnung aufrecht. Das tägliche gemeinsame Bibellesen spendet Deanne und mir Trost. Ich weiß, daß ich in naher Zukunft gesund sein werde und dann keine tägliche Therapie mehr brauche, nur um atmen zu können. Ich sehe mich schon in dem verheißenen Paradies mit einer gesunden Lunge über die Wiesen rennen. Das ist alles, was ich mir wünsche — einfach über eine Wiese zu rennen, um meine Lunge zu testen.
Mit den Segnungen von Gottes verheißener neuer Welt vor Augen überstehe ich einen Tag nach dem anderen. In Sprüche 24:10 heißt es: „Hast du dich entmutigt gezeigt am Tag der Bedrängnis? Deine Kraft wird karg sein.“ Statt das Gefühl zu haben, meine Kraft sei karg, merke ich, daß mir Jehova die Kraft gibt, die über das Normale hinausgeht (2. Korinther 4:7). Das hilft mir, über seinen Namen und seine Vorsätze Zeugnis abzulegen und mich allem zu stellen, was er zuläßt — sei es, daß ich Harmagedon, das Ende des gegenwärtigen Systems der Dinge, überlebe oder daß ich sterbe und später, in seiner neuen Welt, auferweckt werde (1. Johannes 2:17; Offenbarung 16:14-16; 21:3, 4).
[Bilder auf Seite 13]
Mit meiner Frau Deanne, die mir eine große Stütze ist