Was sagt die Bibel?
Ist das Alte Testament überholt?
■ „Das Alte Testament predigt Haß und Rache, ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘. All das ist durch das Neue Testament ersetzt worden, das Liebe und Vergebung lehrt.“
■ „Das Alte Testament ist für moderne Christen einfach nicht von Belang. Daher ist es nicht mehr notwendig, es zu lesen.“
HAST du die obigen Vorwürfe selbst schon einmal erhoben oder von jemand anders gehört? Ist das Alte Testament (Hebräische Schriften) tatsächlich tot, überholt und durch das Neue Testament (Christliche Griechische Schriften) ersetzt worden? Was sagt die Bibel selbst?
Interessanterweise geht aus dem Neuen Testament hervor, daß der Gesetzesbund, ein Bund, den Gott mit dem alten Israel schloß, veraltet und daher für Christen nicht bindend ist (Epheser 2:15; Hebräer 8:13). Dieser Gesetzesbund ist im Alten Testament enthalten. Doch das Alte Testament besteht aus weit mehr als dem Gesetzesbund.
Drei Faktoren tragen dazu bei, daß das Alte Testament für uns wichtig ist. Worin bestehen sie? 1. Bedeutungsvolle Geschichte, 2. erbauende Poesie und 3. glaubensstärkende Prophezeiungen. All das ist für heutige Christen von ungeheurem Wert. Betrachten wir die Gründe.
Biblische Geschichte
Die ersten 17 Bücher des Alten Testaments, von 1. Mose bis Esther, enthalten einen geschichtlichen Bericht über die Handlungsweise Gottes mit dem Menschen von seiner Erschaffung bis zum 5. Jahrhundert v. u. Z. Doch das ist nicht lediglich tote Geschichte. Der christliche Apostel Paulus schrieb: „Diese [im Alten Testament beschriebenen] Dinge nun widerfuhren ihnen fortgesetzt als Vorbilder, und sie sind zur Warnung für uns [Christen] geschrieben worden, auf welche die Enden der Systeme der Dinge gekommen sind“ (1. Korinther 10:11).
Warum betrachtete Paulus diese geschichtlichen Ereignisse als wichtig für Christen, obwohl Jahrhunderte vergangen waren? Ganz einfach deshalb, weil Gott sich im Laufe der Jahrhunderte ebensowenig verändert hat wie die menschliche Natur (Maleachi 3:6). Der christliche Jünger Jakobus sagte von Gott: „Bei ihm gibt es keine Veränderung von der Drehung des Schattens“ (Jakobus 1:17). Der Schatten, den die Sonne wirft, ist um die Mittagszeit minimal und bei Sonnenuntergang lang. Aber Jehova ist anders; seine Persönlichkeit ist unveränderlich.
Wir können somit aus dem Geschichtsbericht darüber, wie Jehova mit den Patriarchen, mit Israel am Roten Meer und in der Wildnis und mit zahlreichen anderen Menschen verfuhr, vieles lernen. Zum Beispiel verletzte es Gott, als die Israeliten Götzendienst trieben oder Hurerei begingen, und es mißfällt ihm daher auch, wenn sich Christen so verhalten (1. Korinther 10:1-12). Selbst der Gesetzesbund, wenn er auch für Christen nicht bindend ist, gibt uns durch die ihm zugrunde liegenden Prinzipien wertvollen Aufschluß über die Persönlichkeit Jehovas.
Poesie und Prophezeiungen der Bibel
Die nächsten fünf Bücher, von Hiob bis zum Hohenlied, werden als die poetischen Bücher bezeichnet. Doch diese Bücher sind mehr als nur gute Literatur, denn ihr Inhalt ist in geistiger Hinsicht erbauend und stützt sich oft auf geschichtliche Ereignisse. Wessen Empfindungen regen sich nicht beim Lesen der Psalmen? Und wer erkennt nicht den praktischen Rat über Ehrlichkeit, Eifersucht und andere Aspekte der zwischenmenschlichen Beziehungen in den Sprüchen? (Sprüche 11:1; 14:30). Zweifellos sind diese Bücher heute genauso wichtig wie zu dem Zeitpunkt, als sie geschrieben wurden.
Die letzten 17 Bücher des Alten Testaments, von Jesaja bis Maleachi, sind prophetische Bücher. Sie enthalten die Erklärungen der alten hebräischen Propheten und schildern Jahrhunderte im voraus lebhaft das Kommen des Messias. Die Evangelien des Neuen Testaments beschreiben die Erfüllung Dutzender dieser Prophezeiungen, und das in kleinsten Einzelheiten. Wenn wir die Genauigkeit der Prophezeiungen betrachten, wird bestimmt unser Glaube an Jesus Christus als den einen gestärkt, der von Gott zur Befreiung der Menschheit auf die Erde gesandt wurde.
Widersprüchlich?
Kann aber der Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament überbrückt werden? Zur Veranschaulichung: Ein Vater kann seine beiden Söhne unterschiedlich bestrafen, weil jedes Kind eine andere Persönlichkeit hat. So klingt auch der Rat Jehovas im Alten Testament an Israel, ein Volk, das ihm aufgrund der Abstammung hingegeben war, anders als der Rat im Neuen Testament an die Christenversammlung, eine Gruppe von Menschen, die sich ihm aus freien Stücken hingegeben hatten.
Eine eingehende Untersuchung der Bibel zeigt also, daß diese beiden Teile nicht widersprüchlich sind, sondern sich gegenseitig ergänzen. Beide Teile sind notwendig, „damit der Mensch Gottes völlig tauglich sei“ (2. Timotheus 3:16, 17).
Erlaubt zum Beispiel das Alte Testament tatsächlich, persönlich Rache zu nehmen, während dies im Neuen Testament verurteilt wird? Ganz und gar nicht! Beide Teile raten uns, unsere Feinde zu lieben, und heben hervor, daß die Rache Gott vorbehalten ist. (Vergleiche 5. Mose 32:35, 41 und Sprüche 25:21, 22 mit Römer 12:17-21.) Wenn es im Alten Testament „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ heißt, geht es nicht um persönliche Vergeltung, sondern um gerechten Schadenersatz, der von einem befugten Gericht bestimmt wurde (2. Mose 21:1, 22-25).
Das Alte Testament ist somit nicht veraltet oder widersprüchlich. Die Bibel bezeugt, daß es genauso lebendig und für heutige Christen genauso von Belang ist wie das Neue Testament. Man denke an die Worte Jesu Christi: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jeder Äußerung, die durch den Mund Jehovas ausgeht.“ Und das schließt nicht nur die Christlichen Griechischen Schriften ein, sondern auch die Hebräischen Schriften (Matthäus 4:4; vergleiche 5. Mose 8:3).