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  • Die Verkündigung der Wiederkunft des Herrn (1870—1914)
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 5

      Die Verkündigung der Wiederkunft des Herrn (1870—1914)

      „Die folgende Geschichte zeichne ich nicht bloß deshalb auf, weil ich gedrängt worden bin, einen Überblick über die Führungen Gottes auf dem Pfade des Lichts zu geben, sondern besonders, weil ich glaube, daß es notwendig ist, daß die Wahrheit mit Bescheidenheit gesagt werde, damit falsche Auffassungen und vorurteilsvolle irrige Behauptungen entkräftet werden und damit unsre Leser sehen können, wie der Herr bis hierher geholfen und geführt hat.“ a

      IM Anschluß an diese Worte beschrieb Charles Taze Russell die Entwicklungen, die dazu führten, daß er das Werk Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt) und die Zeitschrift Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi (heute Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich) veröffentlichte. Diese Geschichte ist für Jehovas Zeugen von besonderem Interesse. Warum? Weil sich ihr gegenwärtiges Verständnis biblischer Wahrheiten und ihre Tätigkeiten bis in die 1870er Jahre zurückverfolgen lassen, zum Werk C. T. Russells und seiner Gefährten — und von da aus bis zur Bibel und zum Urchristentum.

      Wer war Charles Taze Russell? Zeugt die Geschichte seines Werkes von der Hilfe und Führung des Herrn?

      Suche nach der Wahrheit

      C. T. Russell wurde am 16. Februar 1852 in den Vereinigten Staaten geboren, in Allegheny (Pennsylvanien), das heute zu Pittsburgh gehört. Er war der zweite Sohn von Joseph L. und Ann Eliza Russell geb. Birney, die Presbyterianer schottisch-irischer Abstammung waren. Seine Mutter starb, als er erst neun Jahre alt war, aber schon von früher Kindheit an war er von seinen frommen Eltern religiös erzogen worden. Ein späterer Gefährte C. T. Russells drückte es so aus: „Sie pflegten den kleinen Zweig, und er wuchs in der Richtung des Herrn.“ Trotz seiner presbyterianischen Erziehung schloß sich Charles später der Kongregationalistenkirche an, da ihm ihre Ansichten eher zusagten.

      Der junge Charles war offenbar ein guter Geschäftsmann. Schon mit 11 Jahren war er Teilhaber in dem florierenden Herrenbekleidungsgeschäft seines Vaters geworden. Charles vergrößerte das Geschäft und leitete schließlich selbst eine Reihe von Läden. Beruflich ging es ihm zwar gut, doch was seinen Glauben betraf, war er sehr beunruhigt. Wie kam das?

      Charles’ Eltern glaubten aufrichtig an das, was die Kirchen der Christenheit lehrten, und erzogen ihren Sohn in diesem Glauben. Dem jungen Charles wurde also einerseits beigebracht, daß Gott Liebe ist, andererseits aber, daß Gott dem Menschen bei der Erschaffung Unsterblichkeit verliehen und ein Inferno geschaffen hätte, wo er alle ewig quälen würde — außer denen, die zum Heil prädestiniert wären. Diese Vorstellung war dem aufrichtigen Herzen des jugendlichen Charles zuwider. Er argumentierte: „Ein Gott, der seine Macht dazu gebrauchen würde, menschliche Wesen zu erschaffen, von denen er wußte, ja die er im voraus dazu bestimmte, daß sie ewig gequält werden sollten, konnte weder weise noch gerecht oder liebevoll sein. Seine Handlungsweise stände so tiefer als die vieler Menschen.“

      Doch der junge Russell war kein Atheist; er konnte einfach die landläufigen Lehren der Kirchen nicht hinnehmen. Er erklärte: „Schritt für Schritt erkannte ich, daß, obwohl jedes der verschiedenen Glaubensbekenntnisse gewisse Bestandteile der Wahrheit enthielt, sie doch als Ganzes irreführend und mit dem Worte Gottes im Widerspruch waren.“ Ja, in den Glaubensbekenntnissen der Kirchen waren „Bestandteile der Wahrheit“ in einem Morast heidnischer Lehren verborgen, die während des jahrhundertelangen Abfalls in die befleckte Christenheit eingedrungen waren. Russell wandte sich von den kirchlichen Glaubensbekenntnissen ab und befaßte sich auf seiner Suche nach der Wahrheit mit den bedeutenden Religionen des Ostens, die ihn allerdings nicht befriedigten.

      Wieder im Glauben gefestigt

      Der Zweig war jedoch von gottesfürchtigen Eltern gepflegt worden; er neigte sich in die „Richtung des Herrn“. Während Charles weiter nach der Wahrheit suchte, geschah eines Abends im Jahre 1869 etwas, wodurch sein erschütterter Glaube wieder gefestigt wurde. Als er in der Nähe eines der eigenen Geschäfte die Federal Street entlangging, hörte er Kirchengesang, der von einem Saal in einem Kellergeschoß nach draußen drang. Lassen wir ihn selbst berichten, was er erlebte:

      „Anscheinend durch einen Zufall geriet ich eines Abends in ein staubiges, schmutziges Versammlungslokal, wo, wie ich gehört hatte, religiöse Zusammenkünfte abgehalten wurden, um zu sehen, ob die paar Leute, die sich dort versammelten, etwas Vernünftigeres zu bieten hätten als die Glaubensbekenntnisse der großen Kirchengemeinschaften. Dort hörte ich zum ersten Male etwas über die Ansichten der Adventisten, und zwar von dem Prediger Jonas Wendell ... Ich bekenne daher, daß ich sowohl den Adventisten als auch anderen Denominationen Dank schulde. Obgleich seine Auslegungen der Schrift nicht ganz klar waren, ... so genügten sie doch unter Gottes Führung, meinen erschütterten Glauben an die göttliche Eingebung der Bibel wieder zu festigen und mir zu erkennen zu geben, daß die Aussagen der Apostel und der Propheten unzertrennlich miteinander verbunden sind. Das, was ich hörte, wurde mir eine Veranlassung, meine Bibel mit mehr Eifer und Sorgfalt denn je zu studieren, und stets werde ich dem Herrn für jene Führung danken, denn obgleich mir der Adventismus keine bestimmte Wahrheit erschloß, so war er mir doch behilflich, Irrtümer zu verlernen und mich so für die Wahrheit vorzubereiten.“

      Diese Zusammenkunft bestärkte den jungen Russell in seinem Entschluß, nach der biblischen Wahrheit zu suchen. Sie veranlaßte ihn, sich mit größerem Eifer als je zuvor der Bibel zuzuwenden. Russell erkannte bald, daß für die Diener des Herrn die Zeit nahe war, zu einer klaren Erkenntnis des göttlichen Vorsatzes zu gelangen. So traf er sich 1870 voller Enthusiasmus mit einigen Bekannten aus Pittsburgh und dem benachbarten Allegheny und gründete einen Kreis zur Erforschung der Bibel. Nach den Worten eines späteren Gefährten Russells ging der kleine Bibelkreis wie folgt vor: „Jemand stellte eine Frage. Man besprach sie. Alle damit in Beziehung stehenden Bibelstellen wurden nachgeschlagen, und wenn man dann von der Übereinstimmung dieser Texte überzeugt war, legte man dar, zu welchem Schluß man gekommen war, und machte Aufzeichnungen davon.“ Wie Russell später sagte, waren die Jahre von 1870 bis 1875 „eine Zeit beständigen Wachsens in der Gnade und Erkenntnis und Liebe Gottes und seines Wortes“.

      Bei ihrer Erforschung der Heiligen Schrift wurden diesen aufrichtigen Wahrheitssuchern eine Reihe von Punkten klarer. Sie lernten die biblische Wahrheit über die Sterblichkeit der menschlichen Seele kennen, und ihnen wurde bewußt, daß Unsterblichkeit eine Gabe war, die die Miterben mit Christus in seinem himmlischen Königreich erlangen sollten (Hes. 18:20; Röm. 2:6, 7). Sie begriffen allmählich die Lehre vom Loskaufsopfer Jesu Christi und erkannten die Gelegenheit, die sich dadurch der Menschheit eröffnete (Mat. 20:28). Ihnen wurde klar, daß Jesus zwar als Mensch im Fleisch auf die Erde kam, daß er aber bei seiner Wiederkunft als Geistperson unsichtbar gegenwärtig wäre (Joh. 14:19). Ferner lernten sie, daß Jesus bei seiner Wiederkunft nicht die Absicht hatte, alle zu vernichten, sondern die gehorsamen Familien der Erde zu segnen (Gal. 3:8). Russell schrieb: „Wir fühlten eine große Betrübnis über den Irrtum der Adventisten, die Christum im Fleische erwarteten und lehrten, daß die Welt und alles, was darin ist, die Adventisten ausgenommen, ... verbrannt werden würde.“

      Die biblischen Wahrheiten, die dieser kleine Bibelkreis erkannte, führten ganz offensichtlich zu einer Abkehr von den heidnischen Lehren, die während des jahrhundertelangen Abfalls in das Christentum eingedrungen waren. Gelangten Russell und seine geistiggesinnten Gefährten aber ohne fremde Hilfe zu diesen Wahrheiten aus der Bibel?

      Einfluß anderer

      Russell sprach offen über die Hilfe, die er von anderen bei seinem Studium der Bibel erhalten hatte. Er gab nicht nur zu, daß er dem Adventisten Jonas Wendell Dank schuldete, sondern äußerte sich auch liebevoll über zwei weitere Personen, die ihm bei seinem Bibelstudium behilflich gewesen waren. Russell sagte von diesen beiden Männern: „Das Studium des Wortes Gottes mit diesen lieben Brüdern führte Schritt für Schritt auf grünere Weiden.“ Der eine, George W. Stetson, war ein gewissenhafter Erforscher der Bibel und Pfarrer der Adventistisch-Christlichen Kirche in Edinboro (Pennsylvanien).

      Der andere, George Storrs, gab in Brooklyn (New York) die Zeitschrift Bible Examiner (Prüfer der Bibel) heraus. Storrs, der am 13. Dezember 1796 geboren wurde, erhielt den Anstoß, zu prüfen, was die Bibel über den Zustand der Toten sagt, nachdem er etwas gelesen hatte, was Henry Grew aus Philadelphia (Pennsylvanien), ein sorgfältiger Erforscher der Bibel, veröffentlicht hatte (damals allerdings anonym). Storrs wurde ein eifriger Verfechter der sogenannten bedingten Unsterblichkeit — der Lehre, daß die Seele sterblich ist und daß Unsterblichkeit eine Gabe ist, die treue Christen erlangen. Er folgerte auch, daß es keine ewige Qual geben kann, wenn die Bösen nicht unsterblich sind. Storrs machte ausgedehnte Reisen, auf denen er Vorträge darüber hielt, daß die Bösen keine Unsterblichkeit haben. Zu den Werken, die er veröffentlichte, gehörten die Six Sermons (Sechs Predigten), die eine Auflage von 200 000 erreichten. Zweifellos hatten Storrs’ feste biblisch gestützte Ansichten über die Sterblichkeit der Seele sowie über Sühne und Wiederherstellung (dessen, was durch die adamische Sünde verlorenging; Apg. 3:21) einen starken, positiven Einfluß auf den jungen Charles T. Russell.

      Doch ein anderer Mann, der Russells Leben stark beeinflußte, gab den Anlaß, daß seine Treue zur biblischen Wahrheit auf die Probe gestellt wurde.

      Zeitprophezeiungen und die Gegenwart des Herrn

      Im Januar 1876 erhielt der 23jährige Russell eines Morgens eine Ausgabe des Herald of the Morning (Herold des Morgens), einer religiösen Zeitschrift. Am Titelbild erkannte er, daß sie von adventistischer Seite kam. Der Herausgeber, Nelson H. Barbour aus Rochester (New York), glaubte, daß der Zweck der Wiederkunft Christi nicht darin bestehe, die Familien der Erde zu vernichten, sondern sie zu segnen, und daß Christus nicht im Fleisch, sondern als Geistwesen wiederkommen werde. Genau das glaubten Russell und seine Gefährten in Allegheny seit einiger Zeit!b Merkwürdigerweise war Barbour jedoch aufgrund biblischer Zeitprophezeiungen davon überzeugt, daß Christus bereits (unsichtbar) gegenwärtig sei und daß die Zeit für das Erntewerk des Einsammelns des „Weizens“ (wahre Christen, die die Klasse der Königreichserben bilden) bereits gekommen sei (Mat., Kap. 13).

      Russell schreckte vor biblischen Zeitprophezeiungen zurück. Nun fragte er sich jedoch: „Konnte es sein, daß die Zeitprophezeiungen, die ich wegen ihres Mißbrauchs durch die Adventisten so lange verachtet hatte, in Wirklichkeit anzeigen sollten, wann der Herr unsichtbar gegenwärtig sein würde, um sein Reich aufzurichten?“ Russell mußte mehr darüber erfahren, da er einen unstillbaren Durst nach biblischer Wahrheit hatte. Deshalb vereinbarte er eine Begegnung mit Barbour in Philadelphia. Bei diesem Treffen hatten sie die Gelegenheit, Ansichten auszutauschen, und es bestätigte sich, daß sie über eine Reihe biblischer Lehren übereinstimmend dachten. „Als wir das erste Mal zusammentrafen“, berichtete Russell später, „hatte er viel von mir zu lernen über die Fülle der Wiederherstellung, wie sie ihre Grundlage in der Vollgültigkeit des für alle gegebenen Lösegeldes hat, während ich viel von ihm in bezug auf die Zeit zu lernen hatte.“ Barbour konnte Russell davon überzeugen, daß Christi unsichtbare Gegenwart 1874 begonnen habe.c

      „Zu einem rührigen Feldzug für die Wahrheit“ entschlossen

      C. T. Russell war ein Mann mit einer festen Überzeugung. Da er überzeugt war, daß Christi unsichtbare Gegenwart bereits begonnen hatte, war er entschlossen, sie anderen zu verkündigen. Er sagte später: „Die Erkenntnis der Tatsache, daß wir uns schon in der Erntezeit befanden, diente mir zu einem mächtigen Antriebe, die Wahrheit auszubreiten, wie ich ihn zuvor nie gekannt hatte. Ich entschloß mich daher sofort zu einem rührigen Feldzug für die Wahrheit.“ Russell entschied sich nun, seine geschäftliche Tätigkeit einzuschränken, damit er sich dem Predigen widmen konnte.

      Um falschen Ansichten über die Wiederkunft des Herrn entgegenzuwirken, schrieb Russell die Flugschrift The Object and Manner of Our Lord’s Return (Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn). Sie erschien 1877. Im selben Jahr gaben Barbour und Russell gemeinsam Three Worlds, and the Harvest of This World (Drei Welten und die Ernte dieser Welt) heraus. In diesem 196seitigen Buch wurden die Themen Wiederherstellung und biblische Zeitprophezeiungen besprochen. Beide Themen waren zwar schon zuvor von anderen einzeln abgehandelt worden, doch nach Russells Meinung war dieses Buch „das erste, das den Gedanken der Wiederherstellung mit der Zeitprophetie verband“. Darin wurde die Auffassung dargelegt, daß Jesu Christi unsichtbare Gegenwart im Herbst 1874 begonnen habe.

      Während Russell reiste und predigte, wurde ihm klar, daß mehr erforderlich war, um die Samen der Wahrheit, die er säte, zum Keimen zu bringen und zu bewässern. Er dachte an eine „Monatsschrift“. Er und Barbour beschlossen daher, den Herald, dessen Erscheinen wegen gekündigter Abonnements und erschöpfter Geldmittel eingestellt worden war, erneut herauszugeben. Russell steuerte eigene Mittel bei, um die Zeitschrift wiederzubeleben, und wurde Mitherausgeber.

      Eine Zeitlang — bis 1878 — ging alles gut.

      Russell bricht mit Barbour

      In der Ausgabe des Herald of the Morning vom August 1878 erschien ein Artikel von Barbour, in dem er den Loskaufswert des Todes Christi leugnete. Russell, der fast 30 Jahre jünger war als Barbour, erkannte, daß damit der Kern der Lehre vom Lösegeld verworfen wurde. Deshalb verteidigte Russell die Lösegeldlehre gleich in der nächsten Ausgabe (September 1878) in dem Artikel „Das Sühnopfer“ und widersprach den Darlegungen Barbours. Während der nächsten Monate wurde die Kontroverse in der Zeitschrift fortgesetzt. Schließlich beschloß Russell, sich von Barbour zurückzuziehen und den Herald nicht mehr finanziell zu unterstützen.

      C. T. Russell war allerdings der Meinung, daß es nicht reichte, sich vom Herald zu distanzieren; die Lehre vom Lösegeld mußte verteidigt und Christi Gegenwart verkündigt werden. Daher gab Russell im Juli 1879 Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presenced (Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi) heraus. Russell war Redakteur und Herausgeber, und anfangs wurden fünf Personen aufgeführt, die regelmäßig Beiträge lieferten. Von der ersten Ausgabe wurden 6 000 Exemplare gedruckt. Bis zum Jahre 1914 war die Zahl auf 50 000 je Ausgabe gestiegen.

      „Nicht als etwas Neues, nicht als unser Eigentum, sondern als das des Herrn“

      C. T. Russell hielt durch den Wacht-Turm und andere Veröffentlichungen biblische Wahrheiten hoch und widerlegte falsche religiöse Lehren und menschliche Philosophien, die im Widerspruch zur Bibel waren. Er behauptete jedoch nicht, neue Wahrheiten entdeckt zu haben.

      In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten viele Geistliche und Bibelgelehrte die falschen Lehren bloßgestellt, nach denen die Seele unsterblich sei und die Bösen ewig bestraft würden. Diese Enthüllungen waren in dem Buch Bible Vs. Tradition (Bibel kontra Tradition) von Aaron Ellis eingehend dargelegt worden, das zuerst in England erschien. 1853 wurde es dann in den Vereinigten Staaten von George Storrs herausgegeben. Aber keiner war damals mehr darum bemüht, diese Wahrheiten bekanntzumachen, als C. T. Russell und seine Gefährten.

      Wie steht es mit anderen biblischen Lehren, die im Wacht-Turm und in anderen Publikationen erörtert wurden? Rechnete es sich Russell allein als Verdienst an, diese Juwelen der Wahrheit freigelegt zu haben? Er erklärte: „Wir stellten fest, daß jahrhundertelang verschiedene Religionsgemeinschaften und Gruppen die biblischen Lehren innerhalb ihrer Reihen auseinandergerupft und sie mehr oder weniger mit menschlichen Spekulationen und Irrtümern verschmolzen hatten ... Wir stellten fest, daß die wichtige Lehre der Rechtfertigung durch Glauben (nicht durch Werke) von Luther und in jüngerer Zeit von vielen Christen klar formuliert worden war; daß die Presbyterianer die göttliche Gerechtigkeit, Macht und Weisheit hochschätzten, obwohl sie sie nicht deutlich erkannten; daß die Methodisten die Liebe und Barmherzigkeit Gottes schätzten und priesen; daß die Adventisten die kostbare Lehre von der Wiederkunft des Herrn vertraten; daß die Baptisten unter anderem die Lehre von der Taufe in ihrer Symbolik richtig verstanden, wenngleich sie die wahre Taufe aus den Augen verloren hatten; und daß eine Reihe Universalisten lange Zeit eine vage Vorstellung von der ‚Wiederherstellung‘ hatten. Und so ließen fast alle Denominationen erkennen, daß ihre Gründer nach der Wahrheit getastet hatten. Offenbar hatte aber der große Widersacher gegen sie gekämpft und das Wort Gottes, das er nicht ganz vernichten konnte, falsch ausgeteilt.“

      Über die Chronologie, die er oft vorlegte, sagte Russell: „Wenn wir von ‚unserer‘ Chronologie sprechen, meinen wir lediglich diejenige, die wir gebrauchen — die biblische Chronologie, die für jeden aus Gottes Volk da ist, der sie anerkennt. Tatsächlich wurde sie praktisch in der Form, in der wir sie vorlegen, lange vor unserer Zeit gebraucht, so wie auch die verschiedenen Prophezeiungen, die wir verwenden, von den Adventisten zu einem anderen Zweck gebraucht wurden und wie auch die verschiedenen Lehren, die wir vertreten und die so neu und frisch und anders wirken, schon vor langem in irgendeiner Form vertreten wurden, zum Beispiel: Auserwählung, freie Gnade, Wiederherstellung, Rechtfertigung, Heiligung, Verherrlichung und Auferstehung.“

      Wie sah Russell die Rolle, die er und seine Gefährten in der Verkündigung der biblischen Wahrheit spielten? Er erläuterte: „Unser Werk ... besteht darin, diese seit langem verstreuten Bruchstücke der Wahrheit zusammenzusetzen und sie dem Volk des Herrn zu vermitteln — nicht als etwas Neues, nicht als unser Eigentum, sondern als das des Herrn. ... Wir dürfen es uns nicht einmal als Verdienst anrechnen, die Juwelen der Wahrheit gefunden und neu geordnet zu haben.“ Außerdem sagte er: „Das Werk, für das der Herr unser bescheidenes Talent zu gebrauchen beliebt hat, ist weniger ein Werk des Hervorbringens als vielmehr ein Werk der Rekonstruktion, der Berichtigung und der Angleichung.“

      Russell bildete sich also auf seine Errungenschaften nichts ein. Dessenungeachtet waren die „verstreuten Bruchstücke der Wahrheit“, die er zusammensetzte und dem Volk des Herrn vermittelte, frei von den gottentehrenden heidnischen Lehren der Dreieinigkeit und der Unsterblichkeit der Seele, die sich als Folge des großen Abfalls fest in den Kirchen der Christenheit eingewurzelt hatten. Wie sonst niemand verkündigten Russell und seine Gefährten seinerzeit weltweit, was die Wiederkunft des Herrn bedeutete und worin der Vorsatz Gottes bestand.

      „Uns gegenseitig im allerheiligsten Glauben stärken“

      Aufrichtige Menschen waren schon sehr bald empfänglich für die befreienden Wahrheiten, die C. T. Russell und seine Gefährten in gedruckter Form und durch Vorträge verkündigten. Russell, der noch keine 30 Jahre alt war, erkannte bald, daß es für die Leser des Wacht-Turms wichtig wäre, Mitgläubige kennenzulernen, damit sie sich gegenseitig ermuntern konnten. Die Bibelforscher in Pittsburgh kamen zu diesem Zweck regelmäßig zusammen. Was könnte aber für die Leser des Wacht-Turms anderswo getan werden?

      Die Antwort kam in den Ausgaben des Wacht-Turms von Mai und Juni 1880 (engl.). Russell kündigte an, daß er vorhatte, verschiedene Orte in den Bundesstaaten Pennsylvanien, New Jersey, Massachusetts und New York zu besuchen. Weshalb? „Unsere Leser wohnen sehr verstreut“, hieß es in der Ankündigung, „an manchen Orten sind es 2 oder 3, an anderen bis zu 50. Vielerorts kennen sie sich überhaupt nicht und müssen daher auf den liebevollen Trost verzichten, den ihnen unser Vater dadurch zukommen lassen will, daß ‘sie sich versammeln, wie einige zu tun pflegen’. Es ist sein Wunsch, daß ‘einer den andern erbaue’ und daß wir uns gegenseitig im allerheiligsten Glauben stärken. Die geplanten Zusammenkünfte werden, so hoffen wir, dem persönlichen Kennenlernen dienlich sein“ (Heb. 10:24, 25).

      Die „geplanten Zusammenkünfte“ fanden während der Reise Russells statt und hatten die erhofften Ergebnisse; die Leser des Wacht-Turms kamen sich näher. Diese und andere Reisen zu „kleinen Gruppen Wartender“ führten bald zur Gründung einer Reihe von „Klassen“ oder „Ekklesias“ (später Versammlungen genannt), die sich in den bereits erwähnten Gebieten sowie in Ohio und Michigan befanden. Die Klassen wurden ermuntert, regelmäßig Zusammenkünfte abzuhalten. Aber wie liefen diese Zusammenkünfte ab?

      Die Klasse in Pittsburgh hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mindestens zweimal wöchentlich zusammenzukommen. Bei einer der Zusammenkünfte hielt oft ein befähigter Redner vor der ganzen Ekklesia einen Vortrag, eventuell in einem gemieteten Saal. Doch bei den anderen Zusammenkünften, die meist in Privathäusern stattfanden, waren die Besucher eingeladen, eine Bibel, eine Konkordanz, Papier und Stifte mitzubringen und sich zu beteiligen.

      Die herzliche geistige Gemeinschaft bei diesen wöchentlichen Zusammenkünften war ein erfrischender Gegensatz zu der kalten, unpersönlichen Atmosphäre bei den Gottesdiensten vieler Kirchen der Christenheit. Russell und seine Gefährten kamen aber nicht als erste auf den Gedanken, sich regelmäßig zu versammeln. Der Brauch zusammenzukommen — auch in Privathäusern — wurde von den Christen des ersten Jahrhunderts eingeführt (Röm. 16:3, 5; Kol. 4:15).

      „Predigst du?“

      C. T. Russell und seine Gefährten waren fest davon überzeugt, daß sie in einer Zeit der Ernte lebten und daß die Menschen die befreiende Wahrheit hören mußten. Allerdings waren sie nur wenige. Der Wacht-Turm kam einem wichtigen Bedürfnis entgegen — konnte aber mehr getan werden? Russell und seine Gefährten waren dieser Meinung. In den 1880er Jahren veröffentlichten sie die Schriftforscher-Traktate (später auch Die alte Theologie genannt), die den Lesern des Wacht-Turms zur kostenlosen Verbreitung gegeben wurden.

      Ja, die Leser des Wacht-Turms wurden aufgefordert, die kostbaren Wahrheiten, die sie kennenlernten, an andere weiterzugeben. „Predigst du?“ wurde in der Ausgabe des Wacht-Turms von Juli/August 1881 (engl.) gefragt. Als wie wichtig galt das Predigen? In dem Artikel hieß es weiter: „Wir glauben, daß keiner zur kleinen Herde gehört, er sei denn ein Prediger. ... Ja, wir wurden berufen, mit ihm zu leiden und jetzt diese gute Botschaft zu verkündigen, damit wir zur bestimmten Zeit verherrlicht werden und die Dinge vollbringen können, die jetzt gepredigt werden. Wir wurden weder dazu berufen noch gesalbt, Ehre zu empfangen und Reichtum anzuhäufen, sondern um auszugeben und uns zu verausgaben und die gute Botschaft zu predigen.“

      Es war durchaus angebracht, daß diese ersten Bibelforscher es als dringend notwendig ansahen, die gute Botschaft zu predigen. Die Christen des ersten Jahrhunderts hatten einen Predigtauftrag erhalten; und alle wahren Christen haben bis auf den heutigen Tag die Pflicht zu predigen (Mat. 24:14; 28:19, 20; Apg. 1:8). Doch welches Ziel verfolgten Russell und die damaligen Leser des Wacht-Turms beim Predigen? Bestand es lediglich darin, biblische Literatur zu verbreiten oder Kirchgängern die Wahrheiten der Heiligen Schrift zum Bewußtsein zu bringen?

      „Du [mußt] sie verlassen“

      Seit langer Zeit mahnt die Bibel: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk.“ Was sollten Gottes Diener verlassen? „Babylon die Große, die Mutter der Huren und der abscheulichen Dinge der Erde“ (Offb. 17:5; 18:4). Und warum sollten sie aus Babylon hinausgehen? „Ihre Sünden haben sich aufgehäuft bis zum Himmel, und Gott hat ihrer Taten der Ungerechtigkeit gedacht“ (Offb. 18:5). Wer ist die Mutter der Huren, von der man sich trennen soll?

      Martin Luther und andere Reformatoren bezeichneten die katholische Kirche und das Papsttum als Babylon die Große. Wie steht es mit den protestantischen Kirchen, die der Reformation entsprangen? Tatsache ist, daß sich einige, abgesehen von ihrer Ablehnung des Primats, in der Kirchenstruktur nicht wesentlich vom Katholizismus unterschieden, und sie behielten unbiblische Lehren bei, wie zum Beispiel die Lehre von der Dreieinigkeit, von der Unsterblichkeit der Seele und von der ewigen Qual. Aus diesem Grund forderten einige Prediger die Leute auf, sich nicht nur von der katholischen Kirche loszusagen, sondern auch von den großen protestantischen Kirchen.

      Auch C. T. Russell und seine Gefährten erkannten, daß diese berüchtigte Hure nicht lediglich die katholische Kirche war. Zwar wurde im Wacht-Turm vom November 1879 (engl.) Babylon die Große mit dem „Papsttum als SYSTEM“ gleichgesetzt, doch in dem betreffenden Artikel wurde ausgeführt: „Wir müssen noch weitergehen und andere Kirchen einbeziehen, die mit den politischen Reichen der Erde vereint sind (nicht einzelne Mitglieder, sondern die Kirchensysteme). Jede Kirche, die behauptet, eine dem Christus versprochene keusche Jungfrau zu sein, aber in Wirklichkeit mit der Welt (dem wilden Tier) vereint ist und von ihr unterstützt wird, müssen wir in der Sprache der Bibel als Hurenkirche verurteilen.“

      Wozu wurden die Leser des Wacht-Turms also ermuntert? Russell schrieb: „Wenn die Kirche, mit der du verbunden bist, in ehebrecherischer Gemeinschaft mit der Welt lebt, mußt du sie verlassen, damit du ein weißes Gewand haben kannst.“ Russell und seinen Gefährten war damals nicht die volle Tragweite des Einflusses Babylons der Großen bewußt. Dennoch wurden die Leser des Wacht-Turms aufgefordert, sich von Kirchen zu trennen, die korrupt und weltlich waren (Joh. 18:36).

      „Die darin enthaltene Wahrheit nahm mein Herz sogleich gefangen“

      In der Veröffentlichung biblischer Wahrheiten wurde ein entscheidender Schritt nach vorn getan, als 1886 der erste Band einer bereits angekündigten Bücherserie von C. T. Russell, betitelt Millennium-Tagesanbruch, erschien. Band 1 hieß Der göttliche Plan der Zeitalter. Er enthielt Studien über 16 Themen wie zum Beispiel „Das Dasein eines allerhöchsten intelligenten Schöpfers nachgewiesen“, „Die Bibel als göttliche Offenbarung im Lichte der Vernunft und Erkenntnis betrachtet“, „Die Wiederkunft unseres Herrn. Ihr Zweck, die Wiederherstellung aller Dinge“ und „Die Zulassung des Bösen und seine Beziehung zum Plane Gottes“. Danach schrieb C. T. Russell noch fünf weitere Bücher der Serie Millennium-Tagesanbruch.e

      Russell starb, bevor er seinen geplanten siebten Band der Serie schreiben konnte, aber die sechs vollendeten Bände, die weite Verbreitung fanden, stießen bei aufrichtigen Menschen auf Resonanz. „Ihr Buch MILLENNIUM-TAGESANBRUCH erhielt ich vergangenen Herbst“, schrieb eine Leserin im Jahre 1889. „Vorher wußte ich nicht einmal, daß es ein solches Werk gibt. Ich bekam es an einem Samstagabend, begann unverzüglich zu lesen und legte es nicht mehr aus der Hand — außer wenn mir nichts andres übrigblieb —, bis ich es ausgelesen hatte. Die darin enthaltene Wahrheit nahm mein Herz sogleich gefangen; folglich zog ich mich von der presbyterianischen Kirche zurück, wo ich so lange im dunkeln nach der Wahrheit gesucht und sie nicht gefunden hatte.“

      In jenen Tagen erforderte es großen Mut, sich von seiner Kirche abzukehren. Das zeigt das Beispiel einer Frau in Manitoba (Kanada), die 1897 in den Besitz der Serie Millennium-Tagesanbruch gelangte. Zunächst wollte sie ihrer Kirche treu bleiben und in der Sonntagsschule unterrichten. Doch im Jahre 1903 kam der Tag, an dem sie mit ihrer Kirche brach. Sie stand vor der ganzen Gemeinde auf und erklärte, warum sie es für unumgänglich hielt, sich von der Kirche zu trennen. Ihre Nachbarin wollte sie bewegen, zur Kirche zurückzukehren. (Damals waren den Dorfbewohnern die Nachbarn lieb und teuer.) Aber sie blieb fest, obwohl es in der Nähe keine Gruppe von Bibelforschern gab. Ihr Sohn beschrieb die Situation später wie folgt: „Kein Bibelstudiendiener [Ältester], der ihr Halt geben konnte. Keine Zusammenkünfte. Ein zerknirschtes Herz. Eine zerlesene Bibel. Stundenlanges Verharren im Gebet.“

      Woran lag es, daß die Millennium-Tagesanbruch-Bände, der Wacht-Turm und andere Veröffentlichungen der Gesellschaft das Herz der Leute gefangennahmen und sie zu solch entschlossenem Handeln bewogen? C. T. Russells Methode, biblische Lehren zu erklären, war anders als die vieler Autoren seiner Tage. Er glaubte an die Bibel als das unfehlbare Wort Gottes und an die Harmonie ihrer Lehren. Wenn daher eine Passage der Bibel schwer zu verstehen sei, so dachte er, müsse sie durch eine andere Passage der inspirierten Heiligen Schrift erhellt und gedeutet werden. Er versuchte nicht, seine Erklärungen durch das Zeugnis der Theologen seiner Zeit oder durch die Auffassungen der sogenannten Kirchenväter zu erhärten. Im ersten Band der Serie Millennium-Tagesanbruch schrieb er: „Wir halten es aber für einen allgemeinen Fehler dieser und jeder Zeit, daß man gewisse Lehren glaubt, weil andere es taten, denen man Vertrauen schenkte. ... Wahrheitssucher sollten ihre Gefäße von den schmutzigen Wassern menschlicher Überlieferungen entleeren und sie an der Quelle der Wahrheit, dem Worte Gottes, füllen.“

      Da immer mehr Wahrheitssucher für das empfänglich waren, was sie in den Veröffentlichungen der Watch Tower Society lasen, wurden in Allegheny Veränderungen nötig, mit denen man nicht gerechnet hatte.

      Hauptbüro im Bibelhaus

      Den Bibelforschern in Allegheny, die mit dem Erscheinen des Wacht-Turms zu tun hatten, gestand man zu, daß sie am meisten Erfahrung im Werk des Herrn hatten, und sie wurden von allen Ekklesias oder Versammlungen als diejenigen betrachtet, die die Führung innehatten. Zunächst hatten sie ihr Hauptbüro in der Fifth Avenue 101 in Pittsburgh und später in der Federal Street 44 in Allegheny. Ende der 1880er Jahre wurde jedoch eine Erweiterung notwendig. Daher leitete Russell die Errichtung größerer Gebäude in die Wege. 1889 wurde ein viergeschossiges Backsteingebäude in Allegheny in der Arch Street 56-60 fertiggestellt, dessen Wert man mit 34 000 Dollar angab. Es wurde Bibelhaus genannt. Etwa 19 Jahre war es das Hauptbüro der Gesellschaft.

      Im Jahre 1890 diente die kleine Bibelhausfamilie den Bedürfnissen von mehreren hundert Personen, die aktiv mit der Watch Tower Society verbunden waren. Doch im weiteren Verlauf der 1890er Jahre zeigten immer mehr Leute Interesse. Nach einem unvollständigen Bericht über den 26. März 1899, der im Wacht-Turm (engl.) erschien, wurde die Feier zum Gedenken an den Tod Christi in 339 verschiedenen Zusammenkünften begangen, und 2 501 Personen nahmen daran teil. Wie konnte aber die wachsende Zahl von Bibelforschern zusammengehalten werden?

      Die wachsende Herde vereinigen

      C. T. Russell ermunterte alle Leser des Wacht-Turms, soweit es ihnen möglich wäre, in kleinen oder großen Gruppen zusammenzukommen, um sich gegenseitig im Glauben zu erbauen. Durch den Wacht-Turm wurde biblischer Rat vermittelt. Das Hauptbüro sandte auch reisende Beauftragte der Watch Tower Society aus, die mit den verschiedenen Gruppen in Berührung bleiben und sie im Glauben stärken sollten.

      In Abständen fanden außerdem Hauptversammlungen statt, die von Bibelforschern aus nah und fern besucht wurden. „Hiermit sprechen wir eine BESONDERE EINLADUNG an alle Leser aus, die es einrichten können zu kommen“, hieß es im Wacht-Turm vom März 1886 (engl.). Was war der Anlaß? Die jährliche Feier des Abendmahls des Herrn, die am Sonntag, den 18. April 1886 in Allegheny begangen werden sollte. Es war jedoch noch mehr geplant: Für die Abende der darauffolgenden Woche war eine Reihe besonderer Zusammenkünfte angesetzt. Die Bibelforscher in Allegheny öffneten ihr Herz und ihre Wohnungstür und ließen die angereisten Besucher kostenlos bei sich übernachten. In den nächsten Jahren wurden in Allegheny zur Zeit des Gedächtnismahls ähnliche Hauptversammlungen abgehalten.

      Ende der 1890er Jahre organisierte man an vielen Orten Hauptversammlungen. C. T. Russell hielt bei diesen Anlässen oft Ansprachen. Wie war es, ihn zu hören?

      Ralph Leffler, der dabei war, erinnerte sich: „Auf der Bühne vor dem Publikum trug er stets einen langen schwarzen Gehrock und eine weiße Krawatte. Seine Stimme war nicht laut, und er benutzte nie eine Lautsprecheranlage, weil dergleichen damals noch nicht erfunden war; doch irgendwie drang seine Stimme immer bis zur fernsten Ecke des Saals. Er konnte die Aufmerksamkeit einer großen Zuhörerschaft nicht nur eine Stunde lang fesseln, sondern manchmal zwei oder drei Stunden. Vor einer Ansprache verbeugte er sich jeweils leicht vor dem Publikum. Beim Sprechen stand er nicht steif da wie eine Statue, sondern war ständig in Bewegung; er gestikulierte mit den Armen und ging von einer Seite zu andern oder vor und zurück. Ich sah ihn kein einziges Mal mit einem Manuskript oder Notizen in den Händen — nur mit der Bibel, die er sehr oft gebrauchte. Seine Worte kamen von Herzen, und er redete sehr überzeugend. Damals befand sich auf der Bühne nichts weiter als ein Tischchen mit einer Bibel, einem Wasserkrug und einem Glas, aus dem er gelegentlich einen Schluck Wasser nahm.“

      Diese ersten Hauptversammlungen waren Zeiten herzlicher Gemeinschaft und geistiger Belebung. Sie stärkten die Einheit unter allen Bibelforschern und dienten zur Bekanntmachung biblischer Wahrheiten. Als die 1890er Jahre zu Ende gingen, war den Bibelforschern klar, daß viel mehr getan werden mußte, um biblische Wahrheiten zu verbreiten. Aber sie waren immer noch verhältnismäßig wenige. Gab es einen Weg, Millionen mehr zu erreichen, als es mit den bisherigen Mitteln möglich war? Es gab ihn!

      Eine Tür öffnet sich: „Evangelisation durch Zeitungen“

      Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verliefen Telegrafenleitungen kreuz und quer über die Welt. Die telegrafische Kommunikation war kostengünstig und schnell; sie revolutionierte die Presse. Nachrichten konnten über weite Entfernungen rasch übermittelt und dann in Zeitungen gedruckt werden. Anfang des 20. Jahrhunderts betrachteten C. T. Russell und seine Gefährten Zeitungen als wirksames Mittel, viele Menschen zu erreichen. Russell sagte später einmal: „Die Zeitungen sind eine gewaltige Macht im täglichen Leben der zivilisierten Welt geworden.“

      Im Wacht-Turm vom 1. Dezember 1904 (engl.) wurde bekanntgegeben, daß drei Zeitungen Predigten C. T. Russells veröffentlichten. In der nächsten Ausgabe des Wacht-Turms hieß es unter der Überschrift „Evangelisation durch Zeitungen“: „Millionen von Predigten sind auf diese Weise nah und fern verbreitet worden; und zumindest einige haben Gutes bewirkt. Wenn der Herr will, werden wir zu unserer Freude erleben, daß diese Tür offenbleibt oder sogar noch weiter geöffnet wird.“ Die Tür der „Evangelisation durch Zeitungen“ wurde tatsächlich noch weiter geöffnet. 1913 errechnete man, daß Russells Predigten durch 2 000 Zeitungen 15 000 000 Leser erreichten.

      Wie gelang es Russell aber, wöchentlich Predigten drucken zu lassen, wenn er auf Reisen war? Er telegrafierte jede Woche eine Predigt (von etwa zwei Zeitungsspalten) an eine Presseagentur. Die Agentur wiederum telegrafierte sie an Zeitungen in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Europa.

      Russell war überzeugt, daß der Herr die Tür der Evangelisation durch Zeitungen weit geöffnet hatte. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde die biblische Botschaft, die Russell und seine Gefährten verkündigten, durch solche gedruckten Predigten weit und breit bekannt. In der Druckschrift The Continent hieß es einmal über Russell: „Seine Artikel sollen in der Presse wöchentlich eine größere Verbreitung finden als die irgendeines anderen lebenden Menschen, zweifellos eine größere als die Verbreitung der Artikel aller Priester und Prediger Nordamerikas zusammen.“

      Umzug nach Brooklyn

      Während die Evangelisation durch Zeitungen zunahm, suchten die Bibelforscher nach anderen Räumlichkeiten, wo die Predigten verfaßt werden sollten. Warum? Das Bibelhaus in Allegheny war zu klein geworden. Man dachte auch, daß Russells Predigten, wenn sie aus einer größeren, bekannteren Stadt stammten, in mehr Zeitungen abgedruckt würden. Aber welche Stadt kam in Frage? Im Wacht-Turm vom Februar 1909 (engl.: 15. Dezember 1908) wurde erklärt: „Göttliche Leitung, die wir suchten, [schien uns] dahin zu führen, uns für die Verlegung des Bibelhauses nach Brooklyn (New-York) zu entscheiden, wo eine große Bevölkerung des Mittelstandes wohnt — eine Stadt, die wegen ihrer vielen ‚Kirchen‘ sehr gut bekannt ist. Dies schien uns für unsere Arbeit in den noch wenigen übrigen Jahren ein guter Mittelpunkt zu sein.“

      So wurden 1908 mehrere Beauftragte der Watch Tower Society, darunter auch ihr Rechtsberater Joseph F. Rutherford, nach New York gesandt. Zu welchem Zweck? Um Gebäude zu erwerben, die C. T. Russell auf einer früheren Reise ausfindig gemacht hatte. Sie kauften das alte „Plymouth Bethel“ in der Hicks Street 13-17 in Brooklyn. Es hatte zuvor der nahe gelegenen Kongregationalistenkirche Plymouth, deren Pfarrer einmal Henry Ward Beecher gewesen war, als Missionsgebäude gedient. Die Abordnung der Gesellschaft kaufte auch Beechers früheres Wohnhaus, ein viergeschossiges Sandsteingebäude in der Columbia Heights 124, das nur ein paar Häuserblocks entfernt war.

      Das Gebäude in der Hicks Street wurde umgebaut und „Brooklyn Tabernacle [Stiftshütte]“ genannt. Darin befanden sich die Büros der Gesellschaft und ein Versammlungssaal. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wurde Beechers ehemaliges Wohnhaus in der Columbia Heights 124 das neue Heim für die Mitarbeiter des Hauptbüros der Gesellschaft. Wie sollte es heißen? Im Wacht-Turm vom 1. März 1909 (engl.) hieß es: „Wir werden das neue Heim ‚Bethel‘ [„Haus Gottes“] nennen.“f

      Die sogenannte Evangelisation durch Zeitungen kam nach dem Umzug nach Brooklyn in Schwung. Aber sie war nicht das einzige Mittel, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.

      Die Verkündigung der guten Botschaft ausgedehnt

      Russell und seine Gefährten wagten sich 1912 an ein kühnes Lehrprojekt, das seiner Zeit weit voraus war. Damit sollten weltweit Millionen erreicht werden. Es war das „Photo-Drama der Schöpfung“ — eine Kombination von Filmen und Lichtbildern, die mit Musik- und Sprechplatten synchronisiert waren. Es dauerte acht Stunden und bestand aus vier Folgen. Außer dem regulären „Photo-Drama“ stand auch noch das „Heureka-Drama“ zur Verfügung, das entweder nur aus den Musik- und Vortragsaufnahmen bestand oder aus den Tonaufnahmen und Lichtbildern. Zwar wurde dabei auf die Filme verzichtet, aber in weniger dicht besiedelten Gebieten wurde es mit großem Erfolg vorgeführt.

      Stellen wir uns die historische Szene vor: Im Januar 1914, in der Zeit des Stummfilms,g versammelte sich eine Menge von 5 000 Zuschauern im Temple, einem Gebäude in der 63. Straße (West) in New York. Viele weitere mußten vor der Tür abgewiesen werden. Was sollte stattfinden? Die Uraufführung des „Photo-Dramas der Schöpfung“ in New York! Die Zuschauer saßen vor einer großen Kinoleinwand. Vor ihren Augen — und Ohren — spielte sich etwas wahrhaft Erstaunliches ab. C. T. Russell, damals Anfang 60, erschien auf der Leinwand. Seine Lippen bewegten sich, und man konnte seine Worte hören! Im weiteren Verlauf der Aufführung wurden die Zuschauer — mit Hilfe von gesprochenem Text, Farbbildern und Musik — durch die Zeit von der Erschaffung der Erde bis zum Ende der Millenniumsherrschaft Christi geführt. Sie sahen auch Zeitrafferaufnahmen von Vorgängen wie dem Sichöffnen einer Blüte und dem Schlüpfen eines Kükens aus dem Ei. Sie waren verblüfft und beeindruckt.

      Ende 1914 hatten in Nordamerika, Europa, Neuseeland und Australien Millionen das „Photo-Drama“ gesehen. Es war bestimmt ein wirkungsvolles Mittel, in verhältnismäßig kurzer Zeit breite Massen zu erreichen.

      Wie stand es aber unterdessen mit dem Oktober 1914? Jahrzehntelang hatten Russell und seine Gefährten verkündigt, daß die Zeiten der Nationen 1914 zu Ende gehen würden. Man war gespannt. C. T. Russell war argwöhnisch gewesen gegenüber Personen, die verschiedene Daten für die Wiederkunft des Herrn festgesetzt hatten, darunter William Miller und einige adventistische Gruppen. Doch seit seinem Zusammentreffen mit Nelson Barbour war er überzeugt, daß es eine genaue biblische Chronologie gab, die auf 1914 als Ende der Zeiten der Nationen hindeutete.

      Als dieses bedeutsame Jahr näher rückte, hegten die Bibelforscher große Erwartungen, aber nicht alles, was sie erwarteten, stand ausdrücklich in der Bibel. Was würde geschehen?

  • Eine Zeit der Prüfungen (1914—1918)
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 6

      Eine Zeit der Prüfungen (1914—1918)

      „Laßt uns uns stets daran erinnern, daß wir in der Prüfungsstunde stehen! ... Wenn jemand sich aus irgendeinem Grunde bewogen fühlt, den Herrn und die Wahrheit zu verlassen und dem Herrn keine Opfer mehr darzubringen, so ist nicht die Liebe Gottes allein in seinem Herzen wirksam gewesen, sondern auch etwas anderes — vielleicht der Gedanke, daß die Zeit nur kurz sei und seine Weihung nur für eine bestimmte Zeit gelte. Wo dem so ist, da bietet sich leicht ein Anlaß, alles zu verlassen.“

      DIESE Worte aus dem Wacht-Turm vom Februar 1915 (engl.: 1. November 1914) konnten nicht passender sein. Die Jahre 1914 bis 1918 erwiesen sich wahrhaftig als „Prüfungsstunde“ für die Bibelforscher. Einige Prüfungen kamen von innen, andere von außen. Doch durch sie alle wurden die Bibelforscher in einer Weise geprüft, daß sich zeigte, ob sie wirklich die Liebe Gottes in ihrem Herzen hatten. Würden sie treu bleiben oder „den Herrn und die Wahrheit“ verlassen?

      Große Erwartungen

      Am 28. Juni 1914 wurde Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Ungarn durch eine Kugel niedergestreckt. Dieser Mord löste den Großen Krieg aus, wie der Erste Weltkrieg ursprünglich genannt wurde. Die Kämpfe begannen im August 1914, als Deutschland in Belgien und Frankreich einrückte. Im Herbst jenes Jahres war das Blutbad in vollem Gange.

      „Die Zeiten der Nationen sind vorbei; die Tage ihrer Könige sind abgelaufen!“ verkündete Bruder Russell, als er am Freitag, den 2. Oktober 1914 morgens den Speisesaal des Hauptbüros der Watch Tower Society in Brooklyn betrat. Es herrschte große Spannung. Die meisten Anwesenden hatten seit langem erwartungsvoll dem Jahr 1914 entgegengesehen. Aber was würde das Ende der Zeiten der Nationen bringen?

      Der Erste Weltkrieg wütete, und man glaubte damals, der Krieg ginge in eine Zeit weltweiter Anarchie über, die zum Ende des bestehenden Systems der Dinge führen würde. Man hatte auch noch andere Erwartungen für 1914. Alexander H. Macmillan, der im September 1900 getauft worden war, sagte rückblickend: „Einige von uns dachten ernsthaft, wir würden in der ersten Oktoberwoche in den Himmel kommen.“a In Erinnerung an den Morgen, als Russell das Ende der Zeiten der Nationen verkündete, gab Macmillan zu: „Wir waren sehr aufgeregt, und es hätte mich nicht überrascht, wenn wir in jenem Augenblick aufgefahren wären und unsere Himmelfahrt begonnen hätten — aber natürlich ereignete sich nichts dergleichen.“

      Im 19. Jahrhundert waren viele Anhänger William Millers und verschiedene adventistische Gruppen in ihren Erwartungen enttäuscht worden, was die Wiederkunft des Herrn Jesus anging, und hatten den Glauben verloren. Wie erging es aber den Bibelforschern, die mit Russell verbunden waren? Fühlten sich einige von dem Gedanken angezogen, so bald wie möglich errettet zu werden, statt von Liebe zu Gott gedrängt zu werden und dem starken Wunsch, seinen Willen zu tun?

      „Bruder Russell ... Warst du nicht enttäuscht?“

      Bruder Russell hatte die Bibelforscher ermuntert, wachsam zu bleiben und entschlossen zu sein, mit dem Werk des Herrn fortzufahren, selbst wenn die Ereignisse nicht so rasch einem Höhepunkt zustreben würden, wie sie vielleicht erwarteten.

      Der Oktober 1914 verging, und C. T. Russell und seine Gefährten waren immer noch auf der Erde. Dann verstrich der Oktober 1915. War Russell enttäuscht? Im Wacht-Turm vom 1. Februar 1916 (engl.) schrieb er: „ ‚Bruder Russell, wie denkst du aber über die Zeit unserer Verwandlung? Warst du nicht enttäuscht, daß sie nicht zu der Zeit eintrat, als wir es erhofften?‘ werdet ihr fragen. Wir antworten mit Nein, wir waren nicht enttäuscht. ... Brüder, wer von uns Gott gegenüber die rechte Einstellung hat, der ist über keine seiner Handlungsweisen enttäuscht. Wir wünschten ja nicht, daß unser Wille geschehe; als wir daher feststellten, daß wir für Oktober 1914 etwas Falsches erwarteten, waren wir glücklich, daß der Herr nicht um unsertwillen seinen Plan änderte. Wir wünschten nicht, daß er es tue. Wir wünschen nur, seine Pläne und Absichten erfassen zu können.“

      Nein, die Bibelforscher wurden im Oktober 1914 nicht in den Himmel „heimgeholt“. Dessenungeachtet endeten die Zeiten der Nationen in jenem Jahr. Offensichtlich hatten die Bibelforscher noch mehr über die Bedeutung des Jahres 1914 zu lernen. Was sollten sie inzwischen tun? Das Werk fortsetzen! Im Wacht-Turm vom November 1916 hieß es: „Wir glaubten, daß das Werk des Sammelns und Erntens der Herauswahl [Gesalbter] vollendet sein würde, ehe die Zeit der Nationen zu Ende ging; aber nichts in der Bibel sagte dies direkt. ... Bedauern wir, daß das Erntewerk noch andauert? Nein, wahrlich nicht ... Liebe Brüder, unsere jetzige Haltung sollte eine Haltung großer Dankbarkeit gegen Gott sein; eine Haltung stets zunehmender Wertschätzung der wunderbaren Wahrheit, welche zu sehen und nach welcher zu leben wir durch ihn befähigt wurden, sowie die eines zunehmenden Eifers, diese Wahrheit auch zur Kenntnis anderer zu bringen.“

      War aber im Erntewerk noch viel mehr zu tun? Bruder Russell war offenbar dieser Meinung. Das geht aus einem Gespräch hervor, das er im Herbst 1916 mit Bruder Macmillan führte. Russell rief Macmillan in sein Arbeitszimmer im Brooklyner Bethel und sagte zu ihm: „Das Werk nimmt geschwind zu, und es wird auch weiterhin zunehmen, denn es gibt ein weltweites Werk zu tun, um das ‚Evangelium vom Reich‘ auf der ganzen Erde zu predigen.“ Russell brachte dreieinhalb Stunden damit zu, Macmillan in Umrissen zu erklären, worin nach seinem Verständnis der Bibel das große künftige Werk bestand.

      Die Bibelforscher hatten eine schwere Prüfung durchgemacht. Doch durch den Wacht-Turm wurden sie gestärkt, so daß sie über Enttäuschungen triumphieren konnten. Die Prüfungsstunde war allerdings noch lange nicht vorüber.

      „Was soll nun bloß geschehen?“

      Am 16. Oktober 1916 gingen Bruder Russell und sein Sekretär Menta Sturgeon auf eine Vortragsreise, die sie durch den Westen und Südwesten der Vereinigten Staaten führen sollte und für die schon alles arrangiert war. Russell war zu diesem Zeitpunkt jedoch schwer krank. Die Reise ging zunächst nach Detroit (Michigan) über Kanada. Nach Aufenthalten in Illinois, Kansas und Texas kamen die beiden Männer in Kalifornien an, wo Russell am Sonntag, den 29. Oktober in Los Angeles seine letzte Ansprache hielt. Zwei Tage später, am Dienstag, den 31. Oktober starb der 64jährige Charles Taze Russell am frühen Nachmittag in einem Zug in Pampa (Texas). Die Nachricht von seinem Tod erschien im Wacht-Turm vom Februar 1917 (engl.: 15. November 1916).

      Wie reagierte die Bethelfamilie, als der Tod Bruder Russells bekanntgegeben wurde? A. H. Macmillan, der Russell während seiner Abwesenheit vertrat, berichtete später über den Morgen, als er der Bethelfamilie das Telegramm vorlas: „Ein tiefes Seufzen ging durch den ganzen Speisesaal. Einige schluchzten. Keiner frühstückte an diesem Morgen. Alle waren sehr bestürzt. Als die Zeit für das Frühstück vorbei war, stellten sie sich in kleinen Gruppen zusammen und flüsterten: ‚Was soll nun bloß geschehen?‘ An jenem Tag wurde kaum etwas gearbeitet. Wir wußten nicht, was wir tun sollten. Sein Tod traf uns so unerwartet, und doch hatte Russell versucht, uns darauf vorzubereiten. Was nun? Der erste Schock des Verlustes von C. T. Russell war das schlimmste. In den ersten Tagen sah unsere Zukunft düster aus. Sein Leben lang waren Russell und ‚die Gesellschaft‘ ein und dasselbe gewesen. Im Mittelpunkt des Werkes stand seine dynamische Entschlossenheit, dazu beizutragen, daß Gottes Wille geschieht.“

      Nach der Trauerfeier im Temple in New York und in der Carnegie Hall in Pittsburgh wurde Bruder Russell seinem Wunsch gemäß in Allegheny auf dem Grundstück der Bethelfamilie beigesetzt. Eine Kurzbiographie Russells wurde zusammen mit seinem letzten Willen im Wacht-Turm vom Februar 1917 (engl.: 1. Dezember 1916) sowie in späteren Auflagen des ersten Bandes der Schriftstudien (engl.) veröffentlicht.

      Was sollte nun geschehen? Den Bibelforschern fiel es schwer, sich jemand anders an Bruder Russells Platz vorzustellen. Würden sie in ihrem biblischen Verständnis weiter Fortschritte machen oder stehenbleiben? Würde aus ihnen eine Sekte um Russell werden? Russell selbst hatte deutlich darauf hingewiesen, daß er die Fortführung des Werkes wünschte. Daher erhoben sich nach seinem Tod bald einige naheliegende Fragen: Wer wird für den Inhalt des Wacht-Turms und der anderen Veröffentlichungen verantwortlich sein? Wer sollte Russells Nachfolge als Präsident antreten?

      Eine Änderung in der Verwaltung

      In seinem Testament ordnete Bruder Russell die Gründung eines fünfköpfigen Herausgeberkomitees an, das für den Inhalt des Wacht-Turms verantwortlich sein sollte.b Außerdem gründete der Vorstand der Watch Tower Bible and Tract Society einen geschäftsführenden Ausschuß mit drei Mitgliedern — A. I. Ritchie, W. E. Van Amburgh und J. F. Rutherford —, der die allgemeine Aufsicht über das Werk der Gesellschaft innehaben sollte und dem Vorstand unterstehen würde.c Wer würde jedoch der neue Präsident werden? Das sollte etwa zwei Monate später, am 6. Januar 1917, auf der nächsten Jahresversammlung der Gesellschaft entschieden werden.

      Zunächst tat der geschäftsführende Ausschuß sein Bestes, um die Lage zu stabilisieren, und ermunterte die Bibelforscher, tätig zu bleiben und nicht den Mut zu verlieren. Der Wacht-Turm erschien weiterhin und enthielt Artikel, die Russell vor seinem Tod geschrieben hatte. Doch als sich die Jahresversammlung näherte, kamen Spannungen auf. Manche betrieben sogar eine gewisse Wahlpropaganda, um zu erreichen, daß ihr Favorit zum Präsidenten gewählt würde. Andere schienen wegen ihrer großen Achtung vor Bruder Russell mehr darum bemüht zu sein, seine Eigenschaften nachzuahmen und eine Art Kult um ihn aufzubringen. Aber die meisten Bibelforscher waren hauptsächlich daran interessiert, mit dem Werk fortzufahren, dem Russell sich ganz gewidmet hatte.

      Kurz vor der Wahl war immer noch die Frage offen, wer Russells Nachfolge als Präsident antreten würde. Im Wacht-Turm vom Mai 1917 (engl.: 15. Januar 1917) wurde das Ergebnis der Jahresversammlung wie folgt geschildert: „Mit sehr passenden Bemerkungen und Ausdrücken der Wertschätzung und Liebe für Bruder Russell sagte Bruder Pierson, daß er als Stellvertreter von Freunden im ganzen Lande beauftragt worden sei, ihre Stimmen abzugeben für die Erwählung Bruder Rutherfords zum Präsidenten. Er sagte ferner, daß er damit völlig übereinstimme.“ Nachdem Rutherford vorgeschlagen worden war und man diesem Vorschlag allgemein zugestimmt hatte, wurden keine weiteren Kandidaten aufgestellt, und so „erklärte der Sekretär die Wahl als geschehen, und Bruder Rutherford wurde von der Versammlung ... einstimmig zum Präsidenten der Gesellschaft ernannt“.

      Wie war die Reaktion auf den neuen Präsidenten, als die Wahl entschieden war? In der obenerwähnten Ausgabe des Wacht-Turms hieß es weiter: „Überall hatten die Freunde in ernstem Gebet um die Führung und Leitung des Herrn in dieser Wahlangelegenheit gebetet, und jeder war zufrieden und glücklich und glaubte, daß der Herr ihre Entschließungen geleitet und ihre Gebete beantwortet habe. Vollkommene Harmonie herrschte unter allen Anwesenden.“

      Diese „vollkommene Harmonie“ dauerte allerdings nicht lange an. Viele freuten sich von Herzen über den neuen Präsidenten, aber nicht alle.

      Der neue Präsident macht sich an die Arbeit

      Bruder Rutherford wollte in der Organisation keine andere Richtung einschlagen, sondern auf dem Weg, den Russell aufgezeigt hatte, weiter vorwärtsstreben. Die Zahl der reisenden Beauftragten der Gesellschaft (Pilgerbrüder genannt) wurde von 69 auf 93 erhöht. Die Verbreitung der kostenlosen Traktate der Gesellschaft wurde angekurbelt. Man verteilte sie regelmäßig im Predigtdienst von Haus zu Haus und gelegentlich auch sonntags vor den Kirchen.

      Das „pastorale Werk“, das vor Russells Tod begonnen worden war, wurde nun intensiviert. Es läßt sich mit den Rückbesuchen vergleichen, die Jehovas Zeugen heute durchführen. Außerdem belebte der neue Präsident der Gesellschaft das Predigtwerk dadurch, daß er die Kolporteurtätigkeit verstärkte. Die Zahl der Kolporteure (die Vorläufer der heutigen Pioniere) stieg von 372 auf 461.

      „Anfang des Jahres 1917 waren die Zukunftsaussichten eher düster“, hieß es im Wacht-Turm vom 15. Dezember 1917 (engl.). Ja, nach dem Tod C. T. Russells kamen Zweifel und Befürchtungen auf. Doch der Bericht am Jahresende war ermutigend: Die Predigttätigkeit hatte zugenommen. Mit dem Werk ging es offensichtlich vorwärts. Hatten die Bibelforscher eine weitere Prüfung — den Tod C. T. Russells — überstanden?

      Versuche, die Leitung an sich zu reißen

      Nicht alle unterstützten den neuen Präsidenten. C. T. Russell und J. F. Rutherford waren grundverschiedene Männer. Ihre Persönlichkeit und auch ihre Herkunft waren unterschiedlich. Diese Unterschiede waren für einige schwer zu akzeptieren. Ihrer Ansicht nach konnte niemand an die Stelle Bruder Russells treten.

      Einige waren gegenüber Bruder Rutherford sogar gegnerisch eingestellt, besonders im Hauptbüro. Die Tatsache, daß es mit dem Werk vorwärtsging und daß er sich alle Mühe gab, den Anordnungen Russells zu folgen, schien sie nicht zu beeindrucken. Die Gegnerschaft wuchs. Vier Mitglieder des Vorstands der Gesellschaft gingen so weit, daß sie versuchten, Rutherford die Leitung zu entreißen. Die Lage spitzte sich im Sommer 1917 zu, als Das vollendete Geheimnis erschien — der siebte Band der Schriftstudien.

      Bruder Russell war es nicht möglich gewesen, diesen Band vor seinem Tod herauszubringen, obwohl er das erhofft hatte. Nach seinem Tod beauftragte der geschäftsführende Ausschuß der Gesellschaft zwei Bibelforscher, Clayton J. Woodworth und George H. Fisher, dieses Buch zusammenzustellen, das ein Kommentar zu Offenbarung, Hohelied und Hesekiel sein sollte. Zum Teil stützte es sich auf das, was Russell über diese Bibelbücher geschrieben hatte, und es wurden weitere Kommentare und Erklärungen hinzugefügt. Geschäftsführende Vorstandsmitglieder der Gesellschaft überprüften das fertige Manuskript und genehmigten die Veröffentlichung, und am Dienstag, den 17. Juli 1917 wurde der Bethelfamilie das Buch im Speisesaal überreicht. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine bestürzende Mitteilung gemacht: Die vier gegnerischen Vorstandsmitglieder waren ihres Amtes enthoben worden, und Bruder Rutherford hatte an ihrer Stelle vier andere ernannt. Wie war die Reaktion darauf?

      Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe! Die vier entlassenen Vorstandsmitglieder packten die Gelegenheit beim Schopf und entfachten vor der Bethelfamilie eine fünfstündige Kontroverse über die Art und Weise, wie die Angelegenheiten der Gesellschaft verwaltet wurden. Einige in der Bethelfamilie sympathisierten mit den Gegnern. Die Anfeindungen setzten sich über mehrere Wochen fort, und die Unruhestifter drohten damit, „die bestehende Tyrannei umzustürzen“, wie sie sich ausdrückten. Doch Bruder Rutherford war zu seinem Vorgehen berechtigt gewesen. Wieso?

      Es stellte sich heraus, daß die vier gegnerischen Vorstandsmitglieder zwar von Bruder Russell ernannt worden waren, doch daß diese Ernennungen nie durch eine Abstimmung der Mitglieder der Körperschaft auf der Jahresversammlung der Gesellschaft bestätigt worden waren. Somit waren die vier rechtlich gesehen überhaupt keine Mitglieder des Vorstands! Rutherford hatte das gewußt, aber zunächst nichts davon gesagt. Warum nicht? Er wollte nicht den Eindruck erwecken, daß er den Wünschen Bruder Russells zuwiderhandelte. Als es jedoch offenkundig wurde, daß sie mit ihren Anfeindungen nicht aufhören würden, nahm Rutherford seine Autorität und Verantwortung als Präsident wahr und ersetzte sie durch vier andere, deren Ernennung auf der nächsten Jahresversammlung im Januar 1918 bestätigt werden sollte.

      Am 8. August verließen die ehemaligen Vorstandsmitglieder und ihre Anhänger verärgert die Bethelfamilie; wegen der Unruhe, die sie verursacht hatten, waren sie gebeten worden zu gehen. Bald begannen sie, ihre Opposition in einer ausgedehnten Kampagne durch Reden und Briefe überall in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Europa auszubreiten. Daraufhin waren nach dem Sommer 1917 eine Reihe Versammlungen von Bibelforschern in zwei Gruppen gespalten — die einen waren gegenüber der Gesellschaft loyal, während die anderen den glatten Reden der Gegner zum Opfer gefallen waren.

      Konnte es aber sein, daß die entlassenen Vorstandsmitglieder in dem Bemühen, die Leitung der Organisation an sich zu reißen, versuchen würden, die Anwesenden auf der Jahresversammlung zu beeinflussen? Da Rutherford mit einer solchen Reaktion rechnete, hielt er es für ratsam, sich einen Überblick von allen Versammlungen zu verschaffen. Was war das Ergebnis? Nach dem Bericht, der im Wacht-Turm vom 15. Dezember 1917 (engl.) erschien, ergab die Abstimmung, daß die überwältigende Mehrheit auf der Seite J. F. Rutherfords und der Vorstandsmitglieder war, die mit ihm zusammenarbeiteten. Das bestätigte sich auf der Jahresversammlung.d Die Bemühungen der Gegner, die Leitung an sich zu reißen, waren fehlgeschlagen.

      Was wurde aus den Gegnern und ihren Anhängern? Nach der Jahresversammlung im Januar 1918 spalteten sie sich ab und beschlossen sogar, am 26. März 1918 eine eigene Gedächtnismahlfeier abzuhalten. Falls unter ihnen Einheit herrschte, so war sie von kurzer Dauer, denn bald zerfielen sie in verschiedene Sekten. In den meisten Fällen wurden sie immer weniger, und ihre Tätigkeit nahm ab oder kam ganz zum Stillstand.

      Ja, nach dem Tod Bruder Russells wurde die Loyalität der Bibelforscher auf die Probe gestellt. Tarissa P. Gott, die sich 1915 taufen ließ, erzählte: „Viele von denen, die früher stark und dem Herrn ergeben zu sein schienen, begannen sich abzuwenden. ... Das alles war sicher nicht richtig, aber es geschah, und es versetzte uns in Aufregung. Ich sagte mir jedoch: ‚Hat sich Jehova nicht dieser Organisation bedient, um uns aus der Knechtschaft der falschen Religion zu befreien? Haben wir seine Güte nicht schon geschmeckt? Wohin sollten wir gehen, wenn wir die Organisation jetzt verließen? Würden wir letztlich nicht irgendwelchen Menschen nachfolgen?‘ Da wir keinen Grund sahen, uns den Abgefallenen anzuschließen, blieben wir“ (Joh. 6:66-69; Heb. 6:4-6).

      Einige, die sich von der Organisation zurückgezogen hatten, bereuten später und schlossen sich den Bibelforschern erneut in der Anbetung an. Die große Mehrheit arbeitete wie Schwester Gott weiter mit der Watch Tower Society und Bruder Rutherford zusammen. Die Liebe und Einheit, die sie zusammenhielt, war durch die jahrelange Gemeinschaft bei Zusammenkünften und Kongressen entstanden. Sie ließen nicht zu, daß dieses Band der Einheit durch irgend etwas zerrissen wurde (Kol. 3:14).

      In den Jahren bis 1918 hatten die Bibelforscher Prüfungen von innen heraus überstanden. Was wäre aber, wenn Anfeindungen von außen kämen?

      Opfer von Angriffen

      Ende 1917 und Anfang 1918 verbreiteten die Bibelforscher eifrig das neue Buch Das vollendete Geheimnis. Als das Jahr 1917 zu Ende ging, war man vollauf damit beschäftigt, die Auflage von 850 000 zu drucken. Im Wacht-Turm vom 15. Dezember 1917 (engl.) wurde berichtet: „Es ist außer der Bibel kein Buch bekannt, von dem in einem vergleichbaren Zeitraum so viele Exemplare verkauft wurden wie vom siebten Band.“

      Doch nicht alle waren über den Erfolg des Vollendeten Geheimnisses erfreut. Das Buch enthielt einige bissige Bemerkungen über die Geistlichkeit der Christenheit. Das verärgerte die Geistlichen dermaßen, daß sie die Regierung drängten, die Veröffentlichungen der Bibelforscher zu verbieten. Als Folge der Gegnerschaft, die die Geistlichkeit angezettelt hatte, wurde Anfang 1918 Das vollendete Geheimnis in Kanada verboten. Auch in den Vereinigten Staaten wurden die Bibelforscher schon bald angefeindet.

      Um die von der Geistlichkeit angestiftete Unterdrückung bloßzustellen, gab die Watch Tower Society am 15. März 1918 das Traktat Königreichs-Nachrichten Nr. 1 (engl.) heraus. Welche Botschaft enthielt es? Der Titel, der sechs Zeitungsspalten breit war, lautete: „Religiöse Unduldsamkeit — Pastor Russells Anhänger verfolgt, weil sie den Menschen die Wahrheit sagen“. Unter der Überschrift „Die Behandlung der Bibelforscher riecht nach dem ‚finsteren Mittelalter‘ “ wurden die Gründe für die Verfolgung und das Verbot, das zuerst in Kanada ausgesprochen wurde, aufgezeigt. Das Traktat hielt mit der Wahrheit über die Anstifter nicht zurück, sondern wies auf die Geistlichen hin und beschrieb sie als „selbstgerechte Klasse, die sich systematisch bemüht hat, zu verhindern, daß das Volk die Bibel versteht, und jede biblische Lehre zu ersticken, es sei denn, sie kommt von ihnen“.e Bestimmt eine deutliche Botschaft!

      Wie reagierten die Geistlichen auf diese Enthüllungen? Sie hatten bereits dafür gesorgt, daß die Watch Tower Society Schwierigkeiten bekam. Aber jetzt wurden sie bösartig! Im Frühjahr 1918 brach ein Sturm tätlicher Verfolgung gegen die Bibelforscher in Nordamerika und Europa los. Die von Geistlichen angezettelte Gegnerschaft erreichte am 7. Mai 1918 einen Höhepunkt, als gegen J. F. Rutherford und mehrere seiner vertrauten Mitarbeiter auf US-Bundesebene Haftbefehle erlassen wurden. Mitte 1918 befand sich Rutherford mit sieben seiner Gefährten in der Bundesstrafanstalt von Atlanta (Georgia).

      Aber wie ging jetzt, wo Richter Rutherford und seine Gefährten im Gefängnis waren, die Arbeit im Hauptbüro weiter?

      Die Arbeit in Gang gehalten

      In Brooklyn wurde einem geschäftsführenden Ausschuß die Verantwortung für das Werk übertragen. Eine Hauptsorge der ernannten Brüder bestand darin, daß Der Wacht-Turm in Umlauf blieb. Bestimmt brauchten die Bibelforscher überall soviel geistige Stärkung wie nur möglich. Tatsächlich kam es während der gesamten Zeit der Prüfungen kein einziges Mal vor, daß eine Ausgabe des englischen Wacht-Turms nicht gedruckt wurde.f

      Was für ein Geist herrschte im Hauptbüro? Thomas (Bud) Sullivan, der später in der leitenden Körperschaft diente, erinnerte sich: „Ich durfte das Bethel Brooklyn im Spätsommer des Jahres 1918 besuchen, während die Brüder im Gefängnis waren. Die Brüder, die die Verantwortung für die Arbeit im Bethel hatten, waren in keiner Weise furchtsam oder niedergeschlagen. Es war sogar das Gegenteil der Fall. Sie waren optimistisch und zuversichtlich, daß Jehova letzten Endes seinem Volk den Sieg geben würde. Am Montagmorgen durfte ich am Frühstückstisch mit dabeisein, als die Brüder, die während des Wochenendes auf Reisen gewesen waren, ihren Bericht gaben. So konnte man sich ein gutes Bild von der Lage machen. Die Brüder waren alle zuversichtlich und blickten weiterhin zu Jehova um Leitung auf.“

      Es gab allerdings viele Probleme. Der Erste Weltkrieg wütete noch. Papier und Kohle, die für die Arbeit im Hauptbüro unbedingt gebraucht wurden, waren knapp. Als Folge des übersteigerten Patriotismus herrschte große Feindseligkeit gegenüber der Gesellschaft; die Bibelforscher galten als Verräter. Unter diesen extremen Umständen schien es unmöglich zu sein, die Arbeit in Brooklyn fortzusetzen. Daher verkaufte der geschäftsführende Ausschuß nach Rücksprache mit anderen Brüdern das „Brooklyn Tabernacle“ und schloß das Bethelheim. Am 26. August 1918 wurde die Tätigkeit wieder in Pittsburgh aufgenommen, in einem Bürogebäude Ecke Federal und Reliance Street.

      Dennoch herrschte weiterhin ein positiver Geist. Martha Meredith erzählte: „Wir in Pittsburgh setzten uns zusammen und beschlossen, die Arbeit in Gang zu halten, bis die Brüder aus dem Gefängnis freikämen. Damals wurde das Brooklyner Büro nach Pittsburgh verlegt, und die Brüder machten sich daran, Artikel für den Wacht-Turm zu schreiben und die Zeitschrift drucken zu lassen. Wenn die Wacht-Türme fertig waren, steckten wir Schwestern sie in Umschläge und versandten sie.“

      Die Bibelforscher hatten seit dem Ende der Zeiten der Nationen im Herbst 1914 schwere Prüfungen durchgemacht. Könnten sie weiter bestehen? Hatten sie wirklich die Liebe Gottes in ihrem Herzen? Würden sie sich an den Herrn und an die Wahrheit klammern, wie Russell es ihnen ans Herz gelegt hatte, oder würden sie alles verlassen?

      [Fußnoten]

      a Die Zitate von A. H. Macmillan in diesem Kapitel sind seinem Buch Faith on the March entnommen, das 1957 bei Prentice-Hall, Inc. erschienen ist.

      b Die fünf Mitglieder des Herausgeberkomitees, die in Russells Testament namentlich genannt wurden, waren William E. Page, William E. Van Amburgh, Henry Clay Rockwell, E. W. Brenneisen und F. H. Robison. Außerdem wurden weitere genannt, die dafür in Frage kämen, freigewordene Stellen auszufüllen — A. E. Burgess, Robert Hirsh, Isaac Hoskins, G. H. Fisher, J. F. Rutherford und John Edgar. Page und Brenneisen verzichteten allerdings gleich — Page, weil er seinen Wohnsitz nicht nach Brooklyn verlegen konnte, und Brenneisen (die Schreibweise wurde später in Brenisen umgeändert), weil er eine weltliche Arbeit annehmen mußte, um seine Familie zu ernähren. Rutherford und Hirsh, deren Namen im Wacht-Turm vom Februar 1917 aufgeführt wurden, ersetzten sie als Mitglieder des Herausgeberkomitees.

      c Nach den Statuten der Watch Tower Society sollte der Vorstand aus sieben Mitgliedern bestehen. Falls eines von ihnen starb, sahen die Statuten vor, daß die überlebenden Vorstandsmitglieder bestimmten, wer die Lücke ausfüllen sollte. Deshalb kam der Vorstand zwei Tage nach Russells Tod zusammen und wählte A. N. Pierson zum Mitglied. Damals waren die sieben Mitglieder des Vorstands A. I. Ritchie, W. E. Van Amburgh, H. C. Rockwell, J. D. Wright, I. F. Hoskins, A. N. Pierson und J. F. Rutherford. Der siebenköpfige Vorstand wählte dann den aus drei Männern bestehenden geschäftsführenden Ausschuß.

      d Auf der Jahresversammlung am 5. Januar 1918 erhielten folgende sieben Männer die meisten Stimmen: J. F. Rutherford, C. H. Anderson, W. E. Van Amburgh, A. H. Macmillan, W. E. Spill, J. A. Bohnet und G. H. Fisher. Aus dieser Gruppe von sieben Vorstandsmitgliedern wurde J. F. Rutherford zum Präsidenten gewählt, C. H. Anderson zum Vizepräsidenten und W. E. Van Amburgh zum Schriftführer und Schatzmeister.

      e Es folgten zwei weitere Traktate mit einer deutlichen Sprache. Die Königreichs-Nachrichten Nr. 2 (engl.) vom 15. April 1918 mit dem Titel „ ‚Das vollendete Geheimnis‘, weshalb unterdrückt“ enthielten eine noch härtere Botschaft. Im Mai 1918 erschienen die Königreichs-Nachrichten Nr. 3 (engl.) mit der bedeutungsvollen Überschrift „Zwei große Schlachten toben — Sturz der Autokratie gewiß“.

      f Zuvor waren Ausgaben des englischen Wacht-Turms mitunter zusammen erschienen, aber von 1914 bis 1918 war das nicht der Fall.

      [Herausgestellter Text auf Seite 68]

      Rutherford bat die Gegner, das Bethel zu verlassen

      [Kasten auf Seite 62]

      „Einige von uns [waren] wohl etwas voreilig“

      Als der Oktober 1914 näher kam, erwarteten eine Reihe Bibelforscher, daß sie als geistgesalbte Christen am Ende der Zeiten der Nationen ihren himmlischen Lohn empfangen würden. Das zeigt ein Vorfall auf einem Kongreß der Bibelforscher in Saratoga Springs (New York), der vom 27. bis 30. September 1914 stattfand. A. H. Macmillan, der sich 14 Jahre vorher hatte taufen lassen, hielt am Mittwoch, den 30. September einen Vortrag. Darin sagte er: „Wahrscheinlich halte ich heute meinen letzten öffentlichen Vortrag, denn wir werden bald [in den Himmel] heimgehen.“

      Doch zwei Tage später (am Freitag, den 2. Oktober) mußte Macmillan in Brooklyn, wo die Kongreßbesucher erneut zusammenkommen sollten, leichte Spötteleien über sich ergehen lassen. C. T. Russell verkündete von seinem Platz am Kopfende des Tisches: „Wir werden das Programm für Sonntag [den 4. Oktober] etwas abändern. Bruder Macmillan wird uns am Sonntag um 10.30 Uhr eine Ansprache halten.“ Wie reagierten die anderen? Macmillan schrieb später: „Alle lachten herzhaft, denn sie erinnerten sich an das, was ich am Mittwoch in Saratoga Springs — in meinem ‚letzten öffentlichen Vortrag‘ — gesagt hatte.“

      Macmillan berichtete weiter: „Nun mußte ich in aller Eile etwas suchen, worüber ich sprechen konnte. Ich stieß auf Psalm 74:9: ‚Unsere Zeichen sehen wir nicht; kein Prophet ist mehr da, und keiner bei uns, welcher weiß, bis wann.‘ Das war nun etwas anderes. In dieser Ansprache versuchte ich den Brüdern klarzumachen, daß einige von uns wohl etwas voreilig gewesen waren, als wir dachten, wir kämen sogleich in den Himmel, und daß wir im Dienst des Herrn tätig bleiben müßten, bis er bestimme, wann irgendwelche seiner anerkannten Diener in den Himmel genommen würden.“

      [Kasten auf Seite 67]

      J. F. Rutherfords Werdegang

      Joseph Franklin Rutherford kam am 8. November 1869 auf einer Farm in der Morgan County (Missouri, USA) zur Welt. Seine Eltern waren Baptisten. Als Joseph mit 16 Jahren ein College besuchen wollte, willigte sein Vater unter der Bedingung ein, daß Joseph sein Studium selbst finanzierte und eine Hilfskraft bezahlte, die seinen Platz auf der Farm einnehmen würde. Joseph, ein entschlossener junger Mann, lieh sich von einem Freund Geld und schaffte es, das College zu besuchen und Jura zu studieren.

      Nach abgeschlossener akademischer Ausbildung arbeitete Rutherford zwei Jahre unter der Aufsicht von Richter E. L. Edwards. Mit 20 Jahren wurde er offiziell als Protokollführer für die Gerichte des Vierzehnten Gerichtsbezirks in Missouri eingesetzt. Am 5. Mai 1892 wurde er in Missouri als Anwalt zugelassen. Später war Rutherford vier Jahre lang Staatsanwalt in Boonville (Missouri). Noch später diente er gelegentlich vertretungsweise als Richter am Gericht des Achten Gerichtsbezirks von Missouri. Deshalb wurde er als „Richter“ Rutherford bekannt.

      Als Hilfe für die Finanzierung seines Studiums verkaufte Rutherford interessanterweise von Haus zu Haus Enzyklopädien. Das war kein leichter Job — oft wurde er schroff abgewiesen. Als er Farmen besuchte, fiel er einmal in einen Fluß mit eiskaltem Wasser und wäre beinahe gestorben. Er schwor sich, daß, wenn er Anwalt würde und je ein Bücherverkäufer in sein Büro käme, er ihm Bücher abkaufen würde. Seinem Versprechen getreu, nahm er von zwei Kolporteurinnen, die Anfang 1894 in seinem Büro erschienen, drei Bände der Serie „Millennium-Tagesanbruch“ entgegen. Einige Wochen später las er die Bücher und schrieb der Watch Tower Society prompt einen Brief, in dem es hieß: „Meine liebe Frau und ich selbst haben diese Bücher mit dem lebhaftesten Interesse gelesen, und wir betrachten es als ein Geschenk des Himmels und einen großen Segen, daß wir die Gelegenheit empfingen, damit in Berührung zu kommen.“ Joseph F. Rutherford ließ sich 1906 taufen, und im Jahr darauf wurde er Rechtsberater der Watch Tower Society.

      [Kasten/Bild auf Seite 69]

      „Keine Menschen auf Erden, die mehr begünstigt ... sind“

      Am 21. Juni 1918 wurden J. F. Rutherford und mehrere seiner vertrauten Mitarbeiter zu einer 20jährigen Freiheitsstrafe verurteilt, nachdem man sie zu Unrecht der Verschwörung beschuldigt hatte. Wie war ihnen zumute? In einer handschriftlichen Notiz vom 22./23. Juni (siehe unten) schrieb Bruder Rutherford im Gefängnis in Brooklyn (New York), Raymond Street: „Es gibt heute vermutlich keine Menschen auf Erden, die mehr begünstigt und glücklicher sind als die sieben Brüder, die sich nun im Gefängnis befinden. Sie wissen, daß sie keines vorsätzlichen Vergehens schuldig sind, und frohlocken, daß sie mit Christus leiden, weil sie ihm loyal dienen.“

      [Kasten auf Seite 70]

      Opfer einer von Geistlichen angezettelten Verfolgung

      Mitte 1918 saßen J. F. Rutherford und sieben seiner Gefährten im Gefängnis — Opfer der von Geistlichen angezettelten Gegnerschaft. Doch diese acht Männer waren nicht die einzige Zielscheibe des Hasses. Zuvor war hauptsächlich C. T. Russell das Angriffsziel der Geistlichkeit und der Presse gewesen. Nun waren die Bibelforscher an sich die Opfer. „Das Goldene Zeitalter“ (heute „Erwachet!“) vom 29. September 1920 (engl.) brachte einen anschaulichen, eingehenden Bericht über die bösartige Verfolgung in den Vereinigten Staaten. Er las sich wie eine Schilderung aus der Zeit der Inquisition.g Es folgen Auszüge daraus:

      „Am 22. April 1918 wurde in Wynnewood (Oklahoma) Claud Watson zuerst eingesperrt und darauf vorsätzlich einer wütenden Menge ausgeliefert, die aus Predigern, Geschäftsleuten und einigen anderen bestand. Man schlug ihn nieder, veranlaßte einen Neger, ihn auszupeitschen und, als er zu sich kam, ihn von neuem auszupeitschen. Dann überschüttete man ihn von Kopf bis Fuß mit Teer und Federn, wobei man ihm den Teer in die Haare und in die Kopfhaut rieb.“

      „Am 29. April 1918 wurden in Walnut Ridge (Arkansas) der 61jährige W. B. Duncan, Edward French, Charles Franke, ein Herr Griffin und Frau D. Van Hoesen eingesperrt. In das Gefängnis brach eine aufgebrachte Menge ein, die sehr schmutzige, obszöne Ausdrücke benutzte und die Insassen mit Peitschen schlug, teerte, federte und aus dem Ort hinaustrieb. Duncan war gezwungen, 42 Kilometer bis nach Hause zu Fuß zu gehen, und erholte sich kaum wieder. Griffin erblindete und starb einige Monate später als Folge der Mißhandlungen.“

      „Am 30. April 1918 ... in Minerva (Ohio) sperrte man S. H. Griffin zuerst ein und lieferte ihn dann dem Pöbel aus, worauf ihm der Pfarrer eine viertelstündige Strafpredigt hielt. Darauf wurde er wiederholt geschlagen, mit Flüchen bedacht, getreten, man trampelte auf ihm herum, drohte ihm mit Erhängen und Ertränken, trieb ihn aus dem Ort hinaus, spuckte ihn an, stellte ihm wiederholt ein Bein, stach ihn immer wieder mit einem Schirm, hinderte ihn, ein Verkehrsmittel zu benutzen, und verfolgte ihn acht Kilometer weit bis nach Malvern (Ohio), wo man ihn von neuem verhaftete. In Carrollton wurde er in Schutzgewahrsam genommen und schließlich von tapferen, gewissenhaften Beamten heimgebracht, die, nachdem sie seine Schriften durchgesehen hatten, dem Sinne nach sagten: ‚Wir finden keine Schuld an diesem Menschen.‘ “

      [Fußnote]

      g Seite 712—717.

      [Bilder auf Seite 64]

      Am 31. Oktober 1916 starb der 64jährige Charles Taze Russell in einem Zug in Pampa (Texas); viele Zeitungen berichteten von der Beerdigung

      [Bild auf Seite 66]

      J. F. Rutherford war eine imposante Erscheinung; er war 1,88 Meter groß und wog ungefähr 102 Kilo

      [Bild auf Seite 69]

      Gefängnis in der Raymond Street in Brooklyn (New York), wo Bruder Rutherford und mehrere seiner vertrauten Mitarbeiter direkt nach ihrer Verurteilung sieben Tage festgehalten wurden

      [Bild auf Seite 71]

      Thomas (Bud) Sullivan besuchte 1918 das Hauptbüro und diente später in der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas

  • Verkündet den König und das Königreich! (1919—1941)
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 7

      Verkündet den König und das Königreich! (1919—1941)

      „Glaubt ihr, daß der König der Herrlichkeit seine Herrschaft begonnen hat? Dann zurück in das Feld, o ihr Söhne des höchsten Gottes! Umgürtet euch mit eurer Waffenrüstung! Seid besonnen, seid wachsam, seid tätig, seid tapfer! Seid treue und glaubensstarke Zeugen für den Herrn! Geht vorwärts in dem Kampfe, bis jede Spur Babylons wüst und öde gemacht ist! Verkündet die Botschaft weit und breit! Die Welt muß wissen, daß Jehova Gott ist und daß Jesus Christus König der Könige und Herr der Herren ist! Dies ist der Tag aller Tage. Seht, der König regiert! Ihr seid seine öffentlichen Verkündiger. Deshalb verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich.“

      DIESER dramatische Aufruf zur Tätigkeit, den J. F. Rutherford 1922 auf dem internationalen Kongreß in Cedar Point (Ohio) ergehen ließ, hatte einen nachhaltigen Einfluß auf die Anwesenden. Die Bibelforscher gingen von diesem Kongreß mit dem brennenden Wunsch nach Hause, das Königreich zu verkünden. Doch nur wenige Jahre zuvor waren die Aussichten, öffentlich als Verkündiger des Königreiches zu dienen, düster gewesen. J. F. Rutherford und sieben seiner Gefährten waren im Gefängnis, und ihre künftige Rolle in der Organisation war ungewiß. Wie wurden diese Schwierigkeiten überwunden?

      „Ich [weiß] etwas vom Gesetz der Loyalität“

      Während Bruder Rutherford und seine Gefährten hinter Gittern saßen, war für die Zeit vom 2. bis 5. Januar 1919 in Pittsburgh (Pennsylvanien) ein Kongreß geplant. Aber es war kein Kongreß wie alle anderen — er wurde mit der Jahresversammlung der Watch Tower Society verbunden, die am Samstag, den 4. Januar 1919 stattfinden sollte. Bruder Rutherford war sich über die Wichtigkeit dieser Sitzung völlig im klaren. Am Samstagnachmittag suchte er Bruder Macmillan und fand ihn auf dem Tennisplatz des Gefängnisses. Nach Aussagen Macmillans spielte sich folgendes ab:

      „Rutherford sagte: ‚Mac, ich möchte mit dir reden.‘

      ‚Worüber willst du mit mir reden?‘

      ‚Ich möchte mich mit dir darüber unterhalten, was in Pittsburgh los ist.‘

      ‚Ich möchte lieber erst dieses Turnier hier zu Ende spielen.‘

      ‚Interessierst du dich denn gar nicht für das, was dort los ist? Weißt du nicht, daß heute die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder gewählt werden? Man könnte dich übergehen und fallenlassen, und dann bleiben wir hier für immer.‘

      ‚Bruder Rutherford‘, erwiderte ich, ‚ich will dir etwas sagen, woran du vielleicht nicht gedacht hast. Dies ist das erste Mal, seitdem die Gesellschaft gesetzlich eingetragen ist, daß deutlich werden kann, wen Jehova Gott als Präsidenten haben möchte.‘

      ‚Was meinst du damit?‘

      ‚Damit meine ich, daß Bruder Russell die Stimmenmehrheit hatte und die verschiedenen geschäftsführenden Vorstandsmitglieder ernannte. Jetzt, da wir scheinbar nichts mehr ausrichten können, ist die Sache anders. Wenn wir jedoch früh genug herauskämen, um bei dem Kongreß an der Sitzung teilzunehmen, würden wir dort ankommen und Bruder Russells Platz mit derselben Ehre, die er empfing, einnehmen. Dann könnte es so aussehen, als wäre es nicht das Werk Gottes, sondern das eines Menschen.‘

      Rutherford schaute nur nachdenklich und ging weg.“

      An jenem Tag war in Pittsburgh eine aufregende Sitzung im Gange. „Eine Zeitlang herrschten Verwirrung und Uneinigkeit, und es wurde lebhaft debattiert“, erinnerte sich Sara C. Kaelin, die in der Pittsburgher Gegend aufgewachsen war. „Einige wollten die Sitzung um sechs Monate verschieben; andere meinten, es sei nicht legal, Männer zu wählen, die im Gefängnis säßen; wieder andere schlugen ganz neue geschäftsführende Vorstandsmitglieder vor.“

      Nachdem man lange debattiert hatte, las W. F. Hudgings, der zum Vorstand der Peoples Pulpit Association (Volkskanzel-Vereinigung)a gehörte, der Zuhörerschaft einen Brief von Bruder Rutherford vor. Darin sandte er herzliche Grüße an die Anwesenden. „Satans hauptsächliche Waffen sind STOLZ, EHRGEIZ und FURCHT“, schrieb er warnend. Als Ausdruck seines Wunsches, sich dem Willen Jehovas zu fügen, schlug er sogar demütig geeignete Männer vor für den Fall, daß die Anteilseigner beschließen sollten, neue geschäftsführende Vorstandsmitglieder für die Gesellschaft zu wählen.

      Die Debatte setzte sich noch eine Weile fort, und dann ergriff E. D. Sexton, der als Vorsitzender eines Ernennungskomitees berufen worden war, das Wort:

      „Ich bin gerade angekommen. Mein Zug hatte wegen der schweren Schneefälle achtundvierzig Stunden Verspätung. Ich habe etwas zu sagen, und mir ist leichter, wenn ich es gleich sage. Meine lieben Brüder, wie die meisten unter euch habe auch ich mir Gedanken über das Für und Wider gemacht. ... Rechtlich steht nichts im Weg. Wenn wir unsere Brüder im Süden in irgendein Amt, das sie bekleiden können, wiederwählen möchten, so kann ich in keiner Weise erkennen — auch nicht nachdem ich mich [rechtlich] habe beraten lassen —, wie das die Lage ihres Falls vor dem Bundesgericht oder vor der Öffentlichkeit beeinträchtigen sollte.

      Ich glaube, das größte Kompliment, das wir unserem lieben Bruder Rutherford machen können, besteht darin, ihn als Präsidenten der W[atch] T[ower] B[ible] & T[ract] Society wiederzuwählen. Ich denke nicht, daß in der Öffentlichkeit Unklarheiten über unseren Standpunkt in dieser Angelegenheit bestehen. Sollten unsere Brüder auf irgendeine Weise formell gegen ein Gesetz verstoßen haben, das sie nicht verstanden, so wissen wir doch, daß ihre Beweggründe gut waren. Und vor dem Allmächtigen haben sie sich weder gegen sein Gesetz noch gegen ein menschliches Gesetz vergangen. Wir können ihnen das größte Vertrauen dadurch bezeugen, daß wir Bruder Rutherford als Präsidenten der Vereinigung wiederwählen.

      Ich bin kein Rechtsgelehrter, aber wenn es um die Legalität der Angelegenheit geht, so weiß ich etwas vom Gesetz der Loyalität. Loyalität ist das, was Gott verlangt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir unser Vertrauen besser bekunden könnten als durch eine Wahl, BEI DER WIR BRUDER RUTHERFORD ALS PRÄSIDENTEN WIEDERWÄHLEN.“

      Bruder Sexton gab offenbar die Empfindungen der meisten Anwesenden wieder. Es wurden Kandidaten aufgestellt, eine Abstimmung fand statt, und J. F. Rutherford wurde zum Präsidenten gewählt, C. A. Wise zum Vizepräsidenten und W. E. Van Amburgh zum Schriftführer und Schatzmeister.

      Am nächsten Tag klopfte Bruder Rutherford an die Wand von Macmillans Zelle und sagte: „Streck deine Hand aus.“ Darauf überreichte er Macmillan ein Telegramm, in dem stand, daß Rutherford zum Präsidenten wiedergewählt worden war. „Er war sehr glücklich“, erzählte Macmillan später, „die Gewißheit vor Augen zu haben, daß Jehova die Gesellschaft leitet.“

      Die Wahl war vorbei, aber Bruder Rutherford und die sieben anderen waren immer noch im Gefängnis.

      „Eine landesweite Agitation“ zugunsten der Gefangenen

      „Während der vergangenen wenigen Wochen ist eine landesweite Agitation zugunsten dieser Brüder in Szene gesetzt worden“, hieß es im Wacht-Turm vom Juni 1919 (engl.: 1. April). Einige Zeitungen verlangten die Freilassung J. F. Rutherfords und seiner Gefährten. Überall in den Vereinigten Staaten bekundeten die Bibelforscher ihre Unterstützung, indem sie an Zeitungsredakteure, Kongreßabgeordnete, Senatoren und Gouverneure Briefe schrieben, in denen sie sie dringend baten, sich für die acht Gefangenen einzusetzen. Selbstverständlich würden die Bibelforscher nicht eher ruhen, bis ihre acht Brüder frei wären.

      Im März 1919 war in den Vereinigten Staaten eine Petition in Umlauf, in der die Bibelforscher Präsident Woodrow Wilson baten, seinen Einfluß geltend zu machen, um für die inhaftierten Brüder folgendes zu erreichen:

      „ERSTENS: völlige Begnadigung, sofern das derzeit möglich ist, ODER

      ZWEITENS: eine Anordnung an das Justizministerium, das Strafverfahren gegen sie einzustellen und sie freizulassen, ODER

      DRITTENS: sofortige Entlassung aus der Haft gegen eine Kaution bis zur Fällung eines Endurteils durch eine höhere Instanz.“

      Innerhalb von zwei Wochen sammelten die Bibelforscher 700 000 Unterschriften. Die Petition wurde dem Präsidenten beziehungsweise der Regierung allerdings nie vorgelegt. Warum nicht? Weil die acht Männer, ehe es dazu kam, gegen eine Kaution freigelassen wurden. Was wurde dennoch durch die Petition erreicht? Der Wacht-Turm vom 1. Juli 1919 (engl.) schrieb: „Die Beweise sind überwältigend, daß der Herr dieses Werk getan haben wollte, nicht so sehr, um die Brüder aus dem Gefängnis freizubekommen, sondern damit ein Zeugnis für die Wahrheit abgelegt werde.“

      „Willkommen zu Hause, Brüder!“

      Am Dienstag, den 25. März verließen die acht Brüder Atlanta in Richtung Brooklyn. Die Nachricht von ihrer Freilassung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es kam zu rührenden Szenen — Bibelforscher versammelten sich an Bahnhöfen entlang der Strecke in der Hoffnung, sie zu sehen und ihre Freude über die Freilassung zum Ausdruck zu bringen. Andere eilten zu dem geschlossenen Bethelheim in Brooklyn, um zur Begrüßung ein Festessen vorzubereiten. Nach der Ankunft in Brooklyn am 26. März wurden die Brüder gegen eine Kaution von je 10 000 Dollar auf freien Fuß gesetzt.

      „Unmittelbar darnach wurden die Brüder von einer Anzahl Freunde zum Bethel-Heime begleitet, wo sich fünf- bis sechshundert Freunde versammelt hatten, um sie zu begrüßen“, berichtete Der Wacht-Turm von Juli/August 1919. Im Speisesaal war auf einem großen Spruchband zu lesen: „Willkommen zu Hause, Brüder!“ Fast 50 Jahre später erzählte Mabel Haslett, die bei dem Begrüßungsessen dabei war: „Ich kann mich erinnern, daß ich hundert Krapfen gebacken hatte, die den Brüdern nach neun Monaten Gefängniskost anscheinend schmeckten. Ich sehe noch vor mir, wie Bruder Rutherford zulangte. Wir werden nie vergessen, wie er und die anderen ihre Erlebnisse erzählten. Ich weiß auch noch, wie der kleingewachsene Bruder DeCecca sich auf einen Stuhl stellte, damit ihn alle sehen und hören konnten.“

      Am Dienstag, den 1. April traf Bruder Rutherford vormittags in Pittsburgh ein, wo sich nun das Hauptbüro befand. Auch hier hatten die Brüder, als sie von seiner baldigen Ankunft erfuhren, ein Festessen geplant, das am Abend im Hotel Chatham stattfand. Die Zustände im Gefängnis hatten jedoch an Bruder Rutherfords Gesundheit gezehrt. Er hatte sich ein Lungenleiden zugezogen, das an seinen Kräften zehrte, und bekam deswegen nach seiner Freilassung eine schwere Lungenentzündung. Daher mußte er kurze Zeit später wegen seiner angegriffenen Gesundheit nach Kalifornien gehen, wo er Verwandte hatte.

      Der Test in Los Angeles

      Jetzt, wo Bruder Rutherford und die anderen frei waren, erhob sich die Frage: Was soll im Werk der Verkündigung des Königreiches Gottes getan werden? Während der Zeit, als die Brüder im Gefängnis waren, war die organisatorische Aufsicht über die Zeugnistätigkeit erlahmt. Man hatte das „Brooklyn Tabernacle“ verkauft und das Bethelheim geschlossen. Im Hauptbüro in Pittsburgh war der Platz beengt, und die Geldmittel waren begrenzt. Abgesehen davon war es ungewiß, wieviel Interesse überhaupt an der Königreichsbotschaft bestand. Bruder Rutherford beschloß, in Kalifornien einen Test durchzuführen.

      Für Sonntag, den 4. Mai 1919, wurde eine Veranstaltung in Clune’s Auditorium in Los Angeles angesetzt. Das Thema des Vortrags, zu dem die Öffentlichkeit eingeladen war, lautete: „Die Hoffnung für die bedrängte Menschheit“. Doch die Ansprache sollte von J. F. Rutherford gehalten werden — ein Mann, der gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden war. In zahlreichen Zeitungsanzeigen versprach Rutherford, die Fakten offenzulegen und zu erklären, warum die Geschäftsführung der Gesellschaft widerrechtlich verurteilt worden war. Würden die Leute überhaupt so viel Interesse haben zu kommen?

      Der Andrang war gewaltig. 3 500 Personen hörten sich den Vortrag an, und etwa 600 konnten nicht mehr eingelassen werden. Bruder Rutherford war überglücklich. Er erklärte sich bereit, am Montagabend zu den übrigen zu sprechen, und es erschienen 1 500 Personen. Er war allerdings so krank, daß er den Vortrag nicht zu Ende halten konnte. Nach einer Stunde mußte er von einem Mitarbeiter abgelöst werden. Dennoch war der Test in Los Angeles ein Erfolg. Bruder Rutherford war überzeugt, daß beträchtliches Interesse an der Königreichsbotschaft bestand, und er war entschlossen, dafür zu sorgen, daß sie verkündigt wurde.

      Voran mit dem Werk!

      Im Juli 1919 war Bruder Rutherford im Hauptbüro in Pittsburgh wieder an der Arbeit. In den nächsten paar Monaten überschlugen sich die Ereignisse. Es wurde ein Kongreß der Bibelforscher für die Zeit vom 1. bis 8. September 1919 in Cedar Point (Ohio) geplant. Das Büro der Gesellschaft wurde nach Brooklyn zurückverlegt und nahm dort am 1. Oktober seine Tätigkeit auf.

      Was war jetzt zu tun? Das wurde auf dem Kongreß in Cedar Point deutlich hervorgehoben. Am Dienstag, den 2. September erklärte Bruder Rutherford: „Der Auftrag eines Christen auf Erden ... ist, die Botschaft zu verkündigen von des Herrn Königreich der Gerechtigkeit, das der gesamten seufzenden Schöpfung Segnungen bringen wird.“ Drei Tage später, am Freitag, den 5. September, dem sogenannten „Mitarbeiter-Tag“, führte Bruder Rutherford weiter aus: „In besinnlichen Momenten fragt sich ein Christ natürlich: Wozu bin ich auf der Erde? Die Antwort muß notwendigerweise sein: Der Herr hat mich aus Gnaden zu seinem Gesandten gemacht, um der Welt die göttliche Botschaft von der Versöhnung zu bringen, und es ist mein Vorrecht und meine Pflicht, diese Botschaft zu verkünden.“

      Ja, es war Zeit, das Werk der Verkündigung des Königreiches Gottes voranzutreiben! Und als Hilfe, um diesen Auftrag auszuführen, kündigte Bruder Rutherford an: „Wir [haben] unter des Herrn Führung die Veröffentlichung einer neuen Zeitschrift unter dem Namen und Titel DAS GOLDENE ZEITALTER angeordnet.“ Die Kongreßbesucher ahnten nicht, was für mutige Botschaften Das Goldene Zeitalter enthalten würde.

      „Dieser erste Nachkriegskongreß gab uns allen großen Auftrieb“, erinnerte sich Herman L. Philbrick, der von seinem Zuhause in Boston (Massachusetts) zu dem Kongreß gereist war. Der Kongreß in Cedar Point spornte die Bibelforscher bestimmt zur Tat an. Sie waren bereit, das Werk der Verkündigung der guten Botschaft voranzutreiben. Es war, als wären sie von den Toten zum Leben zurückgekehrt. (Vergleiche Hesekiel 37:1-14; Offenbarung 11:11, 12.)

      Unterdessen trugen sich auf der Weltbühne bedeutsame Ereignisse zu. Der Versailler Vertrag wurde am 28. Juni 1919 unterzeichnet und trat am 10. Januar 1920 in Kraft. Der Vertrag beendete offiziell die militärischen Handlungen gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg und sah die Gründung des Völkerbundes vor — ein internationaler Zusammenschluß zur Erhaltung des Weltfriedens.

      „Verkündet den König und das Königreich“

      Im Jahre 1922 gingen die Bibelforscher erneut nach Cedar Point, wo ein neuntägiges Programm stattfinden sollte — vom 5. bis 13. September. Unter den Delegierten, die zu diesem internationalen Kongreß kamen, herrschte gespannte Erwartung. Der Höhepunkt des Kongresses wurde am Freitag, den 8. September erreicht, als Bruder Rutherford die Ansprache „Das Königreich“ hielt.

      Thomas J. Sullivan erzählte später: „Wer bei dieser Zusammenkunft damals mit dabeisein durfte, sieht immer noch Bruder Rutherford vor sich, wie er den paar Unruhigen, die wegen der großen Hitze umherliefen, ernstlich riet, sich ‚HINZUSETZEN‘ und der Ansprache auf jeden Fall ‚ZUZUHÖREN‘.“ Wer das tat, wurde nicht enttäuscht, denn es handelte sich um den historischen Vortrag, in dem Bruder Rutherford seine Zuhörer aufforderte, den König und das Königreich zu verkünden.

      Die Zuhörerschaft zeigte große Begeisterung. Der Wacht-Turm berichtete: „Ein jeder der Anwesenden war gründlich durchdrungen von der Tatsache, daß einem jeden der Geweihten von dieser Zeit an die Verpflichtung auferlegt ist, als öffentlicher Verkündiger für den König und das Königreich tätig zu sein.“ Die Bibelforscher gingen von diesem Kongreß mit einem glühenden Eifer für das Predigtwerk nach Hause. Schwester Ethel Bennecoff, eine Kolporteurin, die damals Ende Zwanzig war, sagte: „Wir waren wachgerüttelt worden durch die Worte: ‚Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich‘, und das wollten wir mit größerem Eifer und mehr Liebe in unserem Herzen als je zuvor tun.“

      Während das geistige Licht des Verständnisses heller wurde, begannen die Bibelforscher, begeisternde biblische Wahrheiten zu erkennen (Spr. 4:18). Das Verständnis dieser kostbaren Wahrheiten verlieh ihrem Werk der Verkündigung des Königreiches Gottes starken Auftrieb. Gleichzeitig mußten sie ihre Ansichten berichtigen — und für einige war das eine echte Prüfung.

      „Unerfüllte Hoffnungen [kennzeichnen] nicht nur unsere Zeit“

      In der Broschüre Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben hieß es 1920: „Daher können wir vertrauensvoll erwarten, daß mit 1925 die Rückkehr Abrahams, Isaaks, Jakobs und der glaubenstreuen Propheten des alten Bundes [von den Toten] eintreten wird ... zu dem Zustande menschlicher Vollkommenheit.“ Man erwartete 1925 nicht nur die Auferstehung treuer Männer aus alter Zeit, sondern manch einer hoffte, daß gesalbte Christen in jenem Jahr ihren himmlischen Lohn erhalten würden.b

      Das Jahr 1925 kam und ging. Einige ließen ihre Hoffnung fahren. Aber die große Mehrheit der Bibelforscher blieb treu. Herald Toutjian, dessen Großeltern um die Jahrhundertwende Bibelforscher geworden waren, erklärte: „Unsere Familie erkannte schließlich, daß unerfüllte Hoffnungen nicht nur unsere Zeit kennzeichnen. Auch die Apostel hatten ähnliche unangebrachte Erwartungen gehegt. ... Jehova [ist] unseres loyalen Dienstes und unseres Lobpreises würdig ..., ob wir belohnt werden oder nicht.“ (Vergleiche Apostelgeschichte 1:6, 7.)

      Jehovas oder Satans Organisation?

      „Die Geburt der Nation“ — so lautete die Überschrift eines aufsehenerregenden Artikels in der Ausgabe des Wacht-Turms vom 15. April 1925. Er vermittelte ein fortgeschrittenes Verständnis von Offenbarung, Kapitel 12, das einige nur schwer akzeptieren konnten.

      Die symbolischen Figuren aus diesem Kapitel der Offenbarung wurden wie folgt erklärt: das gebärende „Weib“ (V. 1, 2) als „Gottes [himmlische] Organisation“, der „Drache“ (V. 3) als „die Organisation des Teufels“ und der „männliche Sohn“ (V. 5, Elberfelder Bibel [EB]) als „das neue Königreich, die neue Regierung“. Auf dieser Grundlage wurde folgendes zum erstenmal deutlich erklärt: Es gibt zwei verschiedenartige, gegensätzliche Organisationen — die Organisation Jehovas und die Satans. Und nach dem „Kampf in dem Himmel“ (V. 7, EB) wurden Satan und seine Unterstützer, die Dämonen, aus dem Himmel verstoßen und zur Erde hinabgeschleudert.

      „Wir setzten uns hin und studierten bis tief in die Nacht hinein, bis ich es richtig verstand“, schrieb Earl E. Newell, der später als reisender Beauftragter der Watch Tower Society diente. „Wir gingen zu einem Kongreß in Portland (Oregon), und dort fanden wir die Freunde ganz aufgeregt vor; einige waren drauf und dran, sich wegen dieses Artikels vom Wacht-Turm zu distanzieren.“ Warum konnten manche diese Erklärung von Offenbarung, Kapitel 12 nur schwer akzeptieren?

      Sie wich auffallend von dem ab, was im Vollendeten Geheimnis veröffentlicht worden war, das größtenteils eine postume Zusammenstellung dessen war, was Bruder Russell geschrieben hatte.c Walter J. Thorn, der als Pilgerbruder diente, erklärte: „Der Artikel über die ‚Geburt der Nation‘ war ... schwer zu begreifen wegen einer früheren Auslegung des lieben Bruders Russell, von der wir glaubten, daß damit das letzte Wort über die Offenbarung gesprochen war.“ Kein Wunder also, daß einige über die Erklärung stolperten. „Zweifellos könnte sich diese Auslegung als Mittel der Sichtung erweisen“, meinte J. A. Bohnet, ein anderer Pilgerbruder, „aber die wirklich Ehrlichen und Aufrichtigen im Glauben werden feststehen und sich freuen.“

      Ja, die wirklich Ehrlichen und Aufrichtigen freuten sich über die neue Erklärung. Jetzt war für sie ganz klar: Jeder gehört entweder zu der Organisation Jehovas oder zu der Satans. In dem Artikel „Die Geburt der Nation“ hieß es: „Denkt daran, daß es unser Vorrecht sein wird, ... tapfer für die Sache unseres Königs zu kämpfen durch die Verkündigung seiner Botschaft, welche er uns gegeben hat.“

      Im weiteren Verlauf der 20er Jahre und in den 30er Jahren folgten mehr Lichtstrahlen biblischen Verständnisses. Weltliche Feste und Feiertage, wie zum Beispiel Weihnachten, wurden nicht mehr begangen. Auch wurden andere Bräuche und Glaubensansichten abgelegt, als man erkannte, daß sie gottentehrende Wurzeln hatten.d Doch die Bibelforscher gaben nicht nur verkehrte Bräuche und Glaubensansichten auf, sondern blickten auch zu Jehova auf, um von ihm fortschreitende Offenbarungen der Wahrheit zu erhalten.

      „Ihr seid meine Zeugen“

      „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚und ich bin Gott‘ “ (Jes. 43:12). Beginnend mit den 20er Jahren, wurden sich die Bibelforscher zunehmend der tiefen Bedeutung dieser Worte des Propheten Jesaja bewußt. Durch den Wacht-Turm wurde wiederholt die Aufmerksamkeit auf die Verantwortung gelenkt, für Jehovas Namen und sein Königreich Zeugnis abzulegen. Ein Meilenstein war jedoch ein Kongreß, der 1931 in Columbus (Ohio) abgehalten wurde.

      Am Sonntag, den 26. Juli hielt Bruder Rutherford mittags den öffentlichen Vortrag „Das Königreich — die Hoffnung der Welt“, der in einer riesigen Gemeinschaftssendung des Rundfunks ausgestrahlt und von mehr als 300 weiteren Stationen zu einem späteren Zeitpunkt gesendet wurde. Am Ende des Vortrags richtete Bruder Rutherford ernste Worte an die Christenheit, indem er eine scharfe Resolution mit dem Thema „Warnung von Jehova“ verlas, die sich „an die Herrscher und an das Volk“ wandte. Als er dazu aufforderte, die Resolution anzunehmen, erhoben sich alle Besucher und riefen: „Ja!“ Telegramme, die später eingingen, zeigten, daß viele Rundfunkhörer ebenfalls laut zugestimmt hatten.

      Von 13 Uhr, als der öffentliche Vortrag zu Ende war, bis 16 Uhr, als Bruder Rutherford erneut vor das Publikum trat, war die Atmosphäre spannungsgeladen. Bruder Rutherford hatte ausdrücklich darum gebeten, daß jeder, der die mittags gegebene Warnung an die Christenheit mit echtem Interesse verfolgt habe, um 16 Uhr auf seinem Platz sein möge.

      Pünktlich um 16 Uhr sagte Bruder Rutherford einleitend, er sei davon überzeugt, daß seine Ausführungen für jeden, der seine Stimme hören könne, außerordentlich wichtig seien. Seine Zuhörer saßen wie auf glühenden Kohlen. Während seines Vortrags brachte er eine weitere Resolution ein mit dem Thema „Ein neuer Name“, die in der Erklärung gipfelte: Wir „wünschen, unter folgendem Namen bekannt zu sein und also genannt zu werden: Jehovas Zeugen“. Wieder sprangen die Anwesenden begeistert auf und riefen laut: „Ja!“ Von nun an würden sie als Zeugen Jehovas bekannt sein!

      „Jehovas Geist machte uns furchtlos“

      Im Jahre 1927 wurde Jehovas Volk ermuntert, jeden Sonntag einige Zeit mit dem gruppenweisen Zeugnisgeben zu verbringen. Sofort unternahm man rechtliche Schritte gegen sie. Innerhalb weniger Jahre häufte sich die Zahl der Verhaftungen — 1933 waren es allein in den Vereinigten Staaten 268, 1934 waren es 340, 1935 kam es zu 478 Verhaftungen und 1936 zu 1 149. Was wurde ihnen zur Last gelegt? Man warf ihnen verschiedenes vor, zum Beispiel ohne Lizenz zu verkaufen, den Frieden zu stören und die Gesetze zur Einhaltung der Sonntagsruhe zu verletzen. Die verschiedenen Gruppen von Zeugen Jehovas hatten keine Erfahrung, wie man sich vor Polizeibeamten und vor Gericht verhält. An Ort und Stelle rechtliche Hilfe zu erhalten war entweder zu kostspielig oder nicht möglich, weil man auf Vorurteile stieß. Daher richtete die Watch Tower Society in Brooklyn klugerweise eine Rechtsabteilung mit beratender Funktion ein.

      Eine starke rechtliche Defensive war jedoch nicht genug. Diese aufrichtigen Zeugen Jehovas waren entschlossen, gemäß dem Namen, den sie angenommen hatten, zu leben. So schlugen sie Anfang der 30er Jahre zurück, indem sie zur Offensive übergingen. Wie? Durch besondere Predigteinsätze, die als Divisionsfeldzüge bezeichnet wurden. Tausende von Freiwilligen wurden in den Vereinigten Staaten überall in Divisionen eingeteilt. Wenn Zeugen in einem Ort wegen des Predigens von Haus zu Haus verhaftet wurden, traf bald eine Division von Freiwilligen aus anderen Gegenden ein und „belagerte“ den Ort, indem sie dort gründlich Zeugnis ablegte.e

      Diese Divisionsfeldzüge trugen sehr dazu bei, die Zeugen in den verschiedenen Versammlungen zu stärken. In jeder Division gab es qualifizierte Brüder, die im Umgang mit den Behörden geschult worden waren. Für die Brüder, die in einem Unruheherd, vielleicht in einer kleinen Ortschaft, wohnten, war es eine große Ermunterung, zu wissen, daß sie in der Verkündigung des Königreiches Gottes nicht allein dastanden.

      Es gehörte eine Portion Mut dazu, an den Divisionsfeldzügen der 30er Jahre teilzunehmen. Mitten in der Weltwirtschaftskrise waren die Arbeitsplätze knapp. Doch Nicholas Kovalak jr., rund 40 Jahre reisender Aufseher, erinnert sich: „Wenn der Aufruf erging, einen Unruheherd zu bearbeiten, fragte der ‚Dienstleiter‘ nach Freiwilligen. Wer Angst hatte, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, wurde aufgefordert, sich nicht zu melden. ... Aber wir waren immer glücklich, zu sehen, daß 100 Prozent bereit waren.“ John Dulchinos, ein Aufseher aus Springfield (Massachusetts), sagte: „Das waren aufregende Jahre, und die Erinnerungen daran sind für uns kostbar. Jehovas Geist machte uns furchtlos.“

      Inzwischen wurde ein Lichtstrahl biblischen Verständnisses erkennbar, der auf das Werk eine gewaltige Wirkung haben sollte.

      Die Jonadabe

      Im Jahre 1932 wurde erklärt, daß Jonadab, der Gefährte König Jehus, eine Klasse von Menschen darstelle, die ewiges Leben auf der Erde erhalten würdenf (2. Kö. 10:15-28). Die Jonadabe, wie sie mit der Zeit genannt wurden, betrachteten es als Vorrecht, mit den gesalbten Dienern Jehovas verbunden zu sein und mit ihnen einen Anteil am Verkünden des Königreiches zu haben. Damals wurden allerdings keine besonderen Anstrengungen unternommen, diese Personen, die eine irdische Hoffnung hatten, einzusammeln und zu organisieren.

      Durch den Wachtturm vom 15. September 1934 erhielten die Jonadabe jedoch eine echte Ermunterung. In dem Artikel „Seine Güte“ hieß es: „Sollte sich ein Jonadab dem Herrn weihen und sich taufen lassen? Antwort: Ganz gewiß ist es richtig, daß ein Jonadab sich weihe, den Willen Gottes zu tun. Niemand wird je Leben erlangen, ohne dies zu tun. Die Taufe oder das Untergetauchtwerden im Wasser ist lediglich ein Sinnbild, das anzeigt, daß einer sich Gott geweiht hat [oder hingegeben hat, wie wir heute sagen], seinen Willen zu tun; und daher ist eine Taufe nicht unangebracht.“ Die Jonadabe waren begeistert!

      Es stand ihnen aber eine noch größere Freude bevor. Im darauffolgenden Frühjahr wurde im Wachtturm (engl.), beginnend mit der Ausgabe vom 1. April 1935, mehrmals angekündigt: „Wieder weist Der Wachtturm seine Leser darauf hin, daß vom 30. Mai bis 3. Juni 1935 in Washington (D. C.) ein Kongreß der Zeugen Jehovas und der Jonadabeg stattfinden wird.“ Die Jonadabe sahen dem Kongreß gespannt entgegen.

      Die in Offenbarung 7:9-17 (Lu) vorhergesagte „große Schar“ war Gegenstand einer Ansprache, die Bruder Rutherford am Nachmittag des zweiten Kongreßtages hielt. In diesem Vortrag erklärte er, daß die große Schar aus neuzeitlichen Jonadaben bestehe und daß diese Jonadabe Jehova in dem gleichen Maße treu sein müßten wie die Gesalbten. Die Zuhörer waren ganz aufgeregt! Auf die Bitte des Redners hin erhoben sich die Jonadabe. „Zuerst herrschte Stille“, erzählte Mildred Cobb, die im Sommer 1908 getauft worden war, „und dann gab es Freudenrufe, und der Beifall war laut und anhaltend.“

      Dieser Lichtstrahl biblischen Verständnisses hatte großen Einfluß auf die Tätigkeit der Zeugen Jehovas. „Mit großer Begeisterung“, so Sadie Carpenter (die über 60 Jahre im Vollzeitdienst stand), „gingen wir in unsere Gebiete zurück, um nach diesen schafähnlichen Menschen zu suchen, die noch eingesammelt werden mußten.“ Später wurde im Jahrbuch 1936 der Zeugen Jehovas (engl.) berichtet: „Diese Offenbarung rüttelte die Geschwister wach und spornte sie zu neuer Tätigkeit an, und aus allen Erdteilen wird berichtet, wie man sich darüber freut, daß der Überrest nun das Vorrecht hat, der großen Volksmenge die Botschaft zu bringen, und daß sie gemeinsam zur Ehre des Namens des Herrn tätig sind.“ Um ihnen in diesem Werk zu helfen, brachte das Buch Reichtum, das 1936 erschien, eine eingehende Abhandlung darüber, was die Heilige Schrift der großen Volksmenge in Aussicht stellt.

      Endlich hatten die Gott hingegebenen und getauften Glieder der großen Volksmenge ihren rechten Platz neben den Gesalbten im Verkünden des Königreiches Gottes gefunden!

      „Der alten Dame das Fell gerben“

      In den 30er Jahren enthielt die Botschaft, die diese eifrigen Zeugen verkündigten, eine scharfe Bloßstellung der falschen Religion. Ein Hilfsmittel dafür wurde auf der allgemeinen Hauptversammlung der Zeugen Jehovas freigegeben, die vom 15. bis 20. September 1937 in Columbus (Ohio) stattfand.

      Am Samstag, den 18. September gab Bruder Rutherford nach seiner morgendlichen Ansprache das lohfarbene Buch Feinde frei. Darin wurde die falsche Religion als „gefährlicher Feind“ gebrandmarkt, der „der Menschheit stets Schaden gebracht“ hat. Vertreter der falschen Religion wurden als „Werkzeuge des Teufels“ bezeichnet, „ob sie sich nun dessen bewußt seien oder nicht“. Als Bruder Rutherford den Anwesenden das Buch zeigte, sagte er: „Wie ihr seht, ist sein Einband lohfarben, und wir werden damit der alten Dameh das Fell gerben.“ Auf diese Worte folgte brausender Beifall.

      Einige Jahre hatte das Grammophon eine Rolle dabei gespielt, „der alten Dame das Fell zu gerben“. Damit in Verbindung gab es auf dem Kongreß von 1937 eine Überraschung. „Auf diesem Kongreß wurde uns erklärt, wie wir das tragbare Grammophon vor den Türen verwenden konnten“, erzählt Elwood Lunstrum, der damals erst 12 Jahre alt war. „Wir hatten zwar schon früher das Grammophon mit in den Dienst genommen, hatten es aber nur abspielen lassen, wenn wir hereingebeten wurden. ... Auf dem Kongreß in Columbus wurde eine Organisation von ‚Sonderpionieren‘ umrissen, die in der Verwendung des Grammophons an den Türen und in der Nacharbeit bei interessierten Personen (damals zum erstenmal ‚Nachbesuche‘ genannt) und in der Durchführung von Bibelstudien mit Hilfe des sogenannten ‚Musterstudiums‘ führend vorangehen sollten.“

      Jehovas Volk war nach diesem Kongreß gut ausgerüstet für das Werk der Verkündigung des Königreiches Gottes. Es brauchte gewiß soviel Ermunterung wie nur möglich. Die anschwellende Woge des Nationalismus in den 30er Jahren brachte Widerstand mit sich — manchmal in Form von Pöbelangriffen —, hinter dem Personen standen, die Jehovas Zeugen am Zusammenkommen und Predigen hindern wollten.

      „Eine Räuberbande“

      Starker Widerstand kam von gewissen Gruppen der Katholischen Aktion. Am 2. Oktober 1938 nahm Bruder Rutherford kein Blatt vor den Mund, als er den Vortrag „Faschismus oder Freiheit“ hielt, der später als Broschüre herauskam, von der Millionen Exemplare verbreitet wurden. Bruder Rutherford ging in seiner Ansprache auf eine Reihe gesetzwidriger Vorkommnisse ein, um das abgekartete Spiel zwischen bestimmten Beamten und Vertretern der katholischen Kirche aufzuzeigen.

      Nachdem Rutherford die Fakten geschildert hatte, fuhr er fort: „Wenn den Menschen Tatsachen über eine Gruppe gesagt werden, die ihnen unter dem Deckmantel der Religion ihre Rechte stiehlt, jammert die Hierarchie und sagt: ‚Lügen! Stopft ihnen den Mund, und laßt sie nicht mehr reden!‘ “ Darauf fragte er: „Ist es verkehrt, über eine Räuberbande, die die Menschen bestiehlt, die Wahrheit zu veröffentlichen? Nein! ... Soll ehrlichen Leuten der Mund gestopft, sollen sie zum Schweigen gezwungen werden, während diese Räuberbande dem Volk seine Freiheit nimmt? Und vor allem andern, sollen den Menschen die ihnen von Gott verliehenen Rechte entzogen werden, nämlich friedlich zusammenzukommen, dem Allmächtigen ungehindert zu dienen und über sein Königreich und dessen Gegner zu sprechen?“

      Nach diesem scharfen Tadel setzten Gruppen der Katholischen Aktion ihre Anfeindungen überall in den Vereinigten Staaten fort. Jehovas Zeugen kämpften vor Gericht für die Religionsfreiheit und ihr Recht, Gottes Königreich zu verkündigen. Aber die Lage wurde nur noch schlimmer, als die Welt in den Krieg zog. Gesetzliche Beschränkungen und Verhaftungen trafen Jehovas Zeugen auch in Europa, Afrika und Asien — in einem Land nach dem anderen.

      „Alle [wollten] nach St. Louis gehen“

      „Wir alle sahen 1941 kritische Zeiten auf uns zukommen“, erzählt Norman Larson, der damals gerade den Vollzeitdienst aufgenommen hatte, „da in Europa Krieg geführt wurde. Deshalb wollten alle nach St. Louis gehen.“ Was war geplant? Vom 6. bis 10. August 1941 sollte der „Theokratische Kongreß“ der Zeugen Jehovas in St. Louis (Missouri) stattfinden. Und „alle“ kamen. Das Kongreßgelände war überfüllt. Nach einer Schätzung der Polizei wurde eine noch nie dagewesene Zahl von 115 000 Besuchern erreicht.

      Vom ersten Tag an bot das Kongreßprogramm zeitgemäße Ermunterung. In seiner Eröffnungsansprache mit dem Thema „Lauterkeit“ verkündete Bruder Rutherford den Schlüsselgedanken des Kongresses. „Deutlicher denn je verstanden wir, warum Jehova eine derart heftige Verfolgung seines Volkes auf der ganzen Erde zuließ“, erzählte Hazel Burford, die bis zu ihrem Tod im Jahre 1983 fast 40 Jahre als Missionarin diente. Das Jahrbuch 1942 der Zeugen Jehovas (engl.) berichtete außerdem über den Kongreß: „Alle konnten deutlich erkennen, daß ein großes Zeugniswerk vor ihnen lag und daß sie durch ihre Teilnahme daran ihre Lauterkeit bewahren würden, wenn sie auch von allen Menschen und weltlichen Organisationen gehaßt würden.“

      Eine rührende Szene auf dem Kongreß trug sich am Sonntag, den 10. August, dem „Tag der Kinder“, zu. Als das Vormittagsprogramm begann, hatten sich 15 000 Kinder und Jugendliche — im Alter von 5 bis 18 Jahren — in der Stadionmitte direkt vor der Bühne versammelt sowie auf reservierten Plätzen auf einem riesigen Campingplatz, wo eine weitere Menschenmenge zuhörte. Als Bruder Rutherford, damals Anfang 70, die Bühne betrat, jubelten und klatschten die Kinder. Er winkte mit seinem Taschentuch, und die Kinder winkten zurück. Dann sprach er mit klarer, freundlicher Stimme zur gesamten Zuhörerschaft über das Thema „Kinder des Königs“. Nachdem er über eine Stunde zu allen Anwesenden geredet hatte, wandte er sich an die Kinder in den reservierten Sektoren.

      „Ihr alle ... Kinder“, sagte er und schaute auf die strahlenden Gesichter vor sich, „die ihr euch bereit erklärt habt, den Willen Gottes zu tun, und die ihr eure Stellung auf der Seite der theokratischen Herrschaft unter Christus Jesus bezogen habt und die ihr Gott und seinem König gehorchen wollt, steht bitte auf!“ Die Kinder erhoben sich wie e i n Mann. „Seht“, rief der Redner voller Freude, „mehr als 15 000 neue Zeugen für das Königreich!“ Stürmischer Beifall brach los. „Ihr alle, die ihr euer möglichstes tun werdet, anderen von Gottes Königreich und den damit verbundenen Segnungen zu erzählen, sagt bitte ja!“ Darauf ertönte ein donnerndes „Ja!“

      Als Höhepunkt verkündete Bruder Rutherford die Freigabe des neuen Buches Kinder, was mit Freudenrufen und gewaltigem Applaus aufgenommen wurde. Danach beteiligte sich der Redner, ein hochgewachsener Mann, an der Verteilung kostenloser Exemplare des Buches, während eine lange Schlange Kinder auf die Bühne stieg und ein Kind nach dem andern an ihm vorbeiging. Vielen kamen bei dem Anblick die Tränen.

      In der Zuhörerschaft befanden sich an jenem Sonntagmorgen viele Kinder, die ihrem „Ja!“-Ruf entsprechend lebten. LaVonne Krebs, Merton Campbell und Eugene und Camilla Rosam gehörten zu den Kindern, die bei dieser Gelegenheit das Buch Kinder erhielten. 1992 dienten sie immer noch im Hauptbüro der Gesellschaft und hatten bereits 51, 49, 49 beziehungsweise 48 Jahre im Vollzeitdienst eingesetzt. Einige der Kinder gingen später als Missionare ins Ausland, darunter Eldon Deane (Bolivien), Richard und Peggy Kelsey (Deutschland), Ramon Templeton (Deutschland) und Jennie Klukowski (Brasilien). Das Programm am Sonntagvormittag in St. Louis hinterließ in vielen jungen Herzen einen bleibenden Eindruck!

      Am Sonntagnachmittag richtete Bruder Rutherford einige Abschiedsworte an die Kongreßbesucher. Er ermunterte sie, das Werk der Verkündigung des Königreiches Gottes fortzusetzen. „Ich bin absolut sicher“, sagte er ihnen, „daß von nun an ... die Zahl derer, die die große Volksmenge bilden werden, sprunghaft ansteigen wird.“ Er forderte sie auf, nach ihrer Rückkehr in ihrer Wohngegend „die Tätigkeit anzukurbeln“ und „soviel Zeit wie möglich einzusetzen“. Dann folgten seine Schlußworte an die Zuhörerschaft: „Nun, meine lieben Brüder, der Herr segne euch! Ich will jetzt nicht Lebewohl sagen, denn ich hoffe, euch einmal wiederzusehen.“

      Aber für viele war es das letzte Mal, daß sie Bruder Rutherford sahen.

      Die letzten Tage J. F. Rutherfords

      Bruder Rutherford hatte Dickdarmkrebs und war auf dem Kongreß in St. Louis in schlechter Verfassung. Dennoch schaffte er es, fünf kraftvolle Vorträge zu halten. Doch nach dem Kongreß verschlimmerte sich sein Zustand, und er mußte eine Kolostomie vornehmen lassen. Arthur Worsley erzählt über den Tag, als sich Bruder Rutherford von der Bethelfamilie verabschiedete: „Er vertraute uns an, daß er sich einer schweren Operation unterziehen werde und daß er, ob er sie überlebe oder nicht, zuversichtlich sei, daß wir weiterhin den Namen Jehovas verkündigen würden. Er ... sagte zum Schluß: ‚Wenn es Gottes Wille ist, werde ich euch wiedersehen. Wenn nicht, dann kämpft weiter.‘ Alle in der Familie hatten Tränen in den Augen.“

      Der 72jährige Bruder Rutherford überlebte die Operation. Kurz darauf wurde er in ein Wohnhaus nach Kalifornien gebracht, das er Beth-Sarim genannt hatte. Seinen Angehörigen und den Ärzten war klar, daß er sich nicht mehr erholen würde. Ja, er mußte erneut operiert werden.

      Etwa Mitte Dezember trafen Nathan H. Knorr, Frederick W. Franz und Hayden C. Covington aus Brooklyn ein. Hazel Burford, die Bruder Rutherford in diesen traurigen und schweren Tagen pflegte, berichtete später: „Sie blieben mehrere Tage bei ihm und besprachen den Jahresbericht für das Jahrbuch und andere organisatorische Angelegenheiten. Nach ihrer Abreise wurde Bruder Rutherford immer schwächer, und etwa drei Wochen später, am Donnerstag, dem 8. Januar 1942, beendete er seinen irdischen Lauf in Treue.“i

      Wie wurde die Nachricht vom Tod Bruder Rutherfords im Bethel aufgenommen? „Ich werde den Tag nie vergessen, an dem wir von Bruder Rutherfords Ableben erfuhren“, erzählte William A. Elrod, der damals schon neun Jahre zur Bethelfamilie gehörte. „Es war mittags, als sich die Familie zum Essen versammelte. Die Mitteilung war kurz. Es wurden keine Reden gehalten. Niemand nahm sich den Tag frei, um zu trauern. Nein, wir gingen wieder in die Druckerei und arbeiteten härter denn je.“

      Das waren äußerst schwere Zeiten für Jehovas Zeugen. Der Krieg hatte sich zu einem globalen Konflikt ausgeweitet. Die Kämpfe griffen von Europa auf Afrika und dann auf die Sowjetunion über. Am 7. Dezember 1941, nur einen Monat vor Bruder Rutherfords Tod, waren die Vereinigten Staaten durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor in den Krieg mit hineingezogen worden. Vielerorts wurden die Zeugen vom Pöbel angegriffen oder auf andere Weise heftig verfolgt.

      Was würde nun geschehen?

      [Fußnoten]

      a Eine Körperschaft in New York, die 1909 in Verbindung mit dem Umzug des Hauptbüros der Gesellschaft nach Brooklyn (New York) gegründet wurde.

      b Siehe Kapitel 28: „Prüfen und Sichten in den eigenen Reihen“.

      c Nach der Auslegung im Vollendeten Geheimnis war das Weib aus Offenbarung, Kapitel 12 die „anfängliche Kirche“, der Drache war das „heidnische Römische Reich“ und der männliche Sohn das „Papsttum“.

      d Siehe Kapitel 14: „ ,Sie sind kein Teil der Welt‘ “.

      e Siehe Kapitel 30: „ ‘Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft’ “.

      f Rechtfertigung, Band 3, Seite 76. Siehe auch Kapitel 12: „Die große Volksmenge — Wird sie im Himmel oder auf der Erde leben?“

      g Damals galten die Jonadabe nicht als „Zeugen Jehovas“. (Siehe Wachtturm, 15. September 1934, S. 282.) Ein paar Jahre später hieß es hingegen im Wachtturm vom 1. August 1942: „So werden diese ‚andern Schafe‘ [Jonadabe] Zeugen für ihn, gleichwie die treuen Menschen vor dem Tode Christi (von Johannes dem Täufer an zurück bis auf Abel), welche nie von ihrem Dienst als Zeugen für Jehova zurücktraten.“

      h Eine Bezugnahme auf die „große Hure“ aus Offenbarung, Kapitel 17. In dem Buch Feinde hieß es: „Alle Organisationen auf der Erde, die gegen Gott und sein Königreich kämpfen, tragen ... den Namen ‚Babylon‘ und ‚Hure‘, und im besondern beziehen sich diese Namen auf die führende Religionsorganisation, die römisch-katholische Kirche“ (S. 194). Jahre später wurde erkannt, daß die Hure eigentlich das Weltreich aller falschen Religion darstellt.

      i Bruder Rutherford hinterließ seine Frau Mary und ihren gemeinsamen Sohn Malcolm. Da Schwester Rutherford kränklich war und sie die Winter in New York (wo sich das Hauptbüro der Watch Tower Society befand) schwer ertragen konnte, wohnten sie und Malcolm in Südkalifornien, wo das Klima für ihre Gesundheit besser war. Schwester Rutherford starb am 17. Dezember 1962 im Alter von 93 Jahren. In der Todesanzeige, die in der Daily News-Post von Monrovia (Kalifornien) erschien, hieß es: „Bis sie wegen schlechter Gesundheit ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte, hatte sie regen Anteil an der religiösen Tätigkeit der Zeugen Jehovas.“

      [Herausgestellter Text auf Seite 73]

      „Satans hauptsächliche Waffen sind STOLZ, EHRGEIZ und FURCHT“

      [Herausgestellter Text auf Seite 74]

      „Die Gewißheit ..., daß Jehova die Gesellschaft leitet“

      [Herausgestellter Text auf Seite 75]

      Aus dem Gefängnis freigekommen — nicht so sehr um ihretwillen, „sondern damit ein Zeugnis für die Wahrheit abgelegt werde“

      [Herausgestellter Text auf Seite 77]

      „Der Auftrag eines Christen auf Erden ... ist, die Botschaft zu verkündigen von des Herrn Königreich“

      [Herausgestellter Text auf Seite 78]

      Das Königreich mit größerem Eifer und mehr Liebe als je zuvor verkünden

      [Herausgestellter Text auf Seite 82]

      Wir wünschen, als Jehovas Zeugen bekannt zu sein!

      [Herausgestellter Text auf Seite 83]

      Ja! Jonadabe sollten getauft werden.

      [Herausgestellter Text auf Seite 84]

      „Nach diesen schafähnlichen Menschen ... suchen, die noch eingesammelt werden mußten“

      [Herausgestellter Text auf Seite 85]

      Rutherford nahm gegenüber religiösen Gegnern kein Blatt vor den Mund

      [Herausgestellter Text auf Seite 86]

      15 000 Kinder beziehen für das Königreich Stellung

      [Herausgestellter Text auf Seite 89]

      „Wenn es Gottes Wille ist, werde ich euch wiedersehen. Wenn nicht, dann kämpft weiter.“

      [Kasten/Bild auf Seite 76]

      „Haus der Fürsten“

      Bruder Rutherford litt nach der Freilassung aus seiner ungerechtfertigten Haft im Jahre 1919 an einer schweren Lungenentzündung. Danach hatte er nur noch einen gesunden Lungenflügel. Im Rahmen einer ärztlichen Behandlung ging er in den 20er Jahren nach San Diego (Kalifornien), und der Arzt riet ihm dringend, dort soviel Zeit wie möglich zu verbringen. Von 1929 an arbeitete Bruder Rutherford den Winter über in einem Wohnhaus in San Diego, das er Beth-Sarim genannt hatte. Der Bau Beth-Sarims wurde mit Geldern finanziert, die eine direkte Spende für diesen Zweck waren. Mit der im „Goldenen Zeitalter“ vom 19. März 1930 (engl.) im vollen Wortlaut veröffentlichten Urkunde wurde es J. F. Rutherford und später der Watch Tower Society übereignet.

      In dem 1939 erschienenen Buch „Die Rettung“ heißt es über Beth-Sarim: „Die hebräischen Worte ‚Beth Sarim‘ bedeuten ‚Haus der Fürsten‘. Mit der Erwerbung des Grundstückes und dem Bau des Hauses wurde bezweckt, einen greifbaren Beweis zu schaffen, daß es heute Menschen auf Erden gibt, die völlig an Gott, an Christus Jesus und an sein [Gottes] Königreich glauben und auch glauben, daß der Herr die treuen Männer alter Zeiten bald auferwecken wird, so daß sie auf der Erde zurück sein werden und die sichtbaren Angelegenheiten der Erde in die Hand nehmen.“

      Ein paar Jahre nach dem Tod Bruder Rutherfords beschloß der Vorstand der Watch Tower Society, Beth-Sarim zu verkaufen. Weshalb? Im „Wachtturm“ vom 15. April 1948 (engl.: 15. Dezember 1947) wurde erklärt, daß „es seinem Zweck völlig gedient habe und jetzt nur noch als ein Denkmal diene, das zu behalten ziemlich kostspielig sei. Unser Glaube an die Wiederkehr der Männer aus alter Zeit, die der König Christus Jesus auf der GANZEN Erde (und nicht nur in Kalifornien) zu Fürsten einsetzen wird, stützt sich nicht auf das Haus Beth-Sarim, sondern auf Gottes Verheißungswort.“ j

      [Fußnote]

      j Damals glaubte man, daß treue Männer der alten Zeit wie Abraham, Joseph und David in Erfüllung von Psalm 45:16 vor dem Ende des Systems der Dinge auferstehen und als „Fürsten auf der ganzen Erde“ dienen würden. Diese Ansicht wurde 1950 korrigiert, als weitere Nachforschungen in der Bibel ergaben, daß die irdischen Vorväter Jesu Christi nach Harmagedon auferweckt werden. (Siehe „Wachtturm“, 1. Januar 1951, S. 10–12.)

      [Kasten/Bilder auf Seite 80, 81]

      Die Königreichsbotschaft über Rundfunk ausgestrahlt

      Es gab erst zwei Jahre ein regelmäßiges kommerzielles Hörfunkprogramm, als man sich bereits des Rundfunks bediente, um die Königreichsbotschaft zu übermitteln. Und so wurde am 26. Februar 1922 in Kalifornien Bruder Rutherfords erste Rundfunksendung ausgestrahlt. Zwei Jahre später, am 24. Februar 1924, wurde die Rundfunkstation WBBR der Watch Tower Society auf Staten Island (New York) in Betrieb genommen. Schließlich richtete die Gesellschaft weltweit Sendernetze ein, um Vorträge und andere biblische Sendungen auszustrahlen. 1933 strahlten 408 Stationen — die höchste Zahl, die je erreicht wurde — die Königreichsbotschaft in sechs Erdteilen aus!

      [Bilder]

      Die Station WBBR in New York wurde von der Watch Tower Society von 1924 bis 1957 betrieben

      Das WBBR-Orchester im Jahre 1926

      J. F. Rutherford hielt am 11. September 1938 in England den Vortrag „Schau den Tatsachen ins Auge“ in der Londoner Royal Albert Hall; der Saal war mit über 10 000 Zuhörern voll besetzt (unten), während Millionen über Rundfunk zuhörten

      WBBR-Eröffnungsprogramm

      Team der Station 2HD in Newcastle (Neusüdwales, Australien)

      Die Rundfunkstation CHCY in Edmonton (Alberta) war eine der Stationen in Kanada, die der Gesellschaft gehörten und von ihr betrieben wurden

      Von einer Rundfunkstation in Estland wurden Sendungen nach Finnland ausgestrahlt

      Sendeanlage der Station WORD bei Chicago (Illinois), die der Gesellschaft gehörte und von ihr betrieben wurde

      [Kasten/Bilder auf Seite 87]

      Predigen mit Plattenspielern

      Im Jahre 1933 begannen Jehovas Zeugen mit einer weiteren bahnbrechenden Predigtmethode. Man verwendete einen transportablen Plattenspieler mit Lautsprecheranlage, um Bruder Rutherfords Rundfunkvorträge auf Schallplatten (mit 33 1⁄3 Umdrehungen pro Minute) in Sälen, in Parks und auf öffentlichen Plätzen abzuspielen. Auch benutzte man Lautsprecherwagen und -boote, um die Königreichsbotschaft erschallen zu lassen.

      Der wirkungsvolle Einsatz dieser Geräte führte zu einer weiteren Neuerung — dem Predigtdienst von Haus zu Haus mit einem leichten Grammophon. Von 1934 an stellte die Gesellschaft tragbare Grammophone her sowie eine Serie Schallplatten (mit 78 Umdrehungen pro Minute) mit 4 1⁄2minütigen biblischen Ansprachen. Schließlich verfügte man über Aufnahmen zu 92 verschiedenen Themen. Alles in allem stellte die Gesellschaft über 47 000 Grammophone zur Verbreitung der Königreichsbotschaft her. Mit der Zeit wurde jedoch mehr Wert auf die mündliche Darbietung der Königreichsbotschaft gelegt, so daß die Tätigkeit mit dem Grammophon langsam aufhörte.

      [Bilder]

      Wenn ein Lautsprecherwagen auf einem Hügel stand, konnte die Königreichsbotschaft meilenweit gehört werden (oben)

      Die Verwendung eines Plattenspielers in Mexiko (rechts)

      Ein Lautsprecherboot in England auf der Themse in London (oben)

      Die Verwendung eines Grammophons im Predigtdienst (links)

      Vorführung der Bedienung eines vertikal spielbaren Grammophons im Jahre 1940 (rechts)

      [Bild auf Seite 79]

      J. A. Bohnet

      [Bild auf Seite 88]

      Von 1917, als J. F. Rutherford Präsident wurde, bis 1941 stellte die Watch Tower Society eine Flut von Publikationen her — darunter 24 Bücher, 86 Broschüren und jedes Jahr ein „Jahrbuch“; hinzu kamen Artikel für den „Wachtturm“ und das „Goldene Zeitalter“ (später „Trost“ genannt)

  • Die gute Botschaft ununterbrochen verkündigt (1942—1975)
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 8

      Die gute Botschaft ununterbrochen verkündigt (1942—1975)

      „AN ALLE FREUNDE DER THEOKRATIE:

      Am 8. Januar 1942 beendete unser geliebter Bruder J. F. Rutherford ... in Treue seinen irdischen Lauf. ... Es war ihm eine Freude und ein Trost, zu wissen, daß alle Zeugen des Herrn nicht einem Menschen als Führer folgen, sondern dem König Christus Jesus, und daß sie in vollkommener Einheit unentwegt weiterwirken wollen“ (Brief, in dem der Tod Bruder Rutherfords mitgeteilt wurde).a

      DIE Nachricht vom Tod Bruder Rutherfords war ein momentaner Schock für Jehovas Zeugen in der ganzen Welt. Viele hatten gewußt, daß er krank gewesen war, aber sie hatten nicht damit gerechnet, daß es so schnell mit ihm zu Ende gehen würde. Sie waren betrübt über den Verlust ihres lieben Bruders, gleichzeitig aber entschlossen, „unentwegt weiter[zu]wirken“ in dem Werk der Verkündigung des Königreiches Gottes. Sie betrachteten J. F. Rutherford nicht als ihren Führer. Charles E. Wagner, der in Bruder Rutherfords Büro gearbeitet hatte, sagte: „Überall waren die Brüder zu der festen Überzeugung gelangt, daß das Werk Jehovas nicht von einem Menschen abhing.“ Dennoch mußte jemand die Verantwortung tragen, die auf Bruder Rutherford als Präsidenten der Watch Tower Society gelastet hatte.

      „Entschlossen, uns eng an den Herrn zu halten“

      Es war Bruder Rutherfords Herzenswunsch, daß Jehovas Zeugen die gute Botschaft ununterbrochen verkündigen. Daher rief er Mitte Dezember 1941, ein paar Wochen vor seinem Tod, vier Vorstandsmitglieder der beiden hauptsächlichen rechtlichen Körperschaften, deren sich Jehovas Zeugen bedienten, zu sich und schlug vor, nach seinem Tod so bald wie möglich alle Mitglieder der beiden Vorstände zu einer gemeinsamen Sitzung zusammenzurufen und einen Präsidenten sowie einen Vizepräsidenten zu wählen.

      Am Nachmittag des 13. Januar 1942, nur fünf Tage nach Rutherfords Tod, kamen alle Vorstandsmitglieder der beiden Körperschaften im Brooklyner Bethel zusammen. Einige Tage zuvor hatte der 36jährige Nathan H. Knorr, der Vizepräsident der Gesellschaft, dazu angeregt, durch Gebet und Nachsinnen ernstlich nach göttlicher Weisheit zu suchen. Den Vorstandsmitgliedern war bewußt, daß der zum Präsidenten gewählte Bruder sich der rechtlichen Angelegenheiten der Watch Tower Society annehmen würde und außerdem die Leitung der Organisation innehätte. Wer hätte die nötige geistige Befähigung für diese schwere Verantwortung und könnte sich um das Werk Jehovas kümmern? Die gemeinsame Versammlung wurde mit einem Gebet eröffnet, und nach sorgfältiger Überlegung wurde Bruder Knorr einstimmig zum Präsidenten der beiden Körperschaften gewählt und der 30jährige Hayden C. Covington, der Anwalt der Gesellschaft, zum Vizepräsidenten.b

      Noch am selben Tag verkündete W. E. Van Amburgh, der Schriftführer und Schatzmeister der Gesellschaft, der Bethelfamilie die Ergebnisse der Wahl. R. E. Abrahamson, der damals zugegen war, erinnerte sich, daß Van Amburgh in etwa sagte: „Ich weiß noch, wie es war, als C. T. Russell starb und J. F. Rutherford an seine Stelle trat. Der Herr leitete Sein Werk weiterhin und ließ es gedeihen. Ich bin sicher, daß das Werk mit Nathan H. Knorr als Präsidenten vorangehen wird, weil es das Werk des Herrn ist, nicht das eines Menschen.“

      Wie dachte die Bethelfamilie in Brooklyn über die Ergebnisse der Wahl? Sie schrieb in einem zu Herzen gehenden Brief vom 14. Januar 1942, dem Tag nach der Wahl: „Seine [Rutherfords] Verwandlung soll nicht dazu führen, daß wir darin erlahmen, die Aufgabe auszuführen, die uns der Herr zugewiesen hat. Wir sind entschlossen, fest zum Herrn und zueinanderzuhalten und Schulter an Schulter den Kampf beständig zurückzutreiben zum Tor. ... Aufgrund unserer annähernd zwanzigjährigen engen Gemeinschaft mit Bruder Knorr ... können wir in der Wahl Bruder Knorrs zum Präsidenten die Führung des Herrn erkennen und dadurch auch die liebevolle und achtsame Fürsorge des Herrn gegenüber Seinem Volk.“ Bald strömte eine Flut von zustimmenden Briefen und Telegrammen aus aller Welt ins Hauptbüro.

      Man war sich nicht im ungewissen, was zu tun war. Es wurde ein spezieller Artikel für den Wachtturm vom 1. Februar 1942 (engl.) vorbereitet, dieselbe Ausgabe, in der J. F. Rutherfords Todesanzeige erschien. Darin hieß es, daß „die Schlußversammlung durch den Herrn im Gange ist. Möge der Vormarsch seines Bundesvolkes in seinem Dienste keinen Augenblick und durch nichts unterbrochen werden! ... Das ALLERWICHTIGSTE ist: jetzt an unserer Lauterkeit gegen Gott, den Allmächtigen, festzuhalten“ (dt.: November 1944). Jehovas Zeugen wurden aufgefordert, die gute Botschaft weiter eifrig zu verkündigen.

      Allerdings war es Anfang der 40er Jahre eine echte Herausforderung, an der Lauterkeit festzuhalten. Es herrschte noch Krieg. Die kriegsbedingten Einschränkungen in vielen Ländern erschwerten Jehovas Zeugen das Predigen. Die Verhaftungen von Zeugen Jehovas und die Pöbelaktionen gegen sie ließen nicht nach. Hayden Covington, der Rechtsberater der Gesellschaft, leitete den Rechtskampf, manchmal von seinem Büro im Brooklyner Hauptbüro aus und manchmal vom Zug aus, wenn er wegen Rechtsfällen auf Reisen war. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Anwälten, wie zum Beispiel Victor Schmidt, Grover Powell und Victor Blackwell, kämpfte Bruder Covington unermüdlich für das verfassungsmäßige Recht der Zeugen Jehovas, von Haus zu Haus zu predigen und biblische Literatur zu verbreiten, ohne von örtlichen Behörden behindert zu werden.c

      Das „Vorwärts!“-Signal gegeben

      Obwohl wegen des Krieges Lebensmittel und Benzin rationiert waren, wurde Anfang März 1942 angekündigt, daß für die Zeit vom 18. bis 20. September der „Theokratische Neue-Welt-Kongreß“ geplant sei. Um das Reisen zu erleichtern, wählte man, auf die Vereinigten Staaten verteilt, 52 Kongreßstädte aus, von denen viele durch Telefonleitungen mit Cleveland (Ohio), der Schlüsselstadt, verbunden wurden. Etwa um die gleiche Zeit hielten Jehovas Zeugen weltweit in 33 weiteren Städten Kongresse ab. Was wurde mit diesen Kongressen bezweckt?

      „Wir sind hier nicht versammelt, um Erinnerungen an die Vergangenheit oder die Taten einzelner nachzuhängen“, sagte der Vorsitzende, Bruder Covington, zu Beginn seiner Eröffnungsansprache. Dann leitete er zu dem Schlüsselvortrag „Das einzige Licht“ über, der sich auf Jesaja, Kapitel 59 und 60 stützte und von Bruder Franz gehalten wurde. Über das prophetische Gebot aus Jesaja äußerte der Redner die mitreißenden Worte: „Hier ist also das ‚Vorwärts!‘-Signal von der höchsten Autorität, damit wir sein ... [Werk] des Zeugnisses fortsetzen, ganz gleich, was geschieht, ehe Harmagedon kommt“ (Jes. 6:1-12). Es war nicht an der Zeit, die Hände in den Schoß zu legen.

      „Es ist noch Arbeit zu tun, viel Arbeit!“ erklärte N. H. Knorr in der nächsten Ansprache, die auf dem Programm stand. Als Hilfe für seine Zuhörer, das „Vorwärts!“-Signal zu beachten, gab Bruder Knorr eine Ausgabe der King-James-Bibel frei, die auf den Pressen der Gesellschaft gedruckt und mit einer Konkordanz ergänzt worden war — speziell für den Gebrauch der Zeugen Jehovas in ihrem Predigtdienst. Diese Freigabe spiegelte Bruder Knorrs starkes Interesse am Drucken und Verbreiten der Bibel wider. Nachdem er Anfang des Jahres Präsident geworden war, hatte er rasch Schritte unternommen, um die Verlagsrechte für diese Übersetzung zu erhalten und die Vorbereitung der Konkordanz und anderer Besonderheiten zu koordinieren. Innerhalb von Monaten war diese Sonderausgabe der King-James-Bibel für die Freigabe auf dem Kongreß fertiggestellt.

      Am letzten Kongreßtag hielt Bruder Knorr den Vortrag „Weltfriede — ist er von Bestand?“ Darin legte er, gestützt auf Offenbarung 17:8, überzeugende Beweise dar, daß der Zweite Weltkrieg, der damals wütete, nicht in Harmagedon übergehen würde, wie manche dachten, sondern daß der Krieg enden und eine Zeit des Friedens einsetzen würde. Es gab noch Arbeit zu tun im Verkündigen des Königreiches Gottes. Die Kongreßbesucher wurden davon in Kenntnis gesetzt, daß die Gesellschaft wegen des zu erwartenden Wachstums in der Organisation vom folgenden Monat an „Diener für die Brüder“ aussenden würde, die mit den Versammlungen zusammenarbeiten sollten. Jede Versammlung würde alle sechs Monate besucht werden.

      „Durch diesen ‚Theokratischen Neue-Welt-Kongreß‘ wurde die Organisation Jehovas für ihre künftige Tätigkeit fest zusammengeschweißt“, sagt Marie Gibbard, die mit ihren Eltern den Kongreß in Dallas (Texas) besuchte. Und es war viel zu tun. Jehovas Zeugen hielten den Blick nach vorn gerichtet, auf die kommende Zeit des Friedens. Sie waren entschlossen, sich durch Gegnerschaft und Verfolgung hindurch einen Weg zu bahnen und die gute Botschaft ununterbrochen zu verkündigen.

      Eine Zeit intensivierter Schulung

      Bis dahin hatten sie beim Predigen von Haus zu Haus die Zeugniskarte und das Grammophon verwendet — könnte sich aber jeder Zeuge Jehovas darin verbessern, die Gründe für seine Hoffnung anhand der Bibel zu erklären? Der dritte Präsident der Gesellschaft, N. H. Knorr, war dieser Meinung. C. James Woodworth, dessen Vater jahrelang verantwortlicher Redakteur der Zeitschriften Das Goldene Zeitalter und Trost war, sagte: „Während zu Bruder Rutherfords Zeit besonders das Thema ‚Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang‘ hervorgehoben wurde, dämmerte nun eine Zeit globaler Ausdehnung, und es begann eine Schulung auf biblischem und organisatorischem Gebiet in einem Ausmaß, wie es Jehovas Volk bis dahin noch nicht erlebt hatte.“

      Die Zeit der Schulung begann fast sofort. Am 9. Februar 1942, ungefähr einen Monat nach der Wahl N. H. Knorrs zum Präsidenten der Gesellschaft, wurde im Brooklyner Bethel eine äußerst bedeutsame Mitteilung gemacht. Im Bethel wurde ein „Fortbildungskurs im theokratischen Dienstamt“ vorbereitet — eine Schule, in der Nachdruck auf biblische Forschungsarbeit und öffentliches Sprechen gelegt werden sollte.

      Im darauffolgenden Jahr war das Fundament für eine ähnliche Schule in den Versammlungen der Zeugen Jehovas gelegt. Auf dem Kongreß „Aufruf zur Tat“, der am 17. und 18. April 1943 an verschiedenen Orten in den Vereinigten Staaten stattfand, wurde das kleine Buch Kurs im theokratischen Dienstamt freigegeben. Alle Versammlungen wurden aufgefordert, mit der neuen Schule anzufangen, und die Gesellschaft ernannte Unterweiser, die als Vorsitzende amtieren und konstruktiven Rat zu den Studierendenansprachen der männlichen Teilnehmer geben sollten. Der Kurs wurde so schnell wie möglich übersetzt und auch in anderen Ländern begonnen.

      Als Folge davon konnten befähigte Redner, die in dieser Predigtdienstschule ausgebildet worden waren, an einem weltweiten Feldzug öffentlicher Vorträge zur Verkündigung der Königreichsbotschaft teilnehmen. Vielen von ihnen kam diese Schulung später zugute, als sie auf Kongressen Ansprachen hielten und große organisatorische Verantwortung übernahmen.

      Das traf auf Angelo C. Manera jr. zu, der rund 40 Jahre als reisender Aufseher gedient hat. Er gehörte zu den ersten Teilnehmern der Schule in seiner Versammlung, und er sagte: „Wir, die wir ohne diese Vorkehrung jahrelang die Zusammenkünfte besuchten und in den Predigtdienst gingen, sind mit der Zeit zu der Ansicht gelangt, daß sie unseren persönlichen und den organisatorischen Fortschritt entscheidend gefördert hat.“

      Über seine Ausbildung durch die Schule, die 1942 im Brooklyner Bethel eingeführt wurde, erzählte George Gangas, der damals ins Griechische übersetzte, später: „Ich erinnere mich heute noch an meine erste 6-Minuten-Ansprache. Ich hatte kein Vertrauen zu mir und machte mir deshalb ein Manuskript. Aber als ich nach vorn ging, um die Ansprache zu halten, packte mich das Lampenfieber, und ich fing an zu stottern und verlor den Faden. Ich beschränkte mich dann darauf, das Manuskript vorzulesen. Doch meine Hände zitterten dermaßen, daß mir die Buchstaben vor den Augen tanzten!“ Aber er gab nicht auf. Mit der Zeit hielt er auf großen Kongressen Vorträge, und er wurde sogar in die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas aufgenommen.

      Eine auf Glauben gegründete Schule

      Am 24. September 1942 wurde auf dem Gebiet der intensivierten Schulung erneut ein großer Schritt nach vorn getan. Auf einer gemeinsamen Versammlung der Vorstände der beiden gesetzlich eingetragenen Körperschaften schlug Bruder Knorr die Gründung einer weiteren Schule vor, die in einem Gebäude untergebracht werden sollte, das auf der Königreichsfarm in South Lansing (New York) errichtet worden war, 410 Kilometer nordwestlich von New York City. Der Zweck dieser Schule sollte sein, Missionare für den Dienst in fremden Ländern auszubilden, in denen ein großer Bedarf an Königreichsverkündigern bestand. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

      Albert D. Schroeder, damals 31 Jahre alt, wurde zum Registrator bestimmt und diente als Vorsitzender des Komitees, das die neue Schule organisierte. „Wie diese gewaltige neue Aufgabe doch unsere Herzen höher schlagen ließ!“ sagt er. Die Unterweiser machten sich sofort an die Arbeit; sie hatten nur vier Monate Zeit, die Kurse vorzubereiten, die Vorträge auszuarbeiten und eine Bibliothek zusammenzustellen. „Der christliche Fortbildungskurs dauerte 20 Wochen, und die Bibel war das Hauptlehrbuch“, erklärt Bruder Schroeder, der heute in der leitenden Körperschaft dient.

      Am Montag, den 1. Februar 1943, einem kalten Wintertag im Norden des Bundesstaates New York, begann die erste Klasse mit 100 Studenten. Es war wirklich eine auf Glauben gegründete Schule. Mitten im Zweiten Weltkrieg gab es nur wenige Gebiete auf der Erde, in die man Missionare senden konnte. Doch die Studenten wurden im vollen Vertrauen darauf ausgebildet, daß eine Zeit des Friedens kommen würde, in der man Missionare einsetzen könnte.

      Reorganisation nach dem Krieg

      Im Mai 1945 kamen in Europa die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs zu einem Ende. Vier Monate später, im September, wurden im Pazifik die Kämpfe eingestellt. Der Zweite Weltkrieg war vorbei. Am 24. Oktober 1945, etwas mehr als drei Jahre nachdem der Präsident der Gesellschaft den Vortrag „Weltfriede — ist er von Bestand?“ gehalten hatte, trat die Charta der Vereinten Nationen in Kraft.

      Aus Europa waren bereits mit Unterbrechungen Berichte über die Tätigkeit der Zeugen Jehovas eingegangen. In einem Ausmaß, das ihre Brüder und Schwestern in der ganzen Welt erstaunte, hatte die Verkündigung des Königreiches in europäischen Ländern trotz des Krieges Fortschritte gemacht. Im Wachtturm vom 15. Juli 1945 (engl.) wurde berichtet: „1940 gab es in Frankreich 400 Verkündiger; jetzt sind es dort 1 100, die über das Königreich sprechen. ... 1940 hatte Holland 800 Verkündiger. 400 von ihnen wurden nach Deutschland in Konzentrationslager verschleppt. Die übrigen sprachen über das Königreich. Das Ergebnis? In diesem Land gibt es heute 2 000 Königreichsverkündiger.“ Die offene Tür der Freiheit ermöglichte es nun, die gute Botschaft in größerem Maße zu verkündigen, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Vorher waren allerdings ein umfangreicher Wiederaufbau und viel Reorganisation erforderlich.

      Da dem Präsidenten der Gesellschaft viel daran lag, sich einen Überblick über die Bedürfnisse der Zeugen Jehovas in den vom Krieg verwüsteten Ländern zu verschaffen, ging er im November 1945 mit seinem Sekretär, Milton G. Henschel, auf eine Reise nach Großbritannien, Frankreich, in die Schweiz, nach Belgien, in die Niederlande und nach Skandinavien, um die Brüder zu ermuntern und in den Zweigbüros der Gesellschaft nach dem Rechten zu sehen.d Ihr Ziel war die Nachkriegsreorganisation. Es wurde dafür gesorgt, daß Literatur sowie Lebensmittel und Kleidung an die notleidenden Brüder gesandt wurden. Zweigbüros nahmen ihre Tätigkeit wieder auf.

      Bruder Knorr war sich darüber im klaren, daß eine gute Organisation der Zweigbüros notwendig wäre, um mit den Fortschritten des Predigtwerks mithalten zu können. Sein Organisationstalent kam der weltweiten Ausdehnung der Zweigbüros der Gesellschaft sehr zugute. 1942, als er Präsident wurde, gab es 25 Zweigbüros. Bis 1946 war trotz der kriegsbedingten Verbote und Behinderungen die Zahl der Länder, in denen es Zweigbüros gab, auf 57 angestiegen. In den folgenden 30 Jahren, bis 1976, stieg die Zahl der Zweigbüros auf 97.

      Ausgerüstet zum Lehren

      Auf seinen internationalen Reisen kurz nach dem Krieg stellte der Präsident der Gesellschaft fest, daß Jehovas Zeugen besser ausgerüstet werden mußten, um Gottes Wort zu lehren. Sie brauchten weitere biblische Schulung sowie geeignete Hilfsmittel für den Gebrauch im Predigtdienst. Diesen Bedürfnissen wurde früh in der Nachkriegszeit abgeholfen.

      Auf dem „Theokratischen Kongreß fröhlicher Nationen“, der vom 4. bis 11. August 1946 in Cleveland (Ohio) stattfand, hielt Bruder Knorr die Ansprache „Ausgerüstet für jedes gute Werk“. Die gesamte Zuhörerschaft wurde neugierig, als er fragte: „Wäre es nicht eine enorme Hilfe, Informationen über jedes der sechsundsechzig Bibelbücher zu haben? Könnten wir die Heilige Schrift nicht besser verstehen, wenn wir wüßten, wer die einzelnen Bibelbücher jeweils schrieb, wann sie geschrieben wurden und wo?“ Die Spannung stieg, als er dann erklärte: „Brüder, all diese Informationen und vieles mehr findet ihr in dem neuen Buch, betitelt ‚Ausgerüstet für jedes gute Werk‘!“ Auf diese Ankündigung folgte tosender Beifall. Die neue Publikation sollte als Lehrbuch für die Predigtdienstschule in den Versammlungen dienen.

      Jehovas Zeugen wurden nicht nur mit einer Veröffentlichung ausgerüstet, durch die sie ihre biblische Erkenntnis vertiefen konnten, sondern erhielten auch hervorragende Hilfsmittel für das Predigen. Der Kongreß von 1946 war ein denkwürdiges Ereignis, weil damals die erste Erwachet!-Ausgabe freigegeben wurde. Mit dieser neuen Zeitschrift wurde Trost abgelöst (früher Das Goldene Zeitalter genannt). Auch wurde das Buch „Gott bleibt wahrhaftig“e freigegeben. Henry A. Cantwell, der später als reisender Aufseher diente, sagt: „Wir brauchten schon seit einiger Zeit dringend ein Buch, mit dem man wirkungsvoll Bibelstudien mit neuinteressierten Personen durchführen könnte und in dem die grundlegenden biblischen Lehren und Wahrheiten behandelt würden. Mit der Freigabe von ‚Gott bleibt wahrhaftig‘ bekamen wir jetzt genau das, was wir brauchten.“

      Ausgerüstet mit solch wertvollen Lehrmitteln, stellten sich Jehovas Zeugen auf weitere rapide Mehrung ein. Als Bruder Knorr auf dem Kongreß über das Thema „Die Aufgaben des Wiederaufbaus und der Ausdehnung des Werkes“ sprach, erklärte er, daß während der Jahre des globalen Krieges die Zeugnistätigkeit nicht zum Stillstand gekommen war. Von 1939 bis 1946 war die Zahl der Königreichsverkündiger um mehr als 110 000 gestiegen. Um den wachsenden weltweiten Bedarf an biblischer Literatur zu decken, plante die Gesellschaft, die Druckerei und das Bethelheim in Brooklyn zu erweitern.

      Die erwartete Zeit des Weltfriedens hatte begonnen. Die weltweite Ausdehnung und die biblische Schulung waren in vollem Gange. Als Jehovas Zeugen von dem „Theokratischen Kongreß fröhlicher Nationen“ nach Hause zurückkehrten, waren sie besser ausgerüstet, die gute Botschaft zu lehren.

      Das Königreich mit Elan verkündigt

      Im Interesse einer weltweiten Ausdehnung gingen der Präsident der Gesellschaft und sein Sekretär, Milton G. Henschel, am 6. Februar 1947 auf eine 76 916 Kilometer weite Dienstreise rund um die Welt. Die Reise führte zu den Inseln des Pazifiks, nach Neuseeland, Australien, Südostasien, Indien, in den Nahen Osten, ins Mittelmeergebiet, nach Mittel- und Westeuropa, Skandinavien, England und Neufundland. Das war das erste Mal seit 1933, daß jemand vom Hauptbüro der Gesellschaft in Brooklyn die Brüder in Deutschland besuchen konnte. Jehovas Zeugen in der ganzen Welt begleiteten die beiden Reisenden im Geiste, als Berichte über die Tour im Wachtturm von 1947 und 1948 erschienen.f

      „Es war für uns die erste Gelegenheit, die Brüder in Asien und anderen Gebieten kennenzulernen und zu sehen, woran es ihnen mangelte“, erzählt Bruder Henschel, der heute zur leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas gehört. „Wir hatten vor, Missionare auszusenden, und deshalb mußten wir uns ein Bild davon machen, was auf sie zukäme und was sie brauchen würden.“ Nach der Tour erreichte ein stetiger Strom von Missionaren, die in der Gileadschule ausgebildet worden waren, fremden Boden, und sie gingen im Werk der Verkündigung des Königreiches führend voran. Die Ergebnisse waren beeindruckend. In den folgenden fünf Jahren (1947—1952) stieg die Zahl der Königreichsverkündiger auf mehr als das Doppelte an — von 207 552 auf 456 265.

      „Mehrung der Theokratie“

      Am 25. Juni 1950 fielen Streitkräfte aus der Demokratischen Volksrepublik Korea in die südliche Republik Korea ein. Im Laufe der Zeit wurden Truppen aus 16 anderen Ländern dorthin gesandt. Aber während sich in dem Krieg große Nationen feindlich gegenüberstanden, bereiteten Jehovas Zeugen einen internationalen Kongreß vor, durch den nicht nur ihre weltweite Einheit demonstriert, sondern auch gezeigt würde, daß Jehova sie mit Mehrung segnete (Jes. 60:22).

      Der Kongreß „Mehrung der Theokratie“ war für die Zeit vom 30. Juli bis 6. August 1950 geplant. Er sollte bei weitem der größte Kongreß werden, den Jehovas Zeugen bis dahin an einem bestimmten Ort abhielten. Rund 10 000 ausländische Delegierte aus Europa, Afrika, Asien, Lateinamerika und von den pazifischen Inseln — insgesamt aus 67 verschiedenen Ländern und Inselgebieten — strömten in das New Yorker Yankee-Stadion. Die Zahl von 123 000 Anwesenden beim öffentlichen Vortrag — verglichen mit der Höchstzahl von 80 000, die vier Jahre vorher dem „Theokratischen Kongreß fröhlicher Nationen“ beigewohnt hatten — war an sich schon ein eindrucksvoller Beweis für eine Mehrung.

      Ein bedeutsamer Faktor für die Zunahme der Zeugen Jehovas ist das Drucken und Verbreiten des Wortes Gottes. Ein Meilenstein auf diesem Gebiet war die Freigabe der in moderner Sprache geschriebenen Neuen-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften in Englisch durch Bruder Knorr am 2. August 1950. Die Kongreßbesucher freuten sich sehr, zu erfahren, daß in dieser neuen Übersetzung der Gottesname Jehova an 237 Stellen im Haupttext von Matthäus bis Offenbarung wiedereingeführt worden war. Am Schluß seines Vortrags forderte der Redner die Zuhörer eindringlich auf: „Nehmt diese Übersetzung zur Hand. Lest sie durch. Studiert sie, denn sie wird euch zu einem besseren Verständnis des Wortes Gottes verhelfen. Überreicht sie auch anderen.“ Im Laufe des nächsten Jahrzehnts sollten weitere Teile folgen, so daß Jehovas Zeugen schließlich eine genaue, leichtverständliche Übersetzung der gesamten Bibel hätten, die sie anderen mit Begeisterung anbieten könnten.

      Die Delegierten wurden eingeladen, vor Verlassen der Kongreßstadt das neue Hauptbüro in der Columbia Heights 124 und die beträchtlich erweiterte Druckerei in der Adams Street 117 zu besichtigen. Die neuen Einrichtungen, die mit der finanziellen Unterstützung von Zeugen in der ganzen Welt errichtet worden waren, bildeten den Abschluß des großen Ausdehnungsprogramms, das 1946 auf dem Kongreß in Cleveland angekündigt und freudig aufgenommen worden war. Damals hatten Jehovas Zeugen keine Ahnung, wie groß die Ausdehnung noch sein würde — nicht nur in Brooklyn, sondern weltweit. Wegen der ständig wachsenden Zahl der Königreichsverkündiger würden mehr Druckereien gebraucht werden und auch größere.

      Mehr Schulung im Predigtdienst von Haus zu Haus

      Auf dem „Neue-Welt-Gesellschaft“-Kongreß, der vom 19. bis 26. Juli 1953 in New York abgehalten wurde, kamen neue Veröffentlichungen heraus, die speziell für Jehovas Zeugen und die Verkündigung des Königreiches von Haus zu Haus vorgesehen waren. Zum Beispiel wurde am Montag, den 20. Juli das Buch „Vergewissert euch über alle Dinge“ freigegeben und von den 125 040 Anwesenden mit donnerndem Applaus bedacht. In diesem handlichen 416seitigen Hilfsmittel für den Predigtdienst, das im Taschenformat erschien, waren über 4 500 Bibeltexte unter 70 Hauptthemen angeordnet. Jehovas Zeugen hatten nun die biblischen Antworten auf Fragen parat, die in ihrem Predigtdienst von Haus zu Haus aufgeworfen wurden.

      Am Mittwoch vormittag kündigte Bruder Knorr in der Ansprache „Hauptarbeit aller Diener“ einen weiteren Schritt in der fortlaufenden Schulung der Zeugen Jehovas an — ein umfangreiches Haus-zu-Haus-Schulungsprogramm, das in allen Versammlungen begonnen werden sollte. Erfahrenere Verkündiger wurden gebeten, den weniger erfahrenen dabei behilflich zu sein, das Königreich regelmäßig und wirkungsvoll von Haus zu Haus zu verkündigen. Dieses umfassende Programm begann am 1. September 1953. Jesse L. Cantwell, ein reisender Aufseher, der an dem Schulungsprogramm beteiligt war, sagte: „Dieses Programm half den Verkündigern wirklich, mehr zu erreichen.“

      In den Monaten nach dem Juli 1953 wurden auf allen fünf Kontinenten weitere Kongresse abgehalten, auf denen das gleiche Programm, den örtlichen Verhältnissen angepaßt, dargeboten wurde. Die intensivierte Schulung im Predigtdienst von Haus zu Haus wurde dadurch in den Versammlungen der Zeugen Jehovas auf der ganzen Erde eingeleitet. Im selben Jahr lag die Zahl der Königreichsverkündiger bei 519 982.

      Der weltweiten Ausdehnung gerecht werden

      Mitte der 50er Jahre wurden weitere Maßnahmen getroffen, um dem rapiden Wachstum in der Organisation gerecht zu werden. Über ein Jahrzehnt lang war N. H. Knorr um die Erde gereist, um sich ein Bild von der Tätigkeit in den Zweigbüros zu machen. Diese Reisen trugen sehr dazu bei, daß das Werk in den jeweiligen Ländern richtig beaufsichtigt und die weltweite Einheit der Zeugen Jehovas gestärkt wurde. Die Missionare und diejenigen, die überall in der Welt in Zweigbüros dienten, waren Bruder Knorr sehr ans Herz gewachsen. Wo er auch immer hinging, nahm er sich die Zeit, mit ihnen über ihre Probleme und Bedürfnisse zu sprechen und sie in ihrem Dienst zu ermuntern. 1955 gab es allerdings 77 Zweigbüros der Watch Tower Society und 1 814 in der Gileadschule ausgebildete Missionare, die in 100 verschiedenen Ländern dienten. In dem Bewußtsein, daß er mit der Aufgabe, die Zweigbüros und Missionarheime zu besuchen, überfordert war, sorgte Bruder Knorr dafür, daß sich noch andere an dieser wichtigen Aufgabe beteiligten.

      Die Erde wurde in zehn Zonen unterteilt, wobei jede Zone eine Anzahl Zweigbüros der Gesellschaft umschloß. Qualifizierte Brüder vom Hauptbüro in Brooklyn und erfahrene Zweigaufseher wurden als Zonendiener (heute Zonenaufseher) ernannt und von Bruder Knorr für ihre Aufgabe geschult. Am 1. Januar 1956 nahm der erste Zonendiener die neue Aufgabe wahr, Zweigbüros zu besuchen. 1992 dienten mehr als 30 Brüder, darunter Mitglieder der leitenden Körperschaft, als Zonenaufseher.

      Belehrung über den göttlichen Willen

      Im Sommer 1958 drohte im Nahen Osten ein Krieg auszubrechen. Trotz der Spannungen in den internationalen Beziehungen bereiteten Jehovas Zeugen einen internationalen Kongreß vor, durch den sie weiter über den göttlichen Willen belehrt würden. Es sollte auch ihr größter Kongreß in einer bestimmten Stadt werden.

      Bei dem Kongreß „Göttlicher Wille“ vom 27. Juli bis 3. August wurden das New Yorker Yankee-Stadion und die Polo Grounds von 253 922 Delegierten aus 123 Ländern überflutet. „Ströme von Zeugen Jehovas füllen das Stadion“, schrieb die New Yorker Zeitung Daily News vom 26. Juli 1958. „Die Mitglieder reisen mit acht Sonderzügen, 500 gemieteten Bussen und 18 000 Fahrgemeinschaften an sowie mit zwei gecharterten Schiffen und 65 Charterflugzeugen.“

      In der Gileadschule ausgebildete Missionare hatten dem Hauptbüro der Gesellschaft mitgeteilt, wie schwierig es sei, die biblische Wahrheit Personen zu lehren, die mit den Glaubensansichten und Lehren der Kirchen der Christenheit nicht vertraut seien. Sie wünschten sich sehnlichst eine Publikation, die einfach die wahren Bibellehren vermitteln würde und zugleich leicht verständlich wäre. Zur Freude der 145 488 Delegierten, die am Donnerstag, den 31. Juli nachmittags zugegen waren, gab Bruder Knorr die Freigabe des neuen Buches Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies bekannt.

      Bruder Knorr forderte alle auf, das neue Buch im Predigtdienst zu gebrauchen. Er wies auch darauf hin, daß es Eltern eine Hilfe wäre, ihre Kinder über die biblische Wahrheit zu belehren. Viele Eltern nahmen sich die Anregung zu Herzen. Grace A. Estep, eine Lehrerin, die in einem Dorf bei Pittsburgh (Pennsylvanien) aufwuchs, sagte: „Eine ganze Generation von Kindern ist aufgewachsen, die im Paradies-Buch herumblätterten, es zu den Zusammenkünften mitnahmen, mit ihren kleinen Spielkameraden darüber sprachen und die, schon lange bevor sie lesen konnten, allein über die Bilder eine ganze Menge biblische Geschichten zu erzählen wußten.“

      Es gab auch Lesestoff für diejenigen, die im Studium des Wortes Gottes schon fortgeschritten waren. Am Ende seines mitreißenden Vortrags „Dein Wille geschehe“ begeisterte Bruder Knorr die Zuhörerschaft mit der Freigabe eines neuen Buches, betitelt „Dein Wille geschehe auf Erden“. Mit dieser neuen Veröffentlichung, die das Bibelbuch Daniel eingehend behandelte, wurden die Leser darüber unterrichtet, wie der Wille Gottes geschah und weiter geschieht. „Dieses Buch wird euch außerordentlich gefallen!“ erklärte der Redner. 175 441 Zuschauer brachten durch stürmischen Beifall ihre Freude über dieses neue Hilfsmittel zum Ausdruck, durch das sie ihr Verständnis des göttlichen Willens vertiefen konnten.

      In seinen Schlußworten kündigte Bruder Knorr weitere spezielle Schulungsprogramme an, die der weltweiten Organisation zugute kommen würden. „Das Schulungswerk geht nicht zu Ende“, erklärte Knorr, „sondern ist auf dem Vormarsch.“ Er umriß Pläne für einen zehnmonatigen Lehrgang in Brooklyn für Aufseher von Zweigbüros der Gesellschaft in der ganzen Welt. Auch sollte es weltweit in vielen Ländern einmonatige Lehrgänge für reisende Aufseher geben sowie für diejenigen, die in den Versammlungen die Aufsicht innehatten. Wozu so viel Schulung? „Wir möchten uns auf eine höhere Stufe des Verständnisses zubewegen“, führte er weiter aus, „um noch tiefer in die Gedanken Jehovas einzudringen, die er in seinem Wort zum Ausdruck gebracht hat.“

      Die Vorbereitungsarbeit für diese Schulungsprogramme wurde sofort aufgenommen. Sieben Monate später, am 9. März 1959, begann die erste Klasse einer neuen Schule, der Königreichsdienstschule, in South Lansing (New York), dem Sitz der Gileadschule. Was dort anfing, breitete sich bald rund um die Erde aus, denn in der neuen Schule wurden diejenigen unterrichtet, die die Aufsicht in den Versammlungen innehatten.

      Gestärkt, um ‘im Glauben festzustehen’

      In den 60er Jahren wurde die menschliche Gesellschaft von einer Flutwelle religiöser und sozialer Veränderungen erfaßt. Geistliche bezeichneten gewisse Passagen der Bibel als Mythen oder als veraltet. Die „Gott-ist-tot“-Philosophie wurde immer populärer. Die menschliche Gesellschaft versank tiefer und tiefer in einem Morast der Unmoral. Durch den Wachtturm und andere Veröffentlichungen sowie durch Kongreßprogramme wurde Jehovas Volk gestärkt, um in diesem turbulenten Jahrzehnt ‘im Glauben festzustehen’ (1. Kor. 16:13).

      Auf Kongressen, die 1963 in der ganzen Welt stattfanden, wurde in der Ansprache „Das Buch der ‚ewigen guten Botschaft‘ ist nützlich“ die Bibel gegen die Angriffe der Kritiker verteidigt. „Kritiker der Bibel brauchen nicht darauf hinzuweisen, daß dieses Buch bloß von Menschen geschrieben wurde“, erklärte der Redner. „Die Bibel ist so ehrlich und teilt uns das selbst mit. Doch die Heilige Schrift unterscheidet sich von allen anderen von Menschen geschriebenen Büchern darin, daß sie ‚von Gott inspiriert‘ ist“ (2. Tim. 3:16, 17). Bei dieser begeisternden Ansprache wurde das Buch „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert und nützlich“ freigegeben. In der neuen Publikation wurde jedes Bibelbuch besprochen — es wurden Hintergrundinformationen gegeben, zum Beispiel wer das Buch schrieb, wann und wo es geschrieben wurde und wieso es glaubwürdig ist. Dann kam jeweils eine Zusammenfassung des Inhalts, gefolgt von der Passage „Wieso nützlich“, in der gezeigt wurde, warum das betreffende Bibelbuch für den Leser von großem Wert ist. Als wertvolles Hilfsmittel in der fortlaufenden biblischen Schulung der Zeugen Jehovas ist diese Veröffentlichung rund 30 Jahre nach ihrer Freigabe immer noch als Lehrbuch für die Theokratische Predigtdienstschule in Gebrauch.g

      Die sexuelle Revolution der 60er Jahre ging an Jehovas Zeugen nicht spurlos vorüber. Jedes Jahr mußten mehrere Tausend — ein kleiner Prozentsatz ihrer Gesamtzahl — ausgeschlossen werden, zumeist wegen Unmoral. Daher wurde dem Volk Jehovas 1964 auf den Bezirkskongressen mit gutem Grund direkter Rat gegeben. Lyle Reusch, ein reisender Aufseher, der aus Saskatchewan (Kanada) stammt, erinnert sich noch an den Vortrag „Die Organisation öffentlicher Diener rein erhalten“. Reusch sagte: „Ohne Umschweife, mit einer deutlichen, offenen Sprache, wurde das Thema Moral behandelt.“

      Der Vortrag wurde im Wachtturm vom 15. Januar 1965 abgedruckt. Darin hieß es zum Beispiel: „Ihr Mädchen, macht euch nicht zu einem solchen ‚Handtuch‘, an dem jeder Hurer oder symbolische ‚Hund‘ gleichsam seine schmutzigen Hände abtrocknen kann!“ (Vergleiche Offenbarung 22:15.)

      Mit diesem offenen Rat sollte Jehovas Zeugen geholfen werden, als Volk in einem moralisch reinen Zustand zu bleiben, um weiterhin würdig zu sein, die Königreichsbotschaft zu verkündigen. (Vergleiche Römer 2:21-23.)

      „Sag mal, was hat es eigentlich mit 1975 auf sich?“

      Die Zeugen hatten lange geglaubt, die Tausendjahrherrschaft Christi werde auf 6 000 Jahre Menschheitsgeschichte folgen. Aber wann würden 6 000 Jahre der Existenz des Menschen enden? Das Buch Ewiges Leben — in der Freiheit der Söhne Gottes, das 1966 auf den Bezirkskongressen freigegeben wurde, wies auf 1975 hin. Schon auf dem Kongreß, als die Brüder das neue Buch durchblätterten, wurde viel über 1975 diskutiert.

      Auf dem Kongreß in Baltimore (Maryland) hielt F. W. Franz die Schlußansprache. Er begann mit den Worten: „Kurz bevor ich das Podium betrat, kam ein junger Mann zu mir und meinte: ‚Sag mal, was hat es eigentlich mit 1975 auf sich?‘ “ Dann sprach Bruder Franz die Fragen an, die aufgekommen waren, nämlich ob der Inhalt des neuen Buches darauf hinausliefe, daß 1975 Harmagedon vorbei wäre und Satan gebunden wäre. Er erklärte in etwa: „Es könnte sein. Aber wir sagen nichts. Bei Gott ist alles möglich. Aber wir sagen nichts. Und keiner von euch sollte etwas Definitives darüber sagen, was zwischen der Gegenwart und 1975 geschehen wird. Doch der wichtige Gedanke bei alldem, liebe Brüder, ist der: Die Zeit ist kurz. Die Zeit läuft ab, darüber besteht kein Zweifel.“

      Viele Zeugen Jehovas handelten in den Jahren nach 1966 im Einklang mit dem Geist, der in diesem Rat zum Ausdruck kam. Allerdings wurden noch andere Erklärungen über dieses Thema veröffentlicht, und einige waren wahrscheinlich etwas zu definitiv. Das wurde im Wachtturm vom 15. Juni 1980 (S. 17) zugegeben. Aber Jehovas Zeugen wurden auch ermahnt, sich hauptsächlich darauf zu konzentrieren, den Willen Jehovas zu tun, und sich nicht übermäßig Gedanken über Daten oder eine frühzeitige Errettung zu machen.h

      Ein Hilfsmittel zur Beschleunigung des Werkes

      Ende der 60er Jahre hatten Jehovas Zeugen beim Verkündigen der guten Botschaft eine gewisse Erwartungshaltung und verspürten ein Gefühl der Dringlichkeit. 1968 war die Zahl der Königreichsverkündiger auf 1 221 504 in 203 Ländern und Inselgebieten angestiegen. Dennoch war es keine Seltenheit, daß Personen jahrelang die Bibel studierten, ohne nach der gewonnenen Erkenntnis zu leben. Gab es eine Möglichkeit, das Werk des Jüngermachens zu beschleunigen?

      Die Antwort kam 1968 mit der Freigabe eines neuen Hilfsmittels für das Bibelstudium — Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt. Dieses 192seitige Buch im Taschenformat war für neuinteressierte Personen gedacht. Es bestand aus 22 fesselnden Kapiteln über Themen wie „Warum man seine Religion prüfen sollte“, „Warum wir alt werden und sterben“, „Wo sind die Toten?“, „Warum hat Gott das Böse bis heute zugelassen?“ „Woran man die wahre Religion erkennt“ und „Das Familienleben glücklich gestalten“. Das Wahrheits-Buch war so aufgebaut, daß der Studierende ermuntert wurde, aus dem besprochenen Stoff Schlußfolgerungen zu ziehen und ihn in seinem Leben anzuwenden.

      Diese neue Veröffentlichung sollte in Verbindung mit einem sechsmonatigen Bibelstudienprogramm verwendet werden. In der Ausgabe des Königreichsdienstes vom September 1968 wurde das neue Programm wie folgt erklärt: „Es wäre gut zu versuchen, jede Woche ein ganzes Kapitel des ‚Wahrheits‘-Buches zu studieren, obgleich dies nicht bei allen Wohnungsinhabern oder mit allen Kapiteln des Buches möglich sein mag. ... Wenn sie sich nach sechs Monaten intensiven Studiums und gewissenhafter Anstrengungen, sie zu den Zusammenkünften zu bringen, noch nicht mit der Versammlung verbinden, dann mag es am besten sein, wenn ihr eure Zeit dazu verwendet, mit jemand anders zu studieren, der wirklich die Wahrheit kennenlernen und Fortschritte machen möchte. Macht es euch zum Ziel, die gute Botschaft bei Bibelstudien so darzubieten, daß interessierte Personen innerhalb von sechs Monaten etwas unternehmen!“

      Und sie unternahmen etwas! Innerhalb kurzer Zeit hatte das sechsmonatige Bibelstudienprogramm erstaunlichen Erfolg. In den drei Dienstjahren, die am 1. September 1968 begannen und am 31. August 1971 endeten, wurden insgesamt 434 906 Personen getauft — mehr als doppelt so viele wie in den drei vorherigen Dienstjahren. Da es zu einer Zeit kam, in der unter Jehovas Zeugen eine gewisse Erwartungshaltung und ein Gefühl der Dringlichkeit vorhanden war, trugen das Wahrheits-Buch und das sechsmonatige Bibelstudium sehr dazu bei, das Werk des Jüngermachens zu beschleunigen (Mat. 28:19, 20).

      „Dies muß wirksam sein, denn es kommt von Jehova“

      Viele Jahre waren die Versammlungen der Zeugen Jehovas so organisiert, daß ein geistig befähigter Mann von der Gesellschaft zum Versammlungsdiener oder „Aufseher“ ernannt wurde und daß ihm andere ernannte Diener oder ‘Gehilfen’ zur Seite standeni (1. Tim. 3:1-10, 12, 13). Diese Männer sollten der Herde dienen, nicht über sie herrschen (1. Pet. 5:1-4). Könnten sich aber die Versammlungen in ihrem Aufbau der Christenversammlung des ersten Jahrhunderts mehr annähern?

      Auf Kongressen, die 1971 weltweit stattfanden, wurde der Vortrag „Die theokratische Organisation inmitten der Demokratien und des Kommunismus“ gehalten. Am 2. Juli hielt F. W. Franz den Vortrag im New Yorker Yankee-Stadion. Er hob hervor, daß die Versammlungen des ersten Jahrhunderts, sofern genug befähigte Männer da waren, mehr als einen Aufseher hatten (Phil. 1:1). „Die Gruppe der Aufseher einer Versammlung würde eine ‚Körperschaft der älteren Männer‘ ... bilden“, sagte er. „Die Glieder einer solchen ‚Körperschaft [oder Versammlung] der älteren Männer‘ waren alle gleich, hatten die gleiche Amtsstellung inne, und keiner von ihnen war das wichtigste, prominenteste, einflußreichste Glied in der Versammlung“ (1. Tim. 4:14). Diese Ansprache wühlte die gesamte Zuhörerschaft auf. Wie würde sich dieser Aufschluß auf die Versammlungen der Zeugen Jehovas weltweit auswirken?

      Die Antwort kam zwei Tage später in der Schlußansprache von N. H. Knorr. Vom 1. Oktober 1972 an sollten weltweit Änderungen in der Aufsicht über die Versammlungen in Kraft treten. Es würde nicht mehr nur einen Versammlungsdiener oder Aufseher geben. Vielmehr sollten in den Monaten vor dem 1. Oktober 1972 verantwortungsbewußte, reife Männer in jeder Versammlung der Gesellschaft Männer zur Ernennung empfehlen, die als Körperschaft von Ältesten dienen würden (sowie Männer, die als Dienstamtgehilfen dienen würden). Ein Ältester würde zum Vorsitzenden bestimmt werden,j aber alle Ältesten hätten die gleiche Autorität und die gemeinsame Verantwortung, Entscheidungen zu treffen. „Diese organisatorischen Änderungen“, erklärte Bruder Knorr, „werden dazu beitragen, die Wirksamkeit der Versammlungen dem Worte Gottes genauer anzupassen, und sicherlich wird dies größere Segnungen von Jehova zur Folge haben.“

      Wie wurden diese Informationen über organisatorische Veränderungen von den versammelten Delegierten aufgenommen? Ein reisender Aufseher fühlte sich bewogen zu sagen: „Dies muß wirksam sein, denn es kommt von Jehova.“ Ein anderer Zeuge mit langjähriger Erfahrung meinte: „Es wird eine Ermunterung sein für alle reifen Männer, Verantwortung zu übernehmen.“ Ja, so viele befähigte Männer es auch gab, sie alle konnten jetzt ‘nach dem Amt eines Aufsehers streben’ und ernannt werden (1. Tim. 3:1). So konnten mehr Brüder wertvolle Erfahrung darin sammeln, in der Versammlung Verantwortung zu tragen. Sie alle wurden gebraucht — obwohl sie sich anfangs dessen nicht bewußt waren —, um die vielen Neuen zu hüten, die in den kommenden Jahren zuströmen würden.

      Die Darlegungen auf dem Kongreß führten auch zu einigen Klarstellungen und Veränderungen, die die leitende Körperschaft betrafen. Am 6. September 1971 wurde beschlossen, daß der Vorsitz in der leitenden Körperschaft in alphabetischer Reihenfolge wechseln sollte. Ein paar Wochen später, am 1. Oktober 1971, wurde F. W. Franz für ein Jahr Vorsitzender der leitenden Körperschaft.

      Im darauffolgenden Jahr, im September 1972, verschoben sich zum erstenmal die Aufgaben in den Versammlungen, und am 1. Oktober war der turnusgemäße Wechsel in den meisten Versammlungen vollzogen. In den nächsten drei Jahren erlebten Jehovas Zeugen ein eindrucksvolles Wachstum — mehr als eine Dreiviertelmillion Personen ließen sich taufen. Aber nun ging es auf den Herbst 1975 zu. Was wäre mit ihrem Eifer für die globale Predigttätigkeit und ihrer weltweiten Einheit, wenn sich all die Erwartungen für 1975 nicht erfüllten?

      Außerdem hatte Nathan H. Knorr, ein Mann mit einer dynamischen Persönlichkeit und einem herausragenden Organisationstalent, jahrzehntelang eine Schlüsselstellung innegehabt, wenn es darum ging, die Schulung innerhalb der Organisation zu fördern, den Menschen die Bibel zugänglich zu machen und ihnen zu helfen, sie zu verstehen. Wie würde es sich auf diese Ziele auswirken, daß man zu einer umfassenderen Aufsicht in den Händen der leitenden Körperschaft überging?

      [Fußnoten]

      a Der Wachtturm, 1. Februar 1942 (engl.), Seite 45; Trost, 4. Februar 1942 (engl.), Seite 17.

      b Im September 1945 lehnte Bruder Covington höflich ab, weiter als Vizepräsident der Watch Tower Bible and Tract Society (von Pennsylvanien) zu dienen, und erklärte, es sei sein Wunsch, mit dem derzeitigen Verständnis in Einklang zu handeln, wonach es der Wille Jehovas sei, daß der gesamte Vorstand einschließlich der Geschäftsführung geistgesalbte Christen seien, wohingegen er sich zu den „anderen Schafen“ zähle. Am 1. Oktober wurde Lyman A. Swingle in den Vorstand gewählt, und am 5. Oktober wählte man Frederick W. Franz zum Vizepräsidenten. (Siehe Jahrbuch 1946 der Zeugen Jehovas, S. 253—257; Wachtturm, 1. November 1945, engl., S. 335, 336.)

      c Siehe Kapitel 30: „‘Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft’ “.

      d Ausführliche Berichte über die Reise erschienen 1946 im Wachtturm. (Siehe Seite 77—79, 92—95, 125—128, 157—160, 172—174, 188—192, 206—208, 221—224.)

      e Innerhalb weniger Jahre wurde dieses Hilfsmittel für das Bibelstudium weltweit bekannt. Von der revidierten Auflage, die am 1. April 1952 erschien, wurden über 19 000 000 Bücher in 54 Sprachen gedruckt.

      f Siehe Wachtturm 1947, Seite 236—240, 267—272, 285—288, 301—304, 316—318, 331 bis 336, 347—352, 363—368, 380—382 und Wachtturm 1948, Seite 29—32, 43—48, 60—64, 93—96, 110, 111.

      g Das Buch „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert und nützlich“ wurde 1990 auf den neusten Stand gebracht.

      h Zum Beispiel erschienen im Wachtturm folgende Artikel: „Die verbleibende Zeit weise nutzen“ (1. August 1968); „Gott dienen in der Hoffnung auf die Ewigkeit“ (15. September 1974); „Warum wir von ‚jenem Tag und jener Stunde‘ nicht in Kenntnis gesetzt worden sind“ und „Wie berührt es dich, daß du ‚Tag und Stunde‘ nicht kennst?“ (1. August 1975). Noch früher, im Jahre 1963, hieß es in dem Buch „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert und nützlich“ (engl.): „Es ist nicht gut, die biblische Chronologie zu benutzen, um Mutmaßungen über Daten anzustellen, die im Strom der Zeit noch in der Zukunft liegen (Matth. 24:36).“

      i Siehe Kapitel 15: „Die Entwicklung der organisatorischen Struktur“.

      j Der Redner führte weiter aus, daß vom 1. Oktober 1972 an der Vorsitz in der Ältestenschaft jeder Versammlung jährlich turnusgemäß wechseln würde. Das änderte sich 1983, als alle Ältestenschaften gebeten wurden, einen vorsitzführenden Aufseher zu empfehlen, der nach seiner Ernennung durch die Gesellschaft für unbestimmte Zeit als Vorsitzender der Ältestenschaft dienen würde.

      [Herausgestellter Text auf Seite 92]

      Predigen trotz Verhaftungen und Pöbelaktionen

      [Herausgestellter Text auf Seite 94]

      Globale Ausdehnung und Schulung in nie gekanntem Ausmaß

      [Herausgestellter Text auf Seite 103]

      Die Bibel gegen die Angriffe der Kritiker verteidigt

      [Herausgestellter Text auf Seite 104]

      „Der wichtige Gedanke bei alldem, liebe Brüder, ist der: Die Zeit ist kurz“

      [Herausgestellter Text auf Seite 106]

      „Eine Ermunterung ... für alle reifen Männer, Verantwortung zu übernehmen“

      [Kasten auf Seite 91]

      N. H. Knorrs Werdegang

      Nathan Homer Knorr wurde am 23. April 1905 in Bethlehem in Pennsylvanien (USA) geboren. Mit 16 Jahren schloß er sich der Versammlung der Bibelforscher in Allentown an. 1922 besuchte er den Kongreß in Cedar Point (Ohio), auf dem er sich entschloß, aus der reformierten Kirche auszutreten. Am 4. Juli des darauffolgenden Jahres (1923) war der 18jährige Nathan unter denen, die sich nach der von Frederick W. Franz aus dem Brooklyner Bethel gehaltenen Taufansprache im Little Lehigh River in Ostpennsylvanien taufen ließen. Vom 6. September 1923 an gehörte Bruder Knorr zur Brooklyner Bethelfamilie.

      Bruder Knorr setzte sich unermüdlich in der Versandabteilung ein, und bald entdeckte man sein Organisationstalent. Als Robert J. Martin, der für die Druckerei der Gesellschaft verantwortlich war, am 23. September 1932 starb, wurde Bruder Knorr an seiner Stelle ernannt. Am 11. Januar 1934 wurde Bruder Knorr in den Vorstand der Peoples Pulpit Association (heute Watchtower Bible and Tract Society of New York, Inc.) gewählt, und im darauffolgenden Jahr setzte man ihn zum Vizepräsidenten dieser Vereinigung ein. Am 10. Juni 1940 wurde er Vizepräsident der Watch Tower Bible and Tract Society (pennsylvanische Körperschaft). Im Januar 1942 erfolgte seine Wahl zum Präsidenten beider Gesellschaften sowie zum Präsidenten der britischen Körperschaft, der International Bible Students Association.

      In den Jahren danach war Frederick W. Franz, der älter war als Bruder Knorr und sich mit seinen Sprachkenntnissen und seiner Erfahrung als Bibelgelehrter für die Organisation bereits als äußerst wertvoll erwiesen hatte, einer seiner engsten Mitarbeiter und getreuesten Berater.

      [Kasten auf Seite 93]

      Eine ermutigende Aussicht

      Die Delegierten auf dem „Theokratischen Neue-Welt-Kongreß“, der im September 1942 in Cleveland (Ohio) stattfand, freuten sich, als W. E. Van Amburgh, der betagte Schriftführer und Schatzmeister der Gesellschaft, zu ihnen sprach. Bruder Van Amburgh erzählte, daß er seinen ersten Kongreß im Jahre 1900 in Chicago besucht habe und daß es ein „großer“ Kongreß gewesen sei — mit rund 250 Anwesenden. Nachdem er andere „große“ Kongresse erwähnt hatte, bei denen er über die Jahre zugegen gewesen war, schloß er mit der ermutigenden Aussicht: „Dieser Kongreßk erscheint uns heute riesengroß, doch so groß er auch im Vergleich zu denen ist, die ich in der Vergangenheit besucht habe, wird er meiner Meinung nach im Vergleich zu den künftigen, sobald der Herr beginnt, sein Volk von allen Enden der Erde zu versammeln, sehr klein sein.“

      [Fußnote]

      k In Cleveland betrug die Anwesendenhöchstzahl 26 000, und die Gesamtzahl aller Anwesenden in den 52 Kongreßstädten quer durch die Vereinigten Staaten belief sich auf 129 699.

      [Kasten/Karten auf Seite 96]

      N. H. Knorrs Dienstreisen 1945—1956

      1945/46: Zentralamerika, Südamerika, Nordamerika, Europa, Karibik

      1947/48: Nordamerika, pazifische Inseln, Asien, Naher Osten, Europa, Afrika

      1949/50: Nordamerika, Zentralamerika, Südamerika, Karibik

      1951/52: Nordamerika, pazifische Inseln, Asien, Europa, Naher Osten, Afrika

      1953/54: Südamerika, Karibik, Nordamerika, Zentralamerika

      1955/56: Europa, pazifische Inseln, Asien, Nordamerika, Naher Osten, Nordafrika

      [Karten]

      (Siehe gedruckte Ausgabe)

      [Kasten auf Seite 105]

      „Heute habe ich wieder angefangen nachzudenken“

      Jehovas Zeugen haben das 1968 veröffentlichte Buch „Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt“ überall bei Bibelstudien mit interessierten Personen verwendet. Diese zeitgemäße Publikation verhalf Hunderttausenden von denkenden Menschen zu einer genauen Erkenntnis der Bibel. In dem Dankesbrief einer Leserin aus den Vereinigten Staaten von 1973 hieß es: „Heute kam eine sehr nette Dame an meine Tür und gab mir das Buch ‚Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt‘. Ich habe es soeben durchgelesen. Zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben habe ich an einem Tag 190 Seiten gelesen. Am 29. Juni 1967 hatte ich meinen Glauben an Gott verloren. Heute habe ich wieder angefangen nachzudenken.“

      [Bild auf Seite 95]

      Gileadschule in South Lansing (New York)

      [Bild auf Seite 97]

      Bruder Knorr, hier bei einem Besuch auf Kuba, reiste viele Male um die Welt

      [Bilder auf Seite 98]

      Bruder Knorr war der Meinung, daß jeder Zeuge imstande sein sollte, von Haus zu Haus zu predigen

      England

      Libanon

      [Bild auf Seite 99]

      Als Präsident der Gesellschaft arbeitete Bruder Knorr über 35 Jahre lang eng mit Bruder Franz zusammen

      [Bild auf Seite 100]

      Vorstand der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania Mitte der 50er Jahre. Von links nach rechts: Lyman A. Swingle, Thomas J. Sullivan, Grant Suiter, Hugo H. Riemer, Nathan H. Knorr, Frederick W. Franz, Milton G. Henschel

      [Bilder auf Seite 102]

      1958 strömten Delegierte aus 123 Ländern in das Yankee-Stadion, um den Kongreß „Göttlicher Wille“ zu besuchen

      [Bild auf Seite 107]

      Publikationen für die Schulung der Zeugen Jehovas im Predigtdienst

      [Bild auf Seite 107]

      Einige der Veröffentlichungen für den Gebrauch im Predigtdienst

      [Bild auf Seite 107]

      Bücher, die feste Speise enthielten, um das Volk Jehovas im Glauben zu stärken

      [Bild auf Seite 107]

      Hilfsmittel zum Nachforschen und Studieren

  • Das Wort Jehovas läuft ständig schnell (1976—1992)
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 9

      Das Wort Jehovas läuft ständig schnell (1976—1992)

      „Schließlich, Brüder, betet weiterhin für uns, daß das Wort Jehovas ständig schnell laufe [oder: „renne“, „Kingdom Interlinear“] und verherrlicht werde, so wie es tatsächlich bei euch der Fall ist“ (2. Thes. 3:1).

      MIT diesen Worten bat der Apostel Paulus seine Mitgläubigen in Thessalonich, darum zu beten, daß es ihm und seinen Gefährten gelingen möge, das Wort Jehovas ungehindert zu verkündigen. Jehova erhörte dieses Gebet. Das heißt aber nicht, daß der Apostel sich nicht mit Problemen hätte abgeben müssen. Er wurde von der Welt heftig angefeindet und hatte mit falschen Brüdern zu tun, die sich betrügerisch verhielten (2. Kor. 11:23-27; Gal. 2:4, 5). Dennoch konnte Paulus nach ungefähr zehn Jahren schreiben, daß als Folge des Segens Gottes die gute Botschaft ‘in der ganzen Welt Frucht trug und zunahm’ (Kol. 1:6).

      Auch heute trägt die gute Botschaft Frucht — in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Mehr Menschen als jemals zuvor hören die gute Botschaft und nehmen sie bereitwillig an. Die Verheißungen in Gottes Wort ‘laufen schnell’ ihrer Erfüllung entgegen — wie ein Läufer in einem Rennen (Jes. 60:22).

      Organisatorische Änderungen

      Bis 1976 hatte Bruder Knorr über drei Jahrzehnte lang als Präsident der Watch Tower Society angestrengt gearbeitet. Er war viele Male rund um die Erde gereist und hatte bei seinen Besuchen Missionaren Mut zugesprochen und Mitarbeiter von Zweigbüros gründlich unterwiesen. Er durfte erleben, wie die Zahl der tätigen Zeugen Jehovas von 117 209 im Jahre 1942 auf 2 248 390 im Jahre 1976 anstieg.

      Doch im Sommer 1976 merkte der 71jährige N. H. Knorr auf einmal, daß er sich immer wieder stieß. Ärztliche Untersuchungen ergaben, daß Verdacht auf einen inoperablen Hirntumor bestand. Er gab sich ein paar Monate alle Mühe, weiterhin ein gewisses Arbeitspensum zu schaffen, aber es stand schlecht um ihn. Würde es nun wegen seiner nachlassenden Gesundheit mit dem Werk nicht mehr vorwärtsgehen?

      Man hatte 1971 bereits begonnen, die leitende Körperschaft zu vergrößern. 1975 gehörten ihr 17 Männer an. Während dieses Jahres hatte die leitende Körperschaft viele Monate lang unter Gebet sorgfältig erwogen, wie sie sich am besten um alle Aufgaben in Verbindung mit dem weltweiten Predigt- und Lehrwerk kümmern könnte, das in Gottes Wort für die heutige Zeit beschrieben wird (Mat. 28:19, 20). Am 4. Dezember 1975 hatte die leitende Körperschaft einstimmig eine der bedeutendsten organisatorischen Änderungen in der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas gutgeheißen.

      Ab 1. Januar 1976 war die gesamte Tätigkeit der Watch Tower Society und der Versammlungen der Zeugen Jehovas auf der ganzen Erde der Aufsicht von sechs Komitees der leitenden Körperschaft unterstellt, die sich verschiedener Aufgabenbereiche annahmen. Damit in Übereinstimmung war am 1. Februar 1976 weltweit in allen Zweigbüros der Gesellschaft eine Änderung in Kraft gesetzt worden. Jetzt wurde nicht mehr jedes Zweigbüro von einem einzigen Zweigaufseher beaufsichtigt, sondern es dienten drei oder mehr reife Männer als Zweigkomitee, von denen einer ständiger Koordinator war.a Einige Monate nachdem die Komitees ihre Tätigkeit aufgenommen hatten, erklärte die leitende Körperschaft: „Es hat sich als nützlich erwiesen, daß mehrere Brüder miteinander beraten, wie die Interessen des Königreichswerkes am besten gefördert werden können (Spr. 11:14; 15:22; 24:6).“

      Im Herbst 1976 wirkte Bruder Knorr — obwohl es nach wie vor schlecht um ihn stand — bei der Unterweisung mit, die Zweigkomiteemitglieder und andere Mitarbeiter von Zweigbüros aus aller Welt bei Zusammenkünften im Hauptbüro erhielten. Abgesehen davon, daß er tagsüber an den Zusammenkünften teilnahm, lud Bruder Knorr diese Brüder abends in kleinen Gruppen in sein Zimmer ein. So standen er und seine Frau Audrey in freundschaftlichem Kontakt mit den Männern, die ihn kannten und liebten und mit denen er über die Jahre eng zusammengearbeitet hatte. Nach diesen Zusammenkünften ging es mit Bruder Knorr ständig bergab, bis er am 8. Juni 1977 starb.

      Am 22. Juni 1977, zwei Wochen nach Bruder Knorrs Tod, wurde der 83jährige Frederick W. Franz zum Präsidenten der Watch Tower Society gewählt. Über Bruder Franz hieß es im Wachtturm vom 15. September 1977: „Sein Ruf als bedeutender Bibelgelehrter und seine unermüdliche Arbeit zur Förderung der Königreichsinteressen haben ihm das Vertrauen und die loyale Unterstützung der Zeugen Jehovas überall eingetragen.“

      Vor dieser Übergangszeit waren bereits organisatorische Neuerungen eingeführt worden, durch die gewährleistet war, daß es mit dem Werk vorwärtsging.

      Geistige Bedürfnisse durch biblische Literatur gestillt

      Jehovas Zeugen erhielten vor 1976 gute geistige Speise. Wenn man aber in Betracht zieht, was seither unter der Regie der leitenden Körperschaft und ihres Schreibkomitees geschehen ist, stellt man fest, daß die Wasser der Wahrheit in immer größerer Menge und Vielfalt geflossen sind.

      Viele Veröffentlichungen sind speziellen Bedürfnissen der Zeugen Jehovas entgegengekommen. Es wurde besonders an die Jüngeren gedacht. Damit sie biblische Grundsätze in ihren verschiedenen Lebenslagen besser anwenden könnten, wurde 1976 Mache deine Jugend zu einem Erfolg veröffentlicht und 1989 Fragen junger Leute — Praktische Antworten. Die für Kinder geschriebene bebilderte Publikation Mein Buch mit biblischen Geschichten kam 1978 heraus. Im selben Jahr wurde in dem Buch Das Familienleben glücklich gestalten praktischer wegweisender Rat zur Stärkung des familiären Zusammenhalts erteilt.

      Von Zeit zu Zeit ist im Wachtturm aktueller Rat zu speziellen Bedürfnissen des Volkes Jehovas gegeben worden. Zum Beispiel ließ der Bericht über die weltweite Tätigkeit der Zeugen Jehovas von 1977/78 erkennen, daß die Zahl derer, die sich am Predigtwerk beteiligten, abgenommen hatte. War die Abnahme zumindest teilweise unerfüllten Erwartungen für 1975 zuzuschreiben? Vielleicht. Aber es gab noch andere Faktoren. Was könnte man tun?

      Die leitende Körperschaft unternahm Schritte, um Jehovas Zeugen in ihrer Überzeugung zu stärken, daß die eifrige Verkündigung des Königreiches von Haus zu Haus fortgesetzt werden müsse. Der Wachtturm vom 15. Oktober 1979 enthielt die Artikel „Eifer um das Haus Jehovas“, „In einer gesetzlosen Welt predigen“, „Sie predigten von Haus zu Haus“ und „Was andere über das Zeugnisgeben von Haus zu Haus gesagt haben“. Diese und andere Artikel bekräftigten, daß das Predigen von Haus zu Haus eine feste biblische Grundlage hat, und forderten dazu auf, sich eifrig und mit ganzer Seele an dieser wichtigen Tätigkeit zu beteiligenb (Apg. 20:20; Kol. 3:23).

      Noch eine weitere Situation bedurfte der Aufmerksamkeit. In den Jahren bis 1980 versuchten einige, die sich über Jahre an der Tätigkeit der Zeugen Jehovas beteiligt und zum Teil in führenden Stellungen in der Organisation gedient hatten, auf verschiedene Weise, Spaltungen zu verursachen und dem Werk der Zeugen Jehovas Widerstand zu leisten. Damit das Volk Jehovas gegen den Einfluß Abtrünniger gewappnet wäre, brachte Der Wachtturm Artikel wie „Bleibe ‚fest im Glauben‘ “ (1. November 1980), „Das ‘unauffällige Einführen verderblicher Sekten’ “ (15. Dezember 1983) und „Widerstehe der Abtrünnigkeit, halte an der Wahrheit fest!“ (1. Juli 1983), während in dem Buch „Dein Königreich komme“ (1981) Nachdruck auf die Tatsache gelegt wurde, daß Gottes Königreich nahe ist, da es 1914 im Himmel aufgerichtet wurde. Die leitende Körperschaft ließ sich durch die Gegner nicht vom Hauptziel der Zeugen Jehovas ablenken — Gottes Königreich zu verkündigen!

      Wie wurde aber dem Bedürfnis der Zeugen Jehovas Rechnung getragen, ihre Erkenntnis der biblischen Wahrheit fortgesetzt zu erweitern? Für das tiefschürfende Bibelstudium wurde 1984 eine revidierte Ausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung herausgegeben, die zahlreiche Schriftstellenverweise und Fußnoten sowie einen umfassenden Anhang enthält. Vier Jahre später, 1988, war das Volk Jehovas begeistert, das Buch Die Offenbarung — Ihr großartiger Höhepunkt ist nahe! mit einer aktuellen Vers-für-Vers-Besprechung der Offenbarung zu erhalten sowie das zweibändige biblische Nachschlagewerk Einsichten über die Heilige Schrift in Englisch. 1991 wurde dann das schön illustrierte Buch Der größte Mensch, der je lebte veröffentlicht — eine eingehende Betrachtung des Lebens und der Lehren Jesu Christi.

      Wie ist man aber den Bedürfnissen von Personen entgegengekommen, die keine Zeugen Jehovas sind? Zur Unterweisung Neuinteressierter wurde 1982 das Buch Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben freigegeben. Es ist so aufgebaut, daß Menschen, die die Bibel studieren, lernen, wie sie den Anforderungen Jehovas für das Leben in einem irdischen Paradies entsprechen können. Als Hilfe für Personen, die Fragen über den Ursprung und den Sinn des Lebens auf der Erde haben, wurde 1985 das Buch Das Leben — Wie ist es entstanden? Durch Evolution oder durch Schöpfung? herausgebracht. 1989 folgte das glaubensstärkende Buch Die Bibel — Gottes oder Menschenwort?

      Es wurde auch an einfache Menschen gedacht, die wegen ihrer kulturellen und religiösen Herkunft womöglich spezielle Hilfe brauchen. Um die Wahrheit über Jehovas Königreich Personen zu vermitteln, die nur schlecht oder gar nicht lesen können, wurde 1982 die 32seitige Broschüre Für immer auf der Erde leben! freigegeben. Bis einschließlich 1992 waren über 76 000 000 Exemplare gedruckt worden, und sie wurde weltweit in 200 Sprachen verbreitet, das heißt, sie ist die meistübersetzte Veröffentlichung der Watch Tower Society.

      Im Jahre 1983 wurden speziell für Muslime, Buddhisten und Hindus drei Broschüren hergestellt. Damit man bei Menschen, die in solchen Religionen erzogen worden sind, Gehör findet, ist es hilfreich, etwas über ihre Religion zu wissen — über die Lehren und den geschichtlichen Hintergrund. Um diesem Bedürfnis zu entsprechen, wurde 1990 das Buch Die Suche der Menschheit nach Gott freigegeben.

      Die leitende Körperschaft war sehr daran interessiert, so vielen Menschen wie nur möglich die Königreichsbotschaft zu vermitteln — Menschen „aus allen Nationen und Stämmen und ... Zungen“ (Offb. 7:9). Deshalb sorgte man dafür, daß die Literatur in noch viel mehr Sprachen übersetzt wurde. Zum Beispiel nahm von 1976 bis 1992 die Zahl der Sprachen, in denen Der Wachtturm erscheint, um ungefähr 42 Prozent zu. Im Oktober 1992 waren es 111 Sprachen. Um möglichst rasches Übersetzen zu gewährleisten, waren im selben Jahr weltweit mehr als 800 Übersetzer tätig.

      Lehrprogramme verbessert und vielfältiger gestaltet

      Unter der Regie der leitenden Körperschaft und ihres Lehrkomitees wurden Lehrprogramme für die Mitarbeiter des Hauptbüros und für die Bethelfamilien in den Zweigbüros rund um die Erde verbessert und vielfältiger gestaltet. Zu der Vorlesung aus der Bibel und aus dem Jahrbuch bei der morgendlichen Anbetung ist hinzugekommen, daß die Bibelpassage, die jeweils in der vorhergehenden Woche gelesen wurde, gründlich analysiert und auf die Bethelmitarbeiter angewandt wird. Außerdem hat man eingeführt, daß regelmäßig aus verschiedenen Abteilungen des Bethels berichtet wird und daß Zonenaufseher öfter Berichte geben.

      Um auf die Bedürfnisse derer einzugehen, die in der Organisation größere Verantwortung haben, wurden weitere Schulungsprogramme geplant und in Gang gesetzt. 1977 bereitete man einen 15stündigen Kurs der Königreichsdienstschule vor, an dem alle Ältesten teilnehmen sollten (Apg. 20:28). Seither wurden alle paar Jahre ähnliche Lehrgänge unterschiedlicher Länge arrangiert; und von 1984 an wurden in der Königreichsdienstschule auch Dienstamtgehilfen unterwiesen. In Brooklyn führte man im Dezember 1977 eine spezielle fünfwöchige Schulung für Mitglieder von Zweigkomitees ein.

      Besondere Aufmerksamkeit wurde auch denen geschenkt, die sich im Vollzeitdienst als Pioniere verausgaben. Im Dezember 1977 wurde in den Vereinigten Staaten mit der Pionierdienstschule begonnen, einem zweiwöchigen Lehrgang für Pionierverkündiger, der schließlich auf der ganzen Erde abgehalten wurde. In den nächsten 14 Jahren stieg die Zahl der Pioniere auf mehr als das Fünffache — von 115 389 auf 605 610!

      Im Herbst 1987 wurde noch eine neue Schule eröffnet — die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung. Diese Schule wurde gegründet, um qualifizierte ledige Brüder weiterzubilden, die eine gewisse Erfahrung als Älteste und Dienstamtgehilfen hatten und bereit waren, irgendwo zu dienen, wo in Verbindung mit der weltweiten Predigttätigkeit Hilfe erforderlich war. Bis 1992 hatten bereits in Australien, Deutschland, El Salvador, Frankreich, Großbritannien, Italien, Mexiko, Nigeria, Österreich, Schweden, Spanien und in den Vereinigten Staaten Kurse stattgefunden. Das Ergebnis ist keine Klasse von Einzelpersonen, die in der Versammlung als höherstehend gelten, sondern eine Zunahme der Männer, die sich bestens dafür eignen, ihren Brüdern zu dienen.

      Zur Förderung des weltweiten biblischen Schulungswerkes wurden in günstig gelegenen Städten internationale Kongresse geplant — zum Teil in Ländern, wo Jehovas Zeugen verboten gewesen waren. Die Kongresse dienten dazu, die Brüder dort zu stärken und dem Predigen der guten Botschaft in diesen Ländern starken Auftrieb zu geben.c

      Neue Einrichtungen, die das Wachstum erforderlich gemacht hat

      Da das Wort Jehovas fortgesetzt schnell lief, wurden auf dem Gebiet des Bauens und Druckens äußerst erfreuliche Entwicklungen notwendig — Tätigkeitsbereiche unter der Aufsicht der leitenden Körperschaft und ihres Verlagskomitees.

      Zeugen Jehovas mit Erfahrung im Bauwesen stellten sich freiwillig zur Verfügung, und die Arbeit wurde so koordiniert, daß sie weltweit bei der Errichtung von neuen und größeren Zweiggebäuden mithelfen konnten. Von 1976 bis 1992 wurde in rund 60 Ländern die Errichtung völlig neuer Zweiggebäude in Angriff genommen. Daneben wurden in 30 Ländern Projekte zur Erweiterung bestehender Einrichtungen in Gang gesetzt. Die Art und Weise, wie die Arbeit getan wurde (mit Freiwilligen aus vielen Versammlungen — mitunter aus anderen Ländern), diente dazu, die Liebe und Einheit unter dem Volk Jehovas zu stärken.d

      Da die Gesellschaft immer mehr Publikationen in immer mehr Sprachen druckte, entwickelten Zeugen Jehovas, die im Computerwesen Erfahrung hatten, ein Computersystem zur Druckvorbereitung, MEPS genannt — Multilanguage Electronic Phototypesetting System (vielsprachiges elektronisches Fotosatzsystem). Das Projekt war 1986 fertig. Als Folge davon erschien Der Wachtturm 1992 in 66 Sprachen simultan. Somit konnte die große Mehrheit der Zeugen Jehovas die gleiche geistige Speise zur gleichen Zeit erhalten.e

      Da sich die Einrichtungen der Watch Tower Society fortlaufend vergrößerten, wurden im Hauptbüro in Brooklyn und in den Zweigbüros weltweit mehr Freiwillige gebraucht. Zwischen 1976 und 1992 verdreifachte sich die Größe der internationalen Bethelfamilie von rund 4 000 auf über 12 900 in der ganzen Welt. Die leitende Körperschaft und ihr Personalkomitee haben sich um die persönlichen und geistigen Bedürfnisse dieses großen Heers von freiwilligen Vollzeitdienern gekümmert.

      Sorge für die Versammlungen und das Evangelisierungswerk

      Während das Wort Jehovas schnell Fortschritte machte, verwendeten die leitende Körperschaft und ihr Dienstkomitee ihre Energie darauf, weltweit die Versammlungen zu erbauen und das Evangelisierungswerk auszudehnen.

      Konnte mehr getan werden, um den vielen Neugetauften zu helfen, die jedes Jahr hinzukamen? Anfang 1977 sorgte man dafür, daß neue Zeugen in ihrem Glauben gestärkt wurden. In Unserem Königreichsdienst hieß es: „Wir glauben, daß mit jedem, der in die Wahrheit kommt, wenigstens zwei Bücher studiert werden sollten. ... Das Studium sollte also nach der Taufe so lange fortgesetzt werden, bis das zweite Buch vollständig studiert ist.“ Dadurch hatten neugetaufte Zeugen mehr Möglichkeiten, Erkenntnis und Verständnis zu erlangen, und erkannten deutlicher, was es heißt, getauft zu sein. Die neue Vorgehensweise regte auch zu weiterer enger Gemeinschaft zwischen dem Neuen und dem Zeugen an, der ihm in seinem Heimbibelstudium geholfen hatte.

      Um sich derer anzunehmen, die in die Organisation strömten, wurden zwischen 1976 und 1992 über 29 000 neue Versammlungen gegründet (Mi. 4:1). Mehr Kreis- und Bezirksaufseher wurden von der leitenden Körperschaft ernannt und zum Helfen ausgesandt. Die Zahl dieser reisenden Aufseher stieg von etwa 2 600 im Jahre 1976 auf rund 3 900 im Jahre 1992.

      Mit der zunehmenden Zahl von Versammlungen wurden auch immer mehr Räumlichkeiten für Zusammenkünfte erforderlich. Gab es eine Möglichkeit, Königreichssäle schneller zu bauen? In den 70er Jahren organisierten Jehovas Zeugen in den Vereinigten Staaten ein Bauprogramm, bei dem geschickte Bauarbeiter aus benachbarten Gegenden des Landes eingeladen wurden, den ortsansässigen Zeugen beim Bau eines Königreichssaals zu helfen. Mit Hunderten von Helfern konnte ein Saal schnell fertiggestellt werden — oft in nur zwei bis drei Tagen. In den 80er Jahren wurden in anderen Ländern ebenfalls Königreichssäle in Schnellbauweise errichtet.

      Auch die politischen Veränderungen in Osteuropa wirkten sich auf Jehovas Zeugen aus. Unsere Brüder in Ländern wie der DDR, Polen, Rumänien, der Sowjetunion und Ungarn waren überglücklich, zu erfahren, daß ihnen die rechtliche Anerkennung gewährt wurde — in einigen Fällen nach 40 Jahren Verbot! Durch die größere Freiheit in diesen Ländern war es für sie jetzt leichter, ungefähr 380 000 000 Menschen die gute Botschaft zu überbringen. Jehovas Zeugen verloren keine Zeit und nutzten ihre neugefundene Freiheit, um an der öffentlichen Predigttätigkeit teilzunehmen.

      Wozu hat das geführt? Das Wort Jehovas ist schnell gelaufen! Zum Beispiel berichteten im April 1992 in Polen 106 915 Königreichsverkündiger über ihre Tätigkeit. Und es bestanden äußerst günstige Aussichten auf künftiges Wachstum: Im selben Monat wohnten 214 218 Personen der Feier zum Gedenken an den Tod Christi bei. Und in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion besuchten 1992 insgesamt 173 473 das Gedächtnismahl, 60 Prozent mehr als im Vorjahr.

      In manchen Ländern sind allerdings anhaltende Verfolgung und Naturkatastrophen ein Hindernis gewesen. 1992 unterlag die Tätigkeit der Zeugen Jehovas noch in 24 Ländern gesetzlichen Einschränkungen. Das Komitee des Vorsitzenden der leitenden Körperschaft tut sein möglichstes, ihnen Beistand zu leisten und die internationale Bruderschaft darüber zu informieren, wie sie ihren Mitgläubigen, die unter Gegnerschaft dienen, helfen kann. (Vergleiche 1. Korinther 12:12-26.) Weder Verfolgungsaktionen noch Naturkatastrophen konnten das Predigen des Wortes Jehovas zum Stillstand bringen.

      „Ein Volk ..., das insbesondere sein eigen ist“

      Man kann also wirklich sagen, daß das Wort Jehovas in den Jahren von 1976 bis 1992 schnell Fortschritte gemacht hat. Die Organisation ist fast auf das Doppelte angewachsen — auf über 4 470 000 Königreichsverkündiger.

      Jehovas Diener haben nicht aufgehört, eifrig Gottes Königreich zu verkündigen, heute in mehr Sprachen denn je. Durch die bereitgestellten Publikationen haben sie ihre Bibelkenntnis vertieft und interessierten Personen geholfen, biblische Wahrheiten kennenzulernen. Sie haben aus den Schulungsprogrammen Nutzen gezogen, die für Brüder mit größerer Verantwortung in der Organisation eingerichtet worden sind. Jehova hat die Verkündigung seines Königreiches zweifellos gesegnet.

      Von den 1870er Jahren bis heute haben bestimmte Männer einen hervorragenden Beitrag zur Förderung des Königreichswerkes geleistet, Männer wie Charles T. Russell, Joseph F. Rutherford, Nathan H. Knorr und Frederick W. Franz sowie andere, die in der leitenden Körperschaft gedient haben. Doch in keiner Weise sind Jehovas Zeugen eine Sekte um einen dieser Männer herum geworden. Nein, sie haben nur einen einzigen Führer, den „Christus“ (Mat. 23:10). Er ist das Haupt dieser organisierten Zeugen Jehovas — er, dem „alle Gewalt im Himmel und auf der Erde gegeben worden“ ist, um das Werk „alle Tage bis zum Abschluß des Systems der Dinge“ zu leiten (Mat. 28:18-20). Sie sind entschlossen, sich der Führung Christi zu unterstellen, sich eng an Gottes Wort zu halten und unter der Leitung des heiligen Geistes vereint zu arbeiten, damit sie in der Anbetung des allein wahren Gottes weiter Fortschritte machen und sich als „ein Volk“ erweisen, „das insbesondere sein eigen ist, eifrig für vortreffliche Werke“ (Tit. 2:14).

      Durch welche Grundlehren und Verhaltensregeln unterscheiden sich Jehovas Zeugen aber von allen anderen Religionsgemeinschaften? Wie wurden sie als Jehovas Zeugen bekannt? Wie wird ihr Werk finanziert? Warum halten sie sich strikt getrennt von anderen Kirchen und von der Welt im allgemeinen? Warum sind sie in so vielen Ländern heftig verfolgt worden? Diese und viele andere Fragen werden in den folgenden Kapiteln beantwortet.

      [Fußnoten]

      a Siehe Kapitel 15: „Die Entwicklung der organisatorischen Struktur“.

      b Von 1980 bis 1985 nahm die Zahl derer, die sich am Predigtwerk beteiligten, um 33 Prozent zu und von 1985 bis 1992 um weitere 47,9 Prozent.

      c Siehe Kapitel 17: „Kongresse — ein Beweis, daß wir Brüder sind“.

      d Siehe Kapitel 20: „Gemeinsame Bautätigkeit auf der ganzen Erde“.

      e Siehe Kapitel 26: „Die Herstellung biblischer Literatur für das Predigtwerk“.

      [Herausgestellter Text auf Seite 117]

      Keine Sekte um irgendwelche Menschen herum

      [Kasten/Übersicht auf Seite 110]

      Von 1976 bis 1992 nahm die Zahl der Sprachen, in denen „Der Wachtturm“ erschien, um 42 Prozent zu

      [Übersicht]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      111

      78

      1976 1992

      [Kasten auf Seite 111]

      Werdegang von F. W. Franz

      Frederick William Franz wurde am 12. September 1893 in Covington (Kentucky, USA) geboren. 1899 zog die Familie nach Cincinnati, wo Frederick 1911 die High-School beendete. Anschließend ging er zur Universität Cincinnati und studierte Geisteswissenschaften. Er hatte sich dazu entschlossen, presbyterianischer Prediger zu werden, und studierte daher mit großem Eifer das biblische Griechisch. Auf der Universität wurde Frederick für ein Rhodes-Stipendium ausgewählt, das zum Besuch der Universität Oxford (England) berechtigte. Doch vor der Bekanntgabe hatte Frederick jedes Interesse an dem Stipendium verloren und bat darum, von der Liste gestrichen zu werden.

      Zuvor hatte ihm sein Bruder Albert eine Broschüre gesandt, die er von den Internationalen Bibelforschern erhalten hatte. Später gab ihm Albert die ersten drei Bände der „Schriftstudien“. Frederick war von dem, was er lernte, begeistert und beschloß, sich von der presbyterianischen Kirche zu trennen und sich der Versammlung der Bibelforscher anzuschließen. Am 30. November 1913 ließ er sich taufen. Im Mai 1914 verließ er die Universität und richtete dann gleich alles so ein, daß er Kolporteur (Pionier) werden konnte.

      Im Juni 1920 kam er zur Brooklyner Bethelfamilie. Nach dem Tod N. H. Knorrs im Juni 1977 wurde Bruder Franz in das Amt des Präsidenten der Gesellschaft gewählt. Bis zu seinem Tod am 22. Dezember 1992 diente er treu in der leitenden Körperschaft. Er starb im Alter von 99 Jahren.

      [Übersicht auf Seite 112]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Die wachsenden Reihen der Pioniere

      1992

      600 000

      400 000

      1986

      200 000

      1981

      1976

      [Übersicht auf Seite 113]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Die größer werdende weltweite Bethelfamilie

      1992

      12 000

      9 000

      1986

      6 000

      1981

      1976

      3 000

      [Übersicht auf Seite 114]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Die wachsende Zahl der Versammlungen

      80 000

      1992

      60 000

      1986

      1981

      1976

      40 000

      20 000

      [Übersicht auf Seite 115]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Die Zunahme der Königreichsverkündiger

      1992

      4 000 000

      1986

      3 000 000

      1981

      1976

      2 000 000

      1 000 000

      [Bild auf Seite 109]

      In jedem Zweigbüro der Gesellschaft hat ein aus Brüdern bestehendes Komitee die Aufsicht; hier das Komitee, das das Werk in Nigeria beaufsichtigt

      [Bilder auf Seite 116]

      Die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas Januar 1992

      Carey W. Barber

      John E. Barr

      W. Lloyd Barry

      John C. Booth

      Frederick W. Franz

      George D. Gangas

      Milton G. Henschel

      Theodore Jaracz

      Karl F. Klein

      Albert D. Schroeder

      Lyman A. Swingle

      Daniel Sydlik

  • In genauer Erkenntnis der Wahrheit wachsen
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 10

      In genauer Erkenntnis der Wahrheit wachsen

      JEHOVAS ZEUGEN haben nicht vorgehabt, neue Lehren, eine neue Form der Anbetung oder eine neue Religion einzuführen. Statt dessen zeugt ihre neuzeitliche Geschichte von gewissenhaften Bemühungen, das zu lehren, was in der Bibel, dem inspirierten Wort Gottes, steht. Sie verweisen darauf als Grundlage aller ihrer Glaubensansichten und ihrer Lebensweise. Statt Anschauungen zu entwickeln, die den liberalen Trend der heutigen Welt widerspiegeln, versuchen sie, sich immer enger an die Lehren der Bibel und die Handlungsweise des Urchristentums zu halten.

      Anfang der 1870er Jahre begannen Charles Taze Russell und seine Gefährten ein ernsthaftes Studium der Bibel. Es fiel ihnen auf, daß die Christenheit von den Lehren und Bräuchen des Urchristentums weit abgekommen war. Bruder Russell behauptete nicht, der erste zu sein, der das erkannte, und er gab offen zu, daß er anderen Dank schuldete für ihre Unterstützung während der Anfangsjahre seines Studiums der Heiligen Schrift. Er äußerte sich anerkennend über die gute Arbeit, die verschiedene Bewegungen innerhalb der Reformation geleistet hatten, um das Licht der Wahrheit heller erstrahlen zu lassen. Er erwähnte namentlich Männer, die älter waren als er, wie Jonas Wendell, George Stetson, George Storrs und Nelson Barbour, die persönlich auf verschiedene Weise zu seinem Verständnis des Wortes Gottes beitrugen.a

      Außerdem sagte er, daß die „verschiedenen Lehren, die wir vertreten und die so neu und frisch und anders wirken, schon vor langem in irgendeiner Form vertreten wurden, zum Beispiel: Auserwählung, freie Gnade, Wiederherstellung, Rechtfertigung, Heiligung, Verherrlichung und Auferstehung“. Häufig war es allerdings so, daß sich die eine religiöse Gruppe durch ein klareres Verständnis einer bestimmten biblischen Wahrheit auszeichnete, während eine andere Gruppe eine andere Wahrheit besser verstand. Oft wurde deren weiterer Fortschritt dadurch behindert, daß sie an Lehren und Glaubensbekenntnisse gefesselt waren, die gängige Ansichten des alten Babylons und Ägyptens enthielten oder der griechischen Philosophie entlehnt waren.

      Doch welche Gruppe würde sich mit der Hilfe des Geistes Gottes allmählich wieder das ganze „Muster gesunder Worte“ aneignen, an dem die Christen des ersten Jahrhunderts festgehalten hatten? (2. Tim. 1:13). Wessen Pfad wäre „wie das glänzende Licht, das heller und heller wird, bis es voller Tag wird“? (Spr. 4:18). Wer würde wirklich das Werk tun, das Jesus mit den Worten gebot: „Ihr werdet Zeugen von mir sein ... bis zum entferntesten Teil der Erde.“? Wer würde nicht nur Jünger machen, sondern sie auch ‘lehren, alles zu halten’, was Jesus geboten hatte? (Apg. 1:8; Mat. 28:19, 20). War tatsächlich die Zeit gekommen, wo der Herr deutlich die wahren Christen, die er mit Weizen verglich, von den Scheinchristen unterschied, die er als Unkraut bezeichnete (eine Sorte Unkraut, die dem Weizen bis zur Reife sehr ähnlich ist)b? (Mat. 13:24-30, 36-43). Wer würde sich als der „treue und verständige Sklave“ erweisen, den der Herr, Jesus Christus, bei seiner Gegenwart in Königreichsmacht mit mehr Verantwortung für das Werk betrauen würde, das für den Abschluß des Systems der Dinge vorhergesagt wurde? (Mat. 24:3, 45-47).

      Das Licht leuchten lassen

      Jesus wies seine Jünger an, andere an dem Licht der göttlichen Wahrheit, das sie von ihm empfangen hatten, teilhaben zu lassen. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagte er. „Laßt euer Licht vor den Menschen leuchten“ (Mat. 5:14-16; Apg. 13:47). Charles Taze Russell und seine Gefährten erkannten, daß sie dazu verpflichtet waren.

      Auf die Frage, ob sie glaubten, über alles Bescheid zu wissen und das gesamte Licht der Wahrheit erfaßt zu haben, antwortete Bruder Russell treffend: „Nein, bestimmt nicht — weder jetzt noch in nächster Zeit, sondern erst, wenn der ‘vollkommene Tag’ da ist“ (Spr. 4:18, King James [KJ]). Oft bezeichneten sie ihre biblischen Glaubensansichten als die „gegenwärtige Wahrheit“ — ohne damit auch nur im entferntesten ausdrücken zu wollen, daß die Wahrheit selbst sich verändere, sondern um zu zeigen, daß ihr Verständnis der Wahrheit fortschreitend sei.

      Diese gewissenhaften Erforscher der Bibel schreckten nicht vor dem Gedanken zurück, daß es in Religionsfragen so etwas wie Wahrheit gibt. Sie erkannten Jehova als den „Gott der Wahrheit“ an und die Bibel als sein Wort der Wahrheit (Ps. 31:5; Jos. 21:45; Joh. 17:17). Ihnen war klar, daß sie vieles noch nicht wußten, aber sie hielten sich nicht zurück, das aus der Bibel Gelernte mit Überzeugung zu vertreten. Und wenn traditionelle religiöse Lehren und Bräuche dem widersprachen, was ihrer Meinung nach im inspirierten Wort Gottes unmißverständlich gesagt wurde, wiesen sie wie Jesus Christus deutlich darauf hin, obwohl ihnen das den Spott und den Haß der Geistlichkeit einbrachte (Mat. 15:3-9).

      Um die geistigen Bedürfnisse anderer anzusprechen und zu stillen, gab C. T. Russell vom Juli 1879 an die Zeitschrift Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi heraus.

      Die Bibel — tatsächlich das Wort Gottes

      Charles Taze Russell vertraute der Bibel nicht einfach deshalb, weil es damals aus Tradition so üblich gewesen wäre. Im Gegenteil, zu jener Zeit war die Bibelkritik ziemlich populär. Ihre Verfechter zweifelten die Zuverlässigkeit des Bibelberichts an.

      Als Jugendlicher hatte sich Russell der Kongregationalistenkirche angeschlossen und seinen Glauben praktiziert, doch die Unlogik der althergebrachten Glaubenssätze machte ihn mit der Zeit zum Skeptiker. Er stellte fest, daß das, was man ihm beigebracht hatte, nicht zufriedenstellend durch die Bibel erhärtet werden konnte. Deshalb verwarf er die kirchlichen Glaubensartikel mitsamt der Bibel. Als nächstes untersuchte er die bedeutenden Religionen des Ostens, aber auch sie befriedigten ihn nicht. Dann fragte er sich, ob die Bibel womöglich durch die Glaubensbekenntnisse der Christenheit falsch dargestellt wurde. Die Gedanken, die er eines Abends bei einer Zusammenkunft der Adventisten hörte, regten ihn zu einem systematischen Studium der Bibel an. Was sich dabei vor ihm auftat, war tatsächlich das inspirierte Wort Gottes.

      Er war von der inneren Harmonie der Bibel tief beeindruckt und auch davon, wie sie mit der Persönlichkeit desjenigen harmonierte, der als ihr göttlicher Autor ausgewiesen wurde. Um dies anderen zu vermitteln, schrieb er später das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter, das er 1886 veröffentlichte. Es enthielt eine längere Abhandlung über das Thema „Die Bibel als göttliche Offenbarung im Lichte der Vernunft und Erkenntnis betrachtet“. Gegen Ende des Kapitels erklärte er unmißverständlich: „Die Tiefe, Kraft, Weisheit und der Umfang desselben [des Zeugnisses der Bibel] gibt uns die Überzeugung, daß nicht Menschen, sondern der allmächtige Gott der Urheber ihrer Pläne und Offenbarungen ist.“

      Das Vertrauen zur ganzen Bibel als Gottes Wort ist bis heute ein Eckstein im Glaubensgebäude der neuzeitlichen Zeugen Jehovas. Da ihnen weltweit Studienhilfsmittel zur Verfügung stehen, können sie die Beweise für die Inspiration der Bibel persönlich überprüfen. In ihren Zeitschriften wird dieses Thema immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. 1969 veröffentlichten sie das Buch Ist die Bibel wirklich das Wort Gottes? Zwanzig Jahre später wurde das Thema der Glaubwürdigkeit der Bibel in dem Buch Die Bibel — Gottes oder Menschenwort? erneut untersucht; es wurde auf weitere Beweise aufmerksam gemacht, und man kam zur selben Schlußfolgerung: Die Bibel ist wirklich das inspirierte Wort Gottes. 1963 brachten sie das Buch „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert und nützlich“ heraus, das 1990 auf den neusten Stand gebracht wurde. Weitere Einzelheiten sind in ihrem biblischen Nachschlagewerk Einsichten über die Heilige Schrift zu finden, das in Englisch 1988 veröffentlicht wurde.

      Dadurch, daß sie solche Informationen persönlich und im Rahmen der Versammlung studieren, sind sie zu der Überzeugung gelangt, daß Gott die Niederschrift dessen, was die 66 Bücher der Bibel enthalten, durch seinen Geist geleitet hat, auch wenn dafür in einem Zeitraum von 16 Jahrhunderten rund 40 Männer gebraucht wurden. Der Apostel Paulus schrieb: „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert“ (2. Tim. 3:16; 2. Pet. 1:20, 21). Diese Überzeugung ist eine starke Triebfeder im Leben der Zeugen Jehovas. Eine britische Zeitung sagte dazu: „Alles, was ein Zeuge tut, hat einen biblischen Grund. Ja, ihr einer Grundlehrsatz ist die Anerkennung der Bibel als ... wahr.“

      Den wahren Gott kennengelernt

      Bei ihrem Studium der Heiligen Schrift fiel Bruder Russell und seinen Gefährten bald auf, daß der Gott der Bibel nicht dem Gott der Christenheit entspricht. Das war eine wichtige Erkenntnis, denn die Aussicht der Menschen auf ewiges Leben hängt nach den Worten Jesu davon ab, daß sie den allein wahren Gott erkennen sowie den, den er ausgesandt hat, den Hauptvermittler der Rettung (Joh. 17:3; Heb. 2:10). C. T. Russell und die Gruppe, die gemeinsam mit ihm die Bibel studierte, wurden sich bewußt, daß die Gerechtigkeit Gottes in einem vollkommen harmonischen Verhältnis zu seiner Weisheit, Liebe und Macht steht und daß sich diese Eigenschaften in allen seinen Werken zeigen. Auf der Grundlage ihrer damaligen Erkenntnis über den Vorsatz Gottes verfaßten sie eine Abhandlung über die Frage, warum das Böse zugelassen wird, die sie in das 162seitige Buch Speise für denkende Christen aufnahmen — eine ihrer ersten und am weitesten verbreiteten Publikationen, die zuerst als Sonderausgabe von Zions Wacht-Turm im September 1881 in Englisch erschien.

      Das Studium des Wortes Gottes führte ihnen vor Augen, daß der Schöpfer einen Eigennamen hat und daß er es den Menschen ermöglicht, ihn kennenzulernen und ein enges Verhältnis zu ihm zu haben (1. Chr. 28:9; Jes. 55:6; Jak. 4:8). Im Wacht-Turm von Oktober/November 1881 (engl.) wurde betont: „JEHOVA ist der Name, der auf niemand anders angewandt wird als auf das höchste Wesen — unseren Vater, ihn, den Jesus Vater und Gott nannte“ (Ps. 83:18; Joh. 20:17).

      Im folgenden Jahr konnte man als Antwort auf die Frage: „Behaupten Sie, die Bibel lehre nicht, daß es drei Personen in einem Gott gibt?“ lesen: „Ja! Im Gegenteil, sie sagt uns, daß es einen Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus gibt, aus dem alle Dinge sind (oder der alle Dinge erschuf). Wir glauben daher an den einen Gott und Vater und auch an den einen Herrn Jesus Christus. ... Diese aber sind zwei und nicht ein Wesen. Sie sind nur in dem Sinne eins, daß sie miteinander in Einklang sind. Wir glauben auch an einen Geist Gottes. ... Aber dabei handelt es sich genausowenig um eine Person wie bei dem teuflischen Geist, dem Geist der Welt und dem Geist des Antichristen“ (Zions Wacht-Turm, Juni 1882, engl.; Joh. 17:20-22).

      Wachsende Wertschätzung für Gottes Namen

      Diesen Erforschern der Bibel wurde im Laufe der Zeit zunehmend bewußt, wie sehr die inspirierte Heilige Schrift den Eigennamen Gottes hervorhebt. Dieser Name wurde im Englischen in der katholischen Douay-Übersetzung und der protestantischen King-James-Bibel verheimlicht, was auch später, im 20. Jahrhundert, auf die meisten Übersetzungen in vielen Sprachen zutraf. Doch verschiedene Übersetzungen und biblische Nachschlagewerke bezeugten, daß der Name Jehova im Urtext Tausende von Malen vorkommt — weit öfter als jeder andere Name und auch häufiger als alle Stellen zusammengenommen, an denen Titel wie Gott und Herr stehen. Als „ein Volk für seinen Namen“ bekamen sie immer mehr Wertschätzung für den göttlichen Namen (Apg. 15:14). Im Wacht-Turm vom 1. Februar 1926 wurde die Streitfrage behandelt, der sich nach ihrem Verständnis jeder stellen muß: „Wer wird Jehova ehren?“

      Der Nachdruck, den sie auf den Namen Gottes legten, war nicht nur eine Sache religiösen Wissens. Wie in dem Buch Prophezeiung (1929) erklärt wurde, geht es bei der wichtigsten Streitfrage, der sich die gesamte vernunftbegabte Schöpfung gegenübersieht, um den Namen und das Wort Jehovas. Jehovas Zeugen betonen die Aussage der Bibel, daß jeder Gottes Namen kennen und heiligen soll (Mat. 6:9; Hes. 39:7). Er muß von aller Schmach befreit werden, die auf ihn gehäuft wurde, nicht nur von denen, die Jehova offen Widerstand geleistet haben, sondern auch von denen, die ihn durch ihre Lehren und Handlungen falsch dargestellt haben (Hes. 38:23; Röm. 2:24). Jehovas Zeugen erkennen aus der Bibel, daß das Wohl des gesamten Universums mitsamt allen Geschöpfen von der Heiligung des Namens Jehovas abhängt.

      Sie wissen, daß es für seine Zeugen eine Pflicht und ein Vorrecht ist, anderen die Wahrheit über Jehova mitzuteilen, bevor er einschreitet und die Bösen vernichtet. Jehovas Zeugen haben das weltweit getan. Sie sind dieser Verantwortung auf der ganzen Erde so eifrig nachgekommen, daß man jeden, der den Namen Jehovas freimütig verwendet, sofort als einen Zeugen Jehovas erkennt.

      Die Dreieinigkeit bloßgestellt

      Als Zeugen für Jehova empfanden es C. T. Russell und seine Gefährten als ihre unbedingte Pflicht, Lehren bloßzustellen, die Gott falsch darstellten, um wahrheitsliebenden Menschen erkennen zu helfen, daß sie nicht biblisch begründet sind. Sie waren nicht die ersten, die entdeckten, daß die Dreieinigkeit unbiblisch ist,c aber sie verstanden, daß sie die Wahrheit darüber bekanntmachen mußten, wenn sie treue Diener Gottes sein wollten. Im Interesse aller wahrheitsliebenden Menschen enthüllten sie mutig den heidnischen Ursprung dieser zentralen Lehre der Christenheit.

      Im Wacht-Turm vom Juni 1882 (engl.) hieß es: „Viele heidnische Philosophen, die es für taktisch klug hielten, sich der aufstrebenden Religion [eine abtrünnige Form des Christentums, die von römischen Kaisern im 4. Jahrhundert u. Z. gebilligt wurde] anzuschließen, machten sich die Sache leichter, indem sie im Christentum nach Dingen suchten, die eine Entsprechung im Heidentum hätten, um beides miteinander zu verschmelzen. Das gelang ihnen nur allzu gut. ... Da es in der alten Theologie viele Hauptgötter und etliche Halbgötter beiderlei Geschlechts gab, machten sich die heidnischen Christen (wenn wir einen neuen Begriff prägen dürfen) daran, die Liste für die neue Theologie zu revidieren. Zu diesem Zeitpunkt also wurde die Lehre von drei Göttern erfunden — Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.“

      Manche Geistliche versuchten, ihrer Lehre einen biblischen Anstrich zu geben, indem sie Texte wie 1. Johannes 5:7 zitierten, doch wie Bruder Russell nachwies, war es Gelehrten durchaus bekannt, daß ein Teil dieses Textes eine Fälschung war, ein Einschiebsel eines Schreibers, der eine unbiblische Lehre stützen wollte. Andere Verfechter der Dreieinigkeit beriefen sich auf Johannes 1:1, aber im Wacht-Turm wurde dieser Bibeltext auf seinen Inhalt und den Kontext hin untersucht, um zu zeigen, daß er den Glauben an die Dreieinigkeit keineswegs rechtfertigte. In diesem Zusammenhang wurde im Wacht-Turm vom Juli 1883 (engl.) gesagt: „Mehr Bibeltheologie und weniger Gesangbuchtheologie, und allen wäre das Thema klarer geworden. Die Dreieinigkeitslehre steht im krassen Gegensatz zur Bibel.“

      Bruder Russell zeigte unverhohlen auf, wie unvernünftig es ist, an die Bibel glauben zu wollen und gleichzeitig eine Lehre wie die Dreieinigkeit zu vertreten, die der Bibel widerspricht. So schrieb er: „In was für einen Wirrwarr von konfusen Widersprüchen sich diejenigen doch verstricken, die sagen, Jesus und der Vater seien e i n Gott! Dann müßte man ja denken, unser Herr Jesus habe den Heuchler gespielt, als er auf der Erde war, und er habe nur vorgegeben, zu Gott zu beten, wenn er derselbe Gott gewesen wäre. ... Ferner war der Vater schon immer unsterblich, er konnte nicht sterben. Wie hätte Jesus dann sterben können? Alle Apostel wären falsche Zeugen, wenn Jesus nicht gestorben wäre, da sie den Tod und die Auferstehung Jesu verkündigt haben. Die Bibel erklärt indessen, daß er starb.“d

      Jehovas Zeugen haben also schon früh in ihrer neuzeitlichen Geschichte das Dreieinigkeitsdogma der Christenheit zugunsten der vernünftigen, herzerfrischenden Lehre der Bibel entschieden abgelehnt.e Das Werk, das sie getan haben, um diese Wahrheit zu verkündigen und sie Menschen überall zu Gehör zu bringen, hat Ausmaße angenommen, die von keiner Einzelperson oder Gruppe je erreicht worden sind — weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart.

      In welchem Zustand befinden sich die Toten?

      C. T. Russell machte sich schon als junger Mann darüber Gedanken, welche Zukunft denen bevorsteht, die Gottes Weg zur Rettung nicht angenommen haben. Als Jugendlicher glaubte er das, was die Geistlichen über das Höllenfeuer sagten; er dachte, sie predigten das Wort Gottes. Öfter ging er nachts nach draußen und schrieb mit Kreide an auffällige Stellen Bibeltexte, um Arbeiter, die dort vorbeigingen, zu warnen und sie vor der schrecklichen Strafe ewiger Qualen zu bewahren.

      Nachdem er sich später selbst davon überzeugt hatte, was die Bibel wirklich lehrt, sagte er nach den Worten eines seiner Gefährten: „Sollte die Bibel wirklich lehren, ewige Qual sei das Los aller, ausgenommen der Heiligen, dann müßte das gepredigt werden — ja wöchentlich, täglich, stündlich auf den Hausdächern ausgerufen werden; wenn sie das aber nicht lehrt, soll das bekanntgemacht werden, und der schlimme Schandfleck, der Gottes heiligen Namen entehrt, soll beseitigt werden.“

      Bereits zu Anfang seines Studiums der Bibel wurde C. T. Russell klar, daß die Hölle kein Ort ist, an dem Seelen nach dem Tod gequält werden. Zu dieser Erkenntnis verhalf ihm höchstwahrscheinlich George Storrs, der Herausgeber des Bible Examiner, über den Bruder Russell mit liebevoller Anerkennung schrieb und der selbst viel über sein biblisches Verständnis, den Zustand der Toten betreffend, geschrieben hatte.

      Doch wie stand es mit der Seele? Glaubten die Bibelforscher, sie sei etwas Geistiges, was dem Menschen innewohne, etwas, was nach dem Tod des Körpers weiterlebe? Im Gegenteil! 1903 hieß es im Wacht-Turm (engl.): „Der entscheidende Punkt ist nicht, daß der Mensch eine Seele hat, sondern daß der Mensch eine Seele oder ein Wesen ist — das müssen wir besonders beachten. Nehmen wir ein Beispiel aus der Natur — die Luft, die wir atmen: Sie setzt sich aus Sauerstoff und Stickstoff zusammen, von denen keines für sich die Atmosphäre oder die Luft ist; aber die beiden zusammen, im richtigen chemischen Verhältnis, ergeben Luft. Genauso ist es mit der Seele. Von diesem Standpunkt gesehen, bezeichnet Gott jeden einzelnen von uns als Seele. Er spricht dabei nicht von unserem Körper oder unserem Odem des Lebens, sondern spricht von uns als vernunftbegabten Wesen oder Seelen. Als er die Strafe für die Übertretung seines Gesetzes verkündete, sprach er nicht speziell vom Körper Adams, sondern von dem Menschen, der Seele, dem vernunftbegabten Wesen: ‚Du!‘ ‚Welches Tages du davon issest, wirst du gewißlich sterben.‘ ‚Die Seele, welche sündigt, die soll sterben‘ (1. Mo. 2:17; Hes. 18:20).“ So etwas hatte der Wacht-Turm sogar schon im April 1881 (engl.) geschrieben.f

      Wie entstand dann der Glaube, der Menschenseele wohne Unsterblichkeit inne? Wer war sein Urheber? Nach einer sorgfältigen Untersuchung der Bibel und der Religionsgeschichte schrieb Bruder Russell im Wacht-Turm vom 15. April 1894 (engl.): „Offensichtlich entstammt er nicht der Bibel ... Die Bibel sagt unmißverständlich, daß der Mensch sterblich ist, daß er sterben kann. ... Durchblättert man die Seiten der Geschichte, so entdeckt man, daß die Lehre von der Unsterblichkeit des Menschen zwar der Kern aller heidnischen Religionen ist, nicht aber von Gottes inspirierten Zeugen gelehrt wird. ... Es stimmt also nicht, daß Sokrates und Platon die ersten waren, die diese Lehre vertraten: Schon vor ihnen wurde sie vertreten, und zwar von einem fähigeren Lehrer, als sie es waren. ... Die erste Aufzeichnung dieser falschen Lehre ist in dem ältesten dem Menschen bekannten Geschichtsbericht zu finden — in der Bibel. Der falsche Lehrer war Satan.“ g

      Den „Wasserstrahl“ auf die Hölle gerichtet

      Da es Bruder Russell sehr am Herzen lag, den schlimmen Schandfleck von Gottes Namen zu beseitigen, der durch die Lehre von einer ewigen Qual im Höllenfeuer darauf gebracht worden war, schrieb er ein Traktat über das Thema: „Lehrt die Schrift, daß ewige Qual der Lohn der Sünde ist?“ (Die alte Theologie, 1889, engl.). Darin erklärte er:

      „Die Idee einer ewigen Qual ist heidnischen Ursprungs, wenn sie bei den Heiden auch keine so unbarmherzige Lehre war, wie es später der Fall war, als sie allmählich das nominelle Christentum durchdrang, während es im zweiten Jahrhundert mit heidnischen Philosophien verschmolz. Es blieb dem großen Abfall überlassen, den heidnischen Philosophien die heute allgemein geglaubten schauerlichen Einzelheiten beizufügen, sie an die Kirchenmauern zu malen, wie es in Europa geschehen ist, sie in den Glaubensbekenntnissen und Lobgesängen festzuhalten und das Wort Gottes so zu verdrehen, als erwecke es den Anschein, Gott stünde hinter dieser schändlichen Blasphemie. Die leichtgläubigen Menschen von heute haben dieses Vermächtnis also weder vom Herrn noch von den Aposteln, noch von den Propheten erhalten, sondern es ist das Vermächtnis eines kompromißbereiten Geistes, der in seinem unheiligen ehrgeizigen Streben nach Macht, Reichtum und Anhängerschaft die Wahrheit und die Vernunft preisgab und in schamloser Weise die Lehren des Christentums entstellte. Ewige Qual als Strafe für Sünden war den Patriarchen alter Zeit unbekannt; sie war den Propheten des jüdischen Zeitalters unbekannt; und sie war dem Herrn und den Aposteln unbekannt; aber sie ist seit dem großen Abfall die wichtigste Lehre des nominellen Christentums — die Geißel, mit der den Leichtgläubigen, Unwissenden und Abergläubischen der Welt sklavischer Gehorsam gegenüber der Tyrannei eingebleut wird. Allen, die sich gegen die Autorität Roms auflehnten oder sie verschmähten, wurde ewige Qual angekündigt, und soweit es in der Macht Roms lag, wurde ihnen schon zu Lebzeiten Pein zugefügt.“

      Bruder Russell wußte, daß die meisten vernünftigen Menschen nicht recht an die Höllenfeuerlehre glaubten. „Da sie jedoch meinen, sie sei biblisch“, schrieb er 1896 in der Broschüre Was sagt die Heilige Schrift über die Hölle?, „so bedeutet ihr Fortschritt in wahrer Intelligenz und brüderlicher Liebe ... in den meisten Fällen eine Anzweiflung des Wortes Gottes, welches sie fälschlich dieser Lehre beschuldigen.“

      Um solche denkenden Menschen zu Gottes Wort zurückzuführen, gab er in dieser Broschüre alle Bibeltexte in der King-James-Bibel (dt.: Lutherbibel) an, in denen das Wort Hölle vorkam, damit sich der Leser selbst ein Bild von ihren Aussagen machen konnte, und dann erklärte er: „Gott sei Dank, wir finden keinen solchen Ort ewiger Qual, wie die Bekenntnisse und Gesangbücher und viele Kanzeln irrigerweise lehren. Doch haben wir eine Hölle gefunden, Scheol, Hades, zu der um der Sünde Adams willen unser ganzes Geschlecht verdammt war und von der alle durch den Tod unseres Herrn erkauft worden sind, und diese Hölle ist das Grab, der Todeszustand. Und wir finden eine andere Hölle (Gehenna, den zweiten Tod, völlige Vernichtung) uns vor Augen gestellt als die letzte Strafe für alle, welche, nachdem sie erlöst und zur vollen Erkenntnis der Wahrheit gebracht worden sind und zu voller Fähigkeit, ihr zu gehorchen, doch den Tod wählen werden, indem sie vorziehen, sich Gott und seiner Gerechtigkeit zu widersetzen. Und unsere Herzen sagen: Amen! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, o König der Nationen! Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden“ (Offb. 15:3, 4).

      Seine Lehren verärgerten und beschämten die Geistlichkeit der Christenheit. 1903 forderte man ihn zu einer öffentlichen Debatte heraus. Der Zustand der Toten war einer der Streitpunkte in der anschließenden Serie von Debatten zwischen C. T. Russell und Dr. E. L. Eaton, dem Sprecher einer inoffiziellen Allianz protestantischer Prediger in Westpennsylvanien.

      In diesen Debatten verteidigte Bruder Russell energisch die Aussage: „Tod ist Tod, und unsere lieben Angehörigen und Freunde sind wirklich tot, wenn sie von uns gegangen sind; sie leben weder bei den Engeln noch bei den Dämonen an einem Ort der Verzweiflung.“ Zur Untermauerung nannte er Bibeltexte wie Prediger 9:5, 10, Römer 5:12, 6:23 und 1. Mose 2:17. Außerdem sagte er: „Die Bibel stimmt mit dem überein, was Sie und ich und jeder normale, vernünftige Mensch in der Welt wohl als die Wesensart unseres Gottes betrachten werden, wie sie ihm vernünftigerweise zuzuschreiben wäre. Was wird von unserem himmlischen Vater gesagt? Daß er gerecht ist, daß er weise ist, daß er liebevoll ist, daß er mächtig ist. Jeder Christ wird diese Merkmale der göttlichen Wesensart anerkennen. Wenn dem so ist, wie läßt es sich dann mit unserer Vorstellung von einem gerechten Gott vereinbaren, zu glauben, er würde eines seiner eigenen Geschöpfe bis in alle Ewigkeit strafen, wie schlimm seine Sünde auch gewesen sein mag? Ich verteidige die Sünde nicht; ich selbst lebe nicht in Sünde, noch predige ich je Sünde. ... Doch ich sage Ihnen, daß allen Leuten hier, von denen unser Bruder [Dr. Eaton] behauptet, sie stießen lästerliche Flüche gegen Gott und den heiligen Namen Jesu Christi aus, die Lehre von der ewigen Qual beigebracht wurde. Und allen Mördern, Dieben und sonstigen Übeltätern in den Gefängnissen wurde diese Lehre beigebracht. ... Es sind verwerfliche Lehren; sie haben der Welt lang genug geschadet; sie gehören ganz und gar nicht zur Lehre des Herrn, und unser lieber Bruder hat noch immer den Schleier des finsteren Mittelalters auf den Augen.“

      Nach der Debatte soll ein Geistlicher aus dem Publikum auf Russell zugegangen sein und gesagt haben: „Es freut mich, daß Sie den Wasserstrahl auf die Hölle richten und das Feuer auslöschen!“

      Um die Wahrheit über den Zustand der Toten noch weiter publik zu machen, hielt Bruder Russell auf etlichen Tageskongressen von 1905 bis 1907 den öffentlichen Vortrag: „In die Hölle und zurück! Wer ist dort? Hoffnung auf Befreiung für viele“. Das Thema weckte Interesse und lockte viele an. Versammlungssäle in kleinen und großen Städten der Vereinigten Staaten und Kanadas waren zum Bersten voll von Leuten, die die Ansprache hören wollten.

      Zu denjenigen, die von der Aussage der Bibel über den Zustand der Toten tief beeindruckt waren, gehörte ein Student aus Cincinnati (Ohio), der presbyterianischer Geistlicher werden wollte. 1913 gab ihm sein leiblicher Bruder die Broschüre Wo sind die Toten?, die von dem Bibelforscher John Edgar, einem Arzt in Schottland, verfaßt worden war. Der Student, der diese Broschüre erhielt, war Frederick Franz. Nachdem er sie sorgfältig durchgelesen hatte, erklärte er entschlossen: „Das ist die Wahrheit!“ Ohne Zögern änderte er seine Lebensziele und nahm den Vollzeitdienst als Kolporteur auf. Von 1920 an zählte er zu den Mitarbeitern im Hauptbüro der Watch Tower Society. Viele Jahre danach wurde er in die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas aufgenommen, und später wurde er der Präsident der Watch Tower Society.

      Das Loskaufsopfer Jesu Christi

      Bei seinem Studium der Bibel betrachtete Bruder Russell mit seinen Gefährten 1872 das Thema Wiederherstellung von einer anderen Seite, und zwar aus dem Blickwinkel des Loskaufsopfers Jesu Christi (Apg. 3:21, EB). Er war begeistert, in Hebräer 2:9 zu lesen, daß ‘Jesus durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte’. Das führte ihn nicht zu dem Glauben an die Allversöhnung, da er wußte, daß in der Bibel auch stand, man müsse Glauben an Jesus Christus ausüben, um gerettet zu werden (Apg. 4:12; 16:31). Aber er begriff — wenn auch nicht auf einmal —, was für eine herrliche Gelegenheit das Loskaufsopfer Jesu Christi der Menschheit bot. Es ebnete ihr den Weg, das zu erhalten, was Adam verloren hatte — die Aussicht auf ewiges Leben als vollkommene Menschen. Bruder Russell hielt sich nicht zurück; er erkannte die tiefe Bedeutung des Lösegeldes und verteidigte es vehement, selbst als ein paar seiner vertrauten Mitarbeiter zuließen, daß ihr Denken durch philosophische Anschauungen verdorben wurde.

      Mitte 1878 war Bruder Russell eineinhalb Jahre Mitherausgeber der Zeitschrift Herald of the Morning gewesen, deren hauptverantwortlicher Herausgeber N. H. Barbour war. Als Barbour allerdings in der Ausgabe vom August 1878 ihrer gemeinsamen Zeitschrift die biblische Lehre vom Lösegeld lächerlich machte, verteidigte Russell diese fundamentale biblische Wahrheit energisch.

      Unter der Überschrift „Die Sühne“ hatte Barbour erläutert, wie er über die Lehre dachte: „Ich sage einem der Diener: Wenn Hans seine Schwester beißt, fang eine Fliege und spieß sie mit einer Nadel an die Wand, und dann will ich Hans verzeihen. Das veranschaulicht die Lehre von der Stellvertretung.“ Obwohl Barbour vorgab, an das Lösegeld zu glauben, sagte er, die Ansicht, Christus habe durch seinen Tod die Strafe für die Sünden der Nachkommen Adams bezahlt, sei „unbiblisch und unserem Gerechtigkeitsempfinden ganz und gar zuwider“.h

      Gleich in der nächsten Ausgabe des Herald of the Morning (September 1878) distanzierte sich Russell entschieden von dem, was Barbour geschrieben hatte. Russell untersuchte genau, was die Bibel wirklich sagt und wie sie in der Vorkehrung des Lösegeldes mit der „Vollkommenheit der Gerechtigkeit [Gottes] und schließlich seiner großen Barmherzigkeit und Liebe“ im Einklang ist (1. Kor. 15:3; 2. Kor. 5:18, 19; 1. Pet. 2:24; 3:18; 1. Joh. 2:2). Nachdem Russell wiederholt versucht hatte, Barbour zu helfen, die Dinge im biblischen Licht zu sehen, hörte er im darauffolgenden Frühjahr auf, den Herald zu unterstützen; und mit der Ausgabe vom Juni 1879 erschien sein Name nicht mehr als Mitherausgeber in der Zeitschrift. Seine mutige, kompromißlose Haltung in Verbindung mit dieser Hauptlehre der Bibel hatte weitreichende Folgen.

      Während ihrer neuzeitlichen Geschichte haben Jehovas Zeugen durchweg die biblische Lehre vom Lösegeld hochgehalten. In der allerersten Ausgabe von Zions Wacht-Turm (Juli 1879, engl.) wurde betont, daß „das Verdienst bei Gott ... auf Christi vollkommenem Opfer beruht“. Auf dem Programm für einen Kongreß im Jahre 1919, der von der International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) in Cedar Point (Ohio) abgehalten worden war, stachen die Worte ins Auge: „Willkommen, ihr alle, die ihr an das großartige Loskaufsopfer glaubt!“ Auf der Impressumseite des Wachtturms wird nach wie vor die Aufmerksamkeit auf das Lösegeld gelenkt, denn dort heißt es über den Zweck des Wachtturms: „Er ermuntert, an den jetzt herrschenden König, Jesus Christus, zu glauben, dessen vergossenes Blut den Menschen ermöglicht, ewiges Leben zu erlangen.“

      Auf Fortschritt bedacht und nicht an Glaubensbekenntnisse gebunden

      Ein klares Verständnis des Wortes Gottes kam nicht auf einmal. In vielen Fällen begriffen die Bibelforscher eine Einzelheit des Gesamtbildes der Wahrheit, erkannten aber noch nicht das vollständige Bild. Doch sie waren bereit zu lernen. Sie waren nicht an Glaubensbekenntnisse gebunden, sondern auf Fortschritt bedacht. Was sie lernten, teilten sie anderen mit. Sie rechneten sich das, was sie lehrten, nicht als Verdienst an; sie wollten „von Jehova belehrt“ werden (Joh. 6:45). Außerdem wurde ihnen bewußt, daß Jehova das Verständnis der Einzelheiten seines Vorsatzes zu der von ihm bestimmten Zeit und auf seine Weise ermöglicht (Dan. 12:9; vergleiche Johannes 16:12, 13).

      Etwas Neues zu lernen erfordert, Ansichten zu korrigieren. Fehler zuzugeben und vorteilhafte Änderungen vorzunehmen setzt Demut voraus. Diese Eigenschaft mitsamt ihren Früchten ist in Jehovas Augen wünschenswert, und wahrheitsliebende Menschen fühlen sich von einer solchen Haltung sehr angezogen (Zeph. 3:12). Sie wird jedoch von denen belächelt, die sich mit Glaubensbekenntnissen brüsten, die über Jahrhunderte unverändert geblieben sind, obwohl sie von unvollkommenen Menschen aufgestellt wurden.

      Die Art und Weise der Wiederkunft des Herrn

      Mitte der 1870er Jahre erkannten Bruder Russell und diejenigen, die gemeinsam mit ihm gewissenhaft die Bibel studierten, daß der Herr bei seiner Wiederkunft für das menschliche Auge unsichtbar wäre (Joh. 14:3, 19).

      Später sagte Bruder Russell: „Wir fühlten eine große Betrübnis über den Irrtum der Adventisten, die Christum im Fleische erwarteten und lehrten, daß die Welt und alles, was darin ist, die Adventisten ausgenommen, um das Jahr 1873 oder 1874 verbrannt werden würde. Ihre Zeitrechnungen und Enttäuschungen und unreifen Ideen hinsichtlich des Zwecks und der Art und Weise seines Kommens brachten allgemein mehr oder weniger Schmach auf uns und auf alle, die sich nach seinem Reiche sehnten und es verkündigten. Diese so allgemein angenommenen falschen Ansichten sowohl von dem Zweck als auch der Art und Weise der Wiederkunft des Herrn veranlaßten mich, eine Flugschrift zu verfassen — Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn.“ Diese Flugschrift wurde 1877 in Englisch veröffentlicht. Bruder Russell ließ etwa 50 000 Exemplare drucken und verbreiten.

      In der Flugschrift schrieb er: „Nach unserer Überzeugung lehrt die Heilige Schrift, daß er bei seinem Kommen und einige Zeit danach unsichtbar bleiben wird; anschließend wird er sich durch Gerichte und in verschiedenerlei Gestalt offenbaren oder zeigen, so daß ‘ihn jedes Auge sehen wird’.“ Um das zu untermauern, erörterte er Bibeltexte wie Apostelgeschichte 1:11 (‘Er wird in derselben Weise kommen, wie ihr ihn in den Himmel habt gehen sehen’ — das heißt, ohne daß die Welt es beobachtet) und Johannes 14:19 („Noch eine kleine Weile, und die Welt wird mich nicht mehr sehen“). Außerdem wies Bruder Russell darauf hin, daß nach der Emphatic Diaglott, einer interlinearen Wort-für-Wort-Übersetzung ins Englische, die 1864 als vollständiges Werk erschien, der griechische Ausdruck parousía „Gegenwart“ bedeutet. In der Flugschrift erörterte Russell den Gebrauch dieses Wortes in der Bibel und erklärte: „Das griechische Wort, das sich generell auf den zweiten Advent des Herrn bezieht — parousía, oft mit Kommen übersetzt —, bedeutet ausnahmslos die persönliche Gegenwart jemandes, der gekommen oder angekommen ist, und bedeutet nie auf dem Wege sein, wie wir das mit dem Wort Kommen ausdrücken.“

      Russell machte in seiner Erklärung über den Zweck der Gegenwart Christi deutlich, daß sie sich nicht durch ein momentanes welterschütterndes Ereignis erfüllen würde. „Der zweite Advent dauert wie der erste eine Zeitlang an und ist kein momentanes Ereignis“, schrieb er. In dieser Zeit, führte er weiter aus, würde die „kleine Herde“ ihren Lohn als Miterben mit dem Herrn in seinem Königreich empfangen, und andere, vielleicht Milliarden, würden die Gelegenheit erhalten, in Vollkommenheit auf einer Erde zu leben, die so schön wäre wie der Garten Eden (Luk. 12:32).

      Innerhalb weniger Jahre erkannte Russell aufgrund seines weiteren Studiums der Bibel, daß Christus nicht nur unsichtbar wiederkommen, sondern auch unsichtbar bleiben würde, auch dann noch, wenn er seine Gegenwart durch das Gericht an den Bösen offenbaren würde.

      Als Russell 1876 zum erstenmal den Herald of the Morning las, erfuhr er von einer weiteren Gruppe, die damals glaubte, Christi Wiederkunft sei unsichtbar, und die mit der Wiederkunft Segnungen für alle Familien der Erde verband. Herr Barbour, der Herausgeber dieser Zeitschrift, überzeugte Russell dann auch davon, daß Christi unsichtbare Gegenwart 1874 begonnen hätte.i Darauf wurde später auf der Titelseite von Zions Wacht-Turm durch den Untertitel „Verkünder der Gegenwart Christi“ aufmerksam gemacht.

      Die Erkenntnis über die unsichtbare Gegenwart Christi sollte als wichtige Grundlage zum Verständnis vieler biblischer Prophezeiungen dienen. Den damaligen Bibelforschern wurde klar, daß die Gegenwart des Herrn für alle wahren Christen von allergrößter Wichtigkeit sein sollte (Mar. 13:33-37). Sie waren an der Wiederkunft des Herrn brennend interessiert und waren sich ihrer Verpflichtung bewußt, sie zu verkünden, nur verstanden sie noch nicht alle Einzelheiten. Dennoch ist es äußerst bemerkenswert, zu wieviel Verständnis ihnen der Geist Gottes schon so früh verhalf. Eine dieser Wahrheiten berührte ein höchst bedeutsames Jahr, auf das biblische Prophezeiungen hindeuteten.

      Das Ende der Zeiten der Nationen

      Die biblische Chronologie war für Erforscher der Bibel schon seit langem von großem Interesse. Kommentatoren hatten verschiedene Ansichten geäußert in bezug auf Jesu Prophezeiung über die „Zeiten der Nationen“ sowie den Bericht des Propheten Daniel über den Traum Nebukadnezars von dem Baumstumpf, der für „sieben Zeiten“ gebunden war (Luk. 21:24, EB; Dan. 4:10-17).

      Bereits 1823 ermittelte John A. Brown, dessen Werk in London (England) veröffentlicht wurde, daß die in Daniel, Kapitel 4 erwähnten „sieben Zeiten“ 2 520 Jahre andauern müßten. Allerdings war ihm nicht klar, in welchem Jahr diese vorhergesagte Zeit begann und wann sie enden sollte. Immerhin brachte er die „sieben Zeiten“ mit den Zeiten der Nationen aus Lukas 21:24 in Verbindung. 1844 lenkte der britische Geistliche E. B. Elliott die Aufmerksamkeit auf das Jahr 1914 als möglichen Zeitpunkt für das Ende der in Daniel erwähnten „sieben Zeiten“, doch stellte er noch eine andere These auf, die auf die Zeit der Französischen Revolution hindeutete. Robert Seeley aus London ging 1849 ähnlich vor. Spätestens 1870 wurden in einer Veröffentlichung von Joseph Seiss und seinen Mitarbeitern, die in Philadelphia (Pennsylvanien) gedruckt worden war, Berechnungen dargelegt, die auf 1914 als bedeutsames Jahr hinwiesen, wenn die Argumentation auch auf einer Chronologie beruhte, die C. T. Russell später verwarf.

      In den Ausgaben des Herald of the Morning von August, September und Oktober 1875 trug N. H. Barbour dazu bei, die Einzelheiten, auf die andere aufmerksam gemacht hatten, miteinander in Einklang zu bringen. Mit Hilfe der Chronologie Christopher Bowens, eines Geistlichen aus England, die von E. B. Elliott veröffentlicht worden war, setzte Barbour den Beginn der Zeiten der Nationen mit der in Hesekiel 21:25, 26 vorausgesagten Absetzung König Zedekias gleich und wies auf 1914 hin als das Jahr, in dem die Zeiten der Nationen enden würden.

      Anfang 1876 erhielt C. T. Russell ein Exemplar des Herald of the Morning. Er schrieb umgehend an Barbour und verbrachte im Sommer einige Zeit mit ihm in Philadelphia, wo sie sich unter anderem über prophetische Zeitperioden unterhielten. Kurz darauf brachte Russell in dem Artikel „Wann werden die Zeiten der Nationen enden?“ biblische Argumente vor und erklärte, alles spreche dafür, daß „die sieben Zeiten 1914 n. Chr. enden werden“. Dieser Artikel wurde in der Ausgabe des Bible Examiner vom Oktober 1876 abgedruckt.j In dem Buch Three Worlds, and the Harvest of This World (Drei Welten und die Ernte dieser Welt), das N. H. Barbour 1877 in Zusammenarbeit mit C. T. Russell herausbrachte, wurde dieselbe Schlußfolgerung gezogen. Danach wurde das Jahr 1914 u. Z. in den ersten Ausgaben des Wacht-Turms, wie beispielsweise vom Dezember 1879 und vom Juli 1880 (engl.), als ein Jahr hervorgehoben, das, vom Standpunkt der biblischen Prophezeiungen gesehen, höchst bedeutsam ist. In dem Werk Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt) behandelte 1889 das gesamte vierte Kapitel des zweiten Bandes das Thema „Die Zeiten der Nationen“. Doch was würde das Ende der Zeiten der Nationen bedeuten?

      Die Bibelforscher waren sich nicht ganz sicher, was geschehen würde. Sie waren davon überzeugt, daß die Erde nicht verbrannt und nicht alles menschliche Leben ausgelöscht würde. Sie wußten, daß es vielmehr ein bedeutsamer Zeitpunkt in Verbindung mit der göttlichen Herrschaft war. Zuerst glaubten sie, das Königreich Gottes hätte bis dahin die volle, universelle Herrschaft erlangt. Als das nicht eintrat, ließ ihr Vertrauen in die biblischen Prophezeiungen, die auf dieses Jahr hinwiesen, trotzdem nicht nach. Statt dessen folgerten sie, daß dieses Jahr nur den Beginn der Königreichsherrschaft kennzeichnete.

      Auch dachten sie anfangs, vor dieser Zeit würden weltweite Unruhen in Anarchie gipfeln (die nach ihrem Verständnis mit dem Krieg „des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“, verbunden wäre) (Offb. 16:14). Doch zehn Jahre vor 1914 wies der Wacht-Turm darauf hin, daß der weltweite Aufruhr, dem die Vernichtung der menschlichen Einrichtungen folgen würde, unmittelbar nach dem Ende der Zeiten der Nationen entstehen würde. Man erwartete für das Jahr 1914 einen entscheidenden Wendepunkt für Jerusalem, denn laut der Prophezeiung sollte ‘Jerusalem zertreten werden’, bis die Zeiten der Nationen abgelaufen seien. Als das Jahr 1914 näher rückte und sie immer noch als Menschen am Leben waren und nicht ‘in Wolken entrückt’ worden waren zur Begegnung mit dem Herrn — wie früher erwartet —, hofften sie ernstlich auf ihre Verwandlung am Ende der Zeiten der Nationen (1. Thes. 4:17).

      Während die Jahre vergingen und sie unermüdlich in der Bibel forschten, blieb ihr Glaube an die Prophezeiungen stark, und sie hielten sich nicht davon zurück, über ihre Erwartungen zu sprechen. Bei Einzelheiten, die nicht ausdrücklich in der Bibel standen, bemühten sie sich mit mehr oder weniger Erfolg, nicht dogmatisch zu sein.

      Ging der „Wecker“ zu früh los?

      Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach — der viele Jahre lang einfach der Große Krieg genannt wurde —, geriet die Welt zweifellos in großen Aufruhr, doch er führte nicht sofort zum Umsturz aller menschlichen Regierungen. Die Bibelforscher meinten, in den Entwicklungen nach 1914 in Verbindung mit Palästina Anzeichen bedeutender Veränderungen für Israel zu erkennen. Doch Monate und Jahre verstrichen, ohne daß die Bibelforscher ihren erwarteten himmlischen Lohn erhielten. Wie nahmen sie das auf?

      Im Wacht-Turm vom Mai 1916 wurde speziell auf den 1. Oktober 1914 eingegangen und gesagt: „Dies war der letzte Zeitpunkt, den uns die Zeitrechnung der Bibel hinsichtlich der Erfahrungen der Kirche andeutete. Hat uns der Herr gesagt, daß wir da [in den Himmel] hinweggenommen werden würden? Nein! Was hat er uns gesagt? Sein Wort und die Erfüllung der Weissagung scheinen unfehlbar anzuzeigen, daß dieses Datum das Ende der Zeiten der Nationen bezeichnete. Wir folgerten hieraus, daß die ‚Verwandlung‘ der Herauswahl an oder vor jenem Datum stattfinden würde. Doch Gott sagte uns nicht, daß es so geschehen würde. Er ließ es zu, daß wir jene Schlußfolgerung zogen; und wir glauben, daß sich dies überall als eine notwendige Prüfung für die geliebten Heiligen Gottes erwiesen hat.“ Bedeuteten diese Entwicklungen indessen, daß ihre herrliche Hoffnung vergeblich gewesen war? Nein. Es zeigte sich nur, daß nicht alles so schnell eintraf, wie sie es erwartet hatten.

      Einige Jahre vor 1914 schrieb Russell: „Mit der Chronologie (Zeitprophezeiungen im allgemeinen) wurde offensichtlich nicht bezweckt, dem Volk Gottes durch die Jahrhunderte hindurch genaue chronologische Angaben zu vermitteln. Anscheinend ist sie eher als ein Wecker gedacht, der das Volk des Herrn zur richtigen Zeit wecken und anspornen soll. ... Nehmen wir aber einmal an, der Oktober 1914 geht vorüber, ohne daß ein bedeutender Sturz der Heidenmacht eintritt. Was würde das beweisen oder widerlegen? Es würde keine Facette des göttlichen Plans der Zeitalter widerlegen. Der auf Golgotha bezahlte Loskaufspreis würde immer noch als Gewähr für die endgültige Erfüllung des großartigen göttlichen Programms zur Wiederherstellung der Menschheit bestehenbleiben. Die ‚himmlische Berufung‘ der Kirche, mit dem Erlöser zu leiden und mit ihm als seine Leibesglieder oder als seine Braut verherrlicht zu werden, wäre unverändert. ... Die Chronologie würde einzig und allein den Zeitpunkt der Erfüllung dieser herrlichen Hoffnungen für die Kirche und die Welt berühren. ... Und wenn dieser Zeitpunkt einfach so vorüberginge, würde das lediglich besagen, daß unser ‚Wecker‘, unsere Zeitrechnung, ein wenig zu voreilig war. Wäre es für uns so schrecklich, wenn uns unser Wecker an einem herrlichen Tag, der voller Freude und Wonne zu sein verspricht, morgens ein paar Augenblicke früher weckte? Sicherlich nicht!“

      Der „Wecker“ war jedoch nicht zu früh losgegangen. Nur, was sie erlebten, als er sie weckte, entsprach nicht genau ihren Erwartungen.

      Mehrere Jahre danach, als das Licht heller geworden war, räumten sie ein: „Viele der teuren Heiligen dachten, daß das ganze Werk getan sei. ... Sie frohlockten wegen des klaren Beweises, daß die Welt geendet hatte, daß das Königreich des Himmels nahe gekommen war und daß der Tag ihrer Errettung sich näherte. Sie hatten aber etwas übersehen, das getan werden mußte. Die frohe Kunde, welche sie empfangen hatten, mußte anderen gesagt werden, weil Jesus geboten hatte: ‚Dieses Evangelium des Reiches wird gepredigt werden auf dem ganzen Erdkreis, allen Nationen zu einem Zeugnis, und dann wird das Ende kommen‘ (Matthäus 24:14)“ (Der Wacht-Turm, 1. Juni 1925).

      Als die Bibelforscher die Ereignisse nach 1914 mit den Vorhersagen des Herrn verglichen, begriffen sie allmählich, daß sie in den letzten Tagen des alten Systems lebten — und zwar schon seit 1914. Außerdem verstanden sie mit der Zeit, daß im Jahre 1914 die unsichtbare Gegenwart Christi begonnen hatte, und zwar nicht, indem er persönlich in den Bereich der Erde zurückgekehrt wäre (auch nicht unsichtbar), sondern indem er als regierender König seine Aufmerksamkeit der Erde zuwandte. Sie erkannten ihre große Verantwortung, in dieser kritischen Zeit der Menschheitsgeschichte „diese gute Botschaft vom Königreich“ zu einem Zeugnis für alle Nationen zu verkündigen, und waren bereit, dieser Verantwortung nachzukommen (Mat. 24:3-14).

      Was genau war die Botschaft vom Königreich, die sie predigen sollten? Unterschied sie sich irgendwie von der Botschaft der ersten Christen?

      Gottes Königreich, die einzige Hoffnung der Menschheit

      Durch ihr sorgfältiges Studium des Wortes Gottes verstanden die Bibelforscher, die mit Bruder Russell verbunden waren, daß Gottes Königreich die Regierung ist, die Jehova durch seinen Sohn zum Segen der gesamten Menschheit aufzurichten verheißen hatte. Im Himmel würde sich Jesus Christus eine „kleine Herde“ Mitherrscher anschließen, die Gott aus der Menschheit erwählen würde. Sie verstanden, daß diese Regierung durch treue Männer aus alter Zeit vertreten würde, die als Fürsten auf der ganzen Erde dienen würden. Man nannte sie die „alttestamentlichen Überwinder“ (Luk. 12:32; Dan. 7:27; Offb. 20:6; Ps. 45:16).

      Die Christenheit hatte lange das „Gottesgnadentum“ vertreten, um die Menschen in Untertänigkeit zu halten. Doch die Bibelforscher erkannten aus der Heiligen Schrift, daß die menschlichen Regierungen keinerlei göttliche Garantie für eine sichere Zukunft erhalten hatten. Damit in Übereinstimmung hieß es im Wacht-Turm vom Dezember 1881 (engl.): „Die Aufrichtung dieses Königreiches wird natürlich den Sturz aller Königreiche der Erde bedeuten, da sie alle — auch die besten — ungerecht und parteilich sind und da sie die Mehrheit bedrücken und einige wenige begünstigen, denn wir lesen: ‚Es wird alle jene Königreiche zermalmen und vernichten, selbst aber ewiglich bestehen‘ “ (Dan. 2:44).

      Über die Art und Weise, wie die bedrückenden Königreiche zermalmt würden, hatten die Bibelforscher noch viel zu lernen. Sie verstanden noch nicht völlig, wie sich die Segnungen des Königreiches Gottes auf die ganze Menschheit erstrecken würden. Aber sie verwechselten das Königreich Gottes nicht mit einem unbestimmten Empfinden, das jemand im Herzen hat, oder mit der Herrschaft einer religiösen Hierarchie, die den Staat als Werkzeug benutzt.

      Im Jahre 1914 waren die treuen vorchristlichen Diener Gottes noch nicht als Fürsten und Vertreter des messianischen Königs auf der Erde auferstanden, wie man erwartet hatte, noch hatten sich in jenem Jahr die Übriggebliebenen der „kleinen Herde“ Christus im himmlischen Königreich angeschlossen. Trotzdem wurde im Wacht-Turm vom 15. Februar 1915 (engl.) zuversichtlich erklärt, daß 1914 der Zeitpunkt war, zu dem „unser Herr seine große Macht und Herrschaft an sich nahm“, wodurch er der jahrtausendelangen ununterbrochenen Herrschaft der Nationen ein Ende setzte. In der Ausgabe vom September 1920 bekräftigte Der Wacht-Turm diesen Standpunkt und verknüpfte ihn mit der guten Botschaft, die nach der Vorhersage Jesu vor dem Ende auf der ganzen Erde verkündigt würde (Mat. 24:14). Auf dem Kongreß der Bibelforscher, der 1922 in Cedar Point (Ohio) stattfand, wurde dieses Verständnis in einer allgemeinen Resolution neu formuliert, und Bruder Rutherford forderte die Kongreßbesucher auf: „Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich.“

      Damals meinten die Bibelforscher allerdings, daß das Königreich im Himmel erst dann richtig aufgerichtet würde, wenn die letzten Glieder der Braut Christi verherrlicht wären. Es war daher ein echter Meilenstein, als 1925 im Wacht-Turm vom 15. April der Artikel „Die Geburt der Nation“ erschien. Er enthielt eine überraschende Erklärung über Offenbarung, Kapitel 12. In dem Artikel wurden Beweise angeführt, daß das messianische Königreich 1914 geboren, das heißt aufgerichtet worden war, daß Christus in jenem Jahr seinen himmlischen Thron bestiegen hatte und daß Satan danach aus dem Himmel in die Umgebung der Erde geschleudert worden war. Das war die gute Botschaft, die verkündigt werden sollte, die Botschaft, daß Gottes Königreich bereits in Tätigkeit war. Wie dieses klare Verständnis die Königreichsverkündiger doch anspornte, auf der ganzen Erde zu predigen!

      Durch jedes geeignete Mittel machte Jehovas Volk bekannt, daß allein Gottes Königreich die tiefgreifenden Probleme der Menschheit lösen und endgültige Befreiung bringen kann. Diese Botschaft wurde 1931 in einer Rundfunksendung von J. F. Rutherford vermittelt, die über das bis dahin größte internationale Sendernetz ausgestrahlt wurde. Der Text der Sendung wurde außerdem in der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt in vielen Sprachen abgedruckt; in nur wenigen Monaten wurden Millionen von Exemplaren verbreitet. Abgesehen von der weiten Verbreitung in der Öffentlichkeit, bemühte man sich besonders, Politikern, führenden Geschäftsleuten und Geistlichen Exemplare zukommen zu lassen.

      In der Broschüre hieß es unter anderem: „Die gegenwärtigen ungerechten Regierungen der Welt können dem Volke keinerlei Hoffnung bieten. Gottes Urteil über sie erklärt, daß sie untergehen müssen. Somit ist die einzige Hoffnung der Welt das gerechte Königreich oder die Regierung Gottes mit Christus Jesus als ihrem unsichtbaren Herrscher.“ Man erkannte, daß dieses Königreich der Menschheit wahren Frieden und echte Sicherheit bringen wird. Unter seiner Herrschaft wird die Erde ein richtiges Paradies werden, und Krankheit und Tod wird es nicht mehr geben (Offb. 21:4, 5).

      Die gute Botschaft von Gottes Königreich bildet auch weiterhin den Kern der Glaubensansichten der Zeugen Jehovas. Seit der Ausgabe vom 1. März 1939 (engl.) trägt ihre wichtigste Zeitschrift, die heute in über 110 Sprachen erscheint, den Titel Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich.

      Doch bevor die Erde durch die Königreichsherrschaft in ein Paradies umgewandelt werden kann, muß das gegenwärtige böse System beseitigt werden. Wie wird sich das abspielen?

      Der Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen

      Der Weltkrieg, der 1914 begann, erschütterte das bestehende System der Dinge bis in seine Grundfesten. Eine Weile entwickelte sich scheinbar alles so, wie die Bibelforscher es erwartet hatten.

      Im August 1880 hatte Bruder Russell geschrieben: „Wir gehen davon aus, daß die gegenwärtigen Reiche der Welt, die die Menschheit heute einengen und bedrücken, alle vernichtet werden, bevor die Menschheitsfamilie wiederhergestellt oder überhaupt gesegnet wird, daß das Königreich Gottes die Herrschaft an sich nehmen wird und daß durch dieses neue Königreich die Segnungen und die Wiederherstellung herbeigeführt werden.“ Auf welche Weise würden die Königreiche vernichtet werden? Aufgrund der sich damals entwickelnden Weltverhältnisse glaubte Russell, Gott werde während des Krieges von Harmagedon entzweite Parteien der Menschheit gebrauchen, um bestehende Institutionen umzustürzen. Er sagte: „Die Zerstörung der Menschenherrschaft beginnt. Die Macht, die sie umstürzen wird, ist jetzt am Werk. Die Menschen rotten sich bereits im Namen des Kommunismus, des Sozialismus, des Nihilismus usw. zusammen.“

      In dem 1897 veröffentlichten Buch Der Tag der Rache (später Der Krieg von Harmagedon) wurde auf das damalige Verständnis der Bibelforscher über dieses Thema noch weiter eingegangen mit den Worten: „Der Herr wird in seiner alles überragenden Vorsehung die Leitung über das große Heer der Unzufriedenen übernehmen — Patrioten, Reformer, Sozialisten, Moralisten, Anarchisten, Ignoranten und Hoffnungslose — und sich entsprechend seiner göttlichen Weisheit ihrer Hoffnungen, Ängste, Torheiten und ihrer Selbstsucht bedienen, um seine eigenen großartigen Vorsätze auszuführen, nämlich die Vernichtung der gegenwärtigen Einrichtungen und die Vorbereitung des Menschen auf das Reich der Gerechtigkeit.“ Sie dachten also, der Krieg von Harmagedon wäre mit radikalen sozialen Umwälzungen verbunden.

      Doch sollte Harmagedon lediglich ein Kampf zwischen entzweiten Parteien der Menschheit sein, eine soziale Revolution, deren sich Gott bedient, um die bestehenden Einrichtungen zu vernichten? Nachdem man sich noch eingehender mit Bibeltexten beschäftigt hatte, die dieses Thema berühren, wies Der Wacht-Turm vom 15. August 1925 auf Sacharja 14:1-3 mit den Worten hin: „Hierunter würden wir verstehen, daß alle Nationen der Erde unter der Leitung Satans versammelt würden, um gegen die ‚Jerusalem-Klasse‘ zu kämpfen, nämlich diejenigen, welche ihren Stand auf der Seite des Herrn einnehmen ... Offenbarung 16:14, 16.“

      Im darauffolgenden Jahr wurde in dem Buch Befreiung auf den wahren Zweck dieses Krieges aufmerksam gemacht: „Jehova wird jetzt, gemäß seinem Wort, eine so klare und unzweideutige Kundgebung seiner Macht geben, daß die Menschen von der Gottlosigkeit ihres Laufes überzeugt und verstehen werden, daß Jehova Gott ist. Das ist der Grund, weshalb Gott einst die Sintflut brachte, den Turm von Babel niederwarf, die Ägypter im Schilfmeer verschlang und das Heer Sanheribs, des Königs von Assyrien, vernichtete, und aus demselben Grunde beabsichtigt er zur jetzigen Zeit, eine neue große Drangsal über die Welt zu bringen. Die früheren Katastrophen waren nur Schatten dessen, was jetzt bevorsteht. Das Ansammeln geschieht für den großen Tag Gottes, des Allmächtigen. Es ist ‚der Tag Jehovas, der große und furchtbare‘ (Joel 2:31), an welchem sich Gott einen Namen machen wird. In diesem großen und endgültigen Kampf werden die Menschen aller Nationen, Zungen und Geschlechter erfahren, daß Jehova der allmächtige, allweise und gerechte Gott ist.“ Doch die Diener Jehovas auf der Erde wurden ermahnt: „Die Christen werden in dieser großen Schlacht nicht kämpfen. Sie kämpfen nicht, weil Jehova gesagt hat: ‚Denn nicht euer ist der Streit, sondern Gottes.‘ “ Bei dem hier besprochenen Krieg handelte es sich ganz eindeutig nicht um den Krieg, den die Nationen 1914 begannen. Er lag noch in der Zukunft.

      Es gab noch weitere Fragen, die anhand der Bibel beantwortet werden mußten. Eine Frage drehte sich darum, was das Jerusalem war, das gemäß Lukas 21:24 bis zum Ende der Zeiten der Nationen zertreten werden sollte; in Verbindung damit war auch herauszufinden, worum es sich bei dem Israel handelte, das in so vielen Wiederherstellungsprophezeiungen erwähnt wurde.

      Würde Gott die Juden nach Palästina zurückführen?

      Die Bibelforscher kannten die vielen Wiederherstellungsprophezeiungen, die Gottes Propheten dem alten Israel übermittelt hatten, sehr gut (Jer. 30:18; 31:8-10; Am. 9:14, 15; Röm. 11:25, 26). Bis 1932 dachten sie, sie bezögen sich speziell auf die natürlichen Juden. Daher glaubten sie, Gott werde Israel wieder Gunst erweisen, indem er die Juden allmählich nach Palästina zurückführen, ihnen die Augen für die Wahrheit über Jesus als Loskäufer und messianischen König öffnen und durch sie alle Nationen segnen werde. In diesem Bewußtsein sprach Bruder Russell zu großen jüdischen Zuhörerschaften in New York und auch in Europa über das Thema „Zionismus in der Prophezeiung“, und 1925 schrieb Bruder Rutherford das Buch Trost für die Juden.

      Mit der Zeit wurde jedoch offensichtlich, daß sich durch Geschehnisse in Palästina in Verbindung mit den Juden die großartigen Wiederherstellungsprophezeiungen Jehovas nicht erfüllten. Das Jerusalem des ersten Jahrhunderts wurde verwüstet, weil die Juden Gottes Sohn, den Messias, verworfen hatten, der im Namen Jehovas gesandt worden war (Dan. 9:25-27; Mat. 23:38, 39). Es wurde immer augenfälliger, daß sie, als Volk gesehen, ihre Einstellung nicht geändert hatten. Sie bereuten die verkehrte Handlungsweise ihrer Vorväter nicht. Daß einige nach Palästina zurückkehrten, geschah nicht aus Liebe zu Gott oder aus dem Wunsch heraus, daß sein Name durch die Erfüllung seines Wortes verherrlicht werde. Das wurde im zweiten Band des Werkes Rechtfertigung, das 1932 von der Watch Tower Bible and Tract Society herausgegeben wurde, deutlich erklärt.k Daß dieser Standpunkt richtig war, bestätigte sich 1949, als der Staat Israel, der damals gerade als Nation und Heimstätte für die Juden gegründet worden war, den Vereinten Nationen beitrat, wodurch er verriet, daß er nicht Jehova, sondern den politischen Nationen der Welt vertraute.

      Die Ereignisse, durch die sich die Wiederherstellungsprophezeiungen erfüllten, wiesen in eine andere Richtung. Jehovas Diener erkannten nach und nach, daß das geistige Israel — das aus geistgesalbten Christen bestehende „Israel Gottes“ — sich in Erfüllung des Vorsatzes Gottes durch Jesus Christus des Friedens mit Gott erfreute (Gal. 6:16). Ihnen wurden nun die Augen dafür geöffnet, in der Handlungsweise Gottes mit diesen wahren Christen eine wunderbare geistige Erfüllung der Wiederherstellungsverheißungen zu sehen. Mit der Zeit wurde ihnen auch klar, daß es sich bei dem Jerusalem, das am Ende der Zeiten der Nationen erhöht wurde, nicht lediglich um eine irdische Stadt handelte oder um ein irdisches Volk, für das diese Stadt stand, sondern vielmehr um das „himmlische Jerusalem“, wo Jehova seinen Sohn, Jesus Christus, 1914 als Herrscher eingesetzt hatte (Heb. 12:22).

      Dank dieser Klarstellung waren Jehovas Zeugen besser in der Lage, ohne Parteilichkeit gegenüber einer bestimmten Gruppe ihrem Auftrag nachzukommen, die gute Botschaft vom Königreich ‘auf der ganzen bewohnten Erde zu predigen, allen Nationen zu einem Zeugnis’ (Mat. 24:14).

      Wem gebührt die Ehre für alle diese biblischen Erklärungen, die in den Veröffentlichungen der Watch Tower Society erschienen sind?

      Das Mittel, durch das die Diener Jehovas belehrt werden

      Jesus Christus hatte vorhergesagt, daß er nach seiner Rückkehr in den Himmel seinen Jüngern den heiligen Geist senden würde. Dieser würde als ein Helfer dienen, der sie „in die ganze Wahrheit leiten“ würde (Joh. 14:26; 16:7, 13). Jesus sagte auch, er habe als Herr der wahren Christen einen „treuen und verständigen Sklaven“, einen „treuen Verwalter“, der an die Hausknechte, das heißt die Arbeiter im Haushalt des Glaubens, geistige „Speise zur rechten Zeit“ austeilen werde (Mat. 24:45-47; Luk. 12:42). Wer ist dieser treue und verständige Sklave?

      In der allerersten Ausgabe des Wacht-Turms wurde mit Bezug auf Matthäus 24:45-47 gesagt, das Ziel der Herausgeber dieser Zeitschrift bestehe darin, gegenüber Ereignissen, die mit der Gegenwart Christi in Zusammenhang stünden, wachsam zu sein und den Haushalt des Glaubens mit geistiger „Speise zur rechten Zeit“ zu versorgen. Doch der verantwortliche Redakteur der Zeitschrift behauptete nicht von sich selbst, der treue und verständige Sklave oder der „treue und kluge Knecht“ (nach der Wiedergabe der Elberfelder Bibel) zu sein.

      So erklärte C. T. Russell in der Ausgabe der Zeitschrift von Oktober/November 1881 (engl.): „Wir glauben, daß jeder einzelne des Leibes Christi an diesem gesegneten Werk, dem Haushalt des Glaubens Speise zur rechten Zeit zu geben, entweder direkt oder indirekt beteiligt ist. ‚Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat‘, um ihnen Speise zur rechten Zeit zu geben? Ist es nicht die ‚kleine Herde‘ geweihter Diener, die ihr Weihegelübde treu erfüllen — der Leib Christi —, und teilt nicht der gesamte Leib, als einzelne und als Gesamtheit, zur rechten Zeit Speise an den Haushalt des Glaubens aus — die große Anzahl von Gläubigen? Gesegnet ist dieser Sklave (der gesamte Leib Christi), den der Herr bei seiner Ankunft (gr.: elthon) also tuend findet. ‚Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen.‘ “

      Über zehn Jahre später äußerte Bruder Russells Frau jedoch öffentlich den Gedanken, Russell selbst sei der treue und kluge Knecht.l Die von ihr vertretene Ansicht darüber, wer der „treue Knecht“ sei, wurde von den Bibelforschern etwa 30 Jahre lang allgemein geteilt. Bruder Russell widersprach dieser Ansicht nicht, aber er selbst vermied es, den Text so anzuwenden, und unterstrich, wie sehr ihm die Vorstellung von einer Geistlichenklasse widerstrebte, die im Gegensatz zu einer Laienklasse zum Lehren des Wortes Gottes beauftragt sei. Das von Bruder Russell 1881 geäußerte Verständnis, wonach der treue und kluge Knecht in Wirklichkeit ein kollektiver Knecht ist, der sich aus allen geistgesalbten Gliedern des Leibes Christi auf der Erde zusammensetzt, wurde im Wacht-Turm vom 1. April 1927 bestätigt. (Vergleiche Jesaja 43:10.)

      Wie sah Bruder Russell seine Rolle selbst? Behauptete er, von Gott eine besondere Offenbarung erhalten zu haben? Im Wacht-Turm vom April 1907 (Seite 65) räumte Russell demütig ein: „Nein, liebe Freunde, ich schreibe mir keinerlei Überlegenheit zu noch auch übernatürliche Kraft, Würde oder Autorität; auch erstrebe ich für mich keine Erhöhung in der Achtung meiner Brüder in dem Haushalte des Glaubens, es sei denn in dem von dem Meister empfohlenen Sinne, als er sagte: ‚Wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein‘ (Matth. 20, 26). ... Die Wahrheiten, die ich als Gottes Mundstück vortrage, sind mir nicht in Gesichten und Träumen offenbart worden, nicht durch eine hörbare Stimme Gottes, auch nicht zugleich auf einmal, sondern allmählich fortschreitend. ... Auch ist diese klare Entfaltung der Wahrheit nicht menschlichem Scharfsinn oder scharfer Auffassungsgabe entsprungen, sondern der einfachen Tatsache zu verdanken, daß Gottes rechte Zeit herbeigekommen ist; und wenn ich nicht redete und kein anderer zu finden wäre, so würden sogar die Steine schreien.“

      Die Leser des Wacht-Turms wurden, so wie alle Zeugen Jehovas heute, ermuntert, auf Jehova als ihren Großen Unterweiser zu blicken (Jes. 30:20). Dieser Gedanke wurde im Wachtturm vom 1. Dezember 1931 in dem Artikel „Von Gott gelehrt“ besonders hervorgehoben, wo es hieß: „Der Wachtturm macht geltend, daß die Wahrheit Jehova und nicht irgendwelchem Geschöpfe gehört. Der Wachtturm ist nicht das Werkzeug irgendeines Menschen noch einer Gruppe von Menschen, und er wird auch nicht nach dem Gutdünken von Menschen veröffentlicht. ... Jehova Gott ist der große Lehrer seiner Kinder. Die Veröffentlichung dieser Wahrheiten geschieht allerdings durch unvollkommene Menschen, und aus diesem Grunde sind sie nicht absolut vollkommen im Ausdruck; sie sind aber in eine solche Form gebracht, daß sie Gottes Wahrheit, die er seinen Kindern lehrt, widerspiegeln.“

      Wenn im ersten Jahrhundert Fragen über eine Lehre oder Verfahrensweise auftauchten, wandte man sich damit an eine zentrale leitende Körperschaft, die aus in geistiger Hinsicht älteren Männern bestand. Entscheidungen wurden gefällt, nachdem man die Aussagen der inspirierten Schriften untersucht hatte sowie die Ergebnisse der Tätigkeiten, die im Einklang mit diesen Schriften waren und aufgrund der Wirksamkeit des heiligen Geistes gediehen. Die Versammlungen wurden von den Entscheidungen schriftlich unterrichtet (Apg. 15:1 bis 16:5). Das wird unter Jehovas Zeugen heute genauso gehandhabt.

      Für die geistige Belehrung wird durch Zeitschriftenartikel, Bücher, Kongreßprogramme und Dispositionen für Vorträge in der Versammlung gesorgt, die alle nach den Anweisungen der leitenden Körperschaft des treuen und verständigen Sklaven vorbereitet werden. Ihr Inhalt beweist deutlich, daß sich die Vorhersage Jesu in unserer Zeit erfüllt: Er besitzt tatsächlich eine Klasse des treuen und verständigen Sklaven, die treu ‘alles lehrt, was er geboten hat’; dieses Organ ‘wacht beharrlich’ und achtet auf Ereignisse, durch die sich biblische Prophezeiungen erfüllen, besonders was die Gegenwart Christi anbelangt; es hilft gottesfürchtigen Menschen verstehen, was es heißt, die Gebote Jesu „zu halten“ und sich so als seine wahren Jünger zu erweisen (Mat. 24:42; 28:20; Joh. 8:31, 32).

      Im Laufe der Jahre wurden Praktiken, durch die in Verbindung mit der Vorbereitung der geistigen Speise eventuell ungebührliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Personen gelenkt worden wäre, nach und nach abgelegt. Bis zum Tod C. T. Russells wurde sein Name nahezu in jeder Ausgabe des Wacht-Turms als Herausgeber aufgeführt. Oft fanden sich die Namen oder Initialen derer, die Beiträge geliefert hatten, am Ende ihres jeweiligen Artikels. Mit der Ausgabe vom 1. Dezember 1916 (engl.) begann man dann, im Wacht-Turm die Namen eines Herausgeberkomitees aufzuführen, statt den Namen eines einzigen Herausgebers zu nennen. In der Ausgabe vom 15. Oktober 1931 (engl.) wurde auch diese Namenliste gestrichen und statt dessen Jesaja 54:13 abgedruckt. Nach dem Wortlaut der Elberfelder Bibel war dort zu lesen: „Und alle deine Kinder werden von Jehova gelehrt, und der Friede deiner Kinder wird groß sein.“ Seit 1942 gilt allgemein die Regel, daß in den Veröffentlichungen der Watch Tower Society auf keine Einzelperson als Verfasser die Aufmerksamkeit gelenkt wird.a Unter der Aufsicht der leitenden Körperschaft liefern getaufte Christen aus Nord- und Südamerika, Europa, Afrika, Asien und von den Inseln des Meeres Beiträge zu dem Stoff, der in den Versammlungen der Zeugen Jehovas weltweit behandelt wird. Aber alle Ehre dafür wird Jehova Gott zugeschrieben.

      Das Licht scheint immer heller

      Wie die neuzeitliche Geschichte der Zeugen Jehovas erkennen läßt, decken sich ihre Erfahrungen mit Sprüche 4:18: „Aber der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Licht, das heller und heller wird, bis es voller Tag ist.“ Ja, das Licht ist nach und nach heller geworden, genauso wie die frühe Morgendämmerung in den Sonnenaufgang und dann in das volle Tageslicht übergeht. Da sie die Sachverhalte nur in dem Licht untersuchen konnten, das ihnen jeweils zur Verfügung stand, waren ihre Vorstellungen manchmal unvollständig oder sogar ungenau. So sehr sie sich auch bemühten, einige Prophezeiungen konnten sie einfach erst verstehen, als sie sich zu erfüllen begannen. In dem Maße, wie Jehova durch seinen Geist immer mehr Licht auf sein Wort geworfen hat, sind seine Diener demütig dazu bereit gewesen, die nötigen Korrekturen vorzunehmen.

      Dieses fortschreitende Verständnis beschränkte sich nicht auf die Anfänge ihrer neuzeitlichen Geschichte. Auch heute ist es noch so. Zum Beispiel wurde 1962 das Verständnis über die „obrigkeitlichen Gewalten“ aus Römer 13:1-7 berichtigt.

      Viele Jahre hatten die Bibelforscher gelehrt, die „höheren Gewalten“ (KJ) seien Jehova Gott und Jesus Christus. Weshalb? Im Wacht-Turm vom 1. Juli und vom 15. Juli 1929 wurden eine Reihe weltlicher Gesetze angeführt, und es wurde gezeigt, daß das, was in einem Land erlaubt war, in einem anderen verboten war. Außerdem wurde auf weltliche Gesetze hingewiesen, die von den Menschen etwas verlangten, was Gott verboten hatte, oder etwas untersagten, was Gott seinen Dienern geboten hatte. Da es den Bibelforschern sehr am Herzen lag, der höchsten Autorität, das heißt Gott, Respekt zu erweisen, mußten die „höheren Gewalten“ ihres Erachtens Jehova Gott und Jesus Christus sein. Sie gehorchten den weltlichen Gesetzen trotzdem, legten aber Nachdruck darauf, daß der Gehorsam gegenüber Gott an erster Stelle stand. Das war eine wichtige Lehre, die sie für die darauffolgenden Jahre weltweiter Unruhen stärkte. Aber sie verstanden nicht die genaue Bedeutung von Römer 13:1-7.

      Jahre später wurde die Bibelstelle nochmals sorgfältig auf ihren Kontext hin untersucht sowie auf ihre Bedeutung im Licht der gesamten Bibel hin. So räumte man 1962 ein, daß die „obrigkeitlichen Gewalten“ die weltlichen Herrscher sind, doch wurde der Grundsatz der relativen Unterordnung dank der Neuen-Welt-Übersetzung klar erkannt.b Die Einstellung der Zeugen Jehovas gegenüber den Regierungen änderte sich dadurch nicht grundlegend, doch ihr Verständnis einer wichtigen Passage der Heiligen Schrift wurde berichtigt. Während dieser Zeit konnte jeder Zeuge gründlich darüber nachdenken, ob er seinen Verpflichtungen gegenüber Gott und den weltlichen Gewalten wirklich nachkam. Dieses klare Verständnis über die „obrigkeitlichen Gewalten“ hat Jehovas Zeugen zum Schutz gedient, vor allen Dingen in Ländern, wo die Wogen des Nationalismus und der Ruf nach größerer Freiheit zu Gewaltausbrüchen und der Bildung neuer Regierungen geführt haben.

      Im darauffolgenden Jahr (1963) wurde eine erweiterte Anwendung des Begriffs „Babylon die Große“ unterbreitetc (Offb. 17:5). Ein Rückblick auf die weltliche und religiöse Geschichte führte zu dem Schluß, daß der Einfluß des alten Babylons nicht nur in der Christenheit, sondern überall auf der Erde zu verspüren war. Man verstand also unter Babylon der Großen nun das gesamte Weltreich der falschen Religion. Diese Erkenntnis ermöglichte Jehovas Zeugen, vielen weiteren Menschen verschiedener Herkunft zu helfen, dem biblischen Gebot Folge zu leisten: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk“ (Offb. 18:4).

      Die Entwicklung der Ereignisse, die im gesamten Buch der Offenbarung vorhergesagt wurden, führte zu einer Fülle von geistigem Aufschluß. 1917 wurde in dem Buch Das vollendete Geheimnis die Offenbarung eingehend behandelt. Doch der in Offenbarung 1:10 erwähnte „Tag des Herrn“ hatte damals erst angefangen; viele Vorhersagen waren noch nicht eingetroffen und waren unklar. Die Entwicklungen in den folgenden Jahren warfen jedoch mehr Licht auf die Bedeutung dieses Bibelbuches, und diese Ereignisse nahmen großen Einfluß auf die äußerst aufschlußreiche Besprechung der Offenbarung in dem 1930 veröffentlichten zweibändigen Werk Licht. In den 60er Jahren erschien der neuste Erkenntnisstand in den Büchern „Babylon die Große ist gefallen!“ Gottes Königreich herrscht! und „Dann ist das Geheimnis Gottes vollendet“. Zwei Jahrzehnte später nahm man erneut ein gründliches Studium dieses Bibelbuches in Angriff. Die bilderreiche Sprache in der Offenbarung wurde gewissenhaft anhand ähnlicher Ausdrücke in anderen Bibelpassagen untersucht (1. Kor. 2:10-13). Man hielt Rückblick auf Geschehnisse des 20. Jahrhunderts, durch die sich die Prophezeiungen erfüllten. Die Ergebnisse wurden 1988 in dem begeisternden Buch Die Offenbarung — Ihr großartiger Höhepunkt ist nahe! veröffentlicht.

      In den Anfangsjahren der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas wurden Grundlagen gelegt. Es wurde viel wertvolle geistige Speise dargeboten. In den letzten Jahren wurde für eine Vielfalt an Bibelstudienhilfsmitteln gesorgt, um sowohl den Bedürfnissen reifer Christen als auch interessierter Personen verschiedener Herkunft zu entsprechen. Durch fortgesetztes Bibelstudium und aufgrund der Erfüllung göttlicher Prophezeiungen ist es in vielen Fällen möglich gewesen, biblische Lehren verständlicher zu formulieren. So, wie die Bibel es für Gottes Diener vorhersagte, haben Jehovas Zeugen dank ihres fortschreitenden Studiums des Wortes Gottes eine Fülle an geistiger Speise (Jes. 65:13, 14). Wenn eine Ansicht korrigiert wird, dann nie, um der Welt zu gefallen und ihre sinkenden Moralbegriffe zu übernehmen. Im Gegenteil, die Geschichte der Zeugen Jehovas zeigt, daß Änderungen vorgenommen werden, um sich noch enger an die Bibel zu halten, um den treuen Christen des ersten Jahrhunderts ähnlicher zu werden und so für Gott annehmbarer zu sein.

      Ihre Erfahrungen sind also im Einklang mit dem Gebet des Apostels Paulus, der an seine Mitchristen schrieb: „Wir ... [haben] nicht aufgehört ..., für euch zu beten und darum zu bitten, daß ihr in aller Weisheit und in geistigem Verständnis mit der genauen Erkenntnis seines Willens erfüllt werdet, damit ihr Jehovas würdig wandelt, um ihm völlig zu gefallen, während ihr fortfahrt, in jedem guten Werk Frucht zu tragen und an der genauen Erkenntnis Gottes zuzunehmen“ (Kol. 1:9, 10).

      Diese Zunahme an genauer Erkenntnis über Gott wirkte sich auch auf ihren Namen aus: Jehovas Zeugen.

      [Fußnoten]

      a Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi, April 1907, Seite 65—68.

      b Siehe Einsichten über die Heilige Schrift, herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft, Band 2, Seite 1183, 1184.

      c Zum Beispiel: 1. Im 16. Jahrhundert waren in Europa antitrinitarische Bewegungen stark geworden. Der Ungar Ferenc Dávid wußte zum Beispiel, daß das Dreieinigkeitsdogma nicht biblisch war, und er lehrte das. Er mußte für seine Glaubensansichten im Gefängnis sterben. 2. Auch die kleinere reformierte Kirche, die in Polen während des 16. und 17. Jahrhunderts etwa 100 Jahre ihre Blütezeit erlebte, verwarf die Dreieinigkeit, und ihre Anhänger überschwemmten ganz Europa mit Literatur, bis es die Jesuiten erreichten, daß sie aus Polen vertrieben wurden. 3. Sir Isaac Newton (1642—1727) aus England lehnte die Dreieinigkeitslehre ab und legte schriftlich detaillierte geschichtliche und biblische Beweise dar, die er jedoch offensichtlich aus Furcht vor den Konsequenzen zeit seines Lebens nicht veröffentlichte. 4. In Amerika entlarvte unter anderem Henry Grew die Dreieinigkeit als unbiblisch. 1824 behandelte er dieses Thema ausführlich in An Examination of the Divine Testimony Concerning the Character of the Son of God.

      d Siehe auch Schriftstudien (Ausgabe 1926), Band 5, Seite 35—72.

      e Die Watchtower Bible and Tract Society hat verschiedentlich ausführliche Abhandlungen über geschichtliche und biblische Belege zu diesem Thema veröffentlicht. Siehe „Das Wort“ — von wem spricht Johannes? (1962), „Dinge, in denen es unmöglich ist, daß Gott lügt“ (1965), Unterredungen anhand der Schriften (1985) und Sollte man an die Dreieinigkeit glauben? (1989).

      f Die Aussagen der Bibel über die Seele sind jüdischen und sogenannten christlichen Gelehrten bekannt, werden aber in ihren Gotteshäusern kaum gelehrt. Siehe New Catholic Encyclopedia (1967), Band XIII, Seite 449, 450; The Eerdmans Bible Dictionary (1987), Seite 964, 965; The Interpreter’s Dictionary of the Bible, veröffentlicht von G. Buttrick (1962), Band 1, Seite 802; The Jewish Encyclopedia (1910), Band VI, Seite 564.

      g In einer ausführlicheren Abhandlung über dieses Thema wurde 1955 in der Broschüre Was sagt die Heilige Schrift über ein „Weiterleben nach dem Tode“? gezeigt, daß Satan gemäß dem Bibelbericht Eva glauben machen wollte, sie würde nicht im Fleische sterben, wenn sie Gottes Verbot, von dem „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ zu essen, außer acht ließe (1. Mo. 2:16, 17; 3:4). Mit der Zeit wurde offenkundig, daß das nicht stimmte, doch diese erste Lüge war das Fundament für spätere Entwicklungen. Die Menschen gelangten zu der Ansicht, etwas Unsichtbares, was dem Menschen innewohne, lebe nach dem Tod weiter. Diese Vorstellung wurde nach der Sintflut durch dämonische, spiritistische Bräuche bekräftigt, die aus Babylon stammten (Jes. 47:1, 12; 5. Mo. 18:10, 11).

      h Barbour behauptete, an das Lösegeld zu glauben, daran, daß Christus für uns starb. Er verwarf jedoch den Gedanken der „Stellvertretung“ — daß Christus anstelle von uns gestorben ist und durch seinen Tod die Strafe für die Sünden der Nachkommen Adams bezahlt hat.

      i Das rührte von der Ansicht her, 1873 sei das siebte Jahrtausend der Menschheitsgeschichte angebrochen und 1878 werde eine Zeit göttlicher Ungnade gegenüber dem natürlichen Israel enden (die, wie man meinte, ebensolang sei wie eine frühere Zeit der Gunst). Die chronologische Berechnung war fehlerhaft, da sie sich auf eine ungenaue Wiedergabe von Apostelgeschichte 13:20 in der King-James-Bibel stützte sowie auf die Ansicht, 1. Könige 6:1 enthalte einen Abschreibfehler, und weil man es versäumt hatte, bei der Bestimmung der Regierungszeiten der Könige Judas und Israels in der Bibel vorkommende Überschneidungen zu berücksichtigen. Ein klareres Verständnis der biblischen Chronologie wurde 1943 in dem Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen“ veröffentlicht; im darauffolgenden Jahr wurde in dem Buch „Das Königreich ist herbeigekommen“ ein noch besseres Verständnis vermittelt, was auch auf spätere Publikationen zutrifft.

      j Eine von George Storrs in Brooklyn (New York) herausgegebene Zeitschrift.

      k Als die leitende Körperschaft 1978 von der Presse gebeten wurde, zur Haltung der Zeugen Jehovas gegenüber dem Zionismus Stellung zu nehmen, sagte sie: „Jehovas Zeugen vertreten nach wie vor den biblischen Standpunkt der Neutralität gegenüber allen politischen Bewegungen und Regierungen. Sie sind überzeugt, daß keine menschliche Bewegung das erreichen wird, was einzig und allein Gottes himmlisches Königreich bewirken kann.“

      l Leider verließ sie ihn kurz danach aus dem Wunsch heraus, sich selbst in den Vordergrund zu rücken.

      a In Ländern, in denen das Gesetz es vorschreibt, kann allerdings ein örtlicher Vertreter als verantwortlicher Redakteur genannt werden.

      b Der Wachtturm, 1. Januar, 15. Januar und 1. Februar 1963 (engl.: 1. November, 15. November und 1. Dezember 1962).

      c Der Wachtturm, 15. Januar und 1. Februar 1964 (engl.: 15. November und 1. Dezember 1963).

      [Herausgestellter Text auf Seite 120]

      C. T. Russell gab offen zu, daß ihm andere in den Anfangsjahren seines Studiums der Bibel eine Hilfe waren

      [Herausgestellter Text auf Seite 122]

      Sie haben sich persönlich davon überzeugt, daß die Bibel wirklich das Wort Gottes ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 123]

      Den Bibelforschern wurde bewußt, daß Gottes Gerechtigkeit in einem vollkommen harmonischen Verhältnis zu seiner Weisheit, Liebe und Macht steht

      [Herausgestellter Text auf Seite 127]

      Russell wurde klar, daß die Hölle kein Ort der Qual nach dem Tod ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 129]

      Die meisten vernünftigen Menschen glaubten nicht an die Lehre vom Höllenfeuer

      [Herausgestellter Text auf Seite 132]

      Russells entschiedene Haltung gegenüber dem Lösegeld hatte weitreichende Folgen

      [Herausgestellter Text auf Seite 134]

      Sie erkannten, daß biblische Prophezeiungen deutlich auf 1914 hinwiesen

      [Herausgestellter Text auf Seite 136]

      Nicht alles trat so schnell ein, wie sie es erwarteten

      [Herausgestellter Text auf Seite 139]

      Die gute Botschaft, die verkündigt werden sollte, lautete: Gottes Königreich ist bereits in Tätigkeit!

      [Herausgestellter Text auf Seite 140]

      Würde Harmagedon lediglich eine soziale Revolution sein?

      [Herausgestellter Text auf Seite 141]

      1932 fand man schließlich heraus, wer das wahre „Israel Gottes“ ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 143]

      „Der treue und verständige Sklave“ — eine Person oder eine Klasse?

      [Herausgestellter Text auf Seite 146]

      Nach und nach wurden Praktiken abgelegt, durch die eventuell ungebührliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Personen gelenkt worden wäre

      [Herausgestellter Text auf Seite 148]

      Änderungen werden vorgenommen, um sich enger an das Wort Gottes zu halten

      [Kasten auf Seite 124]

      Den Namen Gottes bekanntgemacht

      ◆ Seit 1931 steht der Name Jehovas Zeugen für diejenigen, die Jehova als den allein wahren Gott anbeten und ihm dienen.

      ◆ Seit dem 1. November 1931 (engl.: 15. Oktober) erscheint der Eigenname Gottes, Jehova, auf der Titelseite jeder Ausgabe des „Wachtturms“.

      ◆ Jehovas Zeugen gaben 1950, zu einer Zeit, als die meisten modernen Übersetzungen den Eigennamen Gottes wegließen, die „Neue-Welt-Übersetzung“ („NW“) heraus, in der der göttliche Name wieder seinen rechtmäßigen Platz erhielt.

      ◆ Außer der Bibel hat die Watch Tower Bible and Tract Society viele weitere Publikationen herausgegeben, die den göttlichen Namen in den Brennpunkt rücken — zum Beispiel die Bücher „Jehova“ (1934), „ ,Dein Name werde geheiligt‘ “ (1961) und „‘Die Nationen sollen erkennen, daß ich Jehova bin’ — Wie?“ (1971) sowie die Broschüre „Der göttliche Name, der für immer bleiben wird“ (1984).

      [Kasten auf Seite 126]

      „Sollen wir ... Jesus selbst widersprechen?“

      Nachdem C. T. Russell die Dreieinigkeitslehre als unbiblisch und unlogisch bloßgestellt hatte, fragte er zu Recht entrüstet: „Sollen wir also den Aposteln, den Propheten und Jesus selbst widersprechen, uns über die Vernunft und den gesunden Menschenverstand hinwegsetzen, um an einem Dogma festzuhalten, das uns durch eine verderbte, abtrünnige Kirche aus einer finsteren, abergläubischen Vergangenheit überliefert wurde? Niemals! ‚Zum Gesetz und zum Zeugnis! Wenn sie nicht nach diesem Worte sprechen, dann deshalb, weil kein Licht in ihnen ist‘ “ („Der Wacht-Turm“, 15. August 1915, engl.).

      [Kasten auf Seite 133]

      Fortschreitende Wahrheit

      C. T. Russell schrieb 1882: „Die Bibel ist unser einziger Maßstab, und ihre Lehren sind unser einziges Glaubensbekenntnis, und da wir verstehen, daß sich die biblischen Wahrheiten fortschreitend entfalten, sind wir bereit und darauf eingestellt, unser Glaubensbekenntnis (Glaube — Lehre) zu ergänzen beziehungsweise zu ändern, wenn wir von unserem Maßstab mehr Licht erhalten“ („Der Wacht-Turm“, April 1882, engl., S. 7).

      [Kasten auf Seite 144, 145]

      Glaubenslehren der Zeugen Jehovas

      ◆ Die Bibel ist Gottes inspiriertes Wort (2. Tim. 3:16, 17).

      Was sie enthält, ist nicht lediglich Geschichte oder die Ansicht von Menschen, sondern das Wort Gottes, das zu unserem Nutzen aufgeschrieben wurde (2. Pet. 1:21; Röm. 15:4; 1. Kor. 10:11).

      ◆ Jehova ist der allein wahre Gott (Ps. 83:18; 5. Mo. 4:39).

      Jehova ist der Schöpfer aller Dinge, und als solcher verdient nur er es, angebetet zu werden (Offb. 4:11; Luk. 4:8).

      Jehova ist der universelle Souverän; ihm schulden wir uneingeschränkten Gehorsam (Apg. 4:24; Dan. 4:17; Apg. 5:29).

      ◆ Jesus Christus ist der einziggezeugte Sohn Gottes, der einzige, der direkt von Gott erschaffen wurde (1. Joh. 4:9; Kol. 1:13-16).

      Jesus war die erste Schöpfung Gottes; er lebte also im Himmel, ehe er als Mensch empfangen und geboren wurde (Offb. 3:14; Joh. 8:23, 58).

      Jesus betet seinen Vater als den allein wahren Gott an; Jesus behauptete nie, Gott gleich zu sein (Joh. 17:3; 20:17; 14:28).

      Jesus gab sein vollkommenes menschliches Leben als ein Lösegeld für die Menschheit. Durch sein Opfer wird allen, die wirklich Glauben daran ausüben, ewiges Leben ermöglicht (Mar. 10:45; Joh. 3:16, 36).

      Jesus wurde als unsterbliche Geistperson von den Toten auferweckt (1. Pet. 3:18; Röm. 6:9).

      Jesus ist wiedergekommen (indem er als König seine Aufmerksamkeit der Erde zugewandt hat) und ist jetzt als herrlicher Geist gegenwärtig (Mat. 24:3, 23-27; 25:31-33; Joh. 14:19).

      ◆ Satan ist der unsichtbare „Herrscher dieser Welt“ (Joh. 12:31; 1. Joh. 5:19).

      Ursprünglich war er ein vollkommener Sohn Gottes, aber er ließ zu, daß sein Herz überheblich wurde; er begehrte die Anbetung, die nur Jehova zustand, für sich und verleitete Adam und Eva dazu, ihm zu gehorchen, statt auf Gott zu hören. Dadurch machte er sich zum Satan, was „Widersacher“ bedeutet (Joh. 8:44; 1. Mo. 3:1-5; vergleiche 5. Mose 32:4, 5; Jakobus 1:14, 15; Lukas 4:5-7).

      Satan ‘führt die ganze bewohnte Erde irre’; er und seine Dämonen sind für die Zunahme der Bedrängnis auf der Erde in der heutigen Zeit des Endes verantwortlich (Offb. 12:7-9, 12).

      Zu Gottes bestimmter Zeit werden Satan und seine Dämonen für immer vernichtet (Offb. 20:10; 21:8).

      ◆ Gottes Königreich in den Händen Christi wird alle menschlichen Regierungen ersetzen und die einzige Regierung über die ganze Menschheit werden (Dan. 7:13, 14).

      Das gegenwärtige böse System der Dinge wird vollständig vernichtet werden (Dan. 2:44; Offb. 16:14, 16; Jes. 34:2).

      Das Königreich Gottes wird mit Gerechtigkeit regieren und seinen Untertanen wahren Frieden bringen (Jes. 9:6, 7; 11:1-5; 32:17; Ps. 85:10-12).

      Die Bösen werden für immer abgeschnitten werden, und Anbeter Jehovas werden sich dauernder Sicherheit erfreuen (Spr. 2:21, 22; Ps. 37:9-11; Mat. 25:41-46; 2. Thes. 1:6-9; Mi. 4:3-5).

      ◆ Wir leben jetzt, seit 1914,d in der „Zeit des Endes“ dieser bösen Welt (Mat. 24:3-14; 2. Tim. 3:1-5; Dan. 12:4).

      Während dieser Zeit wird allen Nationen ein Zeugnis gegeben; danach wird das Ende kommen — nicht das Ende des Planeten, sondern des bösen Systems und gottloser Menschen (Mat. 24:3, 14; 2. Pet. 3:7; Pred. 1:4).

      ◆ Es gibt nur e i n e n Weg zum Leben; nicht alle Religionen und religiösen Bräuche sind Gott wohlgefällig (Mat. 7:13, 14; Joh. 4:23, 24; Eph. 4:4, 5).

      Bei der wahren Anbetung geht es nicht um ein Ritual und um äußeren Schein, sondern um echte Liebe zu Gott, die sich im Gehorsam gegenüber seinen Geboten und in der Liebe zum Mitmenschen zeigt (Mat. 15:8, 9; 1. Joh. 5:3; 3:10-18; 4:21; Joh. 13:34, 35).

      Menschen aus allen Nationen, Rassen und Sprachgruppen können Jehova dienen und seine Anerkennung erlangen (Apg. 10:34, 35; Offb. 7:9-17).

      Gebete dürfen nur an Jehova gerichtet werden durch Jesus; Bilder dürfen weder als Gegenstände der Verehrung noch als Gebetshilfen verwendet werden (Mat. 6:9; Joh. 14:6, 13, 14; 1. Joh. 5:21; 2. Kor. 5:7; 6:16; Jes. 42:8).

      Spiritistische Bräuche muß man meiden (Gal. 5:19-21; 5. Mo. 18:10-12; Offb. 21:8).

      Unter wahren Christen gibt es keine Einteilung in Geistliche und Laien (Mat. 20:25-27; 23:8-12).

      Wahres Christentum schließt nicht ein, daß man einen wöchentlichen Sabbat hält oder anderen Forderungen des mosaischen Gesetzes nachkommt, um Rettung zu erlangen; das zu tun würde bedeuten, daß man Christus verwirft, der das Gesetz erfüllt hat (Gal. 5:4; Röm. 10:4; Kol. 2:13-17).

      Diejenigen, die die wahre Anbetung pflegen, lassen sich nicht auf Interkonfessionalismus ein (2. Kor. 6:14-17; Offb. 18:4).

      Alle, die wirklich Jünger Jesu sind, unterziehen sich der Taufe durch völliges Untertauchen (Mat. 28:19, 20; Mar. 1:9, 10; Apg. 8:36-38).

      Alle, die dem Beispiel Jesu folgen und seinen Geboten gehorchen, geben anderen Zeugnis über das Königreich Gottes (Luk. 4:43; 8:1; Mat. 10:7; 24:14).

      ◆ Der Tod ist eine Folge der von Adam ererbten Sünde (Röm. 5:12; 6:23).

      Was beim Tod stirbt, ist die Seele selbst (Hes. 18:4).

      Die Toten wissen nichts (Ps. 146:4; Pred. 9:5, 10).

      Die Hölle (der Scheol, der Hades) ist das allgemeine Grab der Menschheit (Hiob 14:13, „Allioli“; Offb. 20:13, 14; vergleiche „Lu“, 1950 sowie „Reinhardt“).

      Der ‘Feuersee’, in den die unverbesserlich Bösen kommen, bedeutet, wie die Bibel selbst sagt, den „zweiten Tod“, ewigen Tod (Offb. 21:8).

      Die Hoffnung für die Toten und für diejenigen, die Angehörige durch den Tod verloren haben, ist die Auferstehung (1. Kor. 15:20-22; Joh. 5:28, 29; vergleiche Johannes 11:25, 26, 38-44; Markus 5:35-42).

      Der durch die adamische Sünde verursachte Tod wird nicht mehr sein (1. Kor. 15:26; Jes. 25:8; Offb. 21:4).

      ◆ Eine „kleine Herde“ von nur 144 000 kommt in den Himmel (Luk. 12:32; Offb. 14:1, 3).

      Das sind die, die als geistige Söhne Gottes „wiedergeboren“ sind (Joh. 3:3; 1. Pet. 1:3, 4).

      Gott wählt sie aus allen Völkern und Nationen aus, damit sie als Könige mit Christus im Königreich regieren (Offb. 5:9, 10; 20:6).

      ◆ Andere, die Gottes Anerkennung haben, werden für immer auf der Erde leben (Ps. 37:29; Mat. 5:5; 2. Pet. 3:13).

      Die Erde wird nie zerstört oder entvölkert werden (Ps. 104:5; Jes. 45:18).

      Gottes ursprünglichem Vorsatz entsprechend wird die ganze Erde ein Paradies (1. Mo. 1:27, 28; 2:8, 9; Luk. 23:42, 43).

      Zur Freude aller wird es angenehme Wohnhäuser und eine Fülle an Nahrung geben (Jes. 65:21-23; Ps. 72:16).

      Krankheiten, Behinderungen jeder Art und selbst der Tod werden dann der Vergangenheit angehören (Offb. 21:3, 4; Jes. 35:5, 6).

      ◆ Weltlichen Obrigkeiten muß der gebührende Respekt entgegengebracht werden (Röm. 13:1-7; Tit. 3:1, 2).

      Wahre Christen lehnen sich nicht gegen die Regierungsgewalt auf (Spr. 24:21, 22; Röm. 13:1).

      Sie gehorchen allen Gesetzen, die nicht im Widerspruch zu Gottes Gesetz stehen; der Gehorsam gegenüber Gott ist jedoch vorrangig (Apg. 5:29).

      Wie Jesus bleiben sie gegenüber den politischen Angelegenheiten der Welt neutral (Mat. 22:15-21; Joh. 6:15).

      ◆ Christen müssen sich an die biblischen Maßstäbe halten, die das Blut und die Geschlechtsmoral betreffen (Apg. 15:28, 29).

      Orale oder intravenöse Aufnahme von Blut verletzt das Gesetz Gottes (1. Mo. 9:3-6; Apg. 15:19, 20).

      Christen müssen sittlich rein sein; Hurerei, Ehebruch und Homosexualität sowie Trunkenheit und Drogenmißbrauch haben in ihrem Leben keinen Platz (1. Kor. 6:9-11; 2. Kor. 7:1).

      ◆ Ehrlichkeit und Treue im Erfüllen der ehelichen und familiären Verpflichtungen sind für Christen wichtig (1. Tim. 5:8; Kol. 3:18-21; Heb. 13:4).

      Unehrlichkeit im Reden oder im Geschäftsleben sowie Heuchelei läßt sich mit dem Christsein nicht vereinbaren (Spr. 6:16-19; Eph. 4:25; Mat. 6:5; Ps. 26:4).

      ◆ Um Jehova auf annehmbare Weise anbeten zu können, muß man ihn über alles lieben (Luk. 10:27; 5. Mo. 5:9).

      Den Willen Jehovas zu tun und so Ehre auf seinen Namen zu bringen ist das Wichtigste im Leben eines wahren Christen (Joh. 4:34; Kol. 3:23; 1. Pet. 2:12).

      Christen tun, soweit es ihnen möglich ist, allen Menschen Gutes, doch fühlen sie sich besonders gegenüber denen verpflichtet, die Gott in gleicher Weise dienen; besonders ihnen lassen sie in Zeiten der Krankheit oder des Unglücks ihre Hilfe zukommen (Gal. 6:10; 1. Joh. 3:16-18).

      Gott zu lieben bedeutet für wahre Christen nicht nur, daß sie seinem Gebot der Nächstenliebe gehorchen müssen, sondern auch, daß sie die unsittliche und materialistische Lebensweise der Welt nicht lieben dürfen. Wahre Christen sind kein Teil der Welt und beteiligen sich daher nicht an Aktivitäten, derentwegen man sie mit dem Geist der Welt in Verbindung bringen würde (Röm. 13:8, 9; 1. Joh. 2:15-17; Joh. 15:19; Jak. 4:4).

      [Fußnote]

      d Näheres ist in dem Buch „ ,Dein Königreich komme‘ “ zu finden.

      [Bild auf Seite 121]

      C. T. Russell gab 1879 im Alter von 27 Jahren „Zions Wacht-Turm“ heraus

      [Bilder auf Seite 125]

      Sir Isaac Newton und Henry Grew gehörten zu denen, die schon früher die Dreieinigkeit als unbiblisch abgelehnt hatten

      [Bilder auf Seite 128]

      Bei einer öffentlichen Debatte argumentierte Russell, daß die Toten wirklich tot seien und weder bei den Engeln lebten noch bei den Dämonen an einem Ort der Verzweiflung

      Carnegie Hall in Allegheny (Pennsylvanien), wo die Debatte stattfand

      [Bild auf Seite 130]

      Russell reiste in große und kleine Städte, um die Wahrheit über die Hölle zu verkünden

      [Bild auf Seite 131]

      Als Frederick Franz, der damals zur Universität ging, die Wahrheit über den Zustand der Toten erfuhr, änderte er seine Lebensziele von Grund auf

      [Bild auf Seite 135]

      Die Bibelforscher machten weit und breit bekannt, daß 1914 die Zeiten der Nationen zu Ende gingen — zum Beispiel durch dieses IBSA-Traktat, das 1914 verbreitet wurde

      [Bilder auf Seite 137]

      Über das bis dahin größte Sendernetz erklärte J. F. Rutherford 1931, daß einzig und allein Gottes Königreich der Menschheit endgültige Befreiung bringen kann

      Der Vortrag „Das Königreich — die Hoffnung der Welt“ wurde von 163 Rundfunkstationen gleichzeitig übertragen und später von weiteren 340 Stationen ausgestrahlt

      [Bilder auf Seite 142]

      A. H. Macmillan wurde 1925 mit dem Schiff nach Palästina gesandt, da man sich besonders für die Rolle der Juden in Verbindung mit biblischen Prophezeiungen interessierte

  • Wie wir als Jehovas Zeugen bekannt wurden
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 11

      Wie wir als Jehovas Zeugen bekannt wurden

      IN DEN ersten Jahrzehnten ihrer neuzeitlichen Geschichte nannte man sie häufig einfach Bibelforscher. Wenn sich andere nach dem Namen der Organisation erkundigten, sagten unsere Brüder meist: „Wir sind Christen.“ Bruder Russell erklärte im Wacht-Turm einmal auf eine solche Frage: „Wir sondern uns nicht von anderen Christen ab, indem wir uns irgendeinen besonderen oder eigenen Namen geben. Wir sind mit dem Namen Christ zufrieden, unter dem die frühen Heiligen bekannt waren“ (Ausgabe vom September 1888, engl.).

      Wie kam es also, daß wir heute als Jehovas Zeugen bekannt sind?

      Der Name Christ

      Wahre Nachfolger Jesu Christi bezeichneten sich und ihre Glaubensbrüder sowohl im ersten Jahrhundert als auch in der Neuzeit als „Brüder“, „Freunde“ und als „Versammlung Gottes“ (Apg. 11:29; 3. Joh. 14; 1. Kor. 1:2). Christus nannten sie den „Herrn“ und sich selbst „Sklaven Christi Jesu“ und „Sklaven Gottes“ (Kol. 3:24; Phil. 1:1; 1. Pet. 2:16). Diese Bezeichnungen waren in der Versammlung allgemein üblich, und jeder wußte, wer oder was damit gemeint war.

      Die Lebensweise, in deren Mittelpunkt der Glaube an Jesus Christus stand, nannte man im ersten Jahrhundert den „WEG“ (und in erweitertem Sinne wurde auch die Versammlung so genannt) (Apg. 9:2; 19:9). Aus einigen Übersetzungen von Apostelgeschichte 18:25 geht hervor, daß man auch vom „Weg Jehovas“ sprach.a Außenstehende hingegen nannten die Versammlung spöttisch die „Sekte der Nazarener“ (Apg. 24:5).

      Im Jahre 44 u. Z. oder kurz danach wurden treue Nachfolger Jesu Christi als Christen bekannt. Einige behaupten, Außenstehende hätten ihnen in abfälliger Weise diesen Namen gegeben. Wie jedoch mehrere Bibellexikographen und -kommentatoren erklären, deutet ein in Apostelgeschichte 11:26 gebrauchtes Verb auf göttliche Leitung oder Offenbarung hin. In der Neuen-Welt-Übersetzung heißt es daher an dieser Stelle: „Es war zuerst in Antiochia, daß die Jünger durch göttliche Vorsehung Christen genannt wurden.“ (Ähnliche Wiedergaben findet man in Robert Youngs Literal Translation of the Holy Bible, revidierte Ausgabe 1898, in The Simple English Bible, 1981 und in Hugo McCords New Testament, 1988.) Um 58 u. Z. waren selbst römische Beamte mit dem Namen Christ vertraut (Apg. 26:28).

      Solange die Apostel Christi lebten, war der Name Christ bezeichnend und eindeutig (1. Pet. 4:16). Wer vorgab, ein Christ zu sein, aber diese Behauptung durch seine Glaubensansichten oder seinen Lebenswandel Lügen strafte, wurde aus der Christengemeinde ausgeschlossen. Wie jedoch Jesus vorausgesagt hatte, säte Satan nach dem Tode der Apostel Samen, aus dem Scheinchristen hervorgingen. Diese Betrüger beanspruchten ebenfalls den Namen Christ (Mat. 13:24, 25, 37-39). Als die abtrünnige Christenheit zur Zwangsbekehrung überging, bekannten sich einige nur deshalb zum Christentum, weil sie der Verfolgung entgehen wollten. Schließlich galt jeder Europäer — ungeachtet seiner Glaubensansichten oder seines Lebenswandels — als ein Christ, solange er sich nicht als Jude, Muslim oder Atheist ausgab.

      Spitznamen

      Dieser Umstand stellte die Reformatoren ab dem 16. Jahrhundert vor ein Problem. Wie konnten sie sich von anderen, die sich als Christen ausgaben, unterscheiden, nachdem der Name Christ ein so nichtssagender Begriff geworden war?

      Viele nahmen einfach den Spitznamen an, mit dem ihre Feinde sie bedacht hatten. In Deutschland gebrauchten zum Beispiel theologische Gegner Martin Luthers als erste dessen Namen als Bezeichnung für seine Anhänger und nannten sie Lutheraner. In England bezeichnete man John Wesleys Gefolgsleute als Methodisten, weil sie ihre religiösen Pflichten ungewöhnlich genau und methodisch erfüllten. Die Baptisten lehnten anfangs den Spitznamen Anabaptist (was „Wiedertäufer“ bedeutet) ab, nahmen aber im Laufe der Zeit als eine Art Zugeständnis den Namen „Baptist“ an.

      Wie verhielt es sich mit den Bibelforschern? Die Geistlichkeit hatte sie als Russelliten und Rutherfordanhänger bezeichnet. Aber einen solchen Namen anzunehmen hätte einem sektiererischen Geist Vorschub geleistet. Es wäre mit der Zurechtweisung unvereinbar gewesen, die der Apostel Paulus frühen Christen erteilte, als er schrieb: „Wenn einer sagt: ‚Ich gehöre zu Paulus‘, ein anderer aber sagt: ‚Ich zu Apollos‘, seid ihr da nicht einfach Menschen [das heißt fleischlich gesinnt statt geistig gesinnt]?“ (1. Kor. 3:4). Von einigen wurden die Bibelforscher „Millennium-Tagesanbruch-Leute“ genannt; aber Christi Millenniumsherrschaft war nur e i n e ihrer Lehren. Andere bezeichneten sie als „Wacht-Turm-Leute“; aber auch dieser Name war unpassend, denn Der Wacht-Turm war lediglich e i n e der Publikationen, die sie veröffentlichten, um die biblische Wahrheit zu verbreiten.

      Ein besonderer Name erforderlich

      Schließlich wurde immer deutlicher, daß sich die Versammlung der Diener Jehovas, abgesehen von der Bezeichnung „Christen“, durch einen besonderen Namen von anderen unterscheiden mußte. Die Allgemeinheit hatte eine falsche Auffassung davon, was mit dem Namen Christ gemeint war, weil Menschen, die sich als Christen ausgaben, oftmals wenig oder nichts über Jesus Christus, seine Lehren und seinen Auftrag an wahre Nachfolger wußten. Während unsere Brüder Gottes Wort immer besser verstanden, erkannten sie auch deutlich, daß sie sich unbedingt von den Glaubensgemeinschaften unterscheiden mußten, die sich als christlich ausgaben.

      Es stimmt, daß sich unsere Brüder häufig als Bibelforscher bezeichneten und ab 1910 in Verbindung mit ihren Zusammenkünften die Bezeichnung Internationale Vereinigung der Bibelforscher gebrauchten. 1914 gaben sie ihren örtlichen Gruppen den Namen Vereinigte Bibelforscher, um eine Verwechslung mit ihrer zuvor gegründeten gesetzlich eingetragenen Körperschaft, der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (International Bible Students Association), zu vermeiden. Aber ihre Anbetung umfaßte weit mehr als das Forschen in der Bibel. Zudem gab es andere, die ebenfalls in der Bibel forschten — manche in ehrfürchtiger Weise, andere recht kritisch und nicht wenige lediglich deshalb, weil die Bibel in ihren Augen guter Lesestoff war. Nach Bruder Russells Tod lehnten es einige, die früher mit ihm verbunden waren, ab, mit der Watch Tower Society und der International Bible Students Association zusammenzuarbeiten, und leisteten dem Werk dieser Gesellschaften sogar Widerstand. Diese Splittergruppen nannten sich unterschiedlich; einige hielten an der Bezeichnung Vereinigte Bibelforscher fest. Das schuf zusätzliche Verwirrung.

      Aber 1931 nahmen wir den wirklich einzigartigen Namen Jehovas Zeugen an. Der Autor Chandler W. Sterling nannte es einen „Geniestreich“ J. F. Rutherfords, des damaligen Präsidenten der Watch Tower Society. Nach Sterlings Ansicht war es ein kluges Manöver, das nicht nur der Gruppe einen offiziellen Namen gab, sondern es auch erleichterte, alle biblischen Hinweise auf „Zeugen“ und „Zeugnisgeben“ als spezielle Bezugnahmen auf Jehovas Zeugen zu interpretieren. A. H. Macmillan, der mit drei verschiedenen Präsidenten der Watch Tower Society eng zusammenarbeitete, sagte dagegen über die Ankündigung Bruder Rutherfords: „Ich zweifle heute nicht daran — und habe auch damals nicht daran gezweifelt —, daß ihn der Herr in dieser Sache geleitet hat und daß dies der Name ist, von dem Jehova wünscht, daß wir ihn tragen, und wir sind sehr glücklich und froh, ihn zu haben.“ Welcher Standpunkt wird durch die Tatsachen gestützt? War die Namengebung ein „Geniestreich“ Bruder Rutherfords, oder war sie göttlicher Vorsehung zuzuschreiben?

      Entwicklungen, die auf den Namen hindeuteten

      Im achten Jahrhundert v. u. Z. ließ Jehova durch Jesaja die Worte aufzeichnen: „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚ja mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr erkennt und an mich glaubt und damit ihr versteht, daß ich derselbe bin. Vor mir wurde kein Gott gebildet, und nach mir war weiterhin keiner. ... Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚und ich bin Gott‘ “ (Jes. 43:10, 12). Wie aus den Christlichen Griechischen Schriften hervorgeht, erfüllen sich viele von Jesaja aufgezeichnete Prophezeiungen an der Christenversammlung. (Vergleiche Jesaja 8:18 mit Hebräer 2:10-13; Jesaja 66:22 mit Offenbarung 21:1, 2.) Jesaja 43:10, 12 wurde im Wacht-Turm in den ersten 40 Jahren seines Erscheinens jedoch nie ausführlich besprochen.

      Danach wurden Jehovas Diener aber durch ihr Studium der Bibel auf bedeutsame neue Entwicklungen aufmerksam. Gottes Königreich war mit Jesus als messianischem König 1914 in den Himmeln geboren worden. Im Jahre 1925, als diese Tatsache im Wacht-Turm deutlich gemacht wurde, lenkten 11 verschiedene Ausgaben der Zeitschrift die Aufmerksamkeit auf das prophetische Gebot aus Jesaja, Kapitel 43, Zeugen Jehovas zu sein.

      Im Hauptartikel des Wacht-Turms vom 1. Februar 1926 wurde die herausfordernde Frage behandelt „Wer wird Jehova ehren?“ In den folgenden fünf Jahren wurde in 46 Ausgaben des Wacht-Turms jeweils etwas aus Jesaja 43:10-12 besprochen und auf wahre Christen angewandt.b 1929 wurde betont, daß es bei der herausragenden Streitfrage, vor der alle vernunftbegabten Geschöpfe stehen, darum geht, den Namen Jehovas zu ehren. Und in Zusammenhang mit der Aufgabe, die Jehovas Dienern im Hinblick auf diese Streitfrage zukommt, stand Jesaja 43:10-12 wiederholt zur Betrachtung.

      Wie die Tatsachen zeigen, wurde als Ergebnis des Studiums der Bibel wiederholt die Aufmerksamkeit auf ihre Verpflichtung gelenkt, Zeugen Jehovas zu sein. Das Hauptaugenmerk galt nicht dem Namen einer Gruppe, sondern dem Werk, das sie tun sollte.

      Unter welchem Namen sollten diese Zeugen aber bekannt sein? Welcher Name wäre angesichts ihres Werkes passend? Welche Schlußfolgerung legte Gottes Wort nahe? Das wurde auf dem Kongreß in Columbus (Ohio, USA) vom 24. bis 30. Juli 1931 besprochen.

      Ein neuer Name

      Auf der Titelseite des Kongreßprogramms standen in Großdruck die Buchstaben JW. Was hatten sie zu bedeuten? Das wurde erst am Sonntag, den 26. Juli erklärt. An jenem Tag hielt Bruder Rutherford den öffentlichen Vortrag „Das Königreich — die Hoffnung der Welt“. Als der Redner darauf hinwies, wer die Verkündiger des Königreiches Gottes sind, erwähnte er ausdrücklich den Namen Jehovas Zeugen (engl.: Jehovah’s Witnesses).

      Dieses Thema griff Bruder Rutherford in einer späteren Ansprache am selben Tag wieder auf, in der er die Notwendigkeit eines besonderen Namens besprach.c Auf welchen Namen deutete die Bibel hin? Der Redner zitierte Apostelgeschichte 15:14, wo von Gottes Vorsatz die Rede ist, aus den Nationen „ein Volk für seinen Namen“ herauszunehmen. Auch unterstrich er die Tatsache, daß Jesus Christus gemäß Offenbarung 3:14 „der treue und wahrhaftige Zeuge“ ist. Er verwies auf Johannes 18:37, wo Jesu Worte zu lesen sind: „Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Er machte auf 1. Petrus 2:9, 10 aufmerksam, wo es heißt, daß Gottes Diener ‘die Vorzüglichkeiten dessen weit und breit verkünden sollten, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat’. Nach einigen Texten aus Jesaja, von denen damals noch nicht alle deutlich verstanden wurden, kam er zum Höhepunkt seiner Ausführungen, und zwar mit Jesaja 43:8-12, wo unter anderem der göttliche Auftrag zu finden ist: „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚und ich bin Gott.‘ “ Zu welchem Schluß kamen sie also aufgrund des Wortes Jehovas? Welcher Name wäre im Einklang mit der Art und Weise, wie Gott mit ihnen handelte?

      Eine Resolution, die bei dieser Gelegenheit begeistert angenommen wurde, enthielt offensichtlich die Antwort.d In dieser Resolution hieß es unter anderem:

      „D a r u m wird jetzt zur Bekanntgabe unsrer wahren Stellung, in dem Glauben, daß es in Übereinstimmung mit Gottes in seinem Worte ausgedrücktem Willen geschieht, beschlossen kundzutun:

      d a ß wir für Bruder Charles T. Russell seines Werkes wegen große Liebe hegen und freudig anerkennen, daß der Herr ihn gebraucht und seine Arbeit überaus gesegnet hat, doch können wir, dem Worte Gottes entsprechend, nicht zustimmen, ‚Russelliten‘ genannt zu werden; daß ferner die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, die Internationale Bibelforscher-Vereinigung und die Volkskanzel-Vereinigung lediglich Namen von Korporationen sind, die wir als eine Gruppe christlicher Leute besitzen, kontrollieren und gebrauchen, unser Werk im Gehorsam gegen Gottes Gebote auszuführen, doch daß keine dieser Bezeichnungen uns als Körperschaft von Christen, die den Fußtapfen unsres Herrn und Meisters, Christus Jesus, nachfolgen, gehörigerweise angeheftet oder beigegeben werden kann; daß wir in der Bibel forschen, aber als eine Vereinigung bildende Körperschaft von Christen es ablehnen, den Namen ‚Bibelforscher‘ oder ähnliche Namen als Mittel zur Feststellung unsrer richtigen Stellung vor dem Herrn anzunehmen oder uns so nennen zu lassen; daß wir es ablehnen, den Namen irgendeines Menschen zu tragen oder so genannt zu werden;

      d a ß wir, erkauft durch das teure Blut unsres Herrn und Erlösers, gerechtfertigt und gezeugt durch Jehova Gott und berufen zu seinem Königreiche, ohne Zaudern erklären, daß wir Jehova Gott und seinem Königreiche untertan und ergeben sind; daß wir Knechte Jehovas sind, beauftragt, in seinem Namen und seinem Gebot gehorchend, ein Werk zu tun, das Zeugnis Jesu Christi zu überbringen und den Menschen bekanntzumachen, daß Jehova der wahre und allmächtige Gott ist; weshalb wir mit Freuden den Namen, den der Mund des Herrn genannt hat, annehmen und wünschen, unter folgendem Namen bekannt zu sein und also genannt zu werden: J e h o v a s Z e u g e n (Jesaja 43:10-12 ...).“e

      Nach dem Vorlesen des vollen Wortlauts der Resolution stimmte die Zuhörerschaft mit lautem, anhaltenden Beifall den Ausführungen uneingeschränkt zu.

      Die Verantwortung übernehmen

      Welch eine Ehre, den Namen des allein wahren Gottes, des Souveräns des Universums, zu tragen! Aber mit diesem Namen ist eine Verantwortung verbunden. Andere religiöse Gruppen scheuen diese Verantwortung. Bruder Rutherford sagte in seiner Ansprache: „Glückselig sind die, die einen Namen annehmen können, den kein Mensch unter der Sonne zu haben wünscht, ausgenommen die, die Jehova gänzlich und rückhaltlos ergeben sind.“ Wie passend ist es doch, daß Jehovas Diener Gottes Eigennamen tragen, daß sie ihn bekanntmachen und daß er bei der Verkündigung seines Vorsatzes eine hervorragende Rolle spielt!

      Eine Gruppe oder Einzelperson, die im Namen Jehovas redet, ist verpflichtet, sein Wort getreu zu übermitteln (Jer. 23:26-28). Sie muß nicht nur Jehovas Vorkehrungen zum Segen gerechtigkeitsliebender Menschen bekanntmachen, sondern auch seine Urteilssprüche über diejenigen, die Unrecht verüben. Die Propheten der alten Zeit durften gemäß dem Gebot Jehovas nichts von seinen Worten wegnehmen, indem sie versäumt hätten, sie bekanntzumachen. Und das trifft auch auf seine Zeugen heute zu (Jer. 1:17; 26:2; Hes. 3:1-11). Sie müssen „das Jahr des Wohlwollens seitens Jehovas und den Tag der Rache seitens unseres Gottes“ verkündigen (Jes. 61:1, 2). Alle, die die obige Resolution annahmen, erkannten diese Verantwortung an und erklärten im letzten Teil der Resolution:

      „Als Jehovas Zeugen ist unser einziger und ausschließlicher Wunsch, seinen Geboten völlig gehorsam zu sein; bekanntzumachen, daß er der allein wahre und allmächtige Gott ist; daß sein Wort wahr und daß sein Name aller Ehre und allen Ruhmes würdig ist; daß Christus Gottes König ist, den er auf seinen Thron der Vollmacht gesetzt hat; daß sein Königreich nun gekommen ist und daß wir im Gehorsam gegen die Gebote des Herrn diese gute Kunde als Bekenntnis oder Zeugnis den Nationen bekanntmachen müssen und die Herrscher und das Volk über Satans grausame und bedrückende Organisation, besonders unter Hinweis auf die ‚Christenheit‘, den greulichsten Teil seiner sichtbaren Organisation, aufklären und ihnen Gottes Vorhaben, die satanische Organisation binnen kurzem zu zermalmen, ankündigen müssen, nach welchem großen Zerstörungswerk Christus, der König, den gehorsamen Menschen der Erde rasch Frieden, Wohlfahrt, Freiheit und Gesundheit, Glück und ewiges Leben bringen wird; daß Gottes Königreich die Hoffnung der Welt ist, außer der es keine andre Hoffnung gibt, und daß diese Botschaft durch die überbracht werden muß, die als Jehovas Zeugen kenntlich gemacht worden sind.

      Wir laden jedermann, der Jehova und seinem Königreich gänzlich ergeben ist, in aller Demut ein, sich an der Verkündigung dieser guten Kunde an andre zu beteiligen, damit das gerechte Panier des Herrn erhöht werde und die Völker der Erde wissen mögen, wo sie die Wahrheit und Hoffnung auf Hilfe finden können; und über alles, damit der große und heilige Name Jehovas gerechtfertigt und erhöht werde.“

      Nicht nur in Columbus (Ohio), in Amerika, sondern auch im fernen Australien applaudierten die Anwesenden stürmisch, als sie die Bekanntmachung über den neuen Namen hörten. In Japan empfing man nach stundenlangem Bemühen mitten in der Nacht mit einem Kurzwellenempfänger lediglich einen kurzen Teil des Programms, der unverzüglich übersetzt wurde. So hörte die dortige kleine Gruppe die Resolution und den donnernden Applaus. Matsue Ishii war dabei, und wie sie später schrieb, jubelten sie gemeinsam mit ihren Brüdern in Amerika. Nach dem Kongreß in Columbus brachten Jehovas Zeugen auf den Kongressen und in den Versammlungen in all den Ländern, wo sie ihren Predigtdienst verrichteten, ihre volle Übereinstimmung mit der Resolution zum Ausdruck. Aus Norwegen — um nur ein Beispiel anzuführen — wurde berichtet: „Auf unserer Jahresversammlung ... in Oslo erhoben wir uns alle und riefen mit großer Begeisterung ‚Ja‘, als wir unseren neuen Namen ‚Jehovas Zeugen‘ annahmen.“

      Mehr als ein Etikett

      Würde die Welt im allgemeinen erfahren, daß unsere Brüder einen neuen Namen angenommen hatten? Ja. Die Ansprache, mit der der Name zum erstenmal bekanntgemacht wurde, wurde über die bis dahin größte Gemeinschaftssendung des Rundfunks ausgestrahlt. Außerdem war die Resolution, die den neuen Namen erläuterte, in der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt enthalten. Nach dem Kongreß verbreiteten Jehovas Zeugen in Nord- und Südamerika, in Europa, Afrika und Asien sowie auf den Inseln des Meeres Millionen Exemplare dieser Broschüre in vielen Sprachen. Sie boten die Broschüre nicht nur im Haus-zu-Haus-Dienst an, sondern waren auch bemüht, sie jedem Regierungsvertreter, prominenten Geschäftsmann und bekannten Geistlichen zu übergeben. Einige konnten sich 1992 noch gut daran erinnern, wie sie sich an jenem bedeutsamen Feldzug beteiligten.

      Nicht jeder nahm die Broschüre dankbar an. Wie sich Eva Abbott erinnert, sprach sie in den Vereinigten Staaten im Haus eines Geistlichen vor. Beim Weggehen flog ihr die Broschüre hinterher. Sie wollte sie nicht auf dem Boden liegen lassen und bückte sich, um sie aufzuheben; da schnappte ein großer Hund nach der Broschüre und riß sie knurrend aus ihrer Hand und brachte sie seinem Herrn, dem Geistlichen, zurück. Eva sagte: „Ich konnte sie ihm nicht dalassen, aber der Hund hat’s geschafft.“

      Martin Pötzinger, der später als ein Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas diente, berichtete: „Die Leute waren erstaunt, wenn wir uns mit den Worten vorstellten: ‚Ich komme heute zu Ihnen als Zeuge für Jehova.‘ Sie schüttelten den Kopf oder fragten uns: ‚Sie sind doch noch Bibelforscher, oder gehören Sie zu einer neuen Sekte?‘ “ Das änderte sich allmählich. Nachdem die Zeugen einige Jahrzehnte ihren unverwechselbaren Namen gebraucht hatten, schrieb Bruder Pötzinger: „Wie ganz anders ist es heute ...! Bevor ich zu Wort komme, sagen die Menschen: ‚Sie sind bestimmt ein Zeuge Jehovas.‘ “ Ja, heute kennt man den Namen.

      Dieser Name ist nicht einfach ein Etikett. Alle Zeugen Jehovas, ob jung oder alt, Mann oder Frau, beteiligen sich am Zeugnisgeben für Jehova und seinen großartigen Vorsatz. C. S. Braden, Professor für Religionsgeschichte, konnte deshalb schreiben: „Jehovas Zeugen haben mit ihrem Zeugnis buchstäblich die ganze Erde umspannt“ (These Also Believe).

      Zwar ist das Zeugniswerk, das unsere Brüder verrichtet haben, schon weltumspannend gewesen, bevor sie den Namen Jehovas Zeugen angenommen haben, doch im nachhinein scheint es, daß Jehova sie auf ein noch größeres Werk vorbereitete — die Einsammlung einer großen Volksmenge, die durch Harmagedon hindurch bewahrt werden und die Gelegenheit erhalten soll, ewig auf einer paradiesischen Erde zu leben.

      [Fußnoten]

      a Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift; A Literal Translation of the New Testament ... From the Text of the Vatican Manuscript von Herman Heinfetter und sechs Übersetzungen ins Hebräische. Siehe auch die Fußnote zu Apostelgeschichte 19:23 in der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift.

      b Während dieser Zeit erschienen im Wacht-Turm unter anderem folgende Hauptartikel: „Jehova und seine Werke“, „Ehret seinen Namen“, „Ein Volk für seinen Namen“, „Sein Name erhaben“, „Der treue und wahrhaftige Zeuge“, „Preise Jehova!“, „Erquicke dich an Jehova“, „Jehova erhaben“, „Die Rechtfertigung seines Namens“, „Sein Name“ und „Singet Jehova!“

      c Siehe den Artikel „Ein neuer Name“ im Wachtturm vom 1. November 1931.

      d Der Wachtturm vom 1. Oktober 1931, Seite 295—297.

      e Bei der Auswahl des Namens Jehovas Zeugen deutet zwar alles in überzeugender Weise auf Jehovas Führung hin, doch wurde im Wachtturm (1. Februar 1944, engl., S. 42, 43; 1. Dezember 1957, S. 735) und später in dem Buch „Neue Himmel und eine neue Erde“ (S. 228—234) darauf hingewiesen, daß dieser Name nicht der in Jesaja 62:2; 65:15 und Offenbarung 2:17 erwähnte neue Name ist, auch wenn er im Einklang mit dem neuen Verhältnis steht, von dem in den beiden Jesaja-Texten die Rede ist.

      [Herausgestellter Text auf Seite 149]

      ‘Die Jünger wurden durch göttliche Vorsehung Christen genannt’

      [Herausgestellter Text auf Seite 150]

      Die Allgemeinheit hatte eine falsche Auffassung von dem Namen Christ

      [Herausgestellter Text auf Seite 151]

      Sie waren mehr als nur Bibelforscher

      [Herausgestellter Text auf Seite 157]

      „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚und ich bin Gott‘ “

      [Kasten auf Seite 151]

      Der Name Jehovas Zeugen in Amerika

      Arabisch ش‍هود ‍ي‍هوه‍

      Armenisch Եհովայի Վկաներ

      Chinesisch 耶和華見證人

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Französisch Témoins de Jéhovah

      Griechisch Μάρτυρες του Ιεχωβά

      Grönländisch Jehovap Nalunaajaasui

      Italienisch Testimoni di Geova

      Japanisch エホバの証人

      Koreanisch 여호와의 증인

      Papiamento Testigonan di Jehova

      Polnisch Świadkowie Jehowy

      Portugiesisch Testemunhas de Jeová

      Samoanisch Molimau a Ieova

      Spanisch Testigos de Jehová

      Sranan Tongo Jehovah Kotoigi

      Tagalog Mga Saksi ni Jehova

      Vietnamesisch Nhân-chứng Giê-hô-va

      [Kasten auf Seite 152]

      Auch andere erkannten es

      Nicht nur im „Wacht-Turm“ wurde, gestützt auf die Bibel, darauf hingewiesen, daß Jehova Zeugen auf der Erde haben würde. H. A. Ironside sprach beispielsweise in dem Buch „Lectures on Daniel the Prophet“ (herausgegeben 1911) von denjenigen, an denen sich die kostbaren Verheißungen aus Jesaja, Kapitel 43 erfüllen würden, und erklärte: „Diese werden Jehovas Zeugen sein, die die Macht und Herrlichkeit des einen wahren Gottes bezeugen, wenn die abtrünnige Christenheit der Verblendung übergeben worden ist, damit sie der Lüge des Antichristen glaubt.“

      [Kasten auf Seite 153]

      Der Name Jehovas Zeugen in Asien und auf den Inseln des Pazifiks

      Bengali যিহোবার সাক্ষিরা

      Bikol, Cebuano,

      Hiligaino,

      Samar-Leyte,

      Tagalog Mga Saksi ni Jehova

      Birmanisch ယေဟောဝါသက်သေများ

      Bislama Ol Wetnes blong Jeova

      Chinesisch 耶和華見證人

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Fidschi Vakadinadina i Jiova

      Gudscharati યહોવાહના સાક્ષીઓ

      Hindi यहोवा के साक्षी

      Hiri Motu Iehova ena Witness Taudia

      Iloko Dagiti Saksi ni Jehova

      Indonesisch Saksi-Saksi Yehuwa

      Japanisch エホバの証人

      Kannada ಯೆಹೋವನ ಸಾಕ್ಷಿಗಳು

      Koreanisch 여호와의 증인

      Malajalam യഹോവയുടെ സാക്ഷികൾ

      Marathi यहोवाचे साक्षीदार

      Marschallisch Dri Kennan ro an Jeova

      Nepali यहोवाका साक्षीहरू

      Neumelanesisch Ol Witnes Bilong Jehova

      Niue Tau Fakamoli a Iehova

      Palau reSioning er a Jehovah

      Pangasinan Saray Tasi nen Jehova

      Ponape Sounkadehde kan en Siohwa

      Rarotonga Au Kite o Iehova

      Ruk Ekkewe Chon Pwarata Jiowa

      Russisch Свидетели Иеговы

      Salomonen-Pidgin all’gether Jehovah’s Witness

      Samoanisch, Tuvalu Molimau a Ieova

      Singhalesisch යෙහෝවාගේ සාක්ෂිකරුවෝ

      Tahitisch Ite no Iehova

      Tamil யெகோவாவின் சாட்சிகள்

      Telugu యెహోవాసాక్షులు

      Thai พยานพระยะโฮวา

      Tonga Fakamo‘oni ‘a Sihova

      Urdu

      Vietnamesisch Nhân-chứng Giê-hô-va

      Yap Pi Mich Rok Jehovah

      [Kasten auf Seite 154]

      Der Name Jehovas Zeugen in Afrika

      Afrikaans Jehovah se Getuies

      Amharisch የይሖዋ ምሥክሮች

      Arabisch ش‍هود ‍ي‍هوه‍

      Bemba Inte sha kwa Yehova

      Efik Mme Ntiense Jehovah

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Ewe Yehowa Ðasefowo

      Französisch Témoins de Jéhovah

      Ga Yehowa Odasefoi

      Gan Kunnudetọ Jehovah tọn lẹ

      Ganda Abajulirwa ba Yakuwa

      Haussa Shaidun Jehovah

      Igbo Ndịàmà Jehova

      Kinyaruanda Abahamya ba Yehova

      Kissi Seiyaa Jɛhowaa

      Lingala Batemwe ya Jéhovah

      Lozi Lipaki za Jehova

      Luba Ba Tumoni twa Yehova

      Malagasy Vavolombelon’i Jehovah

      Moore A Zeova Kaset rãmba

      Ndonga Oonzapo dhaJehova

      Nyama Eendombwedi daJehova

      Pedi Dihlatse tša Jehofa

      Portugiesisch Testemunhas de Jeová

      Rundi Ivyabona vya Yehova

      Sango A-Témoin ti Jéhovah

      Shona Zvapupu zvaJehovha

      Suaheli Mashahidi wa Yehova

      Sutho Lipaki tsa Jehova

      Tigrinja ናይ የሆዋ መሰኻኽር

      Tschewa Mboni za Yehova

      Tschiluba Bantemu ba Yehowa

      Tschwana Basupi ba ga Jehofa

      Tsonga Timbhoni ta Yehova

      Twi Yehowa Adansefo

      Venda Ṱhanzi dza Yehova

      Xhosa amaNgqina kaYehova

      Yoruba Ẹlẹ́rìí Jehofa

      Zulu oFakazi BakaJehova

      [Kasten auf Seite 154]

      Der Name Jehovas Zeugen in Europa und dem Nahen Osten

      Albanisch Dëshmitarët e Jehovait

      Arabisch ش‍هود ‍ي‍هوه‍

      Armenisch Եհովայի Վկաներ

      Bulgarisch Свидетелите на Йехова

      Dänisch Jehovas Vidner

      Deutsch Jehovas Zeugen

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Estnisch Jehoova tunnistajad

      Finnisch Jehovan todistajat

      Französisch Témoins de Jéhovah

      Griechisch Μάρτυρες του Ιεχωβά

      Hebräisch עדי־יהוה

      Isländisch Vottar Jehóva

      Italienisch Testimoni di Geova

      Kroatisch Jehovini svjedoci

      Maltesisch Xhieda ta’ Jehovah

      Mazedonisch,

      Serbisch Јеховини сведоци

      Niederländisch Jehovah’s Getuigen

      Norwegisch Jehovas vitner

      Polnisch Świadkowie Jehowy

      Portugiesisch Testemunhas de Jeová

      Rumänisch Martorii lui Iehova

      Russisch Свидетели Иеговы

      Schwedisch Jehovas vittnen

      Slowakisch Jehovovi svedkovia

      Slowenisch Jehovove priče

      Spanisch Testigos de Jehová

      Tschechisch svĕdkové Jehovovi

      Türkisch Yehova’nın Şahitleri

      Ukrainisch Свідки Єгови

      Ungarisch Jehova Tanúi

      [Bilder auf Seite 155]

      Die Großbuchstaben JW (ohne Erläuterung) wurden 1931 auf dem Kongreß besonders herausgestellt. Ihre Bedeutung wurde in einer begeisternden Ansprache über den neuen Namen enthüllt.

      [Bilder auf Seite 156]

      Stolz machten sie darauf aufmerksam, daß sie Jehovas Zeugen waren

  • Die große Volksmenge — Wird sie im Himmel oder auf der Erde leben?
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 12

      Die große Volksmenge — Wird sie im Himmel oder auf der Erde leben?

      IM Gegensatz zu denen, die den Kirchen der Christenheit angehören, hoffen die meisten Zeugen Jehovas, einmal ewig auf der Erde zu leben — nicht im Himmel. Wie läßt sich das erklären?

      Es war nicht immer so. Die Christen des ersten Jahrhunderts erwarteten, eines Tages zusammen mit Jesus Christus als himmlische Könige zu regieren (Mat. 11:12; Luk. 22:28-30). Jesus hatte ihnen jedoch gesagt, die Königreichserben würden nur eine „kleine Herde“ ausmachen (Luk. 12:32). Wer würde dazugehören? Wie viele sollten es sein? Die Einzelheiten erfuhren sie erst später.

      Zu Pfingsten 33 u. Z. wurden die ersten jüdischen Jünger Jesu mit heiligem Geist zu Miterben Christi gesalbt. Im Jahre 36 u. Z. wurde durch das Wirken des Geistes Gottes deutlich, daß auch unbeschnittene Nichtjuden an diesem Erbe beteiligt sein würden (Apg. 15:7-9; Eph. 3:5, 6). Weitere 60 Jahre vergingen, bevor dem Apostel Johannes geoffenbart wurde, daß nur 144 000 von der Erde mit Christus an dem himmlischen Königreich teilhätten (Offb. 7:4-8; 14:1-3).

      Auch Charles Taze Russell und seine Gefährten hegten diese Hoffnung — wie überhaupt die meisten Zeugen Jehovas bis Mitte der 30er Jahre. Durch ihr Studium der Bibel wußten sie außerdem, daß die Salbung mit heiligem Geist nicht nur bedeutete, daß sie für künftige Dienste im Himmel als Könige und Priester mit Christus vorgesehen waren, sondern auch, daß sie ein besonderes Werk zu tun hatten, solange sie noch im Fleische waren (1. Pet. 1:3, 4; 2:9; Offb. 20:6). Was für ein Werk? Sie kannten Jesaja 61:1 sehr gut und zitierten diesen Text oft: „Der Geist des Souveränen Herrn Jehova ist auf mir, darum, daß Jehova mich gesalbt hat, um den Sanftmütigen gute Botschaft kundzutun.“

      Mit welcher Absicht gepredigt?

      Obwohl sie nur wenige waren, bemühten sie sich, so vielen wie möglich die Wahrheit über Gott und seinen Vorsatz mitzuteilen. Sie druckten und verbreiteten große Mengen Literatur, die von der guten Botschaft über Gottes Rettungsvorkehrung durch Christus handelte. Doch ihre Absicht war keineswegs die Bekehrung aller, denen sie predigten. Warum predigten sie ihnen dann? Der Wacht-Turm vom Juli 1889 (engl.) erklärte: „Wir sind seine [Jehovas] Vertreter auf der Erde; die Ehre seines Namens muß in Gegenwart seiner Feinde und vor vielen seiner betrogenen Kinder gerechtfertigt werden; sein herrlicher Plan muß weit und breit bekanntgemacht werden als etwas, was allen weltweisen Plänen, die die Menschen seit jeher zu erdenken versucht haben, entgegengesetzt ist.“

      Man wandte sich besonders an die, die behaupteten, zum Volk des Herrn zu gehören, und zum großen Teil mit den Kirchen der Christenheit verbunden waren. Mit welcher Absicht predigte man ihnen? Wie Bruder Russell wiederholt erklärte, hatten die Bibelforscher damals nicht den Wunsch, Angehörige der Kirchen wegzuziehen und zu einer anderen Organisation zu leiten, sondern sie näher zum Herrn zu führen als Glieder der einen wahren Kirche. Die Bibelforscher wußten allerdings, daß solche Personen, wenn sie das Gebot aus Offenbarung 18:4 befolgen wollten, „Babylon“ verlassen mußten, das sich nach ihrem Verständnis in der nominellen Kirche manifestierte, ja den Kirchen der Christenheit mit all ihren unbiblischen Lehren und sektiererischen Abspaltungen. In der allerersten Ausgabe des Wacht-Turms (Juli 1879, engl.) erklärte Bruder Russell: „Nach unserem Verständnis besteht der Zweck des gegenwärtigen Zeugniswerkes darin, ‚ein Volk zu nehmen für seinen Namen‘, die Kirche, die beim Kommen Christi mit ihm vereint wird und seinen Namen erhält (Off. 3, 12).“

      Sie erkannten, daß damals an alle wahren Christen nur e i n e „Berufung“ erging. Es war die Einladung, zur Braut Christi zu gehören, die schließlich nur 144 000 Glieder zählen würde (Eph. 4:4; Offb. 14:1-5). Sie bemühten sich, alle, die bekannten, an Christi Loskaufsopfer zu glauben — ob Kirchenmitglieder oder nicht —, dazu aufzurütteln, „die kostbaren und überaus großen Verheißungen“ Gottes zu erkennen (2. Pet. 1:4; Eph. 1:18). Sie wollten in ihnen Eifer dafür wecken, den Anforderungen für die kleine Herde von Königreichserben zu entsprechen. Bruder Russell und seine Gefährten bemühten sich, alle geistig zu stärken, die ihrer Ansicht nach „Hausgenossen des Glaubens“ waren (weil sie bekannten, an das Lösegeld zu glauben), und so gaben sie sich große Mühe, durch den Wacht-Turm und andere biblische Veröffentlichungen geistige ‘Speise zur rechten Zeit’ zu beschaffen (Gal. 6:10; Mat. 24:45, 46, EB).

      Es war ihnen allerdings klar, daß nicht alle, die bekannten, eine „Weihung“ vollzogen zu haben (oder „sich völlig dem Herrn gegeben zu haben“, was es gemäß ihrem Verständnis bedeutete), danach weiterhin ein Leben bereitwilliger Selbstaufopferung führten und den Dienst für den Herrn als vorrangige Lebensaufgabe betrachteten. Wie sie erklärten, hatten geweihte Christen jedoch eingewilligt, im Hinblick auf ein himmlisches Erbe das Menschsein bereitwillig aufzugeben; es gab kein Zurück; wenn sie kein Leben im geistigen Bereich erlangten, erwartete sie der zweite Tod (Heb. 6:4-6; 10:26-29). Doch etliche nur scheinbar geweihte Christen machten es sich leicht, sie bekundeten keinen echten Eifer für die Sache des Herrn und wollten sich nicht aufopfern. Dennoch hatten sie das Lösegeld offenbar nicht zurückgewiesen und führten ein einigermaßen reines Leben. Was würde aus solchen Personen werden?

      Viele Jahre dachten die Bibelforscher, es handle sich bei ihnen um die Gruppe, die in Offenbarung 7:9, 14 (Lu) als „eine große Schar“ bezeichnet wird, die aus der großen Trübsal oder Drangsal kommt und „vor dem Thron“ Gottes und dem Lamm, Jesus Christus, steht. Man kam zu dem Schluß, daß sie trotz ihres Versäumnisses, ein aufopferungsvolles Leben zu führen, in einer Zeit der Drangsal nach der Verherrlichung der letzten Glieder der Braut Christi mit Glaubensprüfungen bis zum Tod konfrontiert würden. Wenn diese Menschen, die man als die große Schar betrachtete, sich darin als treu erwiesen, so glaubte man, würden sie zu himmlischem Leben auferweckt werden — nicht um als Könige zu herrschen, sondern um sich vor den Thron zu stellen. Das Argument war, daß ihnen diese zweitrangige Stellung deshalb gegeben würde, weil ihre Liebe zum Herrn nicht glühend genug gewesen sei, weil sie nicht genug Eifer gezeigt hätten. Es wurde angenommen, diese Menschen seien zwar von Gottes Geist gezeugt worden, hätten sich aber keine große Mühe gegeben, Gott zu gehorchen, und hätten womöglich weiterhin zu den Kirchen der Christenheit gehalten.

      Man dachte auch, daß den „alttestamentlichen Überwindern“, die während des Millenniums als Fürsten auf der Erde dienen würden, am Ende dieser Periode — eventuell — auf irgendeine Weise himmlisches Leben verliehen würde (Ps. 45:16). Man schlußfolgerte, daß allen, die sich „weihten“, nachdem die Auserwählung der 144 000 Königreichserben abgeschlossen wäre und bevor die Zeit der Wiederherstellung auf der Erde beginnen würde, etwas Ähnliches in Aussicht stände. In gewissem Sinne hatte man die Ansicht der Christenheit beibehalten, alle guten Menschen kämen in den Himmel. Doch es gab eine biblisch begründete Glaubensansicht, die den Bibelforschern sehr viel bedeutete und durch die sie sich von der gesamten Christenheit unterschieden. Worum handelte es sich dabei?

      Für immer in Vollkommenheit auf der Erde leben

      Sie erkannten, daß einer begrenzten Anzahl Menschen himmlisches Leben verliehen würde, einer weit größeren Zahl aber ewiges Leben auf der Erde, und zwar unter Verhältnissen, wie sie im Edenparadies herrschten. Jesus hatte seine Jünger beten gelehrt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf der Erde.“ Außerdem hatte er gesagt: „Glücklich sind die Mildgesinnten, da sie die Erde erben werden“ (Mat. 5:5; 6:10).

      Damit in Übereinstimmung wurde auf einer Kartea, die als Beilage im Wacht-Turm von Juli/August 1881 (engl.) erschien, gezeigt, daß viele Menschen während der Millenniumsherrschaft Christi Gottes Gunst erlangen und die „Menschenwelt“ bilden würden, „die zur Vollkommenheit und zum Leben emporgehoben“ würde. Die Karte diente viele Jahre lang als Grundlage für Vorträge vor kleinen und größeren Gruppen.

      Unter welchen Verhältnissen würden die Menschen während des Millenniums auf der Erde leben? Der Wacht-Turm vom Oktober 1912 erklärte dazu: „Ehe Sünde in die Welt gekommen war, war Gottes Vorsorge für unsere ersten Eltern der Garten Eden. Wenn wir daran gedenken, laßt unseren Geist in die Zukunft schauen, geleitet vom Worte Gottes; und in geistiger Vision sehen wir das wiederhergestellte Paradies — nicht nur ein Garten, sondern die ganze Erde schön, fruchtbar, sündlos, glücklich gemacht. Dann denken wir an die inspirierte Verheißung, die uns so vertraut ist. — ‚Und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein‘; denn die früheren Dinge, Sünde und Tod, werden vergangen sein, und alles wird neu gemacht sein! (Off. 21, 4. 5).“

      Wer würde für immer auf der Erde leben?

      Bruder Russell dachte auf keinen Fall, Gott ließe die Menschen nach ihrer Vorliebe zwischen himmlischem Leben oder irdischem Leben im Paradies wählen. Im Wacht-Turm vom 15. September 1905 (engl.) hieß es: „Die Berufung hat nichts mit Gefühlen oder Ambitionen zu tun. Sonst gäben wir zu verstehen, daß wir uns selbst berufen würden. Über unsere Priesterschaft erklärt der Apostel: ‚Niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern als von Gott berufen‘ (Heb. 5, 4), und um festzustellen, wozu uns Gott berufen hat, dürfen wir uns nicht auf unsere Gefühle verlassen, sondern müssen in Gottes geoffenbartem Wort suchen.“

      Was die Gelegenheit betrifft, in einem wiederhergestellten irdischen Paradies zu leben, glaubten die Bibelforscher, daß sie den Menschen erst gewährt würde, wenn die kleine Herde insgesamt ihren Lohn erhalten hätte und das Millenniumszeitalter da sei. Das wäre nach ihrem Verständnis die Zeit der „Wiederherstellung aller Dinge“, auf die in Apostelgeschichte 3:21 (EB) hingewiesen wird. Selbst die Toten würden dann auferweckt werden, so daß diese liebevolle Vorkehrung allen zugute käme. Die Brüder stellten sich vor, wie alle Menschen (die zu himmlischem Leben Berufenen ausgenommen) dann die Gelegenheit erhalten würden, das Leben zu wählen. Ihrer Ansicht nach wäre das die Zeit, in der Christus auf seinem himmlischen Thron die Menschen voneinander trennen würde, so wie ein Hirt die Schafe von den Ziegenböcken trennt (Mat. 25:31-46). Die gehorsamen Menschen, ob jüdischer oder heidnischer Abstammung, wären die „anderen Schafe“ des Herrn (Joh. 10:16).b

      Nachdem die Zeiten der Nationen abgelaufen waren, meinten sie, die Zeit der Wiederherstellung sei sehr nahe; daher verkündigten sie von 1918 bis 1925: „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben.“ Ja, sie nahmen an, daß die damals lebenden Menschen — die Menschheit im allgemeinen — die Gelegenheit hätten, in die Zeit der Wiederherstellung hinüberzuleben und dann Jehovas Anforderungen für das Leben kennenzulernen. Wer gehorsam wäre, würde allmählich menschliche Vollkommenheit erlangen. Rebellisches Verhalten dagegen hätte letztlich ewige Vernichtung zur Folge.

      Die Brüder ahnten in diesen Anfangsjahren nicht, daß die Königreichsbotschaft so ausgedehnt und so viele Jahre lang bekanntgemacht würde, wie dies geschehen ist. Aber sie erforschten weiterhin die Bibel und wollten für das empfänglich sein, was sie über das Werk sagte, das Gott von ihnen getan haben wollte.

      „Schafe“ zur Rechten Christi

      Bei einem wahrhaft bedeutenden Schritt im Verständnis des Vorsatzes Jehovas ging es um Jesu Gleichnis von den Schafen und Böcken aus Matthäus 25:31-46. In diesem Gleichnis sagte Jesus: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit gekommen sein wird und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf seinen Thron der Herrlichkeit setzen. Und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden, und er wird die Menschen voneinander trennen, so wie ein Hirt die Schafe von den Ziegenböcken trennt. Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zu seiner Linken.“ Weiter heißt es in dem Gleichnis, daß die „Schafe“ den „Brüdern“ Christi helfen und ihnen sogar Erleichterung zu bringen versuchen, wenn sie verfolgt werden und im Gefängnis sind.

      Lange war man der Ansicht, das Gleichnis beziehe sich auf das Millennium, auf die Zeit der Wiederherstellung, und mit dem endgültigen Gericht, auf das in dem Gleichnis hingewiesen werde, sei das Gericht gemeint, das am Ende des Millenniums vollstreckt werde. Doch 1923 legte J. F. Rutherford, der Präsident der Watch Tower Society, in einem aufschlußreichen Vortrag in Los Angeles (Kalifornien) Gründe für eine andere Ansicht dar. Dieser Vortrag wurde im selben Jahr in der englischen Ausgabe des Wacht-Turms vom 15. Oktober (dt.: 1. Januar 1924) veröffentlicht.

      Was die Zeit betrifft, in der sich dieses prophetische Gleichnis erfüllen sollte, wurde in dem Artikel gezeigt, daß Jesus es in seine Antwort auf die Frage nach dem ‘Zeichen seiner Gegenwart und des Abschlusses des Systems der Dinge’ einschloß (Mat. 24:3). Der Artikel erklärte, warum die in dem Gleichnis erwähnten „Brüder“ weder die Juden des Evangeliumszeitalters sein konnten noch Personen, die während der Tausendjahrperiode der Prüfung und des Gerichts Glauben bekunden, sondern diejenigen sein mußten, die mit Christus das himmlische Königreich ererben, so daß sich das Gleichnis in einer Zeit erfüllen müßte, in der einige Miterben Christi noch im Fleische wären. (Vergleiche Hebräer 2:10, 11.) Die Erlebnisse, die diese gesalbten Brüder Christi hatten, wenn sie sich bemühten, der Geistlichkeit und dem einfachen Volk der Kirchen der Christenheit Zeugnis zu geben, ließen ebenfalls darauf schließen, daß die in Jesu Gleichnis enthaltene Prophezeiung sich bereits erfüllte. Wieso? Viele Geistliche und angesehene Kirchenmitglieder reagierten feindselig — sie reichten ihnen kein erfrischendes Glas Wasser, weder buchstäblich noch in übertragenem Sinne; statt dessen stachelten einige den Pöbel dazu auf, den Brüdern die Kleider vom Leib zu reißen und sie zu schlagen, oder sie verlangten von Beamten, die Brüder einzusperren (Mat. 25:41-43). Im Gegensatz dazu nahmen viele demütige Kirchenmitglieder die Königreichsbotschaft freudig auf, boten den Überbringern Erfrischungen an und halfen ihnen, wo sie nur konnten, selbst wenn die Gesalbten wegen der guten Botschaft inhaftiert wurden (Mat. 25:34-36).

      Soweit die Bibelforscher verstanden, befanden sich die Schafe, von denen Jesus sprach, noch in den Kirchen der Christenheit. Nach ihrem Verständnis handelte es sich dabei um Personen, die nicht beanspruchten, dem Herrn geweiht zu sein, andererseits jedoch großen Respekt vor Jesus Christus und seinen Nachfolgern hatten. Dürften sie aber in den Kirchen verbleiben?

      Ein fester Stand in der reinen Anbetung

      Ein Studium des prophetischen Bibelbuches Hesekiel warf Licht auf diese Frage. Der erste Band eines dreiteiligen Kommentars darüber, betitelt Rechtfertigung, wurde 1931 veröffentlicht. Darin wurde die Bedeutung der Worte Hesekiels über Jehovas Grimm gegen das abtrünnige alte Juda einschließlich Jerusalems erklärt. Obwohl die Judäer beanspruchten, dem lebendigen, wahren Gott zu dienen, übernahmen sie die religiösen Bräuche der sie umgebenden Völker, sie brachten leblosen Götzen Räucherwerk dar und setzten unsittlicherweise ihr Vertrauen auf politische Bündnisse, statt Glauben an Jehova zu bekunden (Hes. 8:5-18; 16:26, 28, 29; 20:32). In alledem glichen sie haargenau der Christenheit; folglich würde Jehova an der Christenheit ein Strafgericht vollstrecken, genauso wie am untreuen Juda mitsamt Jerusalem. In Hesekiel, Kapitel 9 wird indessen gezeigt, daß vor der Vollstreckung des göttlichen Strafgerichts einige zur Rettung gekennzeichnet würden. Um wen handelt es sich dabei?

      In der Prophezeiung heißt es, die Gekennzeichneten würden ‘seufzen und stöhnen über all die Abscheulichkeiten, die in ihrer Mitte getan werden’, das heißt in der Christenheit, dem gegenbildlichen Jerusalem (Hes. 9:4). Natürlich konnten sie sich dann nicht vorsätzlich an diesen Abscheulichkeiten beteiligen. Deshalb wurden die Gekennzeichneten im ersten Band des Werkes Rechtfertigung als Personen bezeichnet, die es ablehnen, den kirchlichen Organisationen der Christenheit anzugehören, und die irgendwie für den Herrn Stellung beziehen.

      Nach diesen Darlegungen wurde 1932 der Bibelbericht über Jehu und Jonadab und seine prophetische Bedeutung erörtert. Jehu wurde von Jehova beauftragt, König des Zehnstämmereiches Israel zu sein und Jehovas Strafgericht an dem bösen Haus Ahabs und Isebels zu vollstrecken. Als Jehu nach Samaria unterwegs war, um den Baalskult auszurotten, kam ihm Jonadab, der Sohn Rechabs, entgegen. Jehu fragte Jonadab: „Ist dein Herz redlich mit mir?“, worauf Jonadab antwortete: „Es ist’s.“ „Gib mir deine Hand“, bat Jehu Jonadab und zog ihn auf seinen Wagen. Dann forderte Jehu ihn auf: „Geh doch mit mir, und sieh, daß ich keine Rivalität gegenüber Jehova dulde“ (2. Kö. 10:15-28). Jonadab war zwar kein Israelit, aber er hieß Jehus Vorgehen gut; er wußte, daß Jehova, dem wahren Gott, ausschließliche Ergebenheit entgegengebracht werden sollte (2. Mo. 20:4, 5). Jahrhunderte später hatten Jonadabs Nachkommen immer noch eine Gesinnung, die Jehova gefiel, so daß er verhieß: „Es wird von Jonadab, dem Sohn Rechabs, kein Mann davon abgeschnitten werden, vor mir zu stehen allezeit“ (Jer. 35:19). Es erhob sich also die Frage: Gibt es heute Menschen auf der Erde, die keine geistigen Israeliten mit himmlischem Erbe sind, die aber Jonadab gleichen?

      Im Wachtturm vom 1. September 1932 wurde erklärt: „Jonadab stellt im Schattenbilde jene Klasse von Menschen guten Willens dar, die jetzt ... auf der Erde leben, nicht in Harmonie mit der Organisation Satans sind und sich auf die Seite der Gerechtigkeit stellen. Diese sind es, die der Herr während der Zeit Harmagedons bewahren, durch jene Trübsal hindurchbringen und ihnen ewiges Leben auf der Erde geben wird. Sie bilden die Klasse der ‚Schafe‘, die dem gesalbten Volke Gottes zugetan sind, weil sie wissen, daß die Gesalbten des Herrn sein Werk verrichten.“ Wer einen solchen Geist bekundete, wurde eingeladen, sich den Gesalbten darin anzuschließen, anderen die Königreichsbotschaft zu überbringen (Offb. 22:17).

      Es gab Personen (wenn auch relativ wenige damals), die sich Jehovas Zeugen zugesellten, sich aber darüber im klaren waren, daß der Geist Gottes in ihnen nicht die Hoffnung auf himmlisches Leben hervorgerufen hatte. Mit der Zeit wurden sie als Jonadabe bekannt, weil sie es wie der Jonadab aus alter Zeit als Vorrecht betrachteten, mit den gesalbten Dienern Jehovas identifiziert zu werden, und sie waren froh, sich an den Aufgaben beteiligen zu dürfen, auf die Gottes Wort sie hinwies. Würde es vor Harmagedon viele geben, die die Aussicht hätten, nie zu sterben? Wäre es möglich, daß ihre Zahl, wie man gesagt hatte, in die Millionen ginge?

      Wer bildet die „große Volksmenge“?

      In der Ankündigung, daß vom 30. Mai bis 3. Juni 1935 in Washington (D. C.) ein Kongreß der Zeugen Jehovas geplant war, schrieb Der Wachtturm (engl.): „Früher hatten nicht viele Jonadabe das Vorrecht, einem Kongreß beizuwohnen, und der Kongreß in Washington wird für sie sicher eine echte Wohltat und Segnung sein.“ Das stellte sich bestimmt als zutreffend heraus.

      Auf diesem Kongreß wurde besonders auf Offenbarung 7:9, 10 eingegangen, wo es heißt: „Nach diesen Dingen sah ich, und siehe, eine große Volksmenge, die kein Mensch zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Zungen stand vor dem Thron und vor dem Lamm, in weiße lange Gewänder gehüllt, und Palmzweige waren in ihren Händen. Und sie rufen fortwährend mit lauter Stimme, indem sie sagen: ‚Die Rettung verdanken wir unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm.‘ “ Aus wem setzt sich diese große Volksmenge oder „große Schar“ (Lu) zusammen?

      Jahrelang, das heißt sogar bis 1935, wurden die Betreffenden nicht mit den Schafen aus Jesu Gleichnis von den Schafen und Böcken gleichgesetzt. Wie erwähnt, dachte man, sie seien eine zweitrangige himmlische Klasse — zweitrangig, weil sie in ihrem Gehorsam gegenüber Gott nachlässig gewesen seien.

      Diese Ansicht ließ jedoch Fragen im Raum stehen. Einige davon wurden Anfang 1935 im Hauptbüro der Watch Tower Society beim Mittagessen diskutiert. Manche, die sich damals dazu äußerten, hielten die große Schar für eine irdische Klasse. Grant Suiter, der später zur leitenden Körperschaft gehörte, erinnerte sich: „Anläßlich eines Bethel-Studiums, das Bruder T. J. Sullivan leitete, fragte ich: ‚Müssen diejenigen, die die „große Schar“ bilden, nicht ihre Lauterkeit bewahren, da sie doch ewiges Leben erlangen?‘ Viele Kommentare wurden gegeben, aber eine definitive Antwort blieb aus.“ Am Freitag, den 31. Mai 1935 wurde auf dem Kongreß in Washington (D. C.) eine zufriedenstellende Antwort gegeben. Bruder Suiter saß im zweiten Rang, von wo aus er die Menge überschauen konnte, und hörte den Ausführungen fasziniert zu.

      Nicht lange nach dem Kongreß erschien der Inhalt dieses Vortrags in den Ausgaben des Wachtturms vom 1. und 15. September 1935. Wie dargelegt wurde, sei es für das richtige Verständnis des Sachverhalts entscheidend, sich darüber im klaren zu sein, daß das Hauptvorhaben Jehovas nicht die Errettung von Menschen sei, sondern die Rechtfertigung seines eigenen Namens (oder, wie wir heute sagen würden, die Rechtfertigung seiner Souveränität). Wer seine Lauterkeit Jehova gegenüber bewahrt, steht somit in seiner Gunst; wer sich dagegen bereit erklärt, seinen Willen zu tun, dann aber Gottes Namen in Mißkredit bringt, indem er mit der Organisation Satans Kompromisse schließt, wird von ihm nicht belohnt. Von allen, die in Gottes Gunst stehen möchten, wird Treue verlangt.

      Dazu schrieb Der Wachtturm: „Offenbarung 7:15 ist eigentlich der Schlüssel zur Feststellung, wer die große Volksmenge ist. ... Die Offenbarung ... erklärt in ihrer Schilderung der großen Volksmenge: ‚Sie sind vor dem Throne Gottes und dienen ihm öffentlich‘ ... [Sie] sehen, verstehen und befolgen ... die Worte Jesu, des Lammes Gottes, der ihnen gebietet: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen‘, welche Worte auf alle Geschöpfe anwendbar sind, die Jehova billigt“ (Mat. 4:10). Es wäre also nicht richtig, das, was die Bibel über die große Volksmenge oder große Schar sagt, als eine Art Absicherung für Menschen zu betrachten, die zwar vorgeben, Gott zu lieben, sich aber nicht bemühen, seinen Willen zu tun.

      Ist die große Volksmenge dann eine himmlische Klasse? Der Wachtturm zeigte, daß die Ausdrucksweise der Bibel zu keinem solchen Schluß führt. Über ihre Stellung „vor dem Throne“ hieß es, daß nach Matthäus 25:31, 32 alle Nationen vor dem Thron Christi versammelt würden, diese Nationen seien jedoch auf der Erde. Die große Volksmenge dagegen ‘steht’ vor dem Thron, weil sie die Anerkennung dessen hat, der auf dem Thron sitzt. (Vergleiche Jeremia 35:19.)

      Doch wo war eine solche Gruppe zu finden — Menschen „aus allen Nationen“, Menschen, die nicht zum geistigen Israel gehörten (wie es davor, in Offenbarung 7:4-8, beschrieben wird), Menschen, die Glauben an das Lösegeld ausübten (die in übertragenem Sinne ihre Gewänder im Blut des Lammes gewaschen hatten), Menschen, die Christus als König zujubelten (mit Palmzweigen in den Händen wie die Menge, die Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem als König in Empfang nahm), Menschen, die sich tatsächlich als Diener Jehovas vor seinem Thron darstellten? Gab es auf der Erde eine solche Gruppe von Menschen?

      Jehova lieferte die Antwort durch die Erfüllung seiner eigenen Prophezeiung. Webster Roe, der den Kongreß in Washington miterlebte, erinnerte sich, daß Bruder Rutherford, an einem Höhepunkt seines Vortrags angelangt, sagte: „Würden alle, die die Hoffnung haben, ewig auf der Erde zu leben, bitte einmal aufstehen?“ Wie Bruder Roe erzählte, „standen mehr als die Hälfte der Zuhörer auf“. Der Wachtturm vom 15. September 1935 schrieb darüber: „Wir sehen jetzt eine Schar, die genau der Beschreibung entspricht, die in Offenbarung sieben über die große Volksmenge gegeben ist. Während der wenigen vergangenen Jahre, und zwar während der Zeit, wo dieses Evangelium vom Reiche zu einem Zeugnis gepredigt wird, ist eine große Anzahl solcher hervorgekommen (und sie kommen immer noch), die den Herrn Jesus als den Retter und Jehova als ihren Gott bekennen; sie beten ihn im Geist und in der Wahrheit an und dienen ihm mit Freuden. Sie werden auch ‚die Jonadabe‘ genannt. Sie sind im Sinnbild getauft worden, womit sie bezeugten, ... daß sie sich auf die Seite Jehovas gestellt haben und ihm und seinem König dienen.“

      Damals erkannte man, daß die große Volksmenge aus Offenbarung 7:9, 10 zu den „anderen Schafen“ gehört, von denen Jesus sprach (Joh. 10:16); sie ist es, die den „Brüdern“ Christi zu Hilfe kommt (Mat. 25:33-40); es sind Menschen, die zum Überleben gekennzeichnet sind, weil sie über die Abscheulichkeiten entsetzt sind, die in der Christenheit geschehen, und damit nichts zu tun haben wollen (Hes. 9:4); sie sind wie Jonadab, der sich offen mit dem gesalbten Diener Jehovas solidarisch erklärte, als dieser seinen göttlichen Auftrag ausführte (2. Kö. 10:15, 16). Nach dem Verständnis der Zeugen Jehovas handelt es sich um loyale Diener Gottes, die Harmagedon überleben werden und die Aussicht haben, für immer auf einer Erde zu leben, die in einen paradiesischen Zustand zurückgeführt wird.

      Ein dringendes Werk zu verrichten

      Ihr Verständnis dieser Bibelstellen hatte weitreichende Auswirkungen auf die Tätigkeit der Diener Jehovas. Ihnen wurde bewußt, daß nicht sie es waren, die die Angehörigen der großen Volksmenge auswählen und einsammeln würden; es stand ihnen nicht zu, Menschen zu sagen, ob sie eine himmlische oder eine irdische Hoffnung hätten. Der Herr würde die Dinge entsprechend seinem Willen lenken. Als Zeugen Jehovas hatten sie indessen eine wichtige Verantwortung. Sie sollten als Verkündiger des Wortes Gottes dienen, das heißt anderen die Wahrheiten mitteilen, die Gott ihnen verstehen half, damit die Menschen erfuhren, was Jehova vorgesehen hat, und die Gelegenheit erhielten, empfänglich darauf zu reagieren.

      Auch war ihnen bewußt, daß ihr Werk sehr dringend war. In einer Artikelserie über das Thema „Einsammlung der großen Volksmenge“, die 1936 erschien, erklärte Der Wachtturm: „Die Schrift enthält starke Stützen für die Schlußfolgerung, daß Jehova in der Schlacht von Harmagedon die Völker der Erde vertilgen wird, ausgenommen nur die Menschen, die seinen Geboten, sich an seine Organisation zu halten, gehorchen. In der Vergangenheit sind Millionen um Millionen Menschen ins Grab gesunken, ohne jemals von Gott und Christus Jesus zu hören, und diese müssen zur bestimmten Zeit aus dem Tode auferweckt werden und eine Erkenntnis der Wahrheit erhalten, damit sie ihre Entscheidung treffen können. Doch verhält es sich anders mit den Menschen, die jetzt auf der Erde leben. ... Die von der großen Volksmenge müssen diese frohe Botschaft vor der Schlacht des großen Tages Gottes, des Allmächtigen, das ist vor Harmagedon, erhalten. Wenn der großen Volksmenge die Wahrheitsbotschaft nicht jetzt gegeben würde, würde es zu spät sein, nachdem das Gemetzel schon angefangen haben wird.“ (Siehe 2. Könige 10:25; Hesekiel 9:5-10; Zephanja 2:1-3; Matthäus 24:21; 25:46.)

      Als Folge dieses biblischen Verständnisses wurden Jehovas Zeugen mit neuem Eifer für das Zeugniswerk erfüllt. Leo Kallio, der später in Finnland als reisender Aufseher diente, sagte: „Ich kann mich nicht erinnern, daß ich jemals mehr Freude und Eifer verspürte, auch kann ich mich nicht entsinnen, daß ich mit meinem Fahrrad jemals schneller fuhr als in dieser Zeit, wo ich es kaum erwarten konnte, interessierten Personen die Botschaft zu überbringen, daß ihnen wegen der unverdienten Güte Jehovas ewiges Leben auf der Erde in Aussicht gestellt wurde.“

      In den nächsten fünf Jahren, während die Zahl der Zeugen Jehovas anstieg, wurden diejenigen, die bei der alljährlichen Feier zum Gedenken an den Tod Christi von den Symbolen nahmen, nach und nach weniger. Allerdings wuchs die große Volksmenge nicht so schnell an, wie Bruder Rutherford es erwartet hatte. Einmal sagte er sogar zu Fred Franz, der der vierte Präsident der Gesellschaft wurde: „Es sieht so aus, als ob die ‚große Volksmenge‘ doch nicht so groß sein wird.“ Aber seither ist die Zahl der Zeugen Jehovas in die Millionen gegangen, wohingegen diejenigen, die ein himmlisches Erbe erwarten, generell immer weniger geworden sind.

      E i n e Herde unter e i n e m Hirten

      Die Klasse der Gesalbten und die große Volksmenge rivalisieren nicht miteinander. Diejenigen, die eine himmlische Hoffnung haben, blicken nicht auf die anderen herab, die sich auf ewiges Leben in einem irdischen Paradies freuen. Jeder nimmt dankbar die Vorrechte an, die ihm Jehova gewährt, und folgert nicht, er sei durch seine Stellung etwas Besseres beziehungsweise anderen irgendwie unterlegen (Mat. 11:11; 1. Kor. 4:7). So, wie Jesus voraussagte, sind die beiden Gruppen wirklich „e i n e Herde“ geworden, die unter ihm als ihrem „e i n e n Hirten“ dient (Joh. 10:16).

      Das Empfinden der gesalbten Brüder Christi gegenüber ihren Gefährten aus der großen Volksmenge wird in dem Buch Weltweite Sicherheit unter dem „Fürsten des Friedens“ treffend ausgedrückt: „Seit dem Zweiten Weltkrieg erfüllt sich die für die Zeit des ‚Abschlusses des Systems der Dinge‘ gegebene Prophezeiung Jesu hauptsächlich aufgrund der Rolle, die die aus ‚anderen Schafen‘ bestehende ‚große Volksmenge‘ spielt. Das Licht der angezündeten Lampen des Überrestes hat die Augen ihres Herzens erleuchtet, und es ist ihnen geholfen worden, dieses Licht auf andere widerzustrahlen, die sich noch in der Finsternis der Welt befinden. ... Sie sind zu unzertrennlichen Gefährten des Überrestes der Brautklasse geworden. ... Der internationalen ‚großen Volksmenge‘, die viele Sprachen spricht, gebührt daher aufrichtiger Dank für den überwältigenden Anteil, den sie an der Erfüllung der Prophezeiung des Bräutigams aus Matthäus 24:14 hat!“

      Während jedoch Jehovas Zeugen, die große Volksmenge inbegriffen, vereint die herrliche Botschaft von Gottes Königreich verkündigt haben, ist der Öffentlichkeit außer ihrem eifrigen Zeugnis noch etwas anderes an ihnen aufgefallen.

      [Fußnoten]

      a Diese „Karte der Zeitalter“ erschien später in dem Buch Der göttliche Plan der Zeitalter.

      b Zions Wacht-Turm, 15. März 1905 (engl.), Seite 88—91.

      [Herausgestellter Text auf Seite 159]

      Die meisten Zeugen Jehovas sehen ewigem Leben auf der Erde entgegen

      [Herausgestellter Text auf Seite 161]

      Eine Ansicht, durch die sie sich von der gesamten Christenheit unterschieden

      [Herausgestellter Text auf Seite 164]

      Zeit der Erfüllung des Gleichnisses von den Schafen und Böcken

      [Herausgestellter Text auf Seite 165]

      Sie wurden mit der Zeit als Jonadabe bekannt

      [Herausgestellter Text auf Seite 166]

      Am 31. Mai 1935 wurde deutlich erklärt, wer die „große Schar“ ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 170]

      Himmlische oder irdische Hoffnung — Wer bestimmt das?

      [Kasten auf Seite 160]

      Eine Zeit des Verständnisses

      Vor über 250 Jahren schrieb Sir Isaac Newton einen interessanten Kommentar über das Verständnis von Prophezeiungen einschließlich der über die „große Volksmenge“ aus Offenbarung 7:9, 10. In seinem Werk „Observations Upon the Prophecies of Daniel, and the Apocalypse of St. John“, das 1733 erschien, erklärte er: „Diese Prophezeiungen Daniels und Johannis sollten erst in der Zeit des Endes verstanden werden: Aber dann sollten einige lange Zeit in einem elenden und traurigen Zustand daraus prophezeien, und das nur undeutlich, so daß sie nur wenige bekehren. ... Dann, so sagt Daniel, werden viele hin und her schweifen, und die Erkenntnis wird zunehmen. Denn das Evangelium muß vor der großen Trübsal und dem Ende der Welt allen Völkern gepredigt werden. Die Schar mit Palmzweigen, die aus dieser großen Trübsal kommt, kann nur unzählbar sein und aus allen Völkern kommen, wenn sie vor Eintreten der Trübsal durch das Predigen des Evangeliums dazu gemacht wird.“

      [Kasten/Bild auf Seite 168]

      Die Erde, die ewige Heimat des Menschen

      Worin bestand Gottes ursprünglicher Vorsatz für die Menschheit?

      „Gott [segnete] sie, und Gott sprach zu ihnen: ‚Seid fruchtbar, und werdet viele, und füllt die Erde, und unterwerft sie euch, und haltet euch die Fische des Meeres und die fliegenden Geschöpfe der Himmel untertan und jedes lebende Geschöpf, das sich auf der Erde regt‘ “ (1. Mo. 1:28).

      Hat sich Gottes Vorsatz in Verbindung mit der Erde geändert?

      „Mein Wort ... wird nicht ergebnislos zu mir zurückkehren, sondern es wird gewiß das tun, woran ich Gefallen gehabt habe, und es wird bestimmt Erfolg haben in dem, wozu ich es gesandt habe“ (Jes. 55:11).

      „Dies ist, was Jehova gesprochen hat, der Schöpfer der Himmel, ER, der wahre Gott, der Bildner der Erde und der sie gemacht hat, ER, der ihr festen Bestand gab, der sie nicht einfach umsonst erschuf, der sie bildete, damit sie auch bewohnt werde: ‚Ich bin Jehova, und sonst gibt es keinen‘ “ (Jes. 45:18).

      „Ihr sollt daher auf folgende Weise beten: ,Unser Vater in den Himmeln, dein Name werde geheiligt. Dein Königreich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf der Erde‘ “ (Mat. 6:9, 10).

      „Die Übeltäter, sie werden weggetilgt, die aber auf Jehova hoffen, sind es, die die Erde besitzen werden. Die Gerechten selbst werden die Erde besitzen, und sie werden immerdar darauf wohnen“ (Ps. 37:9, 29).

      Was für Verhältnisse werden unter Gottes Königreich auf der Erde herrschen?

      „Doch gibt es neue Himmel und eine neue Erde, die wir gemäß seiner Verheißung erwarten, und in diesen wird Gerechtigkeit wohnen“ (2. Pet. 3:13).

      „Nicht werden sie das Schwert erheben, Nation gegen Nation, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen. Und sie werden tatsächlich sitzen, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und da wird niemand sein, der sie aufschreckt; denn der Mund Jehovas der Heerscharen selbst hat es geredet“ (Mi. 4:3, 4).

      „Sie werden gewiß Häuser bauen und sie bewohnen; und sie werden bestimmt Weingärten pflanzen und deren Fruchtertrag essen. Sie werden nicht bauen und ein anderer es bewohnen; sie werden nicht pflanzen und ein anderer essen. Denn gleich den Tagen eines Baumes werden die Tage meines Volkes sein; und das Werk ihrer eigenen Hände werden meine Auserwählten verbrauchen“ (Jes. 65:21, 22).

      „Kein Bewohner wird sagen: ‚Ich bin krank‘ “ (Jes. 33:24).

      „Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein. Die früheren Dinge sind vergangen“ (Offb. 21:3, 4; siehe auch Johannes 3:16).

      „Wer wird dich nicht wirklich fürchten, Jehova, und deinen Namen verherrlichen, denn du allein bist loyal? Denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, weil deine gerechten Verordnungen offenbar gemacht worden sind“ (Offb. 15:4).

      [Kasten/Bild auf Seite 169]

      Wer in den Himmel kommt

      Wie viele Menschen kommen in den Himmel?

      „Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Königreich zu geben“ (Luk. 12:32).

      „Ich sah, und siehe, das Lamm [Jesus Christus] stand auf dem [himmlischen] Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die seinen Namen und den Namen seines Vaters auf ihrer Stirn geschrieben trugen. Und sie singen gleichsam ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier lebenden Geschöpfen und den Ältesten; und niemand konnte dieses Lied meistern als nur die hundertvierundvierzigtausend, die von der Erde erkauft worden sind“ (Offb. 14:1, 3).

      Sind alle 144 000 Juden?

      „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist weder männlich noch weiblich; denn ihr alle seid e i n e r in Gemeinschaft mit Christus Jesus. Überdies, wenn ihr Christus angehört, seid ihr wirklich Abrahams Same, Erben hinsichtlich einer Verheißung“ (Gal. 3:28, 29).

      „Nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, noch besteht die Beschneidung in dem, was äußerlich am Fleisch vollzogen worden ist; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und seine Beschneidung ist die des Herzens durch Geist und nicht durch ein geschriebenes Recht“ (Röm. 2:28, 29).

      Warum nimmt Gott einige in den Himmel auf?

      „Sie werden Priester Gottes und des Christus sein und werden als Könige die tausend Jahre mit ihm regieren“ (Offb. 20:6).

      [Kasten/Übersicht auf Seite 171]

      Gedächtnismahlbericht

      Nach 25 Jahren war die Zahl der Gedächtnismahlbesucher 100mal höher als die Zahl der Teilnehmer

      [Übersicht]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Teilnehmer

      Anwesende

      1 500 000

      1 250 000

      1 000 000

      750 000

      500 000

      250 000

      1935 1940 1945 1950 1955 1960

      [Bilder auf Seite 167]

      Auf dem Kongreß in Washington (D. C.) ließen sich 840 Personen taufen

  • Unser Lebenswandel als Erkennungsmerkmal
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 13

      Unser Lebenswandel als Erkennungsmerkmal

      WIR leben in einer Zeit, in der sittliche Normen, die man lange achtete, in weiten Kreisen der Bevölkerung als überholt angesehen werden. Die meisten Kirchen der Christenheit haben sich diesem Trend angeschlossen — entweder im Namen der Toleranz oder mit dem Argument, die Zeiten hätten sich geändert und die Tabus früherer Generationen seien nicht mehr gültig. Samuel Miller, Dekan der Theologischen Fakultät der Harvarduniversität äußerte sich wie folgt über die Auswirkungen: „Die Kirche gleicht einem stumpfen Messer. Sie hat die Kultur unserer Zeit angenommen und in sich aufgenommen.“ Das wirkt sich auf Menschen, die in diesen Kirchen Anleitung suchen, verheerend aus.

      Das Wochenblatt der katholischen Erzdiözese von Montreal (Kanada), L’Eglise de Montréal, schrieb dagegen in einem Bericht über Jehovas Zeugen: „Sie haben bemerkenswerte Moralbegriffe.“ Dem pflichten viele Lehrer, Arbeitgeber und Regierungsvertreter bei. Was hat zu diesem Ruf beigetragen?

      Ein Zeuge Jehovas zu sein schließt weit mehr ein, als nur an einem Gerüst von Glaubenslehren festzuhalten und über diese Lehren Zeugnis abzulegen. Das Urchristentum war als der „WEG“ bekannt, und Jehovas Zeugen sind sich darüber im klaren, daß die wahre Religion auch heute ein Lebensweg sein muß (Apg. 9:2). Wie es auch auf anderen Gebieten der Fall war, gelangten die neuzeitlichen Zeugen Jehovas allerdings nicht sofort zu einer ausgeglichenen Ansicht darüber, was das alles einschließt.

      „Charakter oder Bund?“

      Gleich zu Anfang wurde zwar vernünftiger biblischer Rat über das Erfordernis gegeben, Christus ähnlich zu sein, doch einige der ersten Bibelforscher legten solchen Nachdruck auf die von ihnen so genannte „Charakterentwicklung“, daß gewisse Aspekte des wahren Christentums in den Hintergrund traten. Manche waren offenbar der Meinung, eine edle Wesensart — das heißt, immer freundlich und gütig zu erscheinen, mit sanfter Stimme zu sprechen, keinerlei Zorn zu zeigen und täglich in der Bibel zu lesen — würde ihnen den Zutritt zum Himmel garantieren. Dabei übersahen sie aber, daß Christus seinen Nachfolgern ein Werk aufgetragen hatte.

      Dieses Problem wurde in dem Artikel „Charakter oder Bund?“ in der Ausgabe des Wacht-Turms vom 1. Juni 1926 deutlich angesprochen.a Darin hieß es, manche seien in dem Bemühen, einen „vollkommenen Charakter“ zu entwickeln, solange sie im Fleische seien, mutlos geworden und hätten aufgegeben, während andere selbstgerecht geworden seien und dazu neigten, das Verdienst des Opfers Christi aus den Augen zu verlieren. In dem Artikel wurde zunächst der Glaube an das vergossene Blut Christi hervorgehoben und dann betont, wie wichtig es sei, ‘diese Dinge zu tun’, das heißt, im Dienste Gottes tätig zu sein, um zu beweisen, daß man ein Leben führe, das Gott gefalle (2. Pet. 1:5-10). Damals, als ein Großteil der Christenheit noch den Anspruch erhob, sich an die sittlichen Normen der Bibel zu halten, wurde durch das Betonen der Tätigkeit der Kontrast zwischen Jehovas Zeugen und der Christenheit offenkundig. Der Gegensatz wurde noch krasser, als sich alle, die Christen sein wollten, mit aktuell werdenden Fragen der Moral auseinandersetzen mußten.

      ‘Enthaltet euch der Hurerei’

      Der christliche Maßstab für eine gute Geschlechtsmoral wurde vor langer Zeit in der Bibel klar und deutlich dargelegt. „Das ist, was Gott will, eure Heiligung, daß ihr euch der Hurerei enthaltet ... Denn Gott hat uns nicht mit der Erlaubnis zur Unreinheit berufen, sondern in Verbindung mit der Heiligung. So mißachtet denn der, der Mißachtung bekundet, nicht einen Menschen, sondern Gott“ (1. Thes. 4:3-8). „Die Ehe sei ehrbar unter allen, und das Ehebett sei unbefleckt, denn Gott wird Hurer und Ehebrecher richten“ (Heb. 13:4). „Wißt ihr nicht, daß Ungerechte das Königreich Gottes nicht erben werden? Laßt euch nicht irreführen. Weder Hurer ... noch Ehebrecher, noch Männer, die für unnatürliche Zwecke gehalten werden, noch Männer, die bei männlichen Personen liegen, ... werden Gottes Königreich erben“ (1. Kor. 6:9, 10).

      Im Wacht-Turm wurde schon im November 1879 (engl.) auf diesen Maßstab für wahre Christen aufmerksam gemacht. Aber er wurde nicht wiederholt oder ausführlich behandelt, so als hätte es unter den ersten Bibelforschern in dieser Hinsicht ein großes Problem gegeben. Doch in dem Maße, wie die Einstellung der Welt freizügiger wurde, lenkte man mehr Aufmerksamkeit auf diese Richtlinien, was besonders auf die Jahre um den Zweiten Weltkrieg herum zutraf. Das war deshalb notwendig, weil sich einige Zeugen Jehovas die Auffassung zu eigen gemacht hatten, solange sie im Zeugniswerk tätig seien, sei ein wenig Laxheit in der Geschlechtsmoral eine rein persönliche Angelegenheit. Zwar wurde im Wachtturm vom 1. April 1935 ausdrücklich gesagt, die Teilnahme am Predigtdienst berechtige nicht zu unmoralischem Verhalten, aber nicht alle nahmen sich die Worte zu Herzen. Daher behandelte Der Wachtturm in seiner Ausgabe vom 15. Juni 1941 dieses Thema ziemlich ausführlich in dem Artikel „Noahs Tage“. Es wurde darauf hingewiesen, daß die sexuellen Ausschweifungen der Tage Noahs ein Grund waren, warum Gott die damalige Welt vernichtete, und daß Gottes Handlungsweise ein Vorbild dafür war, was er in unserer Zeit tun würde. Mit warnenden offenen Worten wurde darauf hingewiesen, daß ein Diener Gottes, der seine Lauterkeit bewahren wolle, nicht einen Teil des Tages damit verbringen könne, den Willen des Herrn zu tun, um sich dann nach der Arbeit den „Werken des Fleisches“ hinzugeben (Gal. 5:17-21). Darauf wurde in einem Artikel des Wachtturms vom 1. Juli 1942 (engl.) ein Lebenswandel verurteilt, der nicht den sittlichen Normen der Bibel für Verheiratete und Unverheiratete entsprach. Niemand dürfe auf den Gedanken kommen, die Beteiligung am öffentlichen Predigen der Königreichsbotschaft als Zeuge Jehovas berechtige zu einem zügellosen Leben (1. Kor. 9:27). Im Laufe der Zeit sollte noch entschlossener vorgegangen werden, um die sittliche Reinheit der Organisation zu wahren.

      Einige, die damals den Wunsch äußerten, ein Zeuge Jehovas zu sein, waren in Gegenden aufgewachsen, wo man nichts gegen die Ehe auf Probe hatte, wo sexuelle Beziehungen zwischen Verlobten toleriert wurden oder wo eheähnliche Gemeinschaften als normal galten. Manche Ehepaare bemühten sich, sexuell enthaltsam zu leben. Einige Verheiratete lebten unklugerweise von ihrem Ehepartner getrennt. Um die nötige Anleitung zu geben, behandelte Der Wachtturm in den 50er Jahren alle diese Lebensumstände; er erörterte die ehelichen Pflichten, betonte das biblische Verbot der Hurerei und definierte Hurereib, damit keine Mißverständnisse aufkämen (Apg. 15:19, 20; 1. Kor. 6:18).

      In Ländern, wo Personen, die sich der Organisation Jehovas anzuschließen begannen, die sittlichen Normen der Bibel nicht ernst nahmen, wurde diesem Problem besondere Aufmerksamkeit geschenkt. So hielt N. H. Knorr, der dritte Präsident der Watch Tower Society, als er 1945 in Costa Rica war, einen Vortrag über christliche Moral, in dem er sagte: „Allen, die heute abend hier anwesend sind und die mit einer Frau zusammenleben, ohne gesetzlich verheiratet zu sein, gebe ich einen Rat: Geht zum katholischen Priester, und laßt euch bei ihm als Kirchenmitglied eintragen, denn in der katholischen Kirche könnt ihr es so halten. Dies aber ist Gottes Organisation, und in ihr darf man nicht so handeln.“

      Seit den 60er Jahren, als sich Homosexuelle offener zu ihren Praktiken bekannten, debattierten viele Kirchen diese Angelegenheit und akzeptierten Homosexuelle dann als Mitglieder. In manchen Kirchen werden sie heute sogar als Geistliche ordiniert. Als Hilfe für aufrichtige Menschen, die Fragen zu diesem Thema hatten, wurde in den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas auch darüber geschrieben. Aber für Jehovas Zeugen war der Standpunkt zur Homosexualität von vornherein klar. Warum? Weil sie die Richtlinien der Bibel nicht lediglich als die Meinung von Menschen aus einer anderen Zeit ansehen (1. Thes. 2:13). Sie studieren gern mit Homosexuellen die Bibel, um ihnen die Richtlinien Jehovas zu vermitteln, und Homosexuelle können die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas besuchen, um zuzuhören, aber niemand, der sich weiter homosexuell betätigt, kann ein Zeuge Jehovas werden (1. Kor. 6:9-11; Jud. 7).

      In neuerer Zeit ist es weltweit üblich geworden, daß unverheiratete Jugendliche sexuelle Beziehungen haben. Jugendliche in den Familien der Zeugen Jehovas blieben von dem moralischen Druck nicht verschont, und manche nahmen sich an der Handlungsweise ihrer Umwelt ein Beispiel. Wie ging die Organisation in dieser Situation vor? In den Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! wurden Artikel veröffentlicht, die Eltern und Jugendlichen helfen sollten, die Dinge aus biblischer Sicht zu betrachten. Auf Kongressen wurden lebensnahe Dramen gezeigt, um allen Anwesenden bewußtzumachen, was es nach sich zieht, die sittlichen Normen der Bibel zu mißachten, und wie gut es sich auswirkt, Gottes Gebote zu befolgen. Eines der ersten dieser Dramen wurde 1969 aufgeführt und hatte das Thema „Dornen und Fallstricke sind auf dem Wege dessen, der nach Unabhängigkeit strebt“. Es wurden Bücher speziell für junge Menschen geschrieben, um ihnen erkennen zu helfen, wie vernünftig der Rat der Bibel ist. Dazu gehörten die Bücher Mache deine Jugend zu einem Erfolg (1976 erschienen) und Fragen junger Leute — Praktische Antworten (1989 erschienen). Älteste leisteten Einzelpersonen und Familien in geistiger Hinsicht persönlich Hilfe. Die Versammlungen der Zeugen Jehovas wurden auch dadurch geschützt, daß man reuelosen Sündern die Gemeinschaft entzog.

      Der Sittenverfall der Welt hat Jehovas Zeugen nicht zu freizügigeren Anschauungen veranlaßt. Im Gegenteil, die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas legt immer mehr Nachdruck darauf, daß man keine unerlaubten sexuellen Handlungen begeht und sogar Einflüsse und Situationen meidet, durch die Moralbegriffe unterhöhlt werden. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sie für Belehrung gesorgt, durch die Personen im Kampf gegen „geheime Sünden“ wie Masturbation unterstützt und vor Gefahren gewarnt worden sind, die Pornographie, rührselige Fernsehserien und verderbliche Musik in sich bergen. Während es also mit der Moral der Welt bergab geht, geht es mit der Moral der Zeugen Jehovas bergauf.

      Göttliche Maßstäbe im Familienleben

      Dem Familienleben der Zeugen Jehovas ist es sehr zugute gekommen, daß sie sich eng an den biblischen Maßstab für eine gute Geschlechtsmoral halten. Ein Zeuge Jehovas zu sein ist allerdings keine Garantie dafür, daß man vor familiären Problemen bewahrt wird. Doch Jehovas Zeugen sind sich sicher, daß Gottes Wort den allerbesten Rat enthält, wie man solche Probleme lösen kann. Die Organisation hat ihnen viel Material zur Verfügung gestellt, das ihnen hilft, diesen Rat anzuwenden; und wenn sie sich daran halten, wirkt sich das bestimmt gut aus.

      Schon 1904 wurden im sechsten Band der Schriftstudien ausführlich die ehelichen und elterlichen Pflichten behandelt. Seither sind Hunderte von Artikeln erschienen und in jeder Versammlung der Zeugen Jehovas zahlreiche Vorträge gehalten worden, durch die jedem Familienmitglied seine von Gott zugewiesene Rolle vor Augen geführt worden ist. Diese Belehrung über ein gutes Familienleben richtet sich nicht nur an Jungverheiratete, sondern bildet ein fortlaufendes Programm für die ganze Versammlung (Eph. 5:22 bis 6:4; Kol. 3:18-21).

      Wäre die Polygamie akzeptabel?

      Obwohl die Bräuche, die die Ehe und das Familienleben betreffen, von Land zu Land verschieden sind, erkennen Jehovas Zeugen an, daß die in der Bibel dargelegten Normen überall gelten. Als ihr Werk im 20. Jahrhundert in Afrika Fuß faßte, lehrten Jehovas Zeugen dort wie überall, daß in einer christlichen Ehe nur e i n Ehepartner erlaubt ist (Mat. 19:4, 5; 1. Kor. 7:2; 1. Tim. 3:2). Dennoch gab es Hunderte, die zwar die biblische Bloßstellung des Götzendienstes akzeptierten und freudig die Lehren der Zeugen Jehovas über Gottes Königreich annahmen, sich aber taufen ließen, ohne die Polygamie aufgegeben zu haben. Um das zu beheben, betonte Der Wachtturm vom 1. Mai 1947, daß die Polygamie im Christentum ungeachtet der Landesbräuche nicht erlaubt ist. In einem Brief an die Versammlungen wurde mitgeteilt, daß alle, die sich als Zeugen Jehovas bekannten, aber in Polygamie lebten, sechs Monate Zeit hätten, ihre ehelichen Angelegenheiten entsprechend der biblischen Norm zu regeln. Das wurde in einem Vortrag bekräftigt, den Bruder Knorr im selben Jahr bei einem Besuch in Afrika hielt.

      In Nigeria prophezeiten etliche Außenstehende den Zeugen Jehovas, daß sich ihre Reihen stark lichten würden, falls sie die Polygamie in ihrer Mitte ausmerzten. Tatsächlich unternahmen selbst 1947 nicht alle Polygamisten, die durch ihre Taufe Zeugen Jehovas geworden waren, die erforderlichen Schritte. Zum Beispiel erzählt Asuquo Akpabio, ein reisender Aufseher, daß ihn der Zeuge Jehovas, bei dem er in Ifiayong übernachtete, um Mitternacht weckte und von ihm verlangte, die Bekanntmachung über das Erfordernis der Monogamie zu widerrufen. Weil er dazu nicht bereit war, setzte ihn sein Gastgeber in derselben Nacht bei strömendem Regen vor die Tür.

      Andere dagegen haben durch ihre Liebe zu Jehova die Kraft erhalten, seine Gebote zu befolgen. Hier nur einige wenige Beispiele: In Zaire schickte ein Exkatholik, der in Polygamie gelebt hatte, zwei seiner Frauen weg, um ein Zeuge Jehovas werden zu können, obwohl es für ihn eine schwere Glaubensprüfung war, da er seine Lieblingsfrau entlassen mußte, weil sie nicht die ‘Ehefrau seiner Jugend’ war (Spr. 5:18). In Dahomey (heute Benin) mußte ein ehemaliger Methodist, der noch fünf Frauen hatte, für die erforderlichen Scheidungen komplizierte gesetzliche Hindernisse überwinden, damit er sich taufen lassen konnte. Er sorgte jedoch weiterhin für seine früheren Frauen und ihre Kinder, wie es auch andere taten, die ihre Nebenfrauen entließen. Die Nigerianerin Warigbani Whittington war die zweite der beiden Frauen ihres Mannes. Als für sie feststand, daß sie vor allen Dingen Jehova, dem wahren Gott, gefallen wollte, nahm sie den Zorn ihres Mannes und ihrer Blutsverwandten auf sich. Ihr Mann ließ sie mit ihren beiden Kindern gehen, leistete ihr aber keinerlei finanzielle Hilfe — nicht einmal Geld für die Fahrt gab er ihr. Aber sie sagte, daß die materiellen Vorteile, auf die sie verzichtet habe, nichts seien im Vergleich zu dem Bewußtsein, Gott zu gefallen.

      Was ist über Ehescheidung zu sagen?

      In westlichen Ländern wird die Polygamie kaum praktiziert, aber dafür sind dort andere unbiblische Anschauungen modern. Man vertritt zum Beispiel den Standpunkt, es sei besser, sich scheiden zu lassen, als eine unglückliche Ehe zu führen. In jüngerer Zeit haben einige Zeugen Jehovas diese Haltung auf sich abfärben lassen und aus Gründen wie „unüberwindliche Abneigung“ auf Scheidung geklagt. Was hat man dagegen unternommen? Die Organisation lehrt immer wieder mit Nachdruck die Ansicht Jehovas über die Ehescheidung, was sowohl langjährigen Zeugen Jehovas zugute kommt als auch den Hunderttausenden, die sich ihnen jedes Jahr anschließen.

      Welche biblischen Richtlinien hat Der Wachtturm beleuchtet? Unter anderem folgende: In dem Bibelbericht über die erste Eheschließung wird die Einheit zwischen Ehemann und Ehefrau mit den Worten betont: ‘Der Mann soll fest zu seiner Frau halten, und sie sollen e i n Fleisch werden’ (1. Mo. 2:24). Später, bei den Israeliten, verbot das mosaische Gesetz Ehebruch, und für Ehebrecher war die Todesstrafe vorgeschrieben (5. Mo. 22:22-24). Bei ihnen konnte eine Ehe zwar auch aus anderen Gründen als Ehebruch geschieden werden, aber nur ‘wegen ihrer Herzenshärte’, wie Jesus sagte (Mat. 19:7, 8). Wie dachte Jehova darüber, wenn jemand seinen Ehepartner loswerden wollte, um wieder zu heiraten? In Maleachi 2:16 heißt es: „Er hat Ehescheidung gehaßt.“ Dennoch erlaubte er denen, die sich scheiden ließen, in der Versammlung Israels zu bleiben. Wenn sie für die Zurechtweisungen empfänglich waren, die Jehova seinem Volk erteilte, würde sich ihr Herz aus Stein vielleicht mit der Zeit erweichen lassen, so daß sie wahre Liebe für Gottes Wege zum Ausdruck bringen könnten. (Vergleiche Hesekiel 11:19, 20.)

      Der Wachtturm hat wiederholt gezeigt, daß Jesus bei seinen Bezugnahmen auf die Ehescheidung, wie sie im alten Israel praktiziert wurde, auf einen höheren Maßstab hinwies, der unter seinen Nachfolgern eingeführt werden sollte. Jesus sagte, daß jeder, der sich von seiner Frau scheiden lasse, außer wegen Hurerei (pornéia, „unerlaubter Geschlechtsverkehr“), und wieder heirate, Ehebruch begehe; und selbst wenn er nicht wieder heiratete, so würde er doch seine Frau dem Ehebruch aussetzen (Mat. 5:32; 19:9). Somit ist die Ehescheidung für Christen, wie Der Wachtturm hervorhob, eine weit schwerwiegendere Angelegenheit, als es in Israel der Fall war. Die Bibel schreibt zwar nicht vor, daß jeder, der sich scheiden läßt, aus der Versammlung ausgeschlossen wird, aber wer außerdem Ehebruch begeht und nicht bereut, dem wird von der Versammlung der Zeugen Jehovas die Gemeinschaft entzogen (1. Kor. 6:9, 10).

      Die Einstellung der Welt zur Ehe und zum Familienleben hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Dennoch halten sich Jehovas Zeugen nach wie vor an die Normen Gottes, des Urhebers der Ehe, wie sie in der Bibel aufgezeichnet sind. Sie bemühen sich, aufrichtigen Menschen mit Hilfe dieser Richtlinien zu zeigen, wie man mit den schwierigen Verhältnissen fertig werden kann, in denen sich so viele befinden.

      Daraufhin haben viele, die auf die biblische Belehrung der Zeugen Jehovas positiv reagiert haben, ihr Leben von Grund auf geändert. Männer, die früher ihre Frau schlugen, Männer, die ihrer Verantwortung nicht nachkamen, Männer, die zwar für das materielle, nicht aber für das emotionelle und geistige Wohl ihrer Familie sorgten — viele Tausende von ihnen sind liebevolle Ehemänner und Väter geworden, die sich um ihre Familie richtig kümmern. Frauen, die erbittert nach Unabhängigkeit strebten, Frauen, die ihre Kinder vernachlässigten und nicht auf ihr Äußeres achteten oder die Wohnung nicht in Ordnung hielten — viele von ihnen sind heute Ehefrauen, die ihren Mann als Haupt respektieren und sich so verhalten, daß ihr Mann und ihre Kinder sie von Herzen lieben. Jugendliche, die gegenüber den Eltern aufsässig waren und sich gegen die Gesellschaftsordnung auflehnten, Jugendliche, die durch ihre Handlungsweise ihr Leben ruinierten und so ihren Eltern Kummer bereiteten — nicht wenige von ihnen haben durch Glauben an Gott einen Sinn im Leben gefunden, was ihnen geholfen hat, ihre Persönlichkeit umzuwandeln.

      Natürlich ist es für ein glückliches Familienleben unerläßlich, zueinander ehrlich zu sein. Ehrlichkeit ist auch in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig.

      Wie weit muß die Ehrlichkeit gehen?

      Jehovas Zeugen sind sich bewußt, daß sie in allem, was sie tun, ehrlich sein müssen. Sie stützen ihre Ansicht unter anderem durch folgende Bibelstellen: Jehova selbst ist der „Gott der Wahrheit“ (Ps. 31:5). „Der Vater der Lüge“ dagegen ist nach Jesu Worten der Teufel (Joh. 8:44). Daher ist es einleuchtend, daß zu den Dingen, die Jehova haßt, „eine falsche Zunge“ gehört (Spr. 6:16, 17). Sein Wort fordert uns auf: „Da ihr jetzt die Unwahrheit abgelegt habt, rede jeder von euch mit seinem Nächsten Wahrheit“ (Eph. 4:25). Und Christen müssen nicht nur die Wahrheit reden, sondern sich auch nach dem Vorbild des Apostels Paulus ‘in allen Dingen ehrlich benehmen’ (Heb. 13:18). Es gibt keinen Lebensbereich, in dem Jehovas Zeugen berechtigt sind, andere Wertvorstellungen gelten zu lassen.

      Als Jesus den Steuereinnehmer Zachäus in dessen Haus besuchte, gab dieser Mann zu, daß sein Geschäftsgebaren unrecht war, und er unternahm Schritte, um frühere erpresserische Handlungen wiedergutzumachen (Luk. 19:8). Auch heute haben Personen, die sich Jehovas Zeugen anschlossen, so gehandelt, um vor Gott ein reines Gewissen zu haben. In Spanien begann zum Beispiel ein Gewohnheitsdieb, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren. Bald quälte ihn sein Gewissen, so daß er seinem früheren Arbeitgeber und seinen Nachbarn gestohlene Gegenstände zurückgab und das übrige Diebesgut zur Polizei brachte. Er bekam eine Geldstrafe und mußte für kurze Zeit ins Gefängnis, aber dafür hat er heute ein reines Gewissen. In England stellte sich ein ehemaliger Diamantendieb der Polizei, nachdem er erst zwei Monate mit einem Zeugen Jehovas die Bibel studiert hatte — zum Erstaunen der Beamten, denn sie waren schon sechs Monate auf der Suche nach ihm gewesen. In den zweieinhalb Jahren, die er im Gefängnis saß, studierte er sorgfältig die Bibel und lernte, mit anderen über biblische Wahrheiten zu sprechen. Nach seiner Entlassung wurde er durch seine Taufe ein Zeuge Jehovas (Eph. 4:28).

      Jehovas Zeugen sind für ihre Ehrlichkeit bekannt. Arbeitgeber wissen, daß Zeugen Jehovas sie nicht bestehlen, ja nicht einmal auf die Anweisung ihres Chefs hin lügen oder Unterlagen fälschen — und das, selbst wenn ihnen mit Kündigung gedroht wird. Für Jehovas Zeugen ist ein gutes Verhältnis zu Gott viel wichtiger als die Anerkennung irgendeines Menschen. Und sie sind sich darüber im klaren, daß alles „nackt und bloßgelegt [ist] vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben“, ganz gleich, wo wir sind oder was wir tun (Heb. 4:13; Spr. 15:3).

      In Italien hieß es in der Zeitung La Stampa über Jehovas Zeugen: „Sie praktizieren, was sie predigen ... Die moralischen Ideale der Nächstenliebe, der Ablehnung von Gewalt und der persönlichen Ehrlichkeit (für die meisten Christen ‚Sonntagsregeln‘, die sich nur für die Predigt auf der Kanzel eignen) gehen in ihre ‚tägliche‘ Lebensführung ein.“ Und in den Vereinigten Staaten schrieb Louis Cassels, Fachredakteur für Religion bei der Nachrichtenagentur United Press International (Washington, D. C.): „Jehovas Zeugen halten treu an ihren Glaubensansichten fest, koste es, was es wolle.“

      Warum das Glücksspiel für sie keine Frage war

      In der Vergangenheit verband man Ehrlichkeit generell mit der Bereitschaft, hart zu arbeiten. Das Spielen um Geld oder das Wetten wurde von der Gesellschaft allgemein mißbilligt. Doch als das 20. Jahrhundert von einem selbstsüchtigen, auf Reichtum versessenen Geist durchdrungen wurde, breitete sich das Glücksspiel — legal oder illegal — stark aus. Es wird nicht nur von der Unterwelt gefördert, sondern oft auch von Kirchen und Regierungen, die sich dadurch Geld beschaffen wollen. Wie haben Jehovas Zeugen auf diese veränderte Haltung in der Gesellschaft reagiert? Sie orientieren sich an biblischen Grundsätzen.

      Wie sie in ihren Veröffentlichungen geschrieben haben, gibt es in der Bibel kein ausdrückliches Verbot des Glücksspiels. Doch das Glücksspiel hat durchweg schlechte, verderbliche Auswirkungen, und darauf machen Der Wachtturm und das Erwachet! schon seit einem halben Jahrhundert aufmerksam. Außerdem haben diese Zeitschriften gezeigt, daß bei jeder Art des Spielens um Geld eine Einstellung gefördert wird, vor der die Bibel warnt. Als Beispiel kann man die Geldliebe nennen — „Die Geldliebe ist eine Wurzel von schädlichen Dingen aller Arten“ (1. Tim. 6:10) —, die Selbstsucht — „Ebenso sollst du nicht selbstsüchtig nach ... irgend etwas [verlangen], was deinem Mitmenschen gehört“ (5. Mo. 5:21; vergleiche 1. Korinther 10:24) — und die Habgier — ‘Habt keinen Umgang mehr mit jemandem, der Bruder genannt wird, wenn er ein Habgieriger ist’ (1. Kor. 5:11). Außerdem warnt die Bibel davor, das „Glück“ anzurufen, als wäre es eine Art übernatürliche Kraft, die einem Gefälligkeiten erweisen könnte (Jes. 65:11). Da sich Jehovas Zeugen diese biblischen Warnungen zu Herzen nehmen, sind sie entschieden gegen das Spielen um Geld. Und seit 1976 sind sie besonders darum bemüht, daß niemand unter ihnen einer beruflichen Tätigkeit nachgeht, durch die er eindeutig mit einem Glücksspielunternehmen in Verbindung gebracht würde.

      Das Spielen um Geld war unter Jehovas Zeugen eigentlich nie eine Frage. Sie wissen, daß die Bibel die Einstellung nicht gutheißt, auf Kosten anderer gewinnen zu wollen, sondern dazu auffordert, mit den Händen zu arbeiten, sorgfältig mit dem umzugehen, was einem anvertraut ist, großzügig zu sein und mit Bedürftigen zu teilen (Eph. 4:28; Luk. 16:10; Röm. 12:13; 1. Tim. 6:18). Können andere diese Haltung ohne weiteres erkennen? Ja, besonders Leute, die beruflich mit ihnen zu tun haben. Nicht selten sind Zeugen Jehovas als Arbeitnehmer gefragt, weil sie für ihre Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit bekannt sind. Weltliche Arbeitgeber wissen, daß es die Religion der Zeugen ist, die sie zu solchen Menschen macht.

      Was ist über Tabak und Drogen zu sagen?

      Die Bibel erwähnt weder Tabak noch die vielen anderen Drogen, die heute genommen werden. Doch sie vermittelt Richtlinien, die Jehovas Zeugen geholfen haben, festzustellen, welche Verhaltensweise Gott gefällt. So wies der Wacht-Turm bereits 1895 (engl.) in einer Stellungnahme zum Tabakgenuß auf 2. Korinther 7:1 hin, wo es heißt: „Da wir also diese Verheißungen haben, Geliebte, so laßt uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und Geistes, indem wir die Heiligkeit in der Furcht Gottes vervollkommnen.“

      Viele Jahre lang war dieser Rat offenbar ausreichend. Als die Tabakindustrie jedoch die Werbung einsetzte, um dem Rauchen Reiz zu verleihen, und als sich der Mißbrauch „illegaler“ Drogen ausbreitete, war mehr nötig. Es wurden weitere biblische Prinzipien hervorgehoben: Achtung vor Jehova, dem Lebengeber (Apg. 17:24, 25), Nächstenliebe (Jak. 2:8), der Grundsatz, daß jemand, der seinen Mitmenschen nicht liebt, keine richtige Liebe zu Gott hat (1. Joh. 4:20), und Gehorsam gegenüber weltlichen Regierungen (Tit. 3:1). Man wies darauf hin, daß Bibelschreiber mit dem griechischen Wort pharmakía, dessen Grundbedeutung „Drogengebrauch“ ist, die „Ausübung von Spiritismus“ bezeichneten, weil Drogen bei spiritistischen Bräuchen verwendet wurden (Gal. 5:20).

      In der Zeitschrift Trost wurde schon 1946 (engl.) aufgedeckt, daß die gekauften „Kenner“aussagen in der Zigarettenwerbung oft Betrug sind. Als entsprechende wissenschaftliche Beweise zur Verfügung standen, berichtete die Zeitschrift Erwachet!, die Trost ablöste, daß Tabak Krebs und Herzkrankheiten verursacht, ungeborenes Leben schädigt, Nichtraucher gefährdet, die gezwungenermaßen den Rauch einatmen, und daß Nikotin süchtig macht. Es wurde darauf aufmerksam gemacht, daß Marihuana eine berauschende Wirkung hat und zu Hirnschädigungen führen kann. Darüber hinaus hat man wiederholt die bedrohlichen Risiken anderer suchterzeugender Drogen erörtert, um den Lesern der Wachtturm-Publikationen nützliche Informationen zu geben.

      Lange bevor sich staatliche Behörden darüber einig waren, inwieweit man die Bevölkerung vor den schädlichen Auswirkungen des Tabakkonsums warnen sollte, erklärte Der Wachtturm vom 1. März 1935 (engl.) unmißverständlich, kein Raucher dürfe ein Mitarbeiter im Hauptbüro der Watch Tower Bible and Tract Society oder einer ihrer ernannten Vertreter sein. Nachdem man 1938 eingeführt hatte, daß alle Diener in den Versammlungen der Zeugen Jehovas von der Gesellschaft ernannt wurden, hieß es im Wachtturm vom 1. Juli 1942 (engl.), daß das Tabakverbot auch für alle diese ernannten Diener gelte. Manchenorts dauerte es mehrere Jahre, bis man sich ganz und gar daran hielt. Doch die Mehrheit der Zeugen Jehovas reagierte positiv auf den biblischen Rat und das gute Beispiel derer, die unter ihnen die Führung innehatten.

      Ein weiterer Fortschritt in der konsequenten Beachtung der biblischen Richtlinien bestand darin, daß von 1973 an kein Raucher mehr zur Taufe zugelassen wurde. In den folgenden Monaten wurde denen, die in der Tabakherstellung tätig waren oder den Verkauf von Tabak förderten, zu der Einsicht verholfen, daß sie damit nicht fortfahren und gleichzeitig als Zeugen Jehovas anerkannt werden konnten. Die Richtlinien des Wortes Gottes müssen konsequent in jedem Lebensbereich beachtet werden. Es ist für Jehovas Zeugen ein Schutz gewesen, daß biblische Grundsätze auf Tabak, Marihuana und die sogenannten harten Drogen angewandt worden sind. Sie konnten auch vielen Tausenden, die ihr Leben durch Drogenmißbrauch ruinierten, durch die Bibel helfen.

      Verhält es sich mit alkoholischen Getränken anders?

      In den Wachtturm-Publikationen wird nicht die Ansicht vertreten, der Genuß alkoholischer Getränke sei dasselbe wie Drogenmißbrauch. Wieso nicht? Die Erklärung dafür lautet: Unser Schöpfer kennt unsere Beschaffenheit, und sein Wort erlaubt den mäßigen Genuß alkoholischer Getränke (Ps. 104:15; 1. Tim. 5:23). Andererseits warnt die Bibel vor ‘starkem Trinken’ und verurteilt Trunkenheit entschieden (Spr. 23:20, 21, 29, 30; 1. Kor. 6:9, 10; Eph. 5:18).

      Da sich viele durch den unmäßigen Konsum berauschender Getränke zugrunde richteten, trat Charles Taze Russell selbst für völlige Abstinenz ein. Er räumte allerdings ein, daß Jesus Wein trank. Im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in den Vereinigten Staaten der Ruf nach einem Alkoholverbot laut. Der Wacht-Turm brachte offen seine Sympathie gegenüber denen zum Ausdruck, die gegen die schädigende Wirkung des Alkohols kämpften, aber er schloß sich ihrer Kampagne zur Durchsetzung der Prohibition nicht an. Die Zeitschrift wies jedoch nachdrücklich auf die Schäden hin, die durch übermäßigen Alkoholgenuß verursacht werden, und erklärte wiederholt, es sei am besten, Wein und Spirituosen ganz zu meiden. Wer der Meinung war, er könne alkoholische Getränke ruhig in Maßen zu sich nehmen, wurde angeregt, über Römer 14:21 nachzudenken, wo es heißt: „Es ist gut, nicht Fleisch zu essen noch Wein zu trinken, noch sonst etwas zu tun, woran dein Bruder Anstoß nimmt.“

      Als jedoch 1930 in den Vereinigten Staaten der Leiter der Anti-Saloon League (Verein, der für die Einführung der Prohibition kämpfte) soweit ging, öffentlich zu behaupten, seine Organisation sei „von Gott ins Leben gerufen“, wies J. F. Rutherford, der damalige Präsident der Watch Tower Society, in Rundfunkansprachen darauf hin, daß ein solcher Anspruch einer Verleumdung Gottes gleichkomme. Weshalb? Weil Gottes Wort den Weingenuß nicht ganz und gar verbiete, weil durch die Prohibition die Trunkenheit, die Gott verurteile, nicht aus der Welt geschafft werde und weil die Reaktion auf das Alkoholverbot Schwarzbrennerei, Schmuggel, illegaler Ausschank und Korruption in der Regierung sei.

      Jehovas Zeugen überlassen es dem einzelnen, ob er alkoholische Getränke zu sich nimmt oder abstinent lebt. Doch sie halten sich an die biblische Richtlinie, daß Aufseher „mäßig in den Gewohnheiten“ sein müssen. Dieser Ausdruck ist eine Übersetzung des griechischen Wortes nēphálion, das buchstäblich bedeutet: „nüchtern, gemäßigt; entweder sich ganz des Weines enthaltend ... oder mindestens in bezug auf den übermäßigen Gebrauch“. Auch Dienstamtgehilfen dürfen „nicht vielem Wein ergeben“ sein (1. Tim. 3:2, 3, 8). Jemand, der viel trinkt, eignet sich also nicht für besondere Dienstvorrechte. Dadurch, daß diejenigen, die die Führung unter Jehovas Zeugen übernehmen, ein gutes Beispiel geben, können sie unbefangen Personen helfen, die in Streßsituationen dem Alkohol als Krücke zuneigen oder die tatsächlich völlig abstinent leben müssen, um nicht dem Alkohol zu verfallen. Was ist das Ergebnis?

      Beispielsweise heißt es in einer Zeitungsnotiz aus dem Süden Zentralafrikas: „Allen Berichten ist zu entnehmen, daß in den Gebieten, in denen Jehovas Zeugen unter den Afrikanern am stärksten vertreten sind, jetzt am wenigsten Unruhe herrscht. Gewiß üben sie einen Einfluß aus gegen Aufwiegelungen, Zauberei, Trunkenheit und Gewalttat jeder Art“ (The Northern News, Sambia).

      Der Lebenswandel der Zeugen Jehovas zeichnet sich auch durch ihre Achtung vor dem Leben aus — ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber der Welt.

      Die Achtung vor dem Leben

      Diese Achtung ist in der Anerkennung der Tatsache begründet, daß das Leben ein Geschenk Gottes ist (Ps. 36:9; Apg. 17:24, 25). Hinzu kommt das Bewußtsein, daß selbst das ungeborene Leben in den Augen Gottes kostbar ist (2. Mo. 21:22-25; Ps. 139:1, 16). Außerdem ist zu berücksichtigen, daß „jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft ablegen“ wird (Röm. 14:12).

      Diesen biblischen Grundsätzen entsprechend lehnen Jehovas Zeugen die Abtreibung konsequent ab. Um ihren Lesern eine gute Anleitung zu geben, hat die Zeitschrift Erwachet! ihnen geholfen zu erkennen, daß Gott sittliche Reinheit fordert; sie hat die Wunder der Fortpflanzung sowie die psychologischen und physiologischen Begleitumstände der Geburt ausführlich besprochen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg Abtreibungen üblicher wurden, zeigte Der Wachtturm deutlich, daß sie mit dem Wort Gottes unvereinbar sind. In der Ausgabe vom 15. März 1970 hieß es unverblümt: „Eine Schwangerschaftsunterbrechung, die lediglich zu dem Zweck vorgenommen wird, ein unerwünschtes Kind loszuwerden, käme demnach einer willentlichen Tötung eines Menschen gleich.“

      Warum Bluttransfusionen abgelehnt werden

      Die Achtung vor dem Leben, die Jehovas Zeugen bekunden, berührt auch ihre Einstellung zu Bluttransfusionen. Als sie mit der Frage der Bluttransfusion konfrontiert wurden, behandelte Der Wachtturm vom 1. Juli 1945 (engl.) eingehend den christlichen Standpunkt zur Heiligkeit des Blutes.c Es wurde gezeigt, daß das göttliche Verbot, das Noah gegeben wurde und das für alle seine Nachkommen bindend ist, sowohl Tier- als auch Menschenblut betrifft (1. Mo. 9:3-6). Außerdem sei diese Vorschrift im ersten Jahrhundert erneut hervorgehoben worden, und zwar in dem für Christen geltenden Gebot, ‘sich von Blut zu enthalten’ (Apg. 15:28, 29). In demselben Artikel wurde erklärt, Gott billige nach der Bibel die Verwendung von Blut nur für Opferzwecke, und weil die unter dem mosaischen Gesetz dargebrachten Tieropfer auf das Opfer Christi hindeuteten, sei die Mißachtung der christlichen Vorschrift, ‘sich von Blut zu enthalten’, ein Zeichen äußerster Respektlosigkeit gegenüber dem Loskaufsopfer Jesu Christi (3. Mo. 17:11, 12; Heb. 9:11-14, 22). Im Einklang mit diesem Verständnis wurde von 1961 an jemand, der sich über diese göttliche Vorschrift hinwegsetzte, der eine Bluttransfusion akzeptierte und eine reuelose Haltung offenbarte, aus der Versammlung der Zeugen Jehovas ausgeschlossen.

      Anfangs wurden in den Wachtturm-Veröffentlichungen die gesundheitlichen Begleiterscheinungen von Bluttransfusionen nicht besprochen. Als aber später entsprechende Informationen erhältlich waren, wurden sie veröffentlicht — nicht als Begründung dafür, warum Jehovas Zeugen Bluttransfusionen ablehnen, sondern um ihre Wertschätzung für das göttliche Verbot zu vertiefen, das die Verwendung von Blut betrifft (Jes. 48:17). Zu diesem Zweck erschien 1961 die gut dokumentierte Broschüre Blut, Medizin und das Gesetz Gottes. 1977 wurde eine weitere Broschüre zu diesem Thema gedruckt, betitelt Jehovas Zeugen und die Blutfrage. Sie hob erneut hervor, daß der Standpunkt der Zeugen Jehovas religiös begründet ist, sich auf die Bibel stützt und nicht von medizinischen Risikofaktoren abhängt. Der neuste Stand wurde 1990 in der Broschüre Wie kann Blut dein Leben retten? dargelegt. Mit Hilfe dieser Publikationen haben sich Jehovas Zeugen sehr darum bemüht, Ärzte zur Zusammenarbeit zu bewegen und ihnen den Standpunkt der Zeugen verstehen zu helfen. Allerdings haben Bluttransfusionen in der Medizin viele Jahre lang einen hohen Stellenwert besessen.

      Obwohl Jehovas Zeugen den Ärzten sagten, sie hätten keine religiösen Einwände gegen alternative Behandlungen, war es nicht leicht, Bluttransfusionen abzulehnen. Oft wurden Zeugen Jehovas und ihre Angehörigen stark unter Druck gesetzt, das übliche medizinische Verfahren zu akzeptieren. In Puerto Rico erklärte sich die 45jährige Ana Paz de Rosario im November 1976 mit einer Operation und der erforderlichen medikamentösen Behandlung einverstanden, bat aber wegen ihrer religiösen Überzeugung darum, daß kein Blut verwendet werde. Fünf Polizeibeamte und drei Krankenschwestern kamen nach Mitternacht mit einem Gerichtsentscheid in der Hand in ihr Krankenzimmer, fesselten sie an das Bett und verabreichten ihr gegen ihren Willen und den ihres Mannes und ihrer Kinder gewaltsam eine Bluttransfusion. Sie erlitt einen Schock und starb. Das war keineswegs ein Einzelfall, und nicht nur in Puerto Rico kam es zu solchen Übergriffen.

      In Dänemark wurden Eltern 1975 von der Polizei verfolgt, weil sie nicht gestatteten, daß man ihrem kleinen Sohn zwangsweise eine Bluttransfusion gab, und sie sich statt dessen nach einer alternativen Behandlung umsahen. In Italien wurde 1982 ein Ehepaar, das sich liebevoll in vier Ländern nach medizinischer Hilfe für seine unheilbar kranke Tochter umgesehen hatte, wegen Mord zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem das Mädchen während einer gerichtlich angeordneten Blutübertragung gestorben war.

      In Fällen, wo es darum ging, Kindern von Zeugen Jehovas zwangsweise Bluttransfusionen zu verabreichen, hat die Presse häufig die Öffentlichkeit aufgehetzt. Mitunter haben Richter sogar ohne eine Gerichtsverhandlung, bei der sich die Eltern hätten äußern können, angeordnet, Kindern Blut zu übertragen. In Kanada wurden jedoch in über 40 solcher Fälle Kinder, denen man Blut transfundiert hatte, ihren Eltern tot zurückgegeben.

      Nicht alle Ärzte und Richter sind mit dieser willkürlichen Vorgehensweise einverstanden. Einige haben sich für mehr Hilfsbereitschaft ausgesprochen. Nicht wenige Ärzte haben ihr Können für blutlose Behandlungen aufgeboten. Dadurch haben sie in allen Arten blutloser Chirurgie viel Erfahrung gewonnen. Im Laufe der Zeit erwies es sich, daß alle Arten operativer Eingriffe sowohl bei Erwachsenen als auch bei kleinen Kindern ohne Bluttransfusion erfolgreich durchgeführt werden können.d

      Damit es in Notfällen nicht zu unnötigen Konfrontationen käme, begannen Jehovas Zeugen Anfang der 60er Jahre, ihre Ärzte aufzusuchen, um mit ihnen speziell über ihren Standpunkt zu sprechen und ihnen entsprechenden Lesestoff zu geben. Später baten Jehovas Zeugen darum, daß eine schriftliche Erklärung zu ihren Unterlagen gelegt werde, in der es hieß, daß man ihnen keine Bluttransfusion geben dürfe. In den 70er Jahren machten sie es sich allgemein zur Angewohnheit, eine Karte bei sich zu tragen, um medizinisches Personal darauf hinzuweisen, daß ihnen unter gar keinen Umständen Blut verabreicht werden sollte. Nachdem man Ärzte und Anwälte zu Rate gezogen hatte, faßte man die Karte so ab, daß sie ein rechtliches Dokument wurde.

      Um Jehovas Zeugen in ihrem Entschluß zu unterstützen, sich keine Bluttransfusion geben zu lassen, um Mißverständnisse von seiten der Ärzte und Krankenhäuser auszuräumen und um die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen medizinischen Einrichtungen und behandlungsbedürftigen Zeugen Jehovas zu fördern, wurden auf die Anweisung der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas hin Krankenhaus-Verbindungskomitees eingerichtet. 1979 gab es nur eine Handvoll davon, doch ihre Zahl ist auf mehr als 800 in über 70 Ländern angestiegen. In Nordamerika, im Fernen Osten, in den größeren Ländern des südpazifischen Raums, in Europa und Lateinamerika wurden qualifizierte Älteste geschult und leisten solche Dienste. Abgesehen davon, daß sie den Standpunkt der Zeugen Jehovas erläutern, machen diese Ältesten Mitarbeiter von Krankenhäusern auf wirksame Alternativen aufmerksam. In Notsituationen können sie dabei behilflich sein, Gespräche zwischen überweisenden Ärzten und Chirurgen zu vereinbaren, die in ähnlich gelagerten Fällen Zeugen Jehovas ohne Blut behandelt haben. Wenn nötig, suchen diese Komitees nicht nur medizinisches Personal auf, sondern auch Richter, die mit Fällen zu tun haben, in denen sich Krankenhäuser um gerichtliche Verfügungen zur Verabreichung von Bluttransfusionen bemühen.

      Gelegentlich haben Jehovas Zeugen Ärzte und Krankenhäuser vor Gericht verklagt, wenn es sich nicht auf andere Weise erreichen ließ, daß man ihre religiösen Ansichten über die Heiligkeit des Blutes respektierte. In der Regel ging es ihnen lediglich darum, eine einstweilige Anordnung oder einen gerichtlichen Beschluß zu erwirken. Doch in den letzten Jahren haben sie Ärzte und Krankenhäuser, die willkürlich handelten, sogar auf Schadenersatz verklagt. 1990 gab das Berufungsgericht von Ontario (Kanada) einer solchen Schadenersatzklage statt, weil der Arzt eine Karte in der Brieftasche des Patienten unbeachtet gelassen hatte, auf der ausdrücklich stand, daß er als Zeuge Jehovas unter keinen Umständen einer Bluttransfusion zustimmen würde. In den Vereinigten Staaten wurde seit 1985 landesweit mindestens zehnmal auf Schadenersatz geklagt, und oft haben sich die Beklagten entschieden, den Fall außergerichtlich zu vergleichen und den vereinbarten Betrag zu zahlen, um nicht das Risiko einzugehen, vom Gericht eine noch höhere Schadenersatzleistung auferlegt zu bekommen. Jehovas Zeugen sind fest entschlossen, das göttliche Verbot zu befolgen, das die Verwendung von Blut betrifft. Sie möchten keine rechtlichen Schritte gegen Ärzte unternehmen, aber wenn nötig, tun sie es doch, damit man ihnen keine Behandlung aufnötigt, die sie aus ethischen Gründen ablehnen.

      Der Öffentlichkeit werden die mit Bluttransfusionen verbundenen Gefahren zunehmend bewußt. Das liegt zum Teil an der Angst vor Aids. Der Beweggrund der Zeugen Jehovas ist dagegen der aufrichtige Wunsch, Gott zu gefallen. 1987 schrieb die französische Ärztezeitung Le Quotidien du Médecin: „Vielleicht haben Jehovas Zeugen recht, wenn sie die Verwendung von Blutprodukten ablehnen, denn es stimmt, daß eine bedeutende Zahl pathogener Wirkstoffe durch Bluttransfusionen übertragen werden können.“

      Jehovas Zeugen verfügen nicht über höhere medizinische Kenntnisse, auf die sie ihren Standpunkt gründen. Sie vertrauen einfach darauf, daß Jehovas Richtlinien recht sind und daß er seinen loyalen Dienern ‘nichts Gutes vorenthält’ (Ps. 19:7, 11; 84:11). Selbst wenn jemand von ihnen als Folge von Blutverlust stirbt — was gelegentlich vorgekommen ist —, vertrauen Jehovas Zeugen ganz und gar darauf, daß Gott seine treuen Diener nicht vergißt, sondern sie durch eine Auferstehung wieder zum Leben bringt (Apg. 24:15).

      Wenn sich einzelne über biblische Maßstäbe hinwegsetzen

      Millionen haben mit Jehovas Zeugen die Bibel studiert, aber nicht alle sind Zeugen Jehovas geworden. Manche entschließen sich, nachdem sie die verbindlichen hohen Normen kennengelernt haben, daß sie kein solches Leben führen möchten. Alle, die sich taufen lassen wollen, werden zunächst eingehend in den biblischen Grundlehren unterwiesen, worauf (besonders seit 1967) Versammlungsälteste mit ihnen diese Lehren nochmals besprechen. Man bemüht sich sehr darum, daß Taufanwärter nicht nur die Lehre gut verstehen, sondern daß ihnen auch klar ist, was ein christlicher Lebenswandel alles einschließt. Was aber, wenn sich Getaufte später aus Liebe zur Welt zu schlimmen Vergehen verleiten lassen?

      Schon 1904 wurde in dem Buch Die Neue Schöpfung darauf hingewiesen, daß entsprechende Maßnahmen ergriffen werden müßten, damit die Versammlung nicht moralisch verdorben würde. Es wurde besprochen, wie die Bibelforscher damals das Vorgehen gegen Sünder nach Matthäus 18:15-17 verstanden. Gestützt darauf, gab es vereinzelt „Kirchenverfahren“, bei denen in Fällen von schweren Vergehen die Beweise der ganzen Versammlung vorgetragen wurden. Jahre später besprach Der Wachtturm in seiner Ausgabe vom Februar 1945 dieses Thema im Licht der gesamten Bibel und erklärte, solche die Versammlung betreffenden Angelegenheiten sollten von verantwortlichen Brüdern behandelt werden, die in der Versammlung die Aufsicht innehätten (1. Kor. 5:1-13; vergleiche 5. Mose 21:18-21). Darauf folgten im Wachtturm vom 1. Mai 1952 Artikel, in denen nicht nur die richtige Vorgehensweise hervorgehoben wurde, sondern auch die Notwendigkeit, Schritte zu unternehmen, um die Organisation rein zu erhalten. Seither ist dieses Thema wiederholt erörtert worden. Aber das Ziel ist unverändert geblieben: 1. die Organisation rein zu erhalten und 2. jemandem, der sich eines Vergehens schuldig gemacht hat, die Notwendigkeit aufrichtiger Reue vor Augen zu führen, um ihn wieder zurückzubringen.

      Im ersten Jahrhundert gaben einige ihren Glauben preis, um ein zügelloses Leben führen zu können. Andere ließen sich von abtrünnigen Lehren wegziehen (1. Joh. 2:19). So etwas kommt auch im 20. Jahrhundert unter Jehovas Zeugen vor. Leider mußte in jüngerer Zeit jedes Jahr Zehntausenden von reuelosen Sündern die Gemeinschaft entzogen werden. Zu ihnen gehörten auch angesehene Älteste. Für alle gelten die gleichen biblischen Richtlinien (Jak. 3:17). Jehovas Zeugen sind sich bewußt, daß es unerläßlich ist, die Organisation sittlich rein zu erhalten, wenn sie in Gottes Gunst bleiben möchten.

      Die neue Persönlichkeit

      Jesus forderte die Menschen auf, nicht nur äußerlich rein zu sein, sondern auch innerlich (Luk. 11:38-41). Er sagte, daß unsere Worte und Taten ein Spiegelbild dessen sind, was wir im Herzen haben (Mat. 15:18, 19). Wie der Apostel Paulus erklärte, werden wir, sofern wir wirklich von Christus belehrt sind, ‘erneuert in der Kraft, die unseren Sinn antreibt’, und wir werden ‘die neue Persönlichkeit anziehen, die nach Gottes Willen in wahrer Gerechtigkeit und Loyalität geschaffen worden ist’ (Eph. 4:17-24). Die von Christus Belehrten bemühen sich, „die gleiche Gesinnung zu haben, die Christus Jesus hatte“, damit sie so denken und handeln wie er (Röm. 15:5). Der Lebenswandel der Zeugen Jehovas als einzelne spiegelt wider, inwieweit sie das tatsächlich getan haben.

      Jehovas Zeugen behaupten nicht von sich, daß ihr Lebenswandel makellos ist. Aber sie strengen sich sehr an, Christus nachzuahmen, während sie sich nach den hohen Verhaltensnormen der Bibel richten. Sie leugnen nicht, daß es auch andere Einzelpersonen gibt, die nach hohen moralischen Grundsätzen leben. Doch Jehovas Zeugen sind nicht nur als einzelne, sondern als internationale Organisation leicht an ihrem Lebenswandel zu erkennen, der sich nach biblischen Maßstäben ausrichtet. Sie lassen sich von dem inspirierten Rat aus 1. Petrus 2:12 motivieren: „Führt euren Wandel vortrefflich unter den Nationen, damit sie ... zufolge eurer vortrefflichen Werke, von denen sie Augenzeugen sind, Gott verherrlichen mögen.“

      [Fußnoten]

      a Im Wachtturm vom 15. Oktober 1941 (engl.) wurde das Thema unter der Überschrift „Charakter oder Lauterkeit?“ noch einmal in etwas kürzerer Form behandelt.

      b Im Wachtturm vom 15. Juni 1951 wurde gesagt, Hurerei bedeute „den willentlichen Geschlechtsverkehr von seiten einer unverheirateten Person mit einer Person vom andern Geschlecht“. In der Ausgabe vom 1. Juli 1952 wurde hinzugefügt, daß sich der Begriff, wie er in der Bibel gebraucht wird, auch auf geschlechtliche Unmoral bei Verheirateten anwenden läßt.

      c Bereits im Wacht-Turm vom 15. Januar 1928 wurde die Heiligkeit des Blutes erörtert, ferner im Wachtturm vom 15. Dezember 1946, wo Blutübertragungen speziell erwähnt wurden.

      d Contemporary Surgery, März 1990, S. 45—49; The American Surgeon, Juni 1987, S. 350 bis 356; Miami Medicine, Januar 1981, S. 25; New York State Journal of Medicine, 15. Oktober 1972, S. 2524—2527; The Journal of the American Medical Association, 27. November 1981, S. 2471, 2472; Cardiovascular News, Februar 1984, S. 5; Circulation, September 1984.

      [Herausgestellter Text auf Seite 172]

      „Sie haben bemerkenswerte Moralbegriffe“

      [Herausgestellter Text auf Seite 174]

      War der Standpunkt zur Homosexualität je unklar?

      [Herausgestellter Text auf Seite 175]

      Der Sittenverfall der Welt hat Jehovas Zeugen nicht zu mehr Freizügigkeit veranlaßt

      [Herausgestellter Text auf Seite 176]

      Einige wollten Zeugen Jehovas sein, ohne die Polygamie aufzugeben

      [Herausgestellter Text auf Seite 177]

      Die Ansicht Jehovas über die Ehescheidung wird mit Nachdruck gelehrt

      [Herausgestellter Text auf Seite 178]

      Menschen haben ihr Leben von Grund auf geändert

      [Herausgestellter Text auf Seite 181]

      Tabak? Nein!

      [Herausgestellter Text auf Seite 182]

      Alkoholische Getränke? Wenn, dann in Maßen.

      [Herausgestellter Text auf Seite 183]

      Sie sind fest entschlossen, sich kein Blut übertragen zu lassen

      [Herausgestellter Text auf Seite 187]

      Gemeinschaftsentzug — damit die Organisation moralisch rein bleibt

      [Kasten auf Seite 173]

      „Charakterentwicklung“ — Das Resultat war nicht immer gut

      In einem Bericht aus Dänemark hieß es, daß besonders unter den älteren Brüdern viele in ihrem aufrichtigen Bemühen, eine christliche Persönlichkeit anzuziehen, auch nur die leiseste Spur von Weltlichkeit vermeiden wollten, um sich des himmlischen Königreiches würdig zu erweisen. Es habe als unangebracht gegolten, während der Zusammenkünfte zu lächeln, und viele der älteren Brüder hätten nur schwarze Anzüge, schwarze Schuhe und schwarze Krawatten getragen. Oft hätten sie sich damit begnügt, ein ruhiges und friedliches Leben im Herrn zu führen. Sie seien der Meinung gewesen, es genüge, Zusammenkünfte abzuhalten, und das Predigen könne man den Kolporteuren überlassen.

      [Kasten auf Seite 179]

      Was andere bei Jehovas Zeugen beobachten

      ◆ Die Zeitung „Münchner Merkur“ berichtete über Jehovas Zeugen: „Sie gelten als die ehrlichsten und pünktlichsten Steuerzahler der Bundesrepublik, ihre Gesetzestreue fällt im Straßenverkehr und in der Verbrechensstatistik auf ...; sie zollen der Obrigkeit (Eltern, Lehrern, dem Staat) Gehorsam. ... Die Bibel, Grundlage all ihrer Handlungen, ist ihre Stütze.“

      ◆ Der Bürgermeister von Lens (Frankreich) sagte zu den Zeugen, nachdem sie im dortigen Stadion einen Kongreß abgehalten hatten: „Was mir an Ihnen gefällt, ist, daß Sie Ihre Versprechen und Abmachungen halten, und darüber hinaus sind Sie sauber, diszipliniert und ordentlich. Diese Gesellschaft ist mir sympathisch. Ich bin gegen Unordnung und habe etwas gegen Leute, die alles schmutzig und kaputt hinterlassen.“

      ◆ Das Buch „Voices From the Holocaust“ enthält die Erinnerungen einer Polin, die die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat. Sie schrieb: „Ich habe Leute gesehen, die sehr, sehr gute Menschen wurden, und Leute, die absolut niederträchtig wurden. Die freundlichste Gruppe waren Jehovas Zeugen. Ich ziehe den Hut vor diesen Menschen. ... Sie haben für andere Erstaunliches getan. Sie halfen den Kranken, teilten ihr Brot und gaben jedem, der in ihrer Nähe war, durch ihren Glauben Trost. Die Deutschen haßten sie und hatten gleichzeitig Achtung vor ihnen. Sie gaben ihnen die schlimmste Arbeit, aber die Zeugen Jehovas nahmen das mit erhobenem Kopf hin.“

  • „Sie sind kein Teil der Welt“
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 14

      „Sie sind kein Teil der Welt“

      DIE Religion ist heute überwiegend ein Teil der Welt, und das sehr ausgeprägt; sie beteiligt sich an ihren Feiern und spiegelt ihren Nationalismus wider. Geistliche geben das oft zu, und vielen ist es auch ganz recht so. In krassem Gegensatz dazu sagte Jesus von seinen wahren Nachfolgern: „Sie sind kein Teil der Welt, so wie ich kein Teil der Welt bin“ (Joh. 17:16).

      Welchen Ruf haben Jehovas Zeugen in dieser Hinsicht? Haben sie überzeugende Beweise dafür geliefert, daß sie kein Teil der Welt sind?

      Wie sie zu ihren Mitmenschen eingestellt sind

      Die ersten Bibelforscher waren sich durchaus bewußt, daß wahre Christen kein Teil der Welt sein dürfen. Da Christi gesalbte Nachfolger geheiligt und durch heiligen Geist gezeugt worden seien, um an dem himmlischen Königreich teilhaben zu können, wie es Der Wacht-Turm erklärte, seien sie durch diesen Akt Gottes von der Welt abgesondert worden. Auch wurde darauf hingewiesen, daß sie verpflichtet seien, den Geist der Welt zu meiden, das heißt die Ziele, Ambitionen und Hoffnungen der Welt sowie deren selbstsüchtige Verhaltensweisen (1. Joh. 2:15-17).

      Wirkte sich das auf die Einstellung der Bibelforscher zu Menschen aus, die ihre Glaubensansichten nicht teilten? Mit Sicherheit wurden sie keine Einsiedler. Aber wer wirklich das anwandte, was er aus der Bibel lernte, suchte nicht dahin gehend Gemeinschaft mit Weltmenschen, daß er ihren Lebensstil übernahm. Der Wacht-Turm machte Gottes Diener auf den biblischen Rat aufmerksam, „gegenüber allen das Gute [zu] wirken“. Er riet ihnen auch, bei Verfolgung gegen rachsüchtige Gefühle anzukämpfen und, wie Jesus gesagt hatte, ‘ihre Feinde zu lieben’ (Gal. 6:10; Mat. 5:44-48). Sie wurden insbesondere aufgefordert, die kostbare Wahrheit über Gottes Rettungsvorkehrung an andere weiterzugeben.

      Das zu tun würde verständlicherweise dazu führen, daß die Welt sie als andersartig betrachtete. Aber kein Teil der Welt zu sein schließt mehr ein — viel mehr.

      Ganz getrennt von Babylon der Großen

      Damit sie kein Teil der Welt wären, durften sie auch kein Teil der religiösen Systeme sein, die in die Angelegenheiten der Welt verwickelt waren und die Lehren und Bräuche des alten Babylon übernommen hatten, das seit eh und je mit der wahren Anbetung verfeindet ist (Jer. 50:29). Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hatten die Bibelforscher bereits jahrzehntelang offen dargelegt, daß Lehren der Christenheit wie zum Beispiel die von der Dreieinigkeit, der Unsterblichkeit der Menschenseele und dem Höllenfeuer heidnischen Ursprungs waren. Sie hatten auch enthüllt, wie die Kirchen zur Durchsetzung ihrer selbstsüchtigen Ziele immer wieder versuchten, die Regierungen zu manipulieren. Die Bibelforscher hatten die Christenheit wegen ihrer Lehren und Praktiken mit „Babylon der Großen“ gleichgesetzt (Offb. 18:2). Sie wiesen darauf hin, daß die Christenheit Wahrheit und Irrglauben, laues Christentum und krasse Weltlichkeit miteinander vermischte und daß die biblische Bezeichnung „Babylon“ („Verwirrung“) diesen Sachverhalt treffend beschrieb. Sie forderten Menschen, die Gott liebten, auf, aus „Babylon“ hinauszugehen (Offb. 18:4). So verbreiteten sie von Ende Dezember 1917 bis ins Frühjahr 1918 10 000 000 Exemplare des Schriftforschers mit dem Thema „Der Fall Babylons“, wodurch die Christenheit schonungslos bloßgestellt wurde. Daraufhin wurden sie von der Geistlichkeit heftig angefeindet, die die Kriegshysterie ausnutzte, um das Werk der Zeugen Jehovas gewaltsam zu unterdrücken.

      Wollte man Babylon die Große verlassen, mußte man aus Organisationen austreten, die ihre falschen Lehren vertraten. Die Bibelforscher taten das, obschon sie jahrelang einzelne Kirchenmitglieder, die ihre uneingeschränkte Weihung und ihren Glauben an das Lösegeld beteuerten, als christliche Brüder ansahen. Dessenungeachtet schrieben die Bibelforscher nicht nur Briefe, in denen sie ihren Kirchenaustritt erklärten, sondern einige lasen ihren Brief außerdem beim Gottesdienst vor, sofern es in der jeweiligen Kirche angebracht war, daß sich Gemeindemitglieder laut äußerten. Andernfalls schickten sie eventuell jedem Gemeindemitglied eine Kopie ihrer Austrittserklärung, die in freundlichem Ton abgefaßt war und ein passendes Zeugnis enthielt.

      Achteten sie auch darauf, daß sie keine gottlosen Bräuche und Praktiken dieser Organisationen mitnahmen? Wie sah es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg aus?

      Sollte sich die Religion in die Politik einmischen?

      Was die Politik betrifft, so hatten die Herrscher vieler führender Nationen wegen ihrer Verbindungen zur katholischen oder protestantischen Kirche lange behauptet, „von Gottes Gnaden“ eingesetzt zu sein, das heißt, als Vertreter des Reiches Gottes und durch die besondere Gunst Gottes zu regieren. Die Kirche gab der Regierung ihren Segen, woraufhin die Regierung die Kirche unterstützte. Ließen sich die Bibelforscher auch auf so etwas ein?

      Sie ahmten die Kirchen der Christenheit nicht nach, sondern bemühten sich, von den Lehren und dem Beispiel Jesu Christi und seiner Apostel zu lernen. Was zeigte ihnen ihr Studium der Bibel? Wie aus frühen Wachtturm-Publikationen hervorgeht, wußten sie, daß Jesus, als er von dem römischen Statthalter Pontius Pilatus verhört wurde, erklärte: „Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt.“ Auf die Frage nach seiner Rolle sagte Jesus zu dem Statthalter: „Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh. 18:36, 37). Die Bibelforscher wußten auch, daß sich Jesus durch nichts von dieser Aufgabe abbringen ließ. Als der Teufel ihm alle Königreiche der Welt und ihre Herrlichkeit anbot, lehnte er ab. Als ihn das Volk zum König machen wollte, zog er sich zurück (Mat. 4:8-10; Joh. 6:15). Die Bibelforscher verschlossen nicht die Augen vor der Tatsache, daß Jesus den Teufel als den „Herrscher der Welt“ bezeichnete und sagte, der Teufel könne ihm „nicht beikommen“ (Joh. 14:30). Wie sie feststellten, war es Jesus nicht daran gelegen, daß er oder seine Nachfolger in der römischen Politik mitwirkten, sondern er war ganz damit beschäftigt, „die gute Botschaft vom Königreich Gottes“ zu verkündigen (Luk. 4:43).

      Ermutigte der Glaube an diese Berichte aus Gottes Wort zu respektlosem Verhalten gegenüber der Regierung? Bestimmt nicht. Vielmehr half er ihnen verstehen, warum die Regierenden vor gewaltigen Problemen stehen, warum es soviel Gesetzlosigkeit gibt und warum Regierungsprogramme, durch die das Los der Menschen verbessert werden soll, oft scheitern. Durch ihren Glauben konnten sie in Zeiten der Not die Geduld bewahren, weil sie darauf vertrauten, daß Gott zu der von ihm bestimmten Zeit durch sein Königreich auf Dauer für Abhilfe sorgen würde. Damals verstanden sie unter den „höheren Gewalten“ aus Römer 13:1-7 (KJ) die weltlichen Herrscher. Darum forderten sie dazu auf, Regierungsvertretern Achtung entgegenzubringen. C. T. Russell schrieb in dem Buch Die Neue Schöpfung (1904 erschienen) über Römer 13:7: „Wo solche Gesinnung herrscht [unter wahren Christen], da erfreuen sich auch die Regenten dieser Welt der aufrichtigsten Anerkennung; denn diese Gesinnung schafft Bürger, die sich ohne weiteres den Gesetzen und Forderungen unterwerfen, soweit dieselben nichts vorschreiben, was den göttlichen Anforderungen und Geboten zuwiderläuft ... Da es heutzutage keine oder doch sehr wenige Herrscher gibt, welche etwas dagegen einwenden, daß wir an einen obersten Schöpfer glauben und ihm zu gehorchen suchen, so ... [haben wahre Christen] alle Ursache, ihre Achtung vor dem Gesetz in jeder Weise zu bezeugen, und gar keinen Grund zum Agitieren, Händelsuchen und Kritisieren.“

      Als Christen wußten die Bibelforscher, daß das Werk, dem sie sich widmen sollten, im Predigen des Königreiches Gottes bestand. „Wenn das getreulich getan wird, so wird weder Zeit noch Neigung vorhanden sein, sich in die Staatsangelegenheiten der gegenwärtigen Regierungen zu mischen“, hieß es im ersten Band der Schriftstudien.

      In dieser Hinsicht ähnelten sie stark den ersten Christen, wie sie August Neander in seinem Buch Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche beschreibt: „Die Christen standen, wie ein priesterliches, geistliches Geschlecht dem Staate gegenüber, und das Christenthum schien nur auf die Weise in das bürgerliche Leben eingreifen zu können, welche freilich die reinste ist, daß es immer mehr heilige Gesinnung unter den Bürgern des Staates zu verbreiten würkte.“

      Als die Welt in den Krieg zog

      Durch die Ereignisse des Ersten Weltkriegs wurden weltweit die Behauptungen derer, die sich zum Christentum bekannten, auf die Probe gestellt. Es war der schrecklichste Krieg bis dahin; fast die ganze Weltbevölkerung war auf die eine oder andere Weise betroffen.

      Papst Benedikt XV. bemühte sich trotz der Sympathie des Vatikans für die Mittelmächte, einen Anschein der Neutralität zu wahren. Doch die Geistlichkeit, ob katholisch oder protestantisch, bewahrte in keinem Land eine neutrale Haltung. Dr. Ray Abrams schrieb in seinem Buch Preachers Present Arms über die Lage in den Vereinigten Staaten: „Die Kirchen zeigten eine Einmütigkeit, wie sie bis dahin in den religiösen Annalen unbekannt war. ... Die führenden Köpfe hatten nichts Eiligeres zu tun, als sich voll und ganz auf den Krieg einzustellen. Innerhalb von 24 Stunden nach der Kriegserklärung legte der Generalrat der Kirchen Christi in Amerika Pläne zur weitestgehenden Zusammenarbeit vor. ... Die katholische Kirche, die unter dem nationalen katholischen Kriegsrat auf einen ähnlichen Dienst eingestellt war, bekundete, angeführt von vierzehn Erzbischöfen und mit Kardinal Gibbons als Vorsitzendem, die gleiche Hingabe an die Sache. ... Viele Kirchen gingen noch viel weiter, als man von ihnen erwartete. Sie wurden Rekrutierungsstellen für die Anwerbung von Soldaten.“ Wie verhielten sich die Bibelforscher?

      Sie gaben sich zwar Mühe, so zu handeln, wie es Gott ihrer Meinung nach gefiel, aber sie nahmen nicht durchweg eine streng neutrale Haltung ein. Ihr Verhalten wurde von der Ansicht beeinflußt, die sie mit anderen Bekennern des Christentums teilten, nämlich, daß — nach dem Wortlaut der King-James-Bibel — die „höheren Gewalten ... von Gott bestimmt“ seien (Röm. 13:1). Entsprechend einer Proklamation des Präsidenten der Vereinigten Staaten forderte Der Wacht-Turm die Bibelforscher auf, den 30. Mai 1918 zu einem Tag des gemeinsamen Gebets und Flehens in bezug auf den Ausgang des Weltkriegs zu machen.a

      Die Umstände, in die einzelne Bibelforscher während der Kriegsjahre gerieten, waren unterschiedlich. Auch war ihr Verhalten in den verschiedenen Situationen uneinheitlich. Da sie sich gegenüber den weltlichen Herrschern zum Gehorsam verpflichtet fühlten — auf die sie als „Gewalten, welche sind“, Bezug nahmen —, gingen manche mit Gewehren und Bajonetten in die Schützengräben an der Front. Doch mit der Bibelstelle im Sinn: „Du sollst nicht töten“, schossen sie in die Luft oder versuchten einfach, Gegnern die Waffen aus der Hand zu schlagen (2. Mo. 20:13, EB). Einige wenige, wie zum Beispiel Remigio Cuminetti aus Italien, weigerten sich, eine militärische Uniform anzuziehen. Die italienische Regierung machte damals keine Ausnahme für jemanden, der aus Gewissensgründen nicht bereit war, zur Waffe zu greifen. Er stand fünfmal vor Gericht und wurde in Gefängnissen und in einer psychiatrischen Klinik festgehalten, aber sein Glaube und seine Entschlossenheit waren unerschütterlich. In England wurden einige, die Freistellung beantragten, einer dem Staatswohl dienenden Tätigkeit oder dem waffenlosen Dienst zugewiesen. Andere nahmen eine streng neutrale Haltung ein, ganz gleich, welche Konsequenzen das für sie persönlich nach sich zog, so zum Beispiel Pryce Hughes.

      Zumindest hier entsprach das Gesamtbild der Bibelforscher nicht ganz dem der ersten Christen, wie sie in dem Buch The Rise of Christianity von E. W. Barnes beschrieben werden: „Eine sorgfältige Nachprüfung all der erhältlichen Angaben zeigt, daß kein Christ vor der Zeit des Mark Aurel [römischer Kaiser von 161 bis 180 u. Z.] Soldat wurde und daß kein Soldat, der ein Christ wurde, im Heeresdienst blieb.“

      Doch am Ende des Ersten Weltkriegs ergab sich eine weitere Situation, in der religiöse Gruppen zeigen konnten, wie es um ihre Loyalität stand.

      Politischer Ausdruck des Reiches Gottes auf Erden?

      Am 28. Juni 1919 wurde in Versailles (Frankreich) ein Friedensvertrag abgeschlossen, der die Völkerbundssatzung enthielt. Schon vor der Unterzeichnung dieses Friedensvertrages tat sich der Generalrat der Kirchen Christi in Amerika mit der Ankündigung hervor, der Völkerbund werde sich als „der politische Ausdruck des Reiches Gottes auf Erden“ erweisen. Und der US-Senat erhielt eine Flut von Briefen, in denen er von religiösen Gruppen aufgefordert wurde, die Völkerbundssatzung zu ratifizieren.

      Jehovas Zeugen bliesen jedoch nicht ins gleiche Horn. Schon vor der Ratifizierung des Friedensvertrages (im Oktober) hielt J. F. Rutherford am 7. September 1919 in Cedar Point (Ohio) eine Ansprache, in der er zeigte, daß nicht der Völkerbund, sondern das von Gott aufgerichtete Königreich die einzige Hoffnung für die bedrängte Menschheit sei. Die Bibelforscher räumten zwar ein, daß ein menschlicher Bund zur Verbesserung der Verhältnisse viel Gutes bewirken könne, doch sie kehrten nicht Gottes Königreich den Rücken zugunsten einer von Politikern geschaffenen Notlösung, die von der Geistlichkeit gepriesen wurde. Vielmehr machten sie sich an das Werk, weltweit über das Königreich Zeugnis abzulegen, das Gott Jesus Christus übergeben hatte (Offb. 11:15; 12:10). Im Wacht-Turm vom September 1920 wurde erklärt, es handle sich dabei um das Werk, das Jesus nach Matthäus 24:14 vorausgesagt habe.

      Nach dem Zweiten Weltkrieg standen Christen vor einer ähnlichen Situation. Diesmal ging es um die Vereinten Nationen, die Nachfolgeorganisation des Völkerbundes. 1942, während der Zweite Weltkrieg noch im Gange war, hatten Jehovas Zeugen bereits aus der Bibel ersehen, daß die Organisation zur Erhaltung des Weltfriedens gemäß Offenbarung 17:8 wieder emporkommen, aber keinen dauerhaften Frieden bringen würde. Das erklärte N. H. Knorr, der damalige Präsident der Watch Tower Society, in dem Kongreßvortrag „Weltfriede — ist er von Bestand?“ Jehovas Zeugen verkündigten mutig diese Ansicht über die Entwicklung der Weltlage. Dagegen nahmen führende katholische, protestantische und jüdische Geistliche 1945 an den Beratungen in San Francisco teil, bei denen die UN-Charta abgefaßt wurde. Beobachtern dieser Entwicklungen war klar, wer „ein Freund der Welt“ sein wollte und wer bemüht war, „kein Teil der Welt“ zu sein, was nach Jesu Worten auf seine Jünger zutreffen würde (Jak. 4:4; Joh. 17:14).

      Ein Zeugnis christlicher Neutralität

      Einige Fragen, die das Verhältnis des Christen zur Welt betreffen, wurden Jehovas Zeugen rasch klar, andere Fragen erforderten mehr Zeit. Als jedoch der Zweite Weltkrieg in Europa anfing, half ihnen ein wichtiger Artikel im Wachtturm vom 1. Dezember 1939, die Bedeutung der christlichen Neutralität zu erkennen. Nachfolger Jesu Christi, hieß es in dem Artikel, seien vor Gott verpflichtet, ihm und seinem Königreich, der Theokratie, ganz ergeben zu sein. Sie sollten um Gottes Königreich beten, nicht für die Welt (Mat. 6:10, 33). Wenn man bedenkt, wen Jesus Christus als den unsichtbaren Herrscher der Welt entlarvte (Joh. 12:31; 14:30) — wurde in dem Artikel argumentiert —, wie könnte dann jemand, der dem Königreich Gottes ergeben ist, in einem Konflikt zwischen Parteien der Welt für die eine oder die andere Seite eintreten? Hatte Jesus nicht von seinen Nachfolgern gesagt: „Sie sind kein Teil der Welt, so wie ich kein Teil der Welt bin.“ (Joh. 17:16)? Die Welt im allgemeinen würde diese Haltung christlicher Neutralität nicht verstehen. Aber würden Jehovas Zeugen wirklich danach leben?

      Im Zweiten Weltkrieg wurde ihre Neutralität vor allem in Deutschland einer harten Prüfung unterzogen. Der Historiker Brian Dunn sagte, die Zeugen Jehovas und der Nationalsozialismus hätten sich nicht vertragen. Der größte Einwand der Nazis gegen sie sei ihre politische Neutralität gewesen. Das habe bedeutet, daß keiner ihrer Gläubigen eine Waffe tragen oder ein politisches Amt einnehmen konnte, noch konnten sie sich an öffentlichen Feiern beteiligen oder durch irgendein Zeichen Untertanentreue erkennen lassen (The Churches’ Response to the Holocaust, 1986). In dem Buch A History of Christianity schrieb Paul Johnson: „Viele wurden zum Tode verurteilt, weil sie den Kriegsdienst verweigerten ..., oder sie kamen nach Dachau oder in eine Irrenanstalt.“ Wie viele Zeugen wurden in Deutschland inhaftiert? Die deutschen Zeugen Jehovas berichteten später, daß 6 262 festgenommen wurden und 2 074 davon in Konzentrationslager kamen. Weltliche Autoren gehen meistens von höheren Zahlen aus.

      In Großbritannien, wo sowohl Männer als auch Frauen eingezogen wurden, ermöglichte das Gesetz eine Freistellung vom Kriegsdienst; diese wurde Jehovas Zeugen allerdings von vielen Gerichten verweigert, und Richter verhängten über sie Gefängnisstrafen, die sich insgesamt auf über 600 Jahre beliefen. In den Vereinigten Staaten wurden Hunderte von Zeugen Jehovas als christliche Diener Gottes vom Kriegsdienst befreit. Über 4 000 anderen wurde dagegen die im Wehrpflichtgesetz vorgesehene Freistellung verweigert; sie wurden verhaftet und erhielten Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren. In jedem Land der Erde nahmen Jehovas Zeugen in der Frage der christlichen Neutralität die gleiche Haltung ein.

      Doch die Echtheit ihrer Neutralität wurde auch nach Kriegsende noch geprüft. Die schwere Zeit von 1939 bis 1945 war zwar vorbei, aber es kam zu weiteren Konflikten; und selbst in Zeiten relativen Friedens behielten viele Staaten die Wehrpflicht bei. Dort, wo man Jehovas Zeugen nicht als christliche Diener Gottes vom Wehrdienst befreite, drohte ihnen nach wie vor Gefängnishaft. 1949 verurteilte die griechische Regierung Ioannis Tsukaris und Georgios Orphanidis zum Tode, weil sie es ablehnten, auf ihren Nächsten eine Waffe zu richten. Die verschiedenen Maßnahmen gegen Jehovas Zeugen in Griechenland waren oft so hart, daß sich schließlich der Europarat (Menschenrechtskommission) bemühte, seinen Einfluß für sie geltend zu machen, doch wegen des Drucks von seiten der griechisch-orthodoxen Kirche wich man bis 1992 mit wenigen Ausnahmen seinen Forderungen geschickt aus. Einigen Regierungen war es jedoch unangenehm, Jehovas Zeugen weiterhin wegen ihrer religiösen Gewissensentscheidung zu bestrafen. In den 90er Jahren hat man tätige Zeugen Jehovas in manchen Ländern wie zum Beispiel Schweden, Finnland, Polen, Niederlande und Argentinien nicht mehr zum Wehrdienst oder Ersatzdienst gedrängt, obwohl man jeden Fall eingehend untersucht hat.

      Jehovas Zeugen gerieten in einem Land nach dem anderen in Situationen, in denen ihre christliche Neutralität auf die Probe gestellt wurde. Unter anderem sind in Lateinamerika, Afrika, im Nahen Osten und in Nordirland Regierungen von revolutionären Kräften bekämpft worden. Als Folge davon sind Jehovas Zeugen sowohl von den Regierungen als auch von oppositionellen Kräften zur aktiven Unterstützung gedrängt worden. Aber sie sind ganz und gar neutral geblieben. Eine Anzahl von ihnen wurde wegen ihrer Haltung grausam geschlagen oder sogar hingerichtet. Doch durch ihre echte christliche Neutralität haben sie sich die Achtung von Verantwortlichen beider Seiten erworben, und man läßt sie unbehelligt mit ihrem Werk der Verkündigung der guten Botschaft von Jehovas Königreich fortfahren.

      In den 60er und 70er Jahren wurde die Neutralität der Zeugen in Malawi brutal auf die Probe gestellt, als man von allen Bürgern forderte, Mitgliedskarten für die regierende politische Partei zu kaufen. Jehovas Zeugen betrachteten das als unvereinbar mit ihrem christlichen Glauben. Deshalb verfolgte man sie mit beispielloser sadistischer Grausamkeit. Zehntausende waren gezwungen, aus dem Land zu fliehen, und viele wurden nach einer Zwangsrücksiedlung erneut brutal behandelt.

      Obwohl man sie heftig verfolgte, haben Jehovas Zeugen nicht mit einem Geist der Auflehnung reagiert. Ihre Glaubensansichten gefährden keine Regierung, unter der sie leben. Im Gegensatz dazu hat der Weltkirchenrat Revolutionen mitfinanziert, und katholische Geistliche haben Guerilleros unterstützt. Sollte sich dagegen ein Zeuge Jehovas an politischen Umtrieben beteiligen, würde das bedeuten, daß er sich von seinem Glauben lossagt.

      Es stimmt, Jehovas Zeugen glauben, daß alle menschlichen Regierungen von Gottes Königreich beseitigt werden. Das sagt die Bibel in Daniel 2:44. Aber wie Jehovas Zeugen betonen, heißt es in der Bibel nicht, daß Menschen dieses Königreich aufrichten werden, sondern daß „der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten“ wird. Auch erklären sie, daß die Bibel nicht sagt, Menschen seien von Gott ermächtigt worden, für dieses Königreich den Weg freizumachen, indem sie menschliche Regierungen beseitigen würden. Jehovas Zeugen ist bewußt, daß das Werk wahrer Christen im Predigen und Lehren besteht (Mat. 24:14; 28:19, 20). Da sie Gottes Wort achten, weiß man von ihnen, daß sie nie versucht haben, irgendeine Regierung der Welt zu stürzen oder einen Anschlag auf einen Staatsbeamten oder Regierungsvertreter zu verüben. Die italienische Zeitung La Stampa schrieb über Jehovas Zeugen: „Sie sind die loyalsten Bürger, die man sich nur wünschen kann: Sie hinterziehen keine Steuern und versuchen nicht, um des eigenen Vorteils willen unbequeme Gesetze zu umgehen.“ Dabei ist jeder einzelne von ihnen fest entschlossen, weiterhin „kein Teil der Welt“ zu sein, weil sie sich darüber im klaren sind, wie wichtig das in den Augen Gottes ist (Joh. 15:19; Jak. 4:4).

      Als Hoheitszeichen Gegenstand der Verehrung wurden

      Als in Deutschland Adolf Hitler an die Macht kam, wurde die Welt von einem patriotischen Fieber erfaßt. Um das Volk unter Kontrolle zu halten, machte man die Teilnahme an patriotischen Handlungen zur Pflicht. In Deutschland mußte jeder zu einer vorgeschriebenen Grußgeste „Heil Hitler!“ rufen. Das hieß, Hitler als Retter zu preisen; es sollte damit ausgedrückt werden, daß alle Hoffnungen der Menschen seine Führerschaft zum Mittelpunkt hatten. Jehovas Zeugen konnten diese Gesinnung aber nicht teilen. Sie wußten, daß sie nur Jehova anbeten durften und daß er Jesus Christus zum Retter der Menschheit erhoben hatte (Luk. 4:8; 1. Joh. 4:14).

      Schon bevor Hitler in Deutschland Diktator wurde, behandelten Jehovas Zeugen in der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt (1931 veröffentlicht) das in der Bibel beschriebene vorbildliche Verhalten der drei mutigen hebräischen Gefährten des Propheten Daniel in Babylon. Als ihnen vom König befohlen wurde, sich zu einer bestimmten Musik vor einem Standbild niederzubeugen, weigerten sich diese treuen Hebräer, Zugeständnisse zu machen, und Jehova zeigte ihnen seine Anerkennung dadurch, daß er sie befreite (Dan. 3:1-26). In der Broschüre hieß es, die Treue der Zeugen Jehovas werde in neuerer Zeit durch patriotische Zeremonien ähnlich auf die Probe gestellt.

      Mit der Zeit machte man auch außerhalb von Deutschland die Teilnahme an patriotischen Handlungen zur Pflicht. Als J. F. Rutherford am 3. Juni 1935 auf einem Kongreß in Washington (D. C.) gebeten wurde, zum Fahnengruß in der Schule Stellung zu nehmen, sprach er mit Nachdruck über die Treue zu Gott. Ein paar Monate später berichteten im ganzen Land die Zeitungen darüber, daß der achtjährige Carleton B. Nichols jr. aus Lynn (Massachusetts) es ablehnte, die amerikanische Fahne zu grüßen und ein patriotisches Lied mitzusingen.

      Zur Erklärung hielt Bruder Rutherford am 6. Oktober eine Rundfunkansprache über das Thema „Fahnengruß“, in der er sagte: „Für viele ist der Fahnengruß etwas rein Formelles und hat kaum eine Bedeutung. Wer ihn dagegen aufrichtig vom biblischen Standpunkt aus untersucht, sieht ihn nicht als unbedeutend an.

      Die Fahne steht für die sichtbaren regierenden Mächte. Einen Bürger oder das Kind eines Bürgers durch das Gesetz zwingen zu wollen, irgend etwas zu grüßen oder sogenannte patriotische Lieder zu singen, ist ganz und gar ungerecht und verkehrt. Gesetze sind dazu da, die Verübung von Handlungen, durch die ein anderer geschädigt wird, zu verhindern, und dienen nicht dem Zweck, jemanden zu zwingen, gegen sein Gewissen zu handeln, insbesondere wenn sich dieses Gewissen nach dem Wort Jehovas ausrichtet.

      Dadurch, daß sich dieser Junge weigerte, die Fahne zu grüßen, und stumm dastand, konnte niemandem geschadet werden. Glaubt indessen jemand aufrichtig, daß der Fahnengruß gegen Gottes Gebot ist, so erleidet er großen Schaden, wenn man ihn dazu nötigt, entgegen dem Wort Gottes und seinem Gewissen eine Fahne zu grüßen. Der Staat hat nicht das Recht, den Menschen durch das Gesetz oder sonstwie Schaden zuzufügen.“

      Weitere Begründungen für die Haltung der Zeugen Jehovas wurden ebenfalls 1935 in der Broschüre Loyalty (Loyalität) unterbreitet. Man verwies zum Beispiel auf folgende Bibeltexte: 2. Mose 20:3-7 — nur Jehova darf angebetet werden, und Gottes Dienern wird verboten, sich vor einem Götzenbild oder dem Abbild von irgend etwas, was im Himmel oder auf der Erde ist, niederzubeugen oder dergleichen anzufertigen; Lukas 20:25 — Jesus Christus ordnete an, nicht nur Cäsars Dinge Cäsar zurückzuzahlen, sondern auch Gott das wiederzugeben, was ihm zusteht; Apostelgeschichte 5:29 — die Apostel erklärten entschlossen: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen.“

      In den Vereinigten Staaten ließ man gerichtlich untersuchen, ob jemand zum Fahnengruß gezwungen werden dürfe. Am 14. Juni 1943 stieß das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten sein früheres Urteil um und entschied in dem Fall Staatliche Schulbehörde von West Virginia gegen Barnette, daß die Fahnengrußpflicht mit der verfassungsmäßig garantierten Freiheit unvereinbar sei.b

      Das Problem nationalistischer Zeremonien blieb keineswegs auf Deutschland und die Vereinigten Staaten beschränkt. In Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien sind Jehovas Zeugen wegen ihrer Nichtteilnahme grausam verfolgt worden, obwohl sie während Fahnengruß- oder ähnlichen Zeremonien respektvoll stehen. Man hat Kinder geschlagen, und viele wurden von der Schule verwiesen. Es wurden zahlreiche Prozesse geführt.

      Beobachter mußten jedoch zugeben, daß sich Jehovas Zeugen hierin sowie auf anderen Gebieten wie die ersten Christen verhalten. Allerdings war es so, wie in dem Buch The American Character beschrieben: „Für die große Mehrheit ... waren die Einwände der Zeugen genauso unverständlich wie [im Römischen Reich] für Trajan und Plinius die Einwände der Christen, die sich weigerten, dem göttlich verehrten Kaiser zu opfern.“ Das war zu erwarten, da Jehovas Zeugen wie die ersten Christen die Dinge nicht mit den Augen der Welt sahen, sondern im Licht biblischer Grundsätze betrachteten.

      Ihre Haltung klar dargelegt

      Nachdem Jehovas Zeugen viele Jahre lang schwere Prüfungen ihrer christlichen Neutralität ertragen hatten, wurde ihre Haltung im Wachtturm vom 1. Februar 1980 nochmals bestätigt. Auch wurde erklärt, was einzelne Zeugen zu ihrem Verhalten bewog. Es hieß darin: „Durch ein fleißiges Studium des Wortes Gottes waren diese jungen Christen in der Lage, eine Entscheidung zu fällen. Niemand anders traf diese Entscheidung für sie. Jeder konnte sie allein, nämlich aufgrund seines eigenen biblisch geschulten Gewissens, treffen. Sie entschieden sich dafür, feindselige und kriegerische Handlungen gegen ihre Mitmenschen aus anderen Nationen zu unterlassen. Ja, sie glaubten an die berühmte Prophezeiung Jesajas, an deren Erfüllung sie einen Anteil haben wollten: ‚Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden müssen und ihre Speere zu Winzermessern. Nation wird nicht gegen Nation das Schwert erheben, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen‘ (Jes. 2:4). Genau das taten jene jungen Männer, die aus allen Nationen stammten.“

      Während der Jahre, in denen ihr Festhalten an der christlichen Neutralität geprüft wurde, führte eine nochmalige Untersuchung der Bibelpassage in Römer 13:1-7 über die „obrigkeitlichen Gewalten“ zu einer klareren Definition des Verhältnisses der Zeugen zu weltlichen Regierungen. Diese Erklärung erschien in den Ausgaben des Wachtturms vom 1. Januar, 15. Januar und 1. Februar 1963 und wurde in der Ausgabe vom 1. November 1990 nochmals bestätigt. In den Artikeln wurde die Stellung Jehovas als „Allerhöchster“ betont, und zugleich wurde darauf hingewiesen, daß weltliche Regierungen nur in Beziehung zu anderen Menschen „obrigkeitliche Gewalten“ sind sowie in dem Tätigkeitsbereich, in dem Gott sie im gegenwärtigen System der Dinge fungieren läßt. Die Artikel zeigten, daß wahre Christen verpflichtet sind, solche weltlichen Regierungen gewissenhaft zu ehren und ihnen in allem zu gehorchen, soweit es nicht dem Gesetz Gottes und ihrem biblisch geschulten Gewissen zuwiderläuft (Dan. 7:18; Mat. 22:21; Apg. 5:29; Röm. 13:5).

      Dadurch, daß sich Jehovas Zeugen strikt an diese biblischen Normen halten, haben sie sich den Ruf erworben, von der Welt getrennt zu sein, weshalb die Menschen durch sie an die ersten Christen erinnert werden.

      Weltliche Feiertage oder Feste

      Als Jehovas Zeugen religiöse Lehren verwarfen, die heidnischen Ursprungs waren, gaben sie auch viele ähnlich befleckte Bräuche auf. Eine Zeitlang ging man bestimmten weltlichen Feiertagen oder Festen allerdings nicht so sorgfältig auf den Grund, wie man es hätte tun sollen. So war es zum Beispiel mit Weihnachten.

      Dieses Fest wurde sogar im Hauptbüro der Watch Tower Society, im Brooklyner Bethel (New York), alljährlich gefeiert. Seit Jahren wußte man, daß der 25. Dezember nicht das richtige Datum ist, aber man argumentierte, dieser Tag werde von der Allgemeinheit schon lange mit der Geburt des Erlösers in Verbindung gebracht und es sei jeden Tag angebracht, anderen Gutes zu tun. Doch nach weiteren Nachforschungen auf diesem Gebiet beschloß man im Hauptbüro der Gesellschaft und in den Zweigbüros in England und in der Schweiz, Weihnachten nicht mehr zu feiern, so daß es dort nach 1926 kein Weihnachtsfest mehr gab.

      R. H. Barber, ein Mitarbeiter des Hauptbüros, untersuchte gründlich den Ursprung der Weihnachtsbräuche und ihre Auswirkungen, worauf er die Ergebnisse in einer Rundfunksendung vortrug. Diese Informationen wurden auch im Goldenen Zeitalter vom 12. Dezember 1928 (engl.) veröffentlicht. Es handelte sich um eine gründliche Entlarvung der gottentehrenden Wurzeln des Weihnachtsfestes. Seither ist der heidnische Ursprung der Weihnachtsbräuche allgemein bekanntgeworden, aber nur wenige ändern deswegen ihre Lebensweise. Jehovas Zeugen dagegen waren bereit, die notwendigen Änderungen vorzunehmen, um annehmbarere Diener Jehovas zu sein.

      Als sie erkannten, daß für die Leute die Geburt Jesu wichtiger geworden war als das durch seinen Tod beschaffte Lösegeld; daß der Trubel der Feier und die Einstellung, mit der viele Geschenke gegeben wurden, Gott nicht zur Ehre gereichten; daß es sich bei den Weisen aus dem Morgenland, die das Vorbild für das Beschenken waren, in Wirklichkeit um dämonisch beeinflußte Astrologen handelte; daß Eltern ihren Kindern ein schlechtes Beispiel gaben, wenn sie ihnen etwas vom Weihnachtsmann vorlogen; daß Nikolaus anerkanntermaßen ein anderer Name für den Teufel war und daß solche Feste, wie Kardinal Newman in seinem Werk Über die Entwicklung der Glaubenslehre zugab, „die Werkzeuge und das Zubehör des Dämonenkultes“ sind, die die Kirche übernommen hatte — ja, als sie das erkannten, wollten Jehovas Zeugen prompt nichts mehr mit Weihnachten zu tun haben, und das sollte auch so bleiben.

      Jehovas Zeugen treffen sich von Zeit zu Zeit mit Verwandten und Freunden zu einem netten Beisammensein. Aber sie machen nicht bei Festen mit, die mit heidnischen Göttern in Zusammenhang stehen (wie es bei Ostern, Silvester, der Maifeier und dem Muttertag der Fall ist) (2. Kor. 6:14-17). Wie die ersten Christenc feiern sie noch nicht einmal Geburtstag. Sie nehmen auch — ohne sich dabei respektlos zu verhalten — von Nationalfeiertagen Abstand, bei denen man politischer oder militärischer Ereignisse gedenkt, und verehren keine Nationalhelden. Weshalb? Weil Jehovas Zeugen kein Teil der Welt sind.

      Hilfe für ihre Mitmenschen

      Im Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens im Römischen Reich stand die Verehrung der Götter. Da sich Christen von allem fernhielten, was durch heidnische Götter befleckt war, betrachtete das Volk das Christentum als Angriff auf seine Lebensweise; und nach den Worten des Geschichtsschreibers Tacitus sagte man den Christen nach, sie würden die Menschheit hassen. Eine ähnliche Ansicht beschreibt Minucius Felix in seinen Schriften, in denen er einen Römer anführt, der zu einem christlichen Bekannten sagt: „Ihr besucht keine Schauspiele, nehmt an den öffentlichen Prozessionen nicht teil; ... die heiligen Spiele finden ohne euch statt.“ Das gemeine Volk der alten römischen Welt hatte wenig Verständnis für die Christen.

      Auch heute werden Jehovas Zeugen von vielen in der Welt nicht verstanden. Man bewundert vielleicht die hohen sittlichen Normen der Zeugen, steht aber auf dem Standpunkt, sie sollten sich an dem Geschehen der Welt um sie herum beteiligen und sich engagieren, um die Welt zu verbessern. Wer Jehovas Zeugen jedoch persönlich kennenlernt, erfährt, daß sie für alles, was sie tun, einen biblischen Grund haben.

      Statt sich vom Rest der Menschheit abzukapseln, widmen sich Jehovas Zeugen ganz der Aufgabe, ihren Mitmenschen auf die Art und Weise zu helfen, die ihnen Jesus Christus vorlebte. Sie helfen Menschen, zu lernen, wie sie heute schon die Probleme des Lebens meistern können, indem sie sie mit dem Schöpfer und den in seinem inspirierten Wort dargelegten Richtlinien vertraut machen. Sie sprechen freimütig mit anderen über biblische Wahrheiten, die die gesamte Einstellung eines Menschen zum Leben verändern können. Wesentlich für ihren Glauben ist das Bewußtsein, daß „die Welt vergeht“, daß Gott bald eingreift, um das gegenwärtige böse System zu beseitigen, und daß denen, die sich von der Welt getrennt halten und die fest an das Königreich Gottes glauben, eine herrliche Zukunft in Aussicht steht (1. Joh. 2:17).

      [Fußnoten]

      a Der Wacht-Turm, 1. Juni 1918 (engl.), Seite 174.

      b Wegen weiterer Einzelheiten siehe Kapitel 30: „ ‘Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft’ “.

      c Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche von August Neander, Seite 165.

      [Herausgestellter Text auf Seite 188]

      Sie sind keine Einsiedler, übernehmen aber auch nicht den Lebensstil der Welt

      [Herausgestellter Text auf Seite 189]

      Sie zogen sich von den Kirchen der Christenheit zurück

      [Herausgestellter Text auf Seite 190]

      „Die Christen standen, wie ein priesterliches, geistliches Geschlecht dem Staate gegenüber“

      [Herausgestellter Text auf Seite 194]

      Christliche Neutralität geprüft

      [Herausgestellter Text auf Seite 198]

      „Niemand anders traf diese Entscheidung für sie“

      [Herausgestellter Text auf Seite 199]

      Warum sie aufhörten, Weihnachten zu feiern

      [Kasten auf Seite 195]

      Keine Bedrohung für irgendeine Regierung

      ◆ In einem Leitartikel über die Behandlung der Zeugen Jehovas in einem lateinamerikanischen Land schrieb die in Omaha (Nebraska, USA) erscheinende Zeitung „World-Herald“: „Wer glaubt, Jehovas Zeugen wären für eine Regierung eine Gefahr, muß eine bigotte und paranoide Denkweise haben; sie sind so wenig staatsgefährdend und so friedliebend, wie eine Religionsgemeinschaft nur sein kann, und wollen lediglich in Ruhe gelassen werden, so daß sie ihrem Glauben entsprechend leben können.“

      ◆ Die italienische Zeitung „Il Corriere di Trieste“ erklärte: „Jehovas Zeugen sind wegen ihrer Standhaftigkeit und ihres Zusammenhalts zu bewundern. Im Gegensatz zu anderen Religionen bewahrt sie ihre Einheit als Volk davor, im Namen Christi denselben Gott zu bitten, die beiden gegnerischen Seiten eines Konfliktes zu segnen, oder Politik mit Religion zu vermischen, um den Interessen von Staatsoberhäuptern oder politischen Parteien zu dienen. Und nicht zuletzt sind sie bereit, eher den Tod auf sich zu nehmen, als gegen ... das Gebot [zu verstoßen:] DU SOLLST NICHT TÖTEN!“

      ◆ Die Zeitung „Nová Svoboda“ schrieb 1990, nachdem Jehovas Zeugen in der Tschechoslowakei 40 Jahre verboten gewesen waren: „Der Glaube der Zeugen Jehovas verbietet den Gebrauch von Waffen gegen Menschen. Wer den Grundwehrdienst ablehnte und nicht in den Kohlenbergwerken arbeiten konnte, kam ins Gefängnis, teilweise bis zu vier Jahren. Allein daran läßt sich eines erkennen: Sie haben eine enorme moralische Stärke. Wir könnten solche selbstlosen Menschen sogar in den höchsten politischen Ämtern gebrauchen — doch da werden wir sie nie hinbekommen. ... Natürlich erkennen sie die staatliche Autorität an, aber sie glauben, daß nur Gottes Königreich alle Probleme der Menschen lösen kann. Man sollte sich allerdings nicht täuschen lassen: Sie sind keine Fanatiker. Sie sind Leute, die als normale Menschen unter uns leben.“

      [Kasten/Bilder auf Seite 200, 201]

      Aufgegebene Bräuche und Gewohnheiten

      Diese Weihnachtsfeier im Brooklyner Bethel 1926 war die letzte. Die Bibelforscher erkannten allmählich, daß weder der Ursprung dieses Festes noch die damit verbundenen Bräuche Gott zur Ehre gereichten.

      Jahrelang trugen die Bibelforscher ein Kreuz und eine Krone als Abzeichen, und dieses Symbol war von 1891 bis 1931 auf dem Titelblatt des „Wacht-Turms“ abgebildet. Doch wie 1928 hervorgehoben wurde, beweist man nicht durch ein dekoratives Abzeichen, sondern durch seine Tätigkeit als Zeuge, daß man ein Christ ist. 1936 wurde erklärt, alles deute darauf hin, daß Christus an einem Pfahl starb, nicht an einem Kreuz aus zwei rechtwinklig angeordneten Balken.

      In ihrem Buch „Täglich Manna“ schrieben die Bibelforscher verschiedene Geburtstage auf. Aber nachdem sie nicht mehr Weihnachten feierten und als sie erkannten, daß durch Geburtstagsfeiern Geschöpfen ungebührliche Ehre entgegengebracht wird (einer der Gründe, weshalb die ersten Christen keine Geburtstage feierten), hörten sie auch damit auf.

      Etwa 35 Jahre lang dachte Pastor Russell, die Cheopspyramide von Giseh sei Gottes Steinzeuge, durch den biblische Zeitperioden bestätigt würden (Jes. 19:19). Jehovas Zeugen haben jedoch die Vorstellung aufgegeben, eine ägyptische Pyramide hätte irgend etwas mit der wahren Anbetung zu tun. (Siehe „Wacht-Turm“, 15. Dezember 1928.)

      [Bild auf Seite 189]

      Es wurden zehn Millionen Exemplare verbreitet

      [Bilder auf Seite 191]

      Manche gingen mit Gewehren in die Schützengräben, doch andere verweigerten den Kriegsdienst, darunter A. P. Hughes aus England und R. Cuminetti aus Italien

      [Bilder auf Seite 193]

      Jehovas Zeugen lehnten es ab, den Völkerbund oder die UN als von Gott kommend zu bestätigen, und traten allein für Gottes messianisches Königreich ein

      [Bild auf Seite 197]

      Carleton und Flora Nichols; als ihr Sohn es ablehnte, die Fahne zu grüßen, berichtete im ganzen Land die Presse darüber

  • Die Entwicklung der organisatorischen Struktur
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 15

      Die Entwicklung der organisatorischen Struktur

      SEIT 1870, dem Jahr, in dem Charles Taze Russell und seine Gefährten begannen, die Bibel zu studieren, hat sich die Wirkungsweise der Organisation der Zeugen Jehovas bedeutend geändert. Die ersten Bibelforscher wiesen als kleine Gruppe kaum etwas auf, was Außenstehende als typische Merkmale einer Organisation betrachtet hätten. Heute dagegen sind Menschen in über 200 Ländern und Inselgebieten, wenn sie Jehovas Zeugen in ihren Versammlungen, auf ihren Kongressen und beim Predigen der guten Botschaft beobachten, erstaunt darüber, wie reibungslos die Organisation funktioniert. Wie ist das erreicht worden?

      Die Bibelforscher waren nicht nur sehr daran interessiert, die Lehren der Bibel kennenzulernen, sondern wollten auch wissen, wie man gemäß der Bibel Gott dienen sollte. Sie erkannten, daß die Bibel weder eine Andeutung auf titeltragende Geistliche enthält noch einen Hinweis auf Laien, denen sie predigen. Bruder Russell war fest entschlossen, zu verhindern, daß es unter den Bibelforschern eine Geistlichkeit gab.a Die Leser des Wacht-Turms wurden häufig daran erinnert, daß Jesus seinen Nachfolgern erklärt hatte: „E i n e r ist euer Führer, der Christus“ und: „Ihr alle ... [seid] Brüder“ (Mat. 23:8, 10).

      Die frühe Vereinigung der Bibelforscher

      Leser des Wachtturms und verwandter Publikationen erkannten bald, daß sie, um Gott zu gefallen, jegliche Bindung zu einer Kirche lösen mußten, die sich ihm gegenüber als untreu erwies, indem sie Glaubensbekenntnisse und menschliche Überlieferungen über Gottes geschriebenes Wort stellte (2. Kor. 6:14-18). Wohin sollten sie aber gehen, nachdem sie die Kirchen der Christenheit verlassen hatten?

      In einem Artikel, betitelt „Die Ekklesia [Versammlung]“b, wies Bruder Russell darauf hin, daß die wahre Kirche, die Christenversammlung, keine Organisation sei, deren Mitglieder sich einem menschlichen Glaubensbekenntnis verschrieben hätten und ihren Namen in ein Kirchenregister hätten eintragen lassen. Sie bestehe vielmehr aus Personen, die ihre Zeit, ihre Talente und ihr Leben Gott „geweiht“ (oder hingegeben) hätten mit der Aussicht, zusammen mit Christus einmal am himmlischen Königreich teilzuhaben. Es seien Christen, die durch das Band christlicher Liebe und durch gemeinsame Interessen miteinander verbunden seien, Christen, die sich von Gottes Geist leiten ließen und sich der Leitung Christi als Haupt unterwerfen würden. Bruder Russell lag es fern, eine andere Einrichtung zu schaffen, und er lehnte es entschieden ab, irgendeinen Beitrag zum Sektierertum der nominellen Christen zu leisten.

      Gleichzeitig war er sich jedoch völlig darüber im klaren, daß sich die Diener des Herrn im Einklang mit dem Rat aus Hebräer 10:23-25 versammeln mußten. Er unternahm deshalb Reisen, um Leser des Wacht-Turms zu besuchen, sie zu erbauen und sie mit Gleichgesinnten in ihrer Gegend in Verbindung zu bringen. Anfang 1881 bat er Personen, die regelmäßig Zusammenkünfte abhielten, dem Watch-Tower-Büro mitzuteilen, wo diese stattfanden. Er erkannte, wie wertvoll es war, miteinander in Verbindung zu bleiben.

      Bruder Russell betonte allerdings, daß man nicht versuche, eine „irdische Organisation“ zu gründen. Er sagte: „Wir gehören nur der himmlischen Organisation an — ‚deren Namen im Himmel eingeschrieben sind‘ (Hebr. 12:23; Luk. 10:20).“ Wegen der unrühmlichen Geschichte der Christenheit erinnerte die Bezeichnung „Kirchenorganisation“ gewöhnlich an Sektierertum, an eine herrschende Geistlichkeit und an eine Mitgliedschaft, die auf der Annahme eines von einem Konzil formulierten Glaubensbekenntnisses beruhte. Deshalb hielt Bruder Russell den Begriff „Vereinigung“ als Selbstbezeichnung für besser.

      Natürlich wußte er, daß Christi Apostel Versammlungen gegründet und in jeder dieser Versammlungen Älteste ernannt hatten. Doch er glaubte, daß Christus wieder gegenwärtig war — wenn auch unsichtbar — und selbst die abschließende Ernte derer leitete, die seine Miterben sein sollten. In Anbetracht der Umstände hielt Bruder Russell anfangs die Ältestenvorkehrung, die in der Christenversammlung des ersten Jahrhunderts bestanden hatte, in der Zeit der Ernte nicht für nötig.

      Als die Bibelforscher allerdings an Zahl zunahmen, erkannte Bruder Russell, daß der Herr die Dinge anders lenkte, als er erwartet hatte. So mußte er seinen Standpunkt korrigieren. Doch gestützt worauf?

      Für die anfänglichen Bedürfnisse der wachsenden Vereinigung gesorgt

      Im Wacht-Turm vom 15. November 1895 (engl.) wurde fast ausschließlich das Thema „Anständig und in Ordnung“ behandelt. Bruder Russell gab darin freimütig zu: „Die Apostel hatten der Urkirche viel über Ordnung bei den Zusammenkünften der Heiligen zu sagen; und wir haben diesen weisen Rat offensichtlich ziemlich vernachlässigt, indem wir ihn für nicht allzu wichtig hielten, weil sich die Kirche so nahe am Ende ihres Laufes befindet und die Ernte eine Zeit der Trennung ist.“ Was war ausschlaggebend dafür, daß man diesen apostolischen Rat nun mit anderen Augen betrachtete?

      In dem Artikel wurden vier Umstände angeführt: 1. Die einzelnen unterschieden sich in ihrer geistigen Entwicklung voneinander. Es gab Versuchungen, Prüfungen, Schwierigkeiten und Gefahren, und nicht alle waren gleich gerüstet, ihnen zu begegnen. Daher bestand ein Bedarf an weisen und besonnenen Aufsehern, erfahrenen und fähigen Männern, denen das geistige Wohl aller sehr am Herzen lag und die sie in der Wahrheit unterweisen konnten. 2. Man hatte beobachtet, daß die Herde vor ‘Wölfen in Schafskleidern’ geschützt werden mußte (Mat. 7:15). Die einzelnen mußten dadurch gestärkt werden, daß man ihnen half, eine genaue Erkenntnis der Wahrheit zu erlangen. 3. Wenn es keine Regelung gäbe, Älteste zu ernennen, die die Herde schützten, würden sich einige, wie die Erfahrung gezeigt hatte, diese Stellung anmaßen und die Herde als ihr Eigentum betrachten. 4. Ohne eine ordentliche Regelung würden Personen, die loyal zur Wahrheit standen, womöglich feststellen müssen, daß ihre Dienste unerwünscht waren, nur weil ein paar Einflußreiche eine andere Ansicht vertraten als sie.

      Aus dieser Sicht hieß es im Wacht-Turm: „Ohne Zögern empfehlen wir den Kirchenc an jedem Ort — seien sie zahlenmäßig groß oder klein —, sich an den apostolischen Rat zu halten und in jeder Gruppe Älteste auszuwählen, die die Herde weiden und die Aufsicht übernehmen“ (Apg. 14:21-23; 20:17, 28). Die Ortsversammlungen befolgten diesen vernünftigen biblischen Rat. Das war ein wichtiger Schritt, den Aufbau der Versammlung so zu gestalten wie in den Tagen der Apostel.

      Gemäß dem damaligen Verständnis erfolgte jedoch die Wahl der Ältesten und der sie unterstützenden Diakone durch die Versammlung. Alljährlich oder nötigenfalls öfter erwog man die Befähigung derer, die als Diener in Frage kamen, und gab dann seine Stimme ab. Im Grunde genommen handelte es sich um eine demokratische Verfahrensweise, der jedoch gewisse Grenzen gesetzt waren, die als Schutz dienen sollten. Alle in der Versammlung wurden ermahnt, die biblischen Anforderungen gewissenhaft durchzugehen, um durch die Wahl nicht ihrer eigenen Meinung Ausdruck zu geben, sondern dem, was nach ihrer Überzeugung der Wille des Herrn war. Wählen durften nur Personen, die „geweiht“ waren. Wenn daher ihre gemeinsame Wahl unter der Leitung des Wortes und Geistes des Herrn erfolgte, sah man das Ergebnis als den Willen des Herrn an. Bruder Russells Empfehlung, so vorzugehen, war möglicherweise nicht allein von seiner Entschlossenheit beeinflußt, alles zu vermeiden, was an eine höhergestellte Geistlichenklasse erinnerte, sondern auch von seiner persönlichen Erfahrung als Jugendlicher in der Kongregationalistenkirche, wenngleich er sich dessen vielleicht nicht völlig bewußt war.

      Als in dem Buch Die neue Schöpfung (herausgegeben 1904), das zu der Bücherserie Millennium-Tagesanbruch gehörte, erneut ausführlich behandelt wurde, welche Rolle die Ältesten spielen und wie sie gewählt werden sollten, wurde die Aufmerksamkeit besonders auf Apostelgeschichte 14:23 gelenkt. Die von James Strong und Robert Young zusammengestellten Konkordanzen dienten als Stütze für die Ansicht, daß die Worte „ordneten ihnen hin und her Aeltesten“ (Lu, 1877) eigentlich bedeuteten, „sie ließen sie durch Handerheben Älteste wählen“.d In einigen Bibelübersetzungen heißt es sogar, die Ältesten seien ‘durch Wahl ernannt’ worden (Young, Literal Translation of the Holy Bible; Rotherham, Emphasised Bible). Aber wer sollte sie wählen?

      Man vertrat den Standpunkt, die ganze Versammlung sollte wählen, doch das zeitigte nicht immer die erhofften Ergebnisse. Die Wählenden mußten zwar „Geweihte“ sein, und einige der Gewählten erfüllten auch wirklich die biblischen Erfordernisse und dienten demütig ihren Brüdern. Aber oftmals ließ die Wahl nicht auf Gottes Wort und Geist schließen, sondern auf eine persönliche Vorliebe. In Halle (Deutschland) dachten zum Beispiel einige, sie müßten Älteste sein, und verursachten schwere Auseinandersetzungen, als sie die gewünschte Stellung nicht erhielten. Unter den Kandidaten in Barmen (Deutschland) waren 1927 auch Männer, die sich gegen das Werk der Gesellschaft stellten, und so kam es während des Handerhebens bei der Wahl zu lauten Beschimpfungen, und man mußte zu einer geheimen Stimmabgabe übergehen.

      Im Jahre 1916 — etliche Jahre vor jenen Begebenheiten — hatte Bruder Russell tief besorgt folgendes geschrieben: „In einigen Klassen herrschen schreckliche Verhältnisse, wenn gewählt werden soll. Die Diener der Kirche versuchen, sich als Herrscher, ja als Diktatoren aufzuspielen — mitunter führen sie sogar den Vorsitz bei der Zusammenkunft offensichtlich in der Absicht, sicherzustellen, daß sie und ihre speziellen Freunde zu Ältesten und Diakonen gewählt werden. ... Einige suchen die Klasse in unauffälliger Weise zu übervorteilen, indem sie die Wahl auf eine für sie und ihre Freunde besonders günstige Zeit festsetzen. Andere suchen alle ihre Freunde zur Zusammenkunft mitzubringen, sogar verhältnismäßig fremde Personen, die gar nicht daran denken, regelmäßig die Klasse zu besuchen, sondern lediglich aus Gefälligkeit kommen, um für einen ihrer Freunde zu stimmen.“

      Ging es lediglich darum, zu lernen, wie man demokratische Wahlen reibungsloser durchführt, oder enthielt Gottes Wort Hinweise, die man noch nicht deutlich erkannt hatte?

      Organisiert, damit die gute Botschaft gepredigt wird

      Schon sehr früh war sich Bruder Russell darüber im klaren, daß das Evangelisieren zu den wichtigsten Aufgaben jedes Angehörigen der Christenversammlung zählte (1. Pet. 2:9). Im Wacht-Turm hieß es, daß nicht nur Jesus, sondern allen seinen geistgesalbten Nachfolgern die prophetischen Worte aus Jesaja 61:1 galten, nämlich: „Jehova [hat] mich gesalbt ..., um ... gute Botschaft kundzutun“ oder, wie die Lutherbibel Jesu Zitat dieses Textes wiedergibt: „Er [hat] mich gesalbt ..., zu verkündigen das Evangelium“ (Luk. 4:18).

      Bereits 1881 erschien in Englisch der Wacht-Turm-Artikel „1 000 Prediger gesucht“. Darin wurde jeder in der Versammlung ermuntert, soviel Zeit wie möglich (eine halbe Stunde, eine, zwei oder drei Stunden) dafür einzusetzen, die biblische Wahrheit zu verbreiten. Männer und Frauen, die keine familiären Verpflichtungen hatten und die Hälfte ihrer Zeit oder mehr im Werk des Herrn verbringen konnten, wurden ermuntert, als Kolporteure das Evangelium zu verkündigen. Die Zahl schwankte von Jahr zu Jahr beträchtlich, doch 1885 waren bereits etwa 300 Kolporteure im Werk tätig. Auch einige andere beteiligten sich, allerdings in begrenztem Maße. Die Kolporteure erhielten Anregungen, wie sie vorgehen sollten. Aber das Feld war groß, und zumindest anfangs suchten sie sich ihr Gebiet selbst aus und zogen meist nach eigenem Ermessen von einem Ort zu einem anderen. Wenn sie sich auf Kongressen trafen, nahmen sie nötige Änderungen vor, um ihre Bemühungen aufeinander abzustimmen.

      In dem Jahr, in dem der Kolporteurdienst begann, ließ Bruder Russell mehrere Traktate (oder Broschüren) zur kostenfreien Verbreitung drucken. Herausragend war die Publikation Speise für denkende Christen, von der in den ersten vier Monaten 1 200 000 Exemplare verbreitet wurden. Die mit dem Druck und der Verbreitung verbundene Arbeit war Anlaß zur Gründung von Zion’s Watch Tower Tract Society, die sich der erforderlichen Arbeiten im einzelnen annehmen sollte. Damit das Werk im Falle seines Todes nicht unterbrochen würde und um die Handhabung der für das Werk gedachten Spenden zu vereinfachen, beantragte Bruder Russell die gesetzliche Eintragung der Gesellschaft, die am 15. Dezember 1884 erfolgte. So entstand das erforderliche Rechtsinstrument.

      Je nach Bedarf richtete man in anderen Ländern Zweigbüros der Watch Tower Society ein. Das erste wurde am 23. April 1900 in London (England) gegründet, ein weiteres 1902 in Elberfeld (Deutschland). Zwei Jahre danach wurde in Melbourne (Australien), auf der anderen Seite des Globus, ein Zweigbüro eröffnet. Zur Zeit der Abfassung dieses Buches gab es weltweit 99 Zweigstellen.

      Die organisatorischen Einrichtungen, die zur Beschaffung großer Mengen biblischer Literatur benötigt wurden, nahmen zwar Formen an, doch anfangs blieb es den Versammlungen überlassen, über die Art der Verbreitung am Ort zu entscheiden. In einem Brief vom 16. März 1900 legte Bruder Russell seinen Standpunkt dazu dar. In diesem Brief an „Alexander M. Graham und die Kirche in Boston (Massachusetts)“ hieß es: „Wie Ihr alle wißt, ist es meine erklärte Absicht, es jeder Gruppe des Volkes des Herrn zu überlassen, ihre Angelegenheiten gemäß ihrem eigenen Urteilsvermögen zu regeln, und mich nicht einzumischen, sondern lediglich durch Anregungen zu beraten.“ Das betraf nicht nur die Zusammenkünfte, sondern auch die Art und Weise, wie der Predigtdienst verrichtet wurde. Wenn er den Brüdern einen praktischen Rat gab, schloß er mit den Worten: „Das ist lediglich eine Anregung.“

      Bei einigen Tätigkeiten bedurfte es indessen genauerer Anweisungen der Gesellschaft. In Verbindung mit dem Vorführen des „Photo-Dramas der Schöpfung“ war es beispielsweise jeder Versammlung überlassen, zu entscheiden, ob sie für eine Vorstellung ein Kino oder einen anderen Raum am Ort mieten wollte oder konnte. Es mußten aber Ausrüstungsgegenstände dafür von einer Stadt zur anderen transportiert und bestimmte Termine eingehalten werden. Diesbezüglich erteilte die Gesellschaft daher bestimmte Anweisungen. Jede Versammlung wurde ermuntert, ein Drama-Komitee zu bilden, das die örtlichen Angelegenheiten regelte. Doch ein von der Gesellschaft ausgesandter Verantwortlicher kümmerte sich gewissenhaft um die Einzelheiten, damit alles reibungslos ablief.

      Während die Jahre 1914 und 1915 verstrichen, warteten jene geistgezeugten Christen sehnsüchtig auf die Verwirklichung ihrer himmlischen Hoffnung. Gleichzeitig wurden sie ermuntert, ständig im Dienst des Herrn beschäftigt zu sein. Die Zeit, die ihnen im Fleische noch verblieb, war ihrer Ansicht nach zwar sehr kurz, doch wie sich herausstellte, war zu einer geordneten Fortsetzung des Predigens der guten Botschaft mehr Anleitung nötig als zu der Zeit, wo sie nur wenige Hunderte gezählt hatten. Kurz nachdem J. F. Rutherford der zweite Präsident der Watch Tower Society geworden war, nahm diese Anleitung neue Formen an. Im Wacht-Turm vom Juli 1917 (engl.: 1. März) wurde bekanntgegeben, daß die in den Versammlungen von Kolporteuren und Arbeitern im pastoralen Werke zu bearbeitenden Gebiete vom Büro der Gesellschaft zugeteilt würden. Wenn sich in einer Stadt oder einem Kreis sowohl ansässige Arbeiter im pastoralen Werk als auch Kolporteure am Predigtdienst beteiligten, wurde das Gebiet von einem örtlich ernannten Distriktskomitee unter ihnen aufgeteilt. Diese Regelung trug 1917/18 innerhalb nur weniger Monate zu einer wahrhaft bemerkenswerten Verbreitung der englischen Ausgabe des Buches Das vollendete Geheimnis bei. Sie war auch ausschlaggebend für die schnelle Verbreitung von 10 000 000 Exemplaren eines Traktats mit dem Titel „Der Fall Babylons“, in dem die Christenheit nachdrücklich bloßgestellt wurde.

      Kurze Zeit danach wurden Vorstandsmitglieder der Gesellschaft verhaftet und am 21. Juni 1918 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Predigen der guten Botschaft kam fast zum Erliegen. War es wenigstens jetzt an der Zeit, mit dem Herrn in himmlischer Herrlichkeit vereint zu werden?

      Wenige Monate danach ging der Krieg zu Ende. Im Jahr darauf wurden die führenden Vertreter der Gesellschaft freigelassen. Sie befanden sich immer noch im Fleische. Ihre Erwartungen hatten sich nicht erfüllt. Daher schlußfolgerten sie, daß Gott für sie auf der Erde noch ein Werk zu tun haben mußte.

      Sie hatten gerade schwere Glaubensprüfungen hinter sich, da wurden sie 1919 durch die anspornenden biblischen Studienartikel gestärkt, die im Wacht-Turm unter dem Thema „Glückselig sind die Furchtlosen“ erschienen. Dasselbe traf auf den Artikel „Gelegenheiten des Dienstes“ zu. Aber die Brüder hatten keine Vorstellung von den umfangreichen organisatorischen Entwicklungen, die in den folgenden Jahrzehnten eintreten würden.

      Vorbild für die Herde

      Damit das Werk weiterhin auf ordentliche und einheitliche Weise voranging, ungeachtet wie kurz die Zeit sein mochte, mußte der Herde, wie Bruder Rutherford erkannte, das rechte Beispiel gegeben werden. Jesus hatte seine Nachfolger als Schafe bezeichnet, und Schafe folgen ihrem Hirten. Natürlich ist Jesus selbst der vortreffliche Hirte, doch bedient er sich auch älterer Männer oder Ältester als Unterhirten seines Volkes (1. Pet. 5:1-3). Diese Ältesten müssen sich selbst an dem von Jesus angeordneten Werk beteiligen und auch andere dazu ermuntern. Sie müssen wirklich den Geist des Evangelisierens haben. Bei der Verbreitung des Buches Das vollendete Geheimnis machten allerdings manche Älteste nicht mit; einige von ihnen rieten anderen ziemlich offen davon ab.

      Ein höchst bedeutsamer Schritt, diese Situation zu berichtigen, erfolgte 1919 mit der Herausgabe der Zeitschrift Das Goldene Zeitalter in Englisch. Sie sollte ein wirksames Instrument sein, das Königreich Gottes als die einzige Lösung für die Probleme der Menschheit zu verkündigen. Jede Versammlung, die sich an dieser Tätigkeit beteiligen wollte, wurde gebeten, sich bei der Gesellschaft als „Dienstorganisation“ anzumelden. Dann wurde von der Gesellschaft ein sogenannter Erntewerksvorsteher oder Dienstleiter ernannt, der nicht der jährlichen Wahl unterworfen war.f Als örtlicher Vertreter der Gesellschaft sollte er das Werk organisieren, Gebiet zuteilen und die Versammlung ermuntern, sich am Predigtdienst zu beteiligen. So trat neben den demokratisch gewählten Ältesten und Diakonen eine andersartige organisatorische Einrichtung in Funktion. Durch diese Einrichtung wurde eine Befugnis zur Ernennung von Personen anerkannt, die außerhalb der Ortsversammlung lag, und das Predigen der guten Botschaft von Gottes Königreich stärker betont.g

      Wie von einer unwiderstehlichen Kraft angetrieben, erhielt die Verkündigung des Königreiches in den nachfolgenden Jahren gewaltigen Auftrieb. Die Ereignisse im Jahre 1914 und danach machten deutlich, daß sich die große Prophezeiung des Herrn Jesus Christus über den Abschluß des alten Systems erfüllte. Deshalb wurde 1920 im Wacht-Turm darauf hingewiesen, daß es, wie gemäß Matthäus 24:14 vorausgesagt, an der Zeit war, die gute Botschaft von dem „Ende der alten Ordnung der Dinge“ und der „Aufrichtung des messianischen Königreiches“ zu verkündigenh (Mat. 24:3-14). Nach dem Kongreß der Bibelforscher in Cedar Point (Ohio) im Jahre 1922 klangen den Delegierten die Worte im Ohr: „Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich.“ 1931 trat die Aufgabe wahrer Christen sogar noch deutlicher in den Mittelpunkt, als sie den Namen Jehovas Zeugen annahmen.

      Offensichtlich hatte Jehova seinen Dienern ein Werk aufgetragen, an dem sich alle beteiligen konnten. Sie reagierten begeistert. Viele stellten ihr Leben grundlegend um, damit sie diesem Werk ihre volle Zeit widmen konnten. Selbst von denen, die weniger Zeit einsetzten, verbrachte an den Wochenenden eine beträchtliche Anzahl ganze Tage im Predigtdienst. Aufgrund der Ermunterungen, die 1938 und 1939 im Wachtturm und im Informator gegeben wurden, strengten sich viele Zeugen Jehovas damals gewissenhaft an, monatlich 60 Stunden im Predigtdienst einzusetzen.

      Zu diesen eifrigen Zeugen zählten auch zahlreiche demütige und ergebene Diener Jehovas, die Älteste in den Versammlungen waren. An einigen Orten jedoch widersetzte man sich in den 20er Jahren und Anfang der 30er Jahre energisch der Vorstellung, daß sich jeder am Predigtdienst beteiligen sollte. Demokratisch gewählte Älteste brachten oft recht deutlich zum Ausdruck, daß sie mit der im Wacht-Turm erläuterten Verantwortung, den Menschen außerhalb der Versammlung zu predigen, nicht einiggingen. In ihren Gruppen wurde das Wirken des Geistes Gottes dadurch behindert, daß man nicht auf das hören wollte, was der Geist den Versammlungen in dieser Angelegenheit durch die Heilige Schrift zu sagen hatte (Offb. 2:5, 7).

      Im Jahre 1932 unternahm man Schritte, diese Situation zu berichtigen. Entscheidend war dabei nicht die Frage, ob einige angesehene Älteste vielleicht gekränkt sein könnten oder ob sich möglicherweise einige der mit der Versammlung Verbundenen zurückziehen würden. Vielmehr lag den Brüdern daran, Jehova zu gefallen und seinen Willen zu tun. Deshalb wurde in den Wachtturm-Ausgaben vom 15. September und 1. Oktober die Aufmerksamkeit auf das Thema „Jehovas Organisation“ gelenkt.

      Die Artikel machten deutlich, daß alle, die zur Organisation Jehovas gehörten, das Werk verrichten würden, das gemäß seinem Wort in dieser Zeit getan werden müßte. In den Artikeln wurde die Ansicht vertreten, die Stellung eines christlichen Ältesten sei kein Amt, in das man gewählt werden könne, sondern ein Zustand, der durch geistiges Wachstum erreicht werde. Besonders betont wurde, daß Jesus darum betete, daß seine Nachfolger „alle eins seien“ — in Gemeinschaft mit Gott und Christus und somit beim Tun des Willens Gottes vereint (Joh. 17:21). Und was ergab sich daraus? Der zweite Artikel enthielt die Antwort, daß „ein jeder des Überrestes für den Namen und das Königreich Jehovas Gottes Zeugnis geben muß“. Die Aufsicht sollte keinem anvertraut werden, der nicht tat, was er vernünftigerweise tun konnte, um sich am öffentlichen Zeugnisgeben zu beteiligen, oder sich weigerte, es zu tun.

      Nach dem Studium dieser Artikel wurden die Versammlungen eingeladen, durch die Annahme einer Resolution ihre Zustimmung auszudrücken. So hörte man in den Versammlungen damit auf, jährlich Männer zu Ältesten und Diakonen zu wählen. In Belfast (Nordirland) und an anderen Orten verließen einige frühere „Wahlälteste“ zusammen mit Sympathisanten die Versammlung. Dadurch lichteten sich zwar die Reihen etwas, doch die Organisation als Ganzes wurde gestärkt. Übrig blieben diejenigen, die willig die christliche Verantwortung übernahmen, Zeugnis zu geben. Die Angehörigen der Versammlungen wählten — immer noch auf demokratische Weise — statt Älteste ein Dienstkomiteei, das aus geistig reifen Männern bestand, die sich am Zeugnisgeben in der Öffentlichkeit beteiligten. Auch wählten sie einen Vorsitzenden für ihre Zusammenkünfte sowie einen Sekretär und einen Schatzmeister. Bei ihnen allen handelte es sich um fleißige Zeugen für Jehova.

      Mit der Aufsicht in den Versammlungen waren jetzt Männer betraut, denen nicht an einer persönlichen Stellung gelegen war, sondern daran, Gottes Werk zu verrichten — das heißt, über seinen Namen und sein Königreich Zeugnis abzulegen —, und die durch ihre Beteiligung ein gutes Beispiel gaben; daher ging das Werk reibungsloser voran. Sie wußten damals allerdings nicht, daß es noch viel zu tun gab, daß ein umfangreicheres Zeugnis als bis dahin gegeben würde und eine von ihnen nicht erwartete Einsammlung erfolgen sollte (Jes. 55:5). Offensichtlich bereitete Jehova sie darauf vor.

      Es pflegten bereits einige derer, die ewig auf der Erde zu leben hofften, Gemeinschaft mit ihnen.j Aber die Bibel sagte die Einsammlung einer großen Volksmenge vorher, die in der bevorstehenden großen Drangsal bewahrt werden soll (Offb. 7:9-14). Um wen es sich bei der großen Volksmenge handelt, wurde 1935 geklärt. Aufgrund der Änderungen in der Auswahl der Aufseher in den 30er Jahren war die Organisation besser ausgerüstet, diese Menschen einzusammeln, zu belehren und zu schulen.

      Die meisten Zeugen Jehovas waren über das sich ausdehnende Werk begeistert. Ihr Predigtdienst nahm eine neue Bedeutung an. Aber einige waren nicht darauf erpicht zu predigen. Sie legten die Hände in den Schoß und versuchten ihre Untätigkeit mit dem Hinweis zu rechtfertigen, erst nach Harmagedon werde eine große Volksmenge eingesammelt. Die allermeisten sahen jedoch darin eine weitere Gelegenheit, ihre Loyalität gegenüber Jehova und ihre Liebe zu ihrem Nächsten zu beweisen.

      Wie fügten sich die Angehörigen der großen Volksmenge in die organisatorische Struktur ein? Sie erfuhren, welche Rolle Gottes Wort der „kleinen Herde“ Geistgesalbter zuschrieb, und wirkten freudig im Einklang mit dieser Einrichtung (Luk. 12:32-44). Auch erfuhren sie, daß sie — wie die Geistgesalbten — die Verantwortung hatten, die gute Botschaft anderen zu übermitteln (Offb. 22:17). Wenn sie Untertanen des Königreiches Gottes sein wollten, mußten sie dieses Königreich in ihrem Leben an die erste Stelle setzen und es eifrig bekanntmachen. Damit sie der biblischen Beschreibung derer entsprachen, die die große Drangsal überleben und in Gottes neue Welt gelangen, mußten sie „fortwährend mit lauter Stimme [rufen], indem sie sagen: ‚Die Rettung verdanken wir unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm‘ “ (Offb. 7:10, 14). Als ihre Zahl stieg und ihr Eifer für den Herrn offenbar wurde, lud man 1937 auch sie ein, die Last der Verantwortung beim Beaufsichtigen der Versammlung mitzutragen.

      Sie wurden jedoch daran erinnert, daß es sich um die Organisation Jehovas handelte, nicht um die eines Menschen. Zwischen dem Überrest der Geistgesalbten und den Angehörigen der großen Volksmenge anderer Schafe sollte es keine Trennung geben. Sie sollten wie Brüder und Schwestern im Dienst Jehovas zusammenarbeiten. Denn Jesus hatte gesagt: „Ich habe andere Schafe, die nicht aus dieser Hürde sind; auch diese muß ich bringen, und sie werden auf meine Stimme hören, und sie werden e i n e Herde werden unter e i n e m Hirten“ (Joh. 10:16). Diese Tatsache zeigte sich immer deutlicher.

      In verhältnismäßig kurzer Zeit waren erstaunliche Entwicklungen in der Organisation vor sich gegangen. Mußte aber noch mehr geschehen, damit die Angelegenheiten der Versammlungen in vollem Einklang mit den Wegen Jehovas geregelt würden, wie sie aus seinem Wort zu erkennen sind?

      Theokratische Organisation

      „Theokratie“ bedeutet „Gottesherrschaft“. Zeugte die Leitung der Versammlungen von dieser Art Herrschaft? Beteten sie Jehova nicht nur an, sondern ließen sie sich auch in Versammlungsangelegenheiten von ihm leiten? Paßten sie sich völlig dem an, was er über diese Angelegenheiten in seinem inspirierten Wort sagte? In dem zweiteiligen Artikel „Organisation“, der in den Wachtturm-Ausgaben vom 1. und 15. Juli 1938 erschien, hieß es: „Jehovas Organisation ist in keiner Weise demokratisch. Jehova ist der Höchste, und seine Herrschaft oder Organisation ist streng theokratisch.“ Aber in den Ortsversammlungen der Zeugen Jehovas wurden damals die meisten derer, die die Zusammenkünfte und den Predigtdienst beaufsichtigten, immer noch auf demokratische Weise gewählt. Weitere Änderungen waren angebracht.

      Ging aber nicht aus Apostelgeschichte 14:23 hervor, daß Älteste in den Versammlungen durch ‘Ausstrecken der Hand’ wie bei einer Wahl für ihr Amt bestimmt werden sollten? Im ersten der erwähnten Wachtturm-Artikel, betitelt „Organisation“, wurde zugegeben, daß man diesen Text in der Vergangenheit falsch verstanden hatte. Nicht durch das ‘Ausstrecken der Hand’ aller in der Versammlung wurden in der Christenversammlung des ersten Jahrhunderts Ernennungen vorgenommen, sondern die Apostel und die von ihnen Bevollmächtigten ‘streckten ihre Hände aus’. Das geschah nicht dadurch, daß sie an einer Abstimmung der Versammlung teilnahmen, sondern indem sie geeigneten Personen die Hände auflegten. Es war ein Symbol der Bestätigung, Anerkennung oder Ernennung.k Die frühen Christenversammlungen empfahlen mitunter geeignete Männer, aber die endgültige Ernennung oder Anerkennung erfolgte durch die Apostel, die von Christus unmittelbar dazu beauftragt worden waren, oder durch die von den Aposteln Bevollmächtigten (Apg. 6:1-6). Im Wachtturm wurde darauf hingewiesen, daß Paulus nur in Briefen an verantwortliche Aufseher (Timotheus und Titus) unter der Leitung des heiligen Geistes die Anweisung erteilte, Aufseher zu ernennen (1. Tim. 3:1-13; 5:22; Tit. 1:5). Derartige Anweisungen waren in keinem inspirierten Brief an die Versammlungen enthalten.

      Wie sollten demnach von da an Ernennungen zum Dienst in den Versammlungen vorgenommen werden? In der Analyse der theokratischen Organisation im Wachtturm wurde, gestützt auf die Heilige Schrift, dargelegt, daß Jehova Jesus Christus als „Haupt ... der Versammlung“ eingesetzt habe; daß Christus, als er als Herr wiedergekommen sei, seinem „treuen und verständigen Sklaven“ Verantwortung für „seine ganze Habe“ übertragen habe; daß dieser treue und verständige Sklave aus allen bestehe, die auf der Erde mit heiligem Geist zu Miterben mit Christus gesalbt worden seien und vereint unter seiner Leitung dienten, und daß Christus diese Sklavenklasse als sein Werkzeug gebrauche, um für die nötige Aufsicht der Versammlungen zu sorgen (Kol. 1:18; Mat. 24:45-47; 28:18). Es sei die Aufgabe der Sklavenklasse, die in Gottes inspiriertem Wort deutlich niedergelegten Anweisungen gebetsvoll zu befolgen und so festzustellen, wer sich für Dienststellungen eigne.

      Da es sich bei dem von Christus gebrauchten sichtbaren Werkzeug um den treuen und verständigen Sklaven handle (und dieser „Sklave“, wie die bereits behandelten Tatsachen aus der neuzeitlichen Geschichte zeigten, die Watch Tower Society als Rechtsinstrument gebrauchte), würde es die theokratische Verfahrensweise erfordern, daß Ernennungen zum Dienst durch dieses Werkzeug erfolgten. Die Versammlungen im ersten Jahrhundert erkannten die leitende Körperschaft in Jerusalem an, und auch heute würden die Versammlungen ohne zentrale Aufsicht nicht geistig gedeihen (Apg. 15:2-30; 16:4, 5).

      Damit man die Dinge im richtigen Verhältnis zueinander sah, wurde darauf hingewiesen, daß jedesmal, wenn im Wachtturm von der „Gesellschaft“ die Rede war, kein reines Rechtsinstrument gemeint war, sondern die Gruppe gesalbter Christen, die diese rechtliche Körperschaft gegründet hatte und sich ihrer bediente. Der Ausdruck stand somit für den treuen und verständigen Sklaven mit seiner leitenden Körperschaft.

      Als die Versammlungen in London, New York, Chicago und Los Angeles so sehr gewachsen waren, daß es ratsam war, sie in kleinere Gruppen zu teilen, baten diese Versammlungen die Gesellschaft bereits, bevor 1938 die Wachtturm-Artikel, betitelt „Organisation“, erschienen, alle ihre Diener zu ernennen. In der Wachtturm-Ausgabe vom 15. Juli 1938 wurden alle anderen Versammlungen eingeladen, ebenso vorzugehen. Zu diesem Zweck wurde vorgeschlagen, folgende Resolution zu fassen:

      „Wir, die Gruppe des Volkes Gottes, das für seinen Namen herausgenommen ist und sich nun in ... befindet, anerkennen, daß Gottes Regierung eine reine Gottesherrschaft ist, daß Christus Jesus sich im Tempel befindet und den vollen Befehl und die volle Gewalt über die sichtbare Organisation Jehovas wie auch über die unsichtbare innehat und daß ‚DIE GESELLSCHAFT‘ der sichtbare Vertreter des Herrn auf Erden ist. Daher stellen wir das Gesuch, daß ‚Die Gesellschaft‘ unsere Gruppe für den Dienst organisiere und deren verschiedene Diener bestelle, damit wir alle in Frieden, Gerechtigkeit, Eintracht und vollständiger Einheit zusammenwirken können. Wir legen hier die Namenliste derjenigen Personen unserer Gruppe bei, die uns als gereifter und darum am geeignetsten scheinen, die betreffenden Dienstposten auszufüllen.“l

      Praktisch alle Versammlungen der Zeugen Jehovas nahmen diese Resolution an. Die wenigen, die es nicht taten, hatten bald keinen Anteil mehr am Verkündigen des Königreiches und waren somit keine Zeugen Jehovas mehr.

      Der Nutzen der theokratischen Leitung

      Es liegt auf der Hand, daß die Organisation bald ihre Identität und Einheit eingebüßt hätte, wenn man über Lehren und Verhaltensmaßstäbe sowie über organisatorische Verfahrensweisen und Methoden des Zeugnisgebens jeweils örtlich hätte entscheiden dürfen. Aufgrund sozialer, kultureller und nationaler Unterschiede hätte es unter den Brüdern durchaus zu Spaltungen kommen können. Die theokratische Leitung dagegen gewährleistete, daß allen Versammlungen weltweit der Nutzen des geistigen Fortschritts ungehindert zuteil wurde. So kam echte Einheit zustande, um die Jesus für seine wahren Nachfolger gebetet hatte, und das Werk des Evangelisierens, das er geboten hatte, konnte in vollem Umfang durchgeführt werden (Joh. 17:20-22).

      Einige haben jedoch behauptet, J. F. Rutherford sei lediglich bemüht gewesen, durch diese organisatorische Veränderung größeren Einfluß auf die Zeugen auszuüben, und habe durch diesen Schritt seine Autorität geltend gemacht. War dem wirklich so? Bruder Rutherford war zweifellos ein Mann, der von seiner Sache fest überzeugt war. Er äußerte sich mit allem Nachdruck über das, was nach seiner Überzeugung die Wahrheit war, und machte dabei keine Zugeständnisse. Er konnte ziemlich barsch werden, wenn er in bestimmten Situationen feststellte, daß jemand mehr an sich selbst interessiert war als am Werk des Herrn. Aber vor Gott war er wirklich demütig. Karl Klein, der 1974 in die leitende Körperschaft berufen wurde, schrieb später: „Ich denke auch an Bruder Rutherfords Gebete, durch die er ... meine Zuneigung gewann. Er hatte zwar eine außerordentlich kraftvolle Stimme, doch wenn er sich im Gebet an Gott wandte, klangen seine Worte, als spräche ein kleiner Junge mit seinem Vater. Welch wunderbares Verhältnis zu Jehova dies offenbarte!“ Bruder Rutherford war von der Identität der sichtbaren Organisation Jehovas völlig überzeugt und wollte unbedingt sicherstellen, daß weder eine Einzelperson noch eine Gruppe die Brüder in den Versammlungen daran hindern konnte, aus der geistigen Speise und der Leitung, für die Jehova durch seine Diener sorgte, vollen Nutzen zu ziehen.

      Bruder Rutherford diente zwar 25 Jahre als Präsident der Watch Tower Society und setzte all seine Kraft zur Förderung des Werkes der Organisation ein, aber er war nicht der Führer der Zeugen Jehovas und wollte es auch nicht sein. 1941, kurz vor seinem Tod, sprach er auf einem Kongreß in St. Louis (Missouri) über das Thema Führerschaft und sagte: „Ich möchte gern, daß alle Fremden hier erfahren, ob ihr einen Menschen für euren Führer haltet, so daß es ihnen unvergeßlich bleibt. Immer dann, wenn eine Bewegung aufkommt und wächst, ist von einem menschlichen Führer mit einer großen Gefolgschaft die Rede. Wenn es jemand unter den Anwesenden gibt, der denkt, ich — der Mann, der hier steht — sei der Führer der Zeugen Jehovas, dann sage er: ‚Ja.‘ “ Die Reaktion war eine eindrucksvolle Stille, die nur von einem nachdrücklichen „Nein“ einiger Zuhörer unterbrochen wurde. Der Redner fuhr fort: „Falls ihr hier der Ansicht seid, daß ich nur ein Diener des Herrn bin und wir Schulter an Schulter in Einheit zusammenarbeiten und Gott und Christus dienen, dann sagt bitte: ‚Ja.‘ “ Von den Zuhörern war ein einstimmiges und entschiedenes „Ja“ zu hören. Genauso reagierte im darauffolgenden Monat eine Zuhörerschaft in England.

      In einigen Gegenden machten sich die Vorteile einer theokratischen Organisation schnell bemerkbar; andernorts dauerte es länger. Diejenigen, die sich nicht als reife, demütige Diener erwiesen, wurden schließlich entfernt, und andere wurden ernannt.

      Jedenfalls wurden immer mehr theokratische Verfahrensweisen eingeführt, und Jehovas Zeugen freuten sich, das zu erleben, was in Jesaja 60:17 vorhergesagt worden war. Jehova schildert dort in sinnbildlichen Worten den verbesserten Zustand, der unter seinen Dienern herrschen würde, indem er sagt: „Statt des Kupfers werde ich Gold herbeibringen, und statt des Eisens werde ich Silber herbeibringen und statt des Holzes Kupfer und statt der Steine Eisen; und ich will den Frieden zu deinen Aufsehern einsetzen und die Gerechtigkeit zu deinen Arbeitszuteilern.“ Hier wird nicht beschrieben, was Menschen bewerkstelligen, sondern was Gott herbeiführt und welcher Nutzen sich für seine Diener ergäbe, wenn sie sich all dem unterordnen würden. Frieden sollte unter ihnen herrschen, und Liebe zur Gerechtigkeit sollte die Triebkraft ihres Dienstes sein.

      Maud Yuille, die Frau des Zweigaufsehers in Brasilien, schrieb in einem Brief an Bruder Rutherford: „Die Artikel ‚Organisation‘ in den Wachttürmen vom 1. und 15. Juni [1938] drängen mich, Dir, dessen treuen Dienst Jehova gebraucht, in ein paar Worten zu schreiben, wie dankbar ich Jehova für die wunderbare Vorkehrung bin, die er für seine sichtbare Organisation getroffen hat, wie in den beiden Wachttürmen gezeigt wird. ... Welch eine Erleichterung, zu sehen, daß Schluß ist mit dem unabhängigen Schalten und Walten einschließlich der ‚Frauenrechte‘ und anderen unbiblischen Methoden, durch die einige Seelen der örtlich vorherrschenden Meinung und dem Urteil einzelner unterworfen wurden statt ... [Jehova Gott und Jesus Christus], wodurch Schmach auf den Namen Jehovas gekommen ist. Es stimmt zwar, erst ‚in jüngster Vergangenheit hat die Gesellschaft alle in der Organisation als „Diener“ bezeichnet‘, doch ich habe beobachtet, daß Du Dich schon viele Jahre lang in Deiner Korrespondenz mit Deinen Brüdern als ‚Euer Bruder und Diener durch Seine Gnade‘ bezeichnet hast.“

      In bezug auf diese organisatorische Änderung berichtete der britische Zweig: „Es war recht erstaunlich, wie gut sie sich auswirkte. Die poetische und prophetische Beschreibung in Jesaja, Kapitel sechzig ist voller Schönheit, doch nicht übertrieben. Jeder, der in der Wahrheit war, sprach davon. Sie war das Hauptgesprächsthema. Man empfand eine allgemeine Belebung — die Bereitschaft, zielstrebig weiterzukämpfen. Während in der Welt die Spannungen zunahmen, war die Freude über die theokratische Herrschaft überströmend.“

      Reisende Aufseher stärken die Versammlungen

      Durch den Dienst reisender Aufseher wurden die organisatorischen Bande weiter gefestigt. Im ersten Jahrhundert leistete der Apostel Paulus darin hervorragende Arbeit. Bisweilen hatten auch Männer wie Barnabas, Timotheus und Titus daran teil (Apg. 15:36; Phil. 2:19, 20; Tit. 1:4, 5). Sie alle waren eifrige Evangeliumsverkündiger. Außerdem ermunterten sie die Versammlungen durch ihre Vorträge. Wenn Fragen auftauchten, die die Einheit der Versammlungen gefährden konnten, legte man sie der zentralen leitenden Körperschaft vor. Danach reisten die mit Verantwortung Betrauten „durch die Städte ... [und] überbrachten ... denen, die dort waren, die zu beachtenden Verordnungen, welche von den Aposteln und älteren Männern, die sich in Jerusalem befanden, beschlossen worden waren“. Was war das Ergebnis? „Die Versammlungen wurden ... im Glauben weiterhin befestigt und nahmen von Tag zu Tag an Zahl zu“ (Apg. 15:1 bis 16:5; 2. Kor. 11:28).

      Bereits in den 1870er Jahren besuchte Bruder Russell die Bibelforschergruppen — Gruppen, die aus zwei, drei oder mehr Personen bestanden —, um sie im Glauben zu erbauen. In den 1880er Jahren machten auch einige andere Brüder solche Besuche. 1894 sorgte die Gesellschaft dafür, daß befähigte Redner die Bibelforscher regelmäßiger besuchten, um ihnen zu helfen, in der Erkenntnis und in der Wertschätzung für die Wahrheit zu wachsen, damit eine engere Verbindung unter ihnen hergestellt wurde.

      Die Redner blieben möglichst einen oder vielleicht auch mehrere Tage bei der Gruppe, hielten einen oder zwei öffentliche Vorträge und besuchten dann kleinere Gruppen und Einzelpersonen, um mit ihnen einige tiefere Dinge des Wortes Gottes zu besprechen. Man war bemüht, daß jede Gruppe in den Vereinigten Staaten und in Kanada zweimal im Jahr besucht wurde, wenn auch gewöhnlich nicht von ein und demselben Bruder. Bei der Auswahl dieser reisenden Vortragsredner legte man Wert auf Sanftmut, Demut und ein klares Verständnis der Wahrheit sowie darauf, daß sie sich an die Wahrheit hielten und sie deutlich lehren konnten. Für ihren Dienst wurden sie selbstverständlich nicht bezahlt. Von den Brüdern am Ort erhielten sie lediglich Verpflegung und Unterkunft, und die Gesellschaft half ihnen nötigenfalls, die Reisekosten zu decken. Sie wurden als Pilgerbrüder bekannt.

      Viele dieser reisenden Beauftragten der Gesellschaft wurden von den Brüdern, denen sie dienten, innig geliebt. A. H. Macmillan, ein Kanadier, ist als ein Pilgerbruder in Erinnerung geblieben, für den sich Gottes Wort „wie brennendes Feuer“ erwies (Jer. 20:9). Er mußte einfach darüber reden, und das tat er vor Zuhörerschaften in Kanada, in vielen Teilen der Vereinigten Staaten und noch weiteren Ländern. An William Hersee, einen anderen Pilgerbruder, erinnert man sich gern, weil er jungen Menschen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Von seinen Gebeten, die von tiefer Ergebenheit zeugten, waren Jung und Alt gleichermaßen beeindruckt.

      Auf ihren Reisen hatten es die Pilgerbrüder damals nicht leicht. Edward Brenisen beispielsweise fuhr, um einer Gruppe in der Nähe von Klamath Falls (Oregon, USA) zu dienen, zuerst mit dem Zug, dann ging es in der Postkutsche die Nacht hindurch weiter, und auf dem letzten Stück des Weges zu einem Gehöft in den Bergen, wo die Zusammenkunft stattfinden sollte, wurde er auf einem vierrädrigen Holzwagen so durchgerüttelt, daß er alle Knochen spürte. Am Tag nach der Zusammenkunft stellte ihm ein Bruder in aller Frühe ein Pferd zur Verfügung, auf dem er etwa 100 Kilometer bis zur nächsten Eisenbahnstation ritt, damit er seinen nächsten Bestimmungsort erreichen konnte. Die Pilgerbrüder führten ein anstrengendes Leben, doch ihre Bemühungen zeitigten gute Ergebnisse. Jehovas Diener wurden gestärkt, im Verständnis des Wortes Gottes vereint und fühlten sich enger miteinander verbunden, obwohl sie weit verstreut lebten.

      Ab 1926 führte Bruder Rutherford bei der Tätigkeit der Pilgerbrüder gewisse Neuerungen ein. Das hatte zur Folge, daß sie nicht lediglich reisende Vortragsredner waren, sondern reisende Aufseher, die den Predigtdienst der Versammlungen förderten. Um ihre neuen Verantwortlichkeiten zu betonen, nannte man sie 1928 Bezirksdienstleiter. Sie arbeiteten mit den Brüdern am Ort zusammen und unterwiesen sie persönlich im Predigtdienst. Damals war es ihnen in den Vereinigten Staaten und in einigen anderen Ländern möglich, jede Versammlung einmal im Jahr zu besuchen und auch mit Einzelpersonen und kleineren Gruppen, die noch nicht für den Dienst organisiert worden waren, die Verbindung aufrechtzuerhalten.

      In den folgenden Jahren wurde die Tätigkeit der reisenden Aufseher mehrmals abgewandelt.a Größeren Nachdruck auf diese Tätigkeit legte man ab 1938, als alle Diener in den Versammlungen auf theokratische Weise ernannt wurden. In den ersten Jahren konnten die Versammlungen in regelmäßigen Abständen besucht werden, so daß es möglich war, jeden ernannten Diener persönlich zu schulen und allen vermehrt im Predigtdienst zu helfen. 1942 erhielten reisende Aufseher, bevor sie erneut zu den Versammlungen gesandt wurden, selbst eine intensive Schulung, was eine einheitlichere Tätigkeit zur Folge hatte. Ihre Besuche waren ziemlich kurz (ein bis drei Tage je nach Größe der Versammlung). In dieser Zeit überprüften sie die Versammlungsunterlagen, kamen mit allen Dienern zusammen, erteilten ihnen nötigen Rat, hielten ein oder zwei Vorträge in der Versammlung und übernahmen die Führung im Predigtdienst. 1946 wurden die Besuche auf eine Woche pro Versammlung ausgedehnt.

      Diese Besuche in den Versammlungen wurden 1938 durch den Dienst des Bezirksdieners ergänzt, der eine neue Rolle übernahm. Er war in einem größeren Gebiet tätig und verbrachte regelmäßig eine Woche mit jedem Bruder, der in einer Zone (einem Kreis) reiste und dort die Versammlungen besuchte. Während seines Aufenthalts beteiligte sich der Bezirksdiener am Programm eines Kongresses, zu dem alle Versammlungen in dieser Zone zusammenkamen.b Diese Einrichtung spornte die Brüder sehr an und bot regelmäßig eine Gelegenheit, neue Jünger zu taufen.

      „Jemand, der den Dienst liebt“

      Zu denen, die 1936 diesen Dienst aufnahmen, gehörte John Booth, der 1974 in die leitende Körperschaft berufen wurde. Als man mit ihm über seinen künftigen Dienst als reisender Aufseher sprach, wurde ihm erklärt: „Wir benötigen keine redegewandten Sprecher, nur jemand, der den Dienst liebt und die Führung darin übernimmt und in den Zusammenkünften über den Dienst spricht.“ Bruder Booth hatte diese Liebe zum Dienst Jehovas durch seinen eifrigen Pionierdienst seit 1928 bewiesen, und er weckte durch sein Beispiel und seine Worte der Ermunterung bei anderen den Eifer zum Evangelisieren.

      Die erste Versammlung, die er im März 1936 besuchte, war Easton (Pennsylvanien). Später schrieb er: „In der Regel traf ich an einem Ort rechtzeitig zum Predigtdienst am Morgen ein; am frühen Abend hatte ich dann eine Zusammenkunft mit den Dienern der Gruppe und danach eine weitere mit der ganzen Gruppe. Gewöhnlich verbrachte ich nur zwei Tage mit einer Gruppe und mit kleineren Gruppen nur einen Tag, so daß ich manchmal in einer Woche sechs Gruppen besuchte. Ich war ständig unterwegs.“

      Zwei Jahre später, 1938, erhielt er die Aufgabe, sich als Bezirksdiener jede Woche einer Zonenversammlung (heute Kreiskongreß genannt) anzunehmen. Dadurch konnten die Brüder in einer Zeit, wo die Verfolgung in einigen Gegenden immer heftiger wurde, sehr gestärkt werden. Im Rückblick auf jene Zeit und seine verschiedenen Aufgaben sagte Bruder Booth: „In der gleichen Woche ... [in der ich Zeuge in einem Gerichtsfall war, bei dem es in Indianapolis (Indiana) um 60 Zeugen ging] war ich in einem anderen Fall in Joliet (Illinois) Angeklagter; in einem weiteren Fall in Madison (Indiana) war ich Bevollmächtigter für einen Bruder, und darüber hinaus war ich an jedem Wochenende für eine Zonenversammlung verantwortlich.“

      Carey Barber wurde zwei Jahre nachdem die Zonenversammlungen (heute Kreiskongresse genannt) 1946 wieder stattfanden, zum Bezirksdiener ernannt. Er war bereits 25 Jahre ein Mitglied der Bethelfamilie in Brooklyn (New York) gewesen. Sein erster Bezirk schloß den gesamten Westen der Vereinigten Staaten ein. Anfangs mußte er jede Woche von einem Kongreß zum anderen etwa 1 600 Kilometer zurücklegen. Als die Versammlungen an Zahl und Größe zunahmen, schrumpften die Entfernungen, und nicht selten fanden in einer Großstadt mehrere Kreiskongresse statt. Nachdem Bruder Barber 29 Jahre Erfahrung als reisender Aufseher gesammelt hatte, wurde er 1977 eingeladen, als ein Mitglied der leitenden Körperschaft in die Weltzentrale zurückzukehren.

      In Kriegszeiten und während heftiger Verfolgung setzten reisende Aufseher häufig ihre Freiheit und ihr Leben aufs Spiel, damit sie für das geistige Wohl ihrer Brüder sorgen konnten. Während der Besetzung Belgiens unter den Nationalsozialisten besuchte André Wozniak ununterbrochen die Versammlungen und half mit, sie mit Literatur zu versorgen. Die Gestapo war ihm zwar oftmals hart auf den Fersen, doch gelang es ihr nicht, ihn zu verhaften.

      Ende der 70er Jahre lebten die Menschen in Rhodesien (heute Simbabwe) während einer Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen in großer Furcht. Die Reisemöglichkeiten waren stark eingeschränkt. Dennoch erwiesen sich reisende Aufseher der Zeugen Jehovas als liebevolle Hirten und Aufseher ihrer Brüder — „wie ein Bergungsort vor dem Wind“ (Jes. 32:2). Einige marschierten tagelang bergauf und bergab durch die Buschlandschaft, durchquerten gefährliche Flüsse und schliefen nachts im Freien — alles, um abgelegene Versammlungen und alleinstehende Verkündiger zu besuchen und sie zu ermuntern, im Glauben stark zu bleiben. Einer von ihnen war Isaiah Makore, der knapp mit dem Leben davonkam, als er in einen Feuerwechsel zwischen Regierungssoldaten und „Freiheitskämpfern“ geriet und die Kugeln über seinen Kopf hinwegpfiffen.

      Andere reisende Aufseher haben der Organisation viele Jahre auf internationaler Ebene gedient. Die Präsidenten der Watch Tower Society sind häufig in andere Länder gereist, wo sie sich organisatorischer Bedürfnisse angenommen und auf Kongressen Ansprachen gehalten haben. Diese Besuche waren Jehovas Zeugen überall eine große Hilfe, sich ihrer internationalen Bruderschaft ständig bewußt zu sein. Besonders Bruder Knorr versah diesen Dienst regelmäßig und besuchte alle Zweigbüros und Missionarheime. Mit dem Anwachsen der Organisation teilte man die Erde in zehn Zonen ein, und ab 1. Januar 1956 halfen befähigte Brüder unter der Leitung des Präsidenten bei diesem Dienst mit, so daß er regelmäßig durchgeführt werden konnte. Diese Zonenbesuche, die heute unter der Leitung des Dienstkomitees der leitenden Körperschaft erfolgen, sind weiterhin für die weltweite Einheit und den Fortschritt der gesamten Organisation förderlich.

      Noch andere bedeutsame Entwicklungen haben zur gegenwärtigen organisatorischen Struktur beigetragen.

      Weiter theokratisch ausgerichtet

      Am 8. Januar 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, starb Joseph F. Rutherford, und Nathan H. Knorr wurde der dritte Präsident der Watch Tower Society. In vielen Ländern stand die Organisation unter großem Druck, entweder durch Verbote ihres Werkes, durch Pöbelangriffe unter dem Deckmantel des Patriotismus oder durch Verhaftungen von Zeugen, die in ihrem Predigtdienst biblische Schriften verbreitet hatten. Würde in einer so kritischen Zeit ein Wechsel in der Leitung das Werk beeinträchtigen? Die verantwortlichen Brüder baten Jehova um seine Führung und seinen Segen. Diesem Wunsch nach göttlicher Leitung entsprechend überprüften sie erneut die organisatorische Struktur, um zu ermitteln, wo eine noch größere Anpassung an die Wege Jehovas möglich wäre.

      1944 fand in Pittsburgh (Pennsylvanien) anläßlich der Jahresversammlung der Watch Tower Society eine Dienstversammlung statt. Vor jener Jahresversammlung wurde am 30. September in einer Reihe höchst bedeutsamer Vorträge gezeigt, was die Bibel über die Organisation der Diener Jehovas zu sagen hat.c Das Hauptaugenmerk galt der leitenden Körperschaft. Damals wurde betont, daß das theokratische Prinzip auf alle Einrichtungen angewandt werden muß, deren sich die Klasse des treuen und verständigen Sklaven bedient. Nicht alle vom „geweihten“ Volk Gottes gehörten, wie es hieß, zur gesetzlich eingetragenen Körperschaft. Diese vertrete sie lediglich, indem sie als ihr rechtliches Werkzeug handle. Da die Gesellschaft als Verlag für Jehovas Zeugen aber Literatur beschaffte, die geistiges Licht enthielt, war die leitende Körperschaft logischer- und notwendigerweise eng mit den geschäftsführenden und den anderen Vorstandsmitgliedern dieser rechtlichen Körperschaft verbunden. Wurden in allen ihren Angelegenheiten uneingeschränkt theokratische Grundsätze angewandt?

      Die Statuten der Gesellschaft sahen die Ausgabe von Anteilscheinen vor. Mit einem Gesamtbetrag von 10 Dollar war ein Einzahler berechtigt, bei der Wahl der Vorstandsmitglieder und der Geschäftsführung der Gesellschaft eine Stimme abzugeben. Einige dachten vielleicht, solche Einzahlungen zeugten von aufrichtigem Interesse an dem Werk der Organisation. Diese Regelung bereitete jedoch Probleme. Bruder Knorr, der Präsident der Gesellschaft, erklärte: „Nach den Bestimmungen in den Statuten der Gesellschaft hätte es den Anschein, die Zugehörigkeit zur leitenden Körperschaft hinge von den Einzahlungen an die rechtliche Körperschaft ab. Das dürfte aber gemäß dem Willen Gottes unter seinem wahren auserwählten Volk nicht der Fall sein.“

      Charles Taze Russell, der in den ersten 32 Jahren seit Gründung der Gesellschaft eine führende Rolle in der leitenden Körperschaft spielte, unterstützte die Gesellschaft in finanzieller, physischer und geistiger Hinsicht am meisten. Aber dafür, daß ihn der Herr gebrauchte, war kein finanzieller Beitrag ausschlaggebend. Seine uneingeschränkte Hingabe, sein unermüdlicher Eifer, seine kompromißlose Stellungnahme für Gottes Königreich sowie seine unverbrüchliche Loyalität und Treue kennzeichneten ihn in Gottes Augen für den Dienst als brauchbar. In bezug auf die theokratische Organisation gilt die Regel: „Gott [hat] die Glieder am Leib gesetzt, jedes von ihnen so, wie es ihm gefallen hat“ (1. Kor. 12:18). „Da jedoch die Statuten der Gesellschaft“, wie Bruder Knorr sagte, „vorsahen, Anteilscheine mit Stimmrecht an Personen auszugeben, die für das Werk der Gesellschaft Geld beisteuerten, verdunkelten sie eher dieses theokratische Prinzip in bezug auf die leitende Körperschaft, ja tasteten es sogar an und brachten für sie auch eine gewisse Gefährdung mit sich oder konnten ihr Hindernisse in den Weg legen.“

      Am 2. Oktober 1944 wurde daher auf der Geschäftsversammlung aller stimmberechtigten Anteilseigner der Gesellschaft einstimmig beschlossen, die Statuten zu revidieren und sie enger an theokratische Grundsätze anzulehnen. Die Mitgliederzahl sollte nicht mehr unbegrenzt sein, sondern zwischen 300 und 500 betragen, und es sollte sich nur um Männer handeln, die vom Vorstand ausgewählt würden, nicht aufgrund finanzieller Beiträge, sondern weil sie reife, eifrige, treue Zeugen Jehovas waren, die ihre ganze Zeit im Werk der Organisation einsetzten oder eifrig in ihrer Versammlung dienten. Diese Mitglieder sollten den Vorstand wählen, und der Vorstand würde dann die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder bestimmen. Die neue Regelung trat im darauffolgenden Jahr, am 1. Oktober 1945, in Kraft. Das war bestimmt ein großer Schutz in einer Zeit, in der Firmen häufig durch die Manipulation geschäftlicher Vorgänge von feindlichen Elementen beherrscht und schließlich so umstrukturiert wurden, daß sie deren Zielen dienten.

      Diese Schritte zur Anpassung an theokratische Grundsätze wurden offensichtlich von Jehova gesegnet. Obwohl die Organisation im Zweiten Weltkrieg außergewöhnlichem Druck ausgesetzt war, stieg die Zahl der Königreichsverkündiger ständig. Tatkräftig legten Jehovas Zeugen ununterbrochen Zeugnis von Gottes Königreich ab. Von 1939 bis 1946 erlebten sie eine erstaunliche Zunahme um 157 Prozent und dehnten das Predigtwerk auf sechs weitere Länder aus. In den folgenden 25 Jahren stieg die Zahl der eifrigen Zeugen noch um nahezu 800 Prozent, und aus 86 weiteren Ländern und Inselgebieten berichteten sie regelmäßig über ihre Tätigkeit.

      Spezielle Schulung der Aufseher

      Manche Beobachter waren der Ansicht, es sei unumgänglich, daß die Organisation bei zunehmender Größe ihre Maßstäbe lockere. Die Bibel hatte dagegen vorausgesagt, daß unter Jehovas Dienern Frieden und Gerechtigkeit herrschen würden (Jes. 60:17). Das erforderte eine gewissenhafte und fortlaufende Schulung verantwortlicher Aufseher, gestützt auf Gottes Wort, sowie ein deutliches Verständnis seiner Rechtsmaßstäbe und ihre konsequente Anwendung. Für diese Schulung wurde gesorgt. Der Wachtturm bot fortlaufend die Möglichkeit, sich eingehend mit Gottes gerechten Anforderungen zu befassen. Dieser Stoff wurde von allen Versammlungen der Zeugen Jehovas auf der ganzen Erde systematisch studiert. Doch Aufseher der Herde empfingen darüber hinaus noch viel zusätzliche Unterweisung.

      Anläßlich internationaler Kongresse wurden Aufseher, die in der Zweigorganisation der Gesellschaft eine führende Stellung einnahmen, zu einer besonderen Schulung zusammengerufen. Von 1961 bis 1965 veranstaltete man in New York speziell für sie acht- bis zehnmonatige Schulungskurse. Von 1977 bis 1980 fanden wiederum spezielle fünfwöchige Schulungskurse für sie statt. Diese Schulung schloß Vers-für-Vers-Betrachtungen aller Bibelbücher ein, und es wurden organisatorische Einzelheiten und Möglichkeiten erörtert, das Predigen der guten Botschaft zu fördern. Unter Jehovas Zeugen gibt es keine nationalen Schranken. Ganz gleich, wo sie leben, sie halten sich an dieselben hohen biblischen Maßstäbe und glauben und lehren ein und dasselbe.

      Auch Kreis- und Bezirksaufseher wurden besonders geschult. Viele von ihnen haben die Wachtturm-Bibelschule Gilead oder eine ihrer Außenstellen besucht. Regelmäßig werden sie in die Zweigbüros der Gesellschaft oder an andere geeignete Orte zu mehrtägigen oder einwöchigen Seminaren eingeladen.

      Im Jahre 1959 wurde eine andere hervorragende Einrichtung geschaffen, nämlich die Königreichsdienstschule, zu der Kreis- und Bezirksaufseher sowie Versammlungsaufseher eingeladen wurden. Anfangs dauerte der Kurs einen ganzen Monat. Nachdem er in den Vereinigten Staaten ein Jahr lang durchgeführt worden war, wurde der Stoff in andere Sprachen übersetzt und nach und nach auf der ganzen Erde verwendet. Da es nicht allen Aufsehern möglich war, einen ganzen Monat von ihrer Arbeitsstelle freizubekommen, wurde 1966 ein zweiwöchiger Kurs eingeführt.

      Bei dieser Schule handelte es sich nicht um ein Theologieseminar, in dem Männer als Vorbereitung auf die Ordination ausgebildet wurden. Die Teilnehmer des Kurses waren bereits ordinierte Diener Gottes. Viele von ihnen hatten schon jahrzehntelang als Aufseher und Hirten der Herde gedient. Der Studienkurs bot ihnen Gelegenheit, sich eingehend mit den für ihre Arbeit geltenden Anweisungen aus Gottes Wort zu befassen. Großer Nachdruck wurde auf den Predigtdienst gelegt und darauf, wie man ihn wirkungsvoll gestaltet. Wegen der sich wandelnden sittlichen Normen in der Welt wurde auch viel Zeit darauf verwendet, die Wahrung der biblischen Sittenmaßstäbe zu erörtern. In letzter Zeit ist man dazu übergegangen, alle zwei oder drei Jahre Seminare zu veranstalten, und reisende Aufseher führen mehrmals im Jahr hilfreiche Zusammenkünfte mit den Versammlungsältesten durch. So kann den jeweiligen Bedürfnissen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Diese Zusammenkünfte helfen mit, ein Abweichen von biblischen Maßstäben zu verhindern, und tragen dazu bei, daß in bestimmten Situationen in allen Versammlungen einheitlich vorgegangen wird.

      Jehovas Zeugen nehmen sich die Worte aus 1. Korinther 1:10 zu Herzen: „Nun ermahne ich euch, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle übereinstimmend redet und daß keine Spaltungen unter euch seien, sondern daß ihr in demselben Sinn und in demselben Gedankengang fest vereint sein mögt.“ Diese Übereinstimmung ist nicht erzwungen. Sie ergibt sich aus der Erziehung in Gottes Wegen, die in der Bibel aufgezeichnet sind. Jehovas Zeugen freuen sich über Gottes Wege und seinen Vorsatz. Wem es nicht mehr gefällt, nach biblischen Maßstäben zu leben, dem steht es frei, die Organisation zu verlassen. Wenn aber jemand anfängt, andere Glaubensansichten zu predigen oder die biblischen Sittenmaßstäbe zu mißachten, dann treten die Aufseher in Aktion, um die Herde zu schützen. Die Organisation hält sich an den biblischen Rat: „[Behaltet] die im Auge ..., die Spaltungen hervorrufen und Ursachen zum Straucheln geben entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und meidet sie“ (Röm. 16:17; 1. Kor. 5:9-13).

      Wie in der Bibel vorhergesagt worden ist, würde Gott unter seinen Dienern für genau diesen Zustand sorgen, für einen Zustand, in dem Gerechtigkeit herrscht und friedsame Früchte hervorgebracht werden (Jes. 32:1, 2, 17, 18). Solche Verhältnisse sprechen Menschen, die das Rechte lieben, besonders an.

      Wie viele solch gerechtigkeitsliebende Menschen werden vor dem Ende des alten Systems eingesammelt werden? Das wissen Jehovas Zeugen nicht. Aber Jehova weiß, was für sein Werk benötigt wird, und er sorgt zu seiner Zeit und auf seine Weise dafür, so daß seine Organisation dazu ausgerüstet ist.

      Vorbereitung auf explosionsartiges Wachstum

      Bei den Nachforschungen unter der Aufsicht der leitenden Körperschaft für die Zusammenstellung des Nachschlagewerks Hilfe zum Verständnis der Bibel wurde man erneut darauf aufmerksam, wie die Christenversammlung des ersten Jahrhunderts organisiert war. Man studierte sorgfältig biblische Begriffe wie „älterer Mann“, „Aufseher“ und „Diener Gottes“. Konnte sich die neuzeitliche Organisation der Zeugen Jehovas noch enger an das Vorbild halten, das in der Bibel als Richtschnur überliefert worden war?

      Jehovas Diener waren entschlossen, sich weiterhin der Führung Gottes zu unterstellen. Auf Kongressen des Jahres 1971 wurde die Aufmerksamkeit auf die Leitung der frühen Christenversammlung gelenkt. Wie erklärt wurde, beschränkte sich die Bezeichnung presbýteros (älterer Mann, Ältester) nach biblischem Gebrauch nicht auf ältere Personen, sie bezog sich aber auch nicht auf alle geistig Reifen in der Versammlung. Sie wurde besonders als offizielle Bezeichnung für Versammlungsaufseher gebraucht (Apg. 11:30; 1. Tim. 5:17; 1. Pet. 5:1-3). Diese gelangten in ihre Stellung, indem man sie im Einklang mit den Erfordernissen ernannte, die in die inspirierten Schriften aufgenommen wurden (Apg. 14:23; 1. Tim. 3:1-7; Tit. 1:5-9). Wenn genügend befähigte Männer da waren, gab es in einer Versammlung mehrere Älteste (Apg. 20:17; Phil. 1:1). Sie bildeten die „Körperschaft der älteren Männer“, die alle das gleiche Amt innehatten; keiner von ihnen war der Prominenteste oder Einflußreichste in der Versammlung (1. Tim. 4:14). Zur Unterstützung der Ältesten gab es im Einklang mit den vom Apostel Paulus erwähnten Erfordernissen, wie erklärt wurde, auch ernannte „Dienstamtgehilfen“ (1. Tim. 3:8-10, 12, 13).

      Unverzüglich wurden Maßnahmen in die Wege geleitet, die Organisation dem biblischen Muster besser anzugleichen. Man begann bei der leitenden Körperschaft selbst. Ihre Mitgliederzahl wurde über die sieben hinaus erhöht, die bereits in ihrer Eigenschaft als Vorstandsmitglieder der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania als leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas gedient hatten. Man setzte für die leitende Körperschaft keine bestimmte Mitgliederzahl fest. 1971 waren es 11; mehrere Jahre lang gab es sogar 18; 1992 waren es 12. Bei ihnen allen handelt es sich um Männer, die von Gott zu Miterben mit Jesus Christus gesalbt worden sind. Die 12, die 1992 als Mitglieder der leitenden Körperschaft dienten, hatten damals insgesamt 728 Jahre als Diener Jehovas im Vollzeitdienst verbracht.

      Am 6. September 1971 wurde beschlossen, daß der Vorsitz bei den Zusammenkünften der leitenden Körperschaft jährlich wechseln sollte, und zwar gemäß der alphabetischen Reihenfolge der Namen ihrer Mitglieder. Diese Regelung trat am 1. Oktober in Kraft. Die Mitglieder der leitenden Körperschaft wechselten sich auch wöchentlich im Vorsitz bei der morgendlichen Anbetung und beim Wachtturm-Studium der Mitarbeiter der Zentrale ab.d Damit begann man am 13. September 1971, als Frederick W. Franz das Programm der morgendlichen Anbetung in der Zentrale der Gesellschaft in Brooklyn (New York) leitete.

      Im Jahr darauf wurden Änderungen in der Aufsicht der Versammlungen vorbereitet. Es sollte nicht nur e i n e n Versammlungsdiener geben, der von einer bestimmten Anzahl anderer Diener unterstützt würde. Männer, die die biblischen Erfordernisse erfüllten, sollten eingesetzt werden, als Älteste zu dienen. Andere, die die biblischen Erfordernisse erfüllten, sollten als Dienstamtgehilfen ernannt werden. Das eröffnete mehreren die Möglichkeit, sich der Verantwortlichkeiten in der Versammlung anzunehmen und so wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Kein Zeuge Jehovas hätte sich damals träumen lassen, daß in den folgenden 21 Jahren die Zahl der Versammlungen um 156 Prozent ansteigen würde, nämlich auf insgesamt 69 558 im Jahre 1992. Aber der Herr Jesus Christus, das Haupt der Versammlung, traf offensichtlich Vorbereitungen für das, was noch kommen sollte.

      In den 70er Jahren wurde eine weitere Reorganisation der leitenden Körperschaft sorgfältig erwogen. Seit Gründung der Watch Tower Society (1884) stand die Herausgabe von Literatur, die Beaufsichtigung des weltweiten Evangelisierungswerkes, die Einrichtung von Schulen und die Veranstaltung von Kongressen unter der Leitung des Büros des Präsidenten der Watch Tower Bible and Tract Society. Doch nach monatelanger sorgfältiger Prüfung und eingehenden Besprechungen stimmte man am 4. Dezember 1975 einmütig einer neuen Regelung zu. Man bildete sechs Komitees der leitenden Körperschaft.

      Das Komitee des Vorsitzenden (bestehend aus dem gerade amtierenden, dem vorherigen und dem nächsten Vorsitzenden der leitenden Körperschaft) erhält Berichte über besondere Notfälle, Katastrophen und Verfolgungskampagnen und sorgt dafür, daß sich die leitende Körperschaft unverzüglich dieser Angelegenheiten annimmt. Das Schreibkomitee beaufsichtigt die Herstellung der geistigen Speise in gedruckter Form sowie als Audio- und Videoaufzeichnungen für Jehovas Zeugen und zum Verbreiten in der Öffentlichkeit, und es beaufsichtigt außerdem die Übersetzung in Hunderte von Sprachen. Das Lehrkomitee hat die Verantwortung, die Schulen und kleineren Kongresse, Bezirkskongresse und internationalen Kongresse der Zeugen Jehovas zu beaufsichtigen sowie die Unterweisung der Bethelfamilie und die Zusammenstellung des für diese Zwecke vorgesehenen Stoffes. Das Dienstkomitee beaufsichtigt alle Gebiete des Evangelisierungswerkes, wie zum Beispiel die Tätigkeit der Versammlungen und der reisenden Aufseher. Der Druck, die Herausgabe und der Versand der Literatur werden vom Verlagskomitee beaufsichtigt; dieses Komitee ist somit für die Druckereien zuständig sowie für die Rechts- und Geschäftsangelegenheiten. Und das Personalkomitee beaufsichtigt die Vorkehrungen, die zur persönlichen und geistigen Betreuung der Mitglieder der Bethelfamilien getroffen werden, und es ist verantwortlich dafür, weitere zum Dienst als Mitglieder der Bethelfamilien einzuladen, die es auf der ganzen Erde gibt.

      Weitere Komitees haben die Aufgabe, bei der Beaufsichtigung der mit der Weltzentrale verbundenen Druckereien, Bethelheime und Farmen mitzuhelfen. Bei diesen Komitees bedient sich die leitende Körperschaft uneingeschränkt der Fähigkeiten von Angehörigen der „großen Volksmenge“ (Offb. 7:9, 15).

      Änderungen erfolgten auch in der Aufsicht über die Zweigbüros der Gesellschaft. Seit 1. Februar 1976 wird jeder Zweig von einem Zweigkomitee beaufsichtigt, das je nach den Bedürfnissen und der Größe des Zweiges aus drei oder mehr Mitgliedern besteht. Diese nehmen sich unter der Leitung der leitenden Körperschaft des Königreichswerkes in ihrem Gebiet an.

      Im Jahre 1992 wurde dafür gesorgt, daß die leitende Körperschaft zusätzlichen Beistand erhielt, indem mehrere Gehilfen, die hauptsächlich aus den Reihen der großen Volksmenge kommen, beauftragt wurden, den Zusammenkünften des Schreib-, Lehr-, Dienst-, Verlags- und Personalkomitees beizuwohnen und sich an ihrer Arbeit zu beteiligen.e

      Die Verteilung der Verantwortung hat sich als sehr nützlich erwiesen. Sie hat zusammen mit den bereits erfolgten Änderungen in den Versammlungen dazu beigetragen, alles zu beseitigen, was jemand daran hindern könnte, zu erkennen, daß Christus das Haupt der Versammlung ist. Es hat sich als äußerst vorteilhaft erwiesen, daß sich mehrere Brüder über Angelegenheiten beraten, die das Königreichswerk berühren. Durch diese Reorganisation ist es auch möglich gewesen, in den vielen Gebieten während einer Zeit wahrhaft explosionsartigen Wachstums der Organisation die dringend benötigte Aufsicht auszuüben. Vor langem hatte Jehova durch den Propheten Jesaja vorausgesagt: „Der Kleine selbst wird zu einem Tausend werden und der Geringe zu einer mächtigen Nation. Ich selbst, Jehova, werde es beschleunigen zu seiner eigenen Zeit“ (Jes. 60:22). Er hat es nicht nur beschleunigt, sondern auch für die nötige Leitung gesorgt, damit sich seine sichtbare Organisation dieser Mehrung annehmen konnte.

      Jehovas Zeugen sind in erster Linie an dem Werk interessiert, das Jehova ihnen für die letzten Tage der alten Welt aufgetragen hat, und sie sind gut organisiert, es zu verrichten. Für sie gibt es unmißverständliche Beweise dafür, daß es sich bei der Organisation nicht um eine menschliche, sondern um Gottes Organisation handelt und daß sie von Gottes Sohn, Jesus Christus, geleitet wird. Als herrschender König wird Jesus seine treuen Untertanen in der bevorstehenden großen Drangsal bewahren und dafür sorgen, daß sie wirkungsvoll organisiert sind, damit sie im kommenden Millennium den Willen Gottes ausführen können.

      [Fußnoten]

      a 1894 sorgte Bruder Russell dafür, daß Zion’s Watch Tower Tract Society befähigte Brüder als Redner aussandte. Sie erhielten unterschriebene Bescheinigungen, mit denen sie sich den örtlichen Gruppen vorstellen konnten. Diese Bescheinigungen verliehen ihnen weder die Autorität, zu predigen, noch bedeuteten sie, daß die Äußerungen des Betreffenden ohne entsprechende Prüfung im Lichte des Wortes Gottes zu akzeptieren waren. Da jedoch einige Personen den Zweck der Bescheinigungen mißverstanden, ließ Bruder Russell sie innerhalb eines Jahres wieder einziehen. Er vermied gewissenhaft alles, was Beobachter auch nur entfernt an eine Geistlichenklasse erinnert hätte.

      b Zions Wacht-Turm von Oktober/November 1881 (engl.), Seite 8, 9.

      c Zuweilen bezeichnete man die örtlichen Gruppen als „Kirchen“, was der Ausdrucksweise in der King-James-Bibel entsprach. In Anlehnung an den im griechischen Text der Bibel gebrauchten Ausdruck nannte man sie auch „Ekklesias“. Die Bezeichnung „Klassen“ oder „Bibelklassen“ war ebenfalls gebräuchlich, da es sich praktisch um Gruppen von Studierenden handelte, die regelmäßig zum Studium zusammenkamen. Wie ihre spätere im englischen Sprachraum gebräuchliche Bezeichnung „Company“ (Kompanie) erkennen ließ, war ihnen bewußt, daß sie in einem geistigen Kriegszug standen. (Siehe Psalm 68:11, KJ, Randbemerkung.) Nach der Herausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift im Jahre 1950 in Englisch wurde in den meisten Ländern allgemein der neuzeitliche biblische Ausdruck „Versammlung“ gebraucht.

      d Buchstäblich bedeutet das im griechischen Text der Bibel gebrauchte Wort (cheirotonéō) „die Hand ausstrecken“ und im erweiterten Sinne auch „durch Aufheben der Hand abstimmen, erwählen“, und zwar „für bestimmte Ämter u. Aufgaben“ (W. Pape, Griechisch-deutsches Handwörterbuch, 3. Auflage, 1954; W. Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, 6. Auflage, 1988).

      e Näheres ist in Kapitel 25 zu finden („Öffentlich und von Haus zu Haus predigen“).

      f Über den Dienstleiter sollte ab 1919 wöchentlich der Predigtdienst aller mit der Versammlung oder Klasse Verbundenen der Gesellschaft berichtet werden.

      g Wie in dem Faltblatt Organization Method erklärt wurde, sollte damals jede Versammlung einen stellvertretenden Dienstleiter und einen Lagerverwalter wählen. Diese bildeten zusammen mit dem von der Gesellschaft ernannten Dienstleiter das örtliche Dienstkomitee.

      h Der Wacht-Turm, September 1920, Seite 138—142.

      i Zum Dienstkomitee gehörten damals bis zu zehn Männer. Einer war der Dienstleiter, der nicht am Ort gewählt, sondern von der Gesellschaft ernannt worden war. Die anderen arbeiteten beim Organisieren und bei der Durchführung des Zeugniswerkes mit ihm zusammen.

      j Ab 1932 bezeichnete man sie mehrere Jahre lang als Jonadabe.

      k Wenn für das griechische Verb cheirotonéō nur die Bedeutung ‘durch Ausstrecken der Hand wählen’ angegeben wird, läßt man eine spätere Bedeutung des Wortes außer acht. In dem Werk A Greek-English Lexicon von Liddell und Scott, herausgegeben von Jones und McKenzie (Neuauflage 1968), wird folgende Bedeutung des Wortes genannt: „... die Hand ausstrecken zu dem Zweck, seine Stimme in der Versammlung abzugeben ... II. in Verbindung mit einer Person als Akkusativobjekt: wählen, richtigerweise durch Zeigen der Hände ... b. später, im allgemeinen, ernennen ... innerhalb der Kirche in ein Amt einsetzen, [presbyterous] Apostelgeschichte 14:23.“ Dieser spätere Gebrauch war in den Tagen der Apostel üblich; Josephus, der jüdische Historiker des ersten Jahrhunderts, verwendet den Ausdruck in diesem Sinne in seinem Werk Jüdische Altertümer, Buch VI, Kapitel 4, Absatz 2 und Kapitel 13, Absatz 9. Der grammatische Aufbau von Apostelgeschichte 14:23 in der griechischen Ursprache zeigt an sich schon, daß Paulus und Barnabas die beschriebene Handlung ausführten.

      l Später in jenem Jahr, 1938, wurden die Organisations-Anweisungen als 4seitiges Faltblatt mit weiteren Erläuterungen herausgegeben. Darin hieß es, die Ortsversammlung solle ein Komitee einsetzen, das an ihrer Stelle handlungsberechtigt sei. Dieses Komitee sollte die Brüder im Lichte der in der Heiligen Schrift festgesetzten Anforderungen betrachten und der Gesellschaft Empfehlungen unterbreiten. Als reisende Beauftragte der Gesellschaft die Versammlungen besuchten, überprüften sie, ob die Brüder am Ort befähigt waren und treu ihre Aufgaben erfüllten. Ihre Empfehlungen wurden von der Gesellschaft bei den Ernennungen ebenfalls berücksichtigt.

      a Von 1894 bis 1927 bezeichnete man die von der Gesellschaft ausgesandten reisenden Vortragsredner zunächst als Beauftragte der Watch Tower Tract Society, dann als Pilgerbrüder. Als von 1928 bis 1936 vermehrt Nachdruck auf den Predigtdienst gelegt wurde, nannte man sie Bezirksdienstleiter. Um ihr richtiges Verhältnis zu den Brüdern am Ort zu betonen, erhielten sie im Juli 1936 die Bezeichnung Bezirksdiener. In den Jahren 1938 bis 1941 wurden Zonendiener beauftragt, mit einer begrenzten Anzahl Versammlungen in einem gewissen Turnus zusammenzuarbeiten, so daß sie in regelmäßigen Abständen dieselben Gruppen wieder besuchten. Nach einer etwa einjährigen Unterbrechung wurde dieser Dienst 1942 wiederbelebt, und zwar mit den Dienern für die Brüder. Diese nannte man 1948 Kreisdiener, heute heißen sie Kreisaufseher.

      Von 1938 bis 1941 dienten Bezirksdiener in einer neuen Rolle regelmäßig auf regionalen Kongressen, zu denen Zeugen aus einem bestimmten Gebiet (einer Zone) zusammenkamen und bei denen ein besonderes Programm geboten wurde. Als diese Tätigkeit 1946 wiederbelebt wurde, bezeichnete man diese reisenden Aufseher als Bezirksdiener, heute heißen sie Bezirksaufseher.

      b Diese Regelung trat am 1. Oktober 1938 in Kraft. In den Kriegsjahren wurde es immer schwieriger, Kongresse zu veranstalten. Daher veranstaltete man ab Ende 1941 keine „Zonenversammlungen“ mehr. Die Einrichtung wurde jedoch 1946 durch die sogenannten Kreisversammlungen (Kreiskongresse) wiederbelebt, zu denen jeweils mehrere Versammlungen zusammenkamen, um besondere Unterweisung zu empfangen.

      c Das Wesentliche dieser Vorträge ist in der Wachtturm-Ausgabe vom Oktober 1945 (engl.: 15. Oktober und 1. November 1944) zu finden.

      d Später wählten sie weitere Mitglieder der Bethelfamilie dazu aus, sich ebenfalls dieser Aufgaben anzunehmen.

      e Der Wachtturm, 15. April 1992, Seite 7—17, 31.

      [Herausgestellter Text auf Seite 204]

      Eine Geistlichenklasse hatte unter ihnen keinen Platz

      [Herausgestellter Text auf Seite 205]

      Kein Versuch, eine „irdische Organisation“ zu gründen

      [Herausgestellter Text auf Seite 206]

      Wie wurden Älteste gewählt?

      [Herausgestellter Text auf Seite 212]

      Ein von der Gesellschaft ernannter Dienstleiter

      [Herausgestellter Text auf Seite 213]

      Einige Älteste wollten keinen Außenstehenden predigen

      [Herausgestellter Text auf Seite 214]

      Es lichteten sich zwar die Reihen, doch die Organisation wurde gestärkt

      [Herausgestellter Text auf Seite 218]

      Wie sollten Ernennungen vorgenommen werden?

      [Herausgestellter Text auf Seite 220]

      War Rutherford lediglich bemüht, größeren Einfluß auszuüben?

      [Herausgestellter Text auf Seite 222]

      Die Verbindung zu Gruppen, die aus zwei, drei oder mehr Personen bestanden, wurde aufrechterhalten

      [Herausgestellter Text auf Seite 223]

      Neue Aufgaben für reisende Aufseher

      [Herausgestellter Text auf Seite 234]

      Eine erweiterte leitende Körperschaft mit einem turnusgemäß wechselnden Vorsitzenden

      [Herausgestellter Text auf Seite 235]

      Die nötige Aufsicht in einer Zeit explosionsartigen Wachstums

      [Kasten auf Seite 207]

      Warum die Änderung?

      Als C. T. Russell gefragt wurde, warum er seine Ansicht über die Wahl der Ältesten in den verschiedenen Gruppen des Volkes des Herrn geändert habe, antwortete er wie folgt:

      „Zuallererst möchte ich versichern, daß ich niemals Unfehlbarkeit beansprucht habe. ... Wir leugnen nicht ab, daß wir in der Erkenntnis wachsen und den Willen des Herrn in bezug auf die Ältesten oder Leiter in den kleinen Gruppen seines Volkes heute in etwas anderem Licht sehen. Unser Fehler war, zuviel von den lieben Brüdern zu erwarten, die, nachdem sie früh in die Wahrheit gekommen waren, ganz automatisch die Leiter dieser kleinen Gruppen wurden. Unsere zu optimistische Idealvorstellung von ihnen lief darauf hinaus, daß die Erkenntnis der Wahrheit sie äußerst demütig stimmen und ihnen helfen würde, ihre eigene Bedeutungslosigkeit zu erkennen und sich in allem, was sie wußten und anderen vermitteln konnten, als ein von Gott benutztes Sprachrohr zu verstehen. Wir hatten den Idealfall angenommen, daß sie im wahrsten Sinne des Wortes Vorbilder für die Herde wären und daß — falls durch des Herrn Vorsehung ein oder mehr Brüder in die kleine Gruppe kämen, die ebenso befähigt oder noch befähigter wären, die Wahrheit darzulegen — der Geist der Liebe sie anleiten würde, einander Ehre zu erweisen und auf diese Weise sich gegenseitig beizustehen und einander anzuspornen, sich am Dienst der Kirche, des Leibes Christi, zu beteiligen.

      Mit diesem Gedanken im Sinn schlußfolgerten wir, daß es sich aufgrund des für heute vorgesehenen und von des Herrn geweihtem Volk geschätzten größeren Maßes an Gnade und Wahrheit erübrigt, der von den Aposteln aufgezeigten Methode der Urkirche zu folgen. Unser Fehler bestand darin, nicht zu erkennen, daß die von den Aposteln unter göttlicher Aufsicht umrissenen Vorkehrungen all dem weit überlegen waren, was andere formulieren konnten, und daß die ganze Kirche die von den Aposteln eingeführten Verordnungen so lange benötigt, bis wir alle durch die Umwandlung in der Auferstehung vollkommen gemacht worden sind und uns unmittelbar in Gemeinschaft mit dem Herrn befinden.

      Unser Fehler wurde uns allmählich bewußt, als wir unter lieben Brüdern einen gewissen Konkurrenzgeist feststellten und sich bei vielen der Wunsch zeigte, an der Leitung der Zusammenkünfte als an einem Amt statt einem Dienst festzuhalten und andere Brüder mit den gleichen natürlichen Fähigkeiten und derselben Erkenntnis der Wahrheit und Geschicklichkeit, das Schwert des Geistes zu schwingen, davon auszuschließen und daran zu hindern, Führungseigenschaften zu entwickeln“ („Zions Wacht-Turm“, 15. März 1906, engl., S. 90).

      [Kasten/Bilder auf Seite 208, 209]

      Gebäude, die die Gesellschaft vor etwa 100 Jahren im Raum Pittsburgh benutzte

      Das Bibelhaus, das hier zu sehen ist, diente 19 Jahre als Hauptbüro — von 1890 bis 1909f

      Hier betrieb Bruder Russell seine Studien

      Mitglieder der Familie des Bibelhauses, die 1902 hier dienten

      In dem Gebäude befanden sich die Setzerei (oben rechts), eine Versandabteilung (unten rechts), ein Literaturlager, Wohnräume für die Mitarbeiter sowie ein Versammlungssaal für etwa 300 Personen

      [Fußnote]

      f Im Jahre 1879 befand sich die Zentrale in der Fifth Avenue 101, Pittsburgh (Pennsylvanien). Die Büros wurden 1884 nach Allegheny (ein nördlicher Stadtteil von Pittsburgh) in die Federal Street 44 verlegt und später in demselben Jahr in die Federal Street 40 (1887 als Robinson Street 151 bezeichnet). Als mehr Platz benötigt wurde, ließ Bruder Russell 1889 in der Arch Street 56-60 in Allegheny das Bibelhaus (links) bauen. (Später wurde es umnumeriert in Arch Street 610-614.) Für eine kurze Zeit — 1918/19 — war die Zentrale dann wieder im 3. Stock der Federal Street 119 in Pittsburgh.

      [Kasten auf Seite 211]

      Wessen Werk ist es?

      Gegen Ende seines irdischen Lebens schrieb Charles Taze Russell: „Zu oft vergißt Gottes Volk, daß der Herr als Haupt selbst seinem Werk vorsteht. Zu oft denkt man: Wir verrichten ein Werk und machen Gott zum Mitarbeiter in unserem Werk. Wir sollten in dieser Sache zu der richtigen Ansicht gelangen und erfassen, daß sich Gott ein großes Werk vorgenommen hat und es ausführt; daß es völlig unabhängig von uns und unseren Anstrengungen erfolgreich getan wird; daß Gottes Volk das großartige Vorrecht gewährt worden ist, mit seinem Erschaffer zusammenzuarbeiten, während er seine Pläne, Vorsätze und Verheißungen auf seine Weise verwirklicht. Wenn wir die Angelegenheit von diesem Standpunkt aus betrachten, sollten sich unsere Gebete und Beobachtungen darum drehen, den Willen des Herrn zu erkennen und zu tun, zufrieden mit jeglicher Rolle, die uns übertragen wird, denn geleitet werden wir von unserem Gott. Die Watch Tower Bible and Tract Society ist bestrebt, sich an diese Ordnung zu halten“ („Der Wacht-Turm“, 1. Mai 1915, engl.).

      [Kasten/Bild auf Seite 215]

      V.-D.-M.-Fragen

      Die Buchstaben V. D. M. stehen für die lateinischen Wörter „Verbi Dei Minister“ oder Diener des Wortes Gottes.

      1916 stellte die Gesellschaft einen Fragebogen zu biblischen Themen zusammen. Alle, die die Gesellschaft als Vortragsredner vertreten sollten, wurden gebeten, jede Frage schriftlich zu beantworten. Dadurch war es der Gesellschaft möglich, herauszufinden, wie die Brüder dachten und empfanden und wie es um ihr Verständnis grundlegender biblischer Wahrheiten stand. Die schriftlichen Antworten wurden von einem Prüfungsausschuß im Büro der Gesellschaft sorgfältig durchgesehen. Wer als befähigter Redner anerkannt wurde, mußte mindestens 85 Prozent der Fragen richtig beantwortet haben.

      Später baten viele Älteste, Diakone und andere Bibelforscher um einen Fragebogen. Schließlich stellte man fest, daß es nützlich wäre, wenn die Bibelklassen als ihre Vertreter nur Personen auswählten, die sich als befähigte V. D. M. erwiesen.

      Wenn die Gesellschaft jemandem die Bezeichnung „Diener des Wortes Gottes“ verlieh, hieß das nicht, daß sie den Betreffenden ordinierte. Es besagte lediglich, daß sich der Prüfungsausschuß im Büro der Gesellschaft sowohl über sein Verständnis der biblischen Lehren als auch in vernünftigem Maße über seinen Ruf informiert hatte und zu dem Schluß gekommen war, daß der Betreffende würdig war, ein Diener des Wortes Gottes genannt zu werden.

      Die V.-D.-M.-Fragen lauteten wie folgt:

      1. Was war die erste schöpferische Tätigkeit Gottes?

      2. Was bedeutet das Wort „Logos“ in Verbindung mit dem Sohne Gottes, und was bezeichnen die Worte Vater und Sohn?

      3. Wann und wie kam die Sünde in die Welt?

      4. Welches ist die göttliche Strafe der Sünde für die Sünder, und wer sind die Sünder?

      5. Warum war es nötig, daß der „Logos“ Fleisch ward, und war er eine „Inkarnation“?

      6. Welche Natur hatte der Mensch Christus Jesus von seiner Kindheit an bis zu seinem Tode?

      7. Welche Natur hat Jesus seit seiner Auferstehung, und welches ist sein Amt bei Jehova?

      8. Welches ist das Werk Jesu während des Evangelium-Zeitalters, während der Zeit von Pfingsten bis jetzt?

      9. Was ist bis jetzt für die Welt von seiten Jehovas Gottes und was von seiten Jesu geschehen?

      10. Welches ist der göttliche Vorsatz hinsichtlich der Kirche, wenn sie vollendet ist?

      11. Welches ist der göttliche Vorsatz hinsichtlich der Welt?

      12. Was wird mit den schließlich Unverbesserlichen geschehen?

      13. Welches wird die Belohnung oder Segnung für die Welt für Gehorsam im Königreiche des Messias sein?

      14. Durch welche Schritte kann ein Sünder zu Christo und zu dem himmlischen Vater gelangen?

      15. Welchen Weg schreibt das Wort Gottes einem Christen vor, der die Zeugung aus dem Heiligen Geiste empfangen hat?

      16. Hast Du Dich von der Sünde abgewandt, um dem lebendigen Gott zu dienen?

      17. Hast Du Dein Leben, all Deine Kräfte und Talente dem Herrn und seinem Dienste geweiht?

      18. Hast Du diese Weihung durch die Wassertaufe symbolisiert?

      19. Hast Du das Gelübde der Heiligkeit des Lebens von der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher auf Dich genommen?

      20. Hast Du die sechs Bände Schriftstudien vollständig und sorgfältig gelesen?

      21. Hast Du dadurch viel Erleuchtung und Nutzen empfangen?

      22. Glaubst Du, so viel und gründliche Kenntnis der Bibel zu haben, daß sie Dich während des Restes Deines Lebens mehr geeignet macht, ein Diener Gottes zu sein, als es vorher sein konnte?

      [Kasten/Bilder auf Seite 216, 217]

      Gebäude aus der Anfangszeit in Brooklyn

      Bethelheim

      Columbia Heights 122-124

      Speisesaal im Bethelheim

      „Tabernacle“

      Büros, Literaturlager, Versandabteilung, Setzereieinrichtung und ein Versammlungssaal mit 800 Sitzplätzen — all das befand sich hier in der Hicks Street 17 (von 1909 bis 1918)

      Der Versammlungssaal

      Druckereien aus der Anfangszeit

      Mitglieder der Bethelfamilie, die 1920 in der Druckerei in der Myrtle Avenue arbeiteten (rechts)

      Myrtle Avenue 35 (1920 bis 1922)

      Concord Street 18 (1922—1927)

      Adams Street 117 (seit 1927)

      [Kasten/Bilder auf Seite 224, 225]

      Reisende Aufseher — Einige von Tausenden

      Kanada, 1905—1933

      England, 1920—1932

      Finnland, 1921 bis 1926, 1947 bis 1970

      Vereinigte Staaten, 1907—1915

      Reisen von einer Versammlung zur anderen

      Grönland

      Venezuela

      Lesotho

      Mexiko

      Peru

      Sierra Leone

      Bewegliche Unterkünfte in Namibia

      Beteiligung am Predigtdienst mit ortsansässigen Zeugen in Japan

      Bei einer Ältestenbesprechung in Deutschland

      Pionieren auf Hawaii wird praktischer Rat erteilt

      Unterweisung einer Versammlung in Frankreich

      [Kasten/Bild auf Seite 229]

      Die ersten rechtlichen Körperschaften

      Zion’s Watch Tower Tract Society. Gegründet 1881 und gesetzlich eingetragen am 15. Dezember 1884 im Staat Pennsylvanien. 1896 wurde ihr Name auf Watch Tower Bible and Tract Society abgeändert. Seit 1955 ist sie als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania bekannt.

      Peoples Pulpit Association. Gegründet 1909 in Verbindung mit der Verlegung des Hauptsitzes der Gesellschaft nach Brooklyn (New York). 1939 wurde der Name auf Watchtower Bible and Tract Society, Inc. abgeändert. Seit 1956 ist sie als Watchtower Bible and Tract Society of New York, Inc. bekannt.

      International Bible Students Association. Eingetragen am 30. Juni 1914 in London (England).

      Jehovas Zeugen haben in vielen Gemeinwesen und Ländern weitere Körperschaften gegründet, um gesetzlichen Anforderungen zu genügen. Sie sind jedoch nicht in nationale oder regionale Organisationen unterteilt, sondern bilden eine geeinte weltweite Bruderschaft.

      [Kasten auf Seite 234]

      Wie die Urchristengemeinde

      In der religiösen Publikation „Interpretation“ hieß es im Juli 1956: „In ihrer Organisation und ihrem Zeugniswerk kommen sie [Jehovas Zeugen] der Urchristengemeinde so nahe wie keine andere Gruppe. ... Wenige Gruppen machen in ihren Botschaften so ausgiebig Gebrauch von der Bibel wie sie, und zwar in Wort und Schrift.“

      [Bild auf Seite 210]

      Zum Zweck einer umfassenderen Aufsicht wurden Zweigbüros gegründet. Das erste befand sich in diesem Gebäude in London (England).

      [Bild auf Seite 221]

      J. F. Rutherford 1941; die Zeugen wußten, daß er nicht ihr Führer war

      [Bild auf Seite 226]

      John Booth, reisender Aufseher in den USA von 1936 bis 1941

      [Bild auf Seite 227]

      Carey Barber, dessen Bezirk einen großen Teil der Vereinigten Staaten einschloß

      [Bild auf Seite 228]

      Bruder Knorr besuchte regelmäßig jeden Zweig und jedes Missionarheim

      [Bild auf Seite 230]

      Aufseher, die in der Zweigorganisation der Gesellschaft eine führende Stellung einnahmen, wurden zu besonderen Schulungen zusammengerufen (New York, 1958)

      [Bilder auf Seite 231]

      In der Königreichsdienstschule wird Aufsehern auf der ganzen Erde wertvolle Unterweisung erteilt

      Die Königreichsdienstschule in einem Flüchtlingslager in Thailand 1978; auf den Philippinen 1966 (oben links)

      [Bilder auf Seite 232]

      Ständig wurden Organisationsanweisungen herausgegeben (zunächst in Englisch, dann in anderen Sprachen), um die Tätigkeit der Zeugen zu koordinieren und alle über die Vorkehrungen zu unterrichten, die als Hilfe für ihren Predigtdienst getroffen wurden

  • Zusammenkünfte — zur Anbetung, Unterweisung und Ermunterung
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 16

      Zusammenkünfte — zur Anbetung, Unterweisung und Ermunterung

      VERSAMMLUNGSZUSAMMENKÜNFTE spielen bei der Tätigkeit der Zeugen Jehovas eine wichtige Rolle. Selbst unter äußerst schwierigen Umständen bemühen sie sich, die Zusammenkünfte regelmäßig zu besuchen, und zwar im Einklang mit der biblischen Ermahnung: „Laßt uns aufeinander achten zur Anreizung zur Liebe und zu vortrefflichen Werken, indem wir unser Zusammenkommen nicht aufgeben, wie es bei einigen Brauch ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, als ihr den Tag herannahen seht“ (Heb. 10:24, 25). Jede Versammlung hält, sofern möglich, dreimal in der Woche Zusammenkünfte ab, die alles in allem 4 Stunden und 45 Minuten dauern. Allerdings wechselte die Art und die Häufigkeit der Zusammenkünfte, je nachdem, was jeweils erforderlich war.

      Im ersten Jahrhundert waren Kundgebungen der Wundergaben des Geistes ein wichtiger Bestandteil der christlichen Zusammenkünfte. Weshalb? Durch diese Gaben bezeugte Gott, daß er sich nicht mehr des jüdischen religiösen Systems bediente, sondern daß sein Geist nun auf der neugegründeten Christenversammlung ruhte (Apg. 2:1-21; Heb. 2:2-4). Während der Zusammenkünfte der ersten Christen wurde gebetet, zum Lobpreis Gottes gesungen und besonderer Wert auf das Prophezeien (das heißt auf die Übermittlung des geoffenbarten göttlichen Willens und Vorsatzes) gelegt sowie darauf, die Zuhörer zu ihrer Erbauung zu unterweisen. Jene Christen lebten in einer Zeit herrlicher Entwicklungen in Verbindung mit dem Vorsatz Gottes. Sie mußten sie erkennen und mußten verstehen, wie sie im Einklang damit handeln konnten. Allerdings gestalteten manche die Zusammenkünfte nicht sehr ausgeglichen und benötigten, wie die Bibel sagt, Rat, damit alle den größtmöglichen Nutzen daraus ziehen konnten (1. Kor. 14:1-40).

      Waren die Grundzüge der Zusammenkünfte jener ersten Christen in den Zusammenkünften der Bibelforscher von den 1870er Jahren an wiederzuerkennen?

      Die geistigen Bedürfnisse der ersten Bibelforscher stillen

      Charles Taze Russell und eine kleine Gruppe Gefährten in Allegheny (Pennsylvanien) und Umgebung gründeten 1870 einen Bibelstudienkreis. Durch die Zusammenkünfte wuchs ihre Liebe zu Gott und zu seinem Wort immer mehr, und nach und nach lernten sie, was die Bibel selbst lehrt. Bei solchen Zusammenkünften sprach keiner auf wundersame Weise in Zungen. Warum nicht? Solche Wundergaben hatten ihren Zweck im ersten Jahrhundert erfüllt und hatten gemäß der Vorhersage der Bibel aufgehört. „Der nächste Schritt“, erklärte Bruder Russell, „bestand darin, die Früchte des Geistes zu offenbaren, wie St. Paulus deutlich hervorhob“ (1. Kor. 13:4-10). Außerdem galt es, wie im ersten Jahrhundert, ein dringendes Evangelisierungswerk zu verrichten, und dazu brauchten sie den nötigen Ansporn (Heb. 10:24, 25). Bald führten sie zwei wöchentliche Zusammenkünfte durch.

      Bruder Russell erkannte, daß es für Jehovas Diener wichtig war, ein vereintes Volk zu sein, ganz gleich, wo sie sich auf dem Erdenrund befanden. Daher ermunterte man 1879, kurz nachdem man mit der Herausgabe des Wacht-Turms begonnen hatte, alle Leser, um einen Besuch Bruder Russells oder eines seiner Gefährten zu bitten. Dabei wurde ausdrücklich erklärt, es würden „keine Gebühren und kein Geld verlangt“. Nachdem etliche Bitten eingegangen waren, begab sich Bruder Russell auf eine einmonatige Reise, die ihn bis nach Lynn (Massachusetts, USA) führte und auf der er täglich — bei jedem Aufenthalt — vier- bis sechsstündige Zusammenkünfte abhielt. Sein Thema lautete: „Dinge, die das Königreich Gottes betreffen“.

      Anfang 1881 drängte Bruder Russell alle Leser des Wacht-Turms, die bis dahin noch nicht regelmäßig Zusammenkünfte in ihrer Gegend abgehalten hatten: „Versammelt euch zu Hause mit eurer Familie oder sogar mit einigen, die interessiert sein mögen. Lest, studiert, singt und betet gemeinsam, und wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da wird der Herr — euer Lehrer — mitten unter euch sein. Das zeichnete auch einige Zusammenkünfte der Kirche in den Tagen der Apostel aus. (Siehe Philemon 2.)“

      Schritt für Schritt wurde das Programm für die Zusammenkünfte entwickelt. Vorschläge wurden unterbreitet, wobei es jedoch der örtlichen Gruppe überlassen blieb, zu entscheiden, was ihren Umständen am ehesten gerecht wurde. Mitunter hielt ein Redner einen Vortrag, doch legte man größeren Wert auf Zusammenkünfte, an denen sich jeder freimütig beteiligen konnte. Manche Bibelforscherklassen verwandten anfangs kaum die Publikationen der Gesellschaft für die Zusammenkünfte, doch reisende Diener — Pilgerbrüder — führten den Brüdern vor Augen, wie wichtig das war.

      Nachdem einige Bände der Bücherserie Millennium-Tagesanbruch veröffentlicht worden waren, nahm man sie als Studiengrundlage. 1895 nannte man die Studiengruppen Tagesanbruch-Bibelstudien.a In Norwegen bezeichneten einige sie als „Lese- und Gesprächsversammlungen“ und erklärten dazu: „Es wurden Auszüge aus Bruder Russells Büchern vorgelesen, und wenn Personen Kommentare oder Fragen hatten, hoben sie die Hand.“ Bruder Russell riet den Anwesenden, bei einem solchen Studium verschiedene Bibelübersetzungen, Querverweise in der Bibel und Bibelkonkordanzen einzubeziehen. Die Gruppen waren meist nicht sehr groß und führten ihr Studium an einem für sie günstigen Abend in Privatwohnungen durch. Diese Zusammenkunft war der Vorläufer des heutigen Versammlungsbuchstudiums.

      Bruder Russell erkannte, daß es nicht reichte, lediglich Grundlehren zu studieren. Man mußte außerdem seiner Ergebenheit Ausdruck verleihen, so daß das Herz der Menschen von einer tiefen Wertschätzung für Gottes Liebe und von dem Wunsch, ihn zu ehren und ihm zu dienen, angetrieben würde. Die Klassen wurden aufgefordert, zu diesem Zweck einmal in der Woche eine besondere Zusammenkunft abzuhalten. Diese nannte man manchmal „Heimversammlung“, da sie in Privatwohnungen stattfand. Zu dem Programm gehörten Zeugnisse, die von den Anwesenden erzählt wurden, sowie Gebete und Lobgesänge.b Solche Zeugnisse waren manchmal anspornende Erfahrungen oder handelten von Prüfungen, Schwierigkeiten und Problemen, die sie in jenen Tagen bewältigen mußten. An einigen Orten verfehlten die Zusammenkünfte allerdings ihren Zweck, weil dabei zu sehr die Person in den Vordergrund gerückt wurde. Im Wacht-Turm wurden taktvolle Verbesserungsvorschläge gemacht.

      Edith Brenisen, die Frau eines der ersten Pilgerbrüder in den Vereinigten Staaten, erzählt von ihren Erinnerungen an solche Zusammenkünfte: „Es war ein Abend, an dem wir über Jehovas liebevolle Fürsorge nachdachten und an dem wir mit unseren Brüdern und Schwestern eng verbunden waren. Während wir ihren Erfahrungen lauschten, lernten wir sie immer besser kennen. Wenn wir ihre Treue beobachteten und sahen, wie sie ihre Schwierigkeiten überwanden, fiel es uns oft leichter, unsere eigenen Probleme zu lösen.“ Mit der Zeit zeigte sich jedoch, daß Zusammenkünfte, durch die der einzelne für das Evangelisierungswerk ausgerüstet wurde, nutzbringender waren.

      Die Gestaltung der Sonntagszusammenkunft an einigen Orten bereitete den Brüdern Kopfzerbrechen. Manche Klassen versuchten es mit einer Vers-für-Vers-Betrachtung der Bibel. Doch mitunter waren die Meinungsverschiedenheiten über die Bedeutung alles andere als erbauend. Um dem abzuhelfen, stellten einige aus der Versammlung in Los Angeles (Kalifornien) einen Entwurf für ein thematisches Bibelstudium mit Fragen und Quellenangaben zusammen, und jeder in der Klasse sollte sich vor der Zusammenkunft darauf vorbereiten. 1902 sorgte die Gesellschaft für eine Bibel mit den „Beröer-Bibelstudienhilfen“ in Englisch, wozu auch ein Sachverzeichnis gehörte.c Zur weiteren Vereinfachung veröffentlichte der Wacht-Turm vom 1. November 1905 an (engl.: 1. März 1905) als Grundlage für die Besprechungen in den Zusammenkünften und zum Nachforschen Fragen sowie Verweise auf die Bibel oder auf die Publikationen der Gesellschaft. Damit fuhr man bis 1914 fort, doch inzwischen wurden Studienfragen zu den Schriftstudien veröffentlicht, die als Grundlage für die Beröer-Studien dienten.

      Jeder Klasse stand derselbe Stoff zur Verfügung, aber die Zusammenkünfte wurden, je nachdem, was man am Ort festgelegt hatte, ein- bis viermal in der Woche oder noch öfter abgehalten. In Colombo (Ceylon, heute Sri Lanka) fanden die Zusammenkünfte ab 1914 sogar an sieben Tagen in der Woche statt.

      Die Bibelforscher wurden dazu angeregt nachzuforschen, ‘alles zu prüfen’ und Gedanken in eigene Worte zu kleiden (1. Thes. 5:21, EB). Bruder Russell legte allen ans Herz, sich an den Gesprächen über das Studienmaterial rege und freimütig zu beteiligen. Gleichzeitig schrieb er mahnend: „Laßt uns nie vergessen, daß die Bibel unser Maßstab ist und daß, wie Gott-gegeben unsere Hilfsmittel auch sein mögen, sie doch nur ‚Hilfsmittel‘ und kein Ersatz für die Bibel sind.“

      Feier zum Gedenken an den Tod des Herrn

      Etwa von 1876 an trafen die Bibelforscher jedes Jahr Vorkehrungen für die Gedächtnismahlfeier.d Anfangs traf sich die Gruppe aus Pittsburgh (Pennsylvanien) und Umgebung in der Wohnung eines Bruders. Bis 1883 war die Anwesendenzahl dort allerdings auf ungefähr 100 Personen angestiegen, weshalb man einen gemieteten Saal benutzte. 1905 beschlossen die Brüder, die geräumige Carnegie Hall zu mieten, um die große Zuhörerschaft, mit der man rechnete, in Pittsburgh unterbringen zu können.

      Die Bibelforscher verstanden, daß diese Feier jährlich und nicht wöchentlich begangen werden sollte. Der Tag, an dem sie die Feier abhielten, entsprach gemäß dem jüdischen Kalender dem Todestag Jesu, dem 14. Nisan. Im Laufe der Jahre wurde die Methode zur Errechnung dieses Datums vervollkommnet.e Doch am wichtigsten war die Bedeutung des Ereignisses selbst.

      Obwohl sich die Bibelforscher zu dieser Gedenkfeier in unterschiedlich großen Gruppen an zahlreichen Orten versammelten, war den Brüdern in Pittsburgh jeder, der sich ihnen anschließen konnte, willkommen. Zwischen 1886 und 1893 wurden die Leser des Wacht-Turms ganz besonders dazu eingeladen, wenn irgend möglich, nach Pittsburgh zu kommen, und sie kamen aus den verschiedensten Gegenden der Vereinigten Staaten und Kanadas. Dadurch konnten sie das Gedächtnismahl gemeinsam begehen und die Bande geistiger Einheit stärken. Als es allerdings in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern der Welt immer mehr Bibelklassen gab, war es nicht mehr praktisch, sich an e i n e m Ort zu versammeln, und man erkannte, daß es besser wäre, sich mit seinen Glaubensbrüdern in der Gegend zu versammeln, wo man zu Hause war.

      Wie im Wacht-Turm gezeigt wurde, beteuerten viele, an das Lösegeld zu glauben, und kein einziger von ihnen wurde bei der jährlichen Gedenkfeier abgewiesen. Von besonderer Bedeutung war dieser Anlaß aber für diejenigen, die wirklich zu Christi „kleiner Herde“ gehörten. Sie würden nämlich an dem himmlischen Königreich teilhaben. Denn zu Personen mit einer solchen Hoffnung sagte Christus am Abend vor seinem Tod, als er das Gedächtnismahl einsetzte: „Tut dies immer wieder zur Erinnerung an mich“ (Luk. 12:32; 22:19, 20, 28-30).

      In den 30er Jahren traten vermehrt die voraussichtlichen Glieder der „großen Schar“ oder „großen Volksmenge“ anderer Schafe in Erscheinung (Offb. 7:9, 10, Lu; Joh. 10:16). Man nannte sie damals Jonadabe. Sie wurden im Wachtturm vom 1. März 1938 zum erstenmal speziell zum Gedächtnismahl eingeladen. Es hieß dort: „Möge sich also jede Gruppe der Gesalbten am Freitag, den 15. April, nach 6 Uhr abends versammeln und die Gedächtnisfeier halten, und möchten ihre Gefährten, die Jonadabe, ebenfalls anwesend sein.“ Sie waren anwesend, nicht als Teilnehmer, sondern als Beobachter. Durch ihre Anwesenheit schnellte die Zahl derer, die die Feier zum Gedenken an den Tod Christi besuchten, in die Höhe. 1938 belief sich die Gesamtzahl der Anwesenden auf 73 420; 39 225 nahmen von den Symbolen — Brot und Wein. In den darauffolgenden Jahren waren unter den Beobachtern auch zahlreiche neuinteressierte Personen und andere, die noch keine tätigen Zeugen Jehovas waren. Obwohl 1992 eine Höchstzahl von 4 472 787 Personen im Predigtdienst tätig war und das Gedächtnismahl von 11 431 171 besucht wurde, nahmen nur 8 683 von den Symbolen. In manchen Ländern betrug die Anwesendenzahl sogar das Fünf- bis Sechsfache der Zahl tätiger Zeugen.

      Jehovas Zeugen feiern das Gedächtnismahl selbst unter äußerst widrigen Umständen, da sie dem Tod Christi große Bedeutung beimessen. Als in Rhodesien (dem heutigen Simbabwe) in den 70er Jahren während des Krieges Ausgangssperren verhängt wurden und man abends nicht weggehen konnte, versammelten sich in einigen Gegenden alle Brüder im Laufe des Tages in der Wohnung eines Zeugen Jehovas, wo sie abends das Gedächtnismahl feierten. Natürlich konnten sie nach der Zusammenkunft nicht heimgehen und mußten dort übernachten. Die verbleibenden Abendstunden nutzten sie, um Königreichslieder zu singen und Erfahrungen zu erzählen, wodurch sie zusätzlich gestärkt wurden.

      Auch in den Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gedächtnismahl gefeiert, obwohl es harte Strafen nach sich gezogen hätte, wenn die Wärter es entdeckt hätten. Harold King, der von 1958 bis 1963 wegen seines christlichen Glaubens im kommunistischen China in Einzelhaft war, feierte das Gedächtnismahl, so gut es ihm unter diesen Umständen eben möglich war. Später erzählte er: „Durch mein Zellenfenster beobachtete ich, wie der Mond gegen Frühlingsanfang voll wurde. Ich rechnete das Datum der Gedächtnisfeier so genau wie möglich aus.“ Bei den Symbolen mußte er improvisieren, indem er aus schwarzen Johannisbeeren etwas Wein machte und Reis, der ja ungesäuert ist, als Brot verwendete. Er erzählte weiter: „Ich sang und betete und hielt eine richtige Ansprache bei der Gedächtnisfeier, wie es in irgendeiner Versammlung des Volkes Jehovas sonst geschehen würde. So fühlte ich mich jedes Jahr mit meinen Brüdern in der ganzen Welt verbunden, als ich diese so wichtige Feier beging.“

      Ein Platz für junge Leute

      In den Anfangsjahren waren die Publikationen und die Zusammenkünfte der Bibelforscher nicht gerade auf junge Leute zugeschnitten. Sie durften die Zusammenkünfte besuchen, und einige taten das auch und hörten interessiert zu. Aber man bemühte sich nicht sonderlich darum, sie in das Versammlungsgeschehen einzubeziehen. Warum nicht?

      Damals dachten die Brüder, daß nur noch eine sehr kurze Zeit verbliebe, bis alle Glieder der Braut Christi mit Jesus in himmlischer Herrlichkeit vereint sein würden. Im Wacht-Turm von 1883 (engl.) wurde erklärt: „Wir, die wir für die himmlische Berufung geschult werden, können dem besonderen Werk dieser Zeitepoche nicht aus dem Weg gehen — dem Werk der Vorbereitung ‚der Braut, des Weibes des Lammes‘. Die Braut muß sich bereit machen; und gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wo die letzten Vorbereitungen dafür getroffen werden, die Braut für die Hochzeit zu schmücken, bedarf es des Dienstes jedes einzelnen in diesem so bedeutenden gegenwärtigen Werk.“

      Eltern wurde eingeschärft, ihrer von Gott gegebenen Verantwortung nachzukommen, für die geistige Belehrung ihrer Kinder zu sorgen. Sonntagsschulen für Jugendliche wurden nicht begrüßt. Es hatte sich gezeigt, daß die Christenheit mit ihren Sonntagsschulen viel Schaden angerichtet hatte. Eltern, die ihre Kinder in solche Schulen schickten, meinten nicht selten, dadurch von der Verantwortung, ihre Kinder religiös zu unterweisen, enthoben zu sein. Außerdem wurden die Kinder dabei nicht motiviert, ihre Eltern zu ehren und ihnen den gebührenden Gehorsam zu erweisen, da die Eltern für sie nicht die wichtigsten Bezugspersonen waren, was die Belehrung über Gott anging.

      Zwischen 1892 und 1927 räumte man im Wacht-Turm allerdings Platz für Kommentare zu Texten der „Internationalen Sonntagsschullektionen“ ein, die sich damals in vielen protestantischen Kirchen großer Beliebtheit erfreuten. Diese Texte wurden viele Jahre lang von einem kongregationalistischen Geistlichen, F. N. Peloubet, und seinen Gehilfen ausgesucht. Sie wurden im Wacht-Turm unter dem Gesichtspunkt der fortgeschrittenen biblischen Erkenntnis der Bibelforscher beleuchtet — frei von den Glaubenssätzen der Christenheit. Man hoffte so, mit dem Wacht-Turm Eingang in einige Kirchen zu finden und die Wahrheit verbreiten zu können, so daß manche Anhänger der Kirche sie annehmen würden. Natürlich war die unterschiedliche Erklärung augenfällig, und das ärgerte die protestantischen Geistlichen.

      Das Jahr 1918 brach an, und der Überrest oder die Übriggebliebenen der Gesalbten waren noch immer auf der Erde. Die Zahl der Kinder bei den Zusammenkünften war stark angestiegen. Meistens erlaubten die Eltern den Kindern zu spielen, während sie studierten. Aber auch junge Menschen mußten lernen, ‘Gerechtigkeit und Demut zu suchen’, wenn sie ‘am Tage des Zorns des Herrn verborgen werden’ sollten (Zeph. 2:3, Lu). Deshalb ermunterte die Gesellschaft die Versammlungen 1918 dazu, für Kinder im Alter von 8 bis 15 Jahren Jugendgruppen einzurichten. Manchenorts gab es sogar Gruppen für Kinder, die für die Jugendgruppen zu jung waren. Gleichzeitig wurde den Eltern erneut die Verantwortung, die sie gegenüber ihren Kindern haben, vor Augen geführt.

      Das führte zu weiteren Entwicklungen. 1920 gab es im Goldenen Zeitalter (engl.) eine Sparte „Jugendbibelstudium“ mit Fragen und dazugehörigen Bibeltexten, in denen die Antwort gefunden werden konnte. Im selben Jahr wurde die bebilderte Broschüre The Golden Age ABC (Das ABC des Goldenen Zeitalters) herausgegeben, die die Eltern dazu verwendeten, ihren Kindern grundlegende Wahrheiten der Bibel zu vermitteln und ihnen zu helfen, christliche Eigenschaften zu entwickeln. 1924 folgte das Buch Der Weg zum Paradiese, geschrieben von W. E. Van Amburgh. Es war „der Jugend zum Forschen in der Heiligen Schrift gewidmet“. Eine Zeitlang gebrauchte man es für die Zusammenkünfte mit den Jüngeren. Zudem hatten die „Juniorzeugen“ in Amerika ihre eigenen Predigtdienstvorkehrungen. In der Schweiz gründete eine Jugendgruppe die Vereinigung „Jehovas Jugend“, und zwar für 13 bis 25jährige. Sie hatten in Bern ein eigenes Sekretariat, und auf den Druckpressen der Gesellschaft wurde eine besondere Zeitschrift mit dem Titel Jehovas Jugend hergestellt. Die Jugendlichen hatten ihre eigenen Zusammenkünfte und führten sogar biblische Dramen auf, wie beispielsweise im Zürcher Volkshaus vor 1 500 Zuschauern.

      Jedoch entwickelte sich auf diese Weise eine Organisation innerhalb der Organisation der Diener Jehovas. Das diente nicht der Einheit und wurde deshalb 1936 abgeschafft. Im April 1938 stellte J. F. Rutherford, der Präsident der Gesellschaft, während seines Besuchs in Australien fest, daß neben dem Kongreß für die Erwachsenen auch eine Veranstaltung für die Kinder stattfand. Sofort sorgte er zum großen Nutzen der Kinder dafür, daß sie alle zu dem Hauptkongreß gebracht wurden.

      Im selben Jahr behandelte Der Wachtturm die Angelegenheit der gesonderten Jugendgruppen in der Versammlung. Erneut wurde betont, daß Eltern für die Belehrung ihrer Kinder verantwortlich sind (Eph. 6:4; vergleiche 5. Mose 4:9, 10; Jeremia 35:6-10). Außerdem wurde erklärt, daß es für das Absondern der Kinder in Juniorengruppen keinerlei Vorbild in der Bibel gibt. Statt dessen sollten die Kinder mit ihren Eltern gemeinsam das Wort Gottes hören (5. Mo. 31:12, 13; Jos. 8:34, 35). Falls weitere Erklärungen zu dem Studienmaterial erforderlich waren, konnten die Eltern sie zu Hause geben. Des weiteren hieß es in diesen Artikeln, daß die Einrichtungen von gesonderten Gruppen eigentlich vom Predigen der guten Botschaft von Haus zu Haus ablenken. Inwiefern? Die Lehrer gingen nicht in den Predigtdienst, weil sie den Unterricht vorbereiten und durchführen mußten. Daher wurden alle gesonderten Zusammenkünfte für Jugendliche abgeschafft.

      Bis heute ist es bei Jehovas Zeugen üblich, die Versammlungszusammenkünfte gemeinsam als Familie zu besuchen. Die Eltern helfen den Kindern bei der Vorbereitung, damit sie sich angemessen an den Zusammenkünften beteiligen können. Zudem stehen den Eltern vorzügliche Publikationen zur Verfügung, mit deren Hilfe sie ihre Kinder zu Hause belehren können. Dazu gehören die Bücher Kinder (1941); Auf den Großen Lehrer hören (1971); Mache deine Jugend zu einem Erfolg (1976); Mein Buch mit biblischen Geschichten (1978) und Fragen junger Leute — Praktische Antworten (1989).

      Alle ausrüsten, Evangeliumsverkündiger zu sein

      Seit der Veröffentlichung der ersten Ausgaben des Wacht-Turms sind dessen Leser regelmäßig an das Vorrecht und die Verantwortung aller wahren Christen erinnert worden, die gute Botschaft über den Vorsatz Gottes zu verkündigen. Durch die Versammlungszusammenkünfte wuchs ihre Liebe zu Jehova und ihre Erkenntnis über seinen Vorsatz, und so wurde ihr Herz und ihr Sinn auf diese Tätigkeit vorbereitet. Doch besonders nach dem Kongreß in Cedar Point (Ohio) 1922 wurde viel stärker hervorgehoben, was durch den Predigtdienst erreicht wurde und wie man ihn wirkungsvoll durchführen konnte.

      Das Bulletinf — ein Faltblatt mit Anregungen für den Predigtdienst — enthielt ein kurzes Zeugnis (damals die sogenannte Werbeaktion), das auswendig gelernt werden sollte, um anderen Menschen Zeugnis zu geben. Zum Ansporn für vereinte Bemühungen, das Königreich zu verkünden, widmete man 1923 nahezu an jedem ersten Mittwochabend des Monats die halbe Gebets-, Lobpreisungs- und Zeugnisversammlung den Predigtdiensterfahrungen.

      Spätestens 1926 nannte man die monatliche Zusammenkunft, bei der sich alles um den Predigtdienst drehte, Erntearbeiterversammlung. Diese Zusammenkunft wurde gewöhnlich von all denen besucht, die auch wirklich am Predigtdienst teilnahmen. Man besprach verschiedene Methoden, Zeugnis zu geben, und plante die künftige Tätigkeit. 1928 rief die Gesellschaft alle Versammlungen dazu auf, diese Zusammenkunft jede Woche abzuhalten. Vier Jahre später wurde die Zeugnisversammlung (oder Erfahrungsstunde) allmählich durch die sogenannte Dienstversammlung ersetzt, und die Gesellschaft ermunterte alle, sie zu besuchen. Seit über 60 Jahren wird diese wöchentliche Zusammenkunft in den Versammlungen abgehalten. Durch Ansprachen, Besprechungen mit Beteiligung der Zuhörerschaft, Demonstrationen und Interviews wird für jeden Aspekt des christlichen Dienstes Hilfe geboten.

      Diese Art Zusammenkunft war ganz sicher keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Jesus selbst gab seinen Jüngern ausführliche Anweisungen, bevor er sie zum Predigen aussandte (Mat. 10:5 bis 11:1; Luk. 10:1-16). Danach ermunterten sie sich gegenseitig, indem sie sich versammelten und Predigtdiensterfahrungen austauschten (Apg. 4:21-31; 15:3).

      In den Anfangsjahren wurde man bei den regulären Versammlungszusammenkünften nicht für das öffentliche Reden geschult. Aber spätestens 1916 wurde empfohlen, daß sich diejenigen, die das Gefühl hatten, sich als Vortragsredner zu eignen, gesondert versammelten, wobei ein Ältester als Vorsitzender sie anhören und Verbesserungsvorschläge zum Inhalt und zur Vortragsart machen könnte. Diese Zusammenkünfte, an denen nur Brüder der Versammlung teilnahmen, wurden später Prophetenschulen genannt. Grant Suiter erzählte zurückblickend auf die damaligen Ereignisse: „Die konstruktive Kritik, die ich in der Schule erhielt, war ... nichts im Vergleich zu dem, was ich später von meinem Vater zu hören bekam, nachdem er einer dieser Zusammenkünfte beigewohnt und gehört hatte, wie ich versuchte, eine Ansprache zu halten.“ Um denen zu helfen, die Fortschritte machen wollten, entwarfen und druckten Brüder auf privater Ebene ein Lehrbuch über öffentliches Reden, das auch Redepläne für verschiedene Vorträge enthielt. Mit der Zeit wurden die Prophetenschulen jedoch abgeschafft. Um die besonderen Bedürfnisse in jener Zeit zu stillen, konzentrierte man sich völlig darauf, jeden einzelnen in der Versammlung auszurüsten, einen vollen Anteil am Predigen von Haus zu Haus zu haben.

      War es möglich, jeden einzelnen in dieser wachsenden internationalen Organisation so auszurüsten, daß er nicht nur ein kurzes Zeugnis geben und biblische Literatur zurücklassen, sondern auch wirkungsvoll reden und ein Lehrer des Wortes Gottes sein konnte? Das war das Ziel einer besonderen Schule, die 1943 in jeder Versammlung der Zeugen Jehovas eingeführt wurde. Diese Schule gab es in der Weltzentrale der Zeugen Jehovas bereits seit Februar 1942. Jede Woche wurde Belehrung vermittelt, und die Studierenden hielten Ansprachen, zu denen ihnen Rat erteilt wurde. Anfangs hielten nur männliche Personen Ansprachen in der Schule, obwohl die ganze Versammlung ermuntert wurde, anwesend zu sein, die Lektionen vorzubereiten und sich an der Wiederholung zu beteiligen. 1959 durften sich auch Schwestern in die Schule eintragen lassen, so daß sie geschult wurden, indem sie im Zwiegespräch biblische Themen erörterten.

      Über den Erfolg dieser Schule berichtete der südafrikanische Zweig der Watch Tower Society: „Durch diese hervorragende Einrichtung war es möglich, in kurzer Zeit aus vielen Brüdern, die nie gedacht hätten, daß sie je öffentlich sprechen könnten, gute Redner zu machen, die auch wirkungsvolleren Predigtdienst durchführten. In ganz Südafrika hießen die Brüder diese neue Vorkehrung Jehovas willkommen und setzten sie begeistert in die Tat um, und das, obwohl einige wegen der Sprache und der mangelnden Bildung große Schwierigkeiten hatten.“

      Die Theokratische Predigtdienstschule ist bis heute eine wichtige Versammlungszusammenkunft der Zeugen Jehovas. Fast alle, die dazu in der Lage sind, haben sich in diese Schule eintragen lassen. Junge und alte, neue und erfahrene Zeugen nehmen daran teil. Es ist ein fortlaufendes Bildungsprogramm.

      Die Öffentlichkeit eingeladen, zu sehen und zu hören

      Jehovas Zeugen sind keineswegs ein Geheimbund. Ihre biblisch begründeten Glaubensansichten werden in ihren Publikationen, die jedem zugänglich sind, ausführlich erklärt. Außerdem bemühen sie sich besonders darum, Außenstehende zu ihren Zusammenkünften einzuladen, damit sie selbst hören und sehen, was dort vor sich geht.

      Jesus Christus unterwies seine Jünger privat, aber er sprach auch öffentlich — an Stränden, an Berghängen, in Synagogen, in der Tempelgegend in Jerusalem —, wo die Volksmengen ihn hören konnten (Mat. 5:1, 2; 13:1-9; Joh. 18:20). In Anlehnung daran begannen die Bibelforscher schon in den 1870er Jahren, Zusammenkünfte zu organisieren, bei denen Freunde, Nachbarn und andere, die daran interessiert waren, einen Vortrag über Gottes Vorsatz in Verbindung mit der Menschheit hören konnten.

      Man war besonders darum bemüht, die Vorträge an Orten zu halten, die für die Öffentlichkeit leicht erreichbar waren. Das nannte man das Klassen-Ausdehnungswerk. 1911 wurden die Versammlungen, die genügend talentierte Redner hatten, ermuntert, einige von ihnen in die umliegenden Städte und Dörfer zu senden, um dort in öffentlichen Sälen Zusammenkünfte zu organisieren. Wo es möglich war, begann man mit einer sechsteiligen Vortragsserie. Beim letzten dieser Vorträge erkundigte sich der Redner danach, wie viele der Anwesenden meinten, sich so sehr für ein Bibelstudium zu interessieren, daß sie sich regelmäßig versammeln würden. Über 3 000 solcher Vorträge wurden im ersten Jahr gehalten.

      Von 1914 an wurde auch das „Photo-Drama der Schöpfung“ öffentlich vorgeführt. Die Brüder verlangten keinen Eintritt. Seitdem hat es weitere Film- und Diavorführungen gegeben. In den 20er Jahren und danach konnte man sich außerdem zu Hause biblische Vorträge anhören, da die Watch Tower Society ausgiebigen Gebrauch vom Rundfunk machte. In den 30er Jahren wurden Aufnahmen von J. F. Rutherfords Vorträgen Tausende von Malen öffentlich abgespielt.

      Bis 1945 war eine große Anzahl Vortragsredner durch die Theokratische Predigtdienstschule ausgebildet worden. Im Januar jenes Jahres wurde ein gut organisierter Feldzug für öffentliche Zusammenkünfte in Gang gesetzt. Die Gesellschaft hatte Redepläne für eine zeitgemäße achtteilige Vortragsserie bereitgestellt. Die Vorträge wurden mit Handzetteln und manchmal auf Plakaten angekündigt. Die Brüder bemühten sich besonders darum, solche Zusammenkünfte für die Öffentlichkeit außer in den regulären Räumlichkeiten der Versammlung auch in Gebieten durchzuführen, wo es keine Versammlung gab. Jeder in der Versammlung konnte seinen Teil tun — indem er die Zusammenkünfte ankündigte, sie selbst unterstützte, Neue willkommen hieß und deren Fragen beantwortete. Während des ersten Jahres dieser besonderen Tätigkeit wurden in den Vereinigten Staaten 18 646 Zusammenkünfte für die Öffentlichkeit organisiert mit insgesamt 917 352 Anwesenden. Im folgenden Jahr stieg die Zahl der Zusammenkünfte für die Öffentlichkeit in Amerika auf 28 703 an. 1945 fanden in Kanada 2 552 solcher Zusammenkünfte statt, wohingegen es im Jahr darauf 4 645 waren.

      Für die meisten Versammlungen der Zeugen Jehovas ist die Zusammenkunft für die Öffentlichkeit heute ein fester Bestandteil der wöchentlichen Zusammenkünfte. Dabei handelt es sich um einen Vortrag, bei dem jeder angeregt wird, die gelesenen und besprochenen Schlüsseltexte in der Bibel mitzuverfolgen. Diese Zusammenkunft ist eine reiche Quelle geistiger Belehrung sowohl für die Versammlung als auch für Neuinteressierte.

      Wer die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas das erste Mal besucht, ist oft angenehm überrascht. Ein prominenter Politiker in Simbabwe ging zu einem Königreichssaal, um herauszufinden, was dort vor sich ging. Er neigte etwas zur Gewalttätigkeit und ging absichtlich unrasiert und ungekämmt dorthin. Er erwartete, daß die Zeugen ihn davonjagen würden. Statt dessen zeigten sie, daß sie ehrlich an ihm interessiert waren, und ermunterten ihn zu einem Heimbibelstudium. Heute ist er ein demütiger, friedfertiger christlicher Zeuge.

      Millionen von Menschen fühlten sich, nachdem sie die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas besucht hatten, bewogen zu sagen: „Gott ist wirklich unter euch“ (1. Kor. 14:25).

      Geeignete Zusammenkunftsstätten

      In den Tagen der Apostel Jesu Christi hielten die Christen ihre Zusammenkünfte oft in Privathäusern ab. An manchen Orten konnten sie in jüdischen Synagogen sprechen. In Ephesus hielt der Apostel Paulus zwei Jahre lang Vorträge im Hörsaal einer Schule (Apg. 19:8-10; 1. Kor. 16:19; Philem. 1, 2). Ebenso versammelten sich die Bibelforscher gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Privatwohnungen und hielten manchmal in kirchlichen Gebäuden oder gemieteten Sälen Ansprachen. In einigen Fällen erwarb man später Gebäude, die früher von anderen religiösen Gruppen benutzt worden waren, und versammelte sich regelmäßig dort. Beispiele hierfür sind das „Brooklyn Tabernacle“ und das „London Tabernacle“.

      Doch man brauchte und wollte keine prunkvollen Gebäude für die Zusammenkünfte. Ein paar Versammlungen kauften und renovierten geeignete Gebäude; andere bauten neue Säle. Nach 1935 setzte sich allmählich die Bezeichnung „Königreichssaal“ für die Zusammenkunftsstätten der Versammlungen durch. Diese Säle sehen im allgemeinen ansprechend aus, sind aber nicht pompös. Die Architektur ist vielleicht von Ort zu Ort verschieden, aber das Gebäude ist zweckmäßig.

      Ein und dasselbe Lehrprogramm

      Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in bezug auf das geistige Wachstum und die Tätigkeit der einzelnen Versammlungen gewaltige Unterschiede. Sie hatten grundlegende Glaubensansichten gemeinsam, durch die sie sich von der Christenheit abhoben. Doch während einige Brüder die Art und Weise, wie Jehova sein Volk geistig versorgte, ungemein schätzten, ließen sich andere leicht von den Ansichten einzelner mitreißen, die in gewissen Angelegenheiten eine starke persönliche Meinung vertraten.

      Vor seinem Tod betete Jesus darum, daß seine Nachfolger „alle eins seien“ — in Einheit mit Gott und Christus sowie miteinander (Joh. 17:20, 21). Darunter verstand er nicht Gleichschaltung. Vielmehr ist es das Ergebnis ein und desselben Bildungsprogramms, für das willige Herzen empfänglich sind. Schon vor langer Zeit wurde vorhergesagt: „Alle deine Söhne werden von Jehova Belehrte sein, und der Frieden deiner Söhne wird überströmend sein“ (Jes. 54:13). Damit sich alle dieses Friedens völlig erfreuen könnten, mußte ihnen die fortschreitende Belehrung zugute kommen, die Jehova durch seinen sichtbaren Mitteilungskanal vermittelt.

      Viele Jahre lang benutzten die Bibelforscher die einzelnen Bände der Schriftstudien und die Bibel als Grundlage für ihre Besprechungen. Sie enthielten wirklich geistige „Speise zur rechten Zeit“ (Mat. 24:45). Ein fortlaufendes Studium der Heiligen Schrift unter dem Einfluß des Geistes Gottes offenbarte allerdings, daß es noch viel zu lernen gab und daß Jehovas Diener in vielen Dingen in geistiger Hinsicht geläutert werden mußten (Mal. 3:1-3; Jes. 6:1-8). Außerdem erfüllten sich nach der Aufrichtung des Königreiches im Jahre 1914 viele Prophezeiungen Schlag auf Schlag, durch die allen wahren Christen klar wurde, daß sie ein dringendes Werk zu verrichten hatten. Dieser zeitgemäße biblische Aufschluß wurde regelmäßig durch den Wacht-Turm vermittelt.

      Einige reisende Beauftragte der Gesellschaft schlugen dem Hauptbüro vor, daß alle Versammlungen jede Woche regelmäßig den Wacht-Turm studieren sollten, da ihnen aufgefallen war, daß nicht jeder in der Versammlung aus den Artikeln Nutzen zog. Diese Empfehlung wurde an die Versammlungen weitergeleitet, und mit der Ausgabe vom August 1922 (engl.: 15. Mai 1922) erschienen für das Studium der Hauptartikel im Wacht-Turm in steter Folge die „Beröerfragen“. Die meisten Versammlungen führten dieses Studium einmal oder mehrmals in der Woche durch, nur in welchem Maße sie wirklich den Inhalt der Zeitschrift studierten, war von Versammlung zu Versammlung verschieden. In einigen Versammlungen dauerte das Studium zwei Stunden und länger, weil der Leiter viel erzählte.

      Während der 30er Jahre löste die theokratische Organisation jedoch demokratische Vorgehensweisen ab. Das beeinflußte die Einstellung zum Wachtturm-Studiumg maßgeblich. Man konzentrierte sich mehr darauf, das Studienmaterial der Gesellschaft zu verstehen. Diejenigen, die in den Zusammenkünften nur eine Gelegenheit gesehen hatten, ihre persönlichen Ansichten wiederzugeben, und ihrer Verantwortung, am Predigtdienst teilzunehmen, nicht nachkommen wollten, zogen sich allmählich zurück. Dank geduldiger Hilfe lernten die Brüder, das Studium auf eine Stunde zu beschränken. Es wurden mehr Kommentare gegeben; die Zusammenkünfte wurden lebendiger. Außerdem wurden die Versammlungen dadurch, daß sie ein und dasselbe geistige Ernährungsprogramm hatten, bei dem das Wort Gottes der Maßstab für die Wahrheit war, von einem echten Geist der Einheit durchdrungen.

      Der Wachtturm wurde 1938 in ungefähr 20 Sprachen veröffentlicht. Alle Artikel erschienen zuerst in Englisch. Wegen der Zeit, die man für das Übersetzen und das Drucken benötigte, dauerte es in der Regel Monate, mitunter sogar ein Jahr, bis sie in anderen Sprachen verfügbar waren. Dank einer veränderten Druckmethode konnte man den Wachtturm in den 80er Jahren jedoch in vielen Sprachen simultan herausbringen. Im Jahre 1992 konnten Versammlungen in 66 Sprachen zur selben Zeit denselben Stoff studieren. Auf diese Weise nehmen die meisten Zeugen Jehovas weltweit Woche für Woche dieselbe geistige Speise zu sich. In ganz Nord- und Südamerika, fast überall in Europa, in etlichen Ländern Asiens, vielen Gegenden Afrikas und auf zahlreichen Inseln dieser Erde erhält Jehovas Volk zur selben Zeit dieselbe geistige Speise. Gemeinsam werden alle „in demselben Sinn und in demselben Gedankengang fest vereint“ (1. Kor. 1:10).

      Die Zahl der Anwesenden bei den Versammlungszusammenkünften der Zeugen Jehovas beweist, daß sie ihre Zusammenkünfte ernst nehmen. 1989 waren in Italien, wo es etwa 172 000 tätige Zeugen gibt, wöchentlich durchschnittlich 220 458 Personen bei den Zusammenkünften im Königreichssaal anwesend. Im Gegensatz dazu meldete eine katholische Presseagentur, daß 80 Prozent der Italiener zwar behaupteten, katholisch zu sein, daß aber bloß etwa 30 Prozent den Gottesdienst einigermaßen regelmäßig besuchten. Im Verhältnis gesehen ist es in Brasilien nicht anders. Die Staatskirche Dänemarks behauptete, 1989 hätten ihr 89,7 Prozent der Bevölkerung angehört, doch lediglich 2 Prozent gingen einmal in der Woche zur Kirche! Zu dieser Zeit hatten Jehovas Zeugen in Dänemark bei ihren wöchentlichen Zusammenkünften eine Besucherquote von 94,7 Prozent. In der Bundesrepublik Deutschland ergab 1989 eine Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie, daß 5 Prozent der Protestanten und 25 Prozent der Katholiken regelmäßig zum Gottesdienst gingen. In den Königreichssälen der Zeugen Jehovas überstieg die wöchentliche Zahl der Anwesenden jedoch die Zahl der Zeugen.

      Oftmals unternahmen die Besucher große Anstrengungen, um bei den Zusammenkünften zugegen zu sein. In den 80er Jahren mußte eine 70jährige Frau in Kenia jede Woche 10 Kilometer zu Fuß gehen und durch einen Fluß waten, um in die Zusammenkünfte zu kommen. Eine koreanische Zeugin in den Vereinigten Staaten brauchte für die Hin- beziehungsweise Rückfahrt zu den Zusammenkünften in ihrer Sprache jeweils drei Stunden, in denen sie mit dem Bus, dem Zug, einem Boot und zu Fuß unterwegs war. In Suriname wandte eine Familie mit geringem Einkommen jede Woche einen ganzen Tagesverdienst für die Buskosten auf, um die Zusammenkünfte zu besuchen. Eine Familie in Argentinien mußte regelmäßig 50 Kilometer zurücklegen und ein Viertel ihres Einkommens ausgeben, um den Zusammenkünften, in denen die Bibel studiert wird, beiwohnen zu können. Wenn jemand aufgrund seiner Krankheit die Versammlungszusammenkünfte überhaupt nicht besuchen kann, wird oft dafür gesorgt, daß er das Programm über Telefon mitverfolgen kann oder Kassettenaufnahmen davon erhält.

      Jehovas Zeugen nehmen den biblischen Rat ernst, ihr Zusammenkommen zur geistigen Erbauung nicht aufzugeben (Heb. 10:24, 25). Doch sie besuchen nicht nur die örtlichen Zusammenkünfte. Auch der Besuch von Kongressen gehört zu den Höhepunkten ihres jährlichen Programms.

      [Fußnoten]

      a In Anlehnung an den Bericht über die Beröer des ersten Jahrhunderts, die dafür gelobt wurden, daß sie „in den Schriften sorgfältig forschten“ (Apg. 17:11), nannte man diese Zusammenkünfte später Beröer-Bibelstudien.

      b Diese Zusammenkünfte nannte man wegen ihres Aufbaus auch Gebets-, Lobpreisungs- und Zeugnisversammlungen. Im Hinblick auf die Wichtigkeit des Gebets wurde im Laufe der Zeit vorgeschlagen, alle drei Monate eine Zusammenkunft ausschließlich dem Gebet zu widmen, bei der dann zwar Hymnen gesungen, aber keine Erfahrungen erzählt wurden.

      c Die Beröer-Studienhilfen wurden 1907 überarbeitet, umfangreich erweitert und auf den neuesten Stand gebracht. Die Ausgabe von 1908 (engl.) enthielt ungefähr 300 zusätzliche Seiten dieses hilfreichen Materials.

      d Zuweilen bezeichnete man sie als das gegenbildliche Passahfest, das heißt die Feier zum Gedenken an den Tod Jesu Christi, der durch das Passahlamm vorgeschattet und deshalb in 1. Korinther 5:7 „Christus, unser Passah“ genannt wurde. In Übereinstimmung mit 1. Korinther 11:20 (Lu) hieß es auch „des Herrn Abendmahl“. Manchmal nannte man es „jährliches Abendmahl“ und gab damit zu verstehen, daß es sich um eine alljährliche Gedenkfeier handelte.

      e Vergleiche folgende Wachtturm-Ausgaben: März 1891 (engl.), Seite 33, 34; 15. März 1907 (engl.), Seite 88; 15. Februar 1935, Seite 62, 63; 15. Februar 1948, Seite 57, 58.

      f Bereits vor 1900 wurde allen, die sich für den Kolporteurdienst meldeten, ein Traktat mit dem Titel Suggestive Hints to Colporteurs (Praktische Anregungen für Kolporteure) gesandt. 1919 wurde zunächst in Englisch das Bulletin veröffentlicht, um dem Predigtdienst Aufschwung zu geben; anfangs spornte es zur Verbreitung des Goldenen Zeitalters an, später zu all den verschiedenen Formen der Evangelisierungstätigkeit.

      g Der Name Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi wurde in der Ausgabe vom April 1909 (engl.: 1. Januar 1909) auf Der Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi geändert. Ab der Ausgabe vom 1. November 1931 (engl.: 15. Oktober 1931) wurde der Name Der Wachtturm und Verkünder der Gegenwart Christi geschrieben.

      [Herausgestellter Text auf Seite 237]

      Zusammenkünfte, an denen sich jeder persönlich beteiligen konnte

      [Herausgestellter Text auf Seite 238]

      Nicht nur eine Sache des Verstandes — auch Äußerungen, die das Herz antreiben

      [Herausgestellter Text auf Seite 246]

      Die ganze Familie wird ermuntert, die Zusammenkünfte gemeinsam zu besuchen

      [Herausgestellter Text auf Seite 252]

      Ein und dasselbe geistige Ernährungsprogramm

      [Herausgestellter Text auf Seite 253]

      Die Zeugen nehmen ihre Zusammenkünfte ernst

      [Kasten/Bilder auf Seite 239]

      Versammlungen in der Anfangszeit

      1916 gab es weltweit etwa 1 200 Bibelforschergruppen

      Durban (Südafrika), 1915 (oben rechts); Britisch-Guayana (heute Guyana), 1915 (Mitte rechts); Drontheim (Norwegen), 1915 (unten rechts); Hamilton (Ontario, Kanada), 1912 (ganz unten); Ceylon (heute Sri Lanka), 1915 (unten links); Indien, 1915 (oben links)

      [Kasten/Bilder auf Seite 240, 241]

      Jehova mit Liedern preisen

      Wie die Israeliten in alter Zeit und wie Jesus selbst verwenden Jehovas Zeugen auch heute Lieder bei ihrer Anbetung (Neh. 12:46; Mar. 14:26). Durch den Gesang, mit dem Jehova gepriesen und Wertschätzung für seine Werke ausgedrückt wird, werden biblische Wahrheiten tief in Herz und Sinn verankert.

      Jehovas Zeugen haben im Laufe der Jahre viele Liedersammlungen verwendet. Der Text wurde jeweils in Übereinstimmung mit dem fortschreitenden Verständnis des Wortes Gottes auf den neusten Stand gebracht.

      1879: „Songs of the Bride“ (Brautgesänge)

      (144 Hymnen, in denen die Wünsche und Erwartungen der Braut Christi zum Ausdruck kamen)

      1890: „Poems and Hymns of Millennial Dawn“ (Gedichte und Millennium-Tagesanbruchshymnen)

      (151 Gedichte und 333 Hymnen, die ohne Noten veröffentlicht wurden. Die meisten stammten von berühmten Schriftstellern.)

      1896: Der „Wacht-Turm“ vom 1. Februar (engl.) war „Zion’s Glad Songs of the Morning“ (Zions frohen Morgenliedern) gewidmet

      (11 Liedertexte mit Noten; die Texte wurden von Bibelforschern verfaßt)

      1900: „Zionslieder“

      (82 Lieder, von denen etliche von einem Bibelforscher geschrieben wurden; sie ergänzten die vorherige Sammlung)

      1905: „Hymns of the Millennial Dawn“ (Millennium-Tagesanbruchshymnen)

      (Die 333 Lieder, die 1890 veröffentlicht wurden, diesmal mit Noten)

      1925: „Kingdom Hymns“ (Königreichshymnen)

      (80 Lieder mit Noten, besonders für Kinder)

      1928: „Gesänge zum Preise Jehovas“

      (337 Lieder; eine Mischung aus neuen Liedern, die von Bibelforschern geschrieben wurden, und älteren Hymnen. Bei den Texten hatte man sich besonders darum bemüht, sich von falschen religiösen Empfindungen und von der Verehrung von Geschöpfen zu lösen.)

      1944: „Königreichsdienst-Liederbuch“

      (62 Lieder. Den damaligen Bedürfnissen im Königreichsdienst angepaßt. Weder Textdichtern noch Komponisten wurde die Ehre gegeben.)

      1950: „Lieder zum Preise Jehovas“

      (91 Lieder. In diesem Liederbuch fanden sich mehr zeitgemäße Themen, und man verzichtete auf die altertümliche Sprache. Es wurde in 18 Sprachen übersetzt.)

      1966: „ ‚Singt und spielt dabei Jehova in euren Herzen‘ “

      (119 Lieder, die alle Bereiche der christlichen Lebensweise und Anbetung umfaßten. Musik, die bekanntermaßen ihren Ursprung in der falschen Religion hatte oder aus weltlichen Quellen stammte, wurde nicht übernommen. Von den Orchesteraufnahmen des gesamten Liederbuchs wurde in den Versammlungszusammenkünften als Musikbegleitung guter Gebrauch gemacht. Auch einige Gesangsaufnahmen wurden vorbereitet. Ab 1980 wurden konzertante Bearbeitungen der „Königreichsmelodien“ aufgenommen, so daß jeder zu Hause in den Genuß erbauender Musik kommen konnte.)

      1984: „Singt Jehova Loblieder“

      (225 Königreichslieder, deren Texte und Melodien einzig und allein von Jehova hingegebenen Dienern aus aller Welt verfaßt beziehungsweise komponiert wurden. Zur Gesangbegleitung wurden Schallplatten- und Kassettenaufnahmen hergestellt.)

      Lobgesänge gehörten schon zu den ersten Heimversammlungen der Bibelforscher. Bald sang man auch auf Kongressen. Manche sangen vor dem Frühstück in Verbindung mit ihrer morgendlichen Anbetung ein Lied, wie man es zum Beispiel viele Jahre lang im Bibelhaus tat. Zwar hatte man den Gesang in den einzelnen Versammlungen um das Jahr 1938 zum größten Teil abgeschafft, doch wurde er 1944 wiederbelebt und ist auch heute weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Versammlungszusammenkünfte und der Kongresse der Zeugen Jehovas.

      [Bild]

      Karl Klein dirigiert 1947 ein Orchester auf einem Kongreß

      [Übersicht auf Seite 242]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Gedächtnismahlfeier

      Tätige Zeugen

      Zahl der Anwesenden

      11 000 000

      10 000 000

      9 000 000

      8 000 000

      7 000 000

      6 000 000

      5 000 000

      4 000 000

      3 000 000

      2 000 000

      1 000 000

      1935 1945 1955 1965 1975 1985 1992

      [Bild auf Seite 243]

      Obwohl Harold King in einem Gefängnis in China von der Außenwelt abgeschnitten war, feierte er regelmäßig das Gedächtnismahl

      [Bild auf Seite 244]

      Bibelunterricht für Jugendliche in Deutschland Anfang der 30er Jahre

      [Bilder auf Seite 244]

      In der Schweiz gaben jugendliche Zeugen Mitte der 30er Jahre diese Zeitschrift (unten) heraus und führten vor großem Publikum biblische Dramen auf (wie auf dem mittleren Bild unten zu sehen ist)

      [Bilder auf Seite 247]

      Das „Bulletin“ (1919—1935), der „Instruktor“ (1935/36), der „Informator“ (1936—1956) und „Unser Königreichsdienst“, der heute in 100 Sprachen erscheint: alle haben regelmäßig Anweisungen für den vereinten Predigtdienst der Zeugen Jehovas gegeben

      [Bild auf Seite 248]

      Demonstrationen in den Dienstzusammenkünften helfen den Zeugen, ihren persönlichen Predigtdienst zu verbessern (Schweden)

      [Bild auf Seite 249]

      Ein junger Zeuge aus Kenia übt sich, indem er seinem Vater in der Theokratischen Predigtdienstschule eine Ansprache hält

      [Bild auf Seite 250]

      1992 wurden für die Versammlungen der Zeugen Jehovas Bibelstudienhilfsmittel simultan in 66 Sprachen veröffentlicht, und weitere Sprachen kommen hinzu

  • Kongresse — ein Beweis, daß wir Brüder sind
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 17

      Kongresse — ein Beweis, daß wir Brüder sind

      DIE neuzeitliche Organisation der Zeugen Jehovas veranstaltet regelmäßig Kongresse. Doch schon lange vor dem 20. Jahrhundert hatten Anbeter Jehovas nationale und internationale Zusammenkünfte.

      Jehova verlangte von allen Männern im alten Israel, sich jedes Jahr zu drei Festzeiten in Jerusalem einzufinden. Einige Männer brachten ihre ganze Familie mit. Tatsächlich forderte das mosaische Gesetz, daß bei bestimmten Anlässen alle Familienmitglieder anwesend waren — Männer, Frauen und Kinder (2. Mo. 23:14-17; 5. Mo. 31:10-13; Luk. 2:41-43). Anfangs stammten die Besucher aus dem Gebiet innerhalb der Grenzen Israels. Später dagegen, als die Juden weit verstreut lebten, kamen sie aus vielen Ländern (Apg. 2:1, 5-11). Sie fühlten sich nicht nur deswegen bewogen zusammenzukommen, weil Israel und Abraham ihre Vorväter waren, sondern auch, weil sie Jehova als ihren großen himmlischen Vater anerkannten (Jes. 63:16). Diese Feste waren freudige Anlässe. Auch halfen sie allen Anwesenden, Gottes Wort im Sinn zu behalten und sich nicht so sehr Alltagsdingen zu widmen, daß sie die wichtigeren geistigen Belange vergaßen.

      Die Kongresse der Zeugen Jehovas in der heutigen Zeit haben ebenfalls geistige Interessen zum Mittelpunkt. Aufrichtige Beobachter erhalten durch diese Kongresse den unleugbaren Beweis, daß Jehovas Zeugen in einer christlichen Bruderschaft fest zusammengeschweißt sind.

      Erste Kongresse der Bibelforscher

      Es kam ganz allmählich dazu, daß sich Bibelforscher aus verschiedenen Städten und Ländern versammelten. Durch ihre Kongresse oder Hauptversammlungen lernten sie im Gegensatz zu Gruppen der traditionellen Kirchen rasch Mitgläubige aus anderen Orten kennen. Zunächst wurden diese Kongresse in Verbindung mit der jährlichen Feier zum Gedenken an den Tod des Herrn in Allegheny (Pennsylvanien) abgehalten. 1891 wurde speziell eine „Hauptversammlung für das Bibelstudium und die Feier des Abendmahls des Herrn“ angekündigt. Im darauffolgenden Jahr stand im Wacht-Turm als auffällige Überschrift die Ankündigung: „HAUPTVERSAMMLUNG DER GLÄUBIGEN IN ALLEGHENY (PA.) ... 7. BIS EINSCHLIESSLICH 14. APRIL 1892“.

      Die Öffentlichkeit war zu diesen ersten Kongressen nicht eingeladen. Dennoch waren 1892 ungefähr 400 Personen anwesend, die Glauben an das Lösegeld und echtes Interesse am Werk des Herrn erkennen ließen. Zum Programm gehörte ein fünftägiges intensives Bibelstudium, und an zwei weiteren Tagen erhielten die Kolporteure hilfreiche Ratschläge.

      Ein Teilnehmer, der zum erstenmal dabei war, sagte: „Ich war schon auf vielen Tagungen, aber noch nie habe ich eine solche Hauptversammlung erlebt, wo vom Aufstehen bis zum Schlafengehen der Wille und Plan Gottes das einzige Thema ist — im Haus, auf der Straße, während der Zusammenkünfte, beim Mittagessen, ja überall.“ Über den Geist, der unter den Delegierten herrschte, sagte ein Besucher aus Wisconsin (USA): „Ich war sehr beeindruckt von dem Geist der Liebe und brüderlichen Freundlichkeit, der bei jeder Gelegenheit zu beobachten war.“

      Bei der Jahreshauptversammlung von 1893 trat eine Änderung ein. Um die Ermäßigungen im Eisenbahnverkehr auszunutzen, die wegen der Kolumbus-Ausstellung in jenem Sommer gewährt wurden, versammelten sich die Bibelforscher vom 20. bis 24. August in Chicago (Illinois). Das war ihr erster Kongreß außerhalb von Pittsburgh und Umgebung. Da man aber für das Werk des Herrn den bestmöglichen Gebrauch von Zeit und Geld machen wollte, fand danach für ein paar Jahre keine weitere allgemeine Hauptversammlung statt.

      Von 1898 an ergriffen die Bibelforscher in verschiedenen Orten die Initiative und planten Kongresse, zu denen jeweils Besucher aus einer bestimmten Region eingeladen wurden. Im Jahre 1900 gab es drei von der Gesellschaft organisierte allgemeine Hauptversammlungen, aber es fanden außerdem 13 regionale Kongresse in den Vereinigten Staaten und in Kanada statt, die zumeist nur einen Tag dauerten und oft in Verbindung mit dem Besuch eines Pilgerbruders abgehalten wurden. Die Zahl stieg weiter an. 1909 gab es in Nordamerika mindestens 45 regionale Kongresse, abgesehen von den Hauptversammlungen, auf denen Bruder Russell bei seinen besonderen Reisen in verschiedene Gegenden des Kontinents Ansprachen hielt. Ein wesentlicher Teil des Programms bei diesen eintägigen Kongressen sollte speziell das Interesse der Öffentlichkeit wecken. Die Besucherzahl konnte zwischen einhundert und mehreren Tausend liegen.

      Dagegen wurde auf den vorwiegend von Bibelforschern besuchten allgemeinen Hauptversammlungen Nachdruck auf die Belehrung derer gelegt, die auf dem Weg der Wahrheit bereits ziemlich gefestigt waren. Zu diesen Hauptversammlungen kamen aus Großstädten Sonderzüge mit Delegierten. Die Zahl der Anwesenden betrug bis zu 4 000, und es waren sogar einige Delegierte aus Europa dabei. Das waren Zeiten echter geistiger Erfrischung, die unter dem Volk Jehovas zu vermehrtem Eifer und größerer Liebe führten. Ein Bruder sagte 1903 am Ende eines solchen Kongresses: „Das Gute, das ich auf dieser Hauptversammlung erhalten habe, würde ich nicht einmal gegen tausend Dollar eintauschen — obwohl ich nur ein armer Mann bin.“

      Auf den regionalen Kongressen hielten Pilgerbrüder, die gerade in der Gegend waren, Ansprachen. Und Bruder Russell bemühte sich, sowohl die regionalen Kongresse als auch die größeren Hauptversammlungen in den Vereinigten Staaten und oft auch in Kanada zu besuchen und beim Programm mitzuwirken. Dazu mußte er viel reisen. Meistens war er am Wochenende unterwegs. Doch 1909 mietete ein Bruder in Chicago mehrere Eisenbahnwaggons für Delegierte, die mit Bruder Russell auf einer Kongreßtour von einer Hauptversammlung zur anderen reisten. 1911 und 1913 stellte derselbe Bruder ganze Züge zusammen, mit denen Hunderte von Delegierten für einen Monat oder länger auf Kongreßreisen in den Westen der Vereinigten Staaten und nach Kanada gingen.

      Die Reise mit einem solchen Kongreßzug war ein unvergeßliches Erlebnis. Malinda Keefer stieg 1913 in Chicago (Illinois) zu. Jahre später erzählte sie: „Es dauerte nicht lange, und wir erkannten, daß wir eine einzige große Familie waren. ... und der Zug war einen Monat lang unser Heim.“ Wenn der Zug aus dem Bahnhof rollte, sangen die Zurückbleibenden zum Abschied: „Gott mit dir, bis wir uns wiedersehn“ und winkten mit Hüten und Taschentüchern, bis der Zug nicht mehr zu sehen war. Schwester Keefer fuhr fort: „Überall dort, wo wir die Reise unterbrachen, wurde ein Kongreß abgehalten. Die meisten dauerten drei Tage, und wir hielten uns bei jedem Kongreß einen Tag auf. Bei jedem Aufenthalt hielt Bruder Russell zwei Vorträge, einen am Nachmittag für die Brüder und einen am Abend für die Öffentlichkeit, und zwar über das Thema ‚Jenseits des Grabes‘.“

      Auch in anderen Ländern stieg die Zahl der Kongresse. Oft waren sie ziemlich klein. 1905 kamen zum ersten Kongreß in Norwegen 15 Besucher; es war eben nur ein Anfang. Als Bruder Russell sechs Jahre später nach Norwegen reiste, bemühte man sich besonders, die Öffentlichkeit einzuladen, und die Besucherzahl wurde diesmal auf 1 200 geschätzt. 1909 besuchte er Kongresse in Schottland und sprach in Glasgow zu rund 2 000 und in Edinburgh zu 2 500 Anwesenden über das fesselnde Thema „Der Dieb im Paradies, der Reiche in der Hölle und Lazarus im Schoß Abrahams“.

      Bei den ersten Kongressen wurde nach Schluß das sogenannte Liebesmahl veranstaltet, das die christliche Brüderlichkeit, die unter den Anwesenden herrschte, widerspiegelte. Was geschah bei diesem „Liebesmahl“? Es konnte zum Beispiel sein, daß sich die Redner mit Tellern voll Brotwürfeln in einer Reihe aufstellten, worauf die Anwesenden nacheinander an ihnen vorbeigingen, von dem Brot nahmen, Hände schüttelten und das Lied sangen: „Gesegnet Band, das bind’t der Christen Herz“. Beim Singen liefen ihnen oft Freudentränen übers Gesicht. Als sie im Laufe der Zeit zahlreicher wurden, hörten sie mit dem Händeschütteln und Austeilen von Brot auf, beendeten aber die Hauptversammlungen mit Lied und Gebet, und häufig brachten sie ihre Dankbarkeit durch anhaltenden Applaus zum Ausdruck.

      Die Verkündigung des Königreiches weltweit in Gang gesetzt

      Der erste große Kongreß nach dem Ersten Weltkrieg fand vom 1. bis 8. September 1919 in Cedar Point (Ohio) statt (direkt am Eriesee, 100 Kilometer westlich von Cleveland). Nach Bruder Russells Tod waren einige abtrünnig geworden, die innerhalb der Organisation in hohem Ansehen gestanden hatten. Die Brüder hatten harte Prüfungen durchgemacht. Im Frühjahr 1919 waren der Präsident der Gesellschaft und seine Gefährten aus ihrer ungerechtfertigten Haft freigekommen. Es herrschte also gespannte Erwartung. Die Besucherzahl war am ersten Tag zwar ziemlich niedrig, aber noch am selben Tag trafen Sonderzüge mit weiteren Delegierten ein. Da waren die Hotels, die sich bereit erklärt hatten, den Kongreßteilnehmern Zimmer zu vermieten, plötzlich überlastet. R. J. Martin und A. H. Macmillan boten ihre Hilfe an. (Beide gehörten zu der Gruppe, die kurze Zeit vorher aus dem Gefängnis entlassen worden war.) Sie waren bis nach Mitternacht damit beschäftigt, Zimmer zuzuweisen, während es Bruder Rutherford und vielen anderen Spaß machte, in Vertretung der Hotelpagen Gepäck zu tragen und die Brüder in ihre Zimmer zu bringen. Unter ihnen allen herrschte eine ansteckende freudige Stimmung.

      Man rechnete mit 2 500 Besuchern. Doch der Kongreß überstieg alle Erwartungen. Am zweiten Tag war der Vortragssaal bereits überfüllt, weshalb noch weitere Säle benutzt wurden. Da der Platz immer noch nicht reichte, verlegte man den Versammlungsort in ein schönes Waldstück. Es waren rund 6 000 Bibelforscher aus den Vereinigten Staaten und aus Kanada anwesend.

      Zum Hauptvortrag am Sonntag kamen zudem mindestens 1 000 Außenstehende, so daß die Zuhörerschaft auf 7 000 anwuchs. Der Redner sprach zu ihnen im Freien ohne Lautsprecheranlage. In diesem Vortrag — „Die Hoffnung für die bedrängte Menschheit“ — machte J. F. Rutherford deutlich, daß die Probleme der Menschheit durch das messianische Königreich Gottes gelöst werden, und er erklärte, daß der Völkerbund (der damals gerade ins Leben gerufen wurde und den die Geistlichkeit bereits gutgeheißen hatte) keineswegs ein politischer Ausdruck des Reiches Gottes sei. Das in Sandusky erscheinende Lokalblatt Register brachte einen ausführlichen Bericht über diesen Vortrag und einen Überblick über die Tätigkeit der Bibelforscher. Man schickte Ausgaben des Blatts an Zeitungen in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Aber die Hauptversammlung bewirkte noch viel mehr, was das Erreichen der Öffentlichkeit betraf.

      Der eigentliche Höhepunkt der gesamten Hauptversammlung war Bruder Rutherfords „Ansprache an die Mitarbeiter“, die später unter dem Thema „Die Verkündigung des Königreiches“ veröffentlicht wurde. Sie richtete sich direkt an die Bibelforscher. Während dieses Vortrags klärte sich die Bedeutung der Buchstaben G A, die auf dem Kongreßprogramm und an verschiedenen Stellen auf dem Gelände geschrieben standen. Es wurde eine neue Zeitschrift angekündigt — Das Goldene Zeitalter (engl.: The Golden Age, abgekürzt G A) —, durch die auf das messianische Königreich aufmerksam gemacht werden sollte. Nachdem Bruder Rutherford das zu verrichtende Werk umrissen hatte, sagte er zu den Anwesenden: „Die Tür der Gelegenheit öffnet sich vor dir, tritt schnell ein. Bedenke, wenn du in dieses Werk eintrittst, daß du nicht als ein Agent für eine Zeitschrift tätig bist, sondern daß du als ein Gesandter des Königs der Könige und Herrn der Herren dem Volke in dieser vornehmen Weise das Herannahen des Goldenen Zeitalters, des herrlichen Königreiches unseres Herrn und Meisters, verkündigst, für welches wahre Christen die vielen Jahrhunderte hindurch gebetet und auf das sie gehofft haben.“ (Siehe Offenbarung 3:8.) Als der Redner fragte, wie viele sich an diesem Werk beteiligen wollten, war eine enthusiastische Reaktion zu beobachten. Die 6 000 Anwesenden standen auf wie e i n Mann. Im Jahr darauf waren über 10 000 im Predigtdienst tätig. Die Hauptversammlung wirkte sich insgesamt einigend und stärkend auf die Besucher aus.

      Drei Jahre später, 1922, fand in Cedar Point ein weiterer unvergeßlicher Kongreß statt. Er dauerte neun Tage — vom 5. bis 13. September. Außer den Delegierten aus den Vereinigten Staaten und aus Kanada kam noch eine Anzahl aus Europa. Man hielt in zehn Sprachen Zusammenkünfte ab. Jeden Tag waren durchschnittlich 10 000 Personen zugegen, und bei der Ansprache „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ waren so viele Außenstehende anwesend, daß sich die Besucherzahl fast verdoppelte.

      Die Bibelforscher versammelten sich auf diesem Kongreß nicht in der Absicht, auf der Erde ein Werk zu planen, das sich über Jahrzehnte erstrecken würde. Sie sagten, es könne durchaus sein, daß dies ihre letzte allgemeine Hauptversammlung sei vor der „Erlösung der Kirche ... hin zum himmlischen Stadium des Königreiches Gottes und zur eigentlichen Gegenwart unseres Herrn und unseres Gottes“. Aber sollte die Zeit auch noch so kurz sein, es war für sie doch von höchster Wichtigkeit, den Willen Gottes zu tun. Dies im Sinn, hielt Bruder Rutherford am Freitag, den 8. September den denkwürdigen Vortrag „Das Königreich“.

      Zuvor hatte man an verschiedenen Stellen auf dem Gelände große Transparente mit den Buchstaben A D V aufgehängt. Die Bedeutung dieser Buchstaben stellte sich im Verlauf der Ansprache heraus, als der Redner eindringlich sagte: „Seid treue und glaubensstarke Zeugen für den Herrn! Geht vorwärts in dem Kampfe, bis jede Spur Babylons wüst und öde gemacht ist! Verkündet die Botschaft weit und breit! Die Welt muß wissen, daß Jehova Gott ist und daß Jesus Christus König der Könige und Herr der Herren ist! Dies ist der Tag aller Tage. Seht, der König regiert! Ihr seid seine öffentlichen Verkündiger. Deshalb verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich.“ In diesem Moment wurde vor den Anwesenden ein großes Transparent von 11 Meter Länge entrollt. Darauf standen die anspornenden Worte: „Verkündet [engl.: „Advertise“, abgekürzt ADV] den König und das Königreich.“ Das war ein dramatischer Augenblick. Die Zuschauer klatschten stürmisch. Der alte Bruder Pfannebecker im Kongreßorchester schwenkte seine Geige über dem Kopf hin und her und rief mit seinem starken deutschen Akzent: „Ach ja! Und nau wi du it, no?“ Und sie taten es.

      Vier Tage später, während die Hauptversammlung noch im Gange war, schloß sich Bruder Rutherford persönlich den Kongreßbesuchern an, die das Königreich im Umkreis von 70 Kilometern vom Kongreßgelände von Haus zu Haus verkündigten. Damit war es aber nicht getan. Das Werk der Verkündigung des Königreiches hatte starken Auftrieb erhalten und sollte sich über die ganze Erde erstrecken. In jenem Jahr waren über 17 000 in 58 Ländern eifrig damit beschäftigt, Zeugnis abzulegen. Jahrzehnte später sagte George Gangas, der den Kongreß miterlebt hatte und später in die leitende Körperschaft aufgenommen wurde, über diesen Programmteil in Cedar Point: „Es war etwas, was sich meinem Herzen und meinem Sinn unauslöschlich einprägte, was ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde.“

      Meilensteine im geistigen Wachstum

      Alle Kongresse sind Zeiten der Erfrischung und der Unterweisung in Gottes Wort gewesen. Aber einige haben sich für Jahrzehnte als geistige Meilensteine eingeprägt.

      Sieben dieser Kongresse fanden aufeinanderfolgend, Jahr um Jahr, von 1922 bis 1928 in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Großbritannien statt. Ein Grund für die Wichtigkeit dieser Kongresse waren die kraftvollen Resolutionen, die jeweils angenommen wurden; alle sieben werden in dem Kasten auf der nächsten Seite aufgeführt. Obwohl es relativ wenige Zeugen Jehovas gab, verbreiteten sie weltweit in vielen Sprachen von einer dieser Resolutionen 45 Millionen Exemplare und 50 Millionen von mehreren anderen. Einige wurden in internationalen Gemeinschaftssendungen des Rundfunks ausgestrahlt. Dadurch wurde ein enormes Zeugnis gegeben.

      Ein weiterer historischer Kongreß fand 1931 in Columbus (Ohio) statt. Am Sonntag, den 26. Juli nahmen die Bibelforscher einen neuen Namen an — Jehovas Zeugen —, nachdem biblische Argumente dafür unterbreitet worden waren. Wie passend dieser Name doch ist! Er lenkt in erster Linie die Aufmerksamkeit auf den Schöpfer selbst und weist eindeutig auf die Verantwortung seiner Anbeter hin (Jes. 43:10-12). Durch die Annahme dieses Namens wurden die Brüder mit größerem Eifer erfüllt denn je, während sie den Namen und das Königreich Gottes verkündigten. Im selben Jahr schrieb ein dänischer Zeuge in einem Brief: „Was für ein herrlicher Name: Jehovas Zeugen! Ja, das wollen wir alle sein.“

      Auch 1935 wurde ein unvergeßlicher Kongreß abgehalten, und zwar in Washington (D. C.). Am zweiten Kongreßtag, Freitag, den 31. Mai, sprach Bruder Rutherford über die in Offenbarung 7:9-17 erwähnte große Schar oder große Volksmenge. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatten sich die Bibelforscher vergeblich bemüht, genau zu klären, wer diese Gruppe ist. Jetzt wurde zu der von Jehova bestimmten Zeit und im Licht des aktuellen Geschehens darauf hingewiesen, daß es sich um Menschen handelt, die die Aussicht haben, für immer hier auf der Erde zu leben. Dieses Verständnis verlieh dem Evangelisierungswerk eine neue Bedeutung, und es war die biblische Erklärung für eine sich anbahnende große Veränderung in der Zusammensetzung der neuzeitlichen Organisation der Zeugen Jehovas.

      Der Kongreß in St. Louis (Missouri) von 1941 ist vielen, die dabei waren, wegen der Ansprache „Lauterkeit“ in Erinnerung, die am ersten Tag gehalten wurde und in der Bruder Rutherford die große Streitfrage, vor der alle vernunftbegabten Geschöpfe stehen, in den Brennpunkt rückte. Seit der Ansprache „Ein Herrscher für das Volk“ (1928) wurde wiederholt auf die Streitfragen aufmerksam gemacht, die durch die Rebellion Satans aufkamen. Doch nun wurde folgendes hervorgehoben: „Die primäre Streitfrage, die sich durch Satans trotzige Herausforderung ergab, war und ist die der UNIVERSALHERRSCHAFT.“ Jehovas Diener haben starken Antrieb dadurch erhalten, daß sie diese Streitfrage erkannten und sich darüber im klaren waren, wie wichtig es ist, gegenüber Jehova als dem universellen Souverän die Lauterkeit zu bewahren.

      Bei dem Kongreß im Jahre 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, als sich einige fragten, ob das Predigtwerk kurz vor seinem Ende stehe, hielt N. H. Knorr, der neue Präsident der Watch Tower Society, den öffentlichen Vortrag „Weltfriede — ist er von Bestand?“ Als in diesem Vortrag die Bedeutung des symbolischen ‘scharlachfarbenen wilden Tieres’ aus Offenbarung, Kapitel 17 erklärt wurde, erkannten Jehovas Zeugen, daß auf den Zweiten Weltkrieg eine Zeit folgen würde, in der noch mehr Menschen zum Königreich Gottes hingeführt werden könnten. Dadurch wurde ein weltweites Werk angekurbelt, das sich im Laufe der Jahre auf über 235 Länder und Inselgebiete erstreckt hat und noch nicht abgeschlossen ist.

      Ein weiterer Meilenstein wurde am 2. August 1950 auf einem Kongreß im New Yorker Yankee-Stadion erreicht. Damals waren die Anwesenden überrascht und hoch erfreut, als sie die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften erhielten. Der übrige Teil der Neuen-Welt-Übersetzung erschien nach und nach im darauffolgenden Jahrzehnt. Diese Übersetzung der Heiligen Schrift in moderner Sprache gab dem Eigennamen Gottes seinen rechtmäßigen Platz in Gottes Wort zurück. Durch ihre getreue Wiedergabe der biblischen Ursprachen ist sie für Jehovas Zeugen in ihrem persönlichen Studium der Bibel und ihrem Evangelisierungswerk ein großer Gewinn.

      Am vorletzten Tag des Kongresses sprach F. W. Franz, der damalige Vizepräsident der Watch Tower Society, zu den Anwesenden über das Thema „Neue Systeme der Dinge“. Viele Jahre lang hatten Jehovas Zeugen geglaubt, noch vor Harmagedon würden einige der vorchristlichen Diener Jehovas von den Toten auferstehen, um in Erfüllung von Psalm 45:16 Fürsten der neuen Welt zu sein. Man kann sich daher vorstellen, welche Wirkung es auf die riesige Zuhörerschaft hatte, als der Redner fragte: „Würde sich dieser internationale Kongreß freuen zu erfahren, daß sich heute abend hier, in unserer Mitte, eine Anzahl der voraussichtlichen Fürsten der neuen Erde befinden?“ Es folgte ein anhaltender Beifallssturm, begleitet von Freudenrufen. Dann erklärte der Redner, die biblische Verwendung des Wortes, das mit „Fürst“ übersetzt worden sei, und die Treue, die viele der „anderen Schafe“ in der heutigen Zeit unter Beweis gestellt hätten, berechtigten durchaus zu der Ansicht, daß einige, die heute am Leben seien, von Jesus Christus für den Dienst als Fürsten ausgewählt würden. Allerdings wies er auch darauf hin, daß diejenigen, die mit diesem Dienst betraut würden, keinen Titel erhielten. Er schloß seinen Vortrag mit der Aufforderung ab: „Vorwärts denn beständig, wir alle zusammen, als eine Neue-Welt-Gesellschaft!“

      Auf den Kongressen der Zeugen Jehovas wurden noch viele weitere hochbedeutsame Vorträge gehalten: 1953 wurde unter dem Thema „Neue-Welt-Gesellschaft angegriffen vom hohen Norden her“ eine fesselnde Erklärung darüber gegeben, was der in Hesekiel, Kapitel 38 und 39 beschriebene Angriff Gogs von Magog bedeutet. Im selben Jahr waren die Zuhörer von dem Vortrag „Das Haus mit Herrlichkeit füllen“ begeistert, da sie mit eigenen Augen den greifbaren Beweis dafür sahen, daß sich die Verheißung Jehovas aus Haggai 2:7 erfüllte, wonach die kostbaren, begehrenswerten Dinge aus allen Nationen in das Haus Jehovas gebracht wurden.

      Der herausragendste Kongreß der Gegenwart fand jedoch 1958 in New York statt, als über eine viertel Million Menschen die größten erhältlichen Gelände überfluteten, um den Vortrag „Gottes Königreich herrscht — ist das Ende der Welt nahe?“ zu hören. Es kamen Delegierte aus 123 Ländern, und die Berichte, die sie vor den Kongreßbesuchern gaben, trugen dazu bei, die internationale Bruderschaft zu festigen. Auf diesem außergewöhnlichen Kongreß wurden Veröffentlichungen in 54 Sprachen freigegeben, die dem geistigen Wachstum der Anwesenden zugute kommen sollten und mit denen sie andere unterweisen konnten.

      In einer Vortragsserie mit dem Thema „Unterordnung unter die obrigkeitlichen Gewalten“ wurde 1962 das Verständnis korrigiert, das Jehovas Zeugen von Römer 13:1-7 hatten. 1964 steigerten die Ansprachen „Aus dem Tod zum Leben hinübergehen“ und „Aus den Gedächtnisgrüften zu einer ‚Auferstehung des Lebens‘ “ ihre Wertschätzung für die große Barmherzigkeit Jehovas, wie sie durch die Auferstehung zum Ausdruck kommt. Und es könnten noch viele, viele weitere Kongreßhöhepunkte aufgezählt werden.

      Jedes Jahr sind Zehntausende, ja Hunderttausende Neue auf den Kongressen zugegen. Wenn die dargebotenen Informationen der Organisation als Ganzes auch zum Teil bereits bekannt sind, eröffnen sie neuen Besuchern doch oft ein Verständnis des göttlichen Willens, das für sie wirklich begeisternd ist. Sie erkennen vielleicht Möglichkeiten, wie sie ihren Dienst erweitern können, und werden angeregt, sie wahrzunehmen, wodurch ihr Leben in ganz andere Bahnen gelenkt wird.

      Auf vielen Kongressen hat man die Bedeutung bestimmter Bibelbücher in den Brennpunkt gerückt. Beispielsweise erschienen 1958 und 1977 gebundene Bücher, in denen Prophezeiungen des Propheten Daniel besprochen wurden, und zwar über Gottes Vorsatz, eine Weltregierung mit Christus als König zu schaffen. 1971 wurde das Buch Hesekiel beleuchtet, wobei im Vordergrund die göttliche Erklärung stand: „Die Nationen werden erkennen müssen, daß ich Jehova bin“ (Hes. 36:23). Die von Sacharja und Haggai aufgezeichneten Prophezeiungen wurden 1972 eingehend erörtert. 1963, 1969 und 1988 erschienen ausführliche Abhandlungen über faszinierende Prophezeiungen aus der Offenbarung, in denen der Fall Babylons der Großen sowie Gottes herrliche neue Himmel und seine neue Erde anschaulich vorhergesagt werden.

      Die Kongresse standen unter verschiedenen Mottos — „Mehrung der Theokratie“, „Reine Anbetung“, „Vereinte Anbeter“, „Mutige Diener Gottes“, „Frucht des Geistes“, „Macht Jünger“, „Gute Botschaft für alle Nationen“, „Göttlicher Name“, „Gottes Souveränität“, „Heiliger Dienst“, „Siegreicher Glaube“, „Loyale Unterstützer des Königreiches“, „Bewahrer der Lauterkeit“, „Vertraue auf Jehova“, „Gottergebenheit“, „Lichtträger“ und viele mehr. Alle diese Kongresse haben zum geistigen Wachstum der Organisation und ihrer einzelnen Glieder beigetragen.

      Ansporn für das Evangelisierungswerk

      Von großen und kleineren Kongressen geht starker Ansporn für das Predigen der guten Botschaft aus. In Vorträgen und durch Demonstrationen wird praktische Unterweisung vermittelt. Zum Programm gehören jeweils Erfahrungen aus dem Predigtdienst und Berichte von Personen, die noch nicht lange mit der biblischen Wahrheit vertraut sind. Außerdem wirkte sich der Predigtdienst, der jahrelang auf den Kongressen eingeplant war, sehr positiv aus. Dadurch wurde in den Kongreßstädten ein gutes Zeugnis abgelegt, und die Zeugen wurden auch selbst sehr ermuntert.

      Im Januar 1922 war auf der Hauptversammlung in Winnipeg (Manitoba, Kanada) Predigtdienst vorgesehen. Das traf auch auf die allgemeine Hauptversammlung in Cedar Point (Ohio) zu, die noch im selben Jahr stattfand. Danach gehörte es zum regulären Programm, daß die Delegierten gemeinsam einen ganzen Tag oder an einem oder mehreren Tagen ein paar Stunden in der Kongreßstadt und Umgebung in den Predigtdienst gingen. Dadurch konnten die Bewohner großer städtischer Regionen, die womöglich selten von Zeugen Jehovas angesprochen wurden, die gute Botschaft hören, daß Gott vorhat, gerechtigkeitsliebenden Menschen ewiges Leben zu schenken.

      In Dänemark war 1925 für den Kongreß in Nørrevold, zu dem 400 bis 500 Besucher kamen, zum erstenmal ein solcher Predigtdiensttag geplant. Auf dieser Hauptversammlung beteiligten sich 275 Personen am Predigtdienst, und für viele von ihnen war es das erstemal. Manche waren etwas ängstlich. Aber nachdem sie auf den Geschmack gekommen waren, wurden sie auch in ihren Heimatgebieten eifrige Evangeliumsverkündiger. Nach diesem Kongreß fanden in Dänemark bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges viele eintägige Dienstkongresse statt, zu denen Brüder aus umliegenden Orten eingeladen waren. Dadurch, daß sie sich gemeinsam am Predigtdienst beteiligten und sich dann versammelten, um Vorträge zu hören, wurde ihr Eifer offensichtlich verstärkt. Ähnliche Dienstkongresse — allerdings zweitägige — wurden in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten abgehalten.

      Auf größeren Kongressen nahm die Predigttätigkeit der Delegierten oft ziemliche Ausmaße an. Von 1936 an wurde der öffentliche Vortrag des Kongresses durch friedliche Umzüge angekündigt, bei denen die Zeugen Plakate trugen und Handzettel verteilten. (Man sprach früher von „Sandwich-Plakaten“, weil sie auf der Brust und auf dem Rücken getragen wurden.) Bei manchen Kongressen nahmen mehr als tausend an diesen Umzügen teil. Andere beteiligten sich am regulären Haus-zu-Haus-Dienst und luden jeden ein, zu kommen und sich das Programm anzuhören. Für die einzelnen Zeugen war es sehr ermutigend, mit anderen zusammenzuarbeiten und zu beobachten, wie Hunderte, ja Tausende gemeinsam mit ihnen predigten. Gleichzeitig erfuhr die Öffentlichkeit in einem beträchtlichen Umkreis, daß Jehovas Zeugen in der Stadt waren; die Leute konnten hören, was die Zeugen predigen, und deren Verhalten selbst beobachten.

      Die Kongreßansprachen wurden oft nicht nur von den Anwesenden gehört. Als Bruder Rutherford 1927 auf einem Kongreß in Toronto (Kanada) den Vortrag „Freiheit für die Völker“ hielt, wurde dieser Vortrag durch eine epochemachende Gemeinschaftssendung, an der 53 Rundfunkstationen beteiligt waren, einer riesigen internationalen Zuhörerschaft übermittelt. Im Jahr darauf wurde von Detroit (Michigan, USA) aus die Ansprache „Ein Herrscher für das Volk“ von doppelt so vielen Stationen gesendet, und über Kurzwelle wurden sogar Zuhörer in Australien, Neuseeland und Südafrika erreicht.

      Im Jahre 1931 waren große Rundfunkanstalten nicht zur Kooperation bereit, als man plante, einen Kongreßvortrag von Bruder Rutherford auszustrahlen; daraufhin baute die Watch Tower Society in Zusammenarbeit mit der American Telephone and Telegraph Company ihr eigenes Netz von 163 Rundfunkstationen auf (die größte Zahl von Stationen, die je über Telefonleitungen miteinander verbunden waren), um die Botschaft „Das Königreich — die Hoffnung der Welt“ zu senden. Außerdem strahlten über 300 weitere Stationen in vielen Ländern der Welt das Programm mit Hilfe von Schallplatten aus.

      Auf dem Kongreß in Washington (D. C.) 1935 sprach Bruder Rutherford über das Thema „Regierung“ und wies nachdrücklich darauf hin, daß Jehovas Königreich in den Händen Christi bald alle menschlichen Regierungen ablösen wird. Im „Washington Auditorium“ hörten über 20 000 Anwesende diesen Vortrag. Er wurde auch durch den Rundfunk und über Telefonleitungen rund um die Erde übertragen — bis nach Mittel- und Südamerika, Europa, Südafrika, zu den Inseln des Pazifiks und nach Asien. Deshalb kann die Zahl der Zuhörer durchaus mehrere Millionen betragen haben. Zwei führende Washingtoner Zeitungen hatten zugesagt, die Ansprache abzudrucken, brachen dann aber den Vertrag. Die Brüder setzten jedoch an drei Stellen in der Stadt und an 40 weiteren Orten in der Umgebung von Washington Lautsprecherwagen ein, die den Vortrag nachträglich abspielten, so daß er schätzungsweise von 120 000 weiteren Personen gehört wurde.

      In England wurde 1938 der offene und eindringliche Vortrag „Schau den Tatsachen ins Auge“ von der Londoner Royal Albert Hall aus weltweit in etwa 50 Kongreßstädte übertragen, so daß er insgesamt von rund 200 000 Anwesenden gehört wurde. Außerdem verfolgte eine große Zuhörerschaft die Ansprache am Radio.

      Es gab zwar relativ wenige Zeugen Jehovas, aber ihre Kongresse spielten bei der öffentlichen Verkündigung der Königreichsbotschaft eine wichtige Rolle.

      Nachkriegskongresse in Europa

      Bestimmte Kongresse stellten für diejenigen, die sie miterlebt haben, alle anderen in den Schatten. Das trifft sicher auf die Kongresse in Europa zu, die direkt nach dem Zweiten Weltkrieg abgehalten wurden.

      In den Niederlanden fand einer dieser Kongresse am 5. August 1945 in Amsterdam statt — kaum vier Monate nachdem die Zeugen aus den deutschen Konzentrationslagern befreit worden waren. Man rechnete mit ungefähr 2 500 Besuchern; für 2 000 von ihnen mußten Unterkünfte beschafft werden. Um den Bedarf an Schlafgelegenheiten zu decken, breiteten die dortigen Zeugen in ihren Wohnungen auf dem Boden Stroh aus. Die Delegierten kamen aus allen Richtungen herbei und nutzten jede nur erdenkliche Beförderungsart — sie reisten mit Schiffen, auf Lastwagen, mit Fahrrädern und vereinzelt auch per Anhalter.

      Auf diesem Kongreß wurde gelacht und geweint, man sang Lieder und dankte Jehova für seine Güte. Ein Besucher sagte: „Sie lebten in der unbeschreiblichen Freude an einer theokratischen Organisation, die soeben von den Fesseln befreit worden war!“ Vor dem Krieg gab es in den Niederlanden weniger als 500 Zeugen Jehovas. Es wurden insgesamt 426 eingesperrt, und 117 von ihnen starben an den Folgen der Schikanen. Einige waren überglücklich, als sie auf dem Kongreß totgeglaubte Angehörige und Freunde entdeckten. Andere vergossen Tränen, weil sie vergeblich suchten. Abends hörten 4 000 Anwesende gespannt zu, als in dem öffentlichen Vortrag erklärt wurde, warum man Jehovas Zeugen so heftig verfolgt hatte. Trotz allem, was sie durchgemacht hatten, organisierten sie sich für die Fortsetzung des Werkes, mit dem Gott sie beauftragt hatte.

      Im darauffolgenden Jahr, 1946, planten die Brüder in Deutschland einen Kongreß in Nürnberg. Sie durften die Zeppelinwiese benutzen, die Hitlers Paradeplatz gewesen war. Am zweiten Kongreßtag hielt Erich Frost, der die Brutalität der Gestapo am eigenen Leib erfahren hatte und jahrelang im Konzentrationslager gewesen war, den öffentlichen Vortrag „Christen im Feuerofen“. Außer den 6 000 versammelten Zeugen Jehovas waren bei diesem Vortrag 3 000 Einwohner von Nürnberg zugegen.

      Der letzte Kongreßtag fiel mit dem Tag zusammen, an dem die Urteile der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse bekanntgegeben werden sollten. Das Militär verhängte an diesem Tag eine Ausgangssperre, doch nach langen Verhandlungen räumte man ein, daß es wegen der Haltung der Zeugen Jehovas angesichts der nationalsozialistischen Gegnerschaft unangebracht wäre, sie daran zu hindern, ihren Kongreß in Frieden zu beenden. So versammelten sich die Brüder an jenem letzten Tag, um den mitreißenden Vortrag „Furchtlos trotz Weltverschwörung“ zu hören.

      Sie erkannten das Wirken Jehovas bei dem, was geschah. Zur gleichen Zeit, als Vertreter eines Regimes, das versucht hatte, Jehovas Zeugen auszurotten, verurteilt wurden, versammelten sich an der Stelle, wo Hitler einige seiner imposantesten Demonstrationen nationalsozialistischer Macht zur Schau gestellt hatte, die Zeugen zur Anbetung Jehovas. Der Vorsitzende des Kongresses sagte: „Allein diesen Tag zu erleben, der ein Vorgeschmack von dem Triumph des Volkes Gottes über seine Feinde in der Schlacht von Harmagedon ist, war es wert, neun Jahre ins Konzentrationslager zu gehen.“

      Andere unvergeßliche Kongresse

      Da sich die Tätigkeit der Zeugen Jehovas ausdehnte, wurden in der ganzen Welt Kongresse abgehalten. Für die Anwesenden ist jeder Kongreß auf seine Art etwas Besonderes gewesen.

      In Kitwe in Nordrhodesien (heute Sambia), mitten im Kupfergürtel, war für 1952 ein Kongreß geplant, der während des Besuchs des Präsidenten der Watch Tower Society stattfinden sollte. Es war ein großes Gelände am Rand einer Bergarbeitersiedlung vorgesehen, in einer Gegend, die heute Chamboli heißt. Die Spitze eines verlassenen Termitenhügels wurde abgetragen, damit man eine Bühne hatte, und man baute ein Grasdach darüber. Lange Schlafhütten, einige mit Etagenbetten, umgaben den Hauptbesucherplatz mit einem Radius von 180 Metern wie die Speichen eines Rades. In einigen schliefen Männer und Jungen, in anderen Frauen und Mädchen. Manche Kongreßbesucher waren zwei Wochen mit dem Fahrrad unterwegs, um dabeisein zu können. Andere liefen tagelang zu Fuß und fuhren das letzte Stück in einem klapprigen Bus.

      Während des Programms waren die Zuhörer sehr aufmerksam, obwohl sie auf harten Bambusbänken unter freiem Himmel saßen. Sie waren zum Zuhören gekommen und wollten kein Wort verpassen. Der Gesang der 20 000 Anwesenden konnte einen zu Tränen rühren — so schön war er. Sie wurden nicht von Instrumenten begleitet, und doch war ihr mehrstimmiger Gesang hervorragend. Nicht nur beim Singen, sondern einfach in jeder Hinsicht ließen diese Zeugen Einheit erkennen, obwohl sie aus vielen verschiedenen Bevölkerungsschichten und Stämmen kamen.

      Und können wir uns vorstellen, was Jehovas Zeugen in Portugal empfanden, als sie nach fast 50jährigem Kampf für Religionsfreiheit am 18. Dezember 1974 rechtlich anerkannt wurden? Damals zählten sie nur etwa 14 000. Wenige Tage später war ein Sportpavillon in Porto mit 7 586 Zeugen zum Bersten voll. Am Tag darauf überfluteten weitere 39 284 ein Fußballstadion in Lissabon. Bruder Knorr und Bruder Franz waren bei diesem freudigen Anlaß zugegen, der für viele unvergeßlich ist.

      Internationale Kongresse organisiert

      Seit gut einem halben Jahrhundert halten Jehovas Zeugen in vielen Ländern große Kongresse ab, die in mehreren Städten gleichzeitig stattfinden. Bei diesen Gelegenheiten empfinden sie verstärkt, daß sie eine internationale Bruderschaft sind, da alle zur gleichen Zeit die in einer Schlüsselstadt gehaltenen Hauptvorträge hören.

      Doch erst 1946 versammelten sich in e i n e r Stadt Delegierte aus vielen Ländern der Erde zu einem großen internationalen Kongreß. Das war in Cleveland (Ohio). Obwohl in der Nachkriegszeit das Reisen immer noch schwierig war, kamen 80 000 Besucher, einschließlich 302 Delegierten aus 32 Ländern außerhalb der Vereinigten Staaten. Es wurden Vorträge in 20 Sprachen gehalten. Viele praktische Hinweise wurden gegeben, die darauf abzielten, das Evangelisierungswerk zu erweitern. Einer der Höhepunkte des Kongresses war Bruder Knorrs Ansprache über die Probleme des Wiederaufbaus und der Ausdehnung. Die Zuhörer klatschten stürmisch, als sie erfuhren, daß man plante, die Druckerei und die Bürogebäude des Hauptbüros der Gesellschaft sowie ihre Rundfunkeinrichtungen zu erweitern, in den großen Ländern der Welt Zweigbüros zu eröffnen und das Missionarwerk auszudehnen. Gleich nach dem Kongreß wurde alles im einzelnen ausgearbeitet, so daß Bruder Knorr und Bruder Henschel auf eine Reise um die Welt gehen konnten, um die Pläne in die Tat umzusetzen.

      In den folgenden Jahren wurden im New Yorker Yankee-Stadion epochemachende Kongresse abgehalten. Der erste fand vom 30. Juli bis 6. August 1950 statt, und es waren Delegierte aus 67 Ländern anwesend. Zum Programm gehörten kurze Berichte von Zweigdienern, Missionaren und anderen Delegierten. Dadurch wurden begeisternde Eindrücke von dem intensiven Evangelisierungswerk in all den Ländern, aus denen sie kamen, vermittelt. Am letzten Tag stieg die Besucherzahl bei dem Vortrag „Kannst du ewig in Glück auf Erden leben?“ auf 123 707. Der Kongreß stand unter dem Motto „Mehrung der Theokratie“. Es wurde auf die große zahlenmäßige Mehrung aufmerksam gemacht. Doch wie Grant Suiter, der Vorsitzende, betonte, wurde damit nicht bezweckt, irgendwelche fähigen Köpfe innerhalb der sichtbaren Organisation zu rühmen. Er erklärte vielmehr: „Die Ehre für die neue zahlenmäßige Stärke schreiben wir Jehova zu. So soll es sein, und anders möchten wir es gar nicht haben.“

      Im Jahre 1953 wurde ein weiterer Kongreß im New Yorker Yankee-Stadion abgehalten. Diesmal betrug die Besucherhöchstzahl 165 829. Wie beim ersten dortigen Kongreß bestand das Programm wieder aus vielen Besprechungen fesselnder Prophezeiungen aus der Bibel, praktischen Hinweisen für das Predigen der guten Botschaft und Berichten aus vielen Ländern. Das Programm begann etwa um 9.30 Uhr und endete meistens erst um 21 Uhr oder 21.30 Uhr. Der Kongreß war ein freudiges geistiges Festmahl, das sich über acht ganze Tage hinzog.

      Für den größten Kongreß der Zeugen Jehovas, der 1958 in New York stattfand, reichte das Yankee-Stadion nicht aus, und man mußte für die Menge außerdem die nahe gelegenen Polo Grounds benutzen sowie Bereiche außerhalb der Stadien. Am letzten Tag, als jeder Platz besetzt war, wurde sogar die Erlaubnis gegeben, auf dem Spielfeld des Yankee-Stadions zu sitzen, und es war ein herrlicher Anblick, wie Tausende hineinströmten, die Schuhe auszogen und sich auf den Rasen setzten. Die Zählung ergab 253 922 Anwesende beim öffentlichen Vortrag. Ein weiterer Beweis dafür, daß Jehova das Predigtwerk seiner Diener segnete, war zu erkennen, als auf diesem Kongreß 7 136 ihre Hingabe dadurch symbolisierten, daß sie sich im Wasser untertauchen ließen — weit mehr als doppelt so viele, wie bei dem historischen Anlaß zu Pfingsten 33 u. Z. getauft wurden, von dem die Bibel berichtet (Apg. 2:41).

      Der gesamte Ablauf dieser Kongresse zeugte von mehr als nur guter Organisation. Es war deutlich zu erkennen, wie Gottes Geist unter seinem Volk wirkt. Überall war brüderliche Liebe zu beobachten, deren Grundlage die Liebe zu Gott ist. Es gab keine hochbezahlten Organisatoren. In allen Abteilungen waren unbezahlte Freiwillige tätig. Christliche Brüder und Schwestern — oft ganze Familien — gaben an Ständen Imbisse und Getränke aus. Man bereitete auch warme Mahlzeiten zu, und in riesigen Zelten außerhalb des Stadions wurden bis zu tausend Essen pro Minute ausgeteilt. Zehntausende, die alle gern bei der Arbeit mitmachten, dienten als Ordner oder halfen beim Aufbau, Kochen, Essenausteilen, Reinigen und bei vielem mehr.

      Weitere Freiwillige setzten Hunderttausende von Stunden ein, um für die Delegierten Unterkünfte zu beschaffen. In manchen Jahren wurden, um wenigstens einen Teil der Kongreßbesucher unterzubringen, riesige Campingplätze angelegt. 1953 ernteten die Zeugen, ohne Bezahlung zu verlangen, 16 Hektar Getreide für einen Farmer in New Jersey, der ihnen sein Land für einen Campingplatz vermietete. Man stellte Toiletten, Duschen, Beleuchtungsanlagen, Waschküchen, Cafeterias und Lebensmittelgeschäfte für über 45 000 Camper bereit. Als sie eintrafen, entstand über Nacht eine Stadt. Etliche Tausend wurden in Hotels und Privatwohnungen in New York und Umgebung untergebracht. Es war ein Mammutunternehmen. Durch den Segen Jehovas war es von Erfolg gekrönt.

      Von einem Kongreß zum anderen

      Die einzelnen Angehörigen dieser internationalen Bruderschaft sind lebhaft an ihren Mitgläubigen in anderen Ländern interessiert. Deshalb besuchen sie, wenn sich ihnen die Gelegenheit bietet, Kongresse außerhalb ihres Heimatlandes.

      Als 1951 in England im Londoner Wembley-Stadion der erste Kongreß mit dem Motto „Reine Anbetung“ stattfand, waren Zeugen aus 40 Ländern dabei. Das Programm hob die praktische Seite der wahren Anbetung hervor, und es wurde dazu angespornt, sich den Predigtdienst zur Lebensaufgabe zu machen. Von England aus reisten viele Zeugen zum europäischen Festland, wo in den nächsten zwei Monaten neun weitere Kongresse stattfanden. Der größte davon wurde in Frankfurt am Main abgehalten mit 47 432 Besuchern aus 24 Ländern. Die Herzlichkeit der Brüder kam bei Programmschluß zum Ausdruck, als das Orchester zu spielen begann und die deutschen Brüder spontan ein Abschiedslied sangen, mit dem sie ihre Mitgläubigen, die aus dem Ausland zu ihnen gekommen waren, Gott anbefahlen. Taschentücher wurden geschwenkt, und Hunderte liefen über das Spielfeld, um ihre Dankbarkeit für dieses großartige theokratische Fest zu zeigen.

      Im Jahre 1955 planten noch mehr Zeugen, zur Kongreßzeit ihre christlichen Brüder im Ausland zu besuchen. Mit zwei gecharterten Schiffen (jeweils mit 700 Passagieren) und 42 Charterflugzeugen reisten Delegierte aus den Vereinigten Staaten und aus Kanada nach Europa. Die in Deutschland herausgegebene europäische Ausgabe der Zeitung The Stars and Stripes schrieb über den Zustrom von Zeugen Jehovas: „Wahrscheinlich ist dies der größte Massendurchzug von Amerikanern durch Europa seit der Invasion der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges.“ Weitere Delegierte kamen aus Mittel- und Südamerika, Asien, Afrika und Australien. Obwohl die Geistlichkeit der Christenheit verhindern wollte, daß sich Jehovas Zeugen in Rom und Nürnberg versammelten, fanden in Europa während des Sommers diese beiden Kongresse und noch sechs weitere statt. Die Besucherzahl bewegte sich zwischen 4 351 in Rom und 107 423 in Nürnberg. Auch versammelten sich 17 729 in Westberlin in der Waldbühne, die für Brüder aus der DDR mit etwas geringerem Risiko zu erreichen war. Viele von ihnen waren wegen ihres Glaubens inhaftiert gewesen oder hatten Verwandte, die im Gefängnis saßen, aber sie waren nach wie vor glaubensstark. Wie passend war doch das Kongreßmotto „Triumphierendes Königreich“!

      Zwar hatte es schon vor 1963 viele internationale Kongresse gegeben, doch der Kongreß in jenem Jahr war der erste seiner Art. Es war ein Kongreß, der rund um die Welt ging. Er begann in den Vereinigten Staaten in Milwaukee (Wisconsin), dann ging es nach New York und als nächstes in vier europäische Großstädte, danach durch den Nahen Osten und weiter nach Indien, Birma (heute Myanmar), Thailand, Hongkong, Singapur, auf die Philippinen, nach Indonesien, Australien, Taiwan, Japan, Neuseeland, auf die Fidschiinseln, in die Republik Korea und nach Hawaii und schließlich zurück zum nordamerikanischen Festland. Insgesamt waren Delegierte aus 161 Ländern und Inselgebieten dabei. Die Gesamtbesucherzahl betrug mehr als 580 000. 583 Kongreßteilnehmer aus ungefähr 20 Ländern reisten rund um die Erde von einem Land zum anderen mit. Sie machten besondere Ausflüge zu Orten, die in Verbindung mit ihrem Glauben von Interesse waren, und beteiligten sich auch mit ihren einheimischen Brüdern und Schwestern am Predigtdienst von Haus zu Haus. Für die Reisekosten kamen sie selbst auf.

      Auf den meisten internationalen Kongressen waren Delegierte aus lateinamerikanischen Ländern gut vertreten. Aber 1966/67 waren sie an der Reihe, Gastgeber zu sein. Die Besucher werden nie das biblische Drama vergessen, das den Bericht über Jeremia zum Leben erweckte und allen erkennen half, was sie heute daraus lernen können.a Die gegenseitige christliche Liebe wurde dadurch vertieft, daß die Besucher mit eigenen Augen sahen, unter welchen Verhältnissen in Lateinamerika ein ausgedehntes biblisches Lehrwerk durchgeführt wird. Sie waren tief bewegt von dem starken Glauben ihrer Brüder, von denen viele enorme Hindernisse überwunden hatten, um dabeizusein — Gegnerschaft in der Familie, Überschwemmungen und Verlust von Hab und Gut. Durch die Erlebnisberichte wurden sie sehr ermuntert. Es wurde zum Beispiel eine kränkliche Sonderpionierin aus Uruguay interviewt, die mit vielen der 80 Personen auf der Bühne stand, denen sie auf dem Weg zur christlichen Taufe beigestanden hatte. (Bis 1992 hatte sie 105 Personen zur Taufe geführt. Sie war immer noch kränklich und stand immer noch im Sonderpionierdienst!) Es war auch bewegend, Missionare aus den ersten Gileadklassen kennenzulernen, die nach wie vor in den ihnen zugewiesenen Gebieten tätig waren. Die Kongresse gaben dem Werk in diesem Erdteil großen Auftrieb. In vielen der Länder gibt es heute 10-, 15- oder sogar 20mal so viele, die Jehova preisen, wie damals.

      Ein paar Jahre später, als 1970/71 internationale Kongresse in Afrika stattfanden, war es Zeugen aus dem Ausland möglich, mit ihren dortigen Brüdern Gemeinschaft zu pflegen. Der größte dieser Kongresse wurde in Lagos (Nigeria) abgehalten, wo alle Einrichtungen komplett aufgebaut werden mußten. Um die Besucher vor der heißen Sonne zu schützen, wurde eine Stadt aus Bambus errichtet mit Sitzgelegenheiten, Schlafsälen, Cafeterias und anderen Bereichen. Dazu wurden 100 000 Bambusrohre und 36 000 große geflochtene Matten gebraucht, die die Brüder und Schwestern alle herbeischafften beziehungsweise anfertigten. Das Programm wurde in 17 Sprachen gleichzeitig dargeboten. Man zählte 121 128 Besucher, und es wurden 3 775 neue Zeugen getauft. Zahlreiche Stammesgruppen waren vertreten; viele der Anwesenden hatten sich früher einmal bekriegt. Aber nun war es ein erfreulicher Anblick, wie sie als echte christliche Brüder vereint beisammen waren.

      Nach dem Kongreß reisten einige ausländische Delegierte mit dem Bus ins Iboland, um sich das Gebiet anzusehen, das vom Bürgerkrieg am schlimmsten betroffen war. In einem Ort nach dem anderen war es eine große Sensation, als die Besucher von den ansässigen Zeugen begrüßt und umarmt wurden. Die Leute rannten auf die Straße, um sich das anzuschauen. Eine solche Demonstration der Liebe und Einheit zwischen Schwarzen und Weißen hatten sie noch nie gesehen.

      In einer Reihe von Ländern gibt es so viele Zeugen Jehovas, daß es ihnen nicht möglich ist, sich alle an einem Ort zu versammeln. Von Zeit zu Zeit wurden jedoch gleichzeitig mehrere große Kongresse abgehalten, auf die dann Woche für Woche weitere folgten. 1969 wurde das Gefühl der Verbundenheit, das solche Kongresse vermitteln, dadurch verstärkt, daß einige der Hauptredner zwischen den Kongreßstädten hin und her flogen, so daß sie auf allen Kongressen Vorträge halten konnten. Als man 1983 und 1988 eine Anzahl großer Kongresse, auf denen die gleiche Sprache gesprochen wurde, durch Standleitungen verband, um Schlüsselvorträge von Mitgliedern der leitenden Körperschaft sogar grenzüberschreitend zu übertragen, wurde ein ähnliches Gefühl der Einheit vermittelt. Die wahre Grundlage der Einheit unter Jehovas Zeugen besteht jedoch darin, daß sie alle Jehova als den allein wahren Gott anbeten, sich an die Bibel als Richtschnur halten, sich das gleiche geistige Ernährungsprogramm zunutze machen, Jesus Christus als ihren Führer betrachten, sich bemühen, in ihrem Leben die Früchte des Geistes Gottes hervorzubringen, ihr Vertrauen auf Gottes Königreich setzen und sich daran beteiligen, anderen die gute Botschaft von diesem Königreich zu überbringen.

      Weltweit internationale Kongresse zum Lobpreis Jehovas

      Jehovas Zeugen haben so stark zugenommen, daß ihre Gesamtzahl die Bevölkerung vieler Staaten übersteigt. Damit ihre Kongresse von größtmöglichem Nutzen sind, müssen sie sorgfältig geplant werden. Um zu gewährleisten, daß alle Besucher Platz haben, reicht es jedoch meistens, einfach schriftlich mitzuteilen, welchen Kongreß die Zeugen aus den verschiedenen Gegenden besuchen sollten. Wenn heute internationale Kongresse geplant werden, muß sich die leitende Körperschaft oft nicht nur Gedanken darüber machen, wie viele Zeugen aus anderen Ländern dorthin gehen möchten und dazu in der Lage sind, sondern auch, wie groß die erhältlichen Kongreßgelände sind, wie viele einheimische Zeugen anwesend sein werden und wie viele Unterkünfte für die Delegierten zur Verfügung stehen; dann kann für jedes Land eine maximale Zahl festgelegt werden. So war es bei den drei Kongressen mit dem Motto „Gottergebenheit“, die 1989 in Polen stattfanden.

      Zu diesen Kongressen erwartete man rund 90 000 Zeugen Jehovas aus Polen und Tausende von neuinteressierten Personen. Außerdem waren viele aus Großbritannien, Kanada und den Vereinigten Staaten eingeladen. Große Delegationen aus Italien, Frankreich und Japan wurden willkommen geheißen. Auch aus Skandinavien und Griechenland kamen Besucher. Es waren mindestens 37 Länder vertreten. Bestimmte polnische oder englische Ansprachen mußten in 16 andere Sprachen übersetzt werden. Die Gesamtbesucherzahl betrug 166 518.

      Eine Menge Zeugen Jehovas aus der Sowjetunion und aus der Tschechoslowakei kamen zu diesen Kongressen; auch waren beachtliche Gruppen aus anderen osteuropäischen Ländern anwesend. Es konnten nicht alle in Hotels und Schulen untergebracht werden. Die gastfreundlichen polnischen Zeugen öffneten ihr Herz und ihre Wohnungstür und teilten das, was sie hatten, nur zu gern mit anderen. Eine Versammlung von 146 Zeugen nahm über 1 200 Delegierte auf. Für einige Besucher dieser Kongresse war es das erstemal, daß sie sich mit mehr als 15 bis 20 Dienern Jehovas versammelten. Ihr Herz floß vor Dankbarkeit über, als sie ihre Blicke über die Zehntausende in den Stadien schweifen ließen, sich mit ihnen im Gebet vereinigten und gemeinsam zum Lobpreis Jehovas sangen. In den Pausen mischten sich die Gruppen untereinander, und viele umarmten sich herzlich, obwohl sie wegen der Sprachbarriere oft nicht mit Worten sagen konnten, was sie im Innern empfanden.

      Als der Kongreß zu Ende ging, war ihr Herz voller Dankbarkeit gegenüber Jehova, der das alles ermöglicht hatte. In Warschau brach die Zuhörerschaft nach den Abschiedsworten des Vorsitzenden in einen mindestens zehnminütigen Beifall aus. Nach dem Schlußlied und dem Gebet ging der Applaus weiter, und die Besucher blieben noch lange an ihren Plätzen. Sie hatten viele Jahre auf dieses Ereignis gewartet und wollten nicht, daß es vorüberging.

      Im folgenden Jahr, 1990, nicht einmal fünf Monate nachdem das 40jährige Verbot der Zeugen Jehovas in der DDR aufgehoben worden war, fand in Berlin ein begeisternder internationaler Kongreß statt. Zu den 44 532 Anwesenden gehörten Delegierte aus 65 verschiedenen Ländern. Aus manchen Ländern waren nur wenige gekommen, aus Polen hingegen 4 500. Die tiefen Empfindungen derer, die das erstemal die Freiheit hatten, einen solchen Kongreß zu besuchen, können nicht mit Worten ausgedrückt werden, und als die gesamte Zuhörerschaft gemeinsam zum Lobpreis Jehovas sang, konnten sie die Freudentränen nicht zurückhalten.

      Noch im selben Jahr, als ein ähnlicher Kongreß in São Paulo (Brasilien) stattfand, wurden zwei große Stadien benötigt, um die internationale Menge von 134 406 Zuhörern unterzubringen. Darauf wurde ein Kongreß in Argentinien abgehalten, wo für die internationale Zuhörerschaft ebenfalls zwei Stadien gleichzeitig benutzt wurden. Als das Jahr 1991 begann, waren weitere internationale Kongresse auf den Philippinen, auf Taiwan und in Thailand im Gange. Im selben Jahr waren auch große Besucherströme aus vielen Ländern zu Kongressen in Osteuropa unterwegs, die in Ungarn, in der Tschechoslowakei und in Kroatien stattfanden. Und 1992 betrachteten es Delegierte aus 28 Ländern als besonderes Vorrecht, in St. Petersburg zu den 46 214 Anwesenden beim ersten richtigen internationalen Kongreß der Zeugen Jehovas in Rußland zu gehören.

      Gelegenheiten, sich regelmäßig geistig zu erfrischen

      Nicht alle Kongresse der Zeugen Jehovas sind international. Doch die leitende Körperschaft sorgt dafür, daß einmal jährlich größere Kongresse stattfinden, und dabei wird weltweit in vielen Sprachen das gleiche Programm gehört. Diese Kongresse können ziemlich groß sein, so daß man mit anderen Zeugen aus vielen Gegenden zusammensein kann, oder sie sind kleiner und werden in vielen Städten abgehalten, so daß sie von Neuen leichter besucht werden können und die Öffentlichkeit in Hunderten von kleineren Städten ein genaues Bild von einem Querschnitt der Zeugen Jehovas erhält.

      Zudem versammelt sich einmal im Jahr jeder Kreis (der vielleicht aus 20 Versammlungen besteht) zu einem zweitägigen Programm, bei dem Rat und Ermunterung zur Glaubensstärkung gegeben werden.b Seit September 1987 wird außerdem für jeden Kreis einmal jährlich ein Tagessonderkongreß geplant — ein eintägiges erbauendes Programm. Wenn möglich, wird ein Mitarbeiter vom Hauptbüro der Gesellschaft oder vom Zweigbüro in dem jeweiligen Land dorthin gesandt, um beim Programm mitzuwirken. Jehovas Zeugen schätzen diese Veranstaltungen sehr. In vielen Gegenden sind die Kongreßstätten nicht weit entfernt und nicht schwer zu erreichen. Das ist aber nicht immer der Fall. Ein reisender Aufseher erinnert sich an ein älteres Ehepaar in Simbabwe, das — mit Koffern und Decken beladen — 76 Kilometer zu Fuß ging, um einen Kreiskongreß zu besuchen.

      Der Predigtdienst ist nicht mehr Bestandteil all dieser Kongresse, aber das liegt keinesfalls daran, daß ihn die Zeugen als weniger wichtig betrachten. In den meisten Fällen werden die Leute, die in der Nähe der Kongreßstätten wohnen, von den dortigen Zeugen regelmäßig besucht — zum Teil alle paar Wochen. Die Kongreßteilnehmer achten auf Gelegenheiten, informell Zeugnis abzulegen, und geben schon allein durch ihr Verhalten ein wirkungsvolles Zeugnis.

      Ein Beweis, daß wir wirklich Brüder sind

      Die Brüderlichkeit unter Jehovas Zeugen, die auf ihren Kongressen offenbar wird, fällt Beobachtern ins Auge. Man kann erkennen, daß es unter ihnen keine Parteilichkeit gibt und daß sogar unter denen, die sich zum erstenmal begegnen, echte Herzlichkeit herrscht. Als 1958 in New York der internationale Kongreß „Göttlicher Wille“ stattfand, berichtete die New Yorker Zeitschrift Amsterdam News vom 2. August: „Neger, Weiße und Orientalen aller Stände und Länder freuten sich gemeinsam und verkehrten ungezwungen miteinander. ... Die Zeugen aus 120 Ländern haben friedlich und in Einheit Gott angebetet und den Amerikanern gezeigt, wie leicht es ist. ... Der Kongreß ist ein leuchtendes Beispiel dafür, daß die Menschen einträchtig leben und arbeiten können.“

      Als Jehovas Zeugen 1985 in Durban und in Johannesburg (Südafrika) gleichzeitig einen Kongreß hatten, waren unter den Delegierten alle Hauptrassen und -sprachen Südafrikas vertreten, und es kamen Besucher aus 23 anderen Ländern. Die herzliche Verbundenheit unter den 77 830 Anwesenden war auffallend. „Das ist wunderbar“, sagte eine junge Inderin. „Mischlinge, Inder, Weiße und Schwarze zusammen zu sehen hat meine Lebensauffassung von Grund auf geändert.“

      Das Gefühl der Brüderlichkeit geht darüber hinaus, daß man sich zulächelt, Hände schüttelt und sich gegenseitig „Bruder“ und „Schwester“ nennt. Als man zum Beispiel 1963 weltweit den Kongreß „Ewige gute Botschaft“ vorbereitete, wurden Jehovas Zeugen unterrichtet, daß sie, sofern sie es wünschten, anderen finanziell helfen könnten, einen Kongreß zu besuchen, und daß die Gesellschaft sich freuen würde, Brüdern überall in der Welt den Fonds zukommen zu lassen. Es wurde nicht zum Spenden gedrängt, und von dem Fonds wurden keinerlei Verwaltungsausgaben bestritten. Man gebrauchte ihn ausschließlich zu dem genannten Zweck. Dadurch wurde 8 179 Personen geholfen, dem Kongreß beizuwohnen. In jedem Land Mittel- und Südamerikas kam Delegierten die Hilfe zugute sowie Tausenden aus Afrika und vielen aus dem Nahen und Fernen Osten. Ein Großteil von ihnen waren Brüder und Schwestern, die bereits viele Jahre im Vollzeitdienst standen.

      Für Ende 1978 war ein Kongreß in Auckland (Neuseeland) geplant. Zeugen auf den Cookinseln wußten davon und wünschten sich sehnlichst dabeizusein. Gemessen an den wirtschaftlichen Verhältnissen auf den Inseln, hätte die Reise allerdings jeden von ihnen ein kleines Vermögen gekostet. Doch liebe Glaubensbrüder und -schwestern in Neuseeland bezahlten etwa 60 Inselbewohnern die Hin- und Rückreise. Diese waren überglücklich, mit ihren Brüdern an dem geistigen Festmahl teilzunehmen — mit Maoris, Samoanern, Einwohnern von Niue und Weißen.

      Typisch für den Geist, der unter Jehovas Zeugen herrscht, war das, was sich 1988 in Montreal (Kanada) gegen Schluß des Bezirkskongresses „Göttliches Recht“ abspielte. Vier Tage lang hatten arabische, englische, französische, griechische, italienische, portugiesische und spanische Delegierte dasselbe Programm gehört, allerdings in ihrer eigenen Sprache. Doch am Ende der Schlußansprache taten sich alle 45 000 im Olympiastadion zusammen. Gemeinsam sangen sie in einer bewegenden Geste der Brüderlichkeit und Einmütigkeit — jede Gruppe in ihrer eigenen Sprache —: „Stimmt doch mit ein ... ‚Jehova preist! Denn er regiert. O Erd’ und Himmel, triumphiert!‘ “

      [Fußnoten]

      a In den folgenden 25 Jahren wurden 70 weitere solche Dramen aufgeführt.

      b Von 1947 bis 1987 fanden die Kongresse zweimal jährlich statt. Bis 1972 waren es dreitägige Kongresse; dann wurde ein zweitägiges Programm eingeführt.

      [Herausgestellter Text auf Seite 255]

      „Ich war sehr beeindruckt von dem Geist der Liebe und brüderlichen Freundlichkeit“

      [Herausgestellter Text auf Seite 256]

      Kongreßzüge — bitte einsteigen!

      [Herausgestellter Text auf Seite 275]

      Keine hochbezahlten Kongreßorganisatoren, sondern unbezahlte Freiwillige

      [Herausgestellter Text auf Seite 278]

      Einheit zwischen Schwarzen und Weißen

      [Kasten/Bild auf Seite 261]

      Sieben bedeutsame Kongreßresolutionen

      1922 forderte die Resolution mit dem Titel „Ein Aufruf an die Führer der Welt!“ dazu auf, entweder den Beweis zu erbringen, daß die Menschen weise genug sind, unsere Erde zu regieren, oder sonst zuzugeben, daß nur Jehova durch Jesus Christus Frieden, Leben, Freiheit und ewiges Glück herbeiführen kann.

      1923 erging „Ein Warnruf an alle Christen“, der besagte, daß es dringend notwendig sei, aus Organisationen zu fliehen, die fälschlicherweise behaupteten, Gott und Christus zu vertreten.

      1924 stellte die „Offene Anklage gegen die Geistlichkeit“ die unbiblischen Lehren und Bräuche der Geistlichkeit der Christenheit bloß.

      1925 zeigte die „Botschaft der Hoffnung“, warum die angeblichen Leuchten der Welt darin versagt haben, die größten Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen, und warum nur Gottes Königreich dazu in der Lage ist.

      1926 wurden die Machthaber durch „Ein Zeugnis an die Herrscher der Welt“ davon in Kenntnis gesetzt, daß Jehova der allein wahre Gott ist und daß Jesus Christus heute als rechtmäßiger König der Erde regiert. Die Herrscher wurden aufgefordert, ihren Einfluß geltend zu machen, um die Menschen zu dem wahren Gott hinzulenken, damit sie kein Unheil über sich bringen.

      1927 wurde durch die Resolution „An die Völker der Christenheit“ die Interessengemeinschaft aus Finanz, Politik und Religion entlarvt, die die Menschheit bedrückt. Die Menschen wurden aufgefordert, die Christenheit zu verlassen und ihr Vertrauen auf Jehova und sein Königreich in den Händen Christi zu setzen.

      1928 zeigte die „Öffentliche Erklärung gegen Satan und für Jehova“ deutlich, daß Jehovas gesalbter König, Jesus Christus, Satan bald unschädlich machen und dessen böse Organisation vernichten wird, und alle gerechtigkeitsliebenden Menschen wurden ermuntert, sich auf die Seite Jehovas zu stellen.

      [Kasten/Bilder auf Seite 272, 273]

      Was einige der großen Kongresse auszeichnete

      Hunderte von freudigen Delegierten kamen mit dem Schiff, Tausende mit dem Flugzeug und Zehntausende mit dem Auto oder mit dem Bus

      Es waren gute Organisation und eine Menge bereitwillige Mitarbeiter erforderlich, um genügend Unterkünfte ausfindig zu machen und sie zuzuweisen

      Bei diesen achttägigen Kongressen wurden an die Delegierten regelmäßig warme Mahlzeiten ausgegeben, ja Zehntausende von Essen

      1953 wurden für 45 000 Delegierte riesige Campingplätze angelegt

      1958 in New York ließen sich 7 136 taufen — die höchste Zahl seit Pfingsten 33 u. Z.

      1953 in New York wurden Schilder mit Grüßen aus vielen Ländern angebracht, und es wurden Ansprachen in 21 Sprachen gehalten

      [Bild auf Seite 256]

      Delegierte des IBSA-Kongresses in Winnipeg (Manitoba, Kanada) im Jahre 1917

      [Bilder auf Seite 258]

      J. F. Rutherford 1919 in Cedar Point (Ohio) bei einer Ansprache. Er forderte alle auf, sich mit dem „Goldenen Zeitalter“ eifrig an der Verkündigung des Königreiches Gottes zu beteiligen.

      [Bild auf Seite 259]

      Kongreß in Cedar Point 1922. Es erging der Aufruf: „Verkündet den König und das Königreich.“

      [Bild auf Seite 260]

      George Gangas war 1922 in Cedar Point. Seit damals hat er rund 70 Jahre eifrig das Königreich verkündigt.

      [Bild auf Seite 262, 263]

      Delegierte auf dem Kongreß 1931 in Columbus (Ohio), die freudig den Namen Jehovas Zeugen annahmen

      [Bild auf Seite 264]

      Die „Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften“ wurde 1950 von N. H. Knorr freigegeben

      [Bild auf Seite 264]

      Vorträge von F. W. Franz über die Erfüllung biblischer Prophezeiungen waren Kongreßhöhepunkte (New York, 1958)

      [Bilder auf Seite 265]

      Viele Jahre war der Predigtdienst ein auffallendes Merkmal jedes Kongresses;

      Los Angeles (USA), 1939 (unten); Stockholm (Schweden), 1963 (kleines Foto)

      [Bilder auf Seite 266]

      Als J. F. Rutherford 1935 in Washington (D. C.) eine Ansprache hielt, wurde sie durch den Rundfunk und über Telefonleitungen in sechs Erdteile übertragen

      [Bilder auf Seite 268]

      Erich Frost hielt 1946 in Nürnberg die zündende Ansprache „Christen im Feuerofen“

      [Bild auf Seite 269]

      Kongreß unter freiem Himmel in Kitwe (Nordrhodesien) beim Besuch von N. H. Knorr im Jahre 1952

      [Bilder auf Seite 270, 271]

      1958 hörten 253 922 Anwesende in zwei großen überfüllten Stadien von New York den Vortrag „Gottes Königreich herrscht — ist das Ende der Welt nahe?“

      Polo Grounds

      Yankee-Stadion

      [Bild auf Seite 274]

      Grant Suiter war 1950 im Yankee-Stadion Kongreßvorsitzender

      [Bild auf Seite 274]

      John Groh (sitzend), der 1958 mit George Couch die Organisierung eines Kongresses besprach

      [Bilder auf Seite 277]

      1963 fand ein Kongreß statt, der rund um die Welt ging, und Delegierte aus ungefähr 20 Ländern reisten mit

      Kyoto (Japan) war eine der 27 Kongreßstädte (unten links). Delegierte in der Republik Korea lernten sich kennen (Mitte). Begrüßung nach der Art der Maori in Neuseeland (unten rechts).

      [Bilder auf Seite 279]

      Ein Kongreß in einer extra erbauten Stadt aus Bambus, bei dem 17 Sprachgruppen gleichzeitig das Programm hörten (Lagos, Nigeria, 1970)

      [Bilder auf Seite 280]

      1989 wurden in Polen drei große Kongresse abgehalten mit Delegierten aus 37 Ländern

      T. Jaracz (rechts) sprach zu Delegierten in Poznań

      In Chorzów ließen sich Tausende taufen

      Die Zuhörerschaft in Warschau spendete anhaltenden Beifall

      Delegierte aus der UdSSR (unten)

      In Chorzów wurden Teile des Programms in 15 Sprachen übersetzt

  • ‘Zuerst das Königreich suchen’
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 18

      ‘Zuerst das Königreich suchen’

      DAS Hauptthema der Bibel ist die Heiligung des Namens Jehovas durch das Königreich. Jesus Christus lehrte seine Nachfolger, zuerst das Königreich zu suchen und es anderen Interessen im Leben voranzustellen. Warum?

      Wie im Wachtturm wiederholt erklärt worden ist, ist Jehova als Schöpfer der universelle Souverän. Er verdient es, daß ihm seine Geschöpfe die höchste Achtung erweisen (Offb. 4:11). Doch sehr früh in der Menschheitsgeschichte focht ein Geistsohn Gottes, der sich selbst zu Satan, dem Teufel, machte, die Souveränität Jehovas auf herausfordernde Weise an (1. Mo. 3:1-5). Außerdem unterstellte er allen, die Jehova dienten, selbstsüchtige Motive (Hiob 1:9-11; 2:4, 5; Offb. 12:10). So wurde der Frieden im Universum gestört.

      Jehova hat dafür gesorgt, wie in den Wachtturm-Publikationen bereits seit Jahrzehnten gezeigt wird, daß die aufgeworfenen Streitfragen so geklärt werden, daß nicht nur seine Allmacht gepriesen wird, sondern auch seine große Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe. Dabei spielt das messianische Königreich Gottes eine wesentliche Rolle. Es gibt den Menschen reichlich Gelegenheit, die Wege der Gerechtigkeit kennenzulernen. Durch dieses Königreich werden die Bösen vernichtet, wird Jehovas Souveränität gerechtfertigt und sein Vorsatz verwirklicht, auf der Erde ein Paradies zu schaffen, das mit Menschen bevölkert ist, die Gott und auch einander wirklich lieben und mit Leben in Vollkommenheit gesegnet werden.

      Wegen der Bedeutung des Königreiches gebot Jesus seinen Nachfolgern: „So fahrt denn fort, zuerst das Königreich ... zu suchen“ (Mat. 6:10, 33). Jehovas Zeugen haben in der Neuzeit zahlreiche Beweise dafür geliefert, daß sie diesem Gebot nachkommen.

      Um des Königreiches willen alles aufgegeben

      Schon früh befaßten sich die Bibelforscher mit der Frage, was es heißt, zuerst das Königreich zu suchen. Sie untersuchten Jesu Gleichnis, in dem er das Königreich mit einer Perle verglich, die von so hohem Wert war, daß ein Mann ‘sogleich alles verkaufte, was er hatte, und sie kaufte’ (Mat. 13:45, 46). Auch dachten sie über die Bedeutung der an einen reichen jungen Vorsteher gerichteten Worte Jesu nach, er solle alles verkaufen, den Erlös an die Armen verteilen und ihm nachfolgen (Mar. 10:17-30).a Sie erkannten, daß sie, wenn sie sich als würdig erweisen wollten, an Gottes Königreich teilzuhaben, dieses an die erste Stelle setzen mußten, indem sie ihr Leben, ihre Fähigkeiten und ihre Mittel gern in den Dienst des Königreiches stellten. Alles andere mußte in ihrem Leben zweitrangig sein.

      Charles Taze Russell handelte im Einklang damit. Er verkaufte sein florierendes Herrenkonfektionsgeschäft, baute allmählich andere Geschäftsinteressen ab und gebrauchte dann alle seine irdischen Besitztümer, um Menschen in geistiger Hinsicht zu helfen. (Vergleiche Matthäus 6:19-21.) Das tat er nicht nur ein paar Jahre. Bis zu seinem Tod setzte er alle seine Güter — seine geistigen Fähigkeiten, seine Gesundheit und seine Besitztümer — dafür ein, die großartige Botschaft vom messianischen Königreich zu verkündigen. Bei Russells Bestattung sagte Joseph F. Rutherford, einer seiner Gefährten: „Charles Taze Russell war Gott treu, er war Christus Jesus treu und treu der Sache des messianischen Königreiches.“

      Im April 1881 (als erst wenige hundert Personen die Zusammenkünfte der Bibelforscher besuchten) erschien in Englisch ein Wacht-Turm-Artikel, betitelt „1 000 Prediger gesucht“. Unter anderem wurden Männer und Frauen, die keine von ihnen abhängigen Familienangehörigen hatten, eingeladen, als Kolporteurverkündiger tätig zu sein. In der Sprache des Gleichnisses Jesu aus Matthäus 20:1-16 stellte der Wacht-Turm die Frage: „Wer hat den brennenden Wunsch, hinzugehen und im Weinberg zu arbeiten, und hat darum gebetet, daß der Herr die Möglichkeit dazu eröffne?“ Wer wenigstens die Hälfte seiner Zeit ausschließlich dem Werk des Herrn widmen konnte, wurde ermuntert, sich zu bewerben. Zion’s Watch Tower Tract Society versorgte die frühen Kolporteure mit biblischer Literatur, die sie verbreiten konnten. Um ihnen zu helfen, Reisekosten, Nahrung, Kleidung und Obdach zu bestreiten, setzte man einen bescheidenen Beitrag fest, der für die Literatur erbeten werden durfte, und bot den Kolporteuren an, einen Teil des Geldes zu behalten. Wer machte sich diese Vorkehrungen zunutze und nahm den Kolporteurdienst auf?

      Im Jahre 1885 arbeiteten rund 300 Kolporteure mit der Gesellschaft zusammen. 1914 wurde schließlich die Zahl von 1 000 überschritten. Es war keine leichte Tätigkeit. Ein Kolporteur, der in vier kleineren Ortschaften Hausbesuche gemacht und dabei nur drei oder vier Personen angetroffen hatte, die mehr oder weniger Interesse zeigten, schrieb: „Ich muß sagen, daß ich mich ziemlich einsam gefühlt habe, nachdem ich so weit gereist war, so viele angetroffen hatte, aber auf so wenig Interesse an Gottes Plan und Kirche gestoßen war. Unterstütze mich bitte durch Deine Gebete, damit ich die Wahrheit richtig und furchtlos darlege und im Gutestun nicht müde werde.“

      Sie boten sich willig dar

      Jene Kolporteure waren Wegbereiter im wahrsten Sinne des Wortes. Sie drangen in die unzugänglichsten Winkel des Landes vor, und das zu einer Zeit, als die Beförderungsmittel noch sehr primitiv waren und die meisten Straßen einem ausgefahrenen Feldweg glichen. Schwester Early aus Neuseeland war ein solcher Wegbereiter. Sie hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Vollzeitdienst begonnen und bis 1943 — ihr Todesjahr — 34 Jahre in diesem Dienst verbracht. Einen Großteil des Landes bearbeitete sie mit dem Fahrrad. Und als sie an einer schweren Gelenkentzündung litt und nicht mehr radfahren konnte, benutzte sie das Fahrrad als Bücherträger und um sich darauf zu stützen, wenn sie im Geschäftsviertel von Christchurch tätig war. Sie konnte zwar Treppen steigen, mußte sie aber wegen ihrer Behinderung rückwärts hinuntergehen. Doch solange sie noch etwas Kraft hatte, setzte sie sie im Dienst Jehovas ein.

      Diese Kolporteure nahmen ihre Tätigkeit nicht deshalb auf, weil sie recht selbstbewußt gewesen wären. Einige waren von Natur aus sehr schüchtern, aber sie liebten Jehova. Eine Schwester bat jedesmal, bevor sie im Geschäftsviertel tätig war, alle Bibelforscher in ihrer Gegend, für sie zu beten. Als sie im Laufe der Zeit Erfahrungen gesammelt hatte, war sie von dieser Tätigkeit sehr begeistert.

      Malinda Keefer unterhielt sich 1907 mit Bruder Russell über ihren Wunsch, den Vollzeitdienst aufzunehmen, und meinte, sie müsse zuerst mehr Erkenntnis erlangen. Tatsächlich war sie erst im Jahr zuvor auf die Literatur der Bibelforscher gestoßen. Bruder Russell sagte: „Wenn du warten willst, bis du alles weißt, dann wirst du nie damit beginnen; gehst du aber voran, so wirst du immer mehr lernen.“ Sie hielt sich nicht zurück und begann in Ohio in den Vereinigten Staaten unverzüglich mit ihrem Dienst. Oft kam ihr Psalm 110:3 in den Sinn: „Dein Volk wird sich willig darbieten.“ Die nächsten 76 Jahre tat sie genau das.b Als sie begann, war sie ledig. 15 Jahre diente sie als Verheiratete. Und als ihr Mann starb, gab sie mit der Hilfe Jehovas nicht auf. Rückblickend sagte sie: „Wie dankbar bin ich, daß ich mich als junges Mädchen willig als Pionier zur Verfügung gestellt und den Königreichsinteressen stets den ersten Platz eingeräumt habe!“

      In der Anfangszeit fanden bei allgemeinen Hauptversammlungen oft besondere Zusammenkünfte mit den Kolporteuren statt. Man beantwortete Fragen, neuere Kolporteure wurden geschult, und alle wurden ermuntert.

      Von 1919 an gab es viele Diener Jehovas, die Gottes Königreich so hoch einschätzten, daß sie es wirklich zum Mittelpunkt ihres Lebens machten. Einige konnten ihre weltliche Beschäftigung aufgeben und sich uneingeschränkt dem Predigtdienst widmen.

      Für materielle Bedürfnisse gesorgt

      Wie sorgten sie für ihre materiellen Bedürfnisse? Anna Petersen (später Rømer), eine Vollzeitverkündigerin der guten Botschaft in Dänemark, erinnerte sich: „Die Literaturabgabe war uns eine Hilfe, die täglichen Ausgaben zu bestreiten, und wir hatten keine großen Bedürfnisse. Wenn größere Ausgaben entstanden, wurden sie immer auf irgendeine Weise gedeckt. Die Schwestern gaben uns gewöhnlich Kleidung — Kleider oder Mäntel, die wir sofort tragen konnten. So waren wir immer gut gekleidet. Manchmal nahm ich in Wintermonaten Arbeit in einem Büro an. ... Dadurch, daß ich einkaufte, wenn die Preise herabgesetzt waren, konnte ich mich immer für ein ganzes Jahr mit Kleidung eindecken. Es ging alles gut. Wir kannten keine Not.“ Materielle Dinge waren für sie Nebensache. Ihre Liebe zu Jehova und seinen Wegen brannte in ihnen wie ein Feuer; sie mußten einfach darüber reden.

      Als Unterkunft konnten sie gewöhnlich ein bescheidenes Zimmer mieten, wenn sie in einer Gegend bei den Menschen vorsprachen. Einige hatten einen Wohnwagen — nichts besonders Komfortables, sondern nur eine Stätte zum Schlafen und Essen. Andere schliefen unterwegs in Zelten. An einigen Orten richteten Brüder „Pionierlager“ ein. Manchmal stellten Zeugen in einem Gebiet eine Wohnung zur Verfügung und übertrugen jemandem die Aufsicht. Die Pioniere, die in der betreffenden Gegend tätig waren, hatten so eine Unterkunft und bestritten gemeinsam die Kosten.

      Bei jenen Vollzeitdienern kam es nicht vor, daß schafähnliche Menschen, die kein Geld hatten, deshalb keine Literatur bekommen konnten. Oft tauschten die Pioniere Erzeugnisse dafür ein wie Kartoffeln, Butter, Eier, frisches und eingemachtes Obst, Hühnchen, Seife und beinahe alles, was es sonst noch gab. Sie wurden dadurch zwar nicht reich, doch sie konnten aufrichtigen Menschen helfen, die Königreichsbotschaft kennenzulernen, und gleichzeitig erhielten sie das zum Leben Notwendige, so daß sie ihren Predigtdienst fortsetzen konnten. Sie vertrauten auf Jesu Zusicherung, daß ihnen, wenn sie fortfahren würden, „zuerst das Königreich und SEINE Gerechtigkeit zu suchen“, die nötige Nahrung und Bedeckung hinzugefügt würden (Mat. 6:33).

      Bereit, dort zu dienen, wo Hilfe benötigt wurde

      Der aufrichtige Wunsch, das Werk zu verrichten, das Jesus seinen Jüngern aufgetragen hatte, führte die Vollzeitdiener in neue Gebiete, ja sogar in neue Länder. Als Frank Rice 1931 gebeten wurde, Australien zu verlassen und auf Java (heute ein Teil Indonesiens) mit dem Predigen der guten Botschaft zu beginnen, hatte er schon zehn Jahre Erfahrung im Vollzeitdienst gesammelt. Doch nun galt es für ihn, sich neuen Bräuchen anzupassen und neue Sprachen zu lernen. Auf englisch konnte er einigen Leuten in den Geschäften und Büros Zeugnis geben, aber er wollte ja auch anderen predigen. Er lernte also fleißig und konnte nach drei Monaten genug Niederländisch, um von Haus zu Haus gehen zu können. Dann lernte er Malaysisch.

      Frank war erst 26 Jahre, als er nach Java ging, und in den sechs Jahren, die er dort und auf Sumatra verbrachte, arbeitete er zumeist allein. (Ende 1931 kamen Clem Deschamp und Bill Hunter aus Australien, um bei der Arbeit mitzuhelfen. Die beiden unternahmen gemeinsam eine Predigttour ins Landesinnere, während Frank in der Hauptstadt von Java und ihrer Umgebung arbeitete. Später wurden Clem und Bill ebenfalls in unterschiedliche Gegenden gesandt.) Es gab keine Versammlungszusammenkünfte, die Frank besuchen konnte. Bisweilen fühlte er sich sehr einsam, und er kämpfte wiederholt mit dem Gedanken, aufzugeben und nach Australien zurückzukehren. Aber er machte weiter. Was half ihm dabei? Die geistige Speise aus dem Wachtturm stärkte ihn. 1937 trat er eine Zuteilung in Indochina an, wo er während der Ausschreitungen nach dem Zweiten Weltkrieg nur mit knapper Not mit dem Leben davonkam. Seine Bereitschaft zu dienen zeigte er auch noch in den 70er Jahren, als er schriftlich seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß seine ganze Familie Jehova diente, und mitteilte, daß er und seine Frau sich erneut darauf vorbereiteten, an einen Ort in Australien zu ziehen, wo Hilfe benötigt wurde.

      ‘Mit ihrem ganzen Herzen auf Jehova vertraut’

      Claude Goodman war entschlossen, ‘mit seinem ganzen Herzen auf Jehova zu vertrauen und sich nicht auf seinen eigenen Verstand zu stützen’. Statt ein Geschäft zu gründen, entschied er sich für den Kolporteurdienst als christlicher Evangeliumsverkündiger (Spr. 3:5, 6). Zusammen mit Ronald Tippin, mit dessen Hilfe er die Wahrheit kennengelernt hatte, diente er über ein Jahr als Kolporteur in England. 1929 erklärten sich dann beide bereit, nach Indien zu gehen.c Da stand ihnen eine schwierige Aufgabe bevor!

      In den darauffolgenden Jahren waren sie nicht nur zu Fuß unterwegs, im Personenzug und im Bus, sondern auch im Güterzug, auf Ochsenkarren, auf Kamelen, in Rikschas, im Sampan und sogar mit dem Flugzeug und in einem Privatzug. Mitunter breiteten sie ihr Bettzeug in Wartesälen aus, in einem Viehstall, auf Dschungelgras oder auf einem Hüttenboden aus Kuhmist; aber sie schliefen auch in Luxushotels und im Palast eines Radschas. Wie der Apostel Paulus lernten sie das Geheimnis kennen, zufrieden zu sein, ganz gleich, ob sie Mangel oder Überfluß hatten (Phil. 4:12, 13). Gewöhnlich hatten sie sehr wenig, was materiell wertvoll war, doch mangelte es ihnen niemals an dem, was sie wirklich benötigten. Sie erlebten persönlich die Erfüllung der Zusage Jesu, daß für die lebensnotwendigen Dinge gesorgt wäre, wenn sie zuerst das Königreich und Gottes Gerechtigkeit suchten.

      Sie hatten schwere Denguefieberanfälle, erkrankten an Malaria und Typhus, doch andere Zeugen kümmerten sich liebevoll um sie. Sie verrichteten ihren Dienst in schmutzigen Städten wie Kalkutta und gaben auf den Teeplantagen in den Bergen Ceylons (heute Sri Lanka) Zeugnis. Um die geistigen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, boten sie Literatur an, spielten Schallplatten in den einheimischen Sprachen vor und hielten Vorträge. Als das Werk zunahm, lernte Claude, eine Druckmaschine zu bedienen und Arbeiten zu verrichten, die in den Zweigbüros der Gesellschaft anfallen.

      Im 87. Lebensjahr konnte er auf ein erfahrungsreiches Leben im Dienst Jehovas in England, Indien, Pakistan, auf Ceylon, in Birma (heute Myanmar), Malaya, Thailand und Australien zurückblicken. Nicht nur als junger Mann, sondern auch als Ehemann und Vater gab er dem Königreich in seinem Leben stets den Vorrang. Weniger als zwei Jahre nach seiner Taufe hatte er den Vollzeitdienst aufgenommen, und er betrachtete ihn als seine Laufbahn auf Lebenszeit.

      Gottes Kraft in Schwachheit vollkommen gemacht

      Auch Ben Brickell gehörte zu jenen eifrigen Zeugen. Er hatte dieselben Bedürfnisse und gesundheitlichen Probleme wie alle anderen Menschen, aber einen herausragenden Glauben. 1930 begann er in Neuseeland mit dem Kolporteurdienst und gab in Gebieten Zeugnis, die jahrzehntelang nicht wieder bearbeitet wurden. Zwei Jahre danach unternahm er in Australien eine fünfmonatige Predigtreise durch Wüstengebiet, wo noch nie Zeugnis gegeben worden war. Sein Fahrrad war mit Decken, Kleidung, Nahrung und gebundenen Büchern, die zum Verbreiten bestimmt waren, schwer beladen. Obwohl andere auf dem Weg durch dieses Gebiet umgekommen waren, machte er sich im Vertrauen auf Jehova auf die Reise. Anschließend diente er in Malaysia, wo sich bei ihm ernste Herzbeschwerden einstellten. Doch er gab nicht auf. Nach einer gewissen Erholungszeit setzte er den Vollzeitpredigtdienst in Australien fort. Etwa zehn Jahre später mußte er wegen eines schweren Leidens ins Krankenhaus, und bei seiner Entlassung sagte man ihm, er sei „zu 85 Prozent arbeitsunfähig“. Er konnte nicht einmal einkaufen gehen, ohne sich zwischendurch auszuruhen.

      Aber Ben Brickell war fest entschlossen weiterzumachen, und das tat er, wobei er sich immer wieder ausruhte, wenn es nötig war. Schon bald gab er wieder im rauhen Innern Australiens Zeugnis. Er sorgte, so gut er konnte, für seine Gesundheit, doch der Dienst Jehovas war für ihn bis zu seinem Tod, 30 Jahre später, im Alter von etwa 65 Jahren, das Wichtigste in seinem Leben.d Er wußte, daß das, woran es ihm zufolge seiner Schwäche mangelte, durch die Kraft Jehovas ausgeglichen werden konnte. Bei einem Kongreß 1969 in Melbourne diente er am Pioniertisch und trug an seinem Revers ein großes Abzeichen mit der Aufschrift: „Wenn du etwas über den Pionierdienst wissen möchtest, frage mich“. (Vergleiche 2. Korinther 12:7-10.)

      Dschungeldörfer und Bergwerkssiedlungen im Gebirge erreicht

      Eifer für den Dienst Jehovas bewog nicht nur Männer, sondern auch Frauen, unberührte Gebiete zu bearbeiten. Die zierliche Freida Johnson, die zu den Gesalbten gehörte, war bereits über 50, als sie ganz allein Teile Mittelamerikas zu Pferd bearbeitete, wie zum Beispiel die honduranische Nordküste. Es erforderte Glauben, in diesem Gebiet allein tätig zu sein und die verstreuten Bananenplantagen aufzusuchen oder die Städte La Ceiba, Tela und Trujillo oder die noch weiter entfernten einsamen Karibendörfer. Dort gab sie 1930/31 Zeugnis, dann wieder 1934 und in den Jahren 1940/41. Sie verbreitete Tausende von Veröffentlichungen, die die biblische Wahrheit enthielten.

      In jenen Jahren begann eine andere eifrige Erntearbeiterin ihre Laufbahn im Vollzeitdienst, nämlich Käthe Palm, die in Deutschland geboren war. Durch den Besuch des Kongresses in Columbus (Ohio) 1931, auf dem die Bibelforscher den Namen Jehovas Zeugen angenommen hatten, war sie zur Tat angespornt worden. Damals hatte sie sich entschlossen, zuerst das Königreich zu suchen, was sie 1992 im Alter von 89 Jahren immer noch tat.

      Mit dem Pionierdienst begann sie in New York. In Süddakota hatte sie später einige Monate lang eine Partnerin, setzte aber dann ihren Dienst allein fort und legte die Wege zu Pferd zurück. Als sie eingeladen wurde, in Kolumbien zu dienen, war sie sofort dazu bereit und traf dort Ende 1934 ein. Wieder hatte sie eine Zeitlang eine Partnerin. Als sie erneut allein war, dachte sie nicht etwa daran aufzugeben.

      Ein Ehepaar aus Chile lud sie ein, sich ihnen dort anzuschließen. Es war wiederum ein riesiges Gebiet — das Land erstreckt sich an der Westküste des südamerikanischen Kontinents über 4 265 Kilometer. Nachdem sie in den Bürohäusern der Hauptstadt gepredigt hatte, machte sie sich auf den Weg in den äußersten Norden. In jeder Bergwerksstadt oder -siedlung, ob klein oder groß, gab sie von Haus zu Haus Zeugnis. Die Arbeiter hoch oben in den Anden waren überrascht, daß eine Frau allein bei ihnen vorsprach, doch sie war entschlossen, niemand in dem Gebiet, das ihr zugeteilt war, zu übergehen. Später zog sie in den Süden um, wo es einige estancias (Schaffarmen) gab, die mitunter eine Größe von gut 100 000 Hektar hatten. Von den Leuten, die sich durch ihre Freundlichkeit und Gastlichkeit auszeichneten, wurde sie oft zu Mahlzeiten eingeladen. Auf diese und andere Weise sorgte Jehova dafür, daß sie das zum Leben Notwendige hatte.

      Die gute Botschaft von Gottes Königreich zu predigen war für sie die Erfüllung im Leben.e Auf die Jahre ihres Dienstes zurückblickend, sagte sie: „Meines Erachtens habe ich ein sehr reiches Leben gehabt. Jedes Jahr, wenn ich einen größeren Kongreß des Volkes Jehovas besuche, durchströmt mich ein warmes Gefühl des Glücks beim Anblick der vielen Menschen, mit denen ich Bibelstudien hatte und die jetzt die gute Botschaft verkündigen und andere an das Wasser des Lebens führen.“ Sie hat die Freude gehabt, die Zahl der Lobpreiser Jehovas in Chile von 50 auf über 44 000 ansteigen zu sehen.

      „Hier bin ich! Sende mich“

      Nachdem Martin Pötzinger aus Deutschland einen Vortrag über Jehovas Einladung zum Dienst aus Jesaja 6:8 und die positive Reaktion des Propheten: „Hier bin ich! Sende mich“ gehört hatte, ließ er sich taufen. Zwei Jahre danach, 1930, nahm er in Bayern den Vollzeitpredigtdienst auf.f Bald darauf war das Predigen verboten, die Versammlungsräume der Zeugen wurden versiegelt, und man beschlagnahmte ihre Literatur. Die gefürchtete Gestapo trat auf den Plan. Aber diese Entwicklungen im Jahre 1933 veranlaßten Bruder Pötzinger nicht, seinen Dienst einzustellen.

      Er erhielt die Einladung, in Bulgarien zu dienen. Dort benutzte man Zeugniskarten in der Landessprache, um biblische Literatur anzubieten. Aber viele Menschen waren Analphabeten. Bruder Pötzinger nahm daher Unterricht, um ihre Sprache zu lernen, die in kyrillischen Buchstaben geschrieben wird. Wenn man bei einer Familie Literatur zurückließ, mußten oft die Kinder ihren Eltern daraus vorlesen.

      Im ersten Jahr war Bruder Pötzinger überwiegend allein. Er schrieb: „Beim Gedächtnismahl hielt ich selbst die Ansprache, betete selbst und schloß die Zusammenkunft auch selbst ab.“ 1934 wurden Ausländer abgeschoben. Er ging daher nach Ungarn. Dort mußte er wieder eine neue Sprache erlernen, damit er die gute Botschaft verkündigen konnte. Von Ungarn ging er in die Tschechoslowakei und nach Jugoslawien.

      Er machte viele freudige Erfahrungen: Er fand wahrheitsliebende Menschen, während er mit der Literatur auf dem Rücken durch die Landgebiete und Dörfer zog; er verspürte die Fürsorge Jehovas, wenn ihm gastfreundliche Menschen Nahrung und sogar ein Bett für die Nacht anboten; bis spätabends sprach er mit Menschen, die ihn in seiner Unterkunft aufsuchten, um mehr über die tröstende Botschaft vom Königreich zu hören.

      Es gab auch schwere Glaubensprüfungen. Als er außerhalb seines Heimatlandes diente — und über keinerlei Mittel verfügte —, erkrankte er schwer. Kein Arzt wollte ihn besuchen. Aber Jehova sorgte für ihn. Wie? Man setzte sich schließlich mit dem Chefarzt des Krankenhauses am Ort in Verbindung, der ein bibelgläubiger Mann war und sich Bruder Pötzingers wie eines Sohnes annahm, ohne etwas dafür zu berechnen. Der Arzt war sehr beeindruckt von dem Geist der Selbstaufopferung, der durch die Arbeit des jungen Mannes zum Ausdruck kam, und nahm einen Satz Bücher der Gesellschaft als Geschenk entgegen.

      Eine weitere schwere Prüfung ergab sich für Bruder Pötzinger vier Monate nach seiner Heirat. Im Dezember 1936 wurde er verhaftet; man lieferte ihn in ein Konzentrationslager ein und verlegte ihn später in ein anderes, während sich seine Frau in noch einem anderen befand. Sie sahen sich neun Jahre nicht. Jehova verhinderte eine solch grausame Verfolgung zwar nicht, aber er stärkte Martin und Gertrud, wie er es auch mit Tausenden anderen tat, damit sie ausharren konnten.

      Nachdem Bruder Pötzinger und seine Frau wieder frei waren, diente er viele Jahre als reisender Aufseher in Deutschland. Er besuchte begeisternde Kongresse, die in der Nachkriegszeit auf Hitlers früherem Paradeplatz in Nürnberg stattfanden. Doch nun waren große Scharen loyaler Unterstützer des Königreiches Gottes auf diesem Gelände versammelt. Er wohnte auch unvergeßlichen Kongressen im New Yorker Yankee-Stadion bei und freute sich sehr über die Schulung, die er in der Wachtturm-Bibelschule Gilead erhielt. 1977 wurde er in die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas berufen. Die Einstellung, die er bis zum Ende seines irdischen Laufes im Jahre 1988 bewahrte, läßt sich am besten in die Worte kleiden: „Für mich zählt nur eins: zuerst das Königreich zu suchen.“

      Lernen, was es wirklich bedeutet

      Der Geist der Selbstaufopferung ist für Jehovas Zeugen natürlich nichts Neues. Schon im ersten Band der Bücherserie Millennium-Tagesanbruch, der 1886 erschien, wurde das Thema Weihung (oder Hingabe, wie wir heute sagen würden) ausführlich behandelt. Es wurde, gestützt auf die Heilige Schrift, gezeigt, daß wahre Christen alles Gott „weihen“, auch ihre Fähigkeiten, ihre materiellen Besitztümer und ihr Leben. Sie werden so zu Verwaltern dessen, was Gott „geweiht“ worden ist, und als Verwalter müssen sie Rechenschaft ablegen — nicht Menschen, sondern Gott.

      Immer mehr Bibelforscher widmeten sich ganz dem Dienst für Gott. Sie setzten all ihre Fähigkeiten und Besitztümer sowie ihre ganze Kraft ein, um seinen Willen zu tun. Es gab aber auch Personen, die dachten, am wichtigsten sei es, einen — wie sie es nannten — christlichen Charakter zu entwickeln, damit sie sich eignen würden, mit Christus am Königreich teilzuhaben.

      Bruder Russell hatte zwar oftmals auf die Verpflichtung jedes wahren Christen hingewiesen, über Gottes Königreich Zeugnis abzulegen, aber nach dem Ersten Weltkrieg wurde noch größerer Nachdruck darauf gelegt. Der Artikel „Charakter oder Bund?“ im Wacht-Turm vom 1. Juni 1926 ist ein auffallendes Beispiel dafür. Offen wurden die verhängnisvollen Folgen der sogenannten Charakterentwicklung erörtert, und dann wurde die Wichtigkeit betont, die Verpflichtung Gott gegenüber durch Taten zu erfüllen.

      Bereits im Wacht-Turm vom September 1920 war Jesu große Prophezeiung über ‘das Zeichen seiner Gegenwart und der Vollendung des Zeitalters’ untersucht worden (Mat. 24:3, EB). Die Aufmerksamkeit wurde auf das Predigtwerk gelenkt, das in Erfüllung von Matthäus 24:14 verrichtet werden muß, und es wurde gezeigt, welche Botschaft verkündigt werden sollte: „Die hier genannte gute Botschaft betrifft das Ende der alten Ordnung der Dinge und die Aufrichtung des messianischen Königreiches.“ Wie im Wacht-Turm erklärt wurde, muß dieses Werk aufgrund der Reihenfolge, in der Jesus es zusammen mit anderen Bestandteilen des Zeichens aufführte, „zwischen der Zeit des großen [Ersten] Weltkrieges und der Zeit der ‚großen Drangsal‘, die von dem Meister in Matthäus 24:21, 22 erwähnt wird“, getan werden. Dieses Werk war dringend. Wer würde es verrichten?

      Die Verantwortung ruhte eindeutig auf den Gliedern der „Kirche“, der wahren Christenversammlung. 1932 wurden sie durch die Wachtturm-Ausgabe vom 1. September aufgefordert, die „Jonadab-Klasse“ zu ermutigen, sich im Sinne von Offenbarung 22:17 mit ihnen an dem Werk zu beteiligen. Die Jonadab-Klasse, die die Hoffnung auf ewiges Leben auf der paradiesischen Erde hat, reagierte entsprechend — viele ihrer Glieder mit großem Eifer.

      Im Wacht-Turm wurde 1921 die überragende Bedeutung dieses Werkes betont, indem es hieß, „daß es geradeso wesentlich ist, am Dienste des Herrn teilzunehmen, wie es der Besuch einer Versammlung ist“. „Jeder muß ein Prediger des Evangeliums sein“, wurde 1922 erklärt. „Jehova hat das Predigen zur wichtigsten Arbeit gemacht, die jemand von uns in dieser Welt tun könnte“, war 1949 zu lesen. Häufig wurden die Worte des Apostels Paulus aus 1. Korinther 9:16 zitiert: „Eine Notwendigkeit ist mir auferlegt. Tatsächlich, wehe mir, wenn ich die gute Botschaft nicht verkündigte!“ Dieser Schrifttext wurde auf jeden Zeugen Jehovas angewandt.

      Wie viele predigen? In welchem Umfang? Warum?

      Sollte jemand gezwungen werden, gegen seinen Willen dieses Werk zu verrichten? „Nein“, lautete die Antwort im Wacht-Turm von Oktober/November 1919, „niemand ist gezwungen, irgend etwas zu tun. Es ist alles rein freiwilliger Dienst, der aus Liebe für den Herrn und seine Sache der Gerechtigkeit verrichtet wird. Jehova zwingt niemals irgend jemand.“ Was die Motivation für diesen Dienst angeht, wurde im Wacht-Turm vom 1. Juli 1923 (engl.: 1. September 1922) gesagt: „Jemand, dessen Herz wirklich von Dankgefühl durchdrungen ist, der es vollauf zu schätzen weiß, was Gott für ihn getan hat, wird das Verlangen haben, seine Erkenntlichkeit durch eine Gegenleistung zu beweisen, und je mehr seine Wertschätzung der ihm zuteil gewordenen Güte Gottes wächst, um so größer wird seine Liebe sein; und je größer seine Liebe ist, um so größer wird sein Wunsch sein, ihm zu dienen.“ Und Liebe zu Gott bekundet man dadurch, daß man, wie gezeigt wurde, seine Gebote hält, und eines dieser Gebote lautet, die frohe Nachricht vom Königreich Gottes zu predigen (Jes. 61:1, 2; 1. Joh. 5:3).

      Wer diese Tätigkeit aufnahm, wurde nicht durch irgendwelche weltlichen Ambitionen dazu veranlaßt. Es wurde den Betreffenden offen gesagt, wenn sie von Haus zu Haus gehen oder an Straßenecken Literatur anbieten würden, würde man sie als „töricht, schwach und niedrig“ ansehen, sie würden „verachtet, verfolgt“ und „vom weltlichen Standpunkt als unbedeutend“ betrachtet werden. Aber sie wußten, daß man Jesus und seine ersten Jünger genauso behandelt hatte (Joh. 15:18-20; 1. Kor. 1:18-31).

      Sind Jehovas Zeugen der Meinung, sie könnten sich durch ihre Predigttätigkeit die Rettung verdienen? Keineswegs. In dem Buch In der Anbetung des allein wahren Gottes vereint, durch das seit 1983 Studierenden geholfen worden ist, zur christlichen Reife zu gelangen, wird diese Frage behandelt. Es heißt darin: „Das Opfer Jesu hat uns auch die Gelegenheit eröffnet, ewiges Leben zu erlangen ... Dies ist keine Belohnung, die wir uns verdienen könnten. Ganz gleich, wieviel wir im Dienste Jehovas tun, können wir uns niemals ein solches Verdienst erwerben, daß Gott uns das Leben schulden würde. Das ewige Leben ist eine ‚Gabe ..., die Gott gibt, ... durch Christus Jesus, unseren Herrn‘ (Röm. 6:23; Eph. 2:8-10). Doch wenn wir an diese Gabe glauben und die Art und Weise, in der sie uns ermöglicht wurde, schätzen, werden wir dies zum Ausdruck bringen. Da wir erkennen, auf welch wunderbare Weise Jehova Jesus gebraucht hat, um seinen Willen durchzuführen, und wie wichtig es ist, daß wir alle den Fußstapfen Jesu genau nachfolgen, werden wir den christlichen Dienst zu einem der wichtigsten Dinge in unserem Leben machen.“

      Kann man sagen, daß alle Zeugen Jehovas Verkündiger des Königreiches Gottes sind? Ja. Das versteht man unter einem Zeugen Jehovas. Vor mehr als fünfzig Jahren gab es einige, die dachten, sie hätten es nicht nötig, sich am Predigtdienst zu beteiligen, in die Öffentlichkeit und von Haus zu Haus zu gehen. Doch heute möchte kein Zeuge Jehovas aufgrund seiner Stellung in der Ortsversammlung oder in der weltweiten Organisation von diesem Dienst befreit werden. Männer und Frauen, Jung und Alt nehmen daran teil. Sie betrachten ihn als ein kostbares Vorrecht, als einen heiligen Dienst. Nicht wenige verrichten ihn trotz schwerer Gebrechen. Und wer körperlich einfach nicht in der Lage ist, von Haus zu Haus zu gehen, sucht andere Möglichkeiten, Menschen zu erreichen und ihnen persönlich Zeugnis zu geben.

      Früher bestand bisweilen die Tendenz, daß man Neuen zu schnell erlaubte, sich am Predigtdienst zu beteiligen. Aber in den letzten Jahrzehnten hat man größeren Nachdruck darauf gelegt, daß sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen, bevor sie dazu eingeladen werden. Was heißt das? Es bedeutet nicht, daß sie in der Lage sein müssen, alles in der Bibel zu erklären. Doch sollten sie, wie in dem Buch Organisiert, unseren Dienst durchzuführen gezeigt wird, die Grundlehren der Bibel kennen und daran glauben. Auch sollten sie im Einklang mit biblischen Maßstäben ein reines Leben führen. Jeder sollte wirklich ein Zeuge Jehovas sein wollen.

      Es wird nicht erwartet, daß sich alle Zeugen Jehovas im gleichen Ausmaß am Predigen beteiligen. Die Verhältnisse der einzelnen sind unterschiedlich. Faktoren wie Alter, Gesundheit, familiäre Verpflichtungen und Tiefe der Wertschätzung spielen dabei eine Rolle. Darüber ist man sich immer im klaren gewesen. Das wurde auch in der Wachtturm-Ausgabe vom 1. April 1951 (engl.: 1. Dezember 1950) betont, wo der „gute Boden“ aus Jesu Gleichnis vom Sämann behandelt wurde, einem Gleichnis, das in Lukas 8:4-15 zu finden ist. In dem 1972 für die Ältesten veröffentlichten Buch Königreichsdienst-Schulkurs wurde das Erfordernis analysiert, ‘Jehova mit ganzer Seele zu lieben’, und erklärt, „daß nicht die Menge dessen, was jemand im Verhältnis zur Tätigkeit eines anderen tut, wesentlich ist, sondern daß man tut, was man kann“ (Mar. 14:6-8). Es wurde zu einer sachlichen Selbstprüfung ermuntert und in bezug auf diese Liebe gesagt, „daß jede Faser des Seins eines Menschen daran beteiligt ist, Gott liebevoll zu dienen; keine Funktion, keine Fähigkeit und kein Wunsch im Leben ist ausgenommen“. Wir müssen alle unsere Fähigkeiten einsetzen, unsere ganze Seele, um Gottes Willen zu tun. In dem Lehrbuch wurde betont: „Gott fordert nicht nur Beteiligung, sondern Dienst mit ganzer Seele“ (Mar. 12:30).

      Leider neigen unvollkommene Menschen zu Extremen, indem sie das eine betonen und das andere vernachlässigen. So fand es Bruder Russell 1906 für notwendig, warnend darauf hinzuweisen, daß Selbstaufopferung nicht auf Kosten anderer gehen dürfe. Es bedeutet nicht, daß man nicht mehr auf vernünftige Weise für seine Frau, seine abhängigen Kinder oder seine betagten Eltern sorgt, damit man frei ist, anderen zu predigen. Seither sind in den Wachtturm-Publikationen immer wieder ähnliche Ermahnungen erschienen.

      Die gesamte Organisation ist bestrebt gewesen — und mit der Hilfe des Wortes Gottes ist es ihr auch allmählich gelungen —, christliche Ausgeglichenheit zu erlangen, das heißt, Eifer für den Dienst Gottes zu offenbaren und gleichzeitig allem, was einen wahren Christen ausmacht, die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Die „Charakterentwicklung“ beruhte zwar auf einem falschen Verständnis, doch wie im Wachtturm gezeigt wurde, sollte man die Früchte des Geistes und den christlichen Lebenswandel nicht geringschätzen. 1942 hieß es im Wachtturm sehr treffend: „Einige haben unklugerweise geschlußfolgert, wenn sie sich am Zeugniswerk von Haus zu Haus beteiligten, könnten sie straffrei alles tun, wonach es sie gelüsten würde. Man bedenke jedoch, daß nicht lediglich verlangt wird, sich am Zeugniswerk zu beteiligen“ (1. Kor. 9:27).

      Prioritäten setzen

      ‘Zuerst das Königreich und Gottes Gerechtigkeit zu suchen’ bedeutet, wie Jehovas Zeugen erkannt haben, Prioritäten zu setzen. Dazu zählt unter anderem, dem persönlichen Studium des Wortes Gottes und dem regelmäßigen Besuch der Zusammenkünfte den rechten Platz im Leben einzuräumen und nicht zuzulassen, daß andere Aktivitäten den Vorzug erhalten. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die den aufrichtigen Wunsch erkennen lassen, die in der Bibel enthaltenen Forderungen des Königreiches Gottes zu erfüllen. Das schließt ein, Entscheidungen, die das Familienleben, die Freizeitgestaltung, die Ausbildung, den Beruf, Geschäftspraktiken und das Verhältnis zum Nächsten betreffen, auf biblische Grundsätze zu stützen.

      Zuerst das Königreich zu suchen heißt nicht nur, jeden Monat einen gewissen Anteil daran zu haben, anderen etwas über Gottes Vorsatz zu erzählen. Es bedeutet, den Königreichsinteressen im ganzen Leben den ersten Platz einzuräumen und andere biblische Verpflichtungen angemessen zu erfüllen.

      Für ergebene Zeugen Jehovas gibt es viele Möglichkeiten, die Königreichsinteressen zu fördern.

      Das Vorrecht des Betheldienstes

      Einige dienen als Mitglieder der weltweiten Bethelfamilie. Dabei handelt es sich um Vollzeitdiener, die sich freiwillig bereit erklärt haben, jede Aufgabe zu erfüllen, die ihnen in Verbindung mit dem Verfassen und dem Veröffentlichen biblischer Literatur, dem Erledigen notwendiger Büroarbeiten und der Unterstützung dieser Tätigkeiten zugeteilt wird. Dadurch erlangen sie weder Berühmtheit noch materiellen Besitz. Sie möchten Jehova ehren und sind mit ihrer Nahrung und Unterkunft sowie ihrem bescheidenen Taschengeld zufrieden. Aufgrund der Lebensweise der Bethelfamilie betrachten zum Beispiel die staatlichen Behörden in den Vereinigten Staaten sie als Mitglieder eines religiösen Ordens, die ein Armutsgelübde abgelegt haben. Diejenigen, die im Bethel dienen, freuen sich, ihr Leben völlig in den Dienst Jehovas stellen zu können und eine Aufgabe zu erfüllen, die einer Vielzahl ihrer christlichen Brüder und neuinteressierter Personen zugute kommt — mitunter auch in anderen Ländern. Wie andere Zeugen Jehovas beteiligen auch sie sich regelmäßig am Predigtdienst.

      Die erste Bethelfamilie (oder Bibelhausfamilie, wie man sie damals nannte) gab es in Allegheny (Pennsylvanien). 1896 hatte sie 12 Mitarbeiter. 1992 gab es über 12 900 Mitglieder der Bethelfamilie, die in 99 Ländern dienten. Zusätzlich sind täglich Hunderte weitere Freiwillige, weil es nicht genügend Wohnraum in den Gebäuden der Gesellschaft gab, zu den Bethelheimen und Druckereien gefahren, um bei der Arbeit mitzuhelfen. Sie sehen es als ein Vorrecht an, sich an dem Werk zu beteiligen. Je nach Bedarf erklären sich Tausende weitere Zeugen bereit, ihre weltliche Arbeit oder andere Tätigkeiten für eine gewisse Zeit auszusetzen und beim Bau von Gebäuden mitzuhelfen, die die Gesellschaft in Verbindung mit dem weltweiten Predigen der guten Botschaft von Gottes Königreich benötigt.

      Viele Mitglieder der weltweiten Bethelfamilie haben ihre Arbeit zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Frederick W. Franz, der 1977 der vierte Präsident der Watch Tower Society wurde, hatte damals bereits 57 Jahre zur Bethelfamilie in New York gehört und diente bis zu seinem Tod 1992 noch weitere 15 Jahre im Bethel. Heinrich Dwenger begann seinen Betheldienst 1911 in Deutschland und diente anschließend bescheiden überall dort, wohin er zugeteilt wurde; in seinem Todesjahr, 1983, erfreute er sich immer noch als ein Mitglied der Bethelfamilie in Thun (Schweiz) an seinem Dienst. George Phillips aus Schottland nahm 1924 eine Zuteilung im Zweigbüro in Südafrika an (als von dort aus das Predigtwerk von Kapstadt bis Kenia beaufsichtigt wurde) und diente ununterbrochen in Südafrika bis zu seinem Tod 1982 (als es in jenem Gebiet sieben Zweigbüros der Gesellschaft gab und etwa 160 000 Zeugen tätig waren). Auch Glaubensschwestern wie Kathryn Bogard, Grace DeCecca, Irma Friend, Alice Berner und Mary Hannan widmeten ihr ganzes Leben als Erwachsene bis zu ihrem Tod dem Betheldienst. Viele weitere dienen ebenfalls schon 10, 30, 50, 70 und mehr Jahre als Mitglieder der Bethelfamilie.g

      Opferbereite reisende Aufseher

      Weltweit gibt es etwa 3 900 Kreis- und Bezirksaufseher, die in Begleitung ihrer Frauen überall dort ihre Aufgabe erfüllen, wo sie benötigt werden, gewöhnlich in ihrem Heimatland. Viele von ihnen haben ihr Zuhause aufgegeben und ziehen jetzt jede Woche oder alle paar Wochen um, damit sie allen ihnen zugeteilten Versammlungen dienen können. Sie werden dafür nicht bezahlt, sondern sind dankbar, eine bescheidene Zuwendung für persönliche Ausgaben zu erhalten und dort, wo sie dienen, Verpflegung und Unterkunft. In den Vereinigten Staaten, wo 1992 insgesamt 499 Kreis- und Bezirksaufseher dienten, sind diese reisenden Ältesten im Durchschnitt 54 Jahre alt, und einige von ihnen haben 30, 40 oder mehr Jahre in dieser Stellung gedient. In mehreren Ländern reisen diese Aufseher mit dem Auto. Wenn sie die Inselgebiete im Pazifischen Ozean besuchen, müssen sie häufig mit dem Flugzeug oder dem Schiff reisen. In manchen Regionen besuchen Kreisaufseher abgelegene Versammlungen zu Pferd oder zu Fuß.

      Pioniere decken einen dringenden Bedarf

      Damit die gute Botschaft an Orten gepredigt wird, wo es keine Zeugen gibt, oder damit in einem Gebiet dringend benötigte Hilfe geboten werden kann, mag die leitende Körperschaft dafür sorgen, daß Sonderpioniere eingesetzt werden. Das sind Vollzeitverkündiger des Evangeliums, die monatlich mindestens 140 Stunden im Predigtdienst verbringen. Sie stellen sich zur Verfügung, überall dort zu dienen, wo sie in ihrem Land oder in einigen Fällen in Nachbarländern gebraucht werden. Die Anforderungen ihres Dienstes lassen ihnen wenig oder gar keine Zeit, durch eine weltliche Arbeit für ihre materiellen Bedürfnisse zu sorgen. Deshalb erhalten sie eine bescheidene Zuwendung. 1992 gab es weltweit über 14 500 Sonderpioniere.

      Als 1937 die ersten Sonderpioniere ausgesandt wurden, gingen sie bahnbrechend darin voran, Wohnungsinhabern an der Tür biblische Schallplattenvorträge vorzuspielen und diese auch als Grundlage für biblische Gespräche bei Rückbesuchen zu verwenden. Diese Tätigkeit wurde in Großstädten verrichtet, wo bereits Versammlungen bestanden. Einige Jahre danach wurden die Sonderpioniere besonders in die Gebiete gesandt, wo es entweder noch keine Versammlungen gab oder solche, die dringend Hilfe benötigten. Als Ergebnis ihrer erfolgreichen Arbeit wurden Hunderte von neuen Versammlungen gegründet.

      Statt nach dem Durcharbeiten eines Gebiets in ein anderes zu gehen, bearbeiteten sie es wiederholt, gingen jedem vorgefundenen Interesse nach und führten Bibelstudien durch. Für interessierte Personen wurden Zusammenkünfte organisiert. So lud ein Sonderpionier in Lesotho (Südafrika) in der ersten Woche seines Aufenthalts in seiner neuen Zuteilung jeden, den er antraf, ein, sich einmal anzusehen, wie Jehovas Zeugen die Theokratische Predigtdienstschule durchführen. Er und seine Familie bestritten das gesamte Programm. Dann lud er alle zum Wachtturm-Studium ein. Nachdem die anfängliche Neugierde befriedigt war, wurde das Wachtturm-Studium weiterhin von 30 Personen besucht und die Schule von durchschnittlich 20. In Ländern, wo in der Gileadschule ausgebildete Missionare viel dazu beitrugen, das Predigen der guten Botschaft in Gang zu bringen, stellte sich mitunter ein schnelleres Wachstum ein, nachdem sich einheimische Zeugen für den Sonderpionierdienst eigneten, denn sie konnten unter den Einheimischen meist sogar noch wirkungsvoller tätig sein.

      Außer diesen eifrigen Erntearbeitern gibt es Hunderttausende weitere Zeugen Jehovas, die die Königreichsinteressen tatkräftig fördern. Zu ihnen gehören jüngere und ältere, männliche und weibliche, verheiratete und ledige Personen. Allgemeine Pioniere setzen jeden Monat mindestens 90 Stunden für den Predigtdienst ein, Hilfspioniere wenigstens 60 Stunden. Sie entscheiden selbst, wo sie predigen möchten. Die meisten von ihnen arbeiten mit Versammlungen zusammen; einige ziehen in abgelegene Gebiete. Sie sorgen selbst für ihre materiellen Bedürfnisse, indem sie einer weltlichen Arbeit nachgehen, oder vielleicht helfen ihre Angehörigen mit, den Lebensunterhalt zu bestreiten. 1992 dienten 914 500 entweder als allgemeine Pioniere oder zumindest einen Teil des Jahres als Hilfspioniere.

      Schulen mit bestimmten Zielen

      Durch besondere Schulung werden Freiwillige für bestimmte Dienstarten ausgerüstet. In der Gileadschule sind seit 1943 Tausende von erfahrenen Verkündigern für den Missionardienst ausgebildet worden, und die Absolventen wurden in alle Teile der Erde gesandt. 1987 wurde die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung eröffnet, um besonderen Bedürfnissen abzuhelfen, einschließlich der Betreuung von Versammlungen und der Übernahme anderer Verantwortlichkeiten. Da die Schule an mehreren Orten stattfindet, haben die Studenten keinen allzu weiten Weg (bis zu dem zentral gelegenen Ort, an dem sie abgehalten wird) und brauchen keine andere Sprache zu erlernen, um aus der Schulung Nutzen zu ziehen. Bei allen, die zum Besuch dieser Schule eingeladen werden, handelt es sich um Älteste oder Dienstamtgehilfen, die bewiesen haben, daß sie wirklich zuerst das Königreich suchen. Viele haben sich für den Dienst in anderen Ländern bereit erklärt. Sie sind ebenso eingestellt wie der Prophet Jesaja, der sagte: „Hier bin ich! Sende mich“ (Jes. 6:8).

      Im Jahre 1977 wurde mit der Pionierdienstschule begonnen, damit diejenigen, die bereits als allgemeine Pioniere und als Sonderpioniere dienten, noch erfolgreicher tätig sein konnten. Die Schule wurde weltweit möglichst in jedem Kreis eingerichtet. Alle Pioniere wurden eingeladen, aus dem zweiwöchigen Kurs Nutzen zu ziehen. Seither wird diese Schulung allen zuteil, die das erste Jahr des Pionierdienstes vollendet haben. In den Vereinigten Staaten allein sind bis 1992 etwa 100 000 Pioniere geschult worden, und jährlich kommen mehr als 10 000 hinzu. Weitere 55 000 wurden in Japan geschult, 38 000 in Mexiko, 25 000 in Brasilien und 25 000 in Italien. Die Pioniere besuchen nicht nur diese Schule, sondern ziehen auch Nutzen aus den regelmäßigen besonderen Zusammenkünften mit dem Kreisaufseher bei seinen halbjährlichen Besuchen in der Versammlung und aus einer speziellen Unterweisung durch den Kreis- und den Bezirksaufseher anläßlich des jährlichen Kreiskongresses. Die Königreichsverkündiger, die das große Heer der Pioniere bilden, sind somit nicht nur willige Arbeiter, sondern auch gut geschulte Diener Gottes.

      Dort dienen, wo mehr Hilfe benötigt wird

      Viele Tausende von Zeugen Jehovas — eine Anzahl davon sind Pioniere — sind nicht nur bereit, an ihrem Heimatort zu dienen, sondern stellen sich auch für Gegenden zur Verfügung, wo ein größerer Bedarf an Verkündigern der guten Botschaft besteht. Jedes Jahr verbringen Tausende mehrere Wochen oder Monate, je nachdem, wie sie es einrichten können, in einer von ihrer Heimat oft ziemlich weit entfernten Gegend und geben Menschen Zeugnis, die nicht regelmäßig von Zeugen Jehovas besucht werden. Tausende haben ihre Zelte abgebrochen und sind umgezogen, damit sie über eine längere Zeit mithelfen können. Vielfach handelt es sich dabei um Ehepaare oder Familien. Oft ist es kein Umzug an einen allzuweit entfernten Ort gewesen, doch einige haben im Laufe der Jahre mehrmals den Wohnort gewechselt. Viele dieser eifrigen Zeugen führen ihren Dienst sogar im Ausland durch — einige für ein paar Jahre, andere auf Dauer. Sie nehmen irgendeine Arbeit an, die ihnen hilft, für ihre Bedürfnisse zu sorgen, und bezahlen den Umzug aus eigener Tasche. Sie haben nur den einen Wunsch, im größtmöglichen Ausmaß die Königreichsbotschaft zu verkündigen.

      Ein Familienvater, der kein Zeuge Jehovas ist, zieht vielleicht mit seiner Familie wegen einer anderen Arbeit um. Das können die Familienmitglieder, die Zeugen sind, als eine Gelegenheit ansehen, die Königreichsbotschaft zu verbreiten. So verhielt es sich mit zwei Zeugen aus den Vereinigten Staaten, die sich Ende der 70er Jahre in einer Baustellensiedlung im Dschungel von Suriname befanden. An zwei Tagen in der Woche standen sie um 4 Uhr morgens auf, fuhren eine Stunde mit einem Bus der Baufirma auf einer holprigen Straße zu einem Dorf und predigten dort den ganzen Tag. Schon bald führten sie mit Menschen, die nach der Wahrheit hungerten, wöchentlich 30 Bibelstudien durch. Heute gibt es in diesem früher unberührten Teil des Regenwaldes eine Versammlung.

      Jede passende Gelegenheit ergreifen, Zeugnis zu geben

      Selbstverständlich wandern nicht alle Zeugen Jehovas in andere Länder aus oder ziehen in andere Städte, um ihren Dienst dort fortzusetzen. Ihre persönlichen Verhältnisse mögen es nicht zulassen, Pionier zu sein. Dennoch sind sich die Zeugen der biblischen Ermahnung bewußt, ‘all ihr ernsthaftes Bemühen beizutragen’ und ‘allezeit reichlich beschäftigt zu sein im Werk des Herrn’ (2. Pet. 1:5-8; 1. Kor. 15:58). Sie zeigen, daß sie zuerst das Königreich suchen, indem sie seine Interessen der weltlichen Arbeit und der Entspannung voranstellen. Alle, die ein Herz voller Wertschätzung für das Königreich haben, beteiligen sich regelmäßig in dem Ausmaß am Predigtdienst, wie es ihre Verhältnisse zulassen, und viele nehmen entsprechende Änderungen vor, damit sie einen größeren Anteil daran haben können. Zudem halten sie ständig nach passenden Gelegenheiten Ausschau, Zeugnis über das Königreich abzulegen.

      John Furgala, der in Guayaquil (Ecuador) eine Eisenwarenhandlung hatte, stellte zum Beispiel in seinem Geschäft auf ansprechende Weise biblische Literatur aus. Während sein Gehilfe den Auftrag eines Kunden erledigte, gab er dem betreffenden Kunden Zeugnis.

      Ein eifriger Zeuge aus Nigeria, der durch seine Arbeit als Elektriker für seine Familie sorgte, war ebenfalls fest entschlossen, seine geschäftlichen Kontakte zu nutzen, um Zeugnis zu geben. Als Geschäftsinhaber teilte er die Zeit ein. Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn versammelte er seine Frau, seine Kinder, seine Angestellten und Lehrlinge zu einer Besprechung des Tagestextes, bei der auch Erfahrungen aus dem Jahrbuch der Zeugen Jehovas gelesen wurden. Zu Beginn jeden Jahres gab er seinen Kunden gewöhnlich einen Kalender der Watch Tower Society und zwei Zeitschriften. Das alles hat dazu geführt, daß sich ihm einige seiner Angestellten und Kunden in der Anbetung Jehovas angeschlossen haben.

      Es gibt viele Zeugen Jehovas, die genauso eingestellt sind. Ganz gleich, was sie tun, halten sie ständig nach Gelegenheiten Ausschau, mit anderen über die gute Botschaft zu sprechen.

      Ein großes Heer glücklicher Vollzeitverkündiger

      Im Laufe der Jahre hat der Eifer der Zeugen Jehovas für das Predigen der guten Botschaft nicht nachgelassen. Wenn ihnen auch zahlreiche Wohnungsinhaber ziemlich nachdrücklich erklären, sie seien nicht interessiert, gibt es doch viele, die dankbar dafür sind, daß ihnen die Zeugen helfen, die Bibel zu verstehen. Jehovas Zeugen sind entschlossen, so lange weiterzupredigen, bis Jehova selbst unmißverständlich zu erkennen gibt, daß dieses Werk vollendet ist.

      Statt nachzulassen, hat die weltweite Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ihre Predigttätigkeit intensiviert. Wie aus dem weltweiten Bericht für 1982 hervorgeht, wurden damals 384 856 662 Stunden für den Predigtdienst eingesetzt. Zehn Jahre später (1992) widmete man diesem Werk 1 024 910 434 Stunden. Worauf war dieser Anstieg zurückzuführen?

      Es stimmt, daß Jehovas Zeugen zahlenmäßig zugenommen hatten, doch nicht in diesem Ausmaß. Während ihre Zahl in der betreffenden Zeitspanne um 80 Prozent zunahm, kletterte die Zahl der Pioniere um 250 Prozent in die Höhe. Durchschnittlich stand weltweit jeden Monat fast 1 von 7 Zeugen Jehovas in irgendeinem Zweig des Vollzeitpredigtdienstes.

      Wer zählte zu diesen Pionieren? In der Republik Korea zum Beispiel sind ein Großteil der Zeugen Hausfrauen. Familienpflichten gestatten nicht allen von ihnen, ständig als Pionier zu dienen, doch nicht wenige haben die langen Schulferien im Winter für den Hilfspionierdienst genutzt. So kam es, daß im Januar 1990 53 Prozent aller Zeugen in der Republik Korea in irgendeinem Zweig des Vollzeitdienstes standen.

      Eifer und Pioniergeist ermöglichten den ersten philippinischen Zeugen, auf Hunderten von bewohnten Inseln der Philippinen die Königreichsbotschaft zu predigen. Dieser Eifer ist seither noch deutlicher hervorgetreten. 1992 verrichteten auf den Philippinen jeden Monat durchschnittlich 22 205 Verkündiger ihren Predigtdienst als Pionier. Zu ihnen gehörten zahlreiche Jugendliche, die sich dafür entschieden hatten, ‘ihres Schöpfers zu gedenken’ und ihre Jugendkraft in seinen Dienst zu stellen (Pred. 12:1). Ein Bruder, der als Jugendlicher den Pionierdienst aufgenommen hatte, sagte nach zehn Jahren: „Ich habe gelernt, geduldig zu sein, ein einfaches Leben zu führen, mich auf Jehova zu verlassen und demütig zu sein. Es stimmt, ich habe auch Härten und Entmutigung erlebt, aber all das ist nichts im Vergleich zu den Segnungen, die der Pionierdienst mit sich gebracht hat.“

      Im April und Mai 1989 brachte Der Wachtturm eine Bloßstellung Babylons der Großen, das heißt der falschen Religion auf der ganzen Erde in ihren zahlreichen Formen. Die Artikel wurden simultan in 39 Sprachen veröffentlicht und weithin verbreitet. In Japan, wo oftmals über 40 Prozent der Zeugen im Pionierdienst stehen, ließen sich 41 055 Verkündiger als Hilfspioniere eintragen — eine neue Höchstzahl —, um das Werk im April jenes Jahres besonders zu unterstützen. Von den 77 getauften Verkündigern der Versammlung Otsuka in der Stadt Takatsuki (Präfektur Osaka) verrichteten in jenem Monat 73 irgendeine Art des Pionierdienstes. Am 8. April, nachdem alle Verkündiger in Japan ermuntert worden waren, sich an der Verbreitung dieser wichtigen Botschaft zu beteiligen, verrichteten Hunderte von Versammlungen wie die Versammlung Ushioda in Yokohama von 7 bis 20 Uhr einen ganzen Tag Straßen- und Haus-zu-Haus-Dienst, um möglichst jeden im Gebiet zu erreichen.

      Wie überall, so sorgen Jehovas Zeugen auch in Mexiko durch eine Arbeit für ihre materiellen Bedürfnisse. Dennoch haben 1992 jeden Monat durchschnittlich 50 095 von ihnen für den Pionierdienst Raum geschaffen, um wahrheitshungrigen Menschen zu helfen, etwas über Gottes Königreich zu erfahren. Oft arbeiten alle in einer Familie zusammen, damit die ganze Familie oder zumindest einige Angehörige im Pionierdienst stehen können. Sie verrichten einen erfolgreichen Dienst. 1992 führten Jehovas Zeugen in Mexiko mit Einzelpersonen und ganzen Familien regelmäßig insgesamt 502 017 Bibelstudien durch.

      Die Ältesten, die sich der Bedürfnisse der Versammlungen der Zeugen Jehovas annehmen, tragen eine schwere Verantwortung. In Nigeria haben wie in vielen anderen Ländern die meisten Ältesten eine Familie. Außer daß sie sich darauf vorbereiten, Versammlungszusammenkünfte zu leiten oder sich daran zu beteiligen, fällt ihnen auch die Aufgabe zu, die Herde Gottes zu hüten, und einige dieser Männer dienen darüber hinaus noch als Pionier. Wie ist ihnen das möglich? Gewissenhafte Zeiteinteilung und gute Zusammenarbeit in der Familie spielen meist eine bedeutende Rolle.

      Es steht einwandfrei fest, daß sich Jehovas Zeugen auf der ganzen Erde die Ermahnung Jesu zu Herzen nehmen, ‘zuerst das Königreich zu suchen’ (Mat. 6:33). Was sie tun, ist ein von Herzen kommender Ausdruck ihrer Liebe zu Jehova und ihrer Wertschätzung für seine Souveränität. Wie der Psalmist David sagen sie: „Ich will dich erheben, o mein Gott und König, und ich will deinen Namen segnen auf unabsehbare Zeit, ja für immer“ (Ps. 145:1).

      [Fußnoten]

      a Wacht-Turm, 15. August 1906 (engl.), Seite 267—271.

      b Siehe Wachtturm, 1. Mai 1967, Seite 284—288.

      c Siehe Wachtturm, 15. März 1974, Seite 184—189.

      d Siehe Wachtturm, 1. Dezember 1972, Seite 725—729.

      e Der Wachtturm, 1. Februar 1964, Seite 92—94.

      f Siehe Wachtturm, 1. März 1970, Seite 153—156; 15. September 1988, Seite 31.

      g Siehe Wachtturm, 1. Mai 1987, Seite 22 bis 30; 1. Juni 1964, Seite 348—351; 1. März 1957, Seite 136—143; 15. November 1970, Seite 699—702; 1. Dezember 1960, Seite 729—733; 15. September 1968, Seite 570—573; 1. Juli 1968, Seite 409 bis 414; 15. September 1959, Seite 565—568.

      [Herausgestellter Text auf Seite 292]

      Der Verantwortung, Zeugnis zu geben, wurde vermehrt Nachdruck verliehen

      [Herausgestellter Text auf Seite 293]

      Sie betrachten das Zeugnisgeben von Haus zu Haus als ein kostbares Vorrecht

      [Herausgestellter Text auf Seite 294]

      Das Verständnis darüber, was Dienst mit ganzer Seele ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 295]

      Was es wirklich bedeutet, ‘zuerst das Königreich zu suchen’

      [Herausgestellter Text auf Seite 301]

      Eifrige Zeugen stellen die Königreichsinteressen der weltlichen Arbeit und der Entspannung voran

      [Kasten/Bild auf Seite 288]

      „Wo sind die neun?“

      Bei der Feier zum Gedenken an den Tod Christi wurde 1928 allen Anwesenden ein Traktat mit dem Titel „Wo sind die neun?“ überreicht. Es enthielt eine Besprechung von Lukas 17:11-19, die Claude Goodman im Innersten berührte und ihn bewog, den Dienst als Kolporteur oder Pionier aufzunehmen und darin auszuharren.

      [Kasten/Bilder auf Seite 296, 297]

      Der Betheldienst

      1992 gab es in 99 Ländern 12 974 Bethelmitarbeiter

      [Bilder]

      Für Mitglieder der Bethelfamilie ist das persönliche Studium wichtig

      Spanien

      In jedem Bethelheim beginnt der Tag mit der Besprechung eines Bibeltextes

      Finnland

      Wie Jehovas Zeugen überall beteiligen sich auch die Mitglieder der Bethelfamilie am Predigtdienst

      Schweiz

      An jedem Montagabend studiert die Bethelfamilie gemeinsam den „Wachtturm“

      Italien

      Es gibt unterschiedliche Arbeiten, aber alle dienen der Verkündigung des Königreiches Gottes

      Frankreich

      Papua-Neuguinea

      Vereinigte Staaten

      Deutschland

      Philippinen

      Mexiko

      Großbritannien

      Nigeria

      Niederlande

      Brasilien

      Japan

      Südafrika

      [Kasten/Bilder auf Seite 298]

      Einige langjährige Bethelmitarbeiter

      F. W. Franz — Vereinigte Staaten (1920—1992)

      Heinrich Dwenger — Deutschland (etwa 15 Jahre in der Zeit von 1911 bis 1933), Ungarn (1933—1935), Tschechoslowakei (1936—1939), Schweiz (1939—1983)

      George Phillips — Südafrika (1924—1966, 1976—1982)

      Leibliche Schwestern (Kathryn Bogard und Grace DeCecca), die zusammen insgesamt 136 Jahre im Betheldienst standen — Vereinigte Staaten

      [Übersicht auf Seite 303]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Die Pioniere nehmen zu!

      Pioniere

      Verkündiger

      Zunahme in Prozenten Seit 1982

      250 %

      200 %

      150 %

      100 %

      50 %

      1982 1984 1986 1988 1990 1992

      [Bild auf Seite 284]

      Schwester Early bereiste einen großen Teil Neuseelands mit dem Fahrrad, um die Königreichsbotschaft zu verkündigen

      [Bild auf Seite 285]

      76 Jahre verbrachte Malinda Keefer — als Ledige, als Ehefrau und schließlich als Witwe — im Vollzeitpredigtdienst

      [Bilder auf Seite 286]

      Einfache Wohnmobile boten einigen der ersten Pioniere Unterkunft, wenn sie von Ort zu Ort zogen

      Kanada

      Indien

      [Bild auf Seite 287]

      Frank Rice (rechts, stehend), Clem Deschamp (vor Frank sitzend, neben ihnen Clems Frau Jean) und eine Gruppe von Java, die aus Zeugen und Neuinteressierten bestand

      [Bilder auf Seite 288]

      Claude Goodman verbrachte sein Leben im Vollzeitpredigtdienst in Indien und sieben anderen Ländern

      [Bild auf Seite 289]

      Als sich Ben Brickell guter Gesundheit erfreute, setzte er sie im Dienst Jehovas ein; ernste gesundheitliche Probleme in späteren Jahren konnten ihn nicht zum Aufgeben bewegen

      [Bild auf Seite 290]

      Käthe Palm gab in Chile in allen möglichen Gebieten Zeugnis — vom Großstadt-Bürohaus bis zur entlegensten Bergwerkssiedlung und Schaffarm

      [Bild auf Seite 291]

      Die Entschlossenheit von Martin und Gertrud Pötzinger läßt sich in den Worten ausdrücken: „Für mich zählt nur eins: zuerst das Königreich zu suchen“

      [Bild auf Seite 300]

      Die Pionierdienstschule (wie hier in Japan) hat Zehntausenden von eifrigen Erntearbeitern eine besondere Schulung geboten

  • In Liebe zusammenwachsen
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 19

      In Liebe zusammenwachsen

      DIE Apostel Jesu Christi betonten in ihren Briefen an ihre Mitchristen, daß es für jeden einzelnen erforderlich ist, nicht nur an genauer Erkenntnis zuzunehmen, sondern auch in der Liebe zu wachsen. Die Grundlage dafür bildete die Liebe, die Gott selbst erwiesen hatte, und die aufopferungsvolle Liebe Christi, in dessen Fußstapfen sie treten wollten (Joh. 13:34, 35; Eph. 4:15, 16; 5:1, 2; Phil. 1:9; 1. Joh. 4:7-10). Sie bildeten eine Bruderschaft, deren Bande der Liebe noch stärker wurden, wenn sie einander halfen.

      Als die Brüder in Judäa aufgrund einer Hungersnot finanziell in Not gerieten, halfen ihnen Christen aus Syrien und Griechenland, indem sie ihre Habe mit ihnen teilten (Apg. 11:27-30; Röm. 15:⁠26). Wenn einige verfolgt wurden, litten andere Christen mit ihnen und versuchten, ihnen beizustehen (1. Kor. 12:26; Heb. 13:3).

      Natürlich besitzen alle Menschen die Fähigkeit zu lieben, und nicht nur Christen verrichten wohltätige Werke. Dennoch fiel der römischen Welt auf, daß die von Christen erwiesene Liebe anders war. Tertullian, ein Jurist im alten Rom, zitierte wie folgt, was man in der römischen Welt über die Christen sagte: „ ‚Seht‘, sagen sie, ‚wie sie sich gegenseitig lieben ... und wie sie für einander zu sterben bereit sind‘ “ (Verteidigung des Christentums, XXXIX, 7). John Hurst berichtet in seinem Werk History of the Christian Church (Band I, Seite 146), daß man zur Zeit der Pest im alten Karthago und Alexandrien alle, die daran erkrankt waren, wegscheuchte und den Sterbenden alles entriß, was irgendwie von Wert war. Im Gegensatz dazu berichtet er, wie die dortigen Christen ihre Habe miteinander teilten, Kranke pflegten und Tote begruben.

      Sorgen sich Jehovas Zeugen heute ebenfalls aktiv um das Wohl anderer? Wenn ja, tun das dann lediglich ein paar Einzelpersonen, oder unterstützt und fördert die Organisation als Ganzes derlei Bemühungen?

      Liebevolle Hilfe in den Ortsversammlungen

      Jehovas Zeugen betrachten es als Teil ihrer Anbetung, sich um Waisen und Witwen in der Versammlung sowie um treue Personen, die mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, zu kümmern (Jak. 1:27; 2:15-17; 1. Joh. 3:17, 18). Weltliche Regierungen sorgen im allgemeinen für Krankenhäuser und Altenheime und bieten Arbeitslosen im Gemeinwesen Sozialleistungen an; Jehovas Zeugen unterstützen diese Einrichtungen, indem sie gewissenhaft Steuern zahlen. Da sie aber erkennen, daß nur Gottes Königreich die Probleme der Menschheit auf Dauer lösen kann, setzen sie sich selbst und ihre Mittel in erster Linie dafür ein, andere darüber zu unterrichten. Das ist ein lebenswichtiger Dienst, den keine menschliche Regierung leistet.

      Wenn jemand in den weltweit über 69 000 Versammlungen der Zeugen Jehovas alt und gebrechlich ist und daher besondere Bedürfnisse hat, kümmert man sich gewöhnlich auf privater Ebene um ihn. Wie 1. Timotheus 5:4, 8 zeigt, ist ein Christ für die Versorgung seines Haushalts in erster Linie selbst verantwortlich. Kinder, Enkelkinder oder andere nahe Verwandte bekunden christliche Liebe, wenn sie Älteren und Gebrechlichen gemäß ihren Bedürfnissen zur Seite stehen. Die Versammlungen der Zeugen Jehovas untergraben nicht das Verantwortungsgefühl der Familie, indem sie deren Pflichten übernehmen würden. Falls jedoch keine nahen Verwandten da sind oder diejenigen, die die Verantwortung tragen, einfach nicht allein mit der Belastung fertig werden, kommen ihnen andere aus der Versammlung liebevoll zu Hilfe. Nötigenfalls kann die ganze Versammlung dafür sorgen, daß bedürftigen Brüdern oder Schwestern beigestanden wird, die auf viele Jahre treuen Dienst zurückblicken können (1. Tim. 5:3-10).

      Es bleibt nicht dem Zufall überlassen, daß jemand sich dieser Notfälle annimmt. Auf den Königreichsdienstschulen, die die Ältesten von 1959 an wiederholte Male besuchten, wurde oft im besonderen ihre dahin gehende Verpflichtung vor Gott als Hirten der Herde zur Sprache gebracht (Heb. 13:1, 16). Nicht, daß sie solche Bedürfnisse vorher nicht sahen. Beispielsweise griff die Versammlung in Oldham (Lancashire, England) 1911 denen, die finanziell schwer zu kämpfen hatten, unter die Arme. Seitdem ist die Organisation allerdings weltweit gewachsen und die Zahl derer, die große Schwierigkeiten bewältigen müssen, gestiegen; zudem haben Jehovas Zeugen ein immer klareres Bild davon gewonnen, was die Bibel in solchen Situationen von ihnen erwartet. Vor allen Dingen in den letzten Jahren wurde in allen Versammlungen bei den Zusammenkünften über die Verantwortung jedes einzelnen Christen gegenüber denen, die besondere Hilfe brauchen — Ältere, Gebrechliche, Einelternfamilien und Notleidende —, gesprochen.a

      Die einzelnen Zeugen zeigen ihr Interesse an anderen nicht lediglich mit den Worten ‘Halte dich warm und wohlgenährt’, sondern gehen weit darüber hinaus. Sie bekunden liebevolles persönliches Interesse (Jak. 2:15, 16). Betrachten wir einige Beispiele.

      Als eine junge Zeugin Jehovas aus Schweden während eines Besuchs in Griechenland 1986 eine Hirnhautentzündung bekam, erfuhr sie am eigenen Leib, was es heißt, christliche Brüder und Schwestern in vielen Ländern zu haben. Ihr Vater in Schweden wurde informiert. Er nahm sofort über einen Ältesten aus der Ortsversammlung der Zeugen Jehovas in Schweden mit einem Zeugen in Griechenland Kontakt auf. Die neuen Freunde der jungen Zeugin in Griechenland wichen drei Wochen lang nicht von ihrer Seite, bis sie nach Schweden zurückkehren konnte.

      Nachdem ein älterer Zeuge und Witwer aus Wallaceburg (Ontario, Kanada) hilfsbedürftig geworden war, zeigte eine Familie, der er in geistiger Hinsicht geholfen hatte, ihre Dankbarkeit, indem sie ihn aufnahm. Ein paar Jahre später zogen sie nach Barry’s Bay, und er begleitete sie. Er wohnte bei ihnen und wurde 19 Jahre lang liebevoll von ihnen versorgt, bis er 1990 starb.

      In New York kümmerte sich ein Ehepaar, Zeugen Jehovas, um einen älteren Herrn, der die Zusammenkünfte in ihrem Königreichssaal besuchte. Sie sahen etwa 15 Jahre nach ihm, bis zu seinem Tod 1986. Nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte, kauften sie für ihn ein, putzten und kochten für ihn und wuschen seine Wäsche. Sie behandelten ihn wie ihren eigenen Vater.

      Auch anderer Bedürfnisse nimmt man sich liebevoll an. Ein Ehepaar, Zeugen Jehovas, verkauften ihr Haus in den Vereinigten Staaten und zogen nach Montana, um eine Versammlung zu unterstützen. Dann ging es jedoch mit ihrer Gesundheit bergab; der Bruder wurde entlassen, und ihre Ersparnisse waren aufgebraucht. Wie sollten sie die Situation meistern? Der Bruder betete zu Jehova um Hilfe. Als er sein Gebet beendet hatte, klopfte ein Glaubensbruder an die Tür. Sie gingen zusammen eine Tasse Kaffee trinken. Wieder zu Hause, entdeckte der Bruder einen großen Berg von Lebensmitteln auf dem Küchenbüfett. Dabei lag ein Umschlag mit Geld und eine Notiz, auf der zu lesen war: „Von Euren Brüdern und Schwestern, die Euch sehr lieben.“ Die Versammlung hatte ihre Notlage erkannt, und jeder hatte seinen Teil beigesteuert. Tief bewegt von der Liebe ihrer Brüder, konnten er und seine Frau die Tränen nicht zurückhalten; sie dankten Jehova, dessen beispiellose Liebe seine Diener motiviert.

      Es ist allseits bekannt, daß sich Jehovas Zeugen großzügig um ihre in Not geratenen Glaubensbrüder kümmern. Betrüger haben das mitunter ausgenutzt. Deshalb mußten Jehovas Zeugen lernen, auf der Hut zu sein, ohne den Wunsch unterdrücken zu müssen, denen zu helfen, die es wert sind.

      Wenn die Menschen durch Krieg in Not geraten

      In vielen Ländern der Erde sind Menschen durch Krieg in Not geraten. Hilfsorganisationen bemühen sich um Abhilfe, doch ihr System ist oft recht schwerfällig. Jehovas Zeugen meinen nicht, die Arbeit dieser Organisationen befreie sie von der Verantwortung gegenüber ihren christlichen Brüdern in solchen Gebieten. Wenn sie wissen, daß ihre Brüder in Not sind, verschließen sie ihnen gegenüber nicht ‘die Tür ihrer Gefühle innigen Erbarmens’, sondern tun sofort alles menschenmögliche, um ihnen zu helfen (1. Joh. 3:17, 18).

      Im Zweiten Weltkrieg teilten Zeugen, die auf dem Land wohnten, ihre noch vorhandenen Nahrungsvorräte — selbst in Ländern, in denen große Knappheit herrschte — mit ihren weniger begünstigten Brüdern in der Stadt. In den Niederlanden war das wegen der strengen Beschränkungen der Nazis ein gefährliches Unterfangen. Gerrit Böhmermann leitete bei einer solchen Hilfsaktion einmal eine Gruppe Brüder, deren Fahrräder mit Lebensmitteln — versteckt unter Planen — schwer beladen waren. Plötzlich kamen sie zu einem Kontrollpunkt in der Stadt Alkmaar. „Wir hatten keine andere Wahl, als uns völlig auf Jehova zu verlassen“, sagte Gerrit. Ohne bedeutend langsamer zu werden, rief er dem Beamten laut zu: „Wo ist Amsterdam?“ Der Beamte trat zur Seite, zeigte nach vorn und rief: „Geradeaus!“ „Danke schön!“ antwortete Gerrit, und die gesamte Fahrradgruppe fuhr unter den Blicken einer verdutzten Menschenmenge mit Höchstgeschwindigkeit weiter. Ein anderes Mal gelang es Zeugen, eine ganze Bootsladung Kartoffeln zu ihren Brüdern nach Amsterdam zu schaffen.

      Jehovas Zeugen erhielten sich diesen Geist sogar innerhalb der Konzentrationslager in Europa. Ein 17jähriger war während seiner Internierung im Lager bei Amersfoort (Niederlande) so sehr abgemagert, daß er nur noch ein wandelndes Skelett war. Aber eins hat er noch Jahre später nicht vergessen: Nachdem man ihn und andere gezwungen hatte, bis Mitternacht in strömendem Regen zu exerzieren, ohne ihnen danach ihre Essenration zu geben, gelang es einem Zeugen aus einem anderen Teil des Lagers, zu ihm vorzudringen und ihm ein Stück Brot in die Hand zu drücken. Im Mauthausener Konzentrationslager in Österreich riskierte ein Zeuge, der aufgrund seiner Arbeitszuteilung von einem Teil des Lagers zum anderen gehen mußte, oft sein Leben, indem er Lebensmittel, die einige Zeugen von ihrer ohnehin schon kargen Ration aufgespart hatten, zu anderen Zeugen brachte, die noch weniger hatten.

      Als Zeugen Jehovas nach dem Krieg aus den deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern kamen, besaßen sie außer der Sträflingskleidung nichts. Das Hab und Gut vieler Zeugen, die nicht inhaftiert worden waren, war zerstört worden. Fast in ganz Europa waren Nahrung, Kleidung und Brennstoff knapp. Umgehend richteten Jehovas Zeugen in diesen Ländern Versammlungszusammenkünfte ein und halfen anderen in geistiger Hinsicht, indem sie ihnen die gute Botschaft von Gottes Königreich überbrachten. Aber auf anderen Gebieten benötigten sie selbst Hilfe. Viele waren vor Hunger so schwach, daß sie des öfteren während der Zusammenkünfte umfielen.

      Zum ersten Mal hatten es die Zeugen in solch einem Umfang mit einer derartigen Situation zu tun. Trotzdem hielten sie bereits im selben Monat, in dem der Krieg im Pazifik offiziell endete, einen Sonderkongreß in Cleveland (Ohio) ab, auf dem besprochen wurde, womit und wie den christlichen Brüdern in den vom Krieg zerrissenen Ländern zu helfen sei. F. W. Franz gab in dem zu Herzen gehenden Vortrag mit dem Thema „Seine unaussprechliche Gabe“ biblischen Rat, der ganz auf die Notsituation zugeschnitten war.b

      Als man ein paar Wochen später nach Europa reisen durfte, machten sich N. H. Knorr, der Präsident der Watch Tower Society, und M. G. Henschel sofort auf, um sich von den Verhältnissen dort selbst ein Bild zu machen. Bereits vor ihrer Abreise wurden Hilfsmaßnahmen eingeleitet.

      Anfängliche Lieferungen kamen aus der Schweiz und Schweden; danach aus Kanada, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Obwohl es in den Ländern, die solche Hilfe leisten konnten, nur etwa 85 000 Zeugen gab, erklärten sie sich bereit, den Glaubensbrüdern in Belgien, Bulgarien, China, Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, auf den Philippinen, in Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und Ungarn Kleidung und Nahrung zu senden. Das war keine einmalige Aktion. Solche Hilfsgüter wurden zweieinhalb Jahre lang verschickt. Vom Januar 1946 bis zum August 1948 schenkten sie ihren Glaubensbrüdern 479 114 Kilo Kleidung, 124 110 Paar Schuhe und 326 081 Kilo Lebensmittel. Nichts von den Geldern wurde zur Deckung der Verwaltungskosten abgezweigt. Freiwillige Helfer sortierten und verpackten alles unentgeltlich. Sämtliche Spendengelder wurden zur Unterstützung der Menschen eingesetzt, für die sie gedacht waren.

      Natürlich war es mit der Hilfe für Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte nach den 40er Jahren nicht vorbei. Seit 1945 hat es Hunderte von Kriegen gegeben. Und Jehovas Zeugen haben stets liebevoll Anteil genommen. So war es zum Beispiel während des Biafrakrieges in Nigeria (von 1967 bis 1970) und danach. In Mosambik wurde in den 80er Jahren auf ähnliche Weise geholfen.

      In Liberia kam mit dem Krieg, der 1989 ausbrach, auch die Hungersnot. Wegen der damit verbundenen Flüchtlingswelle war das eingefriedete Grundstück der Watch Tower Society in Monrovia mit Hunderten von Flüchtlingen gedrängt voll. Man teilte sämtliche Nahrungsvorräte und das Wasser aus dem Brunnen außer mit Zeugen auch mit Nachbarn, die keine Zeugen waren. Sowie die Umstände es erlaubten, sandten Zeugen aus Sierra Leone und von der Côte d’Ivoire in Westafrika, aus den Niederlanden und Italien und aus den Vereinigten Staaten weitere Hilfsgüter.

      Nach dem Krieg im Libanon sah es in einigen Vierteln Beiruts aus wie nach einem Erdbeben; deshalb setzten Älteste der Zeugen Jehovas 1990 dort für die Brüder ein Notfallhilfskomitee ein. Sie mußten nicht um freiwillige Helfer betteln; tagtäglich boten etliche ihre Hilfe an.

      In einer Zeit großer politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen in Europa haben Zeugen Jehovas aus Österreich, der Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien 1990 über 70 Tonnen Hilfsgüter an ihre christlichen Brüder in Rumänien gesandt.

      Weitere Hilfsaktionen für Osteuropa folgten. Die leitende Körperschaft bat das dänische Zweigbüro der Watch Tower Society, für notleidende Zeugen in der Ukraine Hilfe zu organisieren. Die davon in Kenntnis gesetzten Versammlungen waren mit Feuereifer dabei. Am 18. Dezember 1991 kamen in Lwiw fünf Lkws und zwei Lieferwagen, die von Zeugen gefahren wurden, mit 22 Tonnen Vorräten an — ein Ausdruck der liebevollen Anteilnahme an ihren christlichen Brüdern. Auch von den Zeugen aus Österreich kamen bis ins Jahr 1992 hinein Hilfssendungen mit über 100 Tonnen Nahrung und Kleidung. Weitere Vorräte schickten die Zeugen aus den Niederlanden — zuerst 26 Tonnen Lebensmittel, dann einen mit Kleidung beladenen Konvoi von 11 Lkws und schließlich erneut Lebensmittel, um die anhaltende Not zu lindern. Die Empfänger waren Gott dankbar und bauten auf seine Hilfe, wenn es darum ging, mit den Vorräten umsichtig umzugehen. Vor und nach dem Abladen der Lkws vereinten sie sich im Gebet. Weitere große Hilfslieferungen kamen von Zeugen aus Italien, Finnland, Schweden und der Schweiz. Parallel dazu entstand aufgrund der turbulenten Verhältnisse in den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens eine weitere Notsituation. Auch in diese Gegend sandte man Lebensmittelvorräte, Kleidung und Arzneimittel. Unterdessen nahmen Zeugen Jehovas in den Städten diejenigen auf, deren Wohnungen zerstört worden waren.

      Manchmal weiß man über die Notlage anderer nur wenig, weil sie in einer abgelegenen Gegend wohnen. So erging es 35 Familien von Jehovas Zeugen in Guatemala. Kriegführende Gruppen waren in ihre Dörfer eingedrungen. Als sie 1989 endlich in ihre Dörfer zurückkehren konnten, benötigten sie beim Wiederaufbau Hilfe. Um die Zuschüsse der Regierung für Heimkehrende zu ergänzen und die Familien der Zeugen zu unterstützen, bildete das Zweigbüro der Watch Tower Society ein Notfallkomitee; daraufhin boten sich ungefähr 500 Zeugen aus 50 Versammlungen an, beim Wiederaufbau mit anzupacken.

      Es gibt noch andere Situationen, wo Menschen ohne eigenes Verschulden in eine schlimme Notlage geraten. Erdbeben, Orkane und Überschwemmungen sind keine Seltenheit. Die Welt soll jedes Jahr durchschnittlich von 25 schweren Katastrophen heimgesucht werden.

      Wenn Naturgewalten wüten

      Wenn Zeugen Jehovas durch Katastrophen in große Not geraten, wird auf der Stelle etwas unternommen, um ihnen zu helfen. Älteste haben gelernt, sich in solchen Situationen ernsthaft zu bemühen, mit jedem einzelnen aus der Versammlung Kontakt aufzunehmen. Das Zweigbüro der Watch Tower Society, das das Königreichswerk in der betreffenden Gegend beaufsichtigt, verschafft sich sofort einen Überblick über die Situation und unterrichtet dann die Weltzentrale. Falls die Hilfe, die vor Ort geleistet werden kann, nicht ausreicht, werden sorgfältig aufeinander abgestimmte und mitunter sogar internationale Einsätze in die Wege geleitet. Man strebt dabei nicht an, den Lebensstandard der Betroffenen anzuheben, sondern ihnen die zuvor gewohnten lebensnotwendigen Dinge zu verschaffen.

      Allein schon ein Fernsehbericht über die Katastrophe veranlaßt viele Zeugen, die verantwortlichen Ältesten im betroffenen Gebiet anzurufen und ihre Dienste anzubieten oder Geld und Materialien bereitzustellen. Andere senden dem Zweigbüro oder der Weltzentrale Spenden für Hilfszwecke. Sie wissen, daß Hilfe gefragt ist, und möchten ihren Teil tun. Falls irgendwo mehr Hilfe erforderlich ist, bittet die Watch Tower Society unter Umständen Brüder in einem bestimmten Umkreis, nach besten Kräften zu helfen. Ein Hilfskomitee wird gebildet, um die Angelegenheiten im Katastrophengebiet zu regeln.

      Als daher im Dezember 1972 fast ganz Managua (Nicaragua) durch ein starkes Erdbeben verwüstet wurde, trafen sich die Aufseher der dortigen Versammlungen der Zeugen Jehovas binnen Stunden, um ihre Einsätze miteinander abzusprechen. Man erkundigte sich sogleich nach dem Wohl jedes einzelnen Zeugen in der Stadt. Noch am selben Tag trafen aus Nachbarversammlungen Hilfsgüter ein; dann kam prompte Hilfe aus Costa Rica, Honduras und El Salvador. Rund um den Stadtrand von Managua wurden vierzehn Verteilungsstellen für Hilfsgüter eingerichtet. Geldmittel und Hilfsgüter von Zeugen aus vielen Ländern der Welt wurden über die Weltzentrale der Watch Tower Society nach Nicaragua weitergeleitet. Lebensmittel sowie andere Waren (unter anderem Kerzen, Streichhölzer und Seife) wurden je nach Größe des Haushalts verteilt; jede Familie erhielt einen Vorrat, der sieben Tage reichte. Als das Hilfsprogramm auf höchsten Touren lief, wurden etwa 5 000 Personen — Zeugen, deren Familien und Verwandte, bei denen sie untergekommen waren — mit Nahrung versorgt. Die Hilfsaktion dauerte zehn Monate. Die Regierung und das Rote Kreuz beobachteten das und stellten daraufhin ebenfalls Lebensmittel, Zelte und andere Dinge zur Verfügung.

      Wegen Vulkanausbrüchen mußten 1986 10 000 Menschen von der Insel Oshima (eine der Izuinseln nahe der japanischen Küste) evakuiert werden; daraufhin suchten Zeugen Jehovas die Flüchtlingsboote sorgfältig nach ihren Glaubensbrüdern ab. Ein Evakuierter erzählte: „Als wir Oshima verließen, wußten wir nicht, wohin.“ Alles war so schnell gegangen. „Doch als wir von Bord gingen, entdeckten wir ein Schild, auf dem stand: ‚Jehovas Zeugen‘. ... Meiner Frau standen die Tränen in den Augen; so erleichtert war sie, daß unsere Brüder uns am Pier abholten.“ Selbst Personen, die Jehovas Zeugen zuvor wie Luft behandelt hatten und nun beobachteten, wie man sich bei der Ankunft und danach um die evakuierten Zeugen kümmerte, sagten: „Gut, daß ihr an dieser Religion festgehalten habt.“

      Die Zeugen lassen nichts unversucht, um in Katastrophengebieten so schnell wie möglich Hilfe zu bieten. Als Peru 1970 von einem der verheerendsten Erdbeben seiner Geschichte heimgesucht wurde, kamen von der Weltzentrale in New York umgehend Hilfsgelder und 15 Tonnen Kleidung. Doch bereits bevor diese Lieferung eintraf, hatten Zeugen innerhalb von Stunden, nachdem die Straßen wieder freigegeben worden waren, eine Fahrzeugkolonne mit Hilfsgütern zu den zerstörten Städten und Dörfern im Katastrophengebiet gefahren. In den darauffolgenden Tagen und Wochen kümmerten sie sich zunehmend um die materiellen und geistigen Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen hoch oben in den Anden. Als am Abend des 23. Novembers 1980 Italien von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde, traf in dem betroffenen Gebiet bereits am nächsten Tag die erste Lkw-Ladung mit Hilfsgütern der Zeugen ein. Sie stellten sofort ihre eigene Küche auf und verteilten von dort aus jeden Tag die Mahlzeiten, die die Schwestern zubereiteten. Ein Beobachter der Hilfsaktionen auf einer karibischen Insel bemerkte: „Die Zeugen waren schneller als die Regierung.“ Das mag mitunter stimmen, aber Jehovas Zeugen sind Amtspersonen ausgesprochen dankbar, die ihnen ihre Bemühungen, auf schnellstem Weg in das Katastrophengebiet zu gelangen, sehr erleichtern.

      Während einer Hungersnot in Angola im Jahre 1990 erfuhr man, daß die Zeugen dort dringend Nahrung und Kleidung benötigten. Allerdings waren Jehovas Zeugen in diesem Land seit vielen Jahren verboten, und sie zu erreichen hätte schwierig werden können. Dennoch luden Glaubensbrüder in Südafrika 25 Tonnen Hilfsgüter auf einen Lkw. Unterwegs hielten sie beim angolanischen Konsulat und bekamen eine Einreiseerlaubnis. Um die Brüder zu erreichen, mußten sie 30 Straßensperren des Militärs passieren und einen Hochwasser führenden Fluß auf einer behelfsmäßigen Konstruktion überqueren, die eine gesprengte Brücke ersetzte. Trotz alledem kam die gesamte Lieferung sicher an.

      In Katastrophenfällen begnügt man sich jedoch nicht einfach damit, Hilfsgüter in das betroffene Gebiet zu senden. Als ein Gebiet am Stadtrand Mexikos 1984 durch Explosionen und Brände zerstört wurde, waren die Zeugen sofort zur Stelle, um zu helfen. Allerdings waren viele einheimische Brüder nicht aufzufinden; deshalb gingen die Ältesten ganz systematisch nach jedem einzelnen auf die Suche. Manche hatten sich in andere Gegenden zerstreut. Aber die Ältesten suchten hartnäckig weiter, bis sie alle ausfindig gemacht hatten. Die Hilfe richtete sich nach den jeweiligen Bedürfnissen. Im Fall einer Schwester, die ihren Mann und ihren Sohn verloren hatte, bedeutete das, sich um die Beerdigung zu kümmern und ihr mit ihren übrigen Kindern in finanzieller und geistiger Hinsicht eine echte Stütze zu sein.

      Medikamente, ein paar Mahlzeiten und etwas Kleidung reichen vielfach nicht aus. Ein Orkan zerstörte 1989 die Häuser von 177 Zeugen auf Guadeloupe und beschädigte die Häuser von 300 weiteren Brüdern. Schon rollte Hilfe von Jehovas Zeugen aus Martinique an; später griffen ihnen Zeugen aus Frankreich mit über 100 Tonnen Baumaterial unter die Arme. Als eine Zeugin, die ihr Haus auf der Insel St. Croix verloren hatte, ihren Arbeitskollegen erzählte, daß Glaubensbrüder aus Puerto Rico kommen würden, um zu helfen, meinten diese nur: „Für dich werden sie nichts tun. Du bist schwarz, kein ‚Latino‘ wie sie.“ Wie überrascht waren diese Arbeitskollegen, als die Zeugin bald ein vollständig neues Haus hatte! Nach einem Erdbeben in Costa Rica im Jahre 1991 halfen einheimische Zeugen und Freiwillige aus anderen Ländern gemeinsam ihren Glaubensbrüdern im Katastrophengebiet. Sie bauten 31 Häuser und fünf Königreichssäle wieder auf und setzten weitere instand, ohne etwas dafür haben zu wollen. Augenzeugen bemerkten: „Andere Gruppen reden über Liebe; ihr zeigt sie.“

      Immer wieder sind Beobachter verblüfft, wie erfolgreich Jehovas Zeugen ihre Hilfsaktionen durchführen. 1986 brach am Yuba River in Kalifornien (USA) ein Deich, und Zehntausende von Menschen mußten wegen des Hochwassers ihr Zuhause verlassen. Christliche Älteste aus der Gegend nahmen Kontakt mit dem Hauptbüro in New York auf, und ein Hilfskomitee wurde gebildet. Sobald das Wasser zurückging, waren Hunderte von freiwilligen Arbeitern zur Stelle. Bevor weltliche Hilfsorganisationen überhaupt handeln konnten, wurden die Wohnungen der Zeugen bereits renoviert. Wie war es ihnen möglich, so schnell in Aktion zu treten?

      Ein Hauptfaktor war die Bereitwilligkeit der Zeugen, kurzerhand unentgeltlich mitzuhelfen und benötigte Materialien zu spenden. Ein weiterer Faktor war, daß sie aufgrund ihrer regelmäßigen Kongresse und Königreichssaalbauten darin geübt waren, zu organisieren und zusammenzuarbeiten. Doch ein anderer bedeutender Faktor ist, daß sie über die Bedeutung der folgenden biblischen Worte viel nachgedacht haben: „Habt ... inbrünstige Liebe zueinander“ (1. Pet. 4:8).

      Oftmals kommen Spenden für solche Notfälle von Personen, die selbst nicht viel haben. In ihren Briefen liest man sinngemäß immer wieder: „Es ist nur eine kleine Gabe, aber wir fühlen mit unseren Brüdern und Schwestern mit.“ „Ich wünschte, es wäre mehr, doch was Jehova mir gewährt, möchte ich teilen.“ Wie die ersten Christen in Mazedonien bitten sie ernstlich um das Vorrecht, Notleidende ebenfalls mit den lebensnotwendigen Dingen versorgen zu dürfen (2. Kor. 8:1-4). Als 1984 über 200 000 Koreaner durch eine Überschwemmung obdachlos wurden, spendeten Jehovas Zeugen in der Republik Korea so großzügig, daß das Zweigbüro bekanntgeben mußte, es werde keine weitere Hilfe mehr benötigt.

      Beobachter können unschwer erkennen, daß Jehovas Zeugen nicht nur aus einem Verantwortungsgefühl heraus oder aus reiner Menschenfreundlichkeit handeln. Sie empfinden echte Liebe für ihre christlichen Brüder und Schwestern.

      Jehovas Zeugen kümmern sich außer um die materiellen auch besonders um die geistigen Bedürfnisse ihrer Brüder in den Katastrophengebieten. Mindestens ebenso schnell wird dafür gesorgt, daß wieder Versammlungszusammenkünfte durchgeführt werden können. 1986 mußte man zu diesem Zweck außerhalb der Stadt Kalamata in Griechenland ein großes Zelt aufstellen, das als Königreichssaal diente, und an verschiedenen Orten kleinere Zelte errichten für die Versammlungsbuchstudien während der Woche. Ebenso war es 1985 in Armero (Kolumbien). Nachdem man die Überlebenden einer verheerenden Schlammlawine materiell versorgt hatte, verwendete man die restlichen Gelder für den Bau neuer Königreichssäle für drei Versammlungen am Ort.

      Jehovas Zeugen machen anderen während der Wiederaufbauarbeiten außerdem immer wieder Mut, indem sie ihnen ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Ursache für Katastrophen und den Tod und nach den Zukunftsaussichten zufriedenstellend aus dem Wort Gottes beantworten.

      Die Hilfsmaßnahmen der Zeugen sind nicht dazu bestimmt, die materiellen Bedürfnisse aller im Katastrophengebiet abzudecken. In Übereinstimmung mit Galater 6:10 sind sie in erster Linie für diejenigen gedacht, ‘die ihnen im Glauben verwandt sind’. Gleichzeitig leisten sie anderen gern nach besten Kräften Beistand. Das taten sie beispielsweise, indem sie den Leidtragenden eines Erdbebens in Italien Lebensmittel lieferten. Während sie den von einer Überschwemmung und einem Orkan betroffenen Zeugen in den Vereinigten Staaten halfen, reinigten und reparierten sie außerdem die Häuser ihrer verstörten Nachbarn. Auf die Frage, weshalb sie mit Fremden so liebevoll verfahren, antworten sie schlicht, daß sie ihren Nächsten lieben (Mat. 22:39). Nachdem ein verheerender Hurrikan im Jahre 1992 über Südflorida (USA) hinweggefegt war, sprach es sich überall herum, daß die Zeugen ein gut organisiertes Hilfsprogramm durchführten, so daß einige Unternehmer und andere Personen, die keine Zeugen waren und erhebliche Mengen von Hilfsgütern spenden wollten, diese den Zeugen übergaben. Sie wußten, daß ihre Spende dann nicht lediglich irgendwo gelagert würde oder damit Geschäfte gemacht würden, sondern daß sie wirklich den vom Hurrikan Betroffenen — ob Zeugen oder nicht — zugute kommen würde. In Davao del Norte (Philippinen) verfaßten städtische Beamte sogar eine Resolution, in der sie ihre Dankbarkeit für die Bereitschaft der Zeugen, bei einer Katastrophe Außenstehenden zu helfen, zum Ausdruck brachten.

      Aber wahre Christen sind nicht überall beliebt. Oftmals werden sie auf brutale Weise verfolgt. Auch unter diesen Umständen stehen Mitchristen einander großzügig und liebevoll mit Rat und Tat zur Seite.

      Mit brutaler Verfolgung konfrontiert

      Der Apostel Paulus verglich die Christenversammlung mit einem menschlichen Körper und sagte: „Dessen Glieder [sollten] dieselbe Sorge füreinander tragen ... Und wenn e i n Glied leidet, leiden alle anderen Glieder mit“ (1. Kor. 12:25, 26). So reagieren Jehovas Zeugen auf Berichte über die Verfolgung ihrer christlichen Brüder.

      Während des NS-Regimes ging die deutsche Regierung aufs schärfste gegen Jehovas Zeugen vor. Damals gab es in Deutschland nur etwa 20 000 Zeugen, eine relativ kleine Gruppe, die von Hitler verachtet wurde. Es mußte geschlossen gehandelt werden. Am 7. Oktober 1934 versammelten sich in ganz Deutschland heimlich die einzelnen Versammlungen der Zeugen Jehovas, um gemeinsam zu beten und einen Brief an die Regierung zu senden, der ihre Entschlossenheit ausdrückte, Jehova weiterhin zu dienen. Danach gingen viele Anwesende furchtlos zu ihren Nachbarn, um ihnen über Jehovas Namen und sein Königreich Zeugnis zu geben. Am selben Tag versammelten sich zudem alle übrigen Versammlungen der Zeugen Jehovas weltweit und sandten nach einem gemeinsamen Gebet Telegramme an die Hitler-Regierung, um für ihre christlichen Brüder Fürsprache einzulegen.

      Sobald die von der Geistlichkeit angezettelte Verfolgung von Jehovas Zeugen in Griechenland 1948 ans Tageslicht kam, sandten Zeugen Jehovas dem Präsidenten von Griechenland und verschiedenen Ministern Tausende von Briefen zugunsten ihrer christlichen Brüder. Die Briefe kamen von den Philippinen, aus Australien, aus Nord- und Südamerika und aus anderen Gebieten.

      Als die Zeitschrift Erwachet! 1961 aufdeckte, daß man gegen die Zeugen in Spanien mit Methoden vorging, die an die Inquisition erinnerten, ergoß sich über die dortigen Behörden eine wahre Flut von Protestbriefen. Die Beamten waren darüber schockiert, daß Menschen aus aller Welt über ihre Taten bestens informiert waren, und obwohl die Zeugen weiter verfolgt wurden, hielten sich einige Polizisten danach etwas zurück. Auch in verschiedenen afrikanischen Ländern bekamen Regierungsvertreter Post von Zeugen aus vielen anderen Ländern, denen zu Ohren gekommen war, wie grausam ihre christlichen Brüder und Schwestern dort behandelt wurden.

      Doch auch wenn die Regierung nicht günstig reagiert, geraten die verfolgten Zeugen nicht in Vergessenheit. Einige Regierungen haben die Zeugen viele Jahre lang aus religiösen Gründen verfolgt und sind deshalb wiederholt mit Beschwerde- und Protestbriefen überschüttet worden. Argentinien ist hierfür ein Beispiel. 1959 führte der Minister für auswärtige und religiöse Angelegenheiten einmal einen unserer Brüder in ein Zimmer, wo mehrere Bücherregale mit Unmengen von Briefen aus aller Welt vollgestopft waren. Er war verblüfft, daß sogar jemand von den fernen Fidschiinseln um Religionsfreiheit in Argentinien ersucht hatte.

      Wenn man sich in Regierungskreisen darüber klar wurde, daß es weltweit bekannt und vielen Menschen ganz und gar nicht einerlei war, was sich bei ihnen abspielte, wurde in manchen Fällen mehr Freiheit gewährt. Das geschah 1963 in Liberia. Soldaten der Regierung behandelten Kongreßdelegierte in Gbarnga auf höchst skandalöse Weise. Den Präsidenten Liberias erreichte eine Flut von Protestbriefen aus aller Welt; da zudem ein US-Bürger davon betroffen war, schaltete sich das amerikanische Außenministerium ein. Schließlich telegrafierte Präsident Tubman dem Hauptbüro der Watch Tower Society, er sei bereit, eine Delegation von Zeugen Jehovas zu empfangen, um die ganze Angelegenheit durchzusprechen. Zwei der Delegation — Milton Henschel und John Charuk — waren in Gbarnga gewesen. Herr Tubman räumte ein, daß der Vorfall „empörend“ gewesen sei, und sagte: „Es tut mir leid, daß das geschehen ist.“

      Nach dem Gespräch wurde ein Regierungserlaß herausgegeben. Er unterrichtete „alle Menschen im ganzen Land, daß Jehovas Zeugen das Recht und Vorrecht des freien Zugangs in jeden Teil des Landes haben sollten, damit sie ihr Missionswerk und ihren Gottesdienst durchführen können, ohne von jemandem belästigt zu werden. Sie sollen den Schutz des Gesetzes sowohl hinsichtlich ihrer Person als auch hinsichtlich ihres Eigentums haben sowie das Recht auf die freie Ausübung ihres Gottesdienstes gemäß ihrem Gewissen, wobei sie die Gesetze der Republik halten, indem sie der Nationalfahne Respekt zollen, wenn sie bei einer Zeremonie gehißt oder gesenkt wird, indem sie still stehen.“ Doch wurde nicht von ihnen verlangt, die Fahne zu grüßen und dadurch gegen ihr Gewissen zu handeln.

      In Malawi ist allerdings bis zum Jahre 1992 noch keine derartige öffentliche Erklärung laut geworden, wenn auch längst nicht mehr so brutal gegen die Zeugen vorgegangen wird. Jehovas Zeugen sind dort Opfer einer der grausamsten religiösen Verfolgungen der Geschichte Afrikas gewesen. Eine solche Verfolgungswelle rollte 1967 über das Land; eine weitere begann Anfang der 70er Jahre. Aus aller Welt wurden Zehntausende von Briefen zugunsten der Brüder geschrieben. Man rief an. Man sandte Telegramme. Viele prominente Außenstehende setzten sich aus humanitären Gründen für die Zeugen ein.

      Die Verfolgung war so brutal, daß 1972 ungefähr 19 000 Zeugen Jehovas mit ihren Kindern über die Grenze nach Sambia flohen. Die nahe gelegenen Versammlungen der Zeugen in Sambia sammelten rasch Nahrungsmittel und Decken für ihre Brüder. In den Zweigbüros der Watch Tower Society gingen Unmengen von Geld- und Sachspenden von Zeugen Jehovas aus aller Welt ein, die über das New Yorker Hauptbüro an die Flüchtlinge weitergeleitet wurden. Es wurde mehr als genug gespendet, um die Bedürfnisse der Flüchtlinge im Lager in Sinda Misale abzudecken. Sowie sich im Lager herumsprach, daß Lkws mit Lebensmitteln, Kleidung und Zeltplanen eingetroffen waren, konnten die Brüder aus Malawi ihre Freudentränen über den Liebesbeweis ihrer Glaubensbrüder nicht verbergen.

      Jehovas Zeugen lassen jemand, der aus ihren Reihen inhaftiert wird, nicht im Stich, auch wenn sie dadurch selbst in Gefahr geraten. Während der Verbotszeit in Argentinien wurden einige Zeugen einmal 45 Stunden festgehalten; vier andere Zeugen brachten ihnen Nahrung und Kleidung, wurden daraufhin aber selbst eingesperrt. 1989 versuchte die Frau eines Kreisaufsehers in Burundi, ihren Brüdern im Gefängnis etwas zu essen zu bringen, da sie von ihrer mißlichen Lage gehört hatte. Doch sie wurde selbst verhaftet und zwei Wochen lang als Geisel gehalten, da die Polizei an ihren Mann herankommen wollte.

      Aus Liebe zu ihren christlichen Brüdern schöpfen Jehovas Zeugen all diese Möglichkeiten, so gut sie können, aus; zusätzlich beten sie für ihre Brüder zu Gott. Sie bitten Gott nicht, Kriegen und Lebensmittelknappheit abrupt ein Ende zu machen, denn solche Dinge hat Jesus Christus für unsere Zeit vorausgesagt (Mat. 24:7). Auch bitten sie Gott nicht, Verfolgung ganz und gar zu unterbinden, da die Bibel unmißverständlich zeigt, daß wahre Christen verfolgt werden (Joh. 15:20; 2. Tim. 3:12). Aber sie bitten flehentlich um Kraft für ihre christlichen Brüder und Schwestern, damit sie trotz irgendwelcher Prüfungen, die auf sie zukommen mögen, fest im Glauben bleiben. (Vergleiche Kolosser 4:12.) Die Tatsache, daß sie geistig stark geblieben sind, ist ein überwältigender Beweis dafür, daß solche Gebete erhört wurden.

      [Fußnoten]

      a Siehe Wachtturm vom 15. Dezember 1980, Seite 21—27; 15. Oktober 1986, Seite 10—21; 1. Juni 1987, Seite 4—18; 15. Juli 1988, Seite 21—23; 1. März 1990, Seite 20—22.

      b Siehe Wachtturm vom 1. Februar 1946, Seite 35—44.

      [Herausgestellter Text auf Seite 305]

      Es bleibt nicht dem Zufall überlassen, daß jemand sich besonderer Notfälle annimmt

      [Herausgestellter Text auf Seite 307]

      Aus liebevoller Anteilnahme Hilfe leisten

      [Herausgestellter Text auf Seite 308]

      In Notsituationen für Abhilfe gesorgt

      [Herausgestellter Text auf Seite 312]

      Ganz systematisch ging man auf die Suche nach jedem einzelnen Zeugen im Katastrophengebiet

      [Herausgestellter Text auf Seite 315]

      Auch Nichtzeugen wird viel Gutes getan

      [Herausgestellter Text auf Seite 317]

      Freudentränen wegen der Liebe ihrer Glaubensbrüder

      [Kasten auf Seite 309]

      „Unter euch herrscht wirklich Liebe“

      Als die Nachbarn einer Zeugin im vom Krieg zerrissenen Libanon sahen, wie Zeugen freiwillig das stark beschädigte Haus der Schwester wieder völlig herrichteten, fühlten sie sich gedrängt zu fragen: „Wie ist so eine Liebe möglich? Was seid ihr für Leute?“ Und eine muslimische Frau, die beobachtete, daß das Haus einer Zeugin gereinigt und repariert wurde, sagte: „Unter euch herrscht wirklich Liebe. Ihr habt die wahre Religion.“

      [Kasten auf Seite 316]

      Wahre Brüder und Schwestern

      In der Zeitung „Arkansas Gazette“ hieß es über Zeugen im Fort Chaffee (Arkansas), die aus Kuba geflüchtet waren: „Sie waren die ersten, die eine Wohnung bekamen, weil ihre amerikanischen ‚Brüder und Schwestern‘ — Zeugen Jehovas — sie ausfindig machten. ... Wenn Zeugen ihre Glaubensbrüder in einem anderen Land mit ‚Bruder‘ oder ‚Schwester‘ anreden, dann meinen sie es auch so“ (Ausgabe vom 19. April 1981).

      [Bilder auf Seite 306]

      Nach dem Zweiten Weltkrieg sandten Jehovas Zeugen ihren hilfsbedürftigen Glaubensbrüdern in 18 Ländern Lebensmittel und Kleidung

      Vereinigte Staaten

      Schweiz

      [Bilder auf Seite 310]

      1990 halfen Zeugen aus den umliegenden Ländern gemeinsam ihren Glaubensbrüdern in Rumänien

      [Bilder auf Seite 311]

      Zeugen, die ein Erdbeben in Peru überlebten, errichteten ihr eigenes Flüchtlingslager und halfen sich gegenseitig

      Die Hilfsgüter der Zeugen (unten) waren mit die ersten, die im Gebiet eintrafen

      [Bilder auf Seite 313]

      Hilfsmaßnahmen schließen oftmals ein, Materialien bereitzustellen und freiwillige Helfer einzusetzen, die ihren Glaubensbrüdern beim Wiederaufbau der Häuser helfen

      Guatemala

      Panama

      Mexiko

      [Bild auf Seite 314]

      Zu der Hilfeleistung der Zeugen gehört auch die geistige Erbauung. Sowohl in Kalamata (Griechenland) als auch außerhalb der Stadt wurden rasch Zelte für Zusammenkünfte aufgestellt.

  • Gemeinsame Bautätigkeit auf der ganzen Erde
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 20

      Gemeinsame Bautätigkeit auf der ganzen Erde

      DASS unter Jehovas Zeugen ein Geist echter Brüderlichkeit herrscht, zeigt sich auf vielerlei Weise. Anwesende bei ihren Zusammenkünften können es beobachten. Auf ihren Kongressen kommt Brüderlichkeit in noch größerem Maße zum Ausdruck. Dieser Geist wird auch offenkundig, wenn sie geeignete Zusammenkunftsstätten für ihre Versammlungen errichten.

      Zu Beginn der 90er Jahre gab es weltweit mehr als 60 000 Versammlungen der Zeugen Jehovas. Während des Jahrzehnts davor waren jedes Jahr im Durchschnitt 1 759 neue Versammlungen hinzugekommen. Anfang der 90er Jahre hatte sich diese Zahl auf über 3 000 pro Jahr erhöht. Geeignete Zusammenkunftsstätten für sie alle zu beschaffen war eine gewaltige Aufgabe.

      Königreichssäle

      Wie die Christen des ersten Jahrhunderts, so führten viele Versammlungen der Zeugen Jehovas ursprünglich die meisten ihrer Zusammenkünfte in Privatwohnungen durch. Die ersten wenigen Personen, die in Stockholm (Schweden) regelmäßig Zusammenkünfte abhielten, trafen sich in einer Tischlerei, die man für die Zeit, wenn die Tagesarbeit dort beendet war, gemietet hatte. Wegen Verfolgung benutzte eine kleine Gruppe in der Provinz La Coruña (Spanien) für ihre ersten Zusammenkünfte einen Getreidespeicher.

      Wurde mehr Platz benötigt, mieteten die Ortsversammlungen der Zeugen Jehovas in Ländern, wo man dazu die Freiheit hatte, einen Zusammenkunftsraum. War es jedoch ein Saal, der auch von anderen Organisationen benutzt wurde, dann mußten für jede Zusammenkunft Einrichtungsgegenstände herbeigeschafft oder aufgestellt werden, und oft roch es noch nach Tabakrauch. Wenn möglich, mieteten die Brüder einen unbenutzten Geschäftsraum oder einen Raum in einem Obergeschoß, der dann ausschließlich der Versammlung zur Verfügung stand. Aber wegen hoher Mieten und weil es an geeigneten Räumlichkeiten fehlte, wurde es mit der Zeit an vielen Orten notwendig, für andere Möglichkeiten zu sorgen. In einigen Fällen kaufte man Gebäude und renovierte sie.

      Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es einige wenige Versammlungen, die speziell für ihren Gebrauch Zusammenkunftsstätten bauten. Bereits 1890 errichtete eine Bibelforschergruppe in den Vereinigten Staaten in Mount Lookout (West Virginia) ihre eigene Versammlungsstätte.a Die Errichtung von Königreichssälen an vielen Orten kam indessen erst in den 50er Jahren in Gang.

      Die Bezeichnung Königreichssaal wurde 1935 von J. F. Rutherford, dem damaligen Präsidenten der Watch Tower Society, vorgeschlagen. Er veranlaßte, daß die Brüder in Verbindung mit den Zweigeinrichtungen der Gesellschaft in Honolulu (Hawaii) einen Saal bauten, in dem Zusammenkünfte stattfinden konnten. Als James Harrub fragte, wie Bruder Rutherford das Gebäude nennen werde, erwiderte er: „Meinst du nicht auch, wir sollten es ‚Königreichssaal‘ nennen, da wir doch die gute Botschaft vom Königreich verkündigen?“ Danach begann man allmählich, an Sälen, die regelmäßig von den Zeugen benutzt wurden, Schilder mit der Aufschrift „Königreichssaal“ anzubringen, sofern dies möglich war. So wurde zum Beispiel das „London Tabernacle“ bei der Renovierung 1937/38 in Königreichssaal umbenannt. Mit der Zeit wurde die hauptsächliche örtliche Zusammenkunftsstätte von Versammlungen auf der ganzen Erde als Königreichssaal der Zeugen Jehovas bekannt.

      Mehr als e i n e Bauweise

      Ob Königreichssäle gemietet oder gebaut werden, entscheiden die jeweiligen Ortsversammlungen. Sie übernehmen auch Bau- und Instandhaltungskosten. Um Mittel einzusparen, sind die meisten Versammlungen bestrebt, die Bauarbeiten soweit wie möglich ohne die Hilfe von Baufirmen durchzuführen.

      Die Säle können aus Backstein, Naturstein, Holz oder anderen Materialien gebaut sein, je nachdem, wie hoch die Preise sind und was in dem betreffenden Gebiet vorhanden ist. In Katima Mulilo (Namibia) formte man Wände und Fußboden aus dem Schlamm von Termitenhügeln (der beim Trocknen sehr hart wird) und deckte das Dach mit langem Gras. Zeugen in Segovia (Kolumbien) stellten selbst Zementbausteine her. In Colfax (Kalifornien) verwendete man unbehauene Lava vom Mount Lassen.

      Als 1972 in Maseru (Lesotho) oft mehr als 200 Personen die Zusammenkünfte besuchten, war der Versammlung klar, daß ein geeigneter Königreichssaal gebaut werden mußte. Bei dem Projekt halfen alle mit. Ältere Brüder gingen bis zu 30 Kilometer zu Fuß, um sich an den Arbeiten beteiligen zu können. Kinder rollten Wasserfässer zur Baustelle. Die Schwestern sorgten für die Mahlzeiten, und während sie ein Königreichslied nach dem anderen sangen, stampften sie im Takt den Untergrund fest, damit der Betonfußboden gegossen werden konnte. Die Mauern wurden aus Sandstein errichtet, den man in den nahe gelegenen Bergen nur zu holen brauchte. Das Ergebnis war ein Königreichssaal, der ungefähr 250 Personen Platz bot.

      Manchmal haben Zeugen aus Nachbarversammlungen die Bauarbeiten unterstützt. Als Jehovas Zeugen in Imbali, einer Township in Südafrika, 1985 einen Königreichssaal bauten, in dem 400 Personen bequem Platz finden, kamen Glaubensbrüder aus dem nahen Pietermaritzburg und aus Durban, um zu helfen. Man stelle sich vor, wie erstaunt die Nachbarn waren, als sie während einer Zeit der Rassenunruhen in Südafrika Scharen von weißen, farbigen und indischen Zeugen in die Township strömen und Schulter an Schulter mit ihren schwarzen afrikanischen Brüdern arbeiten sahen! Der Bürgermeister von Imbali erklärte treffend: „Es konnte nur aus Liebe geschehen.“

      Trotz des willigen Geistes der Brüder stellten die Versammlungen fest, daß ihre Möglichkeiten durch die örtliche Situation eingeschränkt waren. Männer in den Versammlungen mußten für ihre Familien sorgen und konnten normalerweise nur an Wochenenden und vielleicht ein wenig an den Abenden bei einem solchen Projekt mitarbeiten. In vielen Versammlungen gab es — wenn überhaupt — nur wenige, die im Baufach Erfahrung hatten. Dennoch brauchte man für die Errichtung einer relativ einfachen, etwas offenen, aber für die Tropen zweckmäßigen Konstruktion nur ein paar Tage oder vielleicht ein paar Wochen. Stabilere Gebäude konnten mit der Hilfe von Zeugen aus benachbarten Versammlungen in fünf oder sechs Monaten fertiggestellt werden. Mitunter dauerte es auch ein bis zwei Jahre.

      Als Jehovas Zeugen jedoch in die 70er Jahre eintraten, hatten sie eine weltweite Mehrung von zwei bis drei neuen Versammlungen täglich. Anfang der 90er Jahre betrug die Zunahme bis zu neun Versammlungen pro Tag. Konnte ihr dringender Bedarf an neuen Königreichssälen gedeckt werden?

      Schnellbauweise entwickelt

      Zu Beginn der 70er Jahre packten über 50 Zeugen aus Nachbarversammlungen mit an, als in Carterville (Missouri, USA) für die Gruppe, die ihre Zusammenkünfte in Webb City gehabt hatte, ein neuer Königreichssaal gebaut wurde. An nur einem Wochenende errichteten sie den Hauptteil der Rahmenkonstruktion und einen Großteil des Daches. Es blieb noch viel zu tun, und erst nach Monaten war die Arbeit abgeschlossen; doch einen wichtigen Bauabschnitt hatte man in ganz kurzer Zeit bewältigt.

      Während des nächsten Jahrzehnts arbeiteten die Brüder gemeinsam an etwa 60 Sälen, wobei sie Hindernisse überwanden und rationellere Verfahren entwickelten. Mit der Zeit erschien es ihnen möglich, sobald die Arbeit am Fundament beendet war, einen Königreichssaal an einem einzigen Wochenende fast völlig fertigzustellen.

      Mehrere Versammlungsaufseher — alle aus dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten — begannen auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Wenn Versammlungen einen Königreichssaalbau betreffend um Hilfe baten, besprach einer oder mehrere dieser Brüder das Projekt mit ihnen und erklärte genau die Vorbereitungen, die eine Versammlung treffen mußte, ehe man ans Werk gehen konnte. Unter anderem mußten Baugenehmigungen eingeholt werden, das Fundament und der Betonfußboden mußten gegossen werden, die Stromversorgung mußte funktionieren, Wasser- und Abwasserleitungen mußten bereits in der Erde sein, und es mußten zuverlässige Vereinbarungen für die Lieferung von Baumaterial getroffen werden. Hierauf konnte man für die Errichtung des Königreichssaals ein Datum festlegen. Man würde keine vorgefertigten Teile verwenden, sondern alles an Ort und Stelle bauen.

      Von wem wurden die eigentlichen Bauarbeiten ausgeführt? Von freiwilligen, unbezahlten Helfern, soweit dies möglich war. Oft beteiligten sich ganze Familien. Diejenigen, die das Projekt organisierten, wandten sich an Zeugen, die Handwerker waren und die sich bereit erklärt hatten, bei solchen Unternehmungen mitzuhelfen. Viele von ihnen freuten sich auf jedes neue Bauvorhaben. Andere Zeugen, die von den Projekten erfuhren, wollten ebenfalls dabeisein; in dem Wunsch, sich auf jede ihnen mögliche Weise nützlich zu machen, strömten Hunderte aus der Umgebung — und von weiter her — zu den Baustellen. Die meisten waren keine gelernten Bauhandwerker, aber offensichtlich entsprachen sie der Beschreibung aus Psalm 110:3, wo es von den Unterstützern des messianischen Königs Jehovas heißt: „Dein Volk wird sich willig darbieten.“

      Am Donnerstagabend vor Beginn der großen Aktion kamen die Brüder, die das Projekt beaufsichtigten, zusammen, um die letzten Einzelheiten zu klären. Am folgenden Abend wurde den Helfern anhand von Dias verständlich gemacht, wie die Arbeit vonstatten gehen sollte. Der Wert gottgefälliger Eigenschaften wurde hervorgehoben. Die Brüder wurden ermuntert, in Liebe zusammenzuarbeiten, freundlich, geduldig und rücksichtsvoll zu sein. Allen galt der Rat, ein bestimmtes Arbeitstempo beizubehalten, sich aber nicht abzuhetzen und sich auch nicht zu scheuen, für ein paar Minuten jemand eine nette Erfahrung zu erzählen. Am nächsten Morgen fing man in aller Frühe an zu bauen.

      Zu einer festgesetzten Zeit am Samstagmorgen unterbrach jeder seine Tätigkeit, um einer Betrachtung des Bibeltextes für den betreffenden Tag zuzuhören. Es wurde ein Gebet gesprochen, denn man war sich dessen wohl bewußt, daß der Erfolg des gesamten Unternehmens vom Segen Jehovas abhing (Ps. 127:1).

      Sobald die Arbeit begonnen hatte, ging es zügig voran. Schon nach einer Stunde stand die Rahmenkonstruktion für die Wände. Dann wurden die Dachbinder darauf gesetzt. Die Wandverkleidung wurde angenagelt. Die Elektriker begannen Leitungen zu legen. Luftkanäle für die Klimaanlage und Heizungsrohre wurden installiert, und Schränke wurden eingebaut. Bisweilen regnete es das ganze Wochenende, oder es wurde bitter kalt, oder es war extrem heiß, doch die Tätigkeit lief weiter. Es gab keinen Konkurrenzgeist, keine Rivalität unter den Handwerkern.

      Oft waren der Königreichssaal, eine hübsche Innenausstattung und vielleicht sogar Außenanlagen am zweiten Tag vor Sonnenuntergang fertig. Wenn es zweckmäßiger erschien, wurden die Arbeiten auf drei Tage oder auch auf zwei Wochenenden verteilt. Nach Beendigung des Projekts blieben viele von den müden, aber überglücklichen Arbeitern noch da, um die erste reguläre Versammlungszusammenkunft, ein Studium des Wachtturms, mitzuerleben.

      Mehrere Einwohner von Guymon (Oklahoma, USA), die bezweifelten, daß Qualitätsarbeit in so kurzer Zeit möglich ist, riefen den Inspektor der Bauaufsichtsbehörde an. „Ich sagte ihnen, wenn sie einmal sehen wollten, wie man es richtig macht, brauchten sie nur zum Saal zu kommen“, erklärte der Inspektor, als er den Zeugen davon berichtete. „Sogar an Stellen, die später verdeckt und nicht sichtbar sind, arbeiten Sie korrekt.“

      Während der Bedarf an Königreichssälen zunahm, schulten die Brüder, die viele Schnellbaumethoden entwickelt hatten, weitere Helfer. Berichte über das, was sich auf diesem Gebiet tat, erreichten andere Länder. Konnten solche Bauverfahren dort ebenfalls angewandt werden?

      Die Schnellbauweise wird international

      In Kanada war man mit dem Bau von Königreichssälen weit hinter den Bedürfnissen der Versammlungen zurück. Die Zeugen in Kanada baten diejenigen, die Schnellbauprojekte in den Vereinigten Staaten organisierten, ihnen zu erklären, wie sie dabei vorgingen. Zunächst dachten die Kanadier, solche Projekte würden sich in Kanada wohl kaum verwirklichen lassen, aber sie beschlossen, es zu versuchen. Der erste Königreichssaal in Kanada, der in Schnellbauweise errichtet wurde, entstand 1982 in Elmira (Ontario). 1992 gab es in Kanada schon 306 Königreichssäle, die nach diesem Verfahren gebaut worden waren.

      Auch die Zeugen in Northampton (England) wagten sich 1983 an ein solches Projekt. Es war das erste dieser Art in Europa. Brüder, die mit der Schnellbauweise Erfahrung hatten, kamen aus den Vereinigten Staaten und aus Kanada angereist, um das Vorhaben zu beaufsichtigen und den einheimischen Zeugen praktischen Rat für die Ausführung zu geben. Auch freiwillige Helfer aus fernen Ländern wie Japan, Indien, Frankreich und Deutschland waren da. Sie stellten ihre Dienste unentgeltlich zur Verfügung. Wie war das alles möglich? Der Aufseher eines Teams irischer Zeugen, die an einem solchen Projekt arbeiteten, meinte, der Erfolg sei darauf zurückzuführen, daß alle Brüder und Schwestern unter dem Einfluß des Geistes Jehovas zusammenarbeiteten.

      Selbst wenn solche Projekte wegen örtlicher Bauvorschriften undurchführbar erscheinen, stellen die Zeugen häufig fest, daß städtische Beamte gern mit ihnen zusammenarbeiten, sobald ihnen die Einzelheiten unterbreitet werden.

      Nach Abschluß eines Schnellbauprojekts nördlich des Polarkreises in Norwegen schrieb die Zeitung Finnmarken: „Phantastisch! Kein anderes Wort beschreibt treffender, was Jehovas Zeugen am vergangenen Wochenende geleistet haben.“ Ähnlich war das Echo, als Zeugen auf der Nordinsel Neuseelands einen schönen Königreichssaal in zweieinhalb Tagen bauten. Auf der Titelseite der Lokalzeitung erschien die Schlagzeile: „Ein Bauprojekt, das an ein Wunder grenzt“. In dem Artikel hieß es dann: „Das Umwerfendste an der ganzen Sache war wohl der gut organisierte und geradezu ruhige Arbeitsablauf.“

      Wird ein Königreichssaal an einem abgelegenen Ort benötigt, so stellt die Entfernung kein unüberwindliches Hindernis dar. In Belize realisierte man ein Schnellbauprojekt, bei dem alle Materialteile auf eine 60 Kilometer von der Hafenstadt Belize entfernte Insel geschafft werden mußten. Ein klimatisierter Königreichssaal wurde in Port Hedland (Westaustralien) an e i n e m Wochenende mit Materialien und von Arbeitskräften gebaut, die fast durchweg aus einer Entfernung von 1 600 Kilometern oder von noch weiter her kamen. Die Arbeiter bezahlten die Reise aus eigener Tasche. Den meisten, die bei dem Projekt mithalfen, waren die Zeugen der Versammlung Port Hedland nicht persönlich bekannt, und wahrscheinlich würden nur ganz wenige von den Helfern Gelegenheit haben, dort Zusammenkünfte zu besuchen. Das konnte sie jedoch nicht davon abhalten, ihre Liebe auf die erwähnte Weise zum Ausdruck zu bringen.

      Sogar in Gebieten, wo es nur wenige Zeugen gibt, werden Säle in Schnellbauweise errichtet. Etwa 800 Zeugen von Trinidad waren 1985 bereit, nach Tobago zu reisen und dort ihre 84 Glaubensbrüder und -schwestern beim Bau eines Saals in Scarborough zu unterstützen. Die 17 Zeugen (meist Frauen und Kinder) in Goose Bay (Labrador) brauchten unbedingt Hilfe, wollten sie einmal einen Königreichssaal ihr eigen nennen. 1985 flogen 450 Zeugen aus anderen Gegenden Kanadas mit drei Charterflugzeugen nach Goose Bay und machten sich ans Werk. Nach zwei Tagen harter Arbeit fand am Sonntagabend in dem fertigen Saal die Bestimmungsübergabe statt.

      Damit soll nicht gesagt werden, daß man Königreichssäle jetzt nur noch im Schnellbauverfahren baut. Aber auf immer mehr Säle trifft dies zu.

      Regionale Baukomitees

      Mitte 1986 war die Zahl der benötigten neuen Königreichssäle bereits stark angestiegen. Damals waren innerhalb eines Jahres weltweit 2 461 neue Versammlungen entstanden, 207 allein in den Vereinigten Staaten. Manche Königreichssäle wurden von drei, vier oder sogar fünf Versammlungen benutzt. Wie in der Bibel vorhergesagt, beschleunigte Jehova das Einsammlungswerk tatsächlich (Jes. 60:22).

      Um zu gewährleisten, daß die Arbeitskräfte auf bestmögliche Weise eingesetzt werden, und um die gewonnene Erfahrung allen, die Königreichssäle bauen, zugute kommen zu lassen, begann die Gesellschaft, die Tätigkeit zu koordinieren. Zunächst, im Jahre 1987, wurden die Vereinigten Staaten in 60 Bereiche mit je einem zuständigen regionalen Baukomitee aufgeteilt. Alle diese Komitees hatten reichlich zu tun; einige waren bald für ein Jahr oder mehr mit Projekten eingedeckt. Die Männer, die dazu ernannt wurden, in den Komitees zu dienen, waren hauptsächlich in geistiger Hinsicht qualifiziert, sie waren Älteste in den Versammlungen und Vorbilder im Hervorbringen der Frucht des Geistes Gottes (Gal. 5:22, 23). Viele von ihnen hatten aber auch Erfahrung auf Gebieten wie Umgang mit Grundbesitz, Planung, Bauen, Geschäftsführung und Sicherheitsvorkehrungen.

      Die Versammlungen wurden dazu ermuntert, sich mit dem regionalen Baukomitee zu beraten, ehe man ein Grundstück für einen neuen Königreichssaal auswählte. Falls es in einer Stadt mehrere Versammlungen gab, sollten sie außerdem den (die) Kreisaufseher, den Stadtaufseher und die Ältesten von den Nachbarversammlungen zu Rate ziehen. Den Versammlungen, die beabsichtigten, eine größere Renovierung vorzunehmen oder einen neuen Königreichssaal zu bauen, wurde empfohlen, sich die Erfahrung der Brüder vom regionalen Baukomitee in ihrer Gegend sowie die Richtlinien, die das Komitee von der Gesellschaft erhalten hatte, zunutze zu machen. Das Komitee würde die Bemühungen koordinieren, aus Brüdern und Schwestern, die ungefähr 65 Berufe ausübten und bereits als freiwillige Helfer bei solchen Projekten mitgewirkt hatten, die erforderlichen Fachkräfte auszuwählen und zusammenzubringen.

      Durch eine verbesserte Verfahrensweise konnte die Zahl der jeweils an einem Projekt Beteiligten eingeschränkt werden. Nun waren es nicht mehr Tausende, die auf der Baustelle entweder zuschauten oder Dienste leisteten, sondern es waren selten mehr als 200 Personen zur gleichen Zeit da. Sie blieben nicht mehr ein ganzes Wochenende, sondern nur noch so lange, wie ihre speziellen Fertigkeiten gebraucht wurden. So konnten sie ihren Familien und der Tätigkeit mit der Heimatversammlung mehr Zeit widmen. Wenn einheimische Brüder in der Lage waren, bestimmte Arbeiten in einer angemessenen Zeit zu erledigen, erwies es sich oft als zweckmäßig, das Schnellbauteam nur für Arbeitsgänge in Anspruch zu nehmen, für die es dringend benötigt wurde.

      Der gesamte Ablauf ging zwar erstaunlich schnell vonstatten, aber das Tempo hatte nicht den Vorrang. Wichtiger war es, daß bescheidene, den örtlichen Bedürfnissen entsprechende Königreichssäle gebaut wurden und man dabei Qualitätsarbeit leistete. Um dieses Ziel verwirklichen zu können und gleichzeitig die Kosten so gering wie möglich zu halten, wurde sorgfältig geplant. Man sorgte dafür, daß größter Wert auf Sicherheit gelegt wurde — auf die Sicherheit der Arbeiter, der Nachbarn, der Passanten und der künftigen Benutzer des Königreichssaals.

      Nachdem Berichte über diese Vorkehrungen zum Bau von Königreichssälen andere Länder erreicht hatten, wurden die nötigen Informationen an diejenigen Zweigbüros der Gesellschaft weitergeleitet, die es für vorteilhaft hielten, in ihrem Gebiet auf dieselbe Weise zu verfahren. 1992 leisteten von der Gesellschaft ernannte regionale Baukomitees in Ländern wie Argentinien, Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Mexiko, Spanien und Südafrika Hilfe beim Bau von Königreichssälen. Die Baumethoden wurden den örtlichen Verhältnissen angepaßt. Wenn für den Bau eines Königreichssaals der Beistand eines anderen Zweiges gebraucht wurde, unternahm das Hauptbüro der Gesellschaft entsprechende Schritte. In einigen Ländern der Erde entstanden neue Säle in Tagen, woanders in Wochen oder vielleicht in wenigen Monaten. Durch sorgfältige Planung und koordiniertes Vorgehen konnte die Zeit, die das Errichten eines Königreichssaals beanspruchte, deutlich verkürzt werden.

      Die Bautätigkeit der Zeugen Jehovas beschränkt sich allerdings nicht auf Königreichssäle. Wenn Gruppen von Versammlungen zu ihren jährlichen Kreis- und Tagessonderkongressen zusammenkommen, werden größere Gebäude benötigt.

      Den Bedarf an Kongreßsälen decken

      Im Laufe der Jahre sind Kreiskongresse in den verschiedensten Gebäuden durchgeführt worden. Jehovas Zeugen haben zum Beispiel öffentliche Säle, Schulen, Theater, Exerzierhallen, Sporthallen und Messegelände gemietet. An einigen Orten standen ausgezeichnete Räumlichkeiten zu einem erschwinglichen Preis zur Verfügung. Häufiger aber kostete es viel Zeit und Mühe, den Saal zu reinigen, eine Lautsprecheranlage zu installieren, eine Bühne aufzubauen und Stühle herbeizuschaffen. Manchmal kam in letzter Minute eine Absage. Während die Zahl der Versammlungen stieg, wurde es immer schwieriger, genügend passende Säle zu finden. Was war zu tun?

      Wiederum bestand für Jehovas Zeugen die Lösung in eigenen Sälen. Das bedeutete, daß brauchbare Gebäude renoviert oder neue Gebäude errichtet werden mußten. Der erste eigene Kongreßsaal in den Vereinigten Staaten war ein Theater in Long Island City (New York), das in der zweiten Hälfte des Jahres 1965 von Jehovas Zeugen renoviert und in Gebrauch genommen wurde.

      Etwa zur selben Zeit entwarfen Zeugen auf der karibischen Insel Guadeloupe einen Kongreßsaal für die dortigen Bedürfnisse. Sie dachten, daß es günstig wäre, wenn Kreiskongresse an vielen verschiedenen Orten stattfinden könnten. In den meisten Städten gab es indessen keine ausreichenden Räumlichkeiten. So bauten die Zeugen eine transportable Konstruktion (aus Stahlrohren und mit einem Aluminiumdach), die 700 Personen Platz bot und auf jedem verfügbaren, einigermaßen ebenen Grundstück aufgestellt werden konnte. Immer wieder mußte der Saal vergrößert werden, bis er schließlich 5 000 Personen faßte. Man stelle sich vor: Transport, Aufbau und Abbau von 30 Tonnen Material für jeden Kongreß! Dieser bewegliche Kongreßsaal wurde mehrmals im Jahr zusammengefügt und wieder auseinandergenommen, und das 13 Jahre lang, bis die Suche nach Grundstücken für den Saal schwierig wurde und man sich gezwungen sah, Land zu kaufen und einen Kongreßsaal auf Dauer zu bauen; dort werden nun Kreis- und Bezirkskongresse abgehalten.

      Nicht selten wurden schon vorhandene Gebäude in Kongreßsaalprojekte einbezogen. In Hays Bridge (Surrey, England) erwarb und renovierte man ein 50 Jahre altes Schulgebäude. Es steht auf einem 11 Hektar großen Gelände, inmitten einer reizvollen Landschaft. Umgebaut und in Gebrauch genommen wurden außerdem ehemalige Kinos und eine Lagerhalle in Spanien, eine nicht mehr betriebene Textilfabrik in Australien, ein Tanzsaal in Quebec (Kanada), eine Kegelbahn in Japan und ein Lagerhaus in der Republik Korea. Aus all diesen Bauten entstanden ansprechende Kongreßsäle, die sich gut als große Zentren für biblische Unterweisung eignen.

      Andere Kongreßsäle wurden von Grund auf neu gebaut. Die einzigartige Architektur des achteckigen Saals in Hellaby (South Yorkshire, England) sowie die Tatsache, daß die Bauarbeiten großenteils von freiwilligen Kräften ausgeführt wurden, waren der Anlaß für die Veröffentlichung eines Artikels in der Zeitschrift der Institution of Structural Engineers (einer Bautechnikerorganisation). Den Kongreßsaal in Saskatoon (Saskatchewan, Kanada) konstruierte man für 1 200 Personen, doch mit Hilfe von ausziehbaren Innenwänden kann das Gebäude in vier nebeneinanderliegende Königreichssäle umfunktioniert werden. Haitis Kongreßsaal (aus Fertigteilen, die in den Vereinigten Staaten hergestellt und von dort eingeführt worden waren) war nach zwei Seiten hin offen, so daß der ständig wehende Wind den Anwesenden Kühlung bringen konnte — eine willkommene Erleichterung angesichts der heißen haitischen Sonne. Der Saal in Port Moresby (Papua-Neuguinea) wurde so gebaut, daß sich bestimmte Wandabschnitte wie Türen öffnen ließen, wodurch Menschenmengen Platz finden konnten, für die der Saal selbst zu klein gewesen wäre.

      Über den Bau eines Kongreßsaals entscheidet nicht eine kleine Gruppe von Aufsehern, die dann erwartet, daß alle anderen ihren Beschluß unterstützen. Bevor ein Kongreßsaal gebaut wird, forscht die Gesellschaft nach, inwieweit man ihn benötigt und in welchem Ausmaß er benutzt werden wird. Sie achtet nicht lediglich auf die von Brüdern in der Umgebung bekundete Begeisterung für das Projekt, sondern auch auf die Bedürfnisse der Bruderschaft insgesamt. Mit allen Versammlungen, die an dem Projekt beteiligt sein werden, wird darüber gesprochen, um festzustellen, in welchem Umfang die Brüder es fördern möchten und können.

      Sobald dann die Arbeit ihren Lauf nimmt, geschieht dies mit der vollen Unterstützung der Zeugen Jehovas in dem jeweiligen Gebiet. Alle Projekte werden von den Zeugen selbst finanziert. Zwar wird erklärt, welche finanziellen Mittel erforderlich sind, aber das Geben von Spenden ist freiwillig und bleibt anonym. Es wird sorgfältig vorausgeplant, und die Erfahrung, die beim Bau von Königreichssälen und häufig auch bei Kongreßsaalprojekten an anderen Orten gewonnen wurde, kommt dem Vorhaben zugute. Wenn nötig, werden einzelne Arbeiten auch an Baufirmen vergeben, doch gewöhnlich leisten begeisterte Zeugen die Hauptarbeit. Dadurch lassen sich die Kosten bis auf die Hälfte reduzieren.

      Mit einer Mannschaft aus Fachkräften und anderen, die ihre Zeit und ihre Talente bereitwillig zur Verfügung stellen, macht das gesamte Projekt in der Regel schnell Fortschritte. Manchmal dauern solche Projekte über ein Jahr. Auf Vancouver Island in Kanada hingegen vollendeten 1985 etwa 4 500 freiwillige Helfer einen 2 300 Quadratmeter großen Kongreßsaal in nur neun Tagen. In dem Gebäude befindet sich unter anderem ein Königreichssaal für die Versammlungen am Ort mit 200 Sitzplätzen. Wegen politischer Unruhen verhängte die Regierung in Neukaledonien 1984 ein Ausgangsverbot; dennoch arbeiteten dort bis zu 400 Freiwillige auf einmal an einem Kongreßsaal, und nach nur vier Monaten war er fertig. Bei Stockholm (Schweden) wurde ein ansprechender und zweckmäßiger Kongreßsaal mit 900 gepolsterten Eichenstühlen in sieben Monaten fertiggestellt.

      Die Genehmigung für den Bau eines Kongreßsaals mußte mitunter vor Gericht erkämpft werden. Das war in Surrey (Britisch-Kolumbien, Kanada) der Fall. Zu der Zeit, als das Grundstück gekauft wurde, hätte die Errichtung einer solchen Anbetungsstätte den Bebauungsvorschriften entsprochen. Nachdem man jedoch Baupläne eingereicht hatte, verabschiedete der Rat des Distrikts Surrey 1974 eine Verordnung, wonach Kirchen und Kongreßsäle nur in der sogenannten Zone P⁠3 gebaut werden durften — eine Zone, die überhaupt nicht existierte. Dessenungeachtet waren vorher ohne Schwierigkeiten 79 Kirchen in der Stadt gebaut worden. Man brachte die Angelegenheit vor Gericht. Es kam zu mehreren Entscheidungen zugunsten von Jehovas Zeugen. Die Behinderung durch voreingenommene Beamte konnte schließlich überwunden werden, und nun arbeiteten die freiwilligen Helfer mit einer solchen Begeisterung an dem Projekt, daß es schon nach ungefähr sieben Monaten abgeschlossen war. Wie einst Nehemia bei seinen Bemühungen, die Mauern Jerusalems wieder aufzubauen, empfanden die Helfer, daß die ‘Hand Gottes über ihnen war’, um das Werk zu vollenden (Neh. 2:18).

      Als Jehovas Zeugen in den Vereinigten Staaten das Stanley-Theater in Jersey City (New Jersey) kauften, war das Gebäude in dem staatlichen Verzeichnis historischer Stätten eingetragen. Abgesehen von dem äußerst renovierungsbedürftigen Zustand des Theaters, bot es ausgezeichnete Möglichkeiten für die Verwendung als Kongreßsaal. Aber als die Zeugen Ausbesserungsarbeiten vornehmen wollten, verweigerten städtische Beamte die Genehmigung dafür. Der Bürgermeister wünschte Jehovas Zeugen nicht in dem betreffenden Gebiet; er hatte mit dem Gebäude und dem Grundstück etwas anderes vor. Damit dem rechtswidrigen Gebrauch der Amtsgewalt Einhalt geboten werden konnte, mußte man den Rechtsweg beschreiten. Das Gericht entschied zugunsten der Zeugen. Bald darauf wurde der Bürgermeister von den Stadtbewohnern abgewählt. Die Arbeiten an dem Gebäude gingen zügig voran. So wurde ein wunderschöner Kongreßsaal mit über 4 000 Plätzen geschaffen. Es ist ein Bauwerk, auf das Geschäftsleute und andere Einwohner der Stadt gleicherweise stolz sind.

      Während der vergangenen 27 Jahre haben Jehovas Zeugen in zahlreichen Gebieten der Erde hübsche, zweckmäßige Kongreßsäle gebaut, die als Zentren für biblische Unterweisung dienen. Immer mehr solche Säle findet man heute in Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien sowie auf vielen Inseln. In einigen Ländern — beispielsweise Nigeria, Italien und Dänemark — haben Jehovas Zeugen auch größere Freiluftstätten errichtet, wo sie regelmäßig ihre Bezirkskongresse abhalten können.

      Kongreßsäle und Königreichssäle sind jedoch nicht die einzigen Bauprojekte, mit denen Jehovas Zeugen die Verkündigung des Königreiches Gottes fördern.

      Weltweit Büros, Druckereien und Bethelheime

      Im Jahre 1992 gab es rund um die Erde 99 Zweigbüros der Watch Tower Society, und jedes diente dem Zweck, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas in dem betreffenden Gebiet zu koordinieren. In mehr als der Hälfte der Zweige wurde zur Förderung des biblischen Lehrwerks gedruckt. Diejenigen, die in den Zweigbüros arbeiten, sind meist wie eine große Familie in Heimen untergebracht, die Bethel genannt werden, was „Haus Gottes“ bedeutet. Wegen der zunehmenden Zahl der Zeugen Jehovas und wegen der Ausdehnung ihrer Predigttätigkeit wurde es notwendig, diese Einrichtungen zu vergrößern und neue zu bauen.

      Die Organisation wächst so schnell, daß häufig 20 bis 40 solcher Zweigerweiterungsprogramme gleichzeitig im Gange waren. Ein umfangreiches internationales Bauprogramm war erforderlich.

      Wegen der gewaltigen Menge an Bauarbeiten, die weltweit durchgeführt werden, hat die Watch Tower Society in ihrer Zentrale in New York ein eigenes Planungsbüro eingerichtet. Ingenieure mit vielen Jahren Erfahrung haben ihre Arbeitsstelle aufgegeben und sich für die Mitarbeit an Bauprojekten, die in direkter Beziehung zum Königreichswerk stehen, als Vollzeitdiener zur Verfügung gestellt. Erfahrene Kräfte haben außerdem weitere Männer und Frauen in der Ingenieurarbeit, im Entwerfen und im Zeichnen geschult. Dadurch, daß diese Abteilung die Arbeit koordiniert, kann die Erfahrung, die irgendwo auf der Erde beim Errichten von Zweiggebäuden gewonnen wird, denen zugute kommen, die in anderen Ländern mit ähnlichen Projekten beschäftigt sind.

      Mit der Zeit hielt man es angesichts des Ausmaßes der Bautätigkeit für nützlich, in Japan ein regionales Planungsbüro zu eröffnen, das Baupläne für Projekte in Asien anfertigt. Andere regionale Planungsbüros mit Mitarbeitern aus den verschiedensten Ländern sind in Europa und in Australien tätig. Die Büros arbeiten mit dem Büro in der Zentrale eng zusammen, und dank ihrer durch Computer erleichterten Dienste kommt man bei den einzelnen Baustellen mit weniger Bauzeichnern aus.

      Manche Projekte sind von relativ bescheidenem Umfang. Ein Beispiel hierfür war 1983 der Bau des Zweigbüros auf Tahiti. Es umfaßte Büro- und Lagerräume sowie Wohnraum für 8 freiwillige Mitarbeiter. Auch das vierstöckige Zweiggebäude, das auf der karibischen Insel Martinique in den Jahren 1982 bis 1984 errichtet wurde, war relativ klein. Obwohl Großstadtmenschen aus anderen Ländern nichts Besonderes an diesen Gebäuden finden würden, erregten sie das Interesse der Öffentlichkeit. Die Zeitung France-Antilles bezeichnete das Zweiggebäude auf Martinique als „ein architektonisches Meisterstück“, das von „großer Liebe zu guter Arbeit“ zeugt.

      Völlig andere Dimensionen hatten die 1981 in Kanada vollendeten Gebäude, zu denen eine Druckerei von über 9 300 Quadratmetern Nutzfläche und ein Wohngebäude für 250 freiwillige Mitarbeiter gehörten. Der Watch-Tower-Gebäudekomplex, der im selben Jahr in Cesario Lange (Brasilien) fertig wurde, bestand aus acht Gebäuden mit einer Nutzfläche von insgesamt 46 000 Quadratmetern. 10 000 Lkw-Ladungen Zement, Steine und Sand hatte man dafür benötigt und so viele Betonpfeiler, daß sie aufeinandergestellt den Mount Everest um seine eigene Höhe überragt hätten. Als man 1991 auf den Philippinen eine große Druckerei fertigstellte, mußte auch ein elfstöckiges Wohngebäude errichtet werden.

      Um den Bedürfnissen der wachsenden Zahl der Königreichsverkündiger in Nigeria gerecht werden zu können, wurde 1984 in Igieduma ein stattliches Bauprojekt in Angriff genommen. Es sollte eine Druckerei, ein geräumiges Bürogebäude, vier miteinander verbundene Wohngebäude und andere wichtige Anlagen einschließen. Man plante, die gesamte Druckerei aus Fertigteilen zu bauen, die aus den Vereinigten Staaten geliefert werden sollten. Doch dann wurden den Brüdern im Zusammenhang mit der Einfuhr scheinbar unerfüllbare Bedingungen gestellt. Als aber die Bedingungen eingehalten werden konnten und alle Teile unversehrt am Bauort ankamen, betrachteten die Zeugen dies nicht als ihr eigenes Verdienst, sondern sie dankten Jehova für seinen Segen.

      Rasche Ausdehnung rund um die Erde

      Das Werk der Königreichsverkündigung ist indessen so schnell gewachsen, daß oft schon ziemlich bald nach einer drastischen Erweiterung der Zweiggebäude in einem Land wieder gebaut werden muß. Betrachten wir einige Beispiele.

      Ende 1984 wurde in Peru ein schönes neues Zweigbüro fertiggestellt — mit Büroräumen, 22 Schlafräumen, anderen Einrichtungen für die Mitglieder der Bethelfamilie sowie einem Königreichssaal. Die Zahl derer, die in dem südamerikanischen Land positiv auf die Königreichsbotschaft reagierten, übertraf jedoch alle Erwartungen. Schon nach vier Jahren war es notwendig, den bestehenden Komplex zu verdoppeln; diesmal baute man erdbebensicher.

      Ein geräumiger neuer Zweigkomplex wurde 1979 in Kolumbien vollendet. Es hatte den Anschein, als ob er für viele Jahre reichlich Platz bieten würde. Aber sieben Jahre später hatte sich die Zahl der Zeugen in Kolumbien fast verdoppelt, und der Zweig druckte nun die Zeitschriften La Atalaya und ¡Despertad! nicht nur für Kolumbien, sondern auch für vier Nachbarländer. 1987 war es an der Zeit, mit einem Neubau zu beginnen — diesmal auf einem Gelände mit mehr Erweiterungsmöglichkeiten.

      Während des Jahres 1980 widmeten Jehovas Zeugen in Brasilien dem öffentlichen Predigen der Königreichsbotschaft ungefähr 14 000 000 Stunden. 1989 waren es jedoch annähernd 50 000 000 Stunden. Immer mehr Menschen hatten den Wunsch, ihren geistigen Hunger zu stillen. Die großzügig angelegten Zweiggebäude, die 1981 der Bestimmung übergeben worden waren, reichten nicht mehr aus. Bereits im September 1988 waren Erdarbeiten für eine neue Druckerei im Gange. Sie sollte 80 Prozent mehr Nutzfläche haben als die vorhandene Druckerei, und natürlich würde man auch Wohngebäude für die größer werdende Bethelfamilie benötigen.

      In Selters/Taunus wurde 1984 der zweitgrößte Druckereikomplex der Watch Tower Society der Bestimmung übergeben. Wegen des Wachstums und wegen der Möglichkeit einer Ausweitung des Zeugniswerks in Ländern, für die der deutsche Zweig Literatur druckt, machte man nur fünf Jahre später Pläne für eine Vergrößerung der Druckerei um 85 Prozent sowie für zusätzliche Gebäude, die den Bedürfnissen der Mitarbeiter dienen sollten.

      Im Jahre 1972 war das japanische Zweigbüro von Tokio in große neue Gebäude in Numasu verlegt worden. Eine bedeutende Erweiterung folgte 1975. Schon 1978 war man im Besitz eines anderen Grundstücks in Ebina, und binnen kurzem wurde an einer Druckerei gearbeitet, die über dreimal so groß werden sollte wie die in Numasu. Das Projekt war 1982 abgeschlossen. Aber auch damit kam man nicht aus; bis 1989 wurden weitere Gebäude hinzugefügt. Wäre es denn nicht möglich gewesen, nur einmal zu bauen und gleich in der richtigen Größe? Nein. Die Anzahl der Königreichsverkündiger in Japan verdoppelte sich immer wieder so schnell, wie kein Mensch es vorausahnen konnte. Von 14 199 im Jahre 1972 wuchsen ihre Reihen auf 137 941 im Jahre 1989 an, und ziemlich viele setzten ihre ganze Zeit im Dienst für Gott ein.

      In anderen Ländern der Erde ergibt sich ein ganz ähnliches Bild. Ein Jahrzehnt (oder manchmal nur wenige Jahre) nach dem Bau großer Zweigbüros mit Druckereianlagen mußten beträchtliche Erweiterungen vorgenommen werden. Das war unter anderem in Mexiko, Kanada, Südafrika und in der Republik Korea der Fall.

      Wer verrichtet die eigentlichen Bauarbeiten? Und wie schafft man das alles?

      Viele Tausende helfen gern mit

      Beim Bau eines Zweigbüros in Arboga (Schweden) dienten von den damals 17 000 Zeugen in Schweden etwa 5 000 als freiwillige Helfer. Die meisten waren lediglich willige Hilfskräfte, aber es gab auch genügend fähige Fachkräfte, die dafür sorgten, daß die Arbeit richtig gemacht wurde. Was war ihr Beweggrund? Liebe zu Jehova.

      Als ein Beamter von einem Vermessungsamt in Dänemark davon hörte, daß die Arbeiten an einem neuen Zweigbüro in Holbæk ausschließlich von Zeugen Jehovas ausgeführt werden sollten, hatte er Bedenken. Zeugen, die dort als freiwillige Helfer dienten, verfügten jedoch über das gesamte erforderliche Know-how. Wäre es trotzdem vorteilhafter gewesen, ein Bauunternehmen zu beauftragen? Experten von der städtischen Baubehörde besichtigten die Gebäude, als das Projekt beendet war, und äußerten sich lobend über die geleistete Qualitätsarbeit — etwas, was heute kaum noch anzutreffen sei, wenn für Geld gearbeitet werde. Der Beamte, der sich vorher besorgt gezeigt hatte, sagte lächelnd: „Wissen Sie, damals wußte ich nicht, was für eine Organisation Sie haben.“

      In Australien liegen die Städte weit über das Land verstreut; daher mußten die meisten der 3 000 Freiwilligen, die zwischen 1978 und 1983 an den Zweiggebäuden in Ingleburn arbeiteten, mindestens 1 600 Kilometer zurücklegen. Man organisierte jedoch Busreisen für Gruppen von Freiwilligen, und unterwegs erwiesen Versammlungen den Brüdern Gastfreundschaft, indem sie an den Rastorten für Mahlzeiten sorgten und den Reisenden Gesellschaft leisteten. Um mitarbeiten zu können, verkauften einige Brüder ihr Haus, gaben ihr Geschäft auf, nahmen Urlaub oder brachten andere Opfer. Erfahrene Handwerkerteams trafen ein — manche kamen mehrmals — und gossen Beton, hängten Decken ab oder errichteten Zäune. Andere Zeugen spendeten Material.

      Bei denen, die als freiwillige Helfer an diesen Projekten beteiligt waren, handelte es sich überwiegend um ungelernte Kräfte, aber mit etwas Schulung konnten etliche von ihnen wichtige Aufgaben übernehmen und leisteten vorzügliche Arbeit. Sie lernten, wie man Fenster baut, Baumaschinen bedient, Beton mischt oder Maurerarbeiten ausführt. Gegenüber Personen, die keine Zeugen Jehovas sind und von Berufs wegen dieselbe Arbeit verrichten, genossen sie deutliche Vorteile. Welche? Die Brüder, die Erfahrung hatten, gaben ihre Kenntnisse bereitwillig weiter. Niemand brauchte zu befürchten, daß ein anderer ihm die Arbeit wegnehmen würde; es gab für alle reichlich zu tun. Außerdem fühlte man sich angespornt, Qualitätsarbeit zu leisten, da die Tätigkeit ein Ausdruck der Liebe zu Gott war.

      Auf allen Baustellen bilden einige Zeugen den Kern der sogenannten Baufamilie. Als von 1979 bis 1984 in Selters/Taunus gebaut wurde, bestand dieser Kern in der Regel aus mehreren hundert Arbeitern. Weitere Tausende schlossen sich ihnen für verschieden lange Zeitspannen an, viele davon an Wochenenden. Dank guter Planung fanden freiwillige Helfer bei ihrer Ankunft reichlich Arbeit vor.

      Solange Menschen unvollkommen sind, entstehen Probleme; doch die Zeugen, die mit Bauvorhaben wie den hier erwähnten beschäftigt sind, bemühen sich, ihre Probleme durch die Anwendung biblischer Grundsätze zu lösen. Ihnen ist bewußt, daß christliches Verhalten wichtiger ist als rationelle Arbeitsmethoden. Daran erinnerten auf der Baustelle in Ebina (Japan) große Schilder mit Darstellungen von Arbeitern, auf deren Schutzhelmen in japanischen Schriftzeichen jeweils eine der Früchte des Geistes Gottes stand: Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Glauben, Milde, Selbstbeherrschung (Gal. 5:22, 23). Besucher sehen und hören, wie sich ein solches Verhalten auswirkt. Ein Reporter, der das brasilianische Zweigbüro während der Bauzeit besichtigt hatte, beschrieb seine Eindrücke wie folgt: „Kein ungehobeltes Benehmen, kein Mangel an Zusammenarbeit ... Die christliche Atmosphäre hier ist ganz anders als das, was man im brasilianischen Baugewerbe gewohnt ist.“

      Ständige Erweiterung der Weltzentrale

      Während die Zweigbüros der Watch Tower Society größer wurden, mußten auch die Räumlichkeiten der Weltzentrale erweitert werden. Die Druckerei- und Bürobereiche in Brooklyn und an anderen Orten im Bundesstaat New York wurden seit dem Zweiten Weltkrieg insgesamt mehr als 10mal drastisch erweitert. Um Wohnraum für Mitarbeiter zu schaffen, mußten zahlreiche größere und kleinere Gebäude neu gebaut oder gekauft und renoviert werden. Im August 1990 und im Januar 1991 wurden wieder bedeutende Erweiterungen in Brooklyn angekündigt, und das, obwohl man erst 1989 nördlich von New York City mit der Errichtung eines umfangreichen Wachtturm-Schulungszentrums — mit Wohnraum für insgesamt 1 200 Mitarbeiter und Studierende — begonnen hatte und die Arbeit dort noch andauerte.

      Seit 1972 wurde in der Weltzentrale in Brooklyn sowie in den angegliederten Einrichtungen in anderen Teilen von New York und in New Jersey ununterbrochen gebaut. Mit der Zeit erkannte man, daß die reguläre Baumannschaft, wenngleich ihre Zahl in die Hunderte ging, nicht mehr alle anfallenden Arbeiten bewältigen konnte. Aus diesem Grund wurde 1984 ein Programm in die Wege geleitet, das es von da an vielen ermöglichen sollte, zeitweilig mitzuhelfen. Man sandte Briefe an die damals 8 000 Versammlungen in den Vereinigten Staaten und lud befähigte Brüder ein, für eine Woche oder länger zur Aushilfe zu kommen. (In einigen Zweigen war schon vorher ein ähnliches Programm erfolgreich verlaufen, unter anderem in Australien, wo als freiwillige Helfer diejenigen eingeladen wurden, die zwei Wochen bleiben konnten.) Die Helfer würden Unterkunft und Verpflegung erhalten, ihre Reise aber selbst bezahlen und unentgeltlich arbeiten. Wer würde der Einladung folgen?

      Bis 1992 wurden weit über 24 000 Bewerbungen bearbeitet. Mindestens 3 900 davon betrafen Personen, die 2mal, 3mal, ja sogar 10mal oder 20mal kamen. Die meisten Bewerber waren Älteste, Dienstamtgehilfen oder Pioniere — Menschen mit guten geistigen Eigenschaften. Alle waren bereit, Hand anzulegen, wo immer sie benötigt wurden, ganz gleich, ob ihre Berufserfahrung dabei zum Tragen kam oder nicht. Die Arbeit war oft schwer und schmutzig. Dennoch betrachteten die Helfer es als ein Vorrecht, auf diese Weise zur Förderung der Königreichsinteressen beizutragen. Manche stellten fest, daß sie aufgrund dieser Tätigkeit den Geist der Selbstaufopferung noch mehr schätzten, der für die Arbeit, die in der Weltzentrale geleistet wird, bezeichnend ist. Durch die Anwesenheit bei der morgendlichen Anbetung und beim wöchentlichen Familien-Wachtturm-Studium der Bethelfamilie fühlten sich alle reich belohnt.

      Freiwillige, die im Ausland dienen

      Als immer mehr Einrichtungen dringend einer Erweiterung bedurften, traf man 1985 Vorkehrungen, um freiwillige Helfer ins Ausland zu senden. Nicht, daß man damals erst begonnen hätte, auf dem Bausektor international zusammenzuarbeiten, aber nun wurde eine besondere Art der Zusammenarbeit vom Hauptbüro aus sorgfältig koordiniert. Alle Teilnehmer sind Zeugen, die sich freiwillig für die Bautätigkeit außerhalb ihres eigenen Landes zur Verfügung stellen. Es sind Fachleute sowie Ehefrauen, die ihre Männer begleiten und mit anpacken, wo sie können. Die meisten bestreiten ihre Reisekosten selbst; niemand bekommt seine Arbeit bezahlt. Manche dienen für kürzere Zeit, gewöhnlich zwei Wochen bis drei Monate. Andere sind Langzeithelfer und bleiben mindestens ein Jahr, vielleicht sogar bis zum Abschluß des Projekts. Während der ersten fünf Jahre beteiligten sich über 3 000 Zeugen Jehovas aus 30 verschiedenen Ländern an diesem Programm, und weitere brannten darauf, je nach Bedarf ihre Fähigkeiten einsetzen zu dürfen. Sie sehen es als ein Vorrecht an, auf diese Weise etwas von sich selbst und von ihren Mitteln zu geben, um die Interessen des Königreiches Gottes zu fördern.

      Helfer, die im Ausland dienen, erhalten eine Unterkunft und werden mit Mahlzeiten versorgt. Oft müssen sie auf viele Annehmlichkeiten verzichten. Die einheimischen Zeugen sind für die Dienste dieser Brüder überaus dankbar und teilen, wenn möglich, ihre Wohnung mit ihnen, mag sie noch so bescheiden sein. Die Mahlzeiten werden meist auf der Baustelle eingenommen.

      Die Brüder, die aus fremden Ländern gekommen sind, sollen nicht die ganze Arbeit tun. Sie sind da, um gemeinsam mit der einheimischen Baumannschaft zu arbeiten. Darüber hinaus helfen womöglich Hunderte oder sogar Tausende aus dem Inland mit, sei es an den Wochenenden oder für jeweils eine Woche und mehr. In Argentinien arbeiteten 259 Freiwillige aus anderen Ländern mit mehreren tausend einheimischen Brüdern zusammen, von denen einige jeden Tag, andere für ein paar Wochen und viele weitere an den Wochenenden da waren. In Kolumbien half eine internationale Schar von über 830 Freiwilligen teils für längere, teils für kürzere Zeit. Dazu kamen noch über 200 einheimische Freiwillige, die das Projekt ständig unterstützten, sowie wenigstens 250 weitere Helfer an jedem Wochenende. Insgesamt beteiligten sich mehr als 3 600 verschiedene Personen.

      Sprachunterschiede können hinderlich sein, doch das hält diese internationalen Gruppen nicht davon ab zusammenzuarbeiten. Mit Zeichensprache, Mimik, gesundem Humor und dem Wunsch, eine Aufgabe zu erfüllen, die Jehova ehrt, kommt etwas zustande.

      Ein starkes Wachstum innerhalb der Organisation — und infolgedessen ein Bedarf an neuen Zweiggebäuden — ist manchmal in Ländern zu beobachten, wo es relativ wenige Bauhandwerker gibt. Für Jehovas Zeugen, die einander gern beistehen, ist das jedoch kein Hindernis. Sie arbeiten zusammen als Mitglieder einer weltweiten Familie, die nicht wegen Unterschieden in bezug auf Nationalität, Hautfarbe oder Sprache entzweit ist.

      In Papua-Neuguinea schulten freiwillige Helfer, die aus Australien und Neuseeland gekommen waren, je einen Einheimischen in ihrem Handwerk, so wie das Arbeitsministerium es verlangte. Dadurch wurden einheimische Zeugen, während sie mit Hingabe arbeiteten, in einem Beruf ausgebildet, der ihnen die Beschaffung des Lebensunterhalts für sich und ihre Familien erleichtern konnte.

      Als man in El Salvador ein neues Zweigbüro benötigte, schlossen sich den Brüdern dort 326 Freiwillige aus anderen Ländern an. Bei dem Projekt in Ecuador arbeiteten 270 Zeugen aus 14 Ländern an der Seite ihrer ecuadorianischen Brüder und Schwestern. Einige im Ausland tätige Helfer hatten einen Anteil an mehreren Bauprojekten, an denen zur selben Zeit gearbeitet wurde. Sie dienten abwechselnd auf Baustellen in Europa und in Afrika, je nachdem, wo ihre handwerklichen Fähigkeiten gerade benötigt wurden.

      Bis 1992 waren freiwillige Helfer bereits in 49 Zweige ausgesandt worden, um dort die einheimischen Baumannschaften zu unterstützen. In manchen Fällen waren diejenigen, denen dieses Programm zugute kam, in der Lage, wiederum anderen beizustehen. So leisteten etliche Filipinos bei Bauvorhaben in verschiedenen südostasiatischen Gebieten Hilfe, nachdem sie aus der mühevollen Arbeit von Freiwilligen aus dem Ausland Nutzen gezogen hatten; beim Bau des Zweigbüros auf den Philippinen hatten etwa 60 sogenannte International Servants längere Zeit und mehr als 230 sogenannte International Volunteers kürzere Zeit mitgewirkt.

      Die derzeitigen Bedürfnisse in Verbindung mit dem Predigen der guten Botschaft veranlassen Jehovas Zeugen zu bauen. Mit der Hilfe des Geistes Jehovas möchten sie in der Zeit, die bis Harmagedon noch verbleibt, ein möglichst großes Zeugnis geben. Sie sind davon überzeugt, daß Gottes neue Welt sehr nahe ist, und sie glauben, daß sie als organisiertes Volk in diese neue Welt unter der Herrschaft des messianischen Königreiches Gottes hinüberleben werden. Ferner hoffen sie, daß möglicherweise viele der ausgezeichneten Gebäude, die sie errichtet und Jehova übergeben haben, nach Harmagedon weiterhin als Zentren für die Verbreitung der Erkenntnis über den allein wahren Gott dienen werden, bis die Erde tatsächlich mit der Erkenntnis Gottes erfüllt sein wird (Jes. 11:9).

      [Fußnote]

      a Diese war als „Neues-Licht-Kirche“ bekannt, weil die Personen, die sich dort trafen, der Ansicht waren, daß ihnen das Lesen der Wachtturm-Publikationen ein neues Verständnis der Bibel vermittelte.

      [Herausgestellter Text auf Seite 322]

      Zeugen aus Nachbarversammlungen halfen bei der Arbeit

      [Herausgestellter Text auf Seite 323]

      Die Bauarbeiten wurden von freiwilligen, unbezahlten Helfern ausgeführt

      [Herausgestellter Text auf Seite 324]

      Auf geistige Eigenschaften wurde besonders Wert gelegt

      [Herausgestellter Text auf Seite 326]

      Qualitätsarbeit, Sicherheit, niedrige Kosten, Schnelligkeit

      [Herausgestellter Text auf Seite 328]

      Ein transportabler Kongreßsaal!

      [Herausgestellter Text auf Seite 331]

      Gerichte werden angerufen

      [Herausgestellter Text auf Seite 332]

      Umfangreiches internationales Erweiterungsprogramm

      [Herausgestellter Text auf Seite 333]

      Bauhelfer schrieben Erfolg nicht sich selbst, sondern Jehova zu

      [Herausgestellter Text auf Seite 334]

      Ein Wachstum, das kein Mensch hätte vorhersagen können

      [Herausgestellter Text auf Seite 336]

      Sie betrachteten es als ein Vorrecht, bei der Erweiterung des Hauptbüros zu helfen

      [Herausgestellter Text auf Seite 339]

      Sie arbeiten als eine weltweite Familie, die nicht wegen Unterschieden in bezug auf Nationalität, Hautfarbe oder Sprache entzweit ist

      [Kasten/Bilder auf Seite 320, 321]

      Gemeinsame Errichtung von Königreichssälen in Schnellbauweise

      Jedes Jahr werden Tausende neue Versammlungen gegründet. Die Zeugen bauen die meisten Königreichssäle selbst. Diese Aufnahmen wurden 1991 bei einem Königreichssaalbau in Connecticut (USA) gemacht.

      Freitag, 7.40 Uhr

      Freitag, 12 Uhr

      Samstag, 19.41 Uhr

      Hauptarbeit beendet: Sonntag, 18.10 Uhr

      Sie vertrauen auf den Segen Jehovas, und sie nehmen sich die Zeit, Ratschläge aus seinem Wort zu besprechen

      Alles unbezahlte Freiwillige, die gern Seite an Seite arbeiten

      [Kasten/Bilder auf Seite 327]

      Königreichssäle in verschiedenen Ländern

      Die Zusammenkunftsstätten der Zeugen Jehovas sind meist schlicht. Sie sind sauber, behaglich und fügen sich angenehm in ihre Umgebung ein.

      Peru

      Philippinen

      Frankreich

      Republik Korea

      Japan

      Papua-Neuguinea

      Irland

      Kolumbien

      Norwegen

      Lesotho

      [Kasten/Bilder auf Seite 330]

      Kongreßsäle der Zeugen Jehovas

      In manchen Gebieten halten Jehovas Zeugen es für zweckmäßig, eigene Kongreßsäle für ihre regelmäßig stattfindenden Kongresse zu bauen. Ein Großteil der Bauarbeiten wird von Zeugen aus dem Umkreis verrichtet. Hier sind einige solche Säle abgebildet, die Anfang der 90er Jahre in Gebrauch waren.

      Großbritannien

      Venezuela

      Italien

      Deutschland

      Kanada

      Japan

      [Kasten/Bilder auf Seite 338]

      Internationales Bauprogramm entspricht dringenden Bedürfnissen

      Wegen des raschen Wachstums der Organisation müssen auf der ganzen Erde ständig Bürogebäude, Druckereien und Bethelheime erweitert oder neu gebaut werden

      Freiwillige aus anderen Ländern helfen einheimischen Zeugen

      Spanien

      Die angewandten Baumethoden ermöglichen es vielen Freiwilligen mit begrenzter Erfahrung, wertvolle Arbeit zu leisten

      Puerto Rico

      Fachleute stellen sich gern zur Verfügung

      Neuseeland

      Griechenland

      Brasilien

      Haltbare Materialien senken auf lange Sicht die Instandhaltungskosten

      Großbritannien

      Persönliches Interesse an der Tätigkeit bewirkt, daß man Qualitätsarbeit leistet; es ist ein Ausdruck der Liebe zu Jehova

      Kanada

      Solche Projekte sind freudige Anlässe; viele bleibende Freundschaften werden geschlossen

      Kolumbien

      Ein Schild erinnerte Bauarbeiter in Japan an Sicherheitsvorkehrungen sowie an die Notwendigkeit, die Früchte des Geistes Gottes hervorzubringen

      [Bild auf Seite 318]

      Das erste als Königreichssaal bezeichnete Gebäude (auf Hawaii)

      [Bilder auf Seite 319]

      Viele der ersten Königreichssäle waren gemietete Gebäude oder einfach über Kaufläden gelegene Räume; nur wenige wurden von den Zeugen selbst gebaut

      [Bilder auf Seite 329]

      Zwei der ersten Kongreßsäle

      New York City

      Guadeloupe

      [Bilder auf Seite 337]

      Gerade eingetroffene zeitweilige Bauhelfer in der Weltzentrale in New York

      Jede Gruppe wird daran erinnert, daß es wichtiger ist, ein Geistesmensch zu sein und Qualitätsarbeit zu leisten, als schnell zu arbeiten

  • Wie wird alles finanziert?
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 21

      Wie wird alles finanziert?

      ES LIEGT auf der Hand, daß für das Werk, das Jehovas Zeugen durchführen, Geld erforderlich ist. Königreichssäle, Kongreßsäle, Zweigbüros, Druckereien und Bethelheime zu bauen ist mit Kosten verbunden, und sie instand zu halten, ebenfalls. Auch durch die Herausgabe und Verbreitung der Literatur für das Bibelstudium entstehen Ausgaben. Wie wird all das finanziert?

      Darüber haben Gegner des Werkes der Zeugen Jehovas Spekulationen öffentlich geäußert, die jeder Grundlage entbehren. Aber durch eine Überprüfung der Beweise erhärtet sich die Antwort, die die Zeugen selbst geben. Wie lautet sie? Die meiste Arbeit wird von freiwilligen Mitarbeitern verrichtet, die für ihre Dienste eine finanzielle Gegenleistung weder erwarten noch wünschen, und organisatorische Unkosten werden durch freiwillige Spenden gedeckt.

      „Eintritt frei. Keine Kollekte“

      Bereits in der zweiten Ausgabe des Wacht-Turms (August 1879, engl.) erklärte Bruder Russell: „Die Zeitschrift ‚Zions Wacht-Turm‘ wird, wie wir glauben, von JEHOVA unterstützt und braucht deshalb nie bei Menschen um Unterstützung zu bitten oder zu betteln. Wenn er, der sagt: ‚All das Gold und Silber der Berge ist mein‘, nicht mehr die nötigen Mittel zur Verfügung stellt, nehmen wir an, daß es Zeit ist, ihr Erscheinen einzustellen.“ Damit in Übereinstimmung wird in der Literatur der Zeugen Jehovas nicht um Geld gebettelt.

      Was auf ihre Literatur zutrifft, gilt genauso für ihre Zusammenkünfte. Es gibt weder in ihren Versammlungen noch bei ihren Kongressen gefühlvolle Spendenaufrufe. Es werden keine Klingelbeutel herumgereicht; es werden keine Umschläge verteilt, in die man Geld tun soll, und es werden keine Briefe, in denen um Geld gebeten wird, an Versammlungsglieder geschickt. Die Versammlungen haben niemals auf Bingo oder Tombolas zurückgegriffen, um Geld zu beschaffen. Schon 1894, als die Watch Tower Society reisende Vortragsredner aussandte, veröffentlichte sie im Interesse aller folgende Notiz: „Von Anfang an sollte klar sein, daß Kollekten oder Spendenappelle von der Gesellschaft weder erlaubt noch gutgeheißen werden.“

      Seit den frühesten Anfängen ihrer neuzeitlichen Geschichte stand daher auf Handzetteln und anderen an die Öffentlichkeit gerichteten Einladungen zu Zusammenkünften der Zeugen Jehovas: „Eintritt frei. Keine Kollekte“.

      Ab Anfang 1914 mieteten die Bibelforscher Theater und andere Vortragssäle und luden die Öffentlichkeit ein, sich das „Photo-Drama der Schöpfung“ anzusehen. Bei dieser vierteiligen Vorführung von insgesamt acht Stunden Dauer wurden Lichtbilder und Filme gezeigt, die mit Ton synchronisiert waren. Allein im ersten Jahr sahen sie Millionen in Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland. Einige Theaterbesitzer verlangten zwar Geld für Platzreservierungen, aber die Bibelforscher verlangten nie Eintrittsgeld. Und es wurden keine Kollekten durchgeführt.

      Später betrieb die Watch Tower Society über 30 Jahre lang den Rundfunksender WBBR in New York. Jehovas Zeugen bedienten sich auch Hunderter anderer Sender, um Programme zur biblischen Bildung auszustrahlen. Doch sie benutzten solche Übertragungen nie, um Geld zu erbetteln.

      Wie erhalten sie dann die Spenden, mit denen ihre Tätigkeit finanziert wird?

      Von freiwilligen Spenden getragen

      Die Bibel dient als Muster. Unter dem mosaischen Gesetz gab es bestimmte Beiträge, die freiwillig waren. Andere wurden vom Volk verlangt. Zu den letzteren gehörte die Abgabe des Zehnten (2. Mo. 25:2; 30:11-16; 4. Mo. 15:17-21; 18:25-32). Die Bibel zeigt aber auch, daß Christus das Gesetz erfüllte und Gott es außer Kraft setzte; Christen müssen also dessen Bestimmungen nicht befolgen. Weder geben sie den Zehnten, noch sind sie zu irgendeiner anderen Abgabe in einer bestimmten Höhe oder zu einer bestimmten Zeit verpflichtet (Mat. 5:17; Röm. 7:6; Kol. 2:13, 14).

      Sie werden vielmehr ermuntert, in Nachahmung des wunderbaren Beispiels, das Jehova selbst und sein Sohn, Jesus Christus, gegeben haben, eine großzügige und freigebige Einstellung zu entwickeln (2. Kor. 8:7, 9; 9:8-15; 1. Joh. 3:16-18). Mit Bezug auf das Geben schrieb daher der Apostel Paulus an die Christenversammlung in Korinth: „Jeder tue so, wie er es in seinem Herzen beschlossen hat, nicht widerwillig oder aus Zwang, denn Gott liebt einen fröhlichen Geber.“ Wenn Christen von einer Notlage erfuhren, wurde, wie Paulus erklärte, ‘die Echtheit ihrer Liebe’ geprüft. Er sagte auch: „Wenn vorerst die Bereitschaft da ist, so ist sie besonders annehmbar gemäß dem, was jemand hat, nicht gemäß dem, was jemand nicht hat“ (2. Kor. 8:8, 12; 9:7).

      Angesichts dessen ist interessant, wie Tertullian (ca. 155 bis nach 220 u. Z.) Zusammenkünfte einiger seiner Zeitgenossen kommentierte, die bemüht waren, das Christentum zu praktizieren. Er schrieb: „Auch wenn es eine Art Kasse gibt, wird sie nicht aus Antrittsgeldern zusammengebracht, so als wäre die Religion käuflich. Ein bescheidenes Scherflein steuert jeder einzelne bei an einem bestimmten Tag im Monat oder wenn er will und falls er überhaupt will und falls er überhaupt kann. Denn niemand wird gezwungen, sondern man zahlt aus freien Stücken“ (Verteidigung des Christentums, XXXIX, 5). In den Jahrhunderten danach haben sich die Kirchen der Christenheit auf jedes nur denkbare Vorhaben eingelassen, um für ihre Unternehmungen Geld zu beschaffen.

      Charles Taze Russell lehnte es ab, die Kirchen nachzuahmen. Er schrieb: „Nach unserer Beurteilung ist Geld, das auf verschiedene Weise im Namen des Herrn erbettelt wurde, für ihn anstößig und unannehmbar, und es bringt weder dem Geber noch dem vollbrachten Werk Segen ein.“

      Bruder Russell versuchte nicht, sich bei Wohlhabenden einzuschmeicheln, sondern erklärte vielmehr deutlich, daß in Übereinstimmung mit der Schrift die meisten Diener des Herrn arm an weltlichen Gütern, aber reich an Glauben seien (Mat. 19:23, 24; 1. Kor. 1:26-29; Jak. 2:5). Statt hervorzuheben, daß für die Verbreitung der biblischen Wahrheit Geld benötigt werde, betonte er, wie wichtig es sei, den Geist der Liebe zu entwickeln, den Wunsch zu geben und den Wunsch, anderen besonders dadurch zu helfen, daß man mit ihnen über die Wahrheit spreche. Guten Verdienern, die vorschlugen, sich hauptsächlich ihren Geschäften zu widmen, um finanziell mehr beitragen zu können, sagte er, daß es besser sei, diese Tätigkeit einzuschränken und die Wahrheit zu verbreiten, indem sie von sich selbst und ihrer Zeit gäben. Das ist immer noch der Standpunkt, den die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas einnimmt.a

      Wieviel geben die Leute tatsächlich in der Praxis? Was sie tun, ist eine persönliche Entscheidung. Jedoch sollte man beachten, daß Jehovas Zeugen, was das Geben betrifft, nicht bloß in materiellen Kategorien denken. Auf ihren Bezirkskongressen 1985/86 wurde das Thema besprochen: „Jehova mit unseren wertvollen Dingen ehren“ (Spr. 3:9). Es wurde betont, daß nicht nur Besitz, sondern auch unsere Körper- und Verstandeskraft sowie geistige Güter zu diesen wertvollen Dingen gehören.

      Bruder Russell machte bereits 1904 darauf aufmerksam, daß jemand, der sich Gott völlig geweiht (oder, wie wir heute sagen, hingegeben) hat, „dem Herrn schon alles gegeben“ hat. Er solle sich daher „als bloßer Verwalter seiner Zeit, seines Einflusses, seines Geldes betrachten und darauf bedacht sein ..., dies alles nach Kräften zur Ehre des Herrn zu verwenden“. Er fügte hinzu, der Betreffende werde „unter der Leitung der Weisheit von oben“ durch die Liebe zum Herrn, die täglich „durch die Kenntnis der Wahrheit und die Erfüllung mit seinem Geiste“ wachse, „mehr und mehr Zeit, mehr und mehr Einfluß, mehr und mehr andere Mittel zum Dienste an der Wahrheit verfügbar finden“ (Schriftstudien, „Die Neue Schöpfung“, S. 348, 349).

      In jenen Anfangsjahren hatte die Watch Tower Society eine sogenannte Wacht-Turm-Traktat-Kasse. Was war das? Folgende interessante Einzelheiten waren auf der Rückseite von Briefbogen dargelegt, die Bruder Russell manchmal benutzte: „Diese Kasse besteht aus freiwilligen Gaben derer, die gespeist und gekräftigt wurden durch ‚Speise zur rechten Zeit‘, die in den obigen Publikationen [von der Watch Tower Society bereitgestellt] als Gottes Werkzeugen den geweihten Heiligen überall in der Welt nun vorliegt.

      Diese Kasse wird fortwährend dazu verwendet, Tausende von Exemplaren der Zeitschrift ZIONS WACHT-TURM und der Traktate DIE ALTE THEOLOGIE, die für neue Leser äußerst geeignet sind, gratis zu versenden. Auch die Verbreitung der broschierten Ausgaben der TAGESANBRUCH-Serie wird damit gefördert, indem denen geholfen wird, die sie gern in Umlauf setzen — Kolporteure und andere. Sie dient auch als ‚Armenkasse‘, durch die Kinder des Herrn, die wegen Alter, Krankheit oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sind, den WACHT-TURM zu abonnieren, ihn kostenlos erhalten, wenn sie jeweils Anfang des Jahres durch einen Brief oder eine Karte ihren Wunsch und ihre Mittellosigkeit erklären.

      Niemand ist jemals aufgefordert worden, etwas zu dieser Kasse beizusteuern: alle Spenden müssen freiwillig sein. Wir erinnern unsere Leser an die Worte des Apostels Paulus (1. Kor. 16:1, 2) und bekräftigen sie, indem wir sagen, daß denen, die geben können und es auch tun, um die Wahrheit zu verbreiten, gewiß mit geistigen Gaben vergolten wird.“

      Die weltumspannende Tätigkeit der Zeugen Jehovas, nämlich die gute Botschaft von Gottes Königreich zu verkündigen, wird weiterhin von freiwilligen Spenden getragen. Außer den Zeugen selbst schätzen viele Interessierte es als ein Vorrecht, dieses christliche Werk mit ihren freiwilligen Spenden zu unterstützen.

      Örtliche Versammlungsstätten finanzieren

      Jede Versammlung der Zeugen Jehovas hat geeignete Spendenkästen, in die jemand das hineintun kann, was er möchte — wenn er es wünscht und dazu in der Lage ist. Das geschieht nicht vor aller Augen und bleibt daher gewöhnlich von anderen unbemerkt. Es ist eine Sache zwischen dem einzelnen und Gott.

      Gehälter brauchen nicht gezahlt zu werden, aber es kostet Geld, eine Versammlungsstätte instand zu halten. Um diesem Bedürfnis entsprechen zu können, muß die Versammlung informiert werden. Vor über 70 Jahren wurde im Wacht-Turm allerdings deutlich gemacht, daß zum Spenden nicht aufgefordert oder gedrängt werden sollte, sondern daß lediglich die Tatsachen offen und ehrlich geschildert werden sollten. In Übereinstimmung mit diesem Standpunkt wird in den Versammlungszusammenkünften nicht häufig über Geldangelegenheiten gesprochen.

      Manchmal treten jedoch besondere Bedürfnisse auf. Man plant vielleicht, den Königreichssaal zu renovieren, zu erweitern oder einen neuen zu bauen. Um festzustellen, welche Geldmittel vorhanden sein werden, bitten die Ältesten die Glieder der Versammlung womöglich, auf einen Zettel zu schreiben, was sie als einzelne voraussichtlich für das Projekt spenden oder unter Umständen einige Jahre zur Verfügung stellen können. Außerdem könnten die Ältesten einzelne oder Familien bitten aufzuschreiben, was sie nach eigener Einschätzung pro Woche oder Monat mit dem Segen Jehovas beitragen können. Die Zettel tragen keine Namen. Es handelt sich nicht um Zahlungsverpflichtungen, vielmehr wird dadurch eine vernünftige Planung ermöglicht (Luk. 14:28-30).

      Die Versammlung in Tarma (Liberia) erhielt die nötigen finanziellen Mittel auf ganz andere Weise. Einige aus der Versammlung bauten für einen ihrer Brüder auf dessen Feld Reis an, während er ein ganzes Jahr lang Bäume fällte und von Hand Bretter sägte, die dann verkauft wurden, um Geld für das Bauprojekt zu bekommen. In Paramaribo (Suriname) mußten zwar Materialien gekauft werden, aber es wurde kein Geld für das Grundstück benötigt, denn eine Zeugin gab ihr Land als Schenkung für den Königreichssaal und bat lediglich darum, daß ihr Haus in den hinteren Teil des Grundstücks versetzt würde. Die extrem hohen Grundstückspreise in Tokio (Japan) erschwerten es den Versammlungen dort, für den Bau von Königreichssälen Land zu erwerben. Um diesem Problem abzuhelfen, haben mehrere Familien das Land, auf dem ihr eigenes Haus stand, zur Verfügung gestellt. Sie baten nur darum, ihnen, nachdem ihr Haus dem neuen Königreichssaal gewichen wäre, im oberen Stock eine Wohnung zu geben.

      Da die Versammlungen wuchsen und geteilt wurden, versuchte man oft, sich innerhalb einer bestimmten Region gegenseitig zu helfen, geeignete Königreichssäle zu beschaffen. Mit dieser großzügigen Einstellung war es allerdings nicht getan. Die Grundstückspreise und Baukosten schnellten in die Höhe, und einzelne Versammlungen sahen sich oft außerstande, die Mittel dafür aufzubringen. Da war guter Rat teuer.

      Auf den Kongressen „Königreichseinheit“ im Jahre 1983 legte die leitende Körperschaft ein Verfahren dar, bei dem der Grundsatz aus 2. Korinther 8:14, 15 angewendet würde, nämlich, daß der Überfluß der einen dem Mangel der anderen abhelfen sollte, so daß „es zu einem Ausgleich komme“. Dadurch hätten die Minderbemittelten nicht so wenig, daß sie in ihren Bemühungen, Jehova zu dienen, behindert wären.

      Die Versammlungen wurden gebeten, für einen Kasten mit der Aufschrift „Spenden für den Königreichssaal-Fonds der Gesellschaft“ zu sorgen. Alles, was in diesen Kasten getan würde, sollte nur für diesen Zweck verwendet werden. So würde Geld aus dem ganzen Land bereitgestellt, um den Mangel der Versammlungen auszugleichen, die zwar dringend einen Königreichssaal brauchten, aber wegen der Bedingungen der Banken am Ort nichts in die Wege leiten konnten. Nachdem man durch sorgfältige Untersuchungen ermittelt hatte, wo die Not am größten war, begann die Gesellschaft, dieses Geld Versammlungen zur Verfügung zu stellen, die bauen oder auf andere Weise einen neuen Königreichssaal erwerben mußten. In dem Maße, wie weitere Spenden eingingen und (in Ländern, wo man so vorgehen konnte) Darlehen zurückgezahlt wurden, konnte noch mehr Versammlungen geholfen werden.

      Dieses Verfahren wurde zunächst in den Vereinigten Staaten und in Kanada angewendet und danach in über 30 Ländern Europas, Afrikas, Lateinamerikas und des Fernen Ostens. Bis 1992 war in nur acht dieser Länder schon Geld bereitgestellt worden, das zum Erwerb von 2 737 Königreichssälen für 3 840 Versammlungen beitrug.

      In Ländern, in denen man dieses Verfahren nicht praktizierte, wo aber Königreichssäle dringend benötigt wurden, jedoch nicht mit eigenen Mitteln finanziert werden konnten, bemühte sich die leitende Körperschaft, auf andere Weise für Hilfe zu sorgen. So wurde ein Ausgleich geschaffen, damit diejenigen, die wenig hatten, nicht zu wenig hatten.

      Die Erweiterung der Weltzentrale

      Auch für die Tätigkeiten in der Weltzentrale ist Geld erforderlich. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Watch Tower Bible and Tract Society es für vorteilhaft hielt, Bücher selbst zu drucken und zu binden, wurde eine Abmachung getroffen, die notwendigen Maschinen zu kaufen, und zwar im Namen von Privatpersonen — ebenfalls Diener Jehovas. Statt eine Firma für die Herstellung von Büchern zu bezahlen und sie Gewinne erzielen zu lassen, verwendete die Gesellschaft dieses Geld, um Monat für Monat die Schulden für die Maschinen abzuzahlen. Sobald das erreicht war, reduzierte man die Kostenbeiträge für einen Großteil der Literatur um fast die Hälfte. Was getan wurde, sollte das Predigen der guten Botschaft fördern, nicht die Watch Tower Society bereichern.

      Schon nach wenigen Jahren war offensichtlich, daß die Weltzentrale vergrößert werden müßte, um für das weltweite Königreichspredigtwerk sorgen zu können. Immer wieder mußten die Einrichtungen erweitert werden, da die Organisation gewachsen und die Predigttätigkeit intensiviert worden war. Statt sich an Banken zu wenden wegen der Geldmittel, die zur Vergrößerung und Ausstattung der Büros und Druckereien sowie anderer Gebäude zur Unterbringung und Versorgung der Mitarbeiter in New York und Umgebung benötigt wurden, hat die Gesellschaft den Brüdern die Bedürfnisse erklärt. Das ist nicht häufig geschehen, sondern nur 12mal in 65 Jahren.

      Niemals wurde zu Spenden aufgerufen. Jedem stand es frei, etwas von sich aus zu spenden. Darlehensgebern wurde zugesagt, ihnen im Falle einer unvorhergesehenen Notlage ihr Darlehen sofort bei Eingang ihres Antrags auf Rückerstattung zurückzuzahlen. Somit bemühte sich die Gesellschaft, so vorzugehen, daß für einzelne oder Versammlungen, die freundlicherweise Darlehen gewährten, Härten vermieden wurden. Die Unterstützung, die Jehovas Zeugen der Gesellschaft durch ihre Spenden gegeben haben, hat sie immer in die Lage versetzt, alle Darlehen zurückzuzahlen. Spenden, die die Gesellschaft erhält, werden nicht als selbstverständlich betrachtet. Soweit möglich, werden sie durch Briefe oder andere Dankesbezeigungen bestätigt.

      Das Werk der Organisation wird nicht durch Beiträge einer Gruppe wohlhabender Spender unterhalten. Die meisten Spenden kommen von Personen, die nur über bescheidene Mittel verfügen — viele haben nur sehr wenig von den Gütern dieser Welt. Zu den Spendern gehören auch kleine Kinder, die auf diese Weise das Königreichswerk unterstützen wollen. Das Herz all dieser Spender wird von tiefer Wertschätzung für Jehovas Güte und von dem Wunsch angetrieben, anderen zu helfen, seine gütigen Vorkehrungen kennenzulernen. (Vergleiche Markus 12:42-44.)

      Die Erweiterung von Zweiggebäuden finanzieren

      Da das Königreichspredigtwerk in verschiedenen Teilen der Erde größere Ausmaße angenommen hat, ist es nötig geworden, die Zweiggebäude der Organisation zu erweitern. Dies geschieht auf Anregung der leitenden Körperschaft.

      So wurde 1978, nachdem die Vorschläge des deutschen Zweiges überprüft worden waren, ein passendes Grundstück gesucht, um einen vollständig neuen Komplex bauen zu können. Wären die Zeugen in Deutschland in der Lage, für die entstehenden Kosten aufzukommen? Dazu wurde ihnen Gelegenheit geboten. Als das Projekt in Selters am Westrand des Taunus 1984 fertiggestellt war, berichtete das Zweigbüro: „Zehntausende von Zeugen Jehovas — reiche und arme, junge und alte — spendeten Millionen, um die neuen Gebäude zu finanzieren. Dank ihrer Großzügigkeit konnte das gesamte Projekt abgeschlossen werden, ohne bei weltlichen Kreditgebern Geld aufnehmen oder Schulden machen zu müssen.“ Außerdem war etwa jeder siebte Zeuge in der Bundesrepublik direkt an der Bautätigkeit in Selters beteiligt.

      In einigen anderen Ländern war es wegen der dortigen Wirtschaftslage oder der finanziellen Situation der Zeugen Jehovas für sie sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die notwendigen Bürogebäude für die Beaufsichtigung des Werkes oder Druckereien zur Herstellung biblischer Literatur in den einheimischen Sprachen zu bauen. Die Zeugen des jeweiligen Landes erhielten die Gelegenheit, das ihnen Mögliche zu tun (2. Kor. 8:11, 12). Doch es wird nicht zugelassen, daß die Verbreitung der Königreichsbotschaft in einem Land wegen mangelnden Kapitals behindert wird, wenn die notwendigen Geldmittel woanders zur Verfügung stehen.

      Obwohl die einheimischen Zeugen ihr möglichstes tun, werden in einem großen Teil der Welt die für Zweiggebäude benötigten Mittel weitgehend durch Spenden der Zeugen Jehovas in anderen Ländern bereitgestellt. So war es bei den großen Komplexen, die 1987 in Südafrika, 1990 in Nigeria und 1991 auf den Philippinen vollendet wurden. Das galt auch für Sambia, wo sich das Druckereigebäude 1992 noch im Bau befand. Ebenso verhielt es sich bei vielen kleineren Projekten, die 1985 in Indien, 1986 in Chile, 1987 in Costa Rica, Ecuador, Guyana, auf Haiti und in Papua-Neuguinea, 1988 in Ghana und 1989 in Honduras fertiggestellt wurden.

      In einigen Ländern waren die Brüder jedoch erstaunt darüber, was sie selbst mit vereinten Kräften und dem Segen Jehovas zustande bringen konnten. Anfang der 80er Jahre unternahm zum Beispiel der spanische Zweig Schritte, um seine Einrichtungen bedeutend zu vergrößern. Der Zweig bat die leitende Körperschaft, die notwendigen Gelder zur Verfügung zu stellen. Doch wegen großer Ausgaben auf anderen Gebieten konnte diese Hilfe damals nicht gewährt werden. Könnten die Zeugen in Spanien mit ihrem verhältnismäßig niedrigen Einkommen für ein solches Unternehmen genügend Geld zusammenbringen, wenn sie die Gelegenheit hätten?

      Die Situation wurde ihnen erklärt. Gern brachten sie ihre Edelsteine, Ringe und Armbänder, damit diese zu Geld gemacht werden konnten. Als eine ältere Schwester, die ein schweres goldenes Armband hergab, gefragt wurde, ob sie es wirklich spenden wolle, antwortete sie: „Bruder, es wird als Beitrag für das neue Bethel viel mehr Gutes bewirken, als wenn ich es an meinem Handgelenk trage.“ Eine betagte Schwester zog ein Bündel modriger Geldscheine hervor, das sie jahrelang unter dem Fußboden ihres Hauses versteckt hatte. Ehepaare steuerten das Geld bei, das sie für Reisen gespart hatten. Kinder schickten ihre Ersparnisse. Ein Jugendlicher, der für eine Gitarre gespart hatte, spendete das Geld für das Zweigprojekt. Wie die Israeliten zu der Zeit, als die Stiftshütte in der Wildnis erstellt wurde, so erwiesen sich auch die spanischen Zeugen als großzügig und willigen Herzens; sie spendeten alles, was in materieller Hinsicht benötigt wurde (2. Mo. 35:4-9, 21, 22). Außerdem legten sie bei der Arbeit selbst mit Hand an — die ganze Zeit über, im Urlaub oder an den Wochenenden. Tausende kamen aus ganz Spanien. Andere Zeugen aus Deutschland, Schweden, Großbritannien, Griechenland und den Vereinigten Staaten, um nur einige Länder zu nennen, vollendeten gemeinsam mit ihnen die Arbeit, die anfangs als eine nicht zu bewältigende Aufgabe erschien.

      Wird an der Literatur verdient?

      Im Jahre 1992 wurde in der Weltzentrale und in 32 Zweigen überall auf der Welt biblische Literatur herausgegeben. Riesige Mengen davon wurden für die Verbreitung durch Zeugen Jehovas bereitgestellt. Aber all das geschah nicht, um Gewinne zu erzielen. Die Entscheidungen, in welchen Sprachen Literatur gedruckt und in welche Länder sie versandt werden sollte, wurden nicht nach kommerziellen Nützlichkeitserwägungen getroffen, sondern ausschließlich in der Absicht, das Werk durchzuführen, das Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hat.

      Wie es schon in der allerersten Ausgabe des Wacht-Turms (Juli 1879, engl.) hieß, konnte, wer zu arm war, ein Abonnement zu bezahlen (damals nur 50 Cent pro Jahr), es gratis erhalten, wenn er einfach schriftlich darum bat. Das Hauptziel war, Menschen zu helfen, Jehovas wunderbaren Vorsatz kennenzulernen.

      Zu diesem Zweck sind seit 1879 ungeheure Mengen biblischer Literatur kostenlos an die Öffentlichkeit abgegeben worden. Ab 1881 wurden etwa 1 200 000 Exemplare der Publikation Speise für denkende Christen gratis verbreitet, viele davon in Form eines 162seitigen Buches, andere in Zeitungsformat. In den folgenden Jahren wurde eine große Zahl von Traktaten unterschiedlicher Größe veröffentlicht. Der weitaus größte Teil davon (buchstäblich Hunderte von Millionen) wurde kostenlos verbreitet. Die Anzahl der Traktate und anderen Publikationen, die herausgegeben wurden, wuchs ständig. Allein 1915 wurden, wie der Bericht zeigte, 50 000 000 Traktate in ungefähr 30 Sprachen kostenlos für die weltweite Verbreitung bereitgestellt. Woher kam all das Geld dafür? Größtenteils waren es freiwillige Spenden für die Traktatkasse der Gesellschaft.

      Es gab in den ersten Jahrzehnten der Geschichte der Gesellschaft auch Literatur, die gegen einen Beitrag angeboten wurde, aber der empfohlene Beitrag wurde so niedrig wie möglich gehalten. Zu dieser Literatur gehörten gebundene Bücher mit 350 bis 744 Seiten. Wenn die Kolporteure der Gesellschaft (wie Vollzeitprediger damals genannt wurden) diese der Öffentlichkeit anboten, gaben sie den empfohlenen Betrag an. Ihr Ziel war jedoch nicht, Geld zu verdienen, sondern den Menschen grundlegende biblische Wahrheiten zu überbringen. Sie wollten, daß die Menschen die Literatur lasen und daraus Nutzen zogen.

      Mittellosen Personen gaben sie bereitwillig Literatur (und zahlten dafür selbst einen Beitrag). Aber es wurde beobachtet, daß viele eher geneigt waren, eine Publikation zu lesen, wenn sie etwas dafür gegeben hatten, und ihr Beitrag konnte natürlich verwendet werden, um mehr Literatur zu drucken. Doch um zu betonen, daß die Bibelforscher nicht auf finanziellen Gewinn aus waren, hieß es im Dienstanweisungsblatt der Gesellschaft, im Bulletin vom 1. Oktober 1920 (engl.): „Sprecht, zehn Tage nachdem ihr die Broschüre [128seitig] ausgehändigt habt, bei den Personen wieder vor, und stellt fest, ob sie sie gelesen haben. Wenn nicht, bittet sie, das Buch zurückzugeben, und erstattet ihnen ihr Geld. Sagt ihnen, daß ihr keine Bücherverkäufer seid, sondern daß ihr allen diese Botschaft des Trostes und der Ermunterung zu übermitteln wünscht, und daß ihr, wenn sie an etwas, was sie so unmittelbar betrifft, nicht genügend interessiert sind, ... das Buch jemandem in die Hände legen möchtet, der sich dafür interessiert.“ Jehovas Zeugen haben dieses Vorgehen nicht beibehalten, denn sie haben festgestellt, daß manchmal andere Familienmitglieder die Literatur zur Hand nehmen und daraus Nutzen ziehen; aber was damals getan wurde, macht das tatsächliche Ziel der Zeugen deutlich.

      Viele Jahre haben sie das Verbreiten ihrer Literatur als „Verkaufen“ bezeichnet. Aber dieser Ausdruck stiftete einige Verwirrung, und daher benutzten sie ihn ab 1929 immer seltener. Er paßte eigentlich nicht zu ihrer Tätigkeit, denn ihr Werk war nicht kommerziell. Ihr Ziel war nicht, Geld zu verdienen. Ihr ganzes Interesse bestand darin, die gute Botschaft von Gottes Königreich zu predigen. Deshalb entschied das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten 1943, daß von Jehovas Zeugen nicht verlangt werden konnte, sich einen Gewerbeschein zu besorgen, um ihre Literatur verbreiten zu können. Und die kanadische Judikative bezog sich später anerkennend auf die Argumentation, die das Oberste Bundesgericht der USA in diesem Urteil dargelegt hatte.b

      In vielen Ländern haben Jehovas Zeugen ihre Literatur regulär gegen einen Beitrag angeboten. Der empfohlene Beitrag war im Vergleich zum Preis anderer Bücher und Zeitschriften so niedrig, daß viele Leute angeboten haben, mehr zu geben. Aber die Organisation hat große Anstrengungen unternommen, den empfohlenen Beitrag niedrig zu halten, damit die vielen Millionen weniger begüterten Menschen ihn aufbringen konnten, die für eine Bibel oder biblische Literatur dankbar sind. Wenn also Beiträge erhoben wurden, geschah das nicht, damit sich die Organisation der Zeugen Jehovas bereichert.

      Dort, wo es nach dem Gesetz als kommerziell ausgelegt wird, wenn beim Verbreiten biblischer Literatur ein Betrag genannt wird, überlassen Jehovas Zeugen die Publikationen gern den Personen, die ernsthaftes Interesse zeigen und versprechen, sie zu lesen. Wer etwas spenden will, um das biblische Lehrwerk zu fördern, kann geben, was er möchte. So ist es zum Beispiel in Japan. In der Schweiz wurden bis vor kurzem Spenden für Literatur angenommen, aber nur bis zu einer festgesetzten Summe; wenn Wohnungsinhaber mehr geben wollten, gaben die Zeugen den Differenzbetrag einfach zurück oder überließen ihnen zusätzliche Literatur. Ihr Wunsch war nicht, Geld zu sammeln, sondern die gute Botschaft von Gottes Königreich zu predigen.

      Wegen der allgemein bekanntgewordenen Finanzskandale in einigen Kirchen der Christenheit und der zunehmenden Tendenz von seiten der Regierungen, religiöse Tätigkeiten als kommerzielle Unternehmen einzugruppieren, haben Jehovas Zeugen — um jegliches Mißverständnis zu vermeiden — 1990 eine Umstellung in bezug auf ihre Tätigkeit vorgenommen. Die leitende Körperschaft hat bestimmt, daß in den Vereinigten Staaten die ganze Literatur, die die Zeugen verbreiten — Bibeln und bibelerklärende Traktate, Broschüren, Zeitschriften und gebundene Bücher —, den Menschen allein unter der Bedingung zur Verfügung gestellt wird, daß sie sie lesen; es wird kein Beitrag genannt. Die Tätigkeit der Zeugen Jehovas ist keineswegs kommerziell, und dieses Vorgehen hat dazu gedient, sie noch stärker von religiösen Gruppen abzugrenzen, die die Religion kommerzialisieren. Natürlich sind sich die meisten darüber im klaren, daß es Geld kostet, solche Literatur zu drucken, und wer die Dienste der Zeugen schätzt, wird wahrscheinlich etwas spenden wollen, um das Werk zu unterstützen. Ihm wird erklärt, daß das weltweite biblische Lehrwerk der Zeugen Jehovas durch freiwillige Spenden getragen wird. Spenden werden gern angenommen, aber es wird nicht zum Spenden aufgefordert.

      Wer am Predigtdienst teilnimmt, tut das nicht, um sich finanziell zu bereichern. Er setzt seine Zeit ein und bezahlt die Fahrtkosten aus eigener Tasche. Wenn jemand Interesse zeigt, werden wöchentliche Besuche vereinbart, um ihm persönlich Bibelunterricht zu geben, und zwar völlig kostenlos. Nur die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen kann einen dazu motivieren, sich fortgesetzt an diesem Werk zu beteiligen, bei dem man oft mit Gleichgültigkeit und offener Gegnerschaft konfrontiert wird.

      Finanzielle Mittel, die die Weltzentrale der Zeugen Jehovas oder die Zweigbüros erhalten, werden nicht zur Bereicherung der Organisation oder einer Einzelperson verwendet, sondern um das Predigen der guten Botschaft zu fördern. 1923 berichtete Der Wacht-Turm (engl.: 1922), daß wegen der Wirtschaftslage in Europa die Bücher, die dort für die Gesellschaft gedruckt wurden, größtenteils von dem amerikanischen Büro bezahlt und bei den Menschen unter dem Selbstkostenpreis zurückgelassen wurden. Jehovas Zeugen betreiben jetzt zwar in vielen Ländern Druckereien, aber manche Länder, in die Literatur versandt wird, können kein Geld zur Deckung der Kosten außer Landes bringen. Die großzügigen freiwilligen Spenden der Zeugen Jehovas in Ländern, wo ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, gleichen den Mangel in den Ländern aus, wo nur wenig vorhanden ist.

      Die Watch Tower Society hat sich immer bemüht, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um das Predigen der guten Botschaft zu fördern. Ihr erster Präsident, Charles Taze Russell, sagte 1915: „Unsere Gesellschaft hat nicht danach getrachtet, irdische Reichtümer anzusammeln, sondern ist vielmehr eine Institution, die Geld ausgegeben hat. Wir haben uns bemüht, alles, was uns durch Gottes Fügung ohne Aufforderung gesandt wurde, so weise wie möglich und in Übereinstimmung mit dem Wort und dem Geist des Herrn einzusetzen. Wenn die Geldmittel zu Ende gingen — so haben wir vor langer Zeit angekündigt —, würden auch entsprechend die Tätigkeiten der Gesellschaft eingestellt werden, und mit der Zunahme von Geldmitteln würden auch die Tätigkeiten der Gesellschaft zunehmen.“ Genau das hat die Gesellschaft weiterhin getan.

      Bis heute verwendet die Organisation die zur Verfügung stehenden Geldmittel, um reisende Aufseher auszusenden, damit diese die Versammlungen stärken und sie im Predigtdienst ermuntern. Die Gesellschaft sendet weiterhin Missionare und Absolventen der Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung in Länder, wo besonderer Bedarf besteht. Auch verwendet sie die verfügbaren Geldmittel, um Sonderpioniere in Gebiete zu senden, wo die Königreichsbotschaft bisher wenig oder gar nicht gepredigt worden ist. Wie im Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1993 nachzulesen ist, wurden dafür im vorhergehenden Dienstjahr 45 218 257,56 Dollar ausgegeben.

      Kein Dienst aus Gewinnsucht

      Niemand schlägt Profit aus der Arbeit der Zeugen Jehovas, weder irgendein Mitglied der leitenden Körperschaft noch die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder ihrer gesetzlichen Organe, noch andere angesehene mit der Organisation verbundene Personen.

      Über C. T. Russell, der über 30 Jahre als Präsident der Watch Tower Society diente, schrieb einer seiner Gefährten: „Um sich darüber klar zu werden, ob sein Vorhaben in Harmonie mit der Schrift stehe, und um einen Beweis seiner eigenen Aufrichtigkeit zu geben, beschloß er, in folgender Weise des Herrn Billigung zu suchen: 1. Sein ganzes Leben der Sache zu weihen; 2. sein Vermögen für die Verkündigung des Werkes anzulegen; 3. das Sammeln von Beiträgen in allen Versammlungen zu verbieten; 4. nachdem sein Vermögen erschöpft wäre, das Werk, nur von freiwilligen Beiträgen getragen, weiterzuführen.“

      Statt durch seine religiöse Tätigkeit reich zu werden, verbrauchte Bruder Russell alle seine Mittel für das Werk des Herrn. Nach seinem Tod berichtete Der Wacht-Turm: „Er opferte sein Privatvermögen völlig der Sache, der er auch sein Leben weihte. Er erhielt für seine Privatausgaben monatlich die Summe von 11 Dollar. Er starb, ohne irgendwelche Besitztümer zu hinterlassen.“

      Im Hinblick auf diejenigen, die das Werk der Gesellschaft weiterführen sollten, legte Bruder Russell in seinem Testament folgendes fest: „Ich halte es für weise, in bezug auf die Entschädigung die Gepflogenheit der Gesellschaft in der Vergangenheit aufrechtzuerhalten, nämlich die, daß kein Gehalt gezahlt wird, sondern daß nur vernünftige Ausgaben für diejenigen zulässig sind, die der Gesellschaft oder ihrem Werke in irgendeiner Weise dienen.“ Diejenigen, die im Bethel dienten, sei es im Heim, in den Büros oder Druckereien, sowie die reisenden Beauftragten der Gesellschaft sollten lediglich mit Nahrung und Unterkunft versorgt werden und einen geringen Betrag für die Unkosten erhalten — er sollte für unmittelbare Bedürfnisse ausreichen, jedoch „nicht so hoch sein, daß von dem Gelde zurückgelegt werden kann“. Derselbe Standard gilt heute.

      Alle, die im Sondervollzeitdienst in der Weltzentrale der Zeugen Jehovas stehen, legen ein Armutsgelübde ab, wie es sowohl alle Mitglieder der leitenden Körperschaft als auch alle anderen Mitglieder der Bethelfamilie dort getan haben. Das bedeutet nicht, daß sie ein tristes Dasein führen, ohne jeglichen Komfort. Vielmehr bedeutet es, daß die bescheidenen Vorkehrungen für Nahrung, Unterkunft und Taschengeld unterschiedslos allen, die in diesem Dienst stehen, gewährt werden.

      Somit führt die Organisation ihr Werk in vollständiger Abhängigkeit von Gottes Hilfe durch. Als eine echte geistige Bruderschaft, die sich über die ganze Erde erstreckt, verwenden Jehovas Zeugen — ohne Zwang — gern ihre Mittel, um das Werk zu vollbringen, das Jehova, ihr großer himmlischer Vater, ihnen aufgetragen hat.

      [Fußnoten]

      a Siehe Wachtturm, August 1945, Seite 14, 15; 15. Dezember 1987, Seite 19, 20.

      b Murdock gegen Pennsylvanien, 319 U.S. 105 (1943); Odell gegen Trepanier, 95 C.C.C. 241 (1949).

      [Herausgestellter Text auf Seite 340]

      „Spendenappelle [werden] von der Gesellschaft weder erlaubt noch gutgeheißen“

      [Herausgestellter Text auf Seite 342]

      Die Wahrheit anderen zu übermitteln ist das Wertvollste, und darauf liegt das Hauptgewicht

      [Herausgestellter Text auf Seite 343]

      Die Tatsachen werden offen und ehrlich geschildert

      [Herausgestellter Text auf Seite 344]

      Versammlungen helfen sich gegenseitig, die benötigten Königreichssäle zu erwerben

      [Herausgestellter Text auf Seite 345]

      Die meisten Spenden kommen von Personen, die nur über bescheidene Mittel verfügen

      [Herausgestellter Text auf Seite 348]

      Viel Literatur wird kostenlos verbreitet — Wer bezahlt dafür?

      [Herausgestellter Text auf Seite 349]

      Sie überlassen Literatur gern den Personen, die ernsthaftes Interesse zeigen und versprechen, sie zu lesen

      [Herausgestellter Text auf Seite 350]

      Was geschieht mit dem Geld, das gespendet wird?

      [Herausgestellter Text auf Seite 351]

      „Er opferte sein Privatvermögen völlig der Sache, der er auch sein Leben weihte“

      [Kasten auf Seite 341]

      Gott bettelt nicht

      „Derjenige, der gesagt hat: ‚Wenn mich hungerte, ich würde es dir nicht sagen: denn mein ist der Erdkreis und seine Fülle. ... Nicht werde ich Farren nehmen aus deinem Hause, noch Böcke aus deinen Hürden. Denn mein ist alles Getier des Waldes, das Vieh auf tausend Bergen‘ (Ps. 50:12, 9, 10), ist in der Lage, sein großes Werk fortzuführen, ohne von der Welt oder von seinen Kindern Geld zu erbetteln. Er wird seine Kinder weder zwingen, irgend etwas in seinem Dienst zu opfern, noch wird er irgend etwas von ihnen annehmen, ausgenommen eine freudige, freiwillige Gabe“ („Zions Wacht-Turm“, September 1886, engl., S. 6).

      [Kasten auf Seite 347]

      Nicht immer wurde in Form von Geld gespendet

      Hoch im Norden von Queensland (Australien) fällten Zeugen Jehovas Bäume, zersägten die Stämme und ließen das erstklassige Holz mit vier Sattelzügen nach Sydney transportieren, wo das neue Zweigbüro gebaut wurde. Das Holz hatte einen Schätzwert von 60 000 bis 70 000 australischen Dollar.

      Als die Druckerei in Elandsfontein (Südafrika) vergrößert wurde, rief ein indischer Bruder an und bat darum, daß die Brüder 500 gespendete Säcke Zement (je 50 Kilo) abholten, und das zu einer Zeit, als Zement in diesem Land sehr knapp war. Andere boten der Gesellschaft an, daß sie ihre Lastwagen benutzen könnte. Eine afrikanische Schwester bezahlte eine Firma dafür, daß sie 15 Kubikmeter Bausand auslieferte.

      Während des Baus der neuen Zweiggebäude in Emmen (Niederlande) wurden Unmengen von Werkzeug und Arbeitskleidung gespendet. Eine Schwester strickte trotz schwerer Krankheit für jeden Mitarbeiter ein Paar Wollsocken für den Winter.

      Für ein neues Zweigbüro mit Druckerei in Lusaka (Sambia) stellten Zeugen aus anderen Ländern finanzielle Mittel zum Kauf von Baustoffen bereit. Materialien und Ausrüstungsgegenstände, die am Ort nicht erhältlich waren, wurden als Spende mit Lastwagen nach Sambia gefahren.

      Ein Zeuge in Ecuador spendete 1977 ein 34 Hektar großes Stück Land. Dort wurden ein Kongreßsaal und neue Zweiggebäude errichtet.

      In Panama beherbergten einheimische Brüder freiwillige Helfer in ihrer Wohnung; einige, die Busse besaßen, sorgten für Fahrgelegenheiten; andere beteiligten sich an der Zubereitung der 30 000 Mahlzeiten, die auf der Baustelle ausgegeben wurden.

      Eine Versammlung in Schweden backte 4 500 Brötchen für die Arbeiter auf der Baustelle in Arboga. Andere schickten Honig, Früchte und Marmelade. Obwohl selbst kein Zeuge, spendete ein Landwirt, der in der Nähe der Baustelle wohnte, zwei Tonnen Karotten.

  • Aufnahmen von der Weltzentrale der Zeugen Jehovas und von Zweigbüros
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Aufnahmen von der Weltzentrale der Zeugen Jehovas und von Zweigbüros

      WELTZENTRALE DER ZEUGEN JEHOVAS

      [Bild auf Seite 352, 353]

      Die weltweite Tätigkeit der Zeugen Jehovas wird seit 1909 von Brooklyn (New York, USA) aus geleitet. In diesen Gebäuden sind seit 1980 die Büros der Zentrale untergebracht.

      [Bild auf Seite 352]

      Wachtturm-Schulungszentrum bei Patterson (New York) (1992 im Bau)

      [Bilder auf Seite 353]

      Einige der Wohngebäude für die Tausende, die in der Weltzentrale tätig sind

      [Bilder auf Seite 354]

      Renovierte ehemalige Hotels in Brooklyn, die weiteren 1 476 Mitarbeitern Wohnraum bieten

      [Bilder auf Seite 354]

      Wohngebäude für die Bethelfamilie bei Wallkill (New York)

      [Bilder auf Seite 354, 355]

      In diesen Druckereigebäuden in Brooklyn (New York) werden Bibeln, Bücher und Broschüren in 180 Sprachen für die weltweite Verbreitung hergestellt

      [Bilder auf Seite 356]

      In diesem Gebäude in Brooklyn werden jedes Jahr Millionen von Kassetten biblischen Inhalts hergestellt. Von hier aus wird auch der Versand abgewickelt. Jedes Jahr werden über 15 000 Tonnen biblische Literatur und andere Dinge in die ganze Welt versandt.

      [Bilder auf Seite 356]

      In dieser Druckerei auf der Wachtturm-Farm in der Nähe von Wallkill (New York) werden jährlich Hunderte von Millionen Exemplare der Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Erwachet!“ in 14 Sprachen gedruckt

      Jehovas Zeugen und ihre gesetzlichen Körperschaften haben Büros und Druckereien in etlichen Ländern. Auf den folgenden Seiten sind viele, doch nicht alle dieser Anlagen abgebildet. Von neuen Gebäuden, die 1992 im Bau waren, sind Modellaufnahmen zu sehen. Die statistischen Angaben beziehen sich auf 1992.

      NORDAMERIKA UND WESTINDISCHE INSELN

      ALASKA

      [Bild auf Seite 357]

      Besucher des Zweigbüros der Gesellschaft werden herzlich begrüßt. Wie überall predigen Jehovas Zeugen auch in Alaska von Haus zu Haus, und das trotz Temperaturen, die manchmal auf 50 Grad unter Null sinken.

      [Bild auf Seite 357]

      Ein Flugzeug, mit dem die Königreichsverkündiger in entlegene Teile des Gebiets gelangen

      BAHAMAS

      [Bild auf Seite 357]

      Die ersten Wachtturm-Publikationen erreichten die Bahamas 1901. Mit dem regulären Zeugnisgeben wurde hier 1926 begonnen. Seither sind auf den Inseln, die von diesem Zweigbüro aus beaufsichtigt werden, weit über 4 600 000 Exemplare biblischer Literatur verbreitet worden.

      BARBADOS

      [Bilder auf Seite 358]

      Auf Barbados gibt es mehr als 140 Religionsgemeinschaften, die sich als christlich bezeichnen. Seit 1905 helfen Jehovas Zeugen hier den Menschen, selbst herauszufinden, was die Bibel sagt.

      BELIZE

      [Bilder auf Seite 358]

      Etwa die Hälfte der Bevölkerung von Belize lebt auf dem Land. Um gewisse Dörfer im Landesinneren zu erreichen, unternehmen Jehovas Zeugen jährlich Touren, bei denen sie weite Strecken mit Rucksack und Büchertasche zu Fuß zurücklegen.

      COSTA RICA

      [Bild auf Seite 358]

      In Costa Rica richtete die Gesellschaft 1944 ein Zweigbüro ein. Seit den 50er Jahren geht die Zahl der Costaricaner, die die wahre Anbetung ausüben, in die Tausende.

      DOMINIKANISCHE REPUBLIK

      [Bilder auf Seite 359]

      Hier wurden schon 1932 Wachtturm-Publikationen verbreitet. Aber erst nachdem 1945 Missionare (links) eingetroffen waren, wurden interessierte Personen direkt unterwiesen. In den letzten Jahren, als Zehntausende den Wunsch hatten, mit den Zeugen die Bibel zu studieren, wurden diese Zweiggebäude notwendig.

      EL SALVADOR

      [Bilder auf Seite 359]

      Hier wurde schon 1916 Zeugnis gegeben. Aber erst 1945 war zumindest e i n Salvadorianer bereit, sich der christlichen Wassertaufe zu unterziehen (siehe Bild). Seither sind Tausende Diener Jehovas geworden.

      GUADELOUPE

      [Bilder auf Seite 359]

      In dem von diesem Zweigbüro aus betreuten Gebiet ist das Verkündiger-Einwohner-Verhältnis eines der besten in der Welt. Viele nehmen die gute Botschaft dankbar an.

      KANADA

      [Bilder auf Seite 360, 361]

      Das Büro der Gesellschaft in Kanada beaufsichtigt die Verkündigung der guten Botschaft im zweitgrößten Land der Erde. Weit über 100 000 Königreichsverkündiger sind in diesem Land eifrig tätig.

      Verwaltungsgebäude (das teilweise überdeckte Foto zeigt den gegenwärtigen Zweiggebäudekomplex)

      [Bild auf Seite 360]

      Gebiet im Nordwesten

      [Bild auf Seite 360]

      Holzfällerlager in Britisch-Kolumbien

      [Bild auf Seite 360]

      Viehfarm in Alberta

      [Bild auf Seite 361]

      Im französischsprachigen Quebec

      [Bild auf Seite 361]

      Küstenprovinz

      GUATEMALA

      [Bilder auf Seite 360]

      Spanisch ist in Guatemala zwar Amtssprache, aber es werden auch verschiedene komplizierte Indianersprachen gesprochen. Im Büro der Gesellschaft ist man darauf bedacht, einem jeden Gelegenheit zu geben, etwas von Gottes Königreich zu erfahren.

      HAITI

      [Bilder auf Seite 361]

      Der Dienst für Jehova bereitet Jehovas Zeugen auf Haiti große Freude — trotz der oft schwierigen Verhältnisse, unter denen sie leben.

      HONDURAS

      [Bilder auf Seite 362]

      Seit 1916 sind weit über 23 000 000 Stunden darauf verwendet worden, die Bewohner dieses Landes über die Bibel zu belehren. Manchen mußten Jehovas Zeugen erst das Lesen und Schreiben beibringen (wie auf diesem Bild zu sehen ist), damit sie sich mit Gottes Wort befassen konnten.

      JAMAIKA

      [Bilder auf Seite 362]

      Hunderte von Jamaikanern sind in der Zeit, in der noch voraussichtliche Erben des himmlischen Königreiches eingesammelt wurden, ergebene Diener Jehovas geworden. Seit 1935 haben sich ihnen Tausende im Predigen der Königreichsbotschaft angeschlossen. Damit für ihre geistigen Bedürfnisse gesorgt werden kann, wird dieses Zweigbüro gebaut.

      LEEWARD ISLANDS (ANTIGUA)

      [Bild auf Seite 362]

      Schon 1914 wurde die gute Botschaft auf den Inseln gepredigt, die jetzt von diesem Büro aus betreut werden. Seither sind die Menschen in diesem Teil der Erde immer wieder eingeladen worden, „Wasser des Lebens kostenfrei“ zu nehmen (Offb. 22:17].

      MEXIKO

      [Bild auf Seite 363]

      Das neue Zentrum für biblische Schulung, das Jehovas Zeugen in Mexiko errichten

      [Bild auf Seite 363]

      Bürogebäude, das 1992 benutzt wurde

      [Bilder auf Seite 363]

      Mit der hier hergestellten Literatur werden über 410 000 eifrige Zeugen in Mexiko und anderen in der Nähe gelegenen spanischsprachigen Ländern versorgt

      [Bild auf Seite 363]

      Zwischen 1986 und 1992 entfielen weit über 10 Prozent der Heimbibelstudien, die die Zeugen in der ganzen Welt durchführten, auf Mexiko — oft studieren ganze Familien

      [Übersicht auf Seite 363]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Bibelstudien in Mexiko

      500 000

      250 000

      1950 1960 1970 1980 1992

      MARTINIQUE

      [Bilder auf Seite 364]

      Schon 1946 wurde hier Samen der Wahrheit ausgestreut. Als aber Xavier und Sara Noll (hier zu sehen) 1954 aus Frankreich kamen, konnten sie bleiben und das vorgefundene Interesse fördern. 1992 beteiligten sich über 3 200 Personen mit ihnen an der Verkündigung der Königreichsbotschaft.

      NIEDERLÄNDISCHE ANTILLEN (CURAÇAO)

      [Bilder auf Seite 364]

      Im Gebiet dieses Zweigbüros haben 23 Missionare gedient. Zwei aus der ersten Gruppe (siehe Foto), die 1946 hierherkam, waren 1992 immer noch tätig.

      NICARAGUA

      [Bild auf Seite 364]

      Nach der Ankunft von Missionaren im Jahre 1945 nahm die Zahl der Zeugen Jehovas in Nicaragua zu. 1992 waren es über 9 700. Die Zahl derer, die von den Zeugen über die Bibel belehrt werden möchten, ist weit größer als die der einheimischen Zeugen.

      PANAMA

      [Bilder auf Seite 365]

      Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts haben die Bewohner Panamas Gelegenheit gehabt, Gottes Erfordernisse zum Erlangen des ewigen Lebens kennenzulernen.

      PUERTO RICO

      [Bild auf Seite 365]

      Seit 1930 sind in Puerto Rico über 83 000 000 Exemplare biblischer Literatur verbreitet worden, und 25 000 000 Rückbesuche wurden durchgeführt, um interessierten Personen weiterzuhelfen. Die hier geleistete Übersetzungsarbeit ermöglicht es, etwa 350 000 000 Spanisch sprechende Personen in der ganzen Welt mit biblischer Literatur zu versorgen.

      TRINIDAD

      [Bilder auf Seite 365]

      Schon 1912 wurde die gute Botschaft auf Trinidad rege verkündigt. Viele Zeugen (so auch diese drei in der Gileadschule ausgebildeten Missionarinnen) widmen ihre ganze Zeit diesem Werk.

      SÜDAMERIKA

      ARGENTINIEN

      [Bilder auf Seite 366]

      Der erste Königreichsverkündiger wurde 1924 in dieses Land gesandt. Eine große Hilfe waren später Missionare der Gileadschule, unter anderem Charles Eisenhower (siehe Bild), der mit seiner Frau 1948 einreiste. Im Jahre 1992 wurden von diesen Gebäuden aus die über 96 000 Zeugen Jehovas in Argentinien betreut und mit biblischer Literatur versorgt. Außerdem erhalten die über 44 000 Zeugen in Chile Literatur von hier.

      BOLIVIEN

      [Bilder auf Seite 367]

      In Bolivien ist die Königreichsbotschaft schon seit 1924 zu hören. Tausende nehmen die biblischen Schriften dankbar an und ziehen Nutzen aus einem regelmäßigen Heimbibelstudium.

      CHILE

      [Bilder auf Seite 367]

      Um das Jahr 1919 kamen die ersten Wachtturm-Publikationen nach Chile. Das Predigtwerk, das jetzt der Aufsicht dieses Büros untersteht, erstreckt sich von den ständig dem Wind ausgesetzten Schaffarmen im Süden bis zu den entlegenen Bergarbeiterlagern im Norden und von den Anden bis zum Ozean.

      ECUADOR

      [Bilder auf Seite 367]

      Einen wesentlichen Anteil am Predigen der guten Botschaft in Ecuador hatten die über 870 Zeugen (wie die beiden, die hier zu sehen sind), die ihre Heimat verließen, um dort zu dienen, wo der Bedarf an Verkündigern größer war. Zur Zeit leistet dieser Zweig mehr als 22 000 eifrigen Lobpreisern Jehovas Hilfe.

      BRASILIEN

      [Bilder auf Seite 368, 369]

      Als 1992 das Zweigbüro der Gesellschaft, die Druckerei und das Bethelheim auf diese Größe erweitert wurden, gab es in Brasilien über 335 000 Zeugen Jehovas; zur Zeit lassen sich jedes Jahr mehr als 27 000 Jünger taufen. Die Druckerei hier versorgt auch Bolivien, Paraguay und Uruguay mit Schriften zur Verbreitung.

      [Bild auf Seite 369]

      Zwei große Stadien in São Paulo, in denen Jehovas Zeugen 1990 einen internationalen Kongreß abhielten; außerdem fanden mehr als 100 weitere Kongresse statt

      [Übersicht auf Seite 369]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Königreichsverkündiger in Brasilien

      300 000

      200 000

      100 000

      1950 1960 1970 1980 1992

      GUYANA

      [Bilder auf Seite 368]

      Die Gesellschaft hat in Guyana seit 1914 ein Zweigbüro. Die Zeugen sind tief ins Landesinnere vorgedrungen und haben sich bemüht, jedem Bewohner Gelegenheit zu geben, die gute Botschaft zu hören. Das Land zählt gegenwärtig zwar nur knapp eine Million Einwohner, aber die Zeugen haben der Predigt- und Lehrtätigkeit hier über 10 000 000 Stunden gewidmet.

      PARAGUAY

      [Bilder auf Seite 369]

      In Paraguay wurde die gute Botschaft schon Mitte der 20er Jahre gepredigt. Seit 1946 haben 112 Missionare der Gileadschule die Zeugnistätigkeit unterstützt. Um außer der Spanisch oder Guaraní sprechenden Bevölkerung auch andere Sprachgruppen zu erreichen, waren Zeugen aus verschiedenen Ländern bereit hierherzuziehen.

      Aus Deutschland

      Aus Korea

      Aus Japan

      KOLUMBIEN

      [Karte/Bilder auf Seite 370, 371]

      Bereits 1915 erhielt ein interessierter Kolumbianer eine Wachtturm-Publikation durch die Post. 1992 wurden in diesen Gebäuden biblische Schriften gedruckt und versandt, um die über 184 000 Evangeliumsverkündiger in Kolumbien, Ecuador, Panama, Peru und Venezuela zu versorgen.

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      KOLUMBIEN

      PERU

      ECUADOR

      PANAMA

      VENEZUELA

      PERU

      [Bild auf Seite 370]

      Ein Bibelforscher der Peru besuchte, verbreitete hier bereits 1924 biblische Literatur. 21 Jahre später wurde die erste Versammlung gegründet. Jetzt gibt es in Peru über 43 000 Verkündiger des Königreiches Gottes.

      [Bild auf Seite 370]

      Pioniere predigen hoch oben in den Anden

      SURINAME

      [Bilder auf Seite 371]

      Ungefähr 1903 wurde hier die erste Studiengruppe gebildet. Heute sind diese Zweiggebäude nötig, um die Versammlungen im ganzen Land — in unterentwickelten Gebieten, in Distrikten und in der Stadt — zu beaufsichtigen.

      URUGUAY

      [Bilder auf Seite 372]

      Seit 1945 haben über 80 Missionare geholfen, in Uruguay das Königreich zu verkündigen. Die hier Abgebildeten dienen schon seit den 50er Jahren in Uruguay. Mit ihnen zusammen waren 1992 über 8 600 einheimische Zeugen tätig.

      VENEZUELA

      [Bild auf Seite 372]

      Mitte der 20er Jahre wurden in Venezuela einige Wachtturm-Publikationen verbreitet. Als zehn Jahre später zwei Pioniere (Mutter und Tochter) aus den Vereinigten Staaten hierherkamen, begann eine Zeit eifriger Predigttätigkeit; die beiden arbeiteten die Hauptstadt mehrmals durch und machten Predigttouren in andere Städte im ganzen Land. Jetzt sind in Venezuela über 60 000 Zeugen tätig.

      [Bild auf Seite 372]

      Die Stierkampfarena in Valencia, wo sich 1988 zu einem Sonderkongreß 74 600 Personen versammelten

      EUROPA UND MITTELMEER

      ÖSTERREICH

      [Bild auf Seite 373]

      Schon in den 1890er Jahren hatten einige Personen in Österreich Gelegenheit, aus der guten Botschaft Nutzen zu ziehen. Von den 20er Jahren an nahm die Zahl der Lobpreiser Jehovas in diesem Land langsam, aber stetig zu.

      [Bild auf Seite 373]

      In Österreich kommen über 270 Versammlungen in Königreichssälen zusammen

      BELGIEN

      [Bilder auf Seite 373]

      Belgien ist zu einem Schmelztiegel der verschiedensten Völker geworden. Um die buntgemischte Bevölkerung hier zu versorgen, liefert der belgische Zweig biblische Literatur in über 100 Sprachen.

      GROSSBRITANNIEN

      [Bilder auf Seite 374]

      Die Tätigkeit der über 125 000 Zeugen Jehovas in Großbritannien untersteht der Aufsicht dieses Zweigbüros. Zeugen aus Großbritannien waren auch bereit, in andere europäische Länder oder nach Afrika, Südamerika, Australien, Asien und auf Inseln zu ziehen, um die Königreichsbotschaft zu verbreiten.

      IBSA House

      Watch Tower House

      [Bilder auf Seite 374]

      Hier wird biblische Literatur in Englisch, Maltesisch, Gudscharati und Suaheli gedruckt

      [Bild auf Seite 374]

      Die Dienstabteilung nimmt sich der mehr als 1 300 Versammlungen in Großbritannien an

      [Bilder auf Seite 374]

      Literatursendungen gehen in alle Teile Englands, nach Schottland, Wales, Irland und Malta sowie nach Afrika und auf die Karibischen Inseln

      FRANKREICH

      [Bilder auf Seite 375]

      In diesem Zweigbüro werden die Übersetzungs- und Fotosatzarbeiten für französische Wachtturm-Publikationen ausgeführt, die in verschiedenen Ländern gedruckt werden. (Über 120 000 000 sprechen Französisch.) Hier wird ständig Literatur in mehreren Sprachen gedruckt und in verschiedene Länder Europas, Afrikas und des Nahen Ostens sowie auf Inseln des Indischen und des Pazifischen Ozeans versandt.

      Druckerei- und Bürogebäude in Louviers

      Übersetzungsabteilung

      Fotosatzabteilung

      [Bild auf Seite 375]

      Büro- und Wohngebäude in Boulogne-Billancourt

      [Bild auf Seite 375]

      Wohngebäude in Incarville für die Bethelfamilie

      DEUTSCHLAND

      [Bilder auf Seite 376, 377]

      Obwohl man in der Ära des Nationalsozialismus mit den grausamsten Mitteln versuchte, Jehovas Zeugen in Deutschland auszurotten, gaben sie ihren Glauben nicht auf. Seit 1946 haben sie der Verbreitung der biblischen Wahrheit in ganz Deutschland über 646 000 000 Stunden gewidmet.

      Der erweiterte Zweiggebäudekomplex in Selters/Taunus

      [Bild auf Seite 376]

      In Selters/Taunus wird biblische Literatur ins Deutsche übersetzt, und gedruckt wird in mehr als 40 Sprachen

      [Bild auf Seite 377]

      Große Mengen der hier hergestellten Literatur werden regelmäßig in über 20 Länder versandt; Zeitschriften werden in vielen Sprachen gedruckt und in über 30 Länder verschickt

      [Bild auf Seite 377]

      Die Literatur wird mit den Lastwagen der Gesellschaft in ganz Deutschland ausgefahren

      ZYPERN

      [Bild auf Seite 376]

      Kurz nach dem Tod Jesu Christi wurde die gute Botschaft den Bewohnern von Zypern gepredigt (Apg. 4:32-37; 11:19; 13:1-12). In der Neuzeit ist diese Predigttätigkeit wiederaufgenommen worden, und unter der Leitung dieses Zweigbüros wird nach wie vor gründlich Zeugnis gegeben.

      DÄNEMARK

      [Bilder auf Seite 377]

      Seit den 1890er Jahren wird in Dänemark in großem Umfang Zeugnis gegeben. Biblische Literatur wurde hier nicht nur in Dänisch, sondern auch in Färöisch, Grönländisch und Isländisch gedruckt.

      Luftaufnahme des Zweigbüros (kleines Bild: Eingang)

      ITALIEN

      [Bilder auf Seite 378, 379]

      Hier werden biblische Schriften ins Italienische übersetzt und auch gedruckt. In diesem Zweig druckt und bindet man Bücher, die vor allem für Italien, aber auch für einige Nachbarländer bestimmt sind.

      Aufnahmen der Zweiggebäude unweit von Rom

      [Bild auf Seite 379]

      Zehntausende, die erkannt haben, was die Bibel wirklich sagt, versammeln sich jetzt mit Jehovas Zeugen

      [Bild auf Seite 379]

      Trotz ständiger Angriffe der katholischen Kirche haben Jehovas Zeugen in Italien seit 1946 mehr als 550 000 000 Stunden darauf verwandt, ihre Mitmenschen zu besuchen und mit ihnen über die Bibel zu sprechen. Das hat dazu geführt, daß jetzt in Italien 194 000 Anbeter Jehovas tätig sind.

      FINNLAND

      [Bild auf Seite 378]

      Die biblische Wahrheit gelangte 1906 von Schweden aus nach Finnland. Seither ist sie in jeden Winkel des Landes gedrungen — sogar weit über den nördlichen Polarkreis hinaus. Dutzende von Finnländern haben die Gileadschule besucht, um in einem Land zu dienen, wo sie benötigt wurden. Andere sind von sich aus weggezogen, um zu dienen, wo Hilfe gebraucht wurde.

      ISLAND

      [Bild auf Seite 379]

      Auf Island, das nur etwa 260 000 Einwohner hat, sind über 1 620 000 Exemplare biblischer Literatur verbreitet worden, um den Menschen zu helfen, das Leben zu wählen. Zur Zeit dienen hier über 260 Personen Jehova, dem wahren Gott.

      [Bild auf Seite 379]

      Georg Lindal, der hier von 1929 bis 1953 als Pionier tätig war; die meiste Zeit davon war er der einzige Zeuge Jehovas im Land

      GRIECHENLAND

      [Bild auf Seite 380]

      Der Apostel Paulus war einer der ersten, die die gute Botschaft in Griechenland verkündigten (Apg. 16:9-14; 17:15; 18:1; 20:2]. Obwohl die griechisch-orthodoxe Kirche Jehovas Zeugen schon jahrelang heftig verfolgt, gibt es in diesem Land heute über 24 000 treue Diener Jehovas. Das hier abgebildete Zweigbüro liegt etwa 65 Kilometer nördlich von Athen.

      [Bild auf Seite 380]

      Predigttätigkeit in Athen

      [Bild auf Seite 380]

      Aufnahme, die 1990 während einer von Geistlichen angeführten Demonstration gegen Jehovas Zeugen gemacht wurde

      IRLAND

      [Bild auf Seite 380]

      Jahrelang wurde die biblische Botschaft in Irland nicht gerade günstig aufgenommen. Die Geistlichkeit leistete großen Widerstand. Doch nach 100 Jahren beharrlicher Predigttätigkeit kann jetzt eine reiche geistige Ernte eingebracht werden.

      Das Zweigbüro in Dublin

      [Bild auf Seite 380]

      Zwei langjährige Pionierinnen im Predigtdienst

      POLEN

      [Bild auf Seite 381]

      Von diesen Gebäuden aus wird den mehr als 100 000 Zeugen Jehovas in Polen Hilfe geleistet. Zwischen 1939 und 1945 war ihre gottesdienstliche Tätigkeit verboten, aber ihre Zahl stieg von 1 039 im Jahre 1939 auf 6 994 im Jahre 1946. Als sie 1950 wieder verboten wurden, zählten sie 18 116, doch kurz nach der Aufhebung dieses Verbots im Jahre 1989 gab es gemäß Berichten über 91 000 Zeugen.

      [Bilder auf Seite 381]

      Jahrelang hielten sie kleine Kongresse in Wäldern ab; jetzt füllen sie bei ihren Kongressen die größten Stadien des Landes — und zwar mehrere Stadien gleichzeitig

      Poznań (1985)

      LUXEMBURG

      [Bild auf Seite 382]

      Luxemburg ist eines der kleinsten Länder Europas. Aber auch hier wird die Königreichsbotschaft schon seit ungefähr 70 Jahren gepredigt. Besonders vor dem Zweiten Weltkrieg kamen Zeugen aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz, um zu helfen.

      NIEDERLANDE

      [Bilder auf Seite 382]

      Das Zweigbüro in Emmen beaufsichtigt die Tätigkeit der über 32 000 eifrigen Zeugen in den Niederlanden. Hier werden alle in Niederländisch erscheinenden Publikationen übersetzt. Außerdem wird die Vervielfältigung von Videokassetten biblischen Inhalts in europäischen Sprachen großenteils von hier aus erledigt.

      NORWEGEN

      [Bilder auf Seite 383]

      Vor hundert Jahren nahm ein Norweger, der nach Amerika ausgewandert war und dort die biblische Wahrheit kennengelernt hatte, die gute Botschaft mit in seine Heimatstadt zurück. Seither haben Jehovas Zeugen die Bewohner ganz Norwegens immer wieder besucht, um mit ihnen über Gottes Königreich zu sprechen.

      PORTUGAL

      [Bild auf Seite 383]

      Nachdem die Regierung ein Konkordat mit dem Vatikan unterzeichnet hatte, nahm die Polizei Zeugen fest und wies Missionare aus. Aber die übriggebliebenen Zeugen versammelten sich weiterhin, setzten ihre Predigttätigkeit fort und nahmen an Zahl ständig zu. 1974 wurden sie schließlich gesetzlich anerkannt.

      Dieses Büro beaufsichtigt die Tätigkeit von mehr als 40 000 Zeugen in Portugal. Es hat außerdem afrikanischen Ländern, die mit Portugal eng verbunden waren, viel Hilfe geleistet.

      [Bild auf Seite 383]

      Internationaler Kongreß 1978 in Lissabon

      SCHWEDEN

      [Bild auf Seite 383]

      In Schweden predigen Jehovas Zeugen schon mehr als 100 Jahre. In den letzten zehn Jahren haben sie dieser Tätigkeit über 38 000 000 Stunden gewidmet. Heute gibt es hier viele fremdsprachige Versammlungen (12 verschiedene Sprachen).

      [Bild auf Seite 383]

      Um allen Arten von Menschen in Schweden zu helfen, hat man hier Literatur in 70 Sprachen auf Lager

      SPANIEN

      [Bild auf Seite 384]

      Dieser Zweig kümmert sich um über 92 000 Zeugen in Spanien. Hier werden „Der Wachtturm“ und „Erwachet!“ für Spanien und Portugal gedruckt. Obwohl die katholische Geistlichkeit den Staat immer wieder dazu bringen wollte, das Werk der Zeugen Jehovas zu unterbinden, sprechen die Zeugen schon seit 1916 mit Spaniern über die biblischen Wahrheiten. 1970, als es in Spanien über 11 000 Zeugen Jehovas gab, wurden sie schließlich gesetzlich anerkannt. Seither hat sich ihre Zahl ungefähr auf das Achtfache erhöht.

      [Bild auf Seite 384]

      Jetzt können mehr als 1 100 Versammlungen ungehindert in ihren Königreichssälen im ganzen Land zusammenkommen

      SCHWEIZ

      [Bild auf Seite 384]

      In der Schweiz hatte die Watch Tower Society schon 1903 ein Büro. Eine der ersten Druckereien der Gesellschaft in Europa befand sich in diesem Land. Viele Jahre wurden hier im Zweigbüro in Thun Zeitschriften gedruckt, die für Dutzende andere Länder bestimmt waren.

      AFRIKA

      BENIN

      [Bild auf Seite 385]

      Die Bevölkerung Benins setzt sich aus etwa 60 ethnischen Gruppen zusammen, die 50 verschiedene Dialekte sprechen. Als Tausende von Eingeborenen ihre frühere Religion aufgaben, gerieten Fetischpriester und Geistliche der Christenheit in Wut. Wiederholte Verfolgungswellen konnten die Ausbreitung der wahren Anbetung in diesem Land jedoch nicht aufhalten.

      [Bild auf Seite 385]

      Ein Kongreß, der 1990 stattfand

      ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK

      [Bild auf Seite 385]

      Bereits 1947 war die Königreichsbotschaft hier zu hören. Ein Mann, der schon woanders Zusammenkünfte der Zeugen besucht hatte, sprach mit seinen Mitmenschen über das, was er gelernt hatte. Bald wurde eine Studiengruppe gebildet, die bereits nach kurzer Zeit Zeugnis abzulegen begann, und die Zahl der Anbeter Jehovas nahm zu.

      CÔTE D’IVOIRE

      [Bilder auf Seite 386]

      Gileadmissionare halfen 1949 mit, in diesem westafrikanischen Land die wahre Anbetung einzuführen. Mehr als hundert solche Missionare haben hier gedient. Jetzt setzen die Zeugen jedes Jahr weit über eine Million Stunden ein, um in dem Gebiet, das von diesem Zweigbüro aus betreut wird, nach wahrheitshungrigen Menschen zu suchen.

      GHANA

      [Bild auf Seite 386, 387]

      Mit dem Predigen der guten Botschaft wurde in Ghana 1924 begonnen. Jetzt beaufsichtigt man von diesem Büro in Accra aus mehr als 640 Versammlungen in Ghana. Hier wird auch biblische Literatur in die Sprachen Ewe, Ga und Twi übersetzt und in diesen Sprachen gedruckt.

      [Bild auf Seite 387]

      Zusammenkunft im Königreichssaal neben dem Zweigbüro

      KENIA

      [Karte/Bilder auf Seite 387]

      Im Jahre 1931 machten zwei Zeugen Jehovas eine Reise von Südafrika nach Kenia, um dort zu predigen. Seit 1963 hat sich das Büro der Gesellschaft in Kenia zeitweilig auch des Evangelisierungswerkes in anderen ostafrikanischen Ländern (siehe unten) angenommen. Ein zusätzliches Zeugnis wurde durch die internationalen Kongresse gegeben, die 1973, 1978 und 1985 in Kenia stattfanden.

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      KENIA

      UGANDA

      SUDAN

      ÄTHIOPIEN

      DSCHIBUTI

      SOMALIA

      JEMEN

      SESCHELLEN

      TANSANIA

      BURUNDI

      RUANDA

      [Bilder auf Seite 387]

      Kongreß in Nairobi (1973)

      NIGERIA

      [Bilder auf Seite 388, 389]

      Die gute Botschaft wird in diesem Land schon seit Anfang der 20er Jahre gepredigt. Von Nigeria aus sind Evangeliumsverkündiger auch in andere Teile Westafrikas geschickt worden, und es werden Nachbarländer mit biblischer Literatur versorgt, die hier gedruckt wird. In Nigeria selbst haben Jehovas Zeugen mehr als 28 000 000 Schriften in die Hände der Menschen gelegt, um ihnen Gottes Wort näherzubringen.

      [Bild auf Seite 388]

      Weit über 160 000 Königreichsverkündiger in Nigeria unterstehen der Aufsicht der Dienstabteilung

      [Bild auf Seite 389]

      Kongreß in Calabar in Nigeria (1990)

      LIBERIA

      [Bild auf Seite 388]

      Liberianer, die Zeugen Jehovas wurden, sahen sich zahlreichen Glaubensprüfungen gegenüber — wenn sie einheimische abergläubische Bräuche aufgaben, die Polygamie ablehnten, von Beamten aufgrund von Verleumdung verfolgt wurden und wenn sie von kriegführenden politischen und ethnischen Gruppen umgeben waren. Doch durch die wahre Anbetung werden in diesem Land weiterhin alle Arten von Menschen vereint.

      MAURITIUS

      [Bilder auf Seite 389]

      Schon 1933 besuchten eifrige Zeugen Jehovas aus Südafrika diese Insel im Indischen Ozean. Jetzt gibt es auf Mauritius über tausend Zeugen, die ihre Mitmenschen auffordern, Jehova zu suchen, damit sie seine Gunst genießen, wenn er das gegenwärtige böse System vernichtet (Zeph. 2:3).

      SÜDAFRIKA

      [Bild auf Seite 390]

      In Südafrika gibt es seit über 80 Jahren ein Zweigbüro der Watch Tower Society. Eifrige Evangeliumsverkündiger aus diesem Land haben viel getan, um die Königreichsbotschaft in anderen Ländern Süd- und Ostafrikas zu verbreiten. In dem Gebiet, das früher diesem Zweig unterstellt war (1945 gab es dort 14 674 Königreichsverkündiger), sind jetzt mehr als 300 000 Zeugen Jehovas tätig.

      [Bilder auf Seite 391]

      Mehr als 110 Übersetzer sind unter der Leitung dieses Zweiges damit beschäftigt, biblische Literatur in 16 afrikanischen Sprachen vorzubereiten

      [Bild auf Seite 391]

      Gedruckt wird hier in über 40 Sprachen

      SENEGAL

      [Bilder auf Seite 390]

      Die Zahl der Zeugen ist hier zwar gering, aber das Zweigbüro ist darauf bedacht, daß jede Stadt, jede ethnische Gruppe und die Angehörigen jeder Glaubensgemeinschaft nicht nur in Senegal, sondern auch in umliegenden Ländern Gelegenheit erhalten, die herzerfreuende Botschaft der Bibel zu hören.

      SIERRA LEONE

      [Bild auf Seite 391]

      In Sierra Leone wurde mit dem Predigen der guten Botschaft schon 1915 begonnen. Zeitweise war die Zunahme gering. Als aber diejenigen, die Jehovas hohe Maßstäbe nicht beachteten, entfernt wurden und sich alle, die nicht aus den richtigen Beweggründen dienten, zurückzogen, machten die, die Jehova gegenüber loyal gesinnt waren, im Glauben Fortschritte.

      SAMBIA

      [Bild auf Seite 392]

      Von diesem Zweigbüro aus wird die Tätigkeit von mehr als 110 000 Zeugen im südlichen Zentralafrika beaufsichtigt. Das erste Büro der Gesellschaft wurde hier 1936 gegründet. Seither haben Jehovas Zeugen in Sambia über 186 000 000 Rückbesuche gemacht, um interessierten Personen weiterzuhelfen. Sie haben auch vielen das Lesen beigebracht, damit sie sich mit der Bibel befassen und mit anderen darüber sprechen können.

      [Bild auf Seite 392]

      Bei Kongressen, die 1992 in Sambia stattfanden, waren 289 643 Personen anwesend

      SIMBABWE

      [Bilder auf Seite 392]

      Jehovas Zeugen sind in Simbabwe schon seit den 20er Jahren tätig. In den darauffolgenden Jahren wurden ihre Schriften verboten, ihre Kongresse untersagt, und den Missionaren verweigerte man die Genehmigung, der afrikanischen Bevölkerung zu predigen. Doch nach und nach wurden die Hindernisse überwunden, und gegenwärtig betreut dieses Büro die mehr als 20 000 Zeugen.

      ASIEN

      HONGKONG

      [Bilder auf Seite 393]

      Wachtturm-Publikationen werden hier ins Chinesische übersetzt, das in seinen vielen Dialekten von mehr als einer Milliarde Menschen gesprochen wird. In Hongkong selbst wurde die gute Botschaft zum erstenmal im Jahre 1912 gepredigt, als C. T. Russell im Rathaus Vorträge hielt.

      INDIEN

      [Bild auf Seite 393]

      Dieser Zweig beaufsichtigt die Verkündigung der Königreichsbotschaft in Gebieten, in denen über ein Sechstel der Weltbevölkerung lebt. Gegenwärtig wird unter der Leitung dieses Zweigbüros in 18 Sprachen übersetzt und in 19 gedruckt. Dazu gehören Hindi (von 367 Millionen gesprochen), Assamesisch, Bengali, Gudscharati, Kannada, Malajalam, Marathi, Nepali, Orija, Pandschabi, Tamil, Telugu und Urdu (Sprachen, die von mehreren Millionen gesprochen werden).

      [Bilder auf Seite 393]

      Zeugen, die in Malajalam predigen

      ... in Nepali

      ... in Gudscharati

      JAPAN

      [Bilder auf Seite 394]

      Jehovas Zeugen in Japan sind wie überall eifrige Verkündiger des Königreiches Gottes. Allein 1992 widmeten sie dem Predigen der guten Botschaft über 85 000 000 Stunden. Im Durchschnitt stehen jeden Monat etwa 45 Prozent der japanischen Zeugen Jehovas im Pionierdienst.

      [Bild auf Seite 394]

      Hier wird biblische Literatur in vielen Sprachen veröffentlicht, darunter Japanisch, Chinesisch und einige philippinische Sprachen

      [Bild auf Seite 394]

      Ein regionales Planungsbüro unterstützt die Arbeit an Zweiggebäuden in verschiedenen Ländern

      [Übersicht auf Seite 394]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Pioniere in Japan

      75 000

      50 000

      25 000

      1975 1980 1985 1992

      REPUBLIK KOREA

      [Bilder auf Seite 395]

      Außer Traktaten werden hier jedes Jahr ungefähr 16 Millionen Exemplare biblischer Literatur hergestellt, um die mehr als 70 000 Zeugen Jehovas in der Republik Korea zu versorgen. Rund 40 Prozent der koreanischen Zeugen stehen im Pionierdienst.

      MYANMAR

      [Bilder auf Seite 395]

      Als die Watch Tower Society 1947 hier ein Zweigbüro gründete, gab es in diesem Land nur 24 Zeugen Jehovas. Die mehr als 2 000 Zeugen, die heute in Myanmar tätig sind, bemühen sich, nicht nur die Bewohner der Städte, sondern auch die zahlreichere Landbevölkerung zu erreichen.

      PHILIPPINEN

      [Bild auf Seite 396]

      Im Jahre 1912 sprach C. T. Russell im Großen Opernhaus von Manila über das Thema „Wo sind die Toten?“ Seither haben Jehovas Zeugen hier über 483 000 000 Stunden darauf verwandt, den Menschen auf den rund 900 bewohnten Inseln der Philippinen Zeugnis zu geben. Mehr als 110 000 Zeugen in 3 200 Versammlungen unterstehen der Aufsicht dieses Zweigbüros. Um den örtlichen Bedürfnissen zu entsprechen, wird hier in acht Sprachen gedruckt.

      [Bilder auf Seite 396]

      Zeugen, die einigen der großen Sprachgruppen auf den Philippinen angehören

      SRI LANKA

      [Bilder auf Seite 397]

      Die gute Botschaft wurde auf der südlich von Indien gelegenen Insel Ceylon (heute Sri Lanka) schon vor dem Ersten Weltkrieg gepredigt. Rasch wurde eine Studiengruppe organisiert. Seit 1953 unterhält die Gesellschaft in der Hauptstadt ein Zweigbüro, um Singhalesen, Tamilen und den anderen ethnischen Gruppen in diesem Land Gelegenheit zu geben, die Königreichsbotschaft zu hören.

      TAIWAN

      [Bild auf Seite 397]

      Hier wurde schon in den 20er Jahren Zeugnis gegeben, aber erst in den 50er Jahren systematisch. Jetzt werden diese Zweiggebäude gebaut, die als Zentrum der zunehmenden Tätigkeit in diesem Teil der Erde dienen werden.

      [Bild auf Seite 397]

      Versammlung in Taipeh

      THAILAND

      [Bild auf Seite 397]

      In den 30er Jahren kamen Pioniere aus Großbritannien, Deutschland, Australien und Neuseeland, um die Bewohner Thailands (damals Siam) mit der biblischen Wahrheit bekannt zu machen. 1963, 1978, 1985 und 1991 besuchten Delegierte aus vielen Ländern die dortigen internationalen Kongresse, um die einheimischen Zeugen zu ermuntern und die Ausbreitung der Königreichsbotschaft zu fördern.

      [Bild auf Seite 397]

      Kongreß 1963

      [Bild auf Seite 397]

      Delegierte aus dem Ausland (1991)

      PAZIFISCHE INSELN

      FIDSCHI

      [Bild auf Seite 398]

      Das Büro auf den Fidschiinseln wurde 1958 gegründet. Eine Zeitlang unterstand diesem Zweigbüro das Werk der Verkündigung des Königreiches in 12 Ländern mit 13 Sprachen. Jetzt konzentriert es seine Aufmerksamkeit auf die ungefähr hundert bewohnten Inseln von Fidschi.

      [Bild auf Seite 398]

      Durch die internationalen Kongresse, die 1963, 1969, 1973 und 1978 hier abgehalten wurden, kamen sich einheimische und ausländische Zeugen näher

      GUAM

      [Bild auf Seite 398]

      Unter der Leitung des Büros auf Guam wird die gute Botschaft auf pazifischen Inseln gepredigt, die über eine Fläche von fast 8 000 000 km2 verstreut liegen. Seiner Aufsicht untersteht auch die Übersetzung biblischer Schriften in 9 Sprachen.

      [Bild auf Seite 398]

      Der Kreisaufseher reist oft mit dem Flugzeug von Insel zu Insel

      [Bild auf Seite 398]

      Einheimische Zeugen (wie diese hier aus Mikronesien) fahren manchmal mit Booten in ihr Gebiet

      HAWAII

      [Bild auf Seite 399]

      Die Gesellschaft hat seit 1934 in Honolulu ein Zweigbüro. Einige Zeugen von Hawaii haben sich nicht nur hier am Evangelisierungswerk beteiligt, sondern auch in Japan, auf Taiwan, Guam und anderen Inseln Mikronesiens.

      NEUKALEDONIEN

      [Bild auf Seite 399]

      Trotz Behinderung durch religiöse Gegner brachten Jehovas Zeugen die Botschaft von Gottes Königreich nach Neukaledonien. Viele Menschen zeigten Interesse. 1956 wurde die erste Versammlung gegründet. Jetzt gibt es hier über 1 300 Lobpreiser Jehovas.

      NEUSEELAND

      [Bild auf Seite 399]

      Im Jahre 1947 richtete die Watch Tower Society in Neuseeland ein Zweigbüro ein, um das Predigen der guten Botschaft in diesem Land besser koordinieren zu können.

      [Bild auf Seite 399]

      Die in diesem Zweigbüro angefertigten Übersetzungen helfen den Bewohnern von Samoa, Rarotonga und Niue, ihren Glauben fortlaufend zu stärken

      [Bild auf Seite 399]

      Übersetzer und Korrektoren arbeiten Hand in Hand, um Publikationen von erstklassiger Qualität zu erzeugen

      AUSTRALIEN

      [Bilder auf Seite 400]

      Schon 1904 hatte die Watch Tower Society ein Zweigbüro in Australien. Früher beaufsichtigte dieser Zweig das Königreichswerk in einem Gebiet, das sich über nahezu ein Viertel der Erdoberfläche erstreckte und das China, Südostasien und Südseeinseln einschloß.

      [Bild auf Seite 400]

      Das regionale Planungsbüro unterstützt den Bau von Zweiggebäuden im Südpazifik und in Südostasien

      [Bild auf Seite 400]

      Gegenwärtig wird in diesem Zweigbüro biblische Literatur in über 25 Sprachen gedruckt. Es werden etwa 78 000 Zeugen Jehovas in Gebieten, die acht Zweigbüros im Südpazifik unterstehen, mit Literatur versorgt.

      [Karte/Bild auf Seite 400]

      Inselgebiete, die vom australischen Zweig mit Literatur beliefert werden

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      AUSTRALIEN

      PAPUA-NEUGUINEA

      NEUKALEDONIEN

      SALOMONEN

      FIDSCHI

      WESTSAMOA

      TAHITI

      NEUSEELAND

      PAPUA-NEUGUINEA

      [Bilder auf Seite 400]

      Jehovas Zeugen haben es in diesem Land nicht leicht, da etwa 700 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Zeugen aus mindestens zehn anderen Ländern sind hierhergezogen, um das Werk zu unterstützen. Mit viel Mühe haben sie einheimische Sprachen gelernt. Interessierte übersetzen für die, die eine andere Sprache sprechen. Auch Bilder werden mit Erfolg zum Lehren verwendet.

      SALOMONEN

      [Bilder auf Seite 401]

      Anfang der 50er Jahre gelangte die Königreichsbotschaft durch ein Bibelstudium, das brieflich über Landesgrenzen hinweg durchgeführt wurde, auf die Salomonen. Trotz großer Hindernisse breitete sich die biblische Wahrheit aus. Das Zweigbüro und der geräumige Kongreßsaal entstanden durch die Findigkeit einheimischer Brüder, internationale Zusammenarbeit und den Geist Jehovas.

      TAHITI

      [Bilder auf Seite 401]

      Anfang der 30er Jahre kamen Jehovas Zeugen mit der Königreichsbotschaft nach Tahiti. Mitten im Pazifik wird hier ein gründliches Zeugnis gegeben. Dabei wurden allein in den letzten vier Jahren durchschnittlich für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind auf der Insel mehr als fünf Stunden eingesetzt.

      WESTSAMOA

      [Bild auf Seite 401]

      Auch in Westsamoa, einem der kleinsten Staaten der Welt, haben Jehovas Zeugen ein Zweigbüro. Von diesem 1992 entstandenen Gebäude aus wird das Werk auf diesen und umliegenden Inseln einschließlich Amerikanisch-Samoas betreut.

  • Teil 1 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 22

      Teil 1 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde

      Dies ist der erste von fünf Teilen eines Kapitels, in dem berichtet wird, wie sich die Tätigkeit der Zeugen Jehovas über die ganze Erde ausgedehnt hat. Teil 1, der die Zeit von den 1870er Jahren bis 1914 behandelt, geht von Seite 404 bis 422. Die menschliche Gesellschaft hat sich nie von den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges erholt, der 1914 begann. Dieses Jahr hatten die Bibelforscher schon lange mit dem Ende der Zeiten der Nationen gleichgesetzt.

      EHE Jesus Christus zum Himmel auffuhr, gab er seinen Aposteln einen Auftrag. Er erklärte: „Ihr werdet Zeugen von mir sein ... bis zum entferntesten Teil der Erde“ (Apg. 1:8). Er hatte auch vorausgesagt: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Dieses Werk wurde im ersten Jahrhundert nicht abgeschlossen. Ein Großteil ist in der Neuzeit getan worden. Und es ist wirklich begeisternd, zu lesen, was von den 1870er Jahren bis zur Gegenwart geleistet wurde.

      Charles Taze Russell wurde durch seine weithin angekündigten biblischen Vorträge zwar zu einer bekannten Persönlichkeit, aber ihm war nicht lediglich an großen Zuhörerschaften gelegen, sondern an Menschen. Daher unternahm er bald nach 1879, dem Jahr, als er mit der Herausgabe des Wacht-Turms begann, ausgedehnte Reisen, um kleine Gruppen von Lesern der Zeitschrift zu besuchen und mit ihnen über biblische Gedanken zu sprechen.

      C. T. Russell ermutigte diejenigen, die an die kostbaren Verheißungen aus Gottes Wort glaubten, sich daran zu beteiligen, sie anderen zu überbringen. Wer von dem Gelernten tief im Innersten berührt war, tat genau das mit echtem Eifer. Zur Förderung des Werkes wurden Druckerzeugnisse bereitgestellt. Anfang 1881 erschien eine Reihe von Traktaten. Material daraus wurde dann zusammen mit Zusatzinformationen in Form der umfangreicheren Publikation Speise für denkende Christen herausgegeben, von der 1 200 000 Exemplare zur Verbreitung hergestellt wurden. Aber wie könnte die kleine Schar Bibelforscher (damals an die 100) das alles verbreiten?

      Kirchgänger angesprochen

      Einen Teil gab man an Verwandte und Freunde weiter. Eine Anzahl Zeitungen erklärte sich bereit, allen ihren Abonnenten ein Exemplar zuzusenden. (Man konzentrierte sich auf wöchentlich und monatlich erscheinende Zeitungen, damit die Veröffentlichung Speise für denkende Christen vielen Bewohnern ländlicher Gegenden zukäme.) Aber zum größten Teil verbreitete man die Publikation an mehreren aufeinanderfolgenden Sonntagen vor Kirchen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Da es nicht so viele Bibelforscher gab, daß sie alles allein bewältigen konnten, engagierte man Helfer.

      Bruder Russell sandte zwei Mitarbeiter, J. C. Sunderlin und J. J. Bender, nach Großbritannien, damit sie sich dort um die Verteilung von 300 000 Exemplaren kümmerten. Bruder Sunderlin ging nach London, während Bruder Bender in den Norden, nach Schottland, reiste und von da aus in Richtung Süden arbeitete. Man konzentrierte sich auf Großstädte. Durch Zeitungsanzeigen wurden geeignete Männer ausfindig gemacht, die man damit beauftragen konnte, für die Verbreitung einer bestimmten Anzahl von Exemplaren genügend Helfer zu suchen. Allein in London wurden fast 500 Verteiler angeworben. Die Arbeit wurde rasch erledigt — an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen.

      Im selben Jahr wurde dafür gesorgt, daß Bibelforscher, die in der Lage waren, die Hälfte ihrer Zeit oder mehr dem Werk des Herrn zu widmen, als Kolporteure dienen konnten, um Literatur für das Bibelstudium zu verbreiten. Diese Vorläufer der heutigen Pioniere leisteten im Hinaustragen der guten Botschaft wirklich Bemerkenswertes.

      In den nächsten zehn Jahren verfaßte Bruder Russell verschiedene Traktate, mit denen es leicht war, anderen einige der herausragenden neugelernten Wahrheiten der Bibel zu vermitteln. Er schrieb auch mehrere Bände des Werkes Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt). Dann begab er sich persönlich auf Evangelisierungsreisen in andere Länder.

      Russell reist ins Ausland

      Im Jahre 1891 besuchte er Kanada, wo seit 1880 so viel Interesse geweckt worden war, daß nun in Toronto ein Kongreß mit 700 Teilnehmern stattfinden konnte. Er reiste 1891 auch nach Europa, um zu sehen, was dort für die Ausbreitung der Wahrheit getan werden könnte. Die Reise führte ihn nach Irland, Schottland, England, in viele Länder des europäischen Festlandes, nach Rußland (in das heutige Moldawien) und in den Nahen Osten.

      Zu welchem Schluß kam er durch seine Kontakte auf dieser Reise? „In Rußland beobachteten wir keine Öffnung oder Bereitschaft für die Wahrheit ... Wir sahen nichts, was uns auf eine Ernte in Italien, der Türkei, in Österreich oder Deutschland hoffen lassen würde“, berichtete er. „Aber Norwegen, Schweden, Dänemark, die Schweiz und besonders England, Irland und Schottland sind Felder, die reif sind und auf die Ernte warten. Diese Felder scheinen zu rufen: ‚Komm herüber und hilf uns!‘ “ Es war eine Zeit, in der die katholische Kirche noch das Lesen der Bibel verbot, in der viele Protestanten ihre Kirche verließen und in der etliche, von ihrer Kirche enttäuscht, die Bibel ganz und gar verwarfen.

      Um diesen geistig Hungernden zu helfen, unternahm man nach Bruder Russells Reise von 1891 größere Anstrengungen, Literatur in die Sprachen Europas zu übersetzen. Außerdem sorgte man dafür, daß in London Literatur gedruckt und gelagert wurde, damit sie in Großbritannien leichter zu erhalten wäre. Das britische Feld stellte sich tatsächlich als reif für die Ernte heraus. Im Jahre 1900 gab es dort bereits neun Versammlungen und insgesamt 138 Bibelforscher — darunter einige eifrige Kolporteure. Als Bruder Russell 1903 Großbritannien erneut besuchte und die Ansprache „Die Hoffnung und die Aussicht auf das Millennium“ hielt, versammelten sich 1 000 Zuhörer in Glasgow, 800 in London und 500 bis 600 in anderen Städten.

      Was Italien betraf, bestätigten sich Bruder Russells Bedenken allerdings, denn nach seinem Besuch vergingen 17 Jahre, bis in Pinerolo die erste Versammlung der Bibelforscher in diesem Land gegründet wurde. Und wie stand es mit der Türkei? Ende der 1880er Jahre hatte Basil Stephanoff in Mazedonien gepredigt, das damals zum europäischen Teil der Türkei gehörte. Einige Leute schienen zwar Interesse zu haben, aber dann machten angebliche Brüder Falschaussagen, die zu seiner Inhaftierung führten. Erst 1909 hieß es in dem Brief eines Griechen aus Smyrna (heute Izmir) in der Türkei, daß dort eine Gruppe voller Wertschätzung die Wachtturm-Publikationen studierte. Nach Österreich kehrte Bruder Russell 1911 selbst zurück, um in Wien einen Vortrag zu halten, doch die Zusammenkunft wurde vom Pöbel gesprengt. Auch in Deutschland ließ eine positive Reaktion auf sich warten. Die Skandinavier hingegen waren sich ihrer geistigen Bedürfnisse anscheinend stärker bewußt.

      Skandinavier helfen sich gegenseitig

      Viele Schweden lebten in Amerika. 1883 sollte ein Probeexemplar des ins Schwedische übersetzten Wacht-Turms unter ihnen verbreitet werden. Die Ausgaben gelangten bald darauf mit der Post zu Freunden und Verwandten nach Schweden. Norwegische Literatur war bis dahin nicht hergestellt worden. Doch 1892, ein Jahr nach Bruder Russells Europareise, kehrte Knud Pederson Hammer, ein Norweger, der die Wahrheit in Amerika kennengelernt hatte, nach Norwegen zurück, um seinen Verwandten Zeugnis zu geben.

      Im Jahre 1894, als Publikationen in Dänisch-Norwegisch herausgebracht wurden, sandte man Sophus Winter, einen 25jährigen Amerikaner dänischer Herkunft, nach Dänemark und gab ihm einen Literaturvorrat zum Verbreiten. Bis zum darauffolgenden Frühjahr hatte er 500 Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch abgegeben. Innerhalb kurzer Zeit schlossen sich ihm einige andere, die die Veröffentlichungen gelesen hatten, in dem Werk an. Leider betrachtete er später sein kostbares Vorrecht mit Geringachtung, aber dafür ließen andere das Licht weiter leuchten.

      Ehe Winter seinen Dienst aufgab, war er jedoch eine Zeitlang in Schweden als Kolporteur tätig. Bald darauf entdeckte August Lundborg, ein junger Heilsarmeehauptmann, als er bei einem Freund auf der Insel Sturkö zu Besuch war, zwei Bände des Werkes Millennium-Tagesanbruch. Er borgte sie sich, las sie begierig, trat aus der Kirche aus und sprach mit den Leuten über das Gelernte. Einem anderen jungen Mann, P. J. Johansson, gingen die Augen auf, nachdem er ein Traktat gelesen hatte, das auf einer Parkbank lag.

      Als die schwedische Gruppe größer wurde, gingen einige nach Norwegen, um biblische Literatur zu verbreiten. Doch schon vorher hatten in Norwegen einzelne mit der Post Literatur von Angehörigen aus Amerika erhalten. So war es gekommen, daß Rasmus Blindheim den Dienst für Jehova aufgenommen hatte. Zu denen, die in diesen Anfangsjahren in Norwegen die Wahrheit annahmen, gehörte Theodor Simonsen, ein Prediger der Freien Mission. In seinen Ansprachen in der Freien Mission begann er, die Höllenfeuerlehre zu widerlegen. Seine Zuhörer sprangen vor Begeisterung über diese wunderbare Botschaft auf, aber als sich herausstellte, daß er mit der „Millennium-Tagesanbruch“-Bewegung in Berührung gekommen war, entließ ihn die Kirche. Dennoch sprach er unverdrossen weiter über seine erfreulichen neugelernten Kenntnisse. Ein anderer junger Mann, der einige Veröffentlichungen in die Hände bekam, war Andreas Øiseth. Als er überzeugt war, die Wahrheit gefunden zu haben, verließ er das elterliche Gut und nahm die Tätigkeit als Kolporteur auf. Er arbeitete systematisch in nördlicher Richtung und dann nach Süden entlang den Fjorden, wobei er keine Gemeinde ausließ. Im Winter lud er sein Gepäck, das aus Lebensmitteln, Kleidung und Literatur bestand, auf einen Tretschlitten, und gastfreundliche Leute boten ihm Schlafgelegenheiten an. Während einer achtjährigen Reise bearbeitete er fast das ganze Land mit der guten Botschaft.

      Ebba, August Lundborgs Frau, ging 1906 von Schweden nach Finnland und war dort als Kolporteurin tätig. Ungefähr zur selben Zeit brachten Männer, die aus den Vereinigten Staaten zurückkehrten, Wachtturm-Publikationen mit und sprachen mit anderen über das Gelernte. So gelangte Emil Österman, der etwas Besseres suchte als das, was die Kirchen zu bieten hatten, schon nach wenigen Jahren in den Besitz des Buches Der göttliche Plan der Zeitalter. Er zeigte es seinem Freund Kaarlo Harteva, der ebenfalls den richtigen Weg suchte. Als Harteva erkannte, wie wertvoll dieser Besitz war, übersetzte er das Buch ins Finnische und sorgte mit Östermans finanzieller Unterstützung dafür, daß es herausgebracht wurde. Sie machten sich gemeinsam daran, es zu verbreiten. Mit dem Elan echter Evangeliumsverkündiger redeten sie auf öffentlichen Plätzen mit den Leuten, gingen von Haus zu Haus und hielten in großen vollbesetzten Vortragssälen Ansprachen. Nachdem Bruder Harteva vor einer Zuhörerschaft in Helsinki die falschen Lehren der Christenheit entlarvt hatte, forderte er die Anwesenden auf, den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele biblisch zu stützen, falls sie dazu imstande wären. Die Augen aller richteten sich auf die Geistlichen im Publikum. Keiner ergriff das Wort; niemand konnte etwas auf die klare Aussage in Hesekiel 18:4 erwidern. Einige Anwesende sagten, daß sie nach dem, was sie gehört hatten, in der Nacht kaum Schlaf fanden.

      Ein einfacher Gärtner predigt in Europa

      Unterdessen verließ Adolf Weber auf Anraten eines mit ihm befreundeten älteren Wiedertäufers die Schweiz und ging auf der Suche nach einem besseren Verständnis der Heiligen Schrift in die Vereinigten Staaten. Dort wurde er auf eine Anzeige hin Gärtner für Bruder Russell. Durch das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter (das es damals schon in Deutsch gab) und die von Bruder Russell geleiteten Zusammenkünfte erlangte er die biblische Erkenntnis, die er gesucht hatte, und ließ sich 1890 taufen. Die ‘Augen seines Herzens waren erleuchtet’, so daß er für die großartige Gelegenheit, die sich ihm eröffnete, von Herzen dankbar war (Eph. 1:18). Nachdem er eine Zeitlang in den Vereinigten Staaten eifrig Zeugnis abgelegt hatte, kehrte er in sein Geburtsland zurück, um dort die Arbeit „im Weinberg des Herrn“ aufzunehmen. So war er Mitte der 1890er Jahre wieder in der Schweiz und sprach mit Menschen, die ein empfängliches Herz hatten, über die biblische Wahrheit.

      Adolf Weber verdiente seinen Lebensunterhalt als Gärtner und Förster, doch sein Hauptinteresse galt dem Evangelisieren. Er gab den Leuten, mit denen er arbeitete, und den Bewohnern der umliegenden schweizerischen Dörfer und Städte Zeugnis. Er beherrschte mehrere Sprachen und nutzte seine Kenntnisse, um die Publikationen der Gesellschaft ins Französische zu übersetzen. Zur Winterszeit packte er biblische Literatur in seinen Rucksack und ging zu Fuß nach Frankreich, und manchmal reiste er in nordwestlicher Richtung nach Belgien oder in den Süden, nach Italien.

      Um Menschen zu erreichen, mit denen er nicht persönlich sprechen konnte, ließ er in Zeitungen und Zeitschriften Anzeigen setzen, die auf Literatur für das Bibelstudium aufmerksam machten. Elie Thérond aus Mittelfrankreich antwortete auf eine der Anzeigen, erkannte bei dem, was er las, den Klang der Wahrheit und verbreitete die Botschaft bald selbst. In Belgien entdeckte Jean-Baptiste Tilmant sen. 1901 eine dieser Anzeigen und erhielt zwei Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch. Er war begeistert, die biblische Wahrheit so klar dargelegt zu sehen. Er mußte unbedingt mit seinen Freunden darüber sprechen. Im darauffolgenden Jahr versammelte sich regelmäßig eine Studiengruppe in seiner Wohnung. Bald trug die Tätigkeit dieser kleinen Gruppe sogar in Nordfrankreich Früchte. Bruder Weber blieb mit ihr in Kontakt, ja, er besuchte die verschiedenen Gruppen, die sich bildeten, in regelmäßigen Abständen, erbaute sie im Glauben und gab ihnen Anleitung, wie sie die gute Botschaft anderen überbringen könnten.

      Die gute Botschaft erreicht Deutschland

      Kurz nachdem Mitte der 1880er Jahre einige Publikationen in Deutsch erschienen waren, schickten Deutschamerikaner, die sie zu schätzen wußten, Exemplare davon an Verwandte in ihrem Geburtsland. Eine Krankenschwester gab in dem Hamburger Krankenhaus, wo sie arbeitete, einige Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch an andere weiter. 1896 ließ Adolf Weber in der Schweiz Anzeigen in deutschsprachige Zeitungen setzen und sandte mit der Post Traktate nach Deutschland. Im Jahr darauf wurde in Deutschland ein Literaturdepot eingerichtet, um die Verbreitung des Wacht-Turms zu erleichtern, aber die Ergebnisse ließen auf sich warten. 1902 zog jedoch Margarethe Demut, die in der Schweiz die Wahrheit kennengelernt hatte, nach Tailfingen, östlich des Schwarzwaldes. Ihre eifrige Zeugnistätigkeit trug zur Gründung einer der frühen Bibelforschergruppen in Deutschland bei. Samuel Lauper aus der Schweiz zog ins Bergische Land, nordöstlich von Köln, um in dieser Gegend die gute Botschaft zu verbreiten. 1904 wurden in Wermelskirchen Zusammenkünfte abgehalten. Zu den Besuchern gehörte ein 80jähriger Mann mit Namen Gottlieb Paas, der die Wahrheit gesucht hatte. Nicht lange nachdem diese Zusammenkünfte eingeführt worden waren, starb Paas, aber auf dem Sterbebett hielt er noch einmal den Wacht-Turm hoch und sagte: „Das ist die Wahrheit, daran müßt ihr festhalten.“

      Die Zahl derer, die sich für die biblischen Wahrheiten interessierten, nahm allmählich zu. Obwohl es teuer war, sorgte man dafür, daß deutschen Zeitungen kostenlose Probeexemplare des Wacht-Turms beigefügt wurden. Aus einem 1905 veröffentlichen Bericht geht hervor, daß über 1 500 000 dieser Wacht-Turm-Muster verbreitet wurden. Das war eine große Leistung für eine Handvoll Leute.

      Eine Anzahl Bibelforscher war nicht der Meinung, es sei damit getan, Menschen in der näheren Umgebung zu erreichen. Schon 1907 unternahm Bruder Erler aus Deutschland Reisen nach Böhmen (später Teil der Tschechoslowakei) im damaligen Österreich-Ungarn. Er verbreitete Literatur, die vor Harmagedon warnte und von den Segnungen handelte, die der Menschheit danach zukommen würden. 1912 hatte ein anderer Bibelforscher bereits biblische Literatur im Memelgebiet (heute Litauen) verbreitet. Viele reagierten begeistert auf die Botschaft, und es bildeten sich rasch mehrere ziemlich große Bibelforschergruppen. Aber als sie erfuhren, daß wahre Christen auch Zeugen sein müssen, ging ihre Zahl allmählich zurück. Einige erwiesen sich jedoch als echte Nachahmer Christi, des ‘treuen und wahrhaftigen Zeugen’ (Offb. 3:14).

      Als Nikolaus von Tornow, ein deutscher Baron mit großen Besitztümern in Rußland, um 1907 in der Schweiz war, gab man ihm ein Traktat der Watch Tower Society. Zwei Jahre später erschien er in seiner besten Garderobe und in Begleitung seines persönlichen Dieners in der Versammlung Berlin. Es dauerte eine Zeit, bis er erkannte, warum Gott solch einfachen Leuten kostbare Wahrheiten anvertraute, aber es war ihm eine Hilfe, die Worte aus 1. Korinther 1:26-29 zu lesen: „Ihr seht eure Berufung, Brüder, daß nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind, berufen wurden, nicht viele Mächtige, nicht viele von vornehmer Geburt ..., damit sich vor Gott kein Fleisch rühme.“ Überzeugt, die Wahrheit gefunden zu haben, verkaufte von Tornow seine Besitztümer in Rußland und setzte seine Kräfte und Geldmittel ein, um die Interessen der reinen Anbetung zu fördern.

      Im Jahre 1911, als ein junges deutsches Paar — die Herkendells — heiratete, erbat die Braut von ihrem Vater statt einer Aussteuer Geld für eine ungewöhnliche Hochzeitsreise. Sie und ihr Mann hatten eine anstrengende Reise vor, die viele Monate dauern würde. Ihre Hochzeitsreise war eine Predigttour durch Rußland, auf der sie die dortige deutschsprachige Bevölkerung erreichen wollten. So vermittelten die unterschiedlichsten Menschen auf die verschiedenste Art und Weise anderen, was sie über Gottes liebevollen Vorsatz gelernt hatten.

      Wachstum in Großbritannien

      Nachdem 1881 in Großbritannien große Mengen Literatur verbreitet worden waren, sahen einige Kirchgänger ein, daß sie das Gelernte in ihrem Leben anwenden müßten. Zum Beispiel war Tom Hart aus Islington (London) von dem biblischen Rat des Wacht-Turms tief berührt: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk“ — das hieß, aus den babylonischen Kirchen der Christenheit hinauszugehen und sich an die Lehre der Bibel zu halten (Offb. 18:4). 1884 trat er aus der Kirche aus, und eine Reihe anderer folgte seinem Beispiel.

      Aus vielen, die mit den Studiengruppen verbunden waren, wurden erfolgreiche Evangeliumsverkündiger. Manche boten in den Parks von London und an anderen Orten, wo sich die Leute entspannten, biblische Literatur an. Andere konzentrierten sich auf Geschäftshäuser. Üblicher war es jedoch, Besuche von Haus zu Haus zu machen.

      Sarah Ferrie, eine Wacht-Turm-Abonnentin aus Glasgow, schrieb an Bruder Russell, sie und ein paar Freunde aus der Stadt würden sich gern als Freiwillige an der Traktatverbreitung beteiligen. Wie überrascht sie doch war, als vor ihrer Tür ein Lastwagen mit 30 000 Druckschriften hielt, die alle kostenlos abgegeben werden sollten! Die Gruppe machte sich an die Arbeit. Minnie Greenlees und ihre drei minderjährigen Söhne zogen mit einem Einspänner als Transportmittel durch das schottische Landgebiet, um dort biblische Literatur zu verbreiten. Später fuhren Alfred Greenlees und Alexander MacGillivray mit Fahrrädern durch weite Teile Schottlands und verteilten Traktate. Jetzt brauchte man nicht mehr dafür zu bezahlen, daß andere die Literatur verbreiteten, sondern diese Arbeit wurde von Gott hingegebenen Freiwilligen verrichtet.

      Von ihrem Herzen angetrieben

      In einem seiner Gleichnisse sagte Jesus, daß Menschen, die ‘das Wort Gottes mit einem edlen und guten Herzen hörten’, Frucht tragen würden. Aufrichtige Dankbarkeit für Gottes liebevolle Vorkehrungen würde sie veranlassen, anderen die gute Botschaft von Gottes Königreich zu überbringen (Luk. 8:8, 11, 15). Sie würden ungeachtet ihrer Lebensumstände einen Weg finden, das zu tun.

      Ein argentinischer Reisender erhielt beispielsweise von einem italienischen Seemann einen Teil der Publikation Speise für denkende Christen. Während das Schiff in Peru vor Anker lag, bestellte der Reisende brieflich weitere Schriften, und 1885 schrieb er von Argentinien aus mit gesteigertem Interesse erneut an den Herausgeber des Wacht-Turms und bat um Literatur. Im selben Jahr nahm ein Angehöriger der britischen Marine, der mit seiner Einheit nach Singapur gesandt wurde, den Wacht-Turm mit. Hoch erfreut über das, was er aus der Zeitschrift lernte, gebrauchte er sie freimütig, um die biblische Ansicht über Themen bekanntzumachen, die in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. 1910 machte ein Schiff, mit dem zwei Christinnen reisten, im Hafen von Colombo auf Ceylon (heute Sri Lanka) Zwischenstation. Sie ergriffen die Gelegenheit, Herrn Van Twest, dem Seemannsamtsleiter des Hafens, Zeugnis zu geben. Sie sprachen eindringlich mit ihm über die erfreulichen Kenntnisse, die sie aus dem Buch Der göttliche Plan der Zeitalter gewonnen hatten. Daraufhin wurde Herr Van Twest ein Bibelforscher, und auf Sri Lanka kam das Predigen der guten Botschaft in Gang.

      Auch diejenigen, die keine Reisen unternehmen konnten, suchten Mittel und Wege, Menschen in anderen Ländern die herzerfrischenden biblischen Wahrheiten zu vermitteln. Wie aus einem Dankschreiben hervorgeht, das 1905 veröffentlicht wurde, hatte jemand aus den Vereinigten Staaten das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter einem Mann auf St. Thomas im damaligen Dänisch-Westindien geschickt. Als der Empfänger es durchgelesen hatte, fiel er auf die Knie und brachte den aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck, von Gott gebraucht zu werden, um dessen Willen zu tun. 1911 führte Bellona Ferguson aus Brasilien ihren Fall an als „eindeutigen, greifbaren Beweis dafür, daß niemand zu weit weg ist“, um von den Wassern der Wahrheit erreicht zu werden. Sie hatte die Veröffentlichungen der Gesellschaft offenbar von 1899 an mit der Post erhalten. Noch vor dem Ersten Weltkrieg fand ein deutscher Emigrant, der in Paraguay lebte, in seinem Briefkasten ein Traktat der Gesellschaft. Er bestellte weitere Literatur und löste bald darauf seine Verbindungen zu den Kirchen der Christenheit. Er und sein Schwager beschlossen, sich gegenseitig zu taufen, da es in dem Land niemanden gab, der das sonst hätte tun können. Ja, in den entfernten Teilen der Erde wurde Zeugnis abgelegt, und diese Tätigkeit trug Früchte.

      Andere Bibelforscher fühlten sich gedrängt, zu ihrem Geburtsort oder dem ihrer Eltern zu reisen, um Bekannten und Verwandten zu erzählen, was für einen wunderbaren Vorsatz Jehova hat und wie sie daraus Nutzen ziehen könnten. So kehrte zum Beispiel 1895 Bruder Oleszynski mit der guten Botschaft über „das Lösegeld, die Wiederherstellung und die Berufung nach oben“ nach Polen zurück, aber leider harrte er im Dienst nicht aus. 1898 ging ein emeritierter ungarischer Professor von Kanada weg, um die dringliche Botschaft der Bibel in seiner Heimat zu verbreiten. 1905 kehrte ein Grieche, der in Amerika Bibelforscher geworden war, zum Zeugnisgeben nach Griechenland zurück. Und 1913 brachte ein junger Mann Samen der biblischen Wahrheit von New York nach Ram Allah, dem Heimatort seiner Angehörigen, unweit Jerusalems.

      Erschließung des karibischen Raums

      Während die Zahl der Evangeliumsverkündiger in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Europa zunahm, begann die biblische Wahrheit auch in Panama, Costa Rica, Niederländisch-Guayana (heute Suriname) und Britisch-Guayana (heute Guyana) Fuß zu fassen. Joseph Brathwaite wurde in Britisch-Guayana geholfen, den Vorsatz Gottes zu verstehen, worauf er 1905 nach Barbados ging und seine ganze Zeit dafür einsetzte, die dortigen Bewohner darin zu unterweisen. Louis Facey und H. P. Clarke hörten die gute Botschaft, als sie in Costa Rica arbeiteten, und kehrten 1897 nach Jamaika zurück, um mit ihrem eigenen Volk über den neugefundenen Glauben zu sprechen. Diejenigen, die dort die Wahrheit annahmen, waren eifrig tätig. Allein 1906 verbreitete die Gruppe auf Jamaika rund 1 200 000 Traktate und andere Veröffentlichungen. Ein anderer Wanderarbeiter, der die Wahrheit in Panama kennenlernte, nahm die biblische Botschaft der Hoffnung mit zurück nach Grenada.

      Die Revolution in Mexiko von 1910/11 war ein weiterer Faktor, der dazu beitrug, daß wahrheitshungrigen Menschen die Botschaft von Gottes Königreich überbracht wurde. Viele flohen nach Norden, in die Vereinigten Staaten. Dort kamen einige mit den Bibelforschern in Berührung, erfuhren von Jehovas Vorsatz, der Menschheit bleibenden Frieden zu bringen, und schickten Literatur nach Mexiko. Das war jedoch nicht das erstemal, daß diese Botschaft nach Mexiko gelangte. Bereits 1893 veröffentlichte der Wacht-Turm einen Brief von F. de P. Stephenson aus Mexiko, der einige Publikationen der Watch Tower Society gelesen hatte und weitere wünschte, da er sie auch seinen Freunden in Mexiko und in Europa zukommen lassen wollte.

      Um den karibischen Raum noch weiter für das Predigen der biblischen Wahrheit zu erschließen und regelmäßige Zusammenkünfte für das Bibelstudium zu organisieren, sandte Bruder Russell 1911 E. J. Coward nach Panama und dann auf die Inseln. Bruder Cowards Ansprachen waren eindringlich und farbig, und oft strömten Hunderte herbei, um seine Vorträge zu hören, in denen er die Lehren vom Höllenfeuer und von der Unsterblichkeit der Menschenseele widerlegte und von der herrlichen Zukunft der Erde sprach. Er zog von Ort zu Ort und von Insel zu Insel — St. Lucia, Dominica, St. Kitts, Barbados, Grenada und Trinidad — und sprach mit so vielen Menschen wie nur möglich. Er hielt auch in Britisch-Guayana Ansprachen. In Panama lernte er W. R. Brown kennen, einen eifrigen jungen Bruder von Jamaika, der dann mit ihm zusammen auf einer Reihe von karibischen Inseln diente. Später half Bruder Brown noch bei der Erschließung weiterer Gebiete.

      Im Jahre 1913 hielt Bruder Russell Vorträge in Panama, in Kuba und auf Jamaika. Bei einem öffentlichen Vortrag in Kingston auf Jamaika waren zwei Vortragssäle voll besetzt, und ungefähr 2 000 Personen konnten nicht mehr eingelassen werden. Die Presse nahm zur Kenntnis, daß der Redner nichts über Geld sagte und daß es keine Kollekte gab.

      Das Licht der Wahrheit dringt nach Afrika

      In dieser Zeit drang das Licht der Wahrheit auch nach Afrika durch. In einem Brief aus Liberia von 1884 hieß es, daß ein Bibelleser dort in den Besitz der Publikation Speise für denkende Christen gelangt war und mehr Veröffentlichungen wünschte, um sie auch anderen zu geben. Ein paar Jahre später wurde berichtet, daß ein Geistlicher in Liberia die Kanzel verlassen hatte, damit er ungehindert die biblischen Wahrheiten lehren konnte, die er durch den Wacht-Turm kennenlernte, und daß in dem Land eine Gruppe von Bibelforschern regelmäßig Zusammenkünfte abhielt.

      Ein Geistlicher der Niederländisch-Reformierten Kirche nahm aus Holland einige Veröffentlichungen von C. T. Russell mit, als er 1902 nach Südafrika gesandt wurde. Ihm selbst brachten sie zwar keinen langfristigen Nutzen, wohl aber Frans Ebersohn und Stoffel Fourie, die sie in seiner Büchersammlung sahen. Ein paar Jahre später, als zwei eifrige Bibelforscher von Schottland nach Durban in Südafrika auswanderten, erhielt die Gruppe in diesem Gebiet Verstärkung.

      Leider ließen einige wenige, die Literatur von Bruder Russell in die Hände bekamen und anderen etwas aus deren Inhalt vermittelten — zum Beispiel Joseph Booth und Elliott Kamwana —, ihre eigenen Gedanken einfließen, um zu sozialen Veränderungen aufzuwiegeln. Manche Außenstehende in Südafrika und Njassaland (heute Malawi) konnten daraufhin nicht richtig auseinanderhalten, wer die echten Bibelforscher waren. Dennoch hörten viele die Botschaft, die die Aufmerksamkeit auf Gottes Königreich als Lösung für die Probleme der Menschheit hinlenkte, und zeigten Wertschätzung dafür.

      Eine ausgedehnte Predigttätigkeit in Afrika lag allerdings noch in der Zukunft.

      Nach Asien und zu den Inseln des Pazifiks

      Bald nachdem biblische Publikationen von C. T. Russell zum erstenmal in Großbritannien verbreitet worden waren, gelangten sie auch nach Asien. 1883 erhielt Fräulein C. B. Downing, eine Missionarin der Presbyterianer im chinesischen Chefoo (heute Yantai), ein Exemplar des Wacht-Turms. Sie schätzte das, was sie über die Wiederherstellung lernte, und gab an andere Missionare — darunter Horace Randle, der mit der Missionsgesellschaft der Baptisten verbunden war — Publikationen weiter. Später wurde sein Interesse durch eine Anzeige für das Werk Millennium-Tagesanbruch in der Londoner Times weiter angeregt, und dann erhielt er die Bücher selbst — eines von Fräulein Downing und ein anderes mit der Post von seiner Mutter aus England. Am Anfang schockierte ihn das, was er las. Aber als er davon überzeugt war, daß die Dreieinigkeit nicht in der Bibel gelehrt wird, trat er aus der Baptistenkirche aus und ging dazu über, mit anderen Missionaren über das Gelernte zu sprechen. Im Jahre 1900 berichtete er, daß er 2 324 Briefe und etwa 5 000 Traktate an Missionare in China, Japan, Korea und Siam (heute Thailand) geschickt hatte. Damals gab man in Asien hauptsächlich den Missionaren der Christenheit Zeugnis.

      Im gleichen Zeitraum wurde auch in Australien und Neuseeland Samen der Wahrheit ausgestreut. Das erste „Samenkorn“ ist möglicherweise 1884 oder kurz darauf nach Australien gelangt, und zwar durch einen Mann, der in England in einem Park zum erstenmal von einem Bibelforscher angesprochen wurde. Weitere „Samenkörner“ trafen per Post von Freunden und Verwandten aus Übersee ein.

      Wenige Jahre nachdem 1901 der Australische Bund gebildet worden war, gab es Hunderte von Wacht-Turm-Abonnenten. Die Tätigkeit derer, die es als Vorrecht betrachteten, anderen die Wahrheit näherzubringen, führte dazu, daß Tausende von Traktaten an Leute versandt wurden, deren Namen man den Wählerlisten entnahm. Weitere wurden auf den Straßen verteilt, und man warf aus fahrenden Zügen Bündel von Traktaten Arbeitern an der Eisenbahnlinie zu sowie Landbewohnern, die dort einsam und abgelegen wohnten. Die Leute wurden von dem nahenden Ende der Zeiten der Nationen, die 1914 ablaufen würden, in Kenntnis gesetzt. Arthur Williams sen. sprach in seinem Laden in Westaustralien mit allen Kunden darüber und lud Leute, die Interesse zeigten, zu weiteren Gesprächen in sein Haus ein.

      Wer als erster die biblische Wahrheit nach Neuseeland brachte, weiß man heute nicht mehr. Doch 1898 hatte Andrew Anderson, ein Einwohner Neuseelands, so viel in den Wachtturm-Publikationen gelesen, daß er sich bewogen fühlte, dort als Kolporteur die Wahrheit zu verbreiten. Seine Bemühungen wurden 1904 durch weitere Kolporteure unterstützt, die aus Amerika und von dem australischen Zweigbüro der Gesellschaft kamen, das im selben Jahr gegründet worden war. Die Frau von Thomas Barry aus Christchurch nahm von einem der Kolporteure sechs Bände der Schriftstudien entgegen. Ihr Sohn Bill las sie 1909 während einer sechswöchigen Schiffsreise nach England und erkannte, daß ihr Inhalt der Wahrheit entsprach. Jahre später wurde sein Sohn Lloyd in die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas aufgenommen.

      Zu denen, die in jenen Anfangsjahren eifrig tätig waren, gehörte Ed Nelson, der zwar nicht gerade taktvoll war, aber immerhin 50 Jahre lang seine ganze Zeit dafür einsetzte, die Königreichsbotschaft von der Nordspitze Neuseelands bis in den Süden zu verbreiten. Nach ein paar Jahren schloß sich ihm Frank Grove an, der als Ausgleich für seine schwache Sehkraft sein Gedächtnis trainierte und bis zu seinem Tod ebenfalls über 50 Jahre als Pionier diente.

      Weltreise zur Förderung des Predigens der guten Botschaft

      Auch 1911/12 bemühte man sich intensiv, den Einwohnern Asiens zu helfen. Die International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) sandte ein aus sieben Männern bestehendes Komitee aus, das, angeführt von C. T. Russell, die Verhältnisse an Ort und Stelle erkunden sollte. Überall, wohin sie gingen, sprachen sie über Gottes Vorsatz, die Menschheit durch das messianische Königreich zu segnen. Manchmal hatten sie nur eine kleine Zuhörerschaft, doch auf den Philippinen und in Indien hörten ihnen Tausende zu. Sie unterstützten nicht die Kampagne, die damals in der Christenheit populär war, nämlich Gelder für eine Weltbekehrung zu sammeln. Sie beobachteten, daß die Missionare der Christenheit ihre Mühe hauptsächlich dafür aufwendeten, die Schulbildung zu fördern. Doch nach Bruder Russells Überzeugung war das, was die Menschen wirklich brauchten, „das Evangelium von Gottes liebevoller Vorkehrung des künftigen messianischen Königreiches“. Die Bibelforscher rechneten nicht damit, die Welt zu bekehren, aber sie ersahen aus der Bibel, daß ihre damalige Aufgabe darin bestand, Zeugnis abzulegen, und daß dadurch „eine Minderheit von Auserwählten aus allen Nationen, Völkern, Stämmen und Sprachen als Glieder der Brautklasse [Braut Christi]“ eingesammelt würde, „um während der tausend Jahre mit ihm auf seinem Thron zu sitzen und bei der Aufgabe mitzuwirken, das Menschengeschlecht als Ganzes zu vervollkommnen“a (Offb. 5:9, 10; 14:1-5).

      Nachdem die Mitglieder des Komitees unter anderem in Japan, China und auf den Philippinen gewesen waren, legten sie in Indien weitere 6 400 Kilometer zurück. Dort lasen schon 1887 Einzelpersonen die Literatur der Gesellschaft und schrieben Briefe, in denen sie ihre Dankbarkeit dafür zum Ausdruck brachten. Außerdem gab von 1905 an ein junger Mann, der als Student in Amerika Bruder Russell begegnet war und die Wahrheit kennengelernt hatte, unter der tamilsprachigen Bevölkerung Zeugnis. Dieser junge Mann half bei der Gründung von ungefähr 40 Bibelstudiengruppen im Süden Indiens mit. Doch nachdem er anderen gepredigt hatte, erwies er sich selbst als unbewährt, da er sich über christliche Normen hinwegsetzte. (Vergleiche 1. Korinther 9:26, 27.)

      Etwa zur gleichen Zeit erhielt jedoch A. J. Joseph aus Trawankur (heute Kerala) als Antwort auf eine briefliche Anfrage an einen bekannten Adventisten mit der Post einen Band der Schriftstudien. Darin fand er zufriedenstellende biblische Antworten auf seine Fragen über die Dreieinigkeitslehre. Bald darauf gingen er und Angehörige von ihm hinaus zu den Reisfeldern und Kokosnußplantagen Südindiens und sprachen über ihren neugefundenen Glauben. Nach dem Besuch Bruder Russells im Jahre 1912 nahm Bruder Joseph den Vollzeitdienst auf. Er fuhr mit der Eisenbahn, dem Ochsenkarren und dem Flußboot oder ging zu Fuß, um biblische Literatur zu verbreiten. Seine öffentlichen Vorträge wurden oft von Geistlichen und ihren Anhängern unterbrochen. Als in Kundara ein „christlicher“ Pfarrer seine Gemeindeglieder anstachelte, eine Zusammenkunft zu stören und Bruder Joseph mit Dung zu bewerfen, kam ein einflußreicher, vornehmer Hindu und erkundigte sich nach der Ursache des Lärms. Er fragte den Geistlichen, ob Christus den Christen ein solches Beispiel gegeben habe oder ob sein Verhalten nicht eher dem der Pharisäer zu Jesu Zeiten entspreche. Darauf verschwand der Pfarrer.

      Ehe die viermonatige Weltreise des IBSA-Komitees zu Ende war, setzte Bruder Russell R. R. Hollister in Asien als Vertreter der Gesellschaft ein, der dafür Sorge tragen sollte, daß die Botschaft von Gottes liebevoller Vorkehrung des messianischen Königreiches unter den dortigen Völkern verbreitet wurde. Es wurden in zehn Sprachen spezielle Traktate hergestellt, die in Indien, China, Japan und Korea von Einheimischen zu Millionen verbreitet wurden. Dann übersetzte man Bücher in vier dieser Sprachen, um für Menschen, die Interesse zeigten, mehr geistige Speise zu beschaffen. Man hatte dort ein riesiges Gebiet vor sich, und es blieb noch viel zu tun. Doch was man bis dahin erreicht hatte, war wirklich erstaunlich.

      Ein beeindruckendes Zeugnis gegeben

      Bevor der Erste Weltkrieg große Verwüstungen anrichtete, war weltweit ein umfassendes Zeugnis gegeben worden. Bruder Russell hatte in den Vereinigten Staaten und in Kanada Vortragsreisen in Hunderte von Städten unternommen, er war wiederholt nach Europa gereist und hatte in Panama, Jamaika und Kuba sowie in bedeutenden Städten Asiens Ansprachen gehalten. Zehntausende hatten persönlich seine mitreißenden biblischen Vorträge gehört und miterlebt, wie er vor der Öffentlichkeit anhand der Bibel Fragen von Freund und Feind beantwortete. Dadurch wurde viel Interesse geweckt, und in Amerika, Europa, Südafrika und Australien druckten Tausende von Zeitungen regelmäßig die Predigten Bruder Russells ab. Die Bibelforscher hatten Millionen von Büchern und Hunderte von Millionen Traktate und andere Veröffentlichungen in 35 Sprachen verbreitet.

      Trotz seiner herausragenden Rolle war Bruder Russell nicht der einzige, der predigte. Über die ganze Erde verstreut, erhoben auch andere ihre Stimme als Zeugen für Jehova und seinen Sohn, Jesus Christus. Die Beteiligten waren nicht alle Vortragsredner. Sie kamen aus allen Schichten der Bevölkerung und gebrauchten jedes verfügbare Mittel, um die gute Botschaft zu verbreiten.

      Im Januar 1914, als das Ende der Zeiten der Nationen weniger als ein Jahr entfernt war, wurde noch auf andere Weise ein gründliches Zeugnis gegeben. Gemeint ist das „Photo-Drama der Schöpfung“, durch das Gottes Vorsatz in Verbindung mit der Erde einmal ganz anders hervorgehoben wurde. Das erreichte man durch schöne handkolorierte Lichtbilder und Filme, die mit Ton synchronisiert waren. In den Vereinigten Staaten meldete die Presse, daß es landesweit wöchentlich von insgesamt Hunderttausenden gesehen wurde. Am Ende des ersten Jahres hatte die Gesamtzahl der Zuschauer in den Vereinigten Staaten und in Kanada fast acht Millionen erreicht. In England waren das Opernhaus und die Royal Albert Hall in London zum Bersten voll mit Leuten, die die vierteilige Aufführung von je zwei Stunden Dauer sehen wollten. In einem halben Jahr wurden in 98 Städten auf den Britischen Inseln 1 226 000 Besucher verzeichnet. In Deutschland und in der Schweiz waren die Säle voll besetzt. Auch in Skandinavien und im Südpazifik sahen viele Zuschauer die Darbietung.

      Während dieser ersten Jahrzehnte in der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas wurde bestimmt ein beachtliches, gründliches, weltweites Zeugnis gegeben. Aber eigentlich begann das Werk gerade erst.

      Anfang der 1880er Jahre beteiligten sich nur ein paar Hundert rege an der Verbreitung der biblischen Wahrheit. 1914 nahmen nach vorhandenen Berichten ungefähr 5 100 an diesem Werk teil. Andere verbreiteten möglicherweise gelegentlich Traktate. Es waren relativ wenige tätig.

      Diese kleine Schar von Evangeliumsverkündigern hatte in der zweiten Hälfte des Jahres 1914 auf verschiedene Weise die Verkündigung des Königreiches Gottes bereits auf 68 Länder ausgedehnt. Und ihr Werk als Prediger und Lehrer des Wortes Gottes wurde in 30 dieser Länder ziemlich beständig durchgeführt.

      Ehe die Zeiten der Nationen endeten, waren Millionen von Büchern und Hunderte von Millionen Traktate verbreitet worden. Außerdem druckten 1913 2 000 Zeitungen regelmäßig Predigten C. T. Russells ab, und im Jahre 1914 sahen auf drei Kontinenten insgesamt über 9 000 000 Menschen das „Photo-Drama der Schöpfung“.

      Man hatte wirklich ein erstaunliches Zeugnis gegeben. Aber es sollte noch viel mehr folgen.

      [Fußnote]

      a Ein ausführlicher Bericht über diese Weltreise ist im Wacht-Turm vom 15. April 1912 (engl.) erschienen.

      [Karte/Bild auf Seite 405]

      C. T. Russell hielt in Nordamerika und im karibischen Raum in über 300 Städten (durch Punkte gekennzeichnet) biblische Ansprachen — in vielen 10- bis 15mal

      [Karte]

      (Siehe gedruckte Ausgabe)

      [Karte auf Seite 407]

      (Siehe gedruckte Ausgabe)

      Russells Predigtreisen nach Europa, zumeist über England

      1891

      1903

      1908

      1909

      1910 (zweimal)

      1911 (zweimal)

      1912 (zweimal)

      1913

      1914

      [Karte/Bild auf Seite 408]

      Als Andreas Øiseth überzeugt war, die Wahrheit gefunden zu haben, verbreitete er in fast jeder Gegend Norwegens eifrig biblische Literatur

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      NORWEGEN

      Nördlicher Polarkreis

      [Karte/Bild auf Seite 409]

      Adolf Weber, ein einfacher Gärtner, trug die gute Botschaft von der Schweiz in andere Länder Europas

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      BELGIEN

      DEUTSCHLAND

      SCHWEIZ

      ITALIEN

      FRANKREICH

      [Karte/Bild auf Seite 413]

      Bellona Ferguson aus Brasilien sagte, niemand sei zu weit weg, um erreicht zu werden

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      BRASILIEN

      [Karte auf Seite 415]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      ALASKA

      KANADA

      GRÖNLAND

      ST. PIERRE UND MIQUELON

      VEREINIGTE STAATEN VON AMERIKA

      BERMUDAS

      BAHAMAS

      TURKS- UND CAICOSINSELN

      KUBA

      MEXIKO

      BELIZE

      JAMAIKA

      HAITI

      DOMINIKANISCHE REPUBLIK

      PUERTO RICO

      CAYMAN ISLANDS

      GUATEMALA

      EL SALVADOR

      HONDURAS

      NICARAGUA

      COSTA RICA

      PANAMA

      VENEZUELA

      GUYANA

      SURINAME

      FRANZÖSISCH-GUAYANA

      KOLUMBIEN

      ECUADOR

      PERU

      BRASILIEN

      BOLIVIEN

      PARAGUAY

      CHILE

      ARGENTINIEN

      URUGUAY

      FALKLANDINSELN

      JUNGFERNINSELN (USA)

      JUNGFERNINSELN (BRITISCH)

      ANGUILLA

      ST. MAARTEN

      SABA

      ST. EUSTATIUS

      ST. KITTS

      NEVIS

      ANTIGUA

      MONTSERRAT

      GUADELOUPE

      DOMINICA

      MARTINIQUE

      ST. LUCIA

      ST. VINCENT

      BARBADOS

      GRENADA

      TRINIDAD

      ARUBA

      BONAIRE

      CURAÇAO

      ATLANTISCHER OZEAN

      KARIBISCHES MEER

      PAZIFISCHER OZEAN

      [Karte auf Seite 416, 417]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      GRÖNLAND

      SCHWEDEN

      ISLAND

      NORWEGEN

      FÄRÖER

      FINNLAND

      RUSSLAND

      ESTLAND

      LETTLAND

      LITAUEN

      WEISSRUSSLAND

      UKRAINE

      MOLDAWIEN

      GEORGIEN

      ARMENIEN

      ASERBAIDSCHAN

      TURKMENISTAN

      USBEKISTAN

      KASACHSTAN

      TADSCHIKISTAN

      KIRGISTAN

      POLEN

      DEUTSCHLAND

      NIEDERLANDE

      DÄNEMARK

      GROSSBRITANNIEN

      IRLAND

      BELGIEN

      LUXEMBURG

      LIECHTENSTEIN

      SCHWEIZ

      ANDORRA

      TSCHECHOSLOWAKEI

      ÖSTERREICH

      UNGARN

      RUMÄNIEN

      JUGOSLAWIEN

      SLOWENIEN

      KROATIEN

      BOSNIEN U. HERZEGOWINA

      BULGARIEN

      ALBANIEN

      ITALIEN

      SAN MARINO

      GIBRALTAR

      SPANIEN

      PORTUGAL

      AZOREN

      MADEIRA

      MAROKKO

      WESTSAHARA

      SENEGAL

      KAP VERDE

      ALGERIEN

      LIBYEN

      ÄGYPTEN

      LIBANON

      ISRAEL

      ZYPERN

      SYRIEN

      TÜRKEI

      IRAK

      IRAN

      BAHRAIN

      KUWAIT

      JORDANIEN

      SAUDI-ARABIEN

      KATAR

      VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE

      OMAN

      JEMEN

      DSCHIBUTI

      SOMALIA

      ÄTHIOPIEN

      SUDAN

      TSCHAD

      NIGER

      MALI

      MAURETANIEN

      GAMBIA

      GUINEA-BISSAU

      SIERRA LEONE

      LIBERIA

      CÔTE D’IVOIRE

      GHANA

      TOGO

      BENIN

      ÄQUATORIALGUINEA

      ST. HELENA

      GUINEA

      BURKINA FASO

      NIGERIA

      ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK

      KAMERUN

      SÃO TOMÉ

      KONGO

      GABUN

      ZAIRE

      ANGOLA

      SAMBIA

      NAMIBIA

      BOTSUANA

      SÜDAFRIKA

      LESOTHO

      SWASILAND

      MOSAMBIK

      MADAGASKAR

      RÉUNION

      MAURITIUS

      RODRIGUEZ

      SIMBABWE

      MAYOTTE

      KOMOREN

      SESCHELLEN

      MALAWI

      TANSANIA

      BURUNDI

      RUANDA

      UGANDA

      FRANKREICH

      PAKISTAN

      AFGHANISTAN

      NEPAL

      BHUTAN

      MYANMAR

      BANGLADESCH

      INDIEN

      SRI LANKA

      GRIECHENLAND

      MALTA

      TUNESIEN

      KENIA

      ATLANTISCHER OZEAN

      INDISCHER OZEAN

      ALASKA

      MONGOLEI

      DEMOKRATISCHE VOLKSREPUBLIK KOREA

      JAPAN

      REPUBLIK KOREA

      CHINA

      MACAU

      TAIWAN

      HONGKONG

      LAOS

      THAILAND

      VIETNAM

      KAMBODSCHA

      PHILIPPINEN

      BRUNEI

      MALAYSIA

      SINGAPUR

      INDONESIEN

      SAIPAN

      ROTA

      GUAM

      YAP

      PALAU

      TRUK

      POHNPEI

      KOSRAE

      MARSHALLINSELN

      NAURU

      PAPUA-NEUGUINEA

      AUSTRALIEN

      NEUSEELAND

      NORFOLK-INSEL

      NEUKALEDONIEN

      WALLIS UND FUTUNA

      VANUATU

      TUVALU

      FIDSCHI

      KIRIBATI

      TOKELAUINSELN

      HAWAII

      MARQUESASINSELN

      WESTSAMOA

      AMERIKANISCH-SAMOA

      NIUE

      TONGA

      COOKINSELN

      TAHITI

      SALOMONEN

      PAZIFISCHER OZEAN

      INDISCHER OZEAN

      [Karte/Bild auf Seite 421]

      A. J. Joseph aus Indien mit seiner Tochter Gracie, die als Gileadmissionarin diente

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      INDIEN

      [Bild auf Seite 411]

      Hermann Herkendell ging mit seiner Braut auf eine monatelange Hochzeitsreise, auf der sie deutschsprachigen Bewohnern Rußlands predigten

      [Bilder auf Seite 412]

      Kolporteure in England und Schottland bemühten sich, jedem die Gelegenheit zu geben, ein Zeugnis zu erhalten; sogar ihre Kinder halfen beim Verteilen von Traktaten mit

      [Bild auf Seite 414]

      E. J. Coward verbreitete eifrig die biblische Wahrheit im karibischen Raum

      [Bild auf Seite 418]

      Frank Grove (links) und Ed Nelson (mit ihren Frauen abgebildet) setzten beide über 50 Jahre ihre ganze Zeit dafür ein, die Königreichsbotschaft überall in Neuseeland zu verbreiten

      [Bilder auf Seite 420]

      C. T. Russell machte 1911/12 mit sechs Gefährten eine Weltreise, um das Predigen der guten Botschaft zu fördern

  • Teil 2 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 22

      Teil 2 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde

      Das Werk der Königreichsverkündigung von 1914 bis 1935 wird von Seite 423 bis 443 behandelt. Jehovas Zeugen verweisen auf 1914 als das Jahr, in dem Jesus Christus als himmlischer König inthronisiert wurde, der Gewalt über die Nationen hat. Während seines irdischen Daseins sagte Jesus vorher, das weltweite Predigen der Königreichsbotschaft, verbunden mit heftiger Verfolgung, sei ein Teil des Zeichens seiner Gegenwart in Königreichsmacht. Was geschah nun in den Jahren nach 1914?

      EUROPA wurde 1914 in den Strudel des Ersten Weltkrieges gerissen. Dann weitete sich der Krieg so stark aus, daß die beteiligten Länder schätzungsweise 90 Prozent der Weltbevölkerung umfaßten. Wie wirkte sich das Kriegsgeschehen auf die Predigttätigkeit der Diener Jehovas aus?

      Die trostlosen Jahre des Ersten Weltkrieges

      Zu Beginn des Krieges wurden ihnen außer in Deutschland und Frankreich kaum Steine in den Weg gelegt. Vielerorts verteilten sie ungehindert Traktate, und das „Photo-Drama“ wurde weiterhin aufgeführt — nach 1914 allerdings bei weitem nicht mehr so oft. Während das Kriegsfieber heftiger wurde, brachte die Geistlichkeit auf den britischen Westindischen Inseln das Gerücht auf, E. J. Coward, der Vertreter der Watch Tower Society, sei ein deutscher Spion, woraufhin er ausgewiesen wurde. Als man von 1917 an das Buch Das vollendete Geheimnis verbreitete, nahm die Gegnerschaft zu.

      Die Öffentlichkeit war darauf erpicht, dieses Buch zu besitzen. Die Anzahl, die von der Gesellschaft ursprünglich zum Drucken in Auftrag gegeben wurde, mußte in nur wenigen Monaten um mehr als das Zehnfache erhöht werden. Die Geistlichen der Christenheit waren indessen wütend über die Bloßstellung ihrer falschen Lehren. Sie nutzten die Kriegshysterie dazu aus, die Bibelforscher bei Regierungsvertretern zu denunzieren. Überall in den Vereinigten Staaten wurden Männer und Frauen, von denen man annahm, daß sie Veröffentlichungen der Bibelforscher verbreiteten, vom Pöbel angegriffen und geteert und gefedert. In Kanada wurden Wohnungen durchsucht, und wenn man bei jemandem bestimmte Veröffentlichungen der International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) fand, erhielt er eine hohe Geldstrafe oder kam ins Gefängnis. Thomas J. Sullivan, der sich damals in Port Arthur (Ontario) aufhielt, berichtete jedoch, daß die Polizei in dieser Stadt, als er einmal über Nacht eingesperrt wurde, die verbotenen Publikationen für sich und ihre Freunde mit nach Hause nahm und so den gesamten Vorrat von 500 bis 600 Veröffentlichungen verteilte.

      Auch das Hauptbüro der Watch Tower Society wurde zur Zielscheibe von Angriffen, und man verurteilte leitende Mitarbeiter zu langjährigen Gefängnisstrafen. Den Feinden der Bibelforscher schien es, als hätte man ihnen den Todesstoß versetzt. Ihre Zeugnistätigkeit in der Weise, daß weit und breit die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam wurde, kam praktisch zum Stillstand.

      Allerdings hatten inhaftierte Bibelforscher die Gelegenheit, mit anderen Häftlingen über Gottes Vorsatz zu sprechen. Als die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder der Gesellschaft und ihre vertrauten Mitarbeiter im Gefängnis von Atlanta (Georgia) ankamen, verbot man ihnen anfangs zu predigen. Aber sie sprachen im eigenen Kreis über die Bibel, und andere fühlten sich wegen ihres Verhaltens, ja wegen ihrer Lebensweise zu ihnen hingezogen. Nach ein paar Monaten übertrug ihnen der Gefängnisdirektor die Aufgabe, andere Gefangene religiös zu unterweisen. Es kamen immer mehr, bis ungefähr 90 Personen an dem Unterricht teilnahmen.

      Auch andere treue Christen fanden Mittel und Wege, in diesen Kriegsjahren Zeugnis zu geben. Dadurch gelangte die Königreichsbotschaft mitunter in Länder, wo sie bis dahin noch nicht gepredigt worden war. Zum Beispiel schickte 1915 ein kolumbianischer Bibelforscher in New York einem Mann in Bogotá (Kolumbien) die spanische Ausgabe des Göttlichen Plans der Zeitalter. Nach etwa sechs Monaten kam ein Antwortschreiben von Ramón Salgar. Er hatte das Buch sorgfältig studiert, war davon sehr angetan und wünschte 200 Exemplare zum Verbreiten. Bruder J. L. Mayer aus Brooklyn (New York) verschickte viele Exemplare des Schriftforschers in Spanisch. Eine beträchtliche Anzahl wurde nach Spanien gesandt. Als Alfred Joseph, der damals auf Barbados war, einen Arbeitsvertrag für Sierra Leone (Westafrika) abschloß, nahm er Gelegenheiten wahr, dort über seine neugelernten biblischen Wahrheiten Zeugnis abzulegen.

      Die Kolporteure hatten es oft schwerer, da es zu ihrem Dienst gehörte, in Wohnungen und Geschäften vorzusprechen. Doch mehrere gingen nach El Salvador, Honduras und Guatemala und waren 1916 damit beschäftigt, den dortigen Bewohnern lebengebende Wahrheiten zu vermitteln. In dieser Zeit unternahm Fanny Mackenzie, eine Kolporteurin britischer Nationalität, zwei Schiffsreisen nach Asien mit Aufenthalten in China, Japan und Korea, um biblische Literatur zu verbreiten, und später hielt sie vorgefundenes Interesse brieflich wach.

      Allerdings ging nach vorhandenen Unterlagen die Zahl der Bibelforscher, die 1918 einen Anteil am Predigen der guten Botschaft hatten, im Vergleich zu dem Bericht für 1914 weltweit um 20 Prozent zurück. Würden sie unbeirrt mit ihrem Predigtdienst fortfahren, nachdem man sie in den Kriegsjahren so hart behandelt hatte?

      Mit neuem Leben erfüllt

      Am 26. März 1919 kamen der Präsident der Watch Tower Society und seine Gefährten aus ihrer ungerechtfertigten Haft frei. Rasch nahmen Pläne, die weltweite Verkündigung der guten Botschaft von Gottes Königreich voranzubringen, Gestalt an.

      Auf einer allgemeinen Hauptversammlung in Cedar Point (Ohio), die im September desselben Jahres stattfand, betonte J. F. Rutherford, der damalige Präsident der Gesellschaft, in einem Vortrag, das Kommen des herrlichen messianischen Königreiches Gottes zu verkünden sei das wahrhaft wichtige Werk der Diener Jehovas.

      Die Zahl derer, die sich tatsächlich an diesem Werk beteiligten, war allerdings gering. Manche, die sich 1918 aus Angst zurückgehalten hatten, setzten sich nun erneut ein, und einige weitere kamen hinzu. Aber aus den vorhandenen Aufzeichnungen geht hervor, daß 1919 nur ungefähr 5 700 Zeugen in 43 Ländern tätig waren. Jesus hatte jedoch vorhergesagt: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Wie sollte das zu schaffen sein? Sie wußten es nicht und hatten auch keine Ahnung, wie lange das Zeugniswerk noch weitergehen würde. Dessenungeachtet verspürten die loyalen Diener Gottes den brennenden Wunsch, mit dem Werk fortzufahren. Sie waren zuversichtlich, daß Jehova die Geschehnisse seinem Willen gemäß lenken würde.

      Voller Eifer machten sie sich an das Werk, das sie in Gottes Wort beschrieben fanden. Innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl derer, die das Königreich Gottes öffentlich verkündigten, nach vorliegenden Berichten fast auf das Dreifache an, und 1922 predigten sie in 15 Ländern mehr als 1919.

      Ein faszinierendes Thema

      Sie verkündigten eine sensationelle Botschaft: „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben!“ Bruder Rutherford hatte 1918 einen Vortrag über dieses Thema gehalten. Es war auch der Titel einer 128seitigen Broschüre, die 1920 erschien. Von 1920 bis 1925 wurde das Thema weltweit in über 30 Sprachen bei öffentlichen Zusammenkünften in allen Gegenden, wo Redner zur Verfügung standen, immer und immer wieder behandelt. In diesem Vortrag wurde die biblisch begründete Hoffnung, daß gehorsame Menschen einmal ewig auf einer paradiesischen Erde leben werden, in den Vordergrund gestellt, und es hieß nicht — wie in der Christenheit —, alle guten Menschen kämen in den Himmel (Jes. 45:18; Offb. 21:1-5). Außerdem wurde darin die Überzeugung geäußert, die Zeit für die Verwirklichung dieser Hoffnung sei sehr nahe.

      Die Ansprache wurde in Zeitungen und auf Reklametafeln angekündigt. Das Thema faszinierte die Leute. Am 26. Februar 1922 zählte man allein in Deutschland 70 000 Besucher an 121 Orten. Es kam nicht selten vor, daß sich an einem Ort Tausende von Zuhörern einfanden. In Kapstadt (Südafrika) waren zum Beispiel 2 000 Personen anwesend, als der Vortrag im Opernhaus gehalten wurde. In der norwegischen Hauptstadt waren im Hörsaal der Universität alle Plätze besetzt, und es konnten so viele nicht eingelassen werden, daß das Programm eineinhalb Stunden später wiederholt werden mußte — erneut in einem vollbesetzten Saal.

      Im österreichischen Klagenfurt sagte Richard Heide zu seinem Vater: „Ich höre mir den Vortrag an, egal, was immer die Leute sagen mögen. Ich will wissen, ob das nur ein Bluff ist oder ob etwas Wahres daran ist.“ Er war von dem, was er hörte, tief berührt, und bald sprachen er, seine Eltern und seine Schwester mit anderen darüber.

      Doch die biblische Botschaft war nicht bloß für Menschen bestimmt, die bereit waren, sich einen öffentlichen Vortrag anzuhören. Auch andere mußten davon unterrichtet werden. Nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch führende Politiker und Geistliche mußten sie hören. Wie konnte das erreicht werden?

      Kraftvolle Erklärungen hinausgetragen

      Durch Druckerzeugnisse wurden Millionen von Menschen erreicht, die die Bibelforscher und ihre Botschaft nur vom Hörensagen kannten. Von 1922 bis 1928 gab man durch sieben kraftvolle Erklärungen — Resolutionen, die auf den Jahreshauptversammlungen der Bibelforscher angenommen wurden — ein wirkungsvolles Zeugnis. Von den einzelnen Resolutionen wurden nach den Kongressen zumeist 45 bis 50 Millionen Exemplare verbreitet, was sicher eine erstaunliche Leistung für die damalige kleine Schar von Königreichsverkündigern war.

      Die Resolution von 1922 war betitelt „Ein Aufruf an die Führer der Welt!“ — ja, sie waren aufgerufen, ihre Behauptung zu rechtfertigen, daß sie der Menschheit Frieden, Wohlfahrt und Glück sichern könnten, oder andernfalls zuzugeben, daß nur Gottes messianisches Königreich das erreichen kann. In Deutschland wurde diese Resolution per Einschreiben an den im Exil lebenden deutschen Kaiser, an den Reichspräsidenten und an alle Mitglieder des Reichstages gesandt, und etwa 4,5 Millionen Exemplare wurden in der Öffentlichkeit verteilt. In Südafrika bearbeitete Edwin Scott — die Literatur in einer Tasche auf dem Rücken und einen Stock in der Hand, um bissige Hunde abzuwehren — 64 Orte und verbreitete persönlich 50 000 Exemplare. Als darauf Geistliche der südafrikanischen Landeskirche bei ihren Gemeindemitgliedern an die Türen kamen, um Geld zu sammeln, hielten ihnen viele Leute die Resolution vor das Gesicht und sagten: „Das sollten Sie einmal lesen, dann würden Sie nicht mehr hier vorbeikommen, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.“

      Im Jahre 1924 stellte die Resolution „Offene Anklage gegen die Geistlichkeit“ die unbiblischen Lehren und Bräuche der Geistlichen bloß; sie zeigte, welche Rolle sie im Weltkrieg gespielt hatten, und forderte die Menschen auf, die Bibel zu studieren, damit sie die wunderbaren Vorkehrungen, die Gott zum Segen der Menschheit getroffen hat, selbst kennenlernten. In Italien mußten Drucker damals ihren Namen unter alles setzen, was sie produzierten, und waren für den Inhalt verantwortlich. Der Bibelforscher, der das Werk in Italien beaufsichtigte, legte die Resolution den Behörden vor, sie sahen sie durch und gaben dann ohne weiteres die Genehmigung zum Drucken und Verteilen. Auch die Druckerei war einverstanden, sie herauszubringen. Die Brüder in Italien verbreiteten 100 000 Exemplare. Sie achteten besonders darauf, daß der Papst und andere hohe Amtsträger des Vatikans die Resolution erhielten.

      In Frankreich löste die Verbreitung der Resolution heftige und oft aggressive Reaktionen der Geistlichen aus. In Pommern reichte ein Pfarrer in seiner Verzweiflung eine Klage gegen die Gesellschaft und ihren Leiter ein, doch der Geistliche verlor den Prozeß, als das Gericht den gesamten Inhalt der Resolution hörte. Die Bibelforscher in der kanadischen Provinz Quebec ließen die Resolutionen in den frühen Morgenstunden ab drei Uhr an den Türen zurück, um in ihrem Werk nicht von Leuten behindert zu werden, die nicht wollten, daß andere die Wahrheit kennenlernten. Das war eine aufregende Zeit.

      Dankbar für zufriedenstellende Antworten

      Im Ersten Weltkrieg wurden viele Armenier unbarmherzig aus ihren Häusern und ihrem Geburtsland vertrieben. Nur zwei Jahrzehnte zuvor waren Hunderttausende von Armeniern niedergemetzelt worden, und andere waren geflohen, um ihr Leben zu retten. Einige wenige hatten in ihrer Heimat Publikationen der Watch Tower Society gelesen. Doch weit mehr von ihnen hörten in den Ländern, in die sie flüchteten, ein Zeugnis.

      Viele machten sich nach ihren schlimmen Erlebnissen ernsthaft Gedanken, warum Gott das Böse zuläßt. Wie lange würde es noch so weitergehen? Wann gäbe es kein Leid mehr? Einige von ihnen waren dankbar, die zufriedenstellenden Antworten aus der Bibel kennenzulernen. Rasch entstanden in mehreren Städten des Nahen Ostens Gruppen armenischer Bibelforscher. Ihr Eifer für die biblische Wahrheit beeinflußte auch andere. In Äthiopien, Argentinien und den Vereinigten Staaten nahmen Armenier die gute Botschaft an und akzeptierten freudig die Verantwortung, mit anderen darüber zu sprechen. Zu ihnen gehörte Krikor Hatzakortzian, der Mitte der 30er Jahre als einsamer Pionier die Königreichsbotschaft in Äthiopien verbreitete. Als er einmal von Gegnern zu Unrecht angeklagt wurde, hatte er sogar die Gelegenheit, dem Kaiser, Haile Selassie, Zeugnis zu geben.

      Kostbare Wahrheiten ins Geburtsland mit zurückgenommen

      Der brennende Wunsch, anderen lebenswichtige biblische Wahrheiten zu überbringen, bewog viele, in ihre Heimat zurückzukehren, um sich dort am Evangelisieren zu beteiligen. Sie handelten ähnlich wie die Besucher aus vielen Ländern, die sich 33 u. Z. in Jerusalem aufhielten und gläubig wurden, als der heilige Geist die Apostel und ihre Gefährten veranlaßte, in vielen Zungen „über die großen Dinge Gottes“ zu reden (Apg. 2:1-11). Ebenso, wie diese Gläubigen des ersten Jahrhunderts die Wahrheit mit in ihre Heimat nahmen, taten das auch die erwähnten Jünger der heutigen Zeit.

      Sowohl Männer als auch Frauen, die die Wahrheit im Ausland kennengelernt hatten, kehrten nach Italien zurück. Sie hatten in Amerika, Belgien oder Frankreich gelebt und verkündigten da, wo sie sich niederließen, eifrig die Königreichsbotschaft. Auch Kolporteure aus dem italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin zogen nach Italien und setzten dort ihr Werk fort. Das Ergebnis ihres vereinten Wirkens war, daß sie trotz ihrer geringen Zahl bald in allen bedeutenden Städten und vielen Dörfern Italiens gepredigt hatten. Sie zählten nicht die Stunden, die sie für dieses Werk einsetzten. In der Überzeugung, daß sie Wahrheiten predigten, von denen Gott wünschte, daß die Menschen sie kennenlernten, waren sie oft von morgens bis spätabends tätig, um so viele wie möglich zu erreichen.

      Auch Griechen, die im nahe gelegenen Albanien und im fernen Amerika Bibelforscher geworden waren, schenkten ihrer Heimat Aufmerksamkeit. Sie freuten sich sehr, zu erfahren, daß der Ikonenkult unbiblisch ist (2. Mo. 20:4, 5; 1. Joh. 5:21), daß Sünder nicht im Höllenfeuer schmoren (Pred. 9:5, 10; Hes. 18:4; Offb. 21:8) und daß Gottes Königreich die wahre und einzige Hoffnung der Menschheit ist (Dan. 2:44; Mat. 6:9, 10). Sie brannten darauf, ihren Landsleuten diese Wahrheiten persönlich oder brieflich zu vermitteln. Daraufhin entstanden auf dem griechischen Festland und auf den Inseln Gruppen von Zeugen Jehovas.

      Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Tausende von Polen als Bergarbeiter nach Frankreich. Ihre fremde Sprache war für die französischen Versammlungen kein Grund, sie zu übergehen. Es gelang ihnen irgendwie, diesen Bergleuten und ihren Familien die biblischen Wahrheiten zu überbringen, und die Zahl derer, die günstig reagierten, war bald größer als die der französischen Zeugen. Als 1935 wegen einer Ausweisungsverfügung der Regierung 280 nach Polen zurückkehren mußten, diente das nur dazu, dort die Verbreitung der Königreichsbotschaft zu verstärken. 1935 waren 1 090 Königreichsverkündiger daran beteiligt, in Polen Zeugnis abzulegen.

      Andere folgten der Einladung, ihre Heimat zu verlassen, um im Ausland den Dienst aufzunehmen.

      Eifrige europäische Evangeliumsverkündiger helfen im Ausland

      Durch internationale Zusammenarbeit erfuhren die Baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) von den herzerfrischenden Wahrheiten über Gottes Königreich. In den 20er und 30er Jahren legten eifrige Brüder und Schwestern aus Dänemark, Deutschland, England und Finnland in dieser Region umfassend Zeugnis ab. Es wurde viel Literatur verbreitet, und Tausende hörten biblische Vorträge. Regelmäßige biblische Rundfunkprogramme in mehreren Sprachen, die in Estland gesendet wurden, konnte man sogar in der Sowjetunion empfangen.

      Von Deutschland aus ließen sich in den 20er und 30er Jahren bereitwillige Verkündiger in Länder wie Belgien, Bulgarien, Frankreich, Jugoslawien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Spanien und Tschechoslowakei senden. Zu ihnen gehörte Willy Unglaube. Nachdem er eine Zeitlang im Magdeburger Bethel gedient hatte, ging er als Vollzeitprediger nach Frankreich, Algerien, Spanien, Singapur, Malaysia und Thailand.

      Als in den 30er Jahren von Frankreich ein Hilferuf ausging, war Kolporteuren aus Großbritannien ganz offensichtlich bewußt, daß der christliche Predigtauftrag nicht nur das Evangelisieren im eigenen Land verlangte, sondern auch in anderen Gebieten der Erde (Mar. 13:10). Einer der fleißigen Erntearbeiter, die dem Ruf nach Mazedonien folgten, war John Cooke. (Vergleiche Apostelgeschichte 16:9, 10.) Während der folgenden sechs Jahrzehnte nahm er Dienstaufgaben in Frankreich, Spanien, Irland, Portugal, Angola, Mosambik und Südafrika wahr. Sein Bruder Eric gab seine Stellung in Barclay’s Bank auf und schloß sich John im Vollzeitpredigtdienst in Frankreich an; danach diente auch er in Spanien und Irland und war außerdem in Südrhodesien (heute Simbabwe) und Südafrika als Missionar tätig.

      Im Mai 1926 nahmen George Wright und Edwin Skinner aus England die Einladung an, beim Aufbau des Königreichswerkes in Indien mitzuhelfen. Das war eine gewaltige Aufgabe. Das Gebiet umschloß ganz Afghanistan, Birma (heute Myanmar), Ceylon (heute Sri Lanka), Indien und Persien (heute Iran). Bei ihrer Ankunft in Bombay machten sie mit dem Monsunregen Bekanntschaft. Doch sie legten keinen übermäßigen Wert auf Komfort oder Bequemlichkeit und reisten bald in die entlegenen Winkel des Landes, um Bibelforscher, von deren Existenz man bereits wußte, ausfindig zu machen und sie zu ermuntern. Sie verbreiteten auch große Mengen Literatur, durch die bei anderen Interesse geweckt werden sollte. Das Werk wurde gründlich durchgeführt. 1928 arrangierten die 54 Königreichsverkündiger im südindischen Trawankur (heute Kerala) 550 öffentliche Zusammenkünfte, die von rund 40 000 Personen besucht wurden. 1929 zogen vier weitere Pioniere von Großbritannien nach Indien, um bei dem Werk mitzuhelfen. Und 1931 trafen erneut drei Helfer aus England in Bombay ein. Immer wieder suchten sie die verschiedenen Gegenden dieses riesigen Landes auf und verbreiteten nicht nur Literatur in Englisch, sondern auch in den indischen Sprachen.

      Was trug sich unterdessen in Osteuropa zu?

      Eine geistige Ernte

      Vor dem Ersten Weltkrieg waren in Osteuropa Samenkörner biblischer Wahrheit ausgestreut worden, und einige waren aufgegangen. 1908 war Andrásné Benedek, eine einfache Ungarin, nach Österreich-Ungarn zurückgekehrt, um mit anderen über all das Gute, was sie gelernt hatte, zu sprechen. Zwei Jahre später waren außerdem Károly Szabó und József Kiss in dieses Land zurückgegangen, und sie verbreiteten die biblische Botschaft besonders in der Region der späteren Tschechoslowakei und Rumäniens. Trotz der heftigen Gegnerschaft zorniger Geistlicher bildeten sich Studiengruppen, und es wurde weit und breit Zeugnis abgelegt. Andere schlossen sich ihnen im öffentlichen Verkünden ihres Glaubens an, und bis 1935 war die Schar der Königreichsverkündiger in Ungarn auf 348 angewachsen.

      Die Größe Rumäniens verdoppelte sich nahezu, als nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen Europas von den Siegermächten neu gezogen wurden. Laut Berichten gab es in diesem größer gewordenen Land 1920 ungefähr 150 Bibelforschergruppen, mit denen 1 700 Personen verbunden waren. Im darauffolgenden Jahr nahmen beim Abendmahl des Herrn fast 2 000 von den Gedächtnismahlsymbolen, wodurch sie sich als geistgesalbte Brüder Christi zu erkennen gaben. Diese Zahl nahm während der nächsten vier Jahre stark zu. 1925 waren beim Gedächtnismahl 4 185 anwesend, und wie es damals üblich war, nahmen zweifellos die meisten von den Symbolen. Allerdings sollte der Glaube all dieser Personen geprüft werden. Würden sie sich als echter „Weizen“ erweisen oder bloß als Scheinweizen? (Mat. 13:24-30, 36-43). Würden sie wirklich das Zeugniswerk verrichten, das Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hatte? Würden sie auch bei heftiger Gegnerschaft damit fortfahren? Wären sie treu, selbst wenn andere eine Haltung wie die des Judas Iskariot einnehmen würden?

      Der Bericht für 1935 deutet darauf hin, daß nicht alle den Glauben hatten, der zum Ausharren befähigt. In jenem Jahr waren es nur 1 188, die einen gewissen Anteil daran hatten, in Rumänien Zeugnis abzulegen, obgleich damals mehr als doppelt so viele von den Gedächtnismahlsymbolen nahmen. Die Treuen hielten sich jedoch im Dienst des Herrn beschäftigt. Sie überbrachten anderen demütigen Menschen die biblischen Wahrheiten, die sie selbst als so herzerfreuend empfunden hatten. Dabei fiel besonders auf, wieviel Literatur sie verbreiteten. Von 1924 bis 1935 hatten sie bei interessierten Personen bereits mehr als 800 000 Bücher und Broschüren zurückgelassen und außerdem Traktate.

      Wie stand es mit der Tschechoslowakei, die 1918 nach dem Zusammenbruch des österreichisch-ungarischen Reiches zur Nation wurde? Hier trug ein noch gründlicheres Zeugnis zur geistigen Ernte bei. Es war schon früher in Ungarisch, Russisch, Rumänisch und Deutsch gepredigt worden. 1922 kehrten dann mehrere Bibelforscher aus Amerika dorthin zurück, um sich der slowakischsprechenden Bevölkerung zuzuwenden, und im Jahr darauf begann ein Ehepaar aus Deutschland, sich auf das tschechische Gebiet zu konzentrieren. Regelmäßige Kongresse wirkten sich — wenn sie auch klein waren — ermunternd und einigend aus. Nachdem die Versammlungen 1927 besser für das Evangelisieren von Haus zu Haus organisiert worden waren, wurde das Wachstum offenkundiger. 1932 erlebte das Werk einen starken Aufschwung, als ein internationaler Kongreß in Prag stattfand, dem ungefähr 1 500 Besucher aus der Tschechoslowakei und aus Nachbarländern beiwohnten. Außerdem sahen große Zuschauermengen eine vierstündige Version des „Photo-Dramas der Schöpfung“, das von einem Ende des Landes bis zum anderen aufgeführt wurde. Innerhalb von nur einem Jahrzehnt wurden mehr als 2 700 000 Publikationen unter den verschiedenen Sprachgruppen in diesem Land verbreitet. Das geistige Pflanzen, Bebauen und Bewässern führte zu einer Ernte, an der sich 1935 1 198 Königreichsverkündiger beteiligten.

      Jugoslawien (zunächst das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) war durch die Veränderung der Europakarte nach dem Ersten Weltkrieg ins Dasein gekommen. Schon 1923 hieß es, daß eine Bibelforschergruppe in Belgrad Zeugnis ablegte. Später wurde das „Photo-Drama der Schöpfung“ im ganzen Land vor großen Besuchermengen gezeigt. Als man Jehovas Zeugen in Deutschland heftig verfolgte, wurde die Gruppe in Jugoslawien durch deutsche Pioniere verstärkt. Ohne sich über persönlichen Komfort Gedanken zu machen, drangen sie in die entlegensten Gegenden dieses gebirgigen Landes vor, um dort zu predigen. Andere deutsche Pioniere gingen nach Bulgarien. Auch unternahm man Anstrengungen, die gute Botschaft in Albanien zu predigen. In allen diesen Ländern wurde der Samen der Königreichswahrheit gesät. Einige Samenkörner keimten. Doch erst in späteren Jahren sollte dort eine größere Ernte eingebracht werden.

      Weiter südlich, auf dem afrikanischen Kontinent, wurde die gute Botschaft ebenfalls von Personen verbreitet, die das Vorrecht, Zeugen des Allerhöchsten zu sein, von ganzem Herzen schätzten.

      In Westafrika erstrahlt geistiges Licht

      Etwa sieben Jahre nachdem ein Bibelforscher von Barbados mit einem Arbeitsvertrag nach Westafrika gegangen war, schrieb er an das Büro der Watch Tower Society in New York, daß sich ziemlich viele Leute für die Bibel interessierten. Ein paar Monate später, am 14. April 1923, kam W. R. Brown, der vorher auf Trinidad gedient hatte, auf Bruder Rutherfords Einladung hin mit seiner Familie nach Freetown in Sierra Leone.

      Es wurde gleich dafür gesorgt, daß Bruder Brown einen Vortrag in der Wilberforce Memorial Hall hielt. Am 19. April waren rund 500 Zuhörer anwesend, darunter die meisten Geistlichen aus Freetown. Am darauffolgenden Sonntag hielt er wieder eine Ansprache. Er wählte ein Thema, über das C. T. Russell oft gesprochen hatte: „In die Hölle und zurück! Wer ist dort?“ Bruder Browns Vorträge waren stets mit Bibelzitaten durchsetzt, die er für die Anwesenden auf eine Leinwand projizierte. In seinen Ansprachen sagte er immer wieder: „Das sagt nicht Brown, sondern die Bibel.“ Deswegen wurde er als „Bibel-Brown“ bekannt. Und als Ergebnis seiner logischen biblischen Darlegungen traten einige angesehene Kirchenmitglieder aus der Kirche aus und nahmen den Dienst für Jehova auf.

      Er unternahm weite Reisen, um das Königreichswerk in noch mehr Gebieten in Gang zu bringen. Deshalb hielt er auch zahlreiche biblische Vorträge, verbreitete große Mengen Literatur und ermutigte andere, es ihm gleichzutun. Sein Evangelisierungswerk führte ihn an die Goldküste (heute Ghana), nach Liberia, Gambia und Nigeria. Von Nigeria brachten andere die Königreichsbotschaft nach Benin (damals Dahomey) und Kamerun. Bruder Brown wußte, daß die Bevölkerung für die sogenannte „Religion des weißen Mannes“ nicht viel übrig hatte, und so sprach er in der Glover Memorial Hall in Lagos darüber, daß die Religion der Christenheit versagt hat. Nach der Zusammenkunft nahmen die begeisterten Zuhörer 3 900 Bücher entgegen, um sie selbst zu lesen und an andere weiterzugeben.

      Als Bruder Brown nach Westafrika kam, hatten dort nur eine Handvoll Leute von der Königreichsbotschaft gehört. Doch als er 27 Jahre später wegging, gab es in diesem Gebiet weit über 11 000 eifrige Zeugen Jehovas. Religiöse Irrlehren wurden entlarvt; die wahre Anbetung hatte Fuß gefaßt und breitete sich rasch aus.

      Die Ostküste Afrikas entlang

      Schon ziemlich früh im 20. Jahrhundert waren einige Publikationen von C. T. Russell im Südosten Afrikas von Einzelpersonen in Umlauf gebracht worden, die ein paar Gedanken aus diesen Büchern übernommen, sie aber mit ihren eigenen Anschauungen vermischt hatten. Dadurch entstanden eine Reihe sogenannter Watchtower-Bewegungen, die überhaupt keine Verbindung zu Jehovas Zeugen hatten. Einige waren politisch orientiert und stifteten unter den Eingeborenen Unruhe. Viele Jahre lang wurde das Werk der Zeugen Jehovas durch den schlechten Ruf dieser Gruppen behindert.

      Dennoch erkannten eine Reihe von Afrikanern den Unterschied zwischen Wahr und Falsch. Wanderarbeiter brachten die gute Botschaft von Gottes Königreich in Nachbarländer und verkündigten sie in den afrikanischen Sprachen. Die englischsprachige Bevölkerung in Südostafrika vernahm die Botschaft überwiegend durch Kontakte mit Südafrika. In manchen Ländern wurden allerdings europäische Zeugen durch heftige Gegnerschaft von offizieller Seite, angeheizt von der Geistlichkeit der Christenheit, am Predigen unter den afrikanischen Sprachgruppen gehindert. Dessenungeachtet breitete sich die Wahrheit aus, obwohl viele, die sich für die biblische Botschaft interessierten, Hilfe brauchten, um das Gelernte richtig in die Praxis umzusetzen.

      Einige unvoreingenommene Beamte schenkten den boshaften Anschuldigungen, die die Geistlichkeit der Christenheit gegen Jehovas Zeugen vorbrachte, nicht ohne weiteres Glauben. So war es bei einem Polizeichef in Njassaland (heute Malawi), der sich verkleidete und die Zusammenkünfte der eingeborenen Zeugen besuchte, um selbst herauszufinden, was für Leute das waren. Sie machten einen guten Eindruck auf ihn. Als die Regierung genehmigte, daß ein ansässiger Europäer die Gesellschaft vertrat, wurden Bert McLuckie und dann sein Bruder Bill Mitte der 30er Jahre dorthin gesandt. Sie blieben mit der Polizei und den Distriktskommissaren in Kontakt, damit diese Beamten ein klares Bild von ihrer Tätigkeit hätten und Jehovas Zeugen nicht mit irgendeiner fälschlich so genannten Watchtower-Bewegung verwechselten. Gleichzeitig arbeiteten sie geduldig mit Gresham Kwazizirah, einem reifen einheimischen Zeugen, zusammen, um den Hunderten, die sich den Versammlungen anschließen wollten, bewußtzumachen, daß geschlechtliche Unmoral, der Mißbrauch alkoholischer Getränke und Aberglaube mit der Lebensweise eines Zeugen Jehovas nicht zu vereinbaren sind (1. Kor. 5:9-13; 2. Kor. 7:1; Offb. 22:15).

      Im Jahre 1930 gab es nur etwa hundert Zeugen Jehovas im Süden Afrikas. Doch sie hatten in etwa ganz Afrika südlich des Äquators und einige Gebiete, die sich nördlich davon erstreckten, zu bearbeiten. Die Königreichsbotschaft in einem so weiten Umkreis zu predigen erforderte echte Pioniere. Frank und Gray Smith waren von dieser Art.

      Sie reisten mit dem Schiff von Kapstadt aus 4 800 Kilometer in nordöstlicher Richtung und fuhren dann noch vier Tage mit dem Auto über holprige Straßen, um nach Nairobi (Kenia, Britisch-Ostafrika) zu gelangen. In weniger als einem Monat gaben sie 40 Kartons biblische Literatur ab. Aber tragischerweise starb Frank auf der Rückreise an Malaria. Trotzdem gingen kurze Zeit später Robert Nisbet und David Norman auf die Reise — diesmal mit 200 Kartons Literatur —, um in Kenia und Uganda sowie in Tanganjika und auf Sansibar (heute beides Tansania) so viele Leute wie möglich zu erreichen. Bei ähnlichen Expeditionen gelangte die Königreichsbotschaft zu den Inseln Mauritius und Madagaskar im Indischen Ozean und St. Helena im Atlantik. Es wurde Wahrheitssamen ausgestreut, aber er ging nicht überall sofort auf.

      Von Südafrika aus wurde bereits 1925 das Predigen der guten Botschaft auf Basutoland (heute Lesotho), Betschuanaland (heute Botsuana) und Swasiland ausgedehnt. Als ungefähr acht Jahre später erneut Pioniere in Swasiland predigten, bereitete ihnen König Sobhusa II. einen königlichen Empfang. Er versammelte seine Leibwache von hundert Kriegern, hörte sich ein gründliches Zeugnis an und nahm darauf alle Veröffentlichungen der Gesellschaft entgegen, die die Brüder bei sich hatten.

      Allmählich wurde in diesem Teil des weltweiten Predigtgebietes die Zahl der Zeugen Jehovas größer. Den wenigen, die dem Werk in Afrika schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Weg gebahnt hatten, schlossen sich andere an, und 1935 gab es auf dem afrikanischen Kontinent 1 407 Personen, die sich gemäß Berichten am Predigen des Königreiches Gottes beteiligt hatten. Eine beträchtliche Anzahl lebte in Südafrika und Nigeria. Weitere große Gruppen, die sich als Zeugen Jehovas zu erkennen gaben, befanden sich in Njassaland (heute Malawi), Nordrhodesien (heute Sambia) und Südrhodesien (heute Simbabwe).

      In demselben Zeitraum schenkte man auch spanisch- und portugiesischsprachigen Gebieten Aufmerksamkeit.

      Spanisch- und portugiesischsprachige Gebiete bearbeitet

      Während der Erste Weltkrieg noch andauerte, kam Der Wachtturm in Spanisch heraus. In dieser Zeitschrift stand die Adresse eines Büros in Los Angeles (Kalifornien), das speziell für das spanischsprachige Gebiet eingerichtet worden war. Brüder, die in diesem Büro arbeiteten, waren sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Ländern südlich davon interessierten Personen eine große Hilfe.

      Juan Muñiz, der 1917 ein Diener Jehovas geworden war, wurde 1920 von Bruder Rutherford ermutigt, die Vereinigten Staaten zu verlassen und nach Spanien, in sein Geburtsland, zurückzuziehen, um dort das Königreichspredigtwerk zu organisieren. Die Ergebnisse ließen allerdings zu wünschen übrig — nicht etwa, weil es ihm an Eifer gemangelt hätte, sondern weil die Polizei ständig hinter ihm her war; deshalb wurde er ein paar Jahre später nach Argentinien versetzt.

      In Brasilien predigten bereits einige Anbeter Jehovas. Acht einfache Seeleute hatten die Wahrheit während ihres Landurlaubs kennengelernt, als ihr Schiff im New Yorker Hafen lag. Zurück in Brasilien, sprachen sie Anfang 1920 eifrig mit anderen über die Botschaft der Bibel.

      Der Kanadier George Young wurde 1923 nach Brasilien gesandt. Er trug bestimmt dazu bei, das Werk zu beleben. In zahlreichen öffentlichen Vorträgen, die gedolmetscht wurden, zeigte er, was die Bibel über den Zustand der Toten sagt, entlarvte den Spiritismus als dämonisch und erklärte, daß es Gottes Vorsatz ist, alle Familien der Erde zu segnen. Was seine Ansprachen noch überzeugender machte, war, daß er manchmal die erörterten Bibeltexte auf eine Leinwand projizierte, damit die Anwesenden sie in ihrer eigenen Sprache lesen konnten. Während er sich in Brasilien aufhielt, hatten Bellona Ferguson aus São Paulo und vier ihrer Kinder endlich die Gelegenheit, sich taufen zu lassen. Sie hatte 25 Jahre darauf gewartet. Von denen, die die Wahrheit annahmen, boten dann einige ihre Dienste für das Übersetzen der Literatur ins Portugiesische an. Bald gab es eine beachtliche Zahl von Veröffentlichungen in dieser Sprache.

      Bruder Young ging 1924 von Brasilien nach Argentinien und sorgte dafür, daß 300 000 spanischsprachige Publikationen in 25 der wichtigen Städte unentgeltlich verbreitet wurden. Noch im selben Jahr reiste er nach Chile, Peru und Bolivien, um Traktate zu verteilen.

      Nicht lange danach war George Young auf dem Weg in ein neues Gebiet. Diesmal ging es nach Spanien und Portugal. Nachdem er vom britischen Botschafter Regierungsvertretern vorgestellt worden war, konnte er es arrangieren, daß Bruder Rutherford in Barcelona, Madrid und in der portugiesischen Hauptstadt Vorträge hielt. Nach diesen Ansprachen gaben insgesamt mehr als 2 350 Personen ihre Adresse ab mit der Bitte um weiteren Aufschluß. Dann druckte eine der großen Zeitungen Spaniens den Vortrag ab, und in Traktatform wurde er im ganzen Land Leuten mit der Post zugeschickt. In Portugal erschien er ebenfalls in der Zeitung.

      Dadurch gelangte die Botschaft auch weit über die Grenzen Spaniens und Portugals hinaus. Ende 1925 war die gute Botschaft zu den Kapverdischen Inseln (heute Republik Kap Verde), nach Madeira, Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik), Portugiesisch-Westafrika (heute Angola) und zu Inseln im Indischen Ozean vorgedrungen.

      Im Jahr darauf bemühte man sich darum, daß die kraftvolle Resolution „Ein Zeugnis an die Herrscher der Welt“ in der spanischen Zeitung La Libertad abgedruckt wurde. Rundfunksendungen, die Verbreitung von Büchern, Broschüren und Traktaten sowie Aufführungen des „Photo-Dramas der Schöpfung“ trugen dazu bei, noch intensiver Zeugnis zu geben. 1932 folgten mehrere englische Pioniere der Einladung, in diesem Gebiet mitzuhelfen, und sie bearbeiteten systematisch große Teile des Landes mit biblischer Literatur, bis sie wegen des spanischen Bürgerkrieges ausreisen mußten.

      Inzwischen hatte Bruder Muñiz gleich nach seiner Ankunft in Argentinien angefangen zu predigen. Mit Uhrreparaturen sorgte er für seinen Lebensunterhalt. Abgesehen von seiner Tätigkeit in Argentinien, kümmerte er sich auch noch um Chile, Paraguay und Uruguay. Auf seine Bitte hin kamen einige Brüder aus Europa, um den deutschsprachigen Einwohnern Zeugnis zu geben. Viele Jahre später erzählte Carlos Ott, daß sie ihren Dienst um vier Uhr morgens begannen, indem sie in einem bestimmten Gebiet unter jeder Haustür ein Traktat zurückließen. Sie kamen dann noch am selben Tag wieder, um zusätzlich Zeugnis zu geben und interessierten Wohnungsinhabern weitere biblische Literatur anzubieten. Von Buenos Aires aus durchzogen die Vollzeitprediger das ganze Land — zunächst entlang den Eisenbahnlinien, die sich von der Hauptstadt aus wie die gespreizten Finger einer Hand Hunderte von Kilometern ins Land erstreckten, und dann mit allen möglichen Transportmitteln, je nachdem, was sich gerade anbot. Sie hatten kaum materielle Güter und machten viel durch, aber geistig gesehen waren sie reich.

      Zu denen, die in Argentinien eifrig tätig waren, gehörte der Grieche Nicolás Argyrós. Als er Anfang 1930 einige Veröffentlichungen der Watch Tower Society erhielt, war er besonders von einer Broschüre mit dem Thema Die Hölle beeindruckt und von den Fragen auf der Titelseite: „Was ist sie? Wer ist dort? Können sie herauskommen?“ Er war erstaunt, festzustellen, daß diese Broschüre nicht beschrieb, wie Sünder geröstet würden. Zu seiner großen Überraschung erkannte er, daß die Lehre vom Höllenfeuer eine religiöse Lüge war, erfunden, um den Leuten angst zu machen, so wie sie ihm Angst eingejagt hatte. Er machte sich prompt daran, über die Wahrheit zu sprechen — zuerst mit Griechen und dann, als sich sein Spanisch verbesserte, auch mit anderen. Jeden Monat setzte er 200 bis 300 Stunden dafür ein, anderen die gute Botschaft zu überbringen. Zu Fuß und mit irgendwelchen vorhandenen Beförderungsmitteln brachte er die biblischen Wahrheiten in 14 der 22 Provinzen Argentiniens. Während er von Ort zu Ort zog, konnte er in Betten schlafen, wenn sie ihm von gastfreundlichen Leuten angeboten wurden, oft aber übernachtete er im Freien und einmal sogar in einem Stall, wo ihm ein Esel als Wecker diente.

      Auch Richard Traub, der die Wahrheit in Buenos Aires kennengelernt hatte, besaß den Geist eines echten Pioniers. Ihm lag viel daran, den Menschen jenseits der Anden die gute Botschaft zu bringen. 1930, fünf Jahre nach seiner Taufe, kam er in Chile an — der einzige Zeuge Jehovas in einem Land mit 4 000 000 Einwohnern. Anfangs hatte er nur eine Bibel, mit der er arbeiten konnte, aber er begann, von Haus zu Haus zu predigen. Es gab keine Versammlungszusammenkünfte, die er besuchen konnte, und so ging er sonntags zu der Zeit, wo sie normalerweise stattfanden, zum Berg San Christóbal, setzte sich in den Schatten eines Baumes und vertiefte sich in sein Studium und ins Gebet. Nachdem er eine Wohnung gemietet hatte, lud er andere zu Zusammenkünften dorthin ein. Der einzige, der zur ersten Zusammenkunft erschien, war Juan Flores; er fragte: „Und die anderen, wann werden sie kommen?“ Bruder Traub antwortete einfach: „Sie werden kommen.“ Und sie kamen. In weniger als einem Jahr wurden 13 Personen getaufte Diener Jehovas.

      Vier Jahre später taten sich zwei Zeuginnen zusammen, die sich nie zuvor begegnet waren, um die gute Botschaft in Kolumbien zu predigen. Nach einem produktiven Jahr dort mußte Hilma Sjoberg in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Käthe Palm dagegen fuhr mit dem Schiff nach Chile und nutzte die 17 Tage auf See, um sowohl der Mannschaft als auch den Passagieren Zeugnis zu geben. Während des folgenden Jahrzehnts predigte sie von Arica, dem nördlichsten Hafen Chiles, bis nach Feuerland im äußersten Süden. Sie sprach in Geschäftshäusern vor und gab Regierungsvertretern Zeugnis. Beladen mit einer Satteltasche voll Literatur, die sie auf den Schultern trug, und einigen unentbehrlichen Gütern wie einer Decke zum Schlafen, suchte sie die abgelegensten Bergarbeitersiedlungen und Schaffarmen auf. Sie führte das Leben eines echten Pioniers. Und es gab noch andere, die denselben Geist hatten — Ledige, Verheiratete, Jüngere und Ältere.

      Im Jahre 1932 bemühte man sich besonders, die Königreichsbotschaft in lateinamerikanischen Ländern zu verkündigen, in denen bis dahin kaum gepredigt worden war. In diesem Jahr wurde von der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt eine beachtliche Anzahl verbreitet. Diese Broschüre enthielt einen Vortrag, der schon in einer internationalen Rundfunksendung ausgestrahlt worden war. Nun wurden in Chile rund 40 000 Exemplare dieser gedruckten Ansprache verbreitet, 25 000 in Bolivien, 25 000 in Peru, 15 000 in Ecuador, 20 000 in Kolumbien, 10 000 in Santo Domingo (heute Dominikanische Republik) und weitere 10 000 in Puerto Rico. Ja, die Königreichsbotschaft wurde verkündigt, und das sehr gründlich.

      Im Jahre 1935 gab es in Südamerika nur 247 Personen, die vereint verkündigten, daß nur Gottes Königreich der Menschheit wahres Glück bringen wird. Aber sie gaben ein gewaltiges Zeugnis.

      Menschen in noch abgelegeneren Regionen erreicht

      Jehovas Zeugen vertraten keinesfalls den Standpunkt, sie kämen ihrer Verantwortung gegenüber Gott nach, wenn sie einfach mit den wenigen sprächen, die zufällig in ihrer Nähe wohnten. Sie bemühten sich, allen die gute Botschaft zu überbringen.

      Menschen, die in Gegenden lebten, wohin die Zeugen nicht persönlich reisen konnten, wurden auf andere Weise erreicht. Ende der 20er Jahre zum Beispiel versandten die Zeugen in Kapstadt (Südafrika) 50 000 Broschüren an alle Farmer, Leuchtturmwärter, Förster und an andere, die abgelegen wohnten. Man beschaffte sich auch ein neues Adreßbuch von ganz Südwestafrika (heute Namibia) und schickte jedem, dessen Name darin stand, die Broschüre Des Volkes Freund zu.

      Im Jahre 1929 wurde F. J. Franske mit der Verantwortung für den Schoner Morton, der der Watch Tower Society gehörte, betraut und erhielt die Aufgabe, zusammen mit Jimmy James Menschen in Labrador und allen Fischersiedlungen von Neufundland zu besuchen. Im Winter bereiste Bruder Franske die Küste mit einem Hundegespann. Die Eskimos und Neufundländer, bei denen er biblische Literatur zurückließ, gaben ihm Lederwaren, Fische oder ähnliches, um die Kosten dafür zu decken. Ein paar Jahre später machte er sich auf zu den Bergarbeitern, Holzfällern, Pelztierjägern, Viehzüchtern und Indianern in dem rauhen Karibugebiet von Britisch-Kolumbien. Während er unterwegs war, jagte er, um sich Fleisch zu beschaffen, pflückte wilde Beeren und backte sein Brot in einer Bratpfanne über einem offenen Lagerfeuer. Danach benutzte er zusammen mit einem Partner ein Lachsfangboot als Transportmittel, und sie brachten die Königreichsbotschaft zu jeder Insel, jeder Bucht, in jedes Holzfällerlager, zu jedem Leuchtturm und in jede Siedlung an der Westküste Kanadas. Er war nur einer von vielen, die einiges auf sich nahmen, um die Menschen in den entlegenen Winkeln der Erde zu erreichen.

      Ende der 20er Jahre reiste Frank Day in Richtung Norden durch die Dörfer Alaskas, predigte, verbreitete Literatur und verkaufte nebenbei Brillen, um für sich sorgen zu können. Obwohl er wegen eines künstlichen Beines humpelte, bearbeitete er das Gebiet von Ketchikan bis Nome — eine Entfernung von ungefähr 1 900 Kilometern. Schon 1897 hatte ein Goldgräber in Kalifornien Exemplare der Serie Millennium-Tagesanbruch und des Wachtturms erhalten und geplant, sie mit zurück nach Alaska zu nehmen. Und 1910 hatte ein gewisser Kapitän Beams Literatur in den Häfen von Alaska zurückgelassen, die er mit seinem Walfangschiff anlief. Aber die Predigttätigkeit begann sich dadurch auszudehnen, daß Bruder Day über 12 Jahre lang jeden Sommer nach Alaska reiste.

      Zwei andere Zeugen fuhren mit dem 12 Meter langen Motorboot Esther die norwegische Küste entlang bis weit in die Arktis hinein. Sie gaben auf den Inseln Zeugnis, suchten Leuchttürme auf, predigten in Küstendörfern und besuchten abgelegene Orte tief in den Bergen. Viele Leute nahmen sie freundlich in Empfang, und im Laufe eines Jahres konnten sie 10 000 bis 15 000 Bücher und Broschüren verbreiten, in denen Gottes Vorsatz in bezug auf die Menschheit erklärt wurde.

      Inseln hören die Lobpreisung Jehovas

      Nicht nur auf Inseln in der Nähe von Festlandküsten wurde Zeugnis abgelegt. Anfang der 30er Jahre reiste Sydney Shepherd zwei Jahre lang mitten im Pazifik, um auf den Cookinseln und auf Tahiti zu predigen. Weiter westlich predigte George Winton die gute Botschaft auf den Neuen Hebriden (heute Vanuatu).

      Etwa um die gleiche Zeit machte sich auch Joseph Dos Santos, ein Amerikaner portugiesischer Abstammung, auf den Weg in unberührtes Gebiet. Zunächst gab er auf den äußeren Inseln Hawaiis Zeugnis; dann ging er auf eine Predigtreise rund um die Welt. Als er jedoch auf den Philippinen ankam, erhielt er einen Brief von Bruder Rutherford, in dem er gebeten wurde, dort zu bleiben, um das Königreichspredigtwerk in Gang zu bringen und zu organisieren. Er blieb 15 Jahre lang.

      Zu dieser Zeit wandte das australische Zweigbüro der Gesellschaft dem Werk im Südpazifik seine Aufmerksamkeit zu. Zwei Pioniere, die von dort ausgesandt wurden, gaben 1930/31 auf Fidschi ein umfassendes Zeugnis. Samoa hörte die Botschaft 1931. Auf Neukaledonien wurde 1932 gepredigt. Ein Pionierehepaar aus Australien nahm 1933 sogar den Dienst in China auf und legte in den folgenden paar Jahren in 13 bedeutenden chinesischen Städten Zeugnis ab.

      Den Brüdern in Australien wurde klar, daß mehr erreicht werden könnte, wenn ihnen ein Schiff zur Verfügung stünde. Bald rüsteten sie einen 16 Meter langen Zweimaster aus, den sie Lightbearer nannten, und er diente von Anfang 1935 an einer Gruppe eifriger Brüder mehrere Jahre als Ausgangspunkt für ihre Tätigkeit, während sie in Niederländisch-Indien (heute Indonesien), Singapur und Malaya Zeugnis gaben. Die Ankunft des Schiffes erregte immer viel Aufsehen, und dadurch bot sich den Brüdern oft Gelegenheit, zu predigen und eine Menge Literatur abzugeben.

      Unterdessen beschlossen 1935 auf der anderen Seite der Erdkugel zwei Pionierinnen aus Dänemark, eine Urlaubsreise zu den Färöern im Nordatlantik zu machen. Aber ihnen war nicht nur an der schönen Landschaft gelegen. Sie waren mit Tausenden von Publikationen ausgerüstet und machten guten Gebrauch davon. Wind und Regen und die Feindseligkeit der Geistlichen konnten ihnen nichts anhaben, und sie bearbeiteten die bewohnten Inseln, soweit es ihnen während ihres Aufenthalts möglich war.

      Weiter westlich übernahm Georg Lindal, ein Kanadier isländischer Herkunft, eine Aufgabe, die viel mehr Zeit in Anspruch nahm. Auf die Anregung Bruder Rutherfords hin zog er 1929 als Pionier nach Island. Er hatte eine erstaunliche Ausdauer. In den folgenden 18 Jahren diente er dort überwiegend allein. Immer wieder besuchte er die Dörfer und Städte. Er verbreitete Zehntausende von Veröffentlichungen, doch damals schloß sich ihm kein einziger Isländer im Dienst für Jehova an. Bis 1947, als zwei Gileadmissionare eintrafen, gab es mit Ausnahme eines einzigen Jahres keine Zeugen, mit denen er Gemeinschaft pflegen konnte.

      Wenn Menschen etwas untersagen, was Gott gebietet

      In ihrem öffentlichen Predigtdienst — besonders von den 20er bis zu den 40er Jahren — stießen Jehovas Zeugen nicht selten auf Anfeindungen, hinter denen meistens Geistliche und mitunter auch Regierungsvertreter steckten.

      In einem ländlichen Gebiet nördlich von Wien sahen sich die Zeugen einer vom Dorfgeistlichen mit Unterstützung der Gendarmerie aufgehetzten Menge gegenüber. Die Geistlichen wollten unbedingt verhindern, daß Jehovas Zeugen in ihren Dörfern predigten. Die Zeugen hingegen waren entschlossen, ihren göttlichen Auftrag auszuführen; sie kehrten an einem anderen Tag zurück und änderten ihre Methode, indem sie auf Umwegen in die Ortschaften gingen.

      Ganz gleich, womit Menschen ihnen drohten oder was sie von ihnen forderten, es war Jehovas Zeugen klar, daß sie vor Gott verpflichtet waren, sein Königreich zu verkündigen. Sie entschieden sich dafür, Gott, dem Herrscher, mehr zu gehorchen als den Menschen (Apg. 5:29). Wenn örtliche Behörden den Zeugen Jehovas keine Religionsfreiheit zuerkennen wollten, brachten die Zeugen einfach Verstärkung herbei.

      Nachdem es 1929 in einem Bezirk Bayerns wiederholt zu Verhaftungen gekommen war, setzte man zwei Sonderzüge ein — der eine fuhr in Berlin ab, der andere in Dresden. Sie wurden in Reichenbach gekoppelt, und um zwei Uhr morgens erreichte der Zug die Gegend um Regensburg mit 1 200 Passagieren, die darauf brannten, sich am Zeugnisgeben zu beteiligen. Das Reisen war teuer, und alle hatten ihr Fahrgeld selbst bezahlt. An jedem Bahnhof stiegen einige aus. Mehrere hatten Fahrräder mitgebracht, so daß sie aufs Land hinausfahren konnten. Der ganze Bezirk wurde an einem einzigen Tag bearbeitet. Als sie die Ergebnisse ihrer vereinten Anstrengungen sahen, kam ihnen unwillkürlich in den Sinn, was Gott seinen Dienern verheißen hatte: „Welche Waffe es auch immer sei, die gegen dich gebildet sein wird, sie wird keinen Erfolg haben“ (Jes. 54:17).

      Die Zeugen in Deutschland waren so eifrig, daß sie nach einer Schätzung zwischen 1919 und 1933 mindestens 125 000 000 Bücher, Broschüren und Zeitschriften sowie Millionen von Traktaten verbreiteten. Es gab damals jedoch nur rund 15 000 000 Familien in Deutschland. In dieser Zeit wurde in Deutschland von allen Ländern der Erde mit am gründlichsten Zeugnis abgelegt. Dort gab es mit die größte Konzentration von Personen, die sich zu den geistgesalbten Nachfolgern Christi rechneten. Doch in den folgenden Jahren machten sie sehr harte Prüfungen ihrer Lauterkeit durch (Offb. 14:12).

      Im Jahre 1933 nahm der Widerstand der Regierung gegen das Werk der Zeugen Jehovas in Deutschland stark zu. Die Wohnungen von Zeugen und das Zweigbüro der Gesellschaft wurden wiederholt von der Gestapo durchsucht. In den meisten deutschen Ländern wurde die Tätigkeit der Zeugen Jehovas verboten, und es kam zu Verhaftungen. Viele Tonnen Bibeln und biblische Literatur von ihnen wurden öffentlich verbrannt. Am 1. April 1935 wurde ein allgemeines Reichsverbot gegen die Ernsten Bibelforscher erlassen, und man machte systematische Anstrengungen, ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen. Die Zeugen wiederum versammelten sich jetzt nur noch in kleinen Gruppen, vervielfältigten ihr Bibelstudienmaterial auf eine Art und Weise, die von der Gestapo nicht ohne weiteres entdeckt werden konnte, und gingen zu weniger auffälligen Predigtmethoden über.

      Schon davor, nämlich von 1925 an, hatten die Brüder in Italien unter einer faschistischen Diktatur gelebt, und 1929 war ein Konkordat zwischen der katholischen Kirche und dem faschistischen Staat unterzeichnet worden. Wahre Christen wurden erbarmungslos verfolgt. Sie trafen sich zum Teil in Scheunen und auf Heuböden, um Verhaftungen zu entgehen. Es gab damals nur sehr wenige Zeugen Jehovas in Italien; 1932 erhielten sie jedoch Verstärkung beim Verbreiten der Königreichsbotschaft, als 20 Zeugen Jehovas aus der Schweiz nach Italien gingen und in einer Blitzaktion 300 000 Exemplare der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt verbreiteten.

      Auch im Fernen Osten nahm der Druck zu. In Japan wurden einzelne Zeugen Jehovas festgenommen. Beamte in Seoul (in der heutigen Republik Korea) und in Pjöngjang (in der heutigen Demokratischen Volksrepublik Korea) vernichteten große Mengen biblische Literatur.

      Mitten in diesen sich zusammenbrauenden Schwierigkeiten erlangten Jehovas Zeugen 1935 ein klares Verständnis darüber, wer die „große Schar“ oder „große Volksmenge“ (Lu; NW) aus Offenbarung 7:9-17 ist. Durch dieses Verständnis wurde ihnen bewußt, daß ein unvorhergesehenes und dringendes Werk vor ihnen lag (Jes. 55:5). Jetzt vertraten sie nicht mehr die Ansicht, daß alle, die nicht zur „kleinen Herde“ von Erben des himmlischen Königreiches gehörten, irgendwann in der Zukunft die Gelegenheit hätten, ihr Leben nach den Anforderungen Jehovas auszurichten (Luk. 12:32). Sie erkannten, daß nun die Zeit da war, aus solchen Menschen Jünger zu machen, damit sie überleben und in Gottes neue Welt gelangen könnten. Wie lange die Einsammlung dieser großen Volksmenge aus allen Nationen andauern würde, wußten sie nicht, obwohl sie meinten, das Ende des bösen Systems müsse sehr nahe sein. Sie waren sich nicht sicher, wie das Werk unter der Verfolgung, die sich ausweitete und immer heftiger wurde, im einzelnen durchzuführen wäre. Doch eines stand für sie fest: Jehova würde ihnen den Weg ebnen, damit sie seinen Willen tun könnten, denn „die Hand Jehovas ist nicht zu kurz“ (Jes. 59:1).

      Im Jahre 1935 gab es relativ wenige Zeugen Jehovas — nur 56 153 weltweit.

      Sie predigten damals in 115 Ländern; allerdings gab es in fast der Hälfte dieser Länder weniger als zehn Zeugen. Nur in zwei Ländern waren 10 000 oder mehr Zeugen Jehovas tätig (in den Vereinigten Staaten 23 808 und in Deutschland schätzungsweise 10 000 von den 19 268, die zwei Jahre vorher in der Lage gewesen waren, über ihre Tätigkeit zu berichten). In sieben anderen Ländern (Australien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Polen, Rumänien und Tschechoslowakei) verzeichneten sie jeweils mehr als 1 000, aber weniger als 6 000 Zeugen. Nach Unterlagen aus 21 weiteren Ländern gab es dort jeweils zwischen 100 und 1 000 Zeugen. Doch in jenem Jahr setzte diese Schar eifriger Zeugen weltweit 8 161 424 Stunden ein, um Gottes Königreich als einzige Hoffnung für die Menschheit zu verkündigen.

      Außer den Ländern, in denen 1935 gepredigt wurde, hatten vorher schon weitere die gute Botschaft vom Königreich gehört, so daß sie bis dahin in 149 Ländern und Inselgebieten gepredigt worden war.

      [Herausgestellter Text auf Seite 424]

      Auch in Haft hatten sie die Gelegenheit zu predigen

      [Herausgestellter Text auf Seite 425]

      Sie verspürten den brennenden Wunsch, mit dem Werk fortzufahren

      [Herausgestellter Text auf Seite 441]

      Wind, Regen und die Feindseligkeit der Geistlichen konnten ihnen nichts anhaben

      [Herausgestellter Text auf Seite 442]

      Bevor die „Ernsten Bibelforscher“ in Deutschland verboten wurden, war hier ein Zeugnis von enormem Ausmaß gegeben worden

      [Karte/Bilder auf Seite 423]

      Während die Welt Krieg führte, waren R. R. Hollister und Fanny Mackenzie damit beschäftigt, den Menschen in China, Japan und Korea eine Friedensbotschaft zu überbringen

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      KOREA

      JAPAN

      CHINA

      PAZIFISCHER OZEAN

      [Karte auf Seite 428]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Als Emigranten aus den Ländern, die auf dieser Karte aufgeführt sind, von Gottes wunderbarem Vorsatz erfuhren, die Menschheit zu segnen, fühlten sie sich gedrängt, diese Botschaft mit zurück in ihre Heimat zu nehmen

      AMERIKA

      ↓ ↓

      ÖSTERREICH

      BULGARIEN

      ZYPERN

      TSCHECHOSLOWAKEI

      DÄNEMARK

      FINNLAND

      DEUTSCHLAND

      GRIECHENLAND

      UNGARN

      ITALIEN

      NIEDERLANDE

      NORWEGEN

      POLEN

      PORTUGAL

      RUMÄNIEN

      SPANIEN

      SCHWEDEN

      SCHWEIZ

      TÜRKEI

      JUGOSLAWIEN

      [Karte auf Seite 432]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      In den 20er und 30er Jahren zogen Evangeliumsverkündiger von Deutschland in viele Länder, um Zeugnis abzulegen

      Deutschland

      ↓ ↓

      SÜDAMERIKA

      NORDAFRIKA

      ASIEN

      [Karte/Bilder auf Seite 435]

      Eifrige Pioniere wie Frank Smith und sein Bruder Gray (oben abgebildet) verbreiteten die gute Botschaft entlang der Ostküste Afrikas

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      UGANDA

      KENIA

      TANSANIA

      SÜDAFRIKA

      [Karte/Bild auf Seite 439]

      1928 wurde diese Broschüre Menschen in ganz Südwestafrika (heute Namibia) mit der Post geschickt

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      NAMIBIA

      [Karte/Bilder auf Seite 440]

      Mit dem Zweimaster „Lightbearer“ verbreiteten eifrige Pioniere die Königreichsbotschaft in Südostasien

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      MALAYA

      BORNEO

      CELEBES

      SUMATRA

      JAVA

      TIMOR

      NEUGUINEA

      AUSTRALIEN

      PAZIFISCHER OZEAN

      [Bilder auf Seite 426]

      In vielen Ländern lockte der Vortrag „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ eine Menge von Zuhörern an

      [Bilder auf Seite 427]

      In Südafrika verbreitete Edwin Scott persönlich 50 000 Exemplare der Resolution „Ein Aufruf an die Führer der Welt!“

      [Bild auf Seite 429]

      Willy Unglaube folgte dem Ruf nach Evangeliumsverkündigern und diente in Europa, Afrika und Asien

      [Bilder auf Seite 430]

      1992 waren sowohl Eric Cooke als auch sein Bruder John (sitzend) über 60 Jahre im Vollzeitdienst; sie hatten spannende Erlebnisse in Europa und Afrika hinter sich

      [Bild auf Seite 431]

      Als Edwin Skinner 1926 nach Indien ging, hatte er einen Auftrag, der sich auf fünf Länder erstreckte; 64 Jahre lang predigte er dort treu

      [Bild auf Seite 433]

      Alfred und Frieda Tuc̆ek, ausgerüstet mit lebensnotwendigen Gütern und Literatur zum Zeugnisgeben, dienten in Jugoslawien als Pioniere

      [Bilder auf Seite 434]

      In ganz Westafrika beteiligte sich „Bibel-Brown“ tatkräftig daran, die falsche Anbetung bloßzustellen

      [Bild auf Seite 436]

      George Young beteiligte sich an der ausgedehnten Verkündigung des Königreiches Gottes in Südamerika, Spanien und Portugal

      [Bild auf Seite 437]

      Juan Muñiz (links), der von 1924 an in Südamerika gepredigt hatte, hieß N. H. Knorr willkommen, als dieser über 20 Jahre später zum erstenmal Argentinien besuchte

      [Bild auf Seite 438]

      Nicolás Argyrós verbreitete die biblische Befreiungsbotschaft in 14 argentinischen Provinzen

      [Bilder auf Seite 439]

      F. J. Franske reiste auf Land- und Seewegen, um die biblische Wahrheit in abgelegene Siedlungen zu bringen

  • Teil 3 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 22

      Teil 3 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde

      Von Seite 444 bis 461 wird darüber berichtet, wie die Königreichsbotschaft von 1935 bis 1945 weltweit gepredigt wurde. Das Jahr 1935 ist hoch bedeutsam, weil man damals verstand, wer die große Schar oder große Volksmenge aus Offenbarung 7:9 ist. Was die Einsammlung dieser Gruppe betraf, erkannten Jehovas Zeugen allmählich aus der Bibel, daß ihnen ein Werk von noch nie dagewesenem Ausmaß bevorstand. Wie gingen sie vor, als die Nationen in den Zweiten Weltkrieg verwickelt wurden und ihr Werk oder ihre biblische Literatur in einem Großteil der Länder verboten war?

      JEHOVAS ZEUGEN verrichteten ihren Predigtdienst in den 30er Jahren mit dem Ziel, die Königreichsbotschaft so vielen wie möglich zu überbringen. Wenn sie auf außergewöhnliches Interesse stießen, kam es vor, daß sie bis in die Nacht hinein biblische Wahrheiten erklärten und Fragen beantworteten, um geistig Hungernde zufriedenzustellen. Aber in den meisten Fällen versuchten die Zeugen einfach, mit kurzen Darbietungen das Interesse der Wohnungsinhaber zu wecken, und überließen alles Weitere der Literatur oder öffentlichen biblischen Vorträgen. Ihr Werk bestand darin, die Leute zu informieren, ja Samen der Königreichswahrheit auszusäen.

      Intensive Bemühungen, vielen die gute Botschaft zu überbringen

      Das Werk wurde mit einem Gefühl der Dringlichkeit getan. Als zum Beispiel Armando Menazzi aus Córdoba (Argentinien) Anfang der 30er Jahre die Broschüren Die Hölle und Wo sind die Toten? las und sah, wie klar darin die biblische Wahrheit unterbreitet wurde, handelte er entschlossen (Ps. 145:20; Pred. 9:5; Apg. 24:15). Von dem, was er lernte, angetrieben und von Nicolás Argyrós’ Eifer angesteckt, verkaufte er seine Autowerkstatt, um als Pionier hingebungsvoll die Wahrheit zu predigen. Anfang der 40er Jahre kauften die Zeugen in Córdoba dann — von ihm angespornt — einen alten Bus und bauten Betten ein, so daß zehn oder mehr Verkündiger damit auf Predigttouren gehen konnten, die ein, zwei Wochen, aber auch drei Monate dauern konnten. Beim Planen dieser Reisen achtete man darauf, daß verschiedene Brüder und Schwestern aus der Versammlung die Gelegenheit erhielten mitzufahren. Jedem in der Gruppe wurde eine Arbeit zugewiesen — Reinigen, Kochen oder Fischen und Jagen. Diese eifrige Gruppe predigte in mindestens zehn argentinischen Provinzen von Haus zu Haus, sie bearbeitete Städte und Dörfer und besuchte auch verstreut liegende Gehöfte.

      Ein ähnlicher Geist war im australischen Gebiet zu beobachten. In den dichtbevölkerten Küstenstädten wurde gründlich Zeugnis abgelegt. Aber die Zeugen bemühten sich auch, abgelegen wohnende Leute zu erreichen. So gingen Arthur Willis und Bill Newlands am 31. März 1936 auf eine insgesamt 19 700 Kilometer lange Reise, um die Menschen auf den einsamen Schaf- und Rinderfarmen im Innern Australiens zu erreichen. Den Großteil ihrer Reise legten sie nicht auf Straßen zurück, sondern auf holprigen Wegen in der baumlosen Wüste mit ihrer sengenden Hitze und ihren heulenden Staubstürmen. Aber sie kämpften sich durch. Wo immer sie auf Interesse stießen, spielten sie Aufnahmen von biblischen Vorträgen ab und ließen Literatur zurück. Andere Male wurden sie von John E. (Ted) Sewell begleitet, der sich dann als Freiwilliger für den Dienst in Südostasien meldete.

      Das Gebiet, das vom australischen Zweigbüro der Gesellschaft beaufsichtigt wurde, reichte weit über die Grenzen Australiens hinaus. China gehörte dazu sowie Inselgruppen und Länder von Tahiti im Osten bis nach Birma (heute Myanmar) im Westen — eine Entfernung von 13 700 Kilometern. Diese Region schloß Hongkong ein, Indochina (heute Kambodscha, Laos und Vietnam), Niederländisch-Indien (darunter die Inseln Sumatra, Java und Borneo), Neuseeland, Siam (heute Thailand) und Malaya. Es kam nicht selten vor, daß der Zweigaufseher Alexander MacGillivray, ein Schotte, einen eifrigen jungen Pionier in sein Büro bat, ihm auf einer Karte das ganze Gebiet zeigte und fragte: „Wärst du gern Missionar?“ Dann deutete er jeweils auf eine Gegend, in der noch kaum oder gar nicht gepredigt wurde, und sagte: „Was hältst du davon, in diesem Gebiet das Werk in Gang zu bringen?“

      Anfang der 30er Jahre hatten einige dieser Pioniere in Niederländisch-Indien (heute Indonesien) und Singapur schon viel geleistet. 1935 begleitete der Neuseeländer Frank Dewar eine Gruppe von Pionieren auf der Lightbearer bis nach Singapur. Kurz bevor das Schiff zur Nordwestküste Malayas weiterfuhr, sagte Kapitän Eric Ewins: „Da wären wir, Frank. So weit konnten wir dich mitnehmen. Du wolltest nach Siam gehen. Also ab mit dir!“ Dabei hatte Frank Siam fast vergessen. Die Tätigkeit mit der Gruppe auf dem Schiff hatte ihm Spaß gemacht. Jetzt war er auf sich gestellt.

      Er wollte in Kuala Lumpur Zwischenstation machen, bis er genug Geld für den Rest der Reise hätte, doch wurde er dort in einen Verkehrsunfall verwickelt — beim Zusammenstoß mit einem Lastwagen stürzte er von seinem Fahrrad. Als es ihm wieder besserging, bestieg er mit nur fünf Dollar in der Tasche einen Zug, der von Singapur nach Bangkok fuhr. Voller Glauben, daß Jehova für ihn sorgen konnte, machte er sich an die Arbeit. 1931 hatte Claude Goodman dort für kurze Zeit gepredigt, aber als Frank im Juli 1936 ankam, waren keine Zeugen da, um ihn willkommen zu heißen. In den nächsten paar Jahren arbeiteten jedoch andere mit ihm zusammen — Willy Unglaube, Hans Thomas und Kurt Gruber aus Deutschland und Ted Sewell aus Australien. Sie verbreiteten viel Literatur, allerdings zumeist in Englisch, Chinesisch und Japanisch.

      Bruder Rutherford antwortete auf einen Brief an das Hauptbüro der Gesellschaft, in dem es hieß, daß die Brüder Literatur in Thai brauchten, aber keinen Übersetzer hätten: „Ich bin nicht in Thailand; Ihr seid dort. Vertraut auf Jehova, und arbeitet fleißig. Dann werdet Ihr schon einen Übersetzer finden.“ Und so war es auch. Chomchai Inthaphan, die damals die Rektorin einer presbyterianischen Mädchenschule in Chiang Mai war, nahm die Wahrheit an und übersetzte 1941 biblische Literatur ins Thai.

      Eine Woche nachdem Frank Dewar in Bangkok mit dem Predigen begonnen hatte, kam Frank Rice dort vorbei, der auf Java (heute ein Teil Indonesiens) den Weg für das Königreichswerk gebahnt hatte und sich nun auf der Durchreise in ein neues Gebiet befand — ins damalige Französisch-Indochina. Wie schon in seinem vorherigen Gebiet predigte er zunächst englischsprachigen Personen, während er die Landessprache lernte. Als er Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) bearbeitet hatte, verdiente er sich mit Englischunterricht Geld für ein altes Auto, mit dem er den Norden des Landes erreichen könnte. Es kam ihm nicht auf Komfort an, sondern auf die Königreichsinteressen (Heb. 13:5). Mit dem gekauften Auto fuhr er nach Hanoi und legte auf dem ganzen Weg dorthin in Städten, Dörfern und einsamen Behausungen Zeugnis ab.

      Mutige Verkündigungsmethoden

      In vielen Ländern griffen die Zeugen zu auffälligen Methoden, um Interesse an der Königreichsbotschaft zu wecken und die Menschen auf die Notwendigkeit für entschiedenes Handeln aufmerksam zu machen. 1936 kündigten sie in Glasgow (Schottland) zum erstenmal Kongreßvorträge an, indem sie Plakate trugen und in Geschäftsvierteln Handzettel verteilten. Zwei Jahre später, 1938, wurde in England in Verbindung mit einem Kongreß in London ein weiteres aufsehenerregendes Vorgehen eingeführt. Nathan H. Knorr und Albert D. Schroeder, die später zusammen in der leitenden Körperschaft dienten, gingen an der Spitze eines Zuges von fast tausend Zeugen durch das Hauptgeschäftsviertel Londons. Jeder zweite trug ein Plakat, auf dem der öffentliche Vortrag „Schau den Tatsachen ins Auge“ angekündigt wurde, der von J. F. Rutherford in der Royal Albert Hall gehalten werden sollte. Die übrigen hielten Schilder mit der Aufschrift hoch: „Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang“. (Damals verstand man unter Religion jede Form der Anbetung, die nicht in Einklang mit Gottes Wort, der Bibel, stand.) Um der feindseligen Reaktion einiger Leute entgegenzuwirken, nahm man noch in derselben Woche Schilder mit der Aufschrift „Dienet Gott und Christus, dem König“ dazwischen. Diese Tätigkeit war für viele Zeugen Jehovas nicht leicht, aber sie betrachteten sie als eine Möglichkeit, Jehova zu dienen, ja als eine Prüfung ihrer Loyalität ihm gegenüber.

      Daß Jehovas Zeugen ihre Botschaft so mutig bekanntmachten, wurde nicht gerade einhellig begrüßt. Die Geistlichkeit in Australien und Neuseeland setzte Leiter von Rundfunkstationen unter Druck, keine Sendungen der Zeugen Jehovas auszustrahlen. Im April 1938, als Bruder Rutherford nach Australien unterwegs war, um dort eine Rundfunkansprache zu halten, ließen sich Beamte der Stadtverwaltung von Sydney so weit beeinflussen, daß sie sich nicht an die getroffenen Abmachungen hielten, ihm das Rathaus und Rundfunkanlagen zur Verfügung zu stellen. Man mietete umgehend die große Sportanlage von Sydney, und durch die ausführliche Presseberichterstattung über den Widerstand, der dem Besuch Bruder Rutherfords entgegengebracht wurde, kam eine um so größere Menschenmenge zu seinem Vortrag. Bei anderen Gelegenheiten, wo man den Zeugen die Benutzung von Rundfunkanlagen verweigerte, kündigten sie als Reaktion darauf intensiv Veranstaltungen an, bei denen Plattenaufnahmen von Bruder Rutherfords Vorträgen abgespielt wurden.

      Geistliche in Belgien beauftragten Kinder, die Zeugen mit Steinen zu bewerfen, und Priester gingen persönlich an die Wohnungstüren, um die verbreitete Literatur wieder einzusammeln. Aber einigen Dorfbewohnern sagte das zu, was sie von Jehovas Zeugen lernten. Oft meinten sie: „Geben Sie mir mehrere Broschüren; wenn der Priester kommt, gebe ich ihm eine, damit er zufrieden ist, und die anderen behalte ich für mich, um darin zu lesen.“

      In den folgenden Jahren erhob sich jedoch noch stärkerer Widerstand gegen Jehovas Zeugen und die Königreichsbotschaft, die sie verkündigten.

      Predigen in Europa trotz kriegsbedingter Verfolgung

      In Belgien, Deutschland, Frankreich, in den Niederlanden und in Österreich wurden Tausende von Zeugen Jehovas ins Gefängnis oder in NS-Konzentrationslager gebracht, weil sie ihren Glauben nicht aufgaben und nicht aufhörten zu predigen. Dort war eine brutale Behandlung an der Tagesordnung. Diejenigen, die noch auf freiem Fuß waren, verrichteten ihren Predigtdienst vorsichtig. Oft gebrauchten sie ausschließlich die Bibel und boten nur dann Literatur an, wenn sie bei interessierten Personen Rückbesuche machten. Um nicht verhaftet zu werden, sprachen die Zeugen in Mehrfamilienhäusern nur an einer einzigen Tür vor und gingen dann vielleicht zu einem anderen Gebäude, oder sie klingelten nur an einem einzigen Haus in einer Straße und gingen dann zu einem Haus in einer anderen Straße. Doch sie schreckten keineswegs vor dem Zeugnisgeben zurück.

      Am 12. Dezember 1936, nur wenige Monate nachdem die Gestapo Tausende von Zeugen und interessierten Personen verhaftet hatte, um das Werk landesweit lahmzulegen, führten die Zeugen selbst eine Kampagne. In Blitzesschnelle steckten sie in ganz Deutschland Zehntausende von Exemplaren einer gedruckten Resolution in Briefkästen oder schoben sie unter die Türen. Darin protestierten sie gegen die grausame Behandlung ihrer christlichen Brüder und Schwestern. Schon eine Stunde nach Beginn der Verbreitung jagte die Polizei hinter den Verteilern her, aber sie faßte im ganzen Land nur etwa ein Dutzend.

      Die Beamten waren schockiert, daß nach allem, was die NS-Regierung unternommen hatte, um das Werk zu unterdrücken, eine solche Kampagne überhaupt gelingen konnte. Außerdem fürchteten sie das Volk. Wieso? Als die Polizei und andere Uniformierte in die Häuser gingen und die Bewohner fragten, ob sie dieses Blatt erhalten hätten, sagten die meisten nein. Tatsächlich hatte die große Mehrheit keins erhalten. In jedem Gebäude hatten nur zwei oder drei Haushalte ein Exemplar bekommen. Das wußte die Polizei aber nicht. Sie nahm an, es sei an jeder Tür eines zurückgelassen worden.

      In den folgenden Monaten wiesen NS-Beamte die in der gedruckten Resolution erhobenen Anschuldigungen weit von sich. Daher verteilten die Zeugen, die sich noch in Freiheit befanden, am 20. Juni 1937 als nächstes einen offenen Brief, der schonungslos Einzelheiten über die Verfolgung enthüllte — ein Dokument, in dem Namen von Beamten, Zeitpunkte und Orte genannt wurden. Die Gestapo war äußerst bestürzt über diese Bloßstellung und auch darüber, daß den Zeugen die Verbreitung überhaupt geglückt war.

      Zahlreiche Erlebnisse der Familie Kusserow aus Bad Lippspringe zeugten von ebendieser Entschlossenheit zum Zeugnisgeben. Ein Beispiel dafür ist das, was geschah, nachdem Wilhelm Kusserow in Münster vom NS-Regime öffentlich hingerichtet worden war, weil er sich geweigert hatte, seinen Glauben aufzugeben. Hilda, Wilhelms Mutter, fuhr sofort zum Gefängnis und machte dort nachdrücklich ihren Anspruch auf den Leichnam geltend. Sie sagte zu ihrer Familie: „Wir werden den Menschen, die ihn kannten, ein großes Zeugnis geben.“ Bei der Beerdigung sprach Franz, Wilhelms Vater, ein Gebet, durch das er seinen Glauben an die liebevollen Vorkehrungen Jehovas zum Ausdruck brachte. Am Grab sprach Wilhelms Bruder Karl-Heinz Worte des Trostes aus der Bibel. Das blieb nicht ungestraft, doch ihnen kam es vor allem darauf an, Jehova durch ein Zeugnis über seinen Namen und sein Königreich zu ehren.

      Als sich in den Niederlanden, bedingt durch den Krieg, Schwierigkeiten anbahnten, änderten die Zeugen dort klugerweise ihre Methoden für das Abhalten von Zusammenkünften. Sie trafen sich jetzt nur noch in Gruppen von höchstens zehn Personen in Privatwohnungen. Die Zusammenkunftsorte wechselten häufig. Jeder Zeuge besuchte nur seine eigene Gruppe, und keiner plauderte die Adresse aus, wo das Studium stattfand, nicht einmal einem vertrauten Freund. Zu jener Zeit, als ganze Bevölkerungsgruppen wegen des Krieges von Haus und Hof vertrieben wurden, war Jehovas Zeugen bewußt, daß die Leute dringend die tröstende Botschaft brauchten, die nur in Gottes Wort zu finden ist, und sie sprachen furchtlos mit anderen darüber. In einem Brief vom Zweigbüro wurden die Brüder allerdings daran erinnert, daß Jesus bei verschiedenen Gelegenheiten, als er mit Gegnern konfrontiert wurde, Vorsicht walten ließ (Mat. 10:16; 22:15-22). Daraufhin schrieben sie, wenn sie jemanden vorfanden, der sich feindselig verhielt, die Adresse genau auf, damit bei einer künftigen Bearbeitung des Gebietes besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden konnten.

      In Griechenland mußte die Bevölkerung während der deutschen Besetzung großes Leid ertragen. Die harte Behandlung, die Jehovas Zeugen widerfuhr, war allerdings mehr auf die Geistlichkeit der griechisch-orthodoxen Kirche zurückzuführen, die die Zeugen böswillig verleumdete und darauf drang, daß die Polizei und die Gerichte gegen sie vorgingen. Viele Zeugen Jehovas wurden verhaftet oder aus ihren Heimatorten in einsame Dörfer vertrieben, oder sie wurden auf unfruchtbaren Inseln festgehalten, wo sie unter harten Bedingungen lebten. Dennoch legten sie weiter Zeugnis ab. (Vergleiche Apostelgeschichte 8:1, 4.) Oft setzten sie sich in Parkanlagen zu den Leuten auf die Bänke und sprachen mit ihnen über Gottes Königreich. Wenn jemand echtes Interesse zeigte, liehen sie ihm eine der kostbaren biblischen Veröffentlichungen aus. Dadurch, daß die Literatur dann wieder zurückgegeben wurde, konnte sie immer wieder verwendet werden. Viele wahrheitsliebende Menschen nahmen die Hilfe der Zeugen dankbar an und schlossen sich ihnen sogar beim Überbringen der guten Botschaft an, obwohl sie deswegen erbittert verfolgt wurden.

      Entscheidend für den Mut und die Ausdauer der Zeugen war, daß sie durch geistige Speise erbaut wurden. In einigen Ländern Europas ging während des Krieges die Literatur zum Verbreiten zwar schließlich zur Neige, doch es gelang ihnen, in den eigenen Reihen glaubensstärkenden Lesestoff in Umlauf zu bringen, den die Gesellschaft für das Studium der Zeugen Jehovas weltweit bereitstellte. Unter Lebensgefahr beteiligten sich August Kraft, Peter Gölles, Ludwig Cyranek, Therese Schreiber und viele andere am Vervielfältigen und Verteilen von Studienmaterial, das von Italien, der Schweiz und der Tschechoslowakei nach Österreich geschmuggelt worden war. In den Niederlanden besorgte ein gütiger, hilfsbereiter Gefängniswärter Arthur Winkler eine Bibel. Trotz aller Gegenmaßnahmen des Feindes gelangten die im Wachtturm enthaltenen erfrischenden Wasser der biblischen Wahrheit sogar in die deutschen Konzentrationslager und zirkulierten dort unter den Zeugen.

      In Gefängnissen und Konzentrationslagern hörten Jehovas Zeugen nicht auf, Zeugen zu sein. Als der Apostel Paulus in Rom im Gefängnis war, schrieb er: „Ich [erleide] Ungemach bis zu Fesseln ... Dessenungeachtet ist das Wort Gottes nicht gebunden“ (2. Tim. 2:9). Das konnte auch während des Zweiten Weltkrieges von Jehovas Zeugen in Europa gesagt werden. Gefängniswärter beobachteten ihren Lebenswandel, manche stellten Fragen, und einige wenige schlossen sich den Zeugen in ihrem Glauben an, obwohl sie dadurch selbst ihre Freiheit verloren. Viele ihrer Mitgefangenen kamen aus Ländern, in denen die gute Botschaft noch kaum gepredigt worden war, wie zum Beispiel Rußland. Nach dem Krieg kehrten einige von ihnen als Zeugen Jehovas in ihre Heimat zurück und hatten den brennenden Wunsch, dort die Königreichsbotschaft zu verbreiten.

      Brutale Verfolgung und die Auswirkungen des totalen Krieges konnten nicht verhindern, daß Menschen, wie vorhergesagt, in Jehovas großes geistiges Haus der Anbetung eingesammelt wurden (Jes. 2:2-4). In den meisten Ländern Europas nahm von 1938 bis 1945 die Zahl derer, die sich öffentlich an dieser Anbetung beteiligten, indem sie Gottes Königreich verkündigten, beträchtlich zu. In Finnland, Frankreich, Großbritannien und in der Schweiz verzeichneten Jehovas Zeugen Zunahmen von annähernd 100 Prozent. In Griechenland stieg ihre Zahl fast um das Siebenfache an und in den Niederlanden um das Zwölffache. Dagegen waren Ende 1945 aus Deutschland und Rumänien noch keine Einzelheiten bekanntgeworden, und aus einer Reihe anderer Länder waren nur lückenhafte Berichte eingegangen.

      Wie es in den Kriegsjahren außerhalb Europas weiterging

      Auch in Asien brachte der Weltkrieg für Jehovas Zeugen extreme Schwierigkeiten mit sich. In Japan und Korea wurden sie festgenommen, geschlagen und gefoltert, weil sie für Gottes Königreich eintraten und den japanischen Kaiser nicht anbeteten. Schließlich waren sie von den Zeugen anderer Länder ganz und gar abgeschnitten. Für viele von ihnen waren Verhöre und Gerichtsverhandlungen die einzige Gelegenheit, Zeugnis abzulegen. Gegen Kriegsende war der öffentliche Predigtdienst der Zeugen Jehovas in diesen Ländern praktisch zum Stillstand gekommen.

      Als der Krieg auf die Philippinen übergriff, wurden die dortigen Zeugen, weil sie weder die japanischen Truppen noch die Widerstandsbewegung unterstützten, von beiden Seiten schikaniert. Viele Zeugen verließen ihr Zuhause, um nicht gefangengenommen zu werden. Aber während sie von Ort zu Ort zogen, predigten sie — sie verliehen Literatur, wenn sie welche hatten, und später benutzten sie nur noch die Bibel. Als die Front verlegt wurde, rüsteten sie sogar mehrere Boote aus, mit denen große Gruppen von Zeugen zu Inseln fuhren, auf denen noch kaum oder überhaupt nicht Zeugnis abgelegt worden war.

      In Birma (heute Myanmar) wurde die Literatur der Zeugen Jehovas im Mai 1941 nicht deshalb verboten, weil die Japaner einfielen, sondern weil anglikanische, methodistische, katholische und amerikanische baptistische Geistliche auf Kolonialbeamte Druck ausübten. Zwei Zeugen, die in einem Telegrafenamt arbeiteten, ersahen aus einem Telegramm, was auf sie zukommen würde, und so holten die Brüder schnell die Literatur aus dem Lager der Gesellschaft, damit sie nicht beschlagnahmt wurde. Sie bemühten sich dann, einen Großteil der Literatur auf dem Landweg nach China zu bringen.

      Damals beförderte die US-Regierung gewaltige Mengen Kriegsmaterial mit Lastwagen über die Birmastraße, um die chinesische Nationalregierung zu unterstützen. Die Brüder versuchten, auf einem der Lastwagen Platz zu bekommen, wurden aber schroff abgewiesen. Auch der Versuch, ein Fahrzeug aus Singapur zu besorgen, schlug fehl. Mick Engel, der für das Lager der Gesellschaft in Rangun (birmanisch: Yangon) zuständig war, sprach jedoch einen hohen amerikanischen Beamten an und erhielt von ihm die Genehmigung, die Literatur mit Armeefahrzeugen zu transportieren.

      Aber als Fred Paton und Hector Oates daraufhin zu dem Beamten gingen, der den Konvoi nach China leitete, und ihn um Platz baten, bekam er fast einen Anfall. „Was?“ schrie er. „Wie kann ich euch kostbaren Platz in meinen Lastwagen für eure dämlichen Traktate geben, wenn ich noch nicht einmal genug Platz für die dringend benötigten militärischen und medizinischen Vorräte habe, die hier im Freien verrotten?“ Fred hielt inne, griff in seine Aktentasche, zeigte ihm die schriftliche Genehmigung und wies darauf hin, daß es eine ernste Sache wäre, wenn er sich über die Anweisungen der Behörden in Rangun hinwegsetzte. Der Aufsichtsbeamte sorgte nicht nur dafür, daß zwei Tonnen Bücher transportiert wurden, sondern stellte den Brüdern auch einen kleineren Lastwagen mit einem Fahrer und Proviant zur Verfügung. Sie fuhren mit ihrer wertvollen Ladung in nordöstlicher Richtung über die gefährliche Gebirgsstraße nach China. Nachdem sie in Paoshan Zeugnis gegeben hatten, ging es weiter nach Chungking (früher Pahsien). Während des Jahres, das sie in China verbrachten, wurden dort Tausende von Publikationen über Jehovas Königreich verbreitet. Unter anderem gaben sie Chiang Kai-shek, dem Präsidenten der chinesischen Nationalregierung, persönlich Zeugnis.

      Da in Birma unterdessen die Bombardierungen zunahmen, verließen alle Zeugen — bis auf drei — das Land, und die meisten gingen nach Indien. Die Tätigkeit der drei Zurückgebliebenen war notgedrungen begrenzt. Doch sie legten weiter informell Zeugnis ab, und nach dem Krieg trugen ihre Bemühungen Früchte.

      Auch in Nordamerika stießen Jehovas Zeugen während des Krieges auf große Hindernisse. Durch weitverbreitete Pöbelangriffe und die verfassungswidrige Anwendung lokaler Gesetze wurde das Predigen wesentlich erschwert. Tausende wurden verhaftet, weil sie ihre christliche Neutralität bewahrten. Aber dadurch erlahmte der Haus-zu-Haus-Predigtdienst der Zeugen nicht. Außerdem konnte man sie ab Februar 1940 oft auf den Straßen der Geschäftsviertel sehen, wo sie die Zeitschriften Der Wachtturm und Trost (heute Erwachet!) anboten. Ihr Eifer nahm sogar noch zu. Obwohl sie einige der heftigsten Verfolgungswellen erlebten, die sie dort je durchmachten, stieg die Zahl der Zeugen in den Vereinigten Staaten und in Kanada von 1938 bis 1945 auf mehr als das Doppelte an und die Zeit, die sie für ihren öffentlichen Predigtdienst einsetzten, auf das Dreifache.

      In vielen Ländern und Inselgebieten des Britischen Commonwealth (in Nordamerika, Afrika, Asien, in der Karibik und im Pazifik) wurden entweder Jehovas Zeugen selbst oder ihre Veröffentlichungen von der Regierung verboten. Das traf zum Beispiel auf Australien zu. In einer amtlichen Mitteilung vom 17. Januar 1941, herausgegeben auf Anweisung des Generalgouverneurs, wurde es für ungesetzlich erklärt, daß Jehovas Zeugen Gottesdienste abhielten, irgendwelche ihrer Veröffentlichungen verbreiteten oder sie auch nur besaßen. Unter dem bestehenden Gesetz war es möglich, das Verbot vor Gericht anzufechten, und das wurde sofort getan. Allerdings dauerte es mehr als zwei Jahre, bis Richter Starke vom Obersten Bundesgericht erklärte, die Bestimmungen, die dem Verbot zugrunde lägen, seien „willkürlich, unlauter und schikanös“. Das vollbesetzte Oberste Bundesgericht hob das Verbot auf. Was taten Jehovas Zeugen in der Zwischenzeit?

      Wie die Apostel Jesu Christi ‘gehorchten sie Gott, dem Herrscher, mehr als den Menschen’ (Apg. 4:19, 20; 5:29). Sie predigten weiter. Trotz zahlreicher Hindernisse gelang es ihnen sogar, für den 25. bis 29. Dezember 1941 einen Kongreß in Hargrave Park unweit von Sydney vorzubereiten. Als die Regierung einer Anzahl Kongreßteilnehmer die Beförderung mit der Eisenbahn verweigerte, rüstete eine Gruppe aus Westaustralien ihre Autos mit einem Holzvergaser aus, der mit Holzkohle betrieben wurde, und begab sich auf eine 14tägige Querfeldeinreise, bei der sie eine Woche lang durch die unbarmherzige Nullarborebene ziehen mußte. Sie kam wohlbehalten an und erfreute sich zusammen mit den übrigen 6 000 Besuchern an dem Programm. Auch im darauffolgenden Jahr fand ein Kongreß statt, der aber diesmal für 150 kleinere Gruppen in sieben Großstädten des Landes abgehalten wurde, wobei die Redner von einer Kongreßstätte zur nächsten fuhren.

      Als sich 1939 die Lage in Europa zuspitzte, meldeten sich einige Pionierverkündiger der Zeugen Jehovas als Freiwillige für den Dienst in anderen Ländern. (Vergleiche Matthäus 10:23; Apostelgeschichte 8:4.) Drei deutsche Pioniere wurden von der Schweiz nach Schanghai (China) geschickt. Eine Anzahl ging nach Südamerika. Zu denen, die nach Brasilien versetzt wurden, gehörten Otto Estelmann, der in der Tschechoslowakei Versammlungen besucht und unterstützt hatte, und Erich Kattner, der im Zweigbüro der Watch Tower Society in Prag gedient hatte. Ihre neue Aufgabe war nicht leicht. Sie stellten fest, daß die Zeugen in manchen Gegenden, wo Landwirtschaft betrieben wurde, in aller Frühe aufstanden, bis 7 Uhr morgens predigten und dann ihren Predigtdienst in den späten Abendstunden fortsetzten. Bruder Kattner erinnert sich, daß er bei seinen Wanderungen von Ort zu Ort oft im Freien schlief, wobei er seine Literaturtasche als Kopfkissen benutzte. (Vergleiche Matthäus 8:20.)

      Sowohl Bruder Estelmann als auch Bruder Kattner waren von der NS-Geheimpolizei in Europa gejagt worden. Wurden sie durch ihre Übersiedlung nach Brasilien von der Verfolgung erlöst? Im Gegenteil, nach nur einem Jahr standen sie auf Veranlassung von Beamten, die anscheinend mit den Nationalsozialisten sympathisierten, für längere Zeit unter Hausarrest und wurden ins Gefängnis gesperrt. Die Zeugen wurden auch häufig von katholischen Geistlichen angefeindet, aber sie fuhren unbeirrt mit dem Werk fort, mit dem Gott sie beauftragt hatte. Sie suchten unermüdlich Städte und Ortschaften Brasiliens auf, in denen die Königreichsbotschaft noch nicht gepredigt worden war.

      Ein Rückblick auf die weltweite Situation während des Zweiten Weltkrieges zeigt, daß in der Mehrzahl der Länder, wo es Zeugen Jehovas gab, entweder ihre Organisation oder ihre Literatur verboten war. 1938 hatten sie in 117 Ländern und Inselgebieten gepredigt, doch in den Kriegsjahren (1939—1945) wurde in über 60 dieser Länder ihre Organisation oder Literatur verboten, oder die Verkündiger wurden ausgewiesen. Selbst wo sie nicht verboten waren, wurden sie häufig festgenommen oder vom Pöbel angegriffen. Trotz alldem kam das Predigen der guten Botschaft nicht zum Stillstand.

      In Lateinamerika kommt die große Volksmenge zum Vorschein

      Im Februar 1943, mitten in den Kriegsjahren, gründete die Watch Tower Society im Hinblick auf das Nachkriegswerk die Gileadschule im Bundesstaat New York, in der Missionare für den Auslandsdienst ausgebildet werden sollten. Vor Jahresende hatten schon 12 Missionare in Kuba mit ihrem Dienst begonnen. Dieses „Feld“ stellte sich als sehr fruchtbar heraus.

      Bereits 1910 waren Samenkörner biblischer Wahrheit nach Kuba gelangt. 1913 hatte C. T. Russell dort einen Vortrag gehalten. J. F. Rutherford hatte 1932 in Havanna über Rundfunk gesprochen, und die Ansprache wurde dann auch in Spanisch gesendet. Aber mit dem Wachstum ging es nur langsam voran. Damals war das Analphabetentum weit verbreitet, und es gab viele religiöse Vorurteile. Anfangs zeigten zum großen Teil englischsprechende Einwohner Interesse, die zum Beispiel von Jamaika stammten. 1936 gab es nur 40 Königreichsverkündiger in Kuba. Aber dann führte das Pflanzen und Bewässern der Samen der Königreichswahrheit zu einem größeren Fruchtertrag.

      Die ersten Kubaner hatten sich 1934 taufen lassen; weitere folgten. Ab 1940 wurde dort der Predigtdienst von Haus zu Haus durch tägliche Rundfunksendungen und mutiges Zeugnisgeben auf den Straßen verstärkt. Schon bevor 1943 Gileadmissionare eintrafen, hatten in Kuba 950 positiv auf die gute Botschaft reagiert und predigten sie anderen, wenn das auch nicht alle regelmäßig taten. In den zwei Jahren nach der Ankunft der Missionare nahm die Zahl sogar noch schneller zu. 1945 wurden in Kuba 1 894 Zeugen Jehovas gezählt. Die meisten hatten zwar früher einer Kirche angehört, in der gelehrt wurde, alle treuen Anhänger der Kirche kämen in den Himmel, aber die große Mehrheit derer, die Zeugen Jehovas wurden, akzeptierte freudig die Aussicht, in einem wiederhergestellten Paradies ewig auf der Erde zu leben (1. Mo. 1:28; 2:15; Ps. 37:9, 29; Offb. 21:3, 4). Nur 1,4 Prozent zählten sich zu den geistgesalbten Brüdern Christi.

      Das lateinamerikanische Gebiet erhielt noch auf andere Weise Hilfe von der Weltzentrale der Gesellschaft. Anfang 1944 verbrachten N. H. Knorr, F. W. Franz, W. E. Van Amburgh und M. G. Henschel zehn Tage in Kuba, um die Brüder dort im Glauben zu stärken. In dieser Zeit fand in Havanna ein Kongreß statt, und man umriß Pläne für eine bessere Koordinierung des Predigtwerkes. Diese Reise führte Bruder Knorr und Bruder Henschel außerdem nach Costa Rica, Guatemala und Mexiko, so daß sie auch den Zeugen Jehovas in diesen Ländern beistehen konnten.

      N. H. Knorr und F. W. Franz unternahmen 1945 und 1946 Reisen in 24 Länder und Inselgebiete von Mexiko bis zur Südspitze von Südamerika sowie in der Karibik, um mit den dortigen Zeugen sprechen und zusammenarbeiten zu können. Sie hielten sich fünf Monate in dieser Region auf und boten liebevolle Hilfe und Anleitung. Manchenorts trafen sie bloß mit einer Handvoll interessierter Personen zusammen. In Lima (Peru) und in Caracas (Venezuela) halfen sie persönlich bei der Gründung der ersten Versammlungen mit, so daß es dort regelmäßige Zusammenkünfte und Predigtdienstvorkehrungen geben konnte. Wo schon Zusammenkünfte abgehalten wurden, besuchten sie diese und gaben gelegentlich Hinweise, wie man deren praktischen Wert in bezug auf das Evangelisierungswerk erhöhen könne.

      Wo es sich einrichten ließ, wurden bei diesen Besuchen öffentliche biblische Vorträge arrangiert. Die Ansprachen wurden durch Plakate, die die Zeugen trugen, und durch Handzettel, die auf den Straßen verteilt wurden, intensiv angekündigt. Daraufhin erlebten die 394 Zeugen in Brasilien die Freude, daß 765 Personen ihren Kongreß in São Paulo besuchten. In Chile, wo es 83 Königreichsverkündiger gab, kamen 340 Personen, um den besonders angekündigten Vortrag zu hören. In Costa Rica freuten sich die 253 einheimischen Zeugen über eine Gesamtzahl von 849 Anwesenden auf ihren zwei Kongressen. Das waren Gelegenheiten, bei denen die Brüder herzliche Gemeinschaft pflegten.

      Es ging dabei jedoch nicht lediglich darum, unvergeßliche Kongresse abzuhalten. Bei diesen Reisen betonten die Vertreter des Hauptbüros besonders, wie wichtig es sei, Rückbesuche bei interessierten Personen zu machen und Heimbibelstudien mit ihnen durchzuführen. Wer ein echter Jünger werden wolle, brauche regelmäßige Unterweisung aus Gottes Wort. Daraufhin nahm die Zahl der Heimbibelstudien in dieser Region rapide zu.

      Während Bruder Knorr und Bruder Franz auf diesen Dienstreisen waren, trafen noch mehr Gileadmissionare in ihren Gebieten ein. Ende 1944 gab es in Costa Rica, Mexiko und Puerto Rico einige Missionare. 1945 halfen weitere Missionare, das Predigtwerk in Barbados, Brasilien, Britisch-Honduras (heute Belize), Chile, El Salvador, Guatemala, Haiti, Jamaika, Kolumbien, Nicaragua, Panama und Uruguay besser zu organisieren. Als 1945 die beiden ersten Missionare in die Dominikanische Republik kamen, waren sie die einzigen Zeugen Jehovas in dem Land. Die Auswirkungen des Predigtdienstes dieser frühen Missionare waren schon bald zu beobachten. Trinidad Paniagua sagte über die ersten Missionare, die nach Guatemala gesandt wurden: „Sie waren genau das, was wir brauchten — Lehrer des Wortes Gottes, die uns begreiflich machen würden, wie wir das Werk durchführen sollten.“

      So wurde das Fundament für eine Ausdehnung in diesem Teil des weltweiten Predigtgebietes gelegt. Auf den karibischen Inseln wurden Ende 1945 3 394 Königreichsverkündiger gezählt. In Mexiko gab es 3 276 und im übrigen Mittelamerika 404 weitere. In Südamerika waren es 1 042. Das entsprach in dieser Region einer Zunahme von 386 Prozent innerhalb von sieben äußerst turbulenten Jahren in der Menschheitsgeschichte. Aber es war nur der Anfang. Ein wahrhaft explosives Wachstum stand noch bevor. In der Bibel war vorhergesagt worden, daß vor der großen Drangsal „eine große Volksmenge ... aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Zungen“ als Anbeter Jehovas eingesammelt würde (Offb. 7:9, 10, 14).

      Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, predigten nur 72 475 Zeugen Jehovas in 115 Ländern und Inselgebieten (wenn man von den Landesgrenzen Anfang der 90er Jahre ausgeht). Obwohl sie weltweit heftig verfolgt wurden, stieg ihre Zahl bis Kriegsende auf mehr als das Doppelte an. Der Bericht für 1945 führte 156 299 Zeugen auf, die in den 107 Ländern tätig waren, von denen Berichte zusammengestellt werden konnten. Damals war aber in Wirklichkeit in 163 Ländern die gute Botschaft gepredigt worden.

      In den Jahren von 1936 bis 1945 wurde wirklich ein erstaunliches Zeugnis gegeben. In jenem Jahrzehnt weltweiten Aufruhrs setzten die eifrigen Zeugen Jehovas insgesamt 212 069 285 Stunden dafür ein, der Welt zu verkündigen, daß Gottes Königreich die einzige Hoffnung für die Menschheit ist. Sie verbreiteten auch 343 054 579 Bücher, Broschüren und Zeitschriften, durch die den Menschen die biblische Grundlage für ihre Zuversicht begreiflich gemacht wurde. 1945 führten sie im Durchschnitt 104 814 kostenlose Heimbibelstudien durch, um Menschen zu helfen, die echtes Interesse hatten.

      [Herausgestellter Text auf Seite 455]

      Der Krieg zwang sie zwar zur Flucht, aber sie predigten weiter

      [Kasten/Bilder auf Seite 451—453]

      Trotz Haft ließen sie sich nicht vom Zeugnisgeben abbringen

      Hier werden nur einige wenige von den Tausenden vorgestellt, die im Zweiten Weltkrieg wegen ihres Glaubens in Gefängnissen und Konzentrationslagern leiden mußten

      1. Adrian Thompson (Neuseeland). Kam 1941 in Australien ins Gefängnis; sein Antrag auf Befreiung vom Wehrdienst wurde abgelehnt, als Jehovas Zeugen in Australien verboten wurden. Nach seiner Entlassung stärkte er als reisender Aufseher die Versammlungen in ihrem öffentlichen Predigtdienst. Diente als Missionar und erster reisender Aufseher im Nachkriegsjapan; predigte eifrig bis zu seinem Tod im Jahre 1976.

      2. Alois Moser (Österreich). War in sieben Gefängnissen und Konzentrationslagern. 1992 war er im Alter von 92 Jahren nach wie vor ein eifriger Zeuge.

      3. Franz Wohlfahrt (Österreich). Franz ließ sich durch die Hinrichtung seines Vaters und seines Bruders nicht abschrecken. War fünf Jahre im Lager Rollwald (Deutschland). Predigte 1992 im Alter von 70 Jahren immer noch.

      4. Thomas Jones (Kanada). Wurde 1944 inhaftiert und danach in zwei Arbeitslager gebracht. Nach 34 Jahren Vollzeitdienst wurde er 1977 zu einem Mitglied des Zweigkomitees ernannt, das das Predigtwerk in ganz Kanada beaufsichtigt.

      5. Maria Hombach (Deutschland). Wurde mehrmals verhaftet und verbrachte dreieinhalb Jahre in Einzelhaft. Sie setzte als Kurier ihr Leben aufs Spiel, um Glaubensbrüdern biblische Literatur zu bringen. War 1992 mit ihren 90 Jahren immer noch eine treue Mitarbeiterin der Bethelfamilie.

      6. Max und Konrad Franke (Deutschland). Vater und Sohn; beide wurden wiederholt inhaftiert und waren viele Jahre in Haft. (Gertrud, Konrads Frau, war ebenfalls in Haft.) Alle blieben loyale, eifrige Diener Jehovas, und Konrad ging beim Wiederaufbau des Predigtwerkes der Zeugen im Nachkriegsdeutschland führend voran.

      7. A. Pryce Hughes (England). Wurde zweimal zu Haft verurteilt, die er in der Strafanstalt Wormwood Scrubs in London verbüßte; auch im Ersten Weltkrieg war er wegen seines Glaubens ins Gefängnis gekommen. Stand bis zu seinem Tod im Jahre 1978 im Königreichspredigtwerk in Großbritannien in vorderster Linie.

      8. Adolphe und Emma Arnold mit Tochter Simone (Frankreich). Obwohl Adolphe inhaftiert worden war, gaben Emma und Simone weiterhin Zeugnis und verteilten außerdem an Glaubensbrüder Literatur. Emma kam während ihres Gefängnisaufenthalts in Einzelhaft, weil sie ihren Mitgefangenen ständig Zeugnis gab. Simone wurde in eine Erziehungsanstalt geschickt. Alle blieben eifrige Zeugen.

      9. Ernst und Hildegard Seliger (Deutschland). Wegen ihres Glaubens verbrachten sie zusammengerechnet über 40 Jahre im Gefängnis und im Konzentrationslager. Selbst in Haft ließen sie nicht nach, anderen von den biblischen Wahrheiten zu erzählen. Wieder in Freiheit, setzten sie ihre ganze Zeit für das Predigen der guten Botschaft ein. Bruder Seliger starb 1985 als treuer Diener Gottes, Schwester Seliger 1992.

      10. Carl Johnson (Vereinigte Staaten). Wurde zwei Jahre nach seiner Taufe mit Hunderten anderer Zeugen in Ashland (Kentucky) inhaftiert. Diente als Pionier und Kreisaufseher; ging 1992 als Ältester immer noch führend im Predigtdienst voran.

      11. August Peters (Deutschland). Gewaltsam getrennt von seiner Frau und seinen vier Kindern, befand er sich 1936/37 sowie 1937—1945 in Haft. Statt nach seiner Freilassung weniger zu predigen, nahm er den Vollzeitdienst auf. Diente 1992 im Alter von 99 Jahren nach wie vor als Mitglied der Bethelfamilie und erlebte, wie die Zahl der Zeugen Jehovas in Deutschland auf 163 095 anstieg.

      12. Gertrud Ott (Deutschland). Wurde in Lodz (Polen) verhaftet und kam darauf ins Konzentrationslager Auschwitz, dann nach Groß-Rosen und Bergen-Belsen in Deutschland. Nach dem Krieg diente sie eifrig als Missionarin in Indonesien, im Iran und in Luxemburg.

      13. Katsuo Miura (Japan). Sieben Jahre nach seiner Inhaftierung in Hiroschima wurde ein Großteil des Gefängnisses, in dem er sich befand, durch die Atombombe zerstört, die die Stadt in Schutt und Asche legte. Die Ärzte entdeckten jedoch keinerlei Anzeichen dafür, daß er durch die Strahlung Schaden erlitten hätte. Die letzten Jahre seines Lebens stand er im Pionierdienst.

      14. Martin und Gertrud Pötzinger (Deutschland). Ein paar Monate nach ihrer Hochzeit wurden sie verhaftet und für neun Jahre gewaltsam voneinander getrennt. Martin kam nach Dachau und Mauthausen, Gertrud nach Ravensbrück. Trotz brutaler Behandlung blieb ihr Glaube unerschütterlich. Nach ihrer Freilassung setzten sie sich mit ganzer Kraft im Dienst Jehovas ein. Bruder Pötzinger diente 29 Jahre lang als reisender Aufseher und kam dabei durch ganz Deutschland; danach gehörte er bis zu seinem Tod im Jahre 1988 zur leitenden Körperschaft. Gertrud war 1992 immer noch eine eifrige Evangeliumsverkündigerin.

      15. Jizo und Matsue Ishii (Japan). Nachdem sie zehn Jahre lang in ganz Japan biblische Literatur verbreitet hatten, warf man sie ins Gefängnis. Obwohl das Werk der Zeugen Jehovas in Japan während des Krieges zerschlagen wurde, gaben Bruder und Schwester Ishii nach dem Krieg weiter eifrig Zeugnis. Matsue Ishii hat erlebt, wie die Zahl der Zeugen in Japan anstieg — auf über 171 000 im Jahre 1992.

      16. Victor Bruch (Luxemburg). In Buchenwald, Lublin, Auschwitz und Ravensbrück in Haft. Mit 90 Jahren immer noch als Ältester der Zeugen Jehovas tätig.

      17. Karl Schurstein (Deutschland). Reisender Aufseher, bevor Hitler an die Macht kam. War acht Jahre in Haft und wurde 1944 von der SS in Dachau umgebracht. Sogar im Lager erbaute er andere stets im Glauben.

      18. Kim Bong-nyu (Korea). War sechs Jahre lang in Haft. Erzählt anderen im Alter von 72 Jahren nach wie vor vom Königreich Gottes.

      19. Pamfil Albu (Rumänien). Nachdem man ihn brutal mißhandelt hatte, brachte man ihn für zweieinhalb Jahre in ein Arbeitslager in Jugoslawien. Nach dem Krieg wurde er noch zweimal inhaftiert, so daß er weitere 12 Jahre im Gefängnis saß. Er hörte nicht auf, über Gottes Vorsatz zu sprechen. Bis zu seinem Tod half er Tausenden von Menschen in Rumänien, gemeinsam mit der weltweiten Organisation der Zeugen Jehovas zu dienen.

      20. Wilhelm Scheider (Polen). 1939—1945 in NS-Konzentrationslagern. 1950—1956 und 1960—1964 im Gefängnis unter dem kommunistischen Regime. Bis zu seinem Tod im Jahre 1971 setzte er seine ganze Kraft unerschütterlich für die Verkündigung des Königreiches Gottes ein.

      21. Harald und Elsa Abt (Polen). Während des Krieges und danach verbrachte Harald wegen seines Glaubens 14 Jahre im Gefängnis und in Konzentrationslagern, aber selbst dort predigte er. Elsa wurde gewaltsam von ihrer kleinen Tochter getrennt und in Polen, Deutschland und Österreich in sechs Lagern festgehalten. Obwohl Jehovas Zeugen auch nach dem Krieg noch 40 Jahre lang in Polen verboten waren, diente die Familie weiterhin eifrig Jehova.

      22. Ádám Szinger (Ungarn). Er wurde bei sechs Gerichtsverhandlungen zu 23 Jahren Haft verurteilt, von denen er 8 1/2 Jahre im Gefängnis und in Arbeitslagern verbüßte. Nach seiner Freilassung diente er insgesamt 30 Jahre als reisender Aufseher. Heute ist er mit 69 Jahren ein treuer Versammlungsältester.

      23. Joseph Dos Santos (Philippinen). Hatte vor seiner Verhaftung im Jahre 1942 12 Jahre lang seine ganze Zeit für die Verkündigung der Königreichsbotschaft eingesetzt. Belebte nach dem Krieg die Tätigkeit der Zeugen Jehovas auf den Philippinen wieder und stand bis zu seinem Tod im Jahre 1983 im Pionierdienst.

      24. Rudolph Sunal (Vereinigte Staaten). Inhaftiert in Mill Point (Westvirginia). Nach seiner Entlassung setzte er seine ganze Zeit dafür ein, das Königreich Gottes bekanntzumachen — als Pionier, Bethelmitarbeiter und Kreisaufseher. Im Alter von 78 Jahren stand er 1992 noch immer im Pionierdienst.

      25. Martin Magyarosi (Rumänien). Leitete vom Gefängnis aus (1942 bis 1944) weiter das Predigen der guten Botschaft in Siebenbürgen. Nach seiner Freilassung war er ständig unterwegs, um seine Glaubensbrüder in ihrer Predigttätigkeit zu stärken, und war selbst ein furchtloser Zeuge. 1950 wurde er erneut inhaftiert und starb 1953 in einem Arbeitslager als ein loyaler Diener Jehovas.

      26. R. Arthur Winkler (Deutschland und Niederlande). Kam zuerst ins Esterwegener Konzentrationslager, wo er weiter predigte. Wurde später in den Niederlanden von der Gestapo bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagen. Schließlich wurde er nach Sachsenhausen gebracht. War bis zu seinem Tod im Jahre 1972 ein loyaler, eifriger Zeuge.

      27. Park Ock-hi (Korea). Verbrachte drei Jahre im Gefängnis Sodaemun in Seoul; erlitt dort unbeschreibliche Qualen. Im Alter von 91 Jahren gab sie 1992 als Sonderpionierin noch eifrig Zeugnis.

      [Karte/Bild auf Seite 446]

      Alexander MacGillivray, der Zweigaufseher von Australien, half mit, Predigttouren in viele Länder und zu vielen Inseln zu planen

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      AUSTRALIEN

      NEUSEELAND

      TAHITI

      TONGA-INSELN

      FIDSCHI-INSELN

      NEU-GUINEA

      JAVA

      BORNEO

      SUMATRA

      BIRMA

      HONGKONG

      MALAYA

      SIAM

      INDOCHINA

      CHINA

      STILLER OZEAN

      Die obigen Namen waren in den 30er Jahren gebräuchlich

      [Karte/Bilder auf Seite 460]

      Ende 1945 hatten Missionare der Gileadschule schon in 18 dieser Länder ihren Dienst aufgenommen

      Charles und Lorene Eisenhower

      Kuba

      John und Adda Parker

      Guatemala

      Emil Van Daalen

      Puerto Rico

      Olaf Olson

      Kolumbien

      Don Burt

      Costa Rica

      Gladys Wilson

      El Salvador

      Hazel Burford

      Panama

      Louise Stubbs

      Chile

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      BARBADOS

      BELIZE

      BOLIVIEN

      BRASILIEN

      CHILE

      KOLUMBIEN

      COSTA RICA

      KUBA

      DOMINIKANISCHE REPUBLIK

      EL SALVADOR

      GUATEMALA

      HAITI

      JAMAIKA

      MEXIKO

      NICARAGUA

      PANAMA

      PUERTO RICO

      URUGUAY

      [Bild auf Seite 444]

      Einige Kolporteure gaben viele Kartons Literatur ab; den Wohnungsinhabern wurden durch jedes Buch viele biblische Predigten vermittelt

      [Bild auf Seite 445]

      Armando Menazzi (vorn in der Mitte) und eine fröhliche Gruppe auf einer Predigttour mit ihrem „Pionierheim auf Rädern“

      [Bild auf Seite 445]

      Arthur Willis, Ted Sewell und Bill Newlands — drei Männer, die die Königreichsbotschaft ins Innere Australiens brachten

      [Bild auf Seite 447]

      Frank Dewar (hier mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern) war 1936 allein als Pionier nach Thailand gegangen und diente 1992 noch als Sonderpionier

      [Bild auf Seite 447]

      Chomchai Inthaphan setzte ihre Fähigkeiten als Übersetzerin ein, damit den Thailändern die gute Botschaft der Bibel überbracht werden konnte

      [Bild auf Seite 448]

      1937 verteilten Jehovas Zeugen in Deutschland weit und breit diesen offenen Brief, obwohl ihre Religionsausübung verboten war

      [Bild auf Seite 449]

      Franz und Hilda Kusserow mit ihren Kindern — jeder ein treuer Zeuge Jehovas, obwohl alle Familienmitglieder (außer einem Sohn, der tödlich verunglückt war) wegen ihres Glaubens in Konzentrationslager, Gefängnisse oder Erziehungsheime kamen

      [Bilder auf Seite 450]

      Einige, die in Österreich und Deutschland unter Lebensgefahr biblisches Studienmaterial, wie es als Hintergrund zu sehen ist, vervielfältigten oder verbreiteten

      Therese Schreiber

      Peter Gölles

      Elfriede Löhr

      Albert Wandres

      August Kraft

      Ilse Unterdörfer

      [Bild auf Seite 454]

      Zeugen auf dem Kongreß in Schanghai (China) im Jahre 1936; neun aus dieser Gruppe ließen sich bei dieser Gelegenheit taufen

      [Bild auf Seite 456]

      Obwohl ihre Religionsausübung in Australien verboten war, hielten diese Zeugen 1941 einen Kongreß in Hargrave Park unweit von Sydney ab

      [Bild auf Seite 458]

      Kubanische Zeugen auf dem Kongreß in Cienfuegos (1939)

      [Bild auf Seite 459]

      N. H. Knorr (links) auf dem Kongreß in São Paulo (1945) mit Erich Kattner als Dolmetscher

  • Teil 4 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 22

      Teil 4 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde

      Während der Zweite Weltkrieg noch fortdauerte, machten Jehovas Zeugen Pläne für eine intensivere Tätigkeit in den Nachkriegsjahren. Der Bericht auf den Seiten 462 bis 501 bringt spannende Einzelheiten über das, was sich von 1945 bis 1975 zutrug, während sie an Zahl zunahmen, in viele weitere Länder gingen und Gottes Wort gründlicher als je zuvor predigten und lehrten.

      DIE meisten der Westindischen Inseln waren bis 1945 irgendwie mit der Königreichsbotschaft in Berührung gekommen. Aber es mußte noch gründlicher Zeugnis abgelegt werden. Dabei sollten in der Gileadschule ausgebildete Missionare eine wichtige Rolle spielen.

      Missionare verstärken das Predigtwerk in Westindien

      Diese Missionare dienten 1960 auf 27 Inseln beziehungsweise Inselgruppen in der Karibik. In der Hälfte dieser Gebiete gab es, als sie ankamen, keine Versammlung der Zeugen Jehovas. Die Missionare begannen Heimbibelstudien mit interessierten Personen und organisierten regelmäßige Zusammenkünfte. Wo es schon Versammlungen gab, vermittelten sie den einheimischen Verkündigern wertvolle Schulung. Dadurch steigerte sich das Niveau der Zusammenkünfte, und der Predigtdienst wurde wirkungsvoller.

      Auf Trinidad hatten die frühen Bibelforscher bereits vor dem Ersten Weltkrieg Zeugnis abgelegt, aber mit dem Eintreffen der Gileadmissionare im Jahre 1946 nahmen die Heimbibelstudien mit interessierten Personen immer mehr zu. Auf Jamaika war die gute Botschaft schon fast seit einem halben Jahrhundert gepredigt worden, und als der erste Missionar ankam, gab es dort rund tausend einheimische Zeugen; sie waren jedoch froh, daß sie Hilfe bekamen, damit auch die gebildeteren Menschen — besonders in den Randbezirken der Hauptstadt — erreicht würden. Dagegen war auf Aruba unter den englischsprachigen Bewohnern schon umfassend Zeugnis abgelegt worden, so daß sich die Missionare auf die einheimische Bevölkerung konzentrierten. Jeder sollte die gute Botschaft hören.

      Damit auf allen Inseln dieser Region Menschen die Gelegenheit hätten, von Gottes Königreich zu erfahren, richtete die Watch Tower Society 1948 den 18 Meter langen Schoner Sibia als schwimmendes Missionarheim ein. Die Mannschaft sollte die Königreichsbotschaft zu allen Inseln von Westindien bringen, wo die gute Botschaft noch nicht gepredigt wurde. Der Kapitän war Gust Maki, und mit dabei waren Stanley Carter, Ronald Parkin und Arthur Worsley. Sie fingen mit den äußeren Inseln der Bahamas an und fuhren dann weiter in südöstlicher Richtung zu den Inseln über dem Winde. Was bewirkten ihre Aufenthalte dort? Auf Saint-Martin sagte ihnen ein Geschäftsmann: „Die Leute haben nie von der Bibel gesprochen, aber seit Sie hier sind, sprechen alle von der Bibel.“ Später wurde die Sibia durch ein größeres Schiff ersetzt — die Light. Auch war die Mannschaft anders zusammengesetzt. Innerhalb von zehn Jahren war das besondere Werk, das mit diesen Schiffen getan wurde, beendet, und Verkündiger der guten Botschaft, die auf den Inseln wohnten, machten weiter.

      Zuerst in größeren Städten gepredigt

      Wie in Westindien, so gab es auch in Mittel- und Südamerika in vielen Gegenden Leute, die schon Publikationen der Watch Tower Society erhalten hatten, bevor Gileadmissionare kamen. Allerdings war bessere Organisation nötig, um jedem die gute Botschaft überbringen zu können und aufrichtigen Menschen zu helfen, echte Jünger zu werden.

      Als 1945 der Zweite Weltkrieg endete, gab es in Brasilien und Argentinien Hunderte von Zeugen Jehovas; in Mexiko rund dreitausend; einige sehr kleine Versammlungen in Britisch-Guayana (heute Guyana), Chile, Niederländisch-Guayana (heute Suriname), Paraguay und Uruguay und eine Handvoll Verkündiger in Kolumbien, Guatemala und Venezuela. In Bolivien, Ecuador, El Salvador, Honduras und Nicaragua waren dagegen noch keine Zeugen Jehovas ständig tätig, bevor Gileadmissionare ankamen.

      Anfangs konzentrierten sich die Missionare auf dichtbevölkerte Zentren. Bemerkenswerterweise verrichtete der Apostel Paulus im ersten Jahrhundert einen Großteil seiner Predigttätigkeit in den Städten entlang den wichtigsten Verkehrsrouten Kleinasiens und Griechenlands. In Korinth, einer der bedeutendsten Städte des alten Griechenland, lehrte Paulus 18 Monate lang das Wort Gottes (Apg. 18:1-11). In Ephesus, einem Verkehrs- und Handelsknotenpunkt der Antike, verkündigte er mehr als zwei Jahre das Königreich Gottes (Apg. 19:8-10; 20:31).

      Als Edward Michalec und Harold Morris, Absolventen der Gileadschule, 1945 nach Bolivien gingen, suchten sie sich nicht die Gegend mit dem angenehmsten Klima aus. Statt dessen konzentrierten sie sich zunächst auf die Hauptstadt La Paz, die 3 700 Meter hoch in den Anden liegt. Für Neuankömmlinge ist es eine Strapaze, in dieser Höhe die steilen Straßen zu ersteigen; oft jagt dabei ihr Puls. Aber die Missionare fanden viele Menschen, die an der biblischen Botschaft interessiert waren. Dort in der Hauptstadt hörte man oft die Äußerung: „Ich bin zwar römisch-katholisch, aber die Priester kann ich nicht leiden.“ Schon nach zwei Monaten hatten die beiden Missionare 41 Heimbibelstudien.

      Da weitere Missionare kamen und die Zahl der einheimischen Zeugen anstieg, konzentrierte man sich in den folgenden zehn Jahren auf andere bolivianische Städte: Cochabamba, Oruro, Santa Cruz, Sucre, Potosí und Tarija. Danach konnten auch kleinere Städte und ländliche Gegenden gründlicher bearbeitet werden.

      In Kolumbien begannen die Missionare 1945 ebenfalls in der Hauptstadt Bogotá mit dem organisierten Predigen und wandten sich im Jahr darauf der Küstenstadt Barranquilla zu. Danach konzentrierten sie sich nacheinander auf Cartagena, Santa Marta, Cali und Medellín. Dadurch, daß man die Großstädte zuerst bearbeitete, konnten in kurzer Zeit viele Leute erreicht werden. Und diejenigen, die dort die Wahrheit kennenlernten, sorgten dafür, daß die Botschaft bald in die umliegenden Gebiete gelangte.

      Wenn in einer Stadt kaum Interesse vorzufinden war, wurden die Missionare woandershin geschickt. Als zum Beispiel in Ecuador Mitte der 50er Jahre nach drei Jahren Tätigkeit in dem fanatisch religiösen Cuenca kein einziger den Mut hatte, für die Wahrheit Stellung zu beziehen, wurde Carl Dochow nach Machala versetzt, einer Stadt mit unbeschwerten, aufgeschlossenen Bewohnern. Ungefähr zehn Jahre später erhielten die Einwohner Cuencas jedoch eine neue Chance. Nun herrschte ein anderer Geist, man überwand Hindernisse, und bis 1992 waren in Cuenca und Umgebung über 1 200 Menschen Zeugen Jehovas geworden, und es gab dort 25 Versammlungen.

      Geduldige Suche nach schafähnlichen Menschen

      Es erfordert viel Geduld, Menschen ausfindig zu machen, die wirklich wie Schafe sind. In Suriname haben Jehovas Zeugen, um solche Personen zu finden, Chinesen gepredigt, Indianern, Indonesiern, Juden, Libanesen, Nachkommen niederländischer Siedler und in Wäldern lebenden Buschnegerstämmen, deren Vorfahren entlaufene Sklaven waren. Unter ihnen sind Hunderte gefunden worden, die regelrecht nach der Wahrheit hungerten. Einige waren tief in Animismus und in spiritistische Bräuche verstrickt und mußten davon loskommen. Da war zum Beispiel Paitu, ein Medizinmann, der die Botschaft der Bibel in sein Herz eindringen ließ und daraufhin seine Götzen, Amulette und Elixiere in den Fluß warf. (Vergleiche 5. Mose 7:25; 18:9-14; Apostelgeschichte 19:19, 20.) 1975 gab er sich Jehova, dem wahren Gott, hin.

      Eine Menge Peruaner leben in kleinen Dörfern, die in den Anden und in den Wäldern am Oberlauf des Amazonas verstreut liegen. Wie konnten sie erreicht werden? 1971 reisten die Leydigs aus den Vereinigten Staaten nach Peru, um ihren Sohn Joe, der dort als Missionar diente, zu besuchen. Als ihnen die große Zahl von Dörfern auffiel, die hier und da in den Bergtälern versteckt lagen, veranlaßte sie ihr Interesse an diesen Menschen, etwas für sie zu tun. Sie halfen mit, ein Wohnmobil anzuschaffen, dann noch zwei weitere und auch geländegängige Motorräder, damit ausgedehnte Predigttouren in diese abgelegenen Winkel gemacht werden konnten.

      Trotz aller Anstrengungen hatte man vielerorts den Eindruck, daß sich nur sehr wenige für die biblische Botschaft interessierten. Man kann sich gut vorstellen, was die Gruppe von sechs jungen Missionaren in Barquisimeto (Venezuela) Anfang der 50er Jahre empfand, als sie nach einem ganzen Jahr fleißiger Predigttätigkeit kaum Fortschritte sah. Die Leute waren zwar recht freundlich, aber auch äußerst abergläubisch und betrachteten es schon als Sünde, einen Bibeltext zu lesen. Wer Interesse zeigte, wurde bald von Angehörigen oder Nachbarn entmutigt (Mat. 13:19-21). Doch in der Zuversicht, daß es in Barquisimeto einige schafähnliche Menschen geben mußte und daß Jehova sie zu der von ihm bestimmten Zeit einsammeln würde, sprachen die Missionare weiter von Haus zu Haus vor. So freute sich Penny Gavette von ganzem Herzen, als ihr eines Tages eine grauhaarige Frau zuhörte und dann sagte:

      „Señorita, schon als junges Mädchen habe ich darauf gewartet, daß jemand an meine Tür kommt und mir das erklärt, was Sie mir gerade gesagt haben. Wissen Sie, als Mädchen habe ich das Haus des Priesters saubergemacht, und er hatte in seiner Bibliothek eine Bibel. Ich wußte zwar, daß wir sie nicht lesen durften, aber ich war so neugierig, den Grund dafür zu erfahren, daß ich sie eines Tages unbeobachtet mit nach Hause nahm und heimlich las. Was ich da las, machte mir bewußt, daß die katholische Kirche uns nicht die Wahrheit beigebracht hatte und deshalb nicht die wahre Religion sein konnte. Ich hatte Angst, mit jemandem darüber zu sprechen, aber ich war mir sicher, daß irgendwann Leute, die die wahre Religion lehrten, in unsere Stadt kommen würden. Als die Protestanten kamen, dachte ich zuerst, sie seien es, aber bald entdeckte ich bei ihnen viele der falschen Lehren, die die katholische Kirche auch vertrat. Aber was Sie mir gerade gesagt haben, ist genau das, was ich vor so vielen Jahren in der Bibel gelesen habe.“ Diese Frau war sofort bereit, die Bibel zu studieren, und wurde eine Zeugin Jehovas. Obwohl sie bei ihrer Familie auf Widerstand stieß, diente sie Jehova treu bis zu ihrem Tod.

      Es kostete einige Mühe, solche schafähnlichen Menschen in Versammlungen zusammenzubringen und sie im Dienst Jehovas zu schulen. In Argentinien legte Rosendo Ojeda beispielsweise regelmäßig von General San Martín (Chaco) aus 60 Kilometer zurück, um im Haus Alejandro Sozoñiuks, eines interessierten Mannes, eine Zusammenkunft zu leiten. Die Reise dauerte oft zehn Stunden — teils fuhr er mit dem Fahrrad, teils ging er zu Fuß, und manchmal mußte er durch Wasser waten, das ihm bis zu den Achselhöhlen reichte. Er machte diese Reise über einen Zeitraum von fünf Jahren jeden Monat und blieb jeweils eine Woche, um in der Gegend Zeugnis abzulegen. War es die Mühe wert? Daran hat er keinen Zweifel, denn das Ergebnis war eine Versammlung von glücklichen Lobpreisern Jehovas.

      Bildung gefördert, die zum Leben gereicht

      In Mexiko richteten sich Jehovas Zeugen bei der Durchführung ihres Werkes nach den Bestimmungen für kulturelle Organisationen aus. Die Zeugen wollten nicht lediglich Zusammenkünfte organisieren, in denen Vorträge gehalten wurden. Sie hatten den Wunsch, daß die Menschen wie die Beröer zur Zeit des Apostels Paulus wären, die „in den Schriften sorgfältig forschten, ob sich diese Dinge [die man sie lehrte] so verhielten“ (Apg. 17:11). In Mexiko wie auch in vielen anderen Ländern war es dazu oft nötig, Menschen, die keine Schule besucht hatten, aber das inspirierte Wort Gottes selbst lesen wollten, spezielle Hilfe zu leisten.

      Durch Leseunterricht, den Jehovas Zeugen in Mexiko geben, lernten Zehntausende Lesen und Schreiben. Das mexikanische Bildungsministerium schätzt diese Arbeit sehr, und so schrieb 1974 ein leitender Beamter der Abteilung für Erwachsenenbildung an La Torre del Vigía de México — eine gesetzlich eingetragene Vereinigung, deren sich Jehovas Zeugen bedienen: „Ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen, um Ihnen meinen herzlichen Glückwunsch auszusprechen ... für die lobenswerte kooperative Arbeit, die Ihre Vereinigung Jahr für Jahr zum Nutzen unseres Volkes leistet.“

      Durch die Bildung, die Jehovas Zeugen vermitteln, werden Menschen nicht nur auf ewiges Leben als Untertanen des Königreiches Gottes vorbereitet, sondern ihr Familienleben wird auch heute schon verbessert. Nachdem ein Richter in El Salto (Durango) mehrere Ehen von Zeugen Jehovas geschlossen hatte, erklärte er 1952: „Wir behaupten, Patrioten und gute Bürger zu sein, aber Jehovas Zeugen beschämen uns. Sie sind uns ein Vorbild, weil sie in ihrer Organisation absolut niemanden dulden, der in einer eheähnlichen Gemeinschaft lebt, also nicht gesetzlich verheiratet ist. Und ihr Katholiken führt fast alle ein unmoralisches Leben und habt keine Eheschließung vollzogen.“

      Durch dieses Bildungsprogramm lernen Menschen auch, friedlich zusammen zu leben und sich gegenseitig zu lieben, statt sich zu hassen und zu töten. Als ein Zeuge Jehovas in Venado (Guanajuato) zu predigen begann, stellte er fest, daß die Leute alle mit Gewehren und Pistolen bewaffnet waren. Durch Fehden wurden ganze Familien ausgelöscht. Aber die biblische Unterweisung brachte entscheidende Änderungen mit sich. Gewehre wurden verkauft, um Bibeln kaufen zu können. Es dauerte nicht lange, und in der Gegend gab es über 150 Zeugen Jehovas. Bildlich gesprochen, ‘schmiedeten sie ihre Schwerter zu Pflugscharen’ und schlugen den Weg des Friedens ein (Mi. 4:3).

      Viele gottesfürchtige Mexikaner haben sich das, was Jehovas Zeugen sie aus Gottes Wort gelehrt haben, zu Herzen genommen. Deshalb wurden aus den wenigen tausend Verkündigern in Mexiko, die es nach dem Zweiten Weltkrieg gab, bald 10 000, dann 20 000, 40 000, 80 000 und noch mehr, da Jehovas Zeugen den Menschen beibrachten, wie man den Rat aus Gottes Wort anwendet und anderen vermittelt.

      Kongresse unter widrigen Umständen

      Die Zahl der Zeugen Jehovas nahm zwar zu, doch in einem Land nach dem anderen mußten sie große Hindernisse überwinden, um Kongresse zur christlichen Unterweisung abhalten zu können. In Argentinien wurde ihr Werk 1950 von der Regierung verboten. Doch aus Gehorsam gegenüber Gott hörten sie nicht auf zu predigen und verzichteten auch nicht auf Kongresse. Obwohl sich die Planung als ziemlich kompliziert herausstellte, fanden Kongresse statt.

      Zum Beispiel besuchten Bruder Knorr und Bruder Henschel Ende 1953 Argentinien, um landesweit auf Kongressen Ansprachen zu halten. Bruder Knorr reiste vom Westen aus in das Land, und Bruder Henschel begann seine Besuche im Süden. Sie sprachen zu Gruppen, die sich auf Gehöften versammelten, in einem Obstgarten, beim Picknick an einem Gebirgsfluß und in Privatwohnungen. Oft mußten sie von einer Gruppe zur nächsten weite Strecken zurücklegen. In Buenos Aires angekommen, wirkten die beiden an einem Tag an je neun Orten beim Programm mit und am nächsten Tag in elf Wohnungen. Insgesamt sprachen sie vor 56 Gruppen, und die Besucherzahl betrug zusammengerechnet 2 505. Es war eine Strapaze, aber sie waren glücklich, ihren Brüdern damit gedient zu haben.

      Als die Zeugen in Kolumbien 1955 einen Kongreß vorbereiteten, schlossen sie einen Vertrag über die Benutzung eines Saales in Barranquilla ab. Auf Drängen des Bischofs schalteten sich jedoch der Bürgermeister und der Gouverneur ein, und der Vertrag wurde rückgängig gemacht. Obwohl die Brüder das erst einen Tag vorher erfuhren, schafften sie es noch, die Kongreßstätte auf das Gelände des Zweigbüros der Gesellschaft zu verlegen. Doch zu Beginn des ersten Abendprogramms kamen bewaffnete Polizisten, die beauftragt waren, den Kongreß aufzulösen. Die Brüder gaben nicht auf. Eine Beschwerde beim Bürgermeister am nächsten Morgen führte dazu, daß sein Sekretär sich entschuldigte, und am letzten Tag des Kongresses „Triumphierendes Königreich“ strömten fast 1 000 Besucher auf das Grundstück der Gesellschaft. Trotz der damaligen Verhältnisse erhielten die Brüder also die nötige geistige Stärkung und Anleitung.

      Dort dienen, wo ein größerer Bedarf an Verkündigern besteht

      Das Feld war riesig, und es bestand großer Bedarf an Erntearbeitern in Lateinamerika wie auch anderswo. 1957 wurden weltweit auf Kongressen reife Zeugen Jehovas — Alleinstehende und Familien — ermuntert, den Umzug in ein Gebiet zu erwägen, in dem größerer Bedarf an Verkündigern bestand. Auch danach wurde noch verschiedentlich dazu angeregt. Die Einladung war ähnlich wie die, die Gott an den Apostel Paulus ergehen ließ, als er in einer Vision einen Mann sah, der ihn dringend bat: „Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns!“ (Apg. 16:9, 10). Wie war die Reaktion auf die neuzeitliche Einladung? Die Diener Jehovas boten sich willig dar (Ps. 110:3).

      Eine Familie mit kleinen Kindern braucht eine Menge Glauben, um alles aufzugeben, ja um Angehörige, ihr Zuhause und den Arbeitsplatz zu verlassen und in eine ganz ungewohnte Umgebung zu ziehen. Der Wechsel bringt womöglich mit sich, daß man sich an einen völlig anderen Lebensstandard gewöhnen muß, und in manchen Fällen ist es nötig, eine neue Sprache zu erlernen. Doch Tausende von alleinstehenden Zeugen Jehovas und Familien haben solche Umzüge auf sich genommen, um anderen zu helfen, von Jehovas liebevollen Vorkehrungen für ewiges Leben zu erfahren.

      Eine Anzahl Zeugen Jehovas haben unverzüglich reagiert und sind Ende der 50er Jahre umgezogen; weitere sind in den 60er und 70er Jahren nachgefolgt. Auch gegenwärtig ziehen noch Zeugen in Gebiete, wo Hilfe dringender benötigt wird.

      Von woher sind sie gekommen? Eine große Zahl aus Australien, Kanada, Neuseeland und den Vereinigten Staaten; viele aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien; eine Anzahl auch aus Belgien, Dänemark, Finnland, Italien, Japan, der Republik Korea, aus Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz, Spanien und anderen Ländern. Während die Zahl der Zeugen Jehovas in Argentinien, Brasilien, Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern zugenommen hat, sind dort ebenfalls Erntearbeiter bereit gewesen, in Ländern zu dienen, wo der Bedarf an Verkündigern größer ist. Auch in Afrika sind eifrige Erntearbeiter von einem Land in ein anderes gezogen, um beim Zeugnisgeben zu helfen.

      In welche Gebiete sind sie gezogen? In Länder wie Afghanistan, Malaysia und Senegal und auf Inseln wie Réunion und St. Lucia. Ungefähr 1 000 zogen nach Irland, wo sie unterschiedlich lange dienten. Eine beachtliche Anzahl ging nach Island trotz der langen, dunklen Winter, und einige blieben dort, wurden zu Stützen der Versammlungen und leisteten Neuen liebevoll Hilfe. Besonders in Mittel- und Südamerika wurde viel Gutes bewirkt. Mehr als 1 000 Zeugen Jehovas zogen nach Kolumbien, über 870 nach Ecuador und mehr als 110 nach El Salvador.

      Harold und Anne Zimmerman waren mit dabei. Sie hatten bereits in Äthiopien als Missionare und Lehrer gedient. Als sie jedoch 1959 die letzten Vorbereitungen für den Umzug von den Vereinigten Staaten nach Kolumbien trafen, um dort bei der Verbreitung der Königreichsbotschaft mitzuhelfen, hatten sie vier Kinder im Alter von fünf Monaten bis fünf Jahren. Harold fuhr voraus, um Arbeit zu suchen. Als er in dem Land ankam, beunruhigten ihn die lokalen Presseberichte. Ein nicht erklärter Bürgerkrieg war im Gange, und im Landesinnern kam es zu Massentötungen. „Soll ich meine Familie wirklich unter solchen Verhältnissen hier wohnen lassen?“ fragte er sich. Er versuchte, sich ein Beispiel oder einen Grundsatz aus der Bibel, der ihm als Richtschnur dienen würde, ins Gedächtnis zurückzurufen. Er erinnerte sich an den Bibelbericht über die furchtsamen Kundschafter, die dem israelitischen Lager einen schlechten Bericht über das Land der Verheißung brachten (4. Mo. 13:25 bis 14:4, 11). Da stand seine Entscheidung fest, er wollte nicht wie sie sein. Er ließ seine Familie gleich nachreisen. Erst als ihre Mittel auf drei Dollar zusammengeschrumpft waren, fand er den benötigten Arbeitsplatz, doch sie hatten immer das Lebensnotwendige. Im Laufe der Jahre mußte er für seine berufliche Tätigkeit unterschiedlich viel Zeit einsetzen, um seine Familie ernähren zu können, aber er bemühte sich immer, die Königreichsinteressen an die erste Stelle zu setzen. Als die Familie nach Kolumbien ging, gab es in dem Land rund 1 400 Zeugen. Seither haben sie wirklich ein erstaunliches Wachstum beobachtet.

      Dort zu dienen, wo der Bedarf an Zeugen größer ist, muß nicht immer heißen, daß man in ein anderes Land geht. Tausende von alleinstehenden Zeugen und Familien sind innerhalb ihres eigenen Landes in eine andere Gegend gezogen. Eine Familie in Bahia (Brasilien) zog in die Stadt Prado, in der es keine Zeugen gab. Obwohl die Geistlichen dagegen waren, lebten und arbeiteten sie in dieser Stadt und Umgebung drei Jahre lang. Es wurde eine leerstehende Kirche gekauft und in einen Königreichssaal umgebaut. Bald gab es dort über hundert eifrige Zeugen. Und das war nur der Anfang.

      Immer mehr gerechtigkeitsliebende Menschen in Lateinamerika folgen der Einladung aus Psalm 148: ‘Preiset Jah! Preist Jehova von der Erde her, all ihr Völkerschaften’ (V. 1, 7-11). Ja, 1975 gab es in jedem Land Lateinamerikas Lobpreiser Jehovas. Aus dem Bericht für jenes Jahr ist zu entnehmen, daß in Mexiko 80 481 tätig waren, die sich auf 2 998 Versammlungen verteilten. Außerdem verkündigten in Zentralamerika 24 703 Zeugen, die 462 Versammlungen angehörten, das Königtum Jehovas. Und in Südamerika gab es 206 457 öffentliche Lobpreiser Jehovas in 3 620 Versammlungen.

      Hinaus zu den pazifischen Inseln

      Während in Südamerika eine rapide Ausdehnung im Gange war, schenkten Jehovas Zeugen auch den Inseln des Pazifiks Aufmerksamkeit. Zwischen Australien und Amerika liegen Hunderte dieser Inseln, von denen viele kaum aus der Meeresoberfläche herausragen. Einige sind nur von wenigen Familien bewohnt, auf anderen leben Zehntausende von Menschen. Anfang der 50er Jahre waren die Behörden dermaßen voreingenommen, daß die Watch Tower Society auf viele dieser Inseln keine Missionare schicken konnte. Aber auch die Menschen dort mußten von Jehova und seinem Königreich erfahren. Das steht in Einklang mit der Prophezeiung aus Jesaja 42:10-12, wo es heißt: „Singt Jehova ein neues Lied, seinen Lobpreis vom äußersten Ende der Erde her ... Auf den Inseln mögen sie auch seinen Lobpreis verkünden.“ Deshalb wurden 1951 auf einem Kongreß in Sydney (Australien) Pioniere und Kreisaufseher, die gern bei der Verbreitung der Königreichsbotschaft auf den Inseln mithelfen wollten, zu einer Besprechung mit Bruder Knorr eingeladen. Damals meldeten sich ungefähr 30 Freiwillige für das Predigtwerk auf den tropischen Inseln.

      Zum Beispiel kamen Tom und Rowena Kitto bald nach Papua, wo es zu diesem Zeitpunkt noch keine Zeugen gab. Sie fingen mit ihrer Tätigkeit unter den Europäern in Port Moresby an. Nicht lange danach verbrachten sie in Hanuabada, dem „großen Dorf“, ganze Abende mit einer Gruppe von 30 bis 40 Papuas, die nach der biblischen Wahrheit hungerten. Durch sie gelangte die Botschaft auch in andere Dörfer. Nach kurzer Zeit sandten die Kerama eine Abordnung zu den Brüdern mit der Bitte um ein Bibelstudium. Dann kam ein Häuptling aus Haima und bat: „Kommt doch bitte, und lehrt meine Leute die Wahrheit!“ Und so wurde die Wahrheit weit und breit bekannt.

      Ein anderes Ehepaar, John und Ellen Hubler, ging nach Neukaledonien, um dort das Werk aufzubauen. Als sie 1954 ankamen, hatten sie nur Touristenvisa für einen Monat. Aber John fand einen Arbeitsplatz, und dadurch konnten sie eine Verlängerung erwirken. Mit der Zeit zogen noch andere Zeugen — insgesamt 31 — dorthin. Anfangs verrichteten sie ihren Dienst in den Außengebieten, um nicht zuviel Aufmerksamkeit zu erregen. Später predigten sie auch in Nouméa, der Hauptstadt. Es wurde eine Versammlung gegründet. 1959 erhielt dann ein Mitglied der Katholischen Aktion eine Schlüsselstellung in der Regierung. Von da an wurden die Visa für die Zeugen nicht mehr erneuert. Die Hublers mußten weggehen. Die Wachtturm-Publikationen wurden verboten. Doch die gute Botschaft vom Königreich hatte Fuß gefaßt, und die Zahl der Zeugen stieg weiter an.

      Auf Tahiti hatten bei kurzen Besuchen von Brüdern viele Leute Interesse am Werk der Zeugen Jehovas gezeigt. Allerdings gab es 1957 keine einheimischen Zeugen, das Werk war verboten, und Wachtturm-Missionare erhielten keine Einreiseerlaubnis. Doch war Agnes Schenck, die von Tahiti stammte, aber damals in den Vereinigten Staaten lebte, eine Zeugin Jehovas geworden. Als sie von dem Bedarf an Königreichsverkündigern auf Tahiti erfuhr, schifften sie, ihr Mann und ihr Sohn sich im Mai 1958 in Kalifornien ein. Kurz darauf schlossen sich ihnen zwei Familien an, die allerdings nur Touristenvisa für drei Monate bekamen. Im Jahr darauf wurde in Papeete eine Versammlung gegründet. Und 1960 anerkannte die Regierung eine örtliche Vereinigung der Zeugen Jehovas.

      Zwei Missionarinnen machten, als sie auf dem Rückweg in ihr Gebiet waren, auf der Insel Niue Zwischenstation, um eine Verwandte zu besuchen und die Königreichsbotschaft zu verbreiten. Ihre Tätigkeit während des Monats, den sie dort verbrachten, war sehr fruchtbar; sie fanden viel Interesse vor. Aber als das nächste Schiff, das zwischen den Inseln verkehrte, anlegte, mußten sie wieder gehen. Bald darauf schloß jedoch Seremaia Raibe, ein Fidschianer, einen Arbeitsvertrag mit dem Amt für öffentliche Bauvorhaben auf Niue ab und nutzte dann seine ganze Freizeit zum Predigen. Allerdings wurde auf Drängen der Geistlichen nach ein paar Monaten Bruder Raibes Aufenthaltsgenehmigung aufgehoben, und im September 1961 beschloß die gesetzgebende Versammlung, Jehovas Zeugen die Einreise nicht mehr zu gestatten. Dennoch wurde die gute Botschaft weiter gepredigt. Wie? Die einheimischen Zeugen waren zwar noch recht neu, doch sie setzten den Dienst für Jehova unbeirrt fort. Außerdem hatte man William Lovini, der von Niue stammte, aber in Neuseeland gelebt hatte, bereits eine Anstellung bei der Inselverwaltung zugesichert. Warum hatte er den dringenden Wunsch, nach Niue zurückzukehren? Weil er ein Zeuge Jehovas geworden war und in einem Gebiet dienen wollte, wo ein größerer Bedarf an Verkündigern bestand. 1964 war die Zahl der Zeugen dort auf 34 angestiegen.

      David Wolfgramm, ein Tongaer, und seine Frau hatten 1973 mit ihren acht Kindern ein komfortables Zuhause in Neuseeland. Aber sie ließen alles zurück und zogen nach Tonga, um die Königreichsinteressen zu fördern. Von dort aus beteiligten sie sich daran, das Werk auf den Tongainseln, von denen ungefähr 30 bewohnt sind, weiter auszudehnen.

      Die Inseln zu erreichen hat viel Zeit, Mühe und Kosten erfordert. Doch Jehovas Zeugen betrachten das Leben ihrer Mitmenschen als wertvoll und scheuen keine Mühe, wenn es darum geht, den Menschen zu helfen, aus Jehovas liebevoller Vorkehrung für ewiges Leben in seiner neuen Welt Nutzen zu ziehen.

      Eine Familie, die ihre Farm in Australien verkaufte und auf eine der pazifischen Inseln zog, faßte ihre Empfindungen wie folgt zusammen: „Was könnte es Schöneres geben, als ... diese Eingeborenen sagen zu hören, sie seien zu einer Erkenntnis Jehovas gekommen, und zu vernehmen, wie sie unsere Kinder ihre Kinder nennen, weil sie sie wegen der Wahrheit so liebgewonnen haben, ferner zu beobachten, wie die Königreichsinteressen gefördert und die Versammlungen immer besser besucht werden, und diese lieben Menschen sagen zu hören: ‚Meine Kinder werden nur im Herrn heiraten.‘ Dabei ist zu bedenken, daß sie jahrhundertealte Traditionen und orientalische Heiratsbräuche pflegten. Welche Freude ist es ferner, zu erfahren, wie sie ihre verwickelten Eheangelegenheiten in Ordnung bringen, ... wie sie nach mühseliger Arbeit in den Reisfeldern das Vieh entlang der Straße hüten und dabei studieren, wie sie sich im Dorfladen und an anderen Orten über die Verkehrtheit des Götzendienstes und die Schönheit des Namens Jehovas unterhalten, ferner zu hören, wie uns eine ältere Indermutter als Bruder und Schwester anspricht und uns fragt, ob sie nicht mit uns kommen dürfe, um den Menschen zu sagen, wer der wahre Gott ist ... All das ist der kostbare Lohn dafür, daß wir damals den Schritt taten und dem Ruf, der von den südpazifischen Inseln her kam, Folge leisteten.“

      Aber nicht nur den Inselbewohnern des Pazifiks wurde Aufmerksamkeit geschenkt. Von 1964 an erhielten erfahrene Pioniere, die auf den Philippinen dienten, den Auftrag, eifrige Missionare in Hongkong, Indonesien, der Republik Korea, Laos, Malaysia, Taiwan, Thailand und Vietnam zu unterstützen.

      Trotz Widerstand von seiten der Familie und Gemeinde

      Die Entscheidung, ein Zeuge Jehovas zu werden, wird von den Angehörigen und der Gemeinde nicht immer als rein persönliche Angelegenheit hingenommen (Mat. 10:34-36; 1. Pet. 4:4).

      In Hongkong sind überwiegend junge Menschen Zeugen Jehovas geworden. Aber sie stehen unter enormem Druck in einem System, in dem eine Hochschulausbildung und ein gutbezahlter Beruf Vorrang haben. Die Eltern betrachten ihre Kinder als Kapitalanlage, die ihnen in späteren Jahren ein sorgenfreies Leben garantiert. Als daher die Eltern eines jungen Mannes aus Kwun Tong merkten, daß ihr Sohn wegen Bibelstudium, Versammlungsbesuch und Predigtdienst nicht mehr so viel Zeit zum Geldverdienen haben würde, leisteten sie ihm erbitterten Widerstand. Sein Vater jagte ihm mit einem Hackbeil nach; seine Mutter spuckte ihn in der Öffentlichkeit an. Sie beschimpften ihn monatelang fast ununterbrochen. Einmal fragte er seine Eltern: „Habt ihr mich denn nicht aus Liebe großgezogen?“ Sie antworteten: „Nein, damit du uns Geld einbringst!“ Trotzdem setzte der junge Mann die Anbetung Jehovas weiter an die erste Stelle; als er das Elternhaus verließ, fuhr er jedoch fort, seine Eltern, so gut er konnte, finanziell zu unterstützen, da er wußte, daß dies Jehova gefällt (Mat. 15:3-9; 19:19).

      In Gemeinden mit festem Zusammenhalt sind es oft nicht nur die nächsten Angehörigen, die starken Druck ausüben. Das kann Fuaiupolu Pele von Westsamoa aus eigener Erfahrung bestätigen. Für die Bewohner war es undenkbar, daß ein Samoaner die Bräuche und die Religion seiner Vorväter verwarf, und Pele war klar, daß er zur Rechenschaft gezogen würde. Er studierte angestrengt und betete inständig zu Jehova. Als er von dem obersten Häuptling der Familie zu einer Versammlung in Faleasiu vorgeladen wurde, sah er sich sechs Häuptlingen, drei Rednern, zehn Pastoren, zwei Religionslehrern, dem obersten Häuptling, der den Vorsitz führte, und älteren Männern und Frauen der Familie gegenüber. Sie überhäuften ihn und einen seiner Verwandten, der sich für Jehovas Zeugen interessierte, mit Flüchen. Es kam zu einer Debatte, die bis 4 Uhr morgens dauerte. Einige Anwesende ärgerten sich darüber, daß Pele die Bibel gebrauchte, und schrien: „Laß die Bibel verschwinden! Weg mit der Bibel!“ Schließlich sagte der oberste Häuptling mit schwacher Stimme: „Du hast gewonnen, Pele.“ Doch Pele erwiderte: „Entschuldigen Sie bitte, Sir. Ich habe nicht gewonnen. Sie haben die ganze Nacht hindurch die Botschaft vom Königreich gehört. Ich hoffe in aller Aufrichtigkeit, daß Sie sie beachten werden.“

      Bei heftiger Gegnerschaft von seiten Geistlicher

      Die Missionare der Christenheit waren Anfang des 19. Jahrhunderts zu den pazifischen Inseln gelangt. An vielen Orten verlief ihre Ankunft friedlich, während sie anderswo militärisch unterstützt wurden. In einigen Regionen teilten sie die Inseln nach Absprache unter sich auf. Aber es kam auch zu Religionskriegen, bei denen Katholiken und Protestanten gegeneinander um die Vorherrschaft kämpften. Diesen religiösen „Hirten“, den Geistlichen, war jedes Mittel recht, um Jehovas Zeugen von dem Bereich fernzuhalten, den sie als ihr Herrschaftsgebiet betrachteten. Sie drängten manchmal Beamte, die Zeugen von bestimmten Inseln zu weisen. Bisweilen nahmen sie das Gesetz auch selbst in die Hand.

      Auf der Insel Neubritannien zeigte in dem Dorf Vunabal eine Gruppe vom Stamm der Sulka reges Interesse an der biblischen Wahrheit. Doch an einem Sonntag im Jahre 1959, während John Davison mit ihnen die Bibel studierte, drangen aufgewiegelte Katholiken unter der Führung eines Katecheten in das Haus ein und sorgten durch ihre Schreie und Beschimpfungen dafür, daß das Studium abgebrochen werden mußte. Das wurde der Polizei in Kokopo gemeldet.

      Die Zeugen ließen die Schafe aber nicht im Stich, sondern kamen in der Woche darauf wieder, um den empfänglichen Bewohnern Vunabals weiter in geistiger Hinsicht Hilfe zu leisten. Der katholische Pfarrer war auch da, obwohl ihn die Dorfbewohner nicht eingeladen hatten, und er hatte mehrere hundert Katholiken von einem anderen Stamm mitgebracht. Aufgehetzt von dem Pfarrer, verfluchten seine Gemeindemitglieder die Zeugen, spuckten sie an, drohten mit den Fäusten und zerrissen die Bibeln der Dorfbewohner, während der Pfarrer mit verschränkten Armen dabeistand und lächelte. Die Polizisten, die versuchten, die Lage in den Griff zu bekommen, waren sichtlich mitgenommen. Auch viele der Dorfbewohner fürchteten sich. Aber zumindest einer von ihnen war so mutig, für das, was er als die Wahrheit anerkannte, Stellung zu beziehen. Nun haben es ihm Hunderte auf der Insel gleichgetan.

      Es hatten jedoch nicht alle kirchlichen Lehrer eine gegnerische Einstellung zu Jehovas Zeugen. Shem Irofa’alu von den Salomonen fühlte eine echte Verantwortung gegenüber den Leuten, die ihn als ihr religiöses Oberhaupt ansahen. Als er das Buch Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies gelesen hatte, erkannte er, daß er belogen worden war. Er und die Lehrer, die unter seiner Aufsicht standen, führten Gespräche mit Jehovas Zeugen, stellten Fragen und schlugen die Bibeltexte nach. Darauf waren sie sich einig, daß sie Zeugen Jehovas werden wollten, und wandelten die Kirchen in ihren 28 Dörfern in Königreichssäle um.

      Ein mächtiger Strom der Wahrheit in Afrika

      Besonders von Anfang der 20er Jahre an wurden große Anstrengungen unternommen, damit überall in Afrika Menschen die Gelegenheit hätten, Jehova, den wahren Gott, kennenzulernen und aus seinen liebevollen Vorkehrungen Nutzen zu ziehen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges waren auf dem afrikanischen Kontinent in 14 Ländern Zeugen Jehovas tätig. Die Königreichsbotschaft war noch in 14 anderen afrikanischen Ländern gepredigt worden, aber dort berichteten 1945 keine Zeugen über ihre Tätigkeit. In den folgenden 30 Jahren — bis 1975 — gelangte die gute Botschaft in weitere 19 Länder Afrikas. In fast allen diesen Ländern und auf nahe gelegenen Inseln wurden Versammlungen gegründet — in manchen Ländern einige wenige, in Sambia über tausend und in Nigeria fast zweitausend. Wie ist das alles erreicht worden?

      Die Verbreitung der Königreichsbotschaft glich einem mächtigen Strom. Wasser strömt größtenteils durch Flußbetten oder Kanäle, überflutet aber auch manchmal angrenzendes Land; und wenn es auf ein Hindernis trifft, sucht es sich entweder einen anderen Weg oder staut sich so lange an, bis es darüber hinwegstürzt.

      Die Watch Tower Society bediente sich ihrer regulären organisatorischen Kanäle oder „Flußbetten“, als sie Vollzeitverkündiger — Pioniere, Sonderpioniere und Missionare — in Länder schickte, wo noch kaum oder gar nicht gepredigt worden war. Wohin sie auch immer gingen, luden sie die Menschen ein, „Wasser des Lebens kostenfrei“ zu nehmen (Offb. 22:17). In Nordafrika zum Beispiel überbrachten 1952 vier Sonderpioniere aus Frankreich diese Einladung den Bewohnern Algeriens. Bald reagierte dort eine Wahrsagerin positiv auf die Wahrheit; ihr wurde bewußt, daß sie ihren Beruf aufgeben müßte, um in der Gunst Jehovas zu stehen, und sie gab ihren früheren Kunden Zeugnis (5. Mo. 18:10-12). Die Pioniere setzten das Buch „Gott bleibt wahrhaftig“ wirkungsvoll ein, um aufrichtigen Personen den Unterschied zwischen der Heiligen Schrift und religiöser Tradition begreiflich zu machen. Das Buch hatte so große Macht, wenn es darum ging, Menschen von falschen religiösen Bräuchen zu befreien, daß ein Geistlicher es auf der Kanzel hochhielt und einen Fluch gegen das Buch und seine Verbreiter und Leser ausstieß.

      Im Jahre 1954 wurde ein Missionar aus dem katholischen Spanien ausgewiesen, weil er ohne die Zustimmung der Geistlichkeit biblische Lehren verbreitete; daher begannen er und sein Pionierpartner im Jahr darauf, in Marokko zu predigen. Nicht lange danach schloß sich ihnen eine Familie von fünf Zeugen Jehovas an, die aus Tunesien ausgewiesen worden waren, wo ein großer Aufruhr entstanden war, als ein jüdisches Ehepaar Jesus als Messias anerkannte und gleich darauf mit anderen über seinen neuen Glauben sprach. Weiter südlich wurden 1962 Pioniere aus Ghana nach Mali geschickt. Später wurden außerdem französische Pioniere, die in Algerien dienten, gebeten, in Mali mitzuhelfen. Das bewirkte, daß dort eine beachtliche Zahl derer, die Zeugen Jehovas wurden, den Vollzeitdienst aufnahm. 1966 kamen acht Sonderpioniere aus Nigeria dem Auftrag nach, in Niger zu predigen, einem dünnbesiedelten Land, zu dem ein Teil der Sahara gehört. In Burundi bot sich 1963 die Gelegenheit, die Königreichsbotschaft zu hören, als zwei Sonderpioniere von Nordrhodesien (heute Sambia) dorthin gesandt wurden — gefolgt von vier Gileadmissionaren.

      Anfang der 50er Jahre gab es auch in Äthiopien Missionare. Die äthiopische Regierung verlangte, daß sie eine richtige Missionsstation einrichteten und Schulunterricht gaben, was sie auch taten. Doch darüber hinaus lehrten sie auch fleißig Gottes Wort, und bald strömten ständig Leute zum Missionarheim — ja jeden Tag kamen Neue und baten darum, daß ihnen jemand helfe, die Bibel zu verstehen. In den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Hilfe von Gileadmissionaren 39 Ländern auf dem afrikanischen Kontinent zugute.

      Gleichzeitig wurden auch Gebiete, die in geistiger Hinsicht ausgetrocknet waren, von den Wassern der Wahrheit überflutet, und zwar, wenn Zeugen Jehovas durch ihre berufliche Tätigkeit mit anderen in Berührung kamen. Zeugen aus Ägypten, die 1950 beruflich nach Libyen gehen mußten, nutzten zum Beispiel ihre freien Stunden, um eifrig zu predigen. Im selben Jahr zog ein Zeuge Jehovas, der Wollhändler war, zusammen mit seiner Familie von Ägypten nach Khartum im Sudan. Er machte es sich zur Gewohnheit, Kunden Zeugnis zu geben, bevor er mit ihnen geschäftlich verhandelte. Einer der ersten Zeugen in Senegal (damals Teil von Französisch-Westafrika) kam 1951 als Firmenvertreter dorthin. Er war sich der Verantwortung bewußt, die er als Zeuge des Allerhöchsten hatte. 1959 ging ein Zeuge beruflich nach Fort-Lamy (heute N’Djamena) im jetzigen Tschad und ergriff die Gelegenheit, die Königreichsbotschaft in diesem Land zu verbreiten. In den Ländern, die an Niger grenzen, gab es Händler, die Zeugen Jehovas waren; während also von 1966 an Sonderpioniere in Niger tätig waren, predigten auch diese Händler Nigrern, mit denen sie geschäftlich zu tun hatten. Und zwei Zeuginnen, deren Männer 1966 aus beruflichen Gründen nach Mauretanien gingen, nutzten die Gelegenheit, in dem Gebiet Zeugnis zu geben.

      Die Menschen, die durch das „Wasser des Lebens“ erfrischt wurden, gaben es auch an andere weiter. Beispielsweise zog 1947 ein Mann, der einige Zusammenkünfte besucht hatte, aber kein Zeuge Jehovas war, von Kamerun nach Oubangui-Chari (heute Zentralafrikanische Republik). Als er hörte, daß in Bangui jemand reges Interesse an der Bibel hatte, sorgte er freundlicherweise dafür, daß ihm das Büro der Watch Tower Society in der Schweiz ein Buch zuschickte. Der Empfänger, Etienne Nkounkou, war außer sich vor Freude über die gute geistige Speise, die es enthielt, und er las jede Woche einer Gruppe, die sich ebenfalls dafür interessierte, aus dem Buch vor. Sie nahmen Kontakt mit dem Hauptsitz der Gesellschaft auf. Als die Studiengruppe an Erkenntnis zunahm, fing sie auch an zu predigen. Obwohl die Regierung auf Drängen der Geistlichkeit die Wachtturm-Publikationen verbot, predigten diese neuen Zeugen weiter, wobei sie ausschließlich die Bibel gebrauchten. Die Bewohner dieses Landes hören sehr gern biblische Erörterungen, und so lag die Zahl der Zeugen 1957, als einige Publikationen der Gesellschaft wieder genehmigt wurden, bereits bei über 500.

      Wenn Hindernisse auftraten

      Wenn das lebengebende Wasser wegen Hindernissen nicht weiterfließen konnte, suchte es sich rasch einen anderen Weg. Ayité Sessi, ein Pionier aus Dahomey (heute Benin), hatte 1949 erst kurze Zeit in Französisch-Togo (heute Togo) gepredigt, als ihn die Regierung des Landes verwies. Doch im Jahr darauf kehrte Akakpo Agbetor, ein ehemaliger Boxer, der aus Togo stammte, mit seinem Bruder in seine Heimat zurück. Da es sein Geburtsland war, konnte er einigermaßen ungehindert Zeugnis ablegen und sogar Zusammenkünfte organisieren. Pioniere, die um 1950 nach Fernando Póo (heute Teil von Äquatorialguinea) gesandt worden waren, wurden nach kurzer Zeit aufgrund von religiöser Intoleranz ausgewiesen, aber später schlossen andere Zeugen dort Arbeitsverträge. Und im Einklang mit dem Gebot Jesu predigten sie natürlich (Mar. 13:10).

      Emmanuel Mama, ein Kreisaufseher aus Ghana, wurde 1959 für ein paar Wochen nach Obervolta (heute Burkina Faso) geschickt und konnte in Wagadugu, der Hauptstadt, umfassend Zeugnis ablegen. Allerdings lebten in dem Land keine Zeugen. Vier Jahre danach zogen sieben Zeugen, die aus Togo, Dahomey (heute Benin) und dem Kongo stammten, nach Wagadugu und suchten sich Arbeit, um in diesem Gebiet dienen zu können. Ein paar Monate später schlossen sich ihnen mehrere Sonderpioniere aus Ghana an. Die Geistlichkeit übte jedoch Druck auf die Behörden aus, und so wurden die Zeugen 1964, nachdem sie noch nicht einmal ein Jahr im Land gewesen waren, verhaftet, 13 Tage festgehalten und dann ausgewiesen. Hatten sich ihre Anstrengungen gelohnt? Emmanuel Johnson, ein Einheimischer, hatte erfahren, wo man die biblische Wahrheit finden konnte. Er setzte sein Studium mit Jehovas Zeugen brieflich fort und ließ sich 1969 taufen. Das Königreichswerk hatte in einem weiteren Land Fuß gefaßt.

      Als für Gileadmissionare Visa beantragt wurden, damit sie an der Elfenbeinküste (heute Côte d’Ivoire) dienen könnten, gaben die französischen Behörden keine Genehmigung. Deshalb wurde 1950 Alfred Shooter von der Goldküste (heute Ghana) als Pionier in die Hauptstadt der Elfenbeinküste geschickt. Als er sich dort fest niedergelassen hatte, reiste seine Frau ihm nach; und ein paar Monate später kamen Gabriel und Florence Paterson — ein Missionarehepaar. Es entstanden Probleme. Eines Tages wurde ihre Literatur beschlagnahmt, weil sie nicht von der Regierung genehmigt worden sei, und die Brüder erhielten eine Geldstrafe. Allerdings entdeckten sie die Bücher später auf dem Markt, wo sie zum Verkauf angeboten wurden, worauf sie sie zurückkauften und gut nutzten.

      Unterdessen sprachen die Brüder bei etlichen Regierungsbeamten vor, um ein Dauervisum zu erhalten. Monsieur Houphouët-Boigny, der später Präsident der Elfenbeinküste wurde, bot seine Hilfe an. „Die Wahrheit“, erklärte er, „kennt keine Grenzen. Sie ist wie ein mächtiger Strom; dämmt man ihn ein, so wird er den Damm überfluten.“ Als sich ein katholischer Priester und ein methodistischer Prediger einmischen wollten, sagte Ouezzin Coulibaly, ein Abgeordneter der Regierung: „Ich vertrete das Volk dieses Landes. Wir sind das Volk, und wir mögen Jehovas Zeugen. Wir wollen daher, daß sie hier im Land bleiben.“

      Jünger, die ein richtiges Verständnis haben

      Als Jesus den Auftrag gab, „Jünger aus Menschen aller Nationen“ zu machen, ordnete er auch an, daß die künftigen Jünger — diejenigen, die an Christi Lehren glauben und danach leben würden — getauft werden sollten (Mat. 28:19, 20). Deshalb gibt es auf den Kongressen der Zeugen Jehovas, die regelmäßig stattfinden, die Möglichkeit, daß neue Jünger getauft werden. Die Zahl der Täuflinge auf einem Kongreß kann relativ niedrig sein. Doch 1970 ließen sich auf einem Kongreß in Nigeria 3 775 neue Zeugen untertauchen. Hohe Zahlen sind allerdings nicht das, worauf es ankommt.

      Als sich 1956 herausstellte, daß an der Goldküste einige, die sich taufen ließen, ihren Glauben nicht auf einer ausreichenden Grundlage aufgebaut hatten, wurde dort eine Überprüfung der Taufanwärter eingeführt. Den Versammlungsaufsehern an der Goldküste wurde die Verantwortung übertragen, jeden Taufanwärter persönlich zu überprüfen, um sicherzustellen, daß er die grundlegenden biblischen Wahrheiten richtig verstand, daß er nach den biblischen Normen lebte und daß er sich darüber im klaren war, welche Pflichten ein Gott hingegebener, getaufter Zeuge Jehovas hat. Mit der Zeit wurde in der ganzen Welt ein ähnliches Verfahren eingeführt. 1967 erschien in dem Buch „Dein Wort ist eine Leuchte meinem Fuß“ ein ausführliches Programm, das dazu diente, biblische Grundlehren mit Taufanwärtern zu besprechen. Nach jahrelanger Erfahrung wurde das Programm noch einmal überarbeitet und 1983 in dem Buch Organisiert, unseren Dienst durchzuführen abgedruckt.

      Wurde bei diesem Verfahren den Bedürfnissen von Personen Rechnung getragen, die wenig oder gar keine Schulbildung hatten?

      Das Problem des Analphabetentums angegangen

      Im Jahre 1957 errechnete die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, annähernd 44 Prozent der Weltbevölkerung im Alter von 15 Jahren und darüber könnten weder lesen noch schreiben. Es hieß, daß in 42 Staaten Afrikas, in 2 Ländern des amerikanischen Kontinents, in 28 asiatischen Ländern und in 4 Staaten Ozeaniens 75 Prozent der Erwachsenen Analphabeten seien. Aber auch sie mußten Gelegenheit erhalten, das Gesetz Gottes kennenzulernen, damit sie sich darauf vorbereiten konnten, Untertanen seines Königreiches zu werden. Etliche, die nicht lesen konnten, hatten eine gute Auffassungsgabe und behielten vieles, was sie hörten, im Gedächtnis, aber sie konnten das kostbare Wort Gottes nicht selbst lesen und zogen aus den gedruckten Bibelstudienhilfsmitteln keinen Nutzen.

      Jahrelang hatten einzelne Zeugen Personen, die lesen lernen wollten, individuell geholfen. Doch 1949 und 1950 führten Jehovas Zeugen in vielen afrikanischen Ländern in jeder Versammlung Lese- und Schreibunterricht ein. Die Kurse fanden meistens in Königreichssälen statt, und manchenorts waren ganze Dörfer eingeladen, an dem Programm teilzunehmen.

      Wenn in einem Land Lese- und Schreibunterricht von der Regierung gefördert wurde, waren Jehovas Zeugen gern zur Zusammenarbeit bereit. In vielen Gegenden mußten die Zeugen allerdings ihr Unterrichtsmaterial selbst ausarbeiten. Durch diese von Jehovas Zeugen geleiteten Kurse haben Zehntausende — darunter Tausende von Frauen und betagten Menschen — lesen und schreiben gelernt. Außerdem war der Unterricht so aufgebaut, daß sie gleichzeitig grundlegende Wahrheiten aus Gottes heiligem Wort kennenlernten. Dadurch wurden sie in die Lage versetzt, sich an dem von Jesus gebotenen Werk des Jüngermachens zu beteiligen. Der Wunsch, dabei wirkungsvoll vorzugehen, hat viele motiviert, sich ernstlich anzustrengen, lesen zu lernen.

      Als ein neuer Zeuge in Dahomey (heute Benin) in Westafrika an einer Tür abgewiesen wurde, weil er nicht lesen konnte, entschloß er sich, das Problem zu überwinden. Abgesehen davon, daß er dem Lese- und Schreibunterricht beiwohnte, lernte er auch zu Hause fleißig. Sechs Wochen später sprach er an derselben Tür wieder vor; der Wohnungsinhaber war so erstaunt, den Mann, der noch vor kurzem ein Analphabet gewesen war, aus der Bibel vorlesen zu hören, daß er sich für das, was der Zeuge lehrte, interessierte. Einige, die an diesen Kursen teilnahmen, wurden später reisende Aufseher und unterwiesen eine Reihe von Versammlungen. Das traf zum Beispiel auf Ezekiel Ovbiagele aus Nigeria zu.

      Durch Filme und Diavorführungen Bildung vermittelt

      Im Jahre 1954 wurde ein Film herausgebracht, durch den das Ausmaß der sichtbaren Organisation Jehovas den Personen, die sich für die Bibel interessierten, vor Augen geführt wurde. Dieser Film — Die Neue-Welt-Gesellschaft in Tätigkeit — trug auch dazu bei, Vorurteile ganzer Gemeinden abzubauen.

      Im heutigen Sambia brauchte man oft einen tragbaren Generator, um den Film vorführen zu können. Ein weißes festes Tuch, das zwischen zwei Bäumen aufgespannt wurde, diente als Leinwand. In Barotseland sah sich der Oberhäuptling den Film mit seiner königlichen Familie an und hatte dann den Wunsch, daß er auch der Öffentlichkeit gezeigt werde. So sahen ihn am Abend darauf 2 500 Personen. In einem Zeitraum von 17 Jahren schauten sich in Sambia insgesamt über eine Million den Film an. Er gefiel dem Publikum sehr. Aus dem benachbarten Tanganjika (heute Teil von Tansania) wurde berichtet, daß nach der Aufführung überall aus der Menge der Ruf „Ndaka, ndaka“ (Danke, danke) zu hören war.

      Auf den Film Die Neue-Welt-Gesellschaft in Tätigkeit folgten noch weitere: Die glückliche Neue-Welt-Gesellschaft, Eine „ewige gute Botschaft“ geht rund um die Welt, Gott kann nicht lügen und Heritage (Das Erbe). Es gab auch Diavorträge über den praktischen Wert der Bibel in der heutigen Zeit, über den heidnischen Ursprung der Lehren und Bräuche der Christenheit und über die Bedeutung der Weltverhältnisse im Licht der biblischen Prophezeiungen sowie Diavorträge über Jehovas Zeugen als Organisation, in denen ihre Weltzentrale vorgestellt wurde, begeisternde Kongresse in Ländern gezeigt wurden, wo sie früher verboten waren, und ein Überblick über ihre neuzeitliche Geschichte gegeben wurde. Durch all das wurde den Menschen vor Augen geführt, daß Jehova tatsächlich ein Volk auf der Erde hat und daß die Bibel sein inspiriertes Wort ist.

      Die wahren Schafe kenntlich gemacht

      In manchen Ländern gaben sich Leute, die lediglich ein paar Wachtturm-Publikationen besaßen, als Zeugen Jehovas aus oder gebrauchten den Namen Watch Tower. Hatten sie aber ihre Glaubensansichten und ihre Lebensweise nach den biblischen Normen ausgerichtet? Würden sie sich, wenn sie die nötige Unterweisung erhielten, wirklich als schafähnliche Menschen erweisen, die auf die Stimme ihres Herrn, Jesus Christus, hören? (Joh. 10:4, 5).

      Im südafrikanischen Zweigbüro der Watch Tower Society ging 1954 eine alarmierende Nachricht ein von einer Gruppe Afrikaner aus Baía dos Tigres, einer Strafkolonie im Süden Angolas. Der Schreiber, João Mancoca, berichtete: „Die Gruppe der Zeugen Jehovas in Angola besteht aus 1 000 Mitgliedern. Ihr Führer ist Simão Gonçalves Toco.“ Wer war dieser Toco? Waren seine Anhänger wirklich Zeugen Jehovas?

      Es wurde dafür gesorgt, daß John Cooke, ein Missionar, der Portugiesisch sprach, nach Angola reiste. Nach einer langen Unterredung mit einem Kolonialbeamten durfte Bruder Cooke Mancoca besuchen. Bruder Cooke erfuhr, daß Toco in den 40er Jahren, als er mit einer Baptistenmission in Belgisch-Kongo (heute Zaire) verbunden war, einige Wachtturm-Publikationen erhalten und mit Freunden über das Gelernte gesprochen hatte. Aber dann wurde die Gruppe von Spiritisten beeinflußt, und nach einiger Zeit griff Toco überhaupt nicht mehr zu den Wachtturm-Publikationen und der Bibel. Statt dessen suchte er bei spiritistischen Medien Anleitung. Seine Anhänger wurden von der Regierung nach Angola zurückgeführt und dann in verschiedene Gegenden des Landes zerstreut.

      Obwohl er ein Gefährte Tocos gewesen war, versuchte Mancoca, anderen klarzumachen, daß sie den Spiritismus aufgeben und sich an die Bibel halten müßten. Einigen Anhängern Tocos paßte das gar nicht, und sie brachten bei den portugiesischen Behörden falsche Anschuldigungen gegen Mancoca vor. Daraufhin wurden Mancoca und mehrere, die seine Ansichten teilten, in eine Strafkolonie deportiert. Dort kam er mit der Watch Tower Society in Kontakt und erhielt mehr biblische Literatur. Er war demütig, geistig gesinnt und sehr darauf bedacht, eng mit der Organisation zusammenzuarbeiten, durch die er die Wahrheit kennengelernt hatte. Nachdem Bruder Cooke mit dieser Gruppe stundenlang biblische Wahrheiten besprochen hatte, bestand für ihn kein Zweifel mehr daran, daß João Mancoca zu den Schafen des Herrn gehörte. Das hat Bruder Mancoca inzwischen viele Jahre lang unter den schwierigsten Bedingungen bewiesen.

      Auch mit Toco und einer Reihe seiner Anhänger wurden Gespräche geführt. Bis auf einige wenige Ausnahmen waren bei ihnen allerdings nicht die schafähnlichen Eigenschaften der Nachfolger Christi zu erkennen. Somit gab es damals nicht 1 000 Zeugen Jehovas in Angola, sondern nur etwa 25.

      Unterdessen war es in Belgisch-Kongo, dem heutigen Zaire, ebenfalls zu einer Verwechslung gekommen. Es gab dort eine religiös-politische Bewegung — die Kitawala —, die bisweilen auch den Namen Watch Tower gebrauchte. Bei einigen ihrer Mitglieder wurden zu Hause Publikationen der Zeugen Jehovas gefunden, die sie mit der Post erhalten hatten. Doch die Ansichten und Bräuche der Kitawala (Rassismus, subversive Betätigung, um politische oder soziale Änderungen herbeizuführen, und ungeheuerliche sexuelle Unmoral im Namen der Religion) entsprachen in keiner Weise denen der Zeugen Jehovas. In einigen veröffentlichten Berichten wurde allerdings versucht, einen Zusammenhang zwischen der Watch Tower Society der Zeugen Jehovas und der Kitawala herzustellen.

      Jehovas Zeugen bemühten sich wiederholt, geschulte Aufseher in das Land zu schicken, aber sie erhielten von den belgischen Behörden stets Absagen. Die katholischen und die protestantischen Gruppen freuten sich darüber. Besonders von 1949 an wurden grausame Repressalien gegen die Bewohner von Belgisch-Kongo ergriffen, die mit Hilfe von Wachtturm-Publikationen die Bibel studieren wollten. Aber es war so, wie einer der treuen Zeugen dort sagte: „Wir sind wie ein Sack Mais. Wohin man uns auch bringt, fällt das Wort Körnchen für Körnchen zu Boden, bis der Regen kommt und man uns überall sprießen sieht.“ Und so kam es, daß von 1949 bis 1960 trotz schwieriger Bedingungen die Zahl der Zeugen Jehovas, die über ihre Tätigkeit berichteten, von 48 auf 1 528 anstieg.

      Den Beamten wurde nach und nach klar, daß Jehovas Zeugen ganz anders sind als die Kitawala. Als man den Zeugen ein gewisses Maß an Versammlungsfreiheit gewährte, äußerten sich Beobachter von der Regierung oft über ihr gutes Benehmen und ihre Ordentlichkeit. Kam es zu Protestdemonstrationen für politische Unabhängigkeit, dann wußten die Leute, daß Jehovas Zeugen sich nicht beteiligten. 1961 erhielt endlich ein befähigter Aufseher aus Belgien, Ernest Heuse jr., eine Einreiseerlaubnis. Mit unermüdlichen Anstrengungen konnte den Brüdern allmählich geholfen werden, ihre Versammlungen und ihr persönliches Leben besser auf Gottes Wort abzustimmen. Es gab viel zu lernen, und man brauchte große Geduld.

      In einigen Gegenden verschickte die Kitawala — in der Meinung, sie könnte dadurch ihren Status heben — lange Listen, auf denen Mitglieder von ihr aufgeführt waren, die als Zeugen Jehovas anerkannt werden wollten. Bruder Heuse schickte klugerweise befähigte Brüder in diese Gegenden, die feststellen sollten, was für Leute das waren. Statt große Gruppen aufzunehmen, studierte man mit Einzelpersonen die Bibel.

      Mit der Zeit stellte sich heraus, wer zu den wahren Schafen gehörte, die wirklich Jesus Christus als ihren Hirten ansahen. Und davon gab es viele. Sie belehrten wiederum andere. Im Laufe der Jahre kamen etliche Wachtturm-Missionare aus dem Ausland, um mit ihnen zusammenzuarbeiten, ihnen zu einer genaueren Erkenntnis des Wortes Gottes zu verhelfen und ihnen die nötige Schulung zu vermitteln. 1975 gab es in Zaire 17 477 Zeugen Jehovas, die sich auf 526 Versammlungen verteilten und fleißig Gottes Wort predigten und lehrten.

      Die Macht des Fetischs gebrochen

      Westlich von Nigeria liegt das Land Benin (früher Dahomey) mit einer Bevölkerung, die in 60 Volksgruppen unterteilt ist und rund 50 Sprachen und Dialekte spricht. Dort ist wie überhaupt in einem Großteil Afrikas der Animismus die traditionelle Religion, verbunden mit dem Ahnenkult. In diesem religiösen Umfeld wird das Leben der Menschen von Aberglauben und Angst überschattet. Viele, die sich als Christen bezeichnen, praktizieren außerdem den Animismus.

      Vom Ende der 20er bis in die 40er Jahre streuten Zeugen Jehovas aus Nigeria in Dahomey viele Samenkörner biblischer Wahrheit aus, als sie gelegentliche Besuche machten, um biblische Literatur zu verbreiten. Viele dieser Samenkörner brauchten nur ein wenig bewässert zu werden, damit sie aufgingen. Dafür wurde 1948 gesorgt, als Nouru Akintoundé, der aus Dahomey gebürtig war und in Nigeria gelebt hatte, in sein Geburtsland zurückkehrte, um dort Pionier zu sein. Innerhalb von vier Monaten nahmen 300 Personen unverzüglich die Wahrheit an und beteiligten sich mit ihm am Predigtdienst. Diese Reaktion übertraf alle Erwartungen.

      Ihre Tätigkeit führte dazu, daß nicht nur die Geistlichen der Christenheit, sondern auch die Animisten für Unruhe sorgten. Als sich die Sekretärin des Fetischklosters in Porto Novo für die Wahrheit interessierte, verkündete der Fetischchef, sie werde innerhalb von sieben Tagen sterben. Doch die Exsekretärin des Klosters erklärte entschieden: „Wenn es der Fetisch ist, der Jehova gemacht hat, werde ich sterben; aber wenn Jehova der höchste Gott ist, dann wird er den Fetisch besiegen.“ (Vergleiche 5. Mose 4:35; Johannes 17:3.) Damit sich seine Vorhersage bewahrheitete, griff der Fetischchef am Abend des sechsten Tages zu allen möglichen Zaubereien und verkündete dann, die Exsekretärin des Klosters sei tot. Am Tag darauf waren die Fetischisten allerdings äußerst bestürzt, als sie quicklebendig auf dem Markt in Cotonou erschien. Später mietete ein Bruder ein Auto und fuhr sie durch Porto Novo, damit alle mit eigenen Augen sehen konnten, daß sie lebte. Daraufhin traten viele weitere Fetischisten entschieden für die Wahrheit ein. (Vergleiche Jeremia 10:5.)

      Bald führte heftiger religiöser Druck dazu, daß die Wachtturm-Publikationen in Dahomey verboten wurden. Aber die Zeugen predigten aus Gehorsam gegenüber Jehova Gott weiter — oft verwendeten sie ausschließlich die Bibel. Manchmal gingen sie mit allen möglichen Waren als „Händler“ von Tür zu Tür. Wenn das Gespräch einen guten Verlauf nahm, lenkten sie die Aufmerksamkeit auf die Bibel und zogen vielleicht sogar aus einer großen Innentasche ihrer Kleidung eine wertvolle biblische Veröffentlichung hervor.

      Wenn ihnen die Polizei in den Städten große Schwierigkeiten machte, predigten sie in ländlichen Gebieten. (Vergleiche Matthäus 10:23.) Und wenn sie ins Gefängnis gesperrt wurden, predigten sie dort. 1955 fanden inhaftierte Zeugen in Abomey mindestens 18 interessierte Personen unter den Häftlingen und Gefängnisbeamten.

      Nur zehn Jahre nachdem der dahomeyische Pionier zum Predigen in seine Heimat zurückgekehrt war, beteiligten sich 1 426 am Predigtdienst — und das, obwohl ihr Werk gesetzlich verboten war.

      Mehr Arbeiter beteiligen sich an der Ernte

      Daß in ganz Afrika viele nach der Wahrheit hungerten, lag auf der Hand. Die Ernte war groß, aber der Arbeiter waren wenige. Deshalb war es für die Brüder ermutigend zu sehen, wie der Herr der Ernte, Jesus Christus, ihre Gebete um mehr Helfer bei der geistigen Einsammlung erhörte (Mat. 9:37, 38).

      In den 30er Jahren hatten reisende Pioniere in Kenia viel Literatur verbreitet, waren dem vorgefundenen Interesse aber kaum nachgegangen. 1949 wanderte jedoch Mary Whittington mit ihren drei kleinen Kindern aus Großbritannien aus, um bei ihrem Mann zu leben, der in Nairobi beschäftigt war. Schwester Whittington war kaum ein Jahr getauft, aber sie hatte den Geist eines Pioniers. Obwohl sie in Kenia keine Zeugen kannte, nahm sie sich vor, in diesem großen Gebiet anderen die Wahrheit näherzubringen. Trotz Hindernissen gab sie nicht auf. Es kamen weitere Zeugen — aus Australien, Großbritannien, Kanada, Sambia, Schweden, Südafrika und den Vereinigten Staaten —, die aus eigener Initiative dort hinzogen, um den Menschen die Hoffnung auf das Königreich zu vermitteln.

      Außerdem wurden Missionarehepaare als Erntehelfer in das Land gesandt. Die Männer waren zunächst gezwungen, einer weltlichen Arbeit nachzugehen, um im Land bleiben zu dürfen, so daß die Zeit, die sie für den Predigtdienst einsetzen konnten, begrenzt war. Doch ihre Frauen konnten ungehindert als Pioniere dienen. Im Laufe der Zeit gingen weit über hundert Gileadmissionare nach Kenia. Als die Unabhängigkeit nahte und die von der britischen Kolonialherrschaft verfolgte Rassentrennungspolitik endete, lernten die europäischen Zeugen Suaheli und dehnten ihre Tätigkeit unverzüglich auf die Eingeborenen aus. Die Zahl der Zeugen in diesem Gebiet stieg rapide an.

      Im Jahre 1972 erhielt auch Botsuana Hilfe bei der geistigen Ernte, als Zeugen aus Großbritannien, Kenia und Südafrika in die Großstädte des Landes zogen. Drei Jahre später kamen außerdem Gileadmissionare. Ein Großteil der Bevölkerung lebt allerdings verstreut in kleinen Dörfern. Um diese Menschen zu erreichen, sind Zeugen aus Südafrika durch die trockene Kalahari gereist. In isolierten Gemeinwesen haben sie Dorfhäuptlingen, Schullehrern und oft Gruppen von 10 bis 20 dankbaren Zuhörern Zeugnis gegeben. Ein älterer Mann sagte: „Sie sind von so weit her gekommen, um mit uns über diese Dinge zu sprechen? Das ist sehr liebenswürdig.“

      In den 20er Jahren hatte „Bibel-Brown“ in Liberia kraftvolle biblische Vorträge gehalten, aber dem Werk wurde beträchtlicher Widerstand entgegengesetzt. Die geistige Ernte machte dort keine richtigen Fortschritte, bis Missionare ankamen, die die Gileadschule absolviert hatten. Harry Behannan, der 1946 eintraf, war der erste. In den Jahren darauf kamen viele weitere hinzu. Nach und nach schlossen sich ihnen Liberianer in dem Werk an, und 1975 war die Zahl der Lobpreiser Jehovas auf über tausend angestiegen.

      In Nigeria hatte „Bibel-Brown“ noch mehr gepredigt. Diese Nation war in zahlreiche Königreiche, Stadtstaaten und Gesellschaftssysteme aufgespalten, und es gab mehr als 250 Sprachen und Dialekte. Ein weiterer entzweiender Faktor war die Religion. Nicht gerade taktvoll, aber mit kraftvollen biblischen Argumenten stellten die frühen Zeugen die Geistlichkeit und ihre falschen Lehren bloß. Im Zweiten Weltkrieg, als ihre Literatur verboten war, gebrauchten die Brüder beim Predigen ausschließlich die Bibel. Wahrheitsliebende Menschen reagierten empfänglich. Sie traten aus der Kirche aus, gaben dann die Polygamie auf und trennten sich von ihren Fetischen, die die Kirchen geduldet hatten. 1950 beteiligten sich in Nigeria 8 370 Zeugen Jehovas am Verkündigen der Königreichsbotschaft. 1970 waren es mehr als zehnmal so viele.

      In Südrhodesien (heute Simbabwe) mußten hartnäckige gesetzliche Hindernisse überwunden werden, damit interessierten Personen auf religiösem Gebiet geholfen werden konnte. Schon Mitte der 20er Jahre hatte man sich um rechtliche Anerkennung bemüht. 1932 wurden Pioniere aus Südafrika aufgefordert, das Land zu verlassen, und es wurde ihnen einfach gesagt, sie könnten keinen Einspruch dagegen erheben. Sie legten aber dennoch Einspruch ein. Die Anschuldigung, daß die Wachtturm-Publikationen aufrührerisch seien, mußte gerichtlich untersucht werden. Anfang der 40er Jahre saßen Brüder wegen der Verbreitung bibelerklärender Veröffentlichungen im Gefängnis. Erst 1966 erhielten Jehovas Zeugen in Simbabwe die volle rechtliche Anerkennung als religiöse Organisation. Über 40 Jahre lang war die geistige Erntearbeit unter beträchtlichen Schwierigkeiten verrichtet worden, doch während jener Zeit hatten mutige Erntearbeiter mehr als 11 000 Personen geholfen, Diener Jehovas zu werden.

      Vor Statthaltern und Königen Zeugnis abgelegt

      Jesus wußte, daß seine Jünger in ihrem Predigtdienst auf Widerstand stoßen würden. Er sagte ihnen, man werde sie an „örtliche Gerichte“ ausliefern, ja sogar vor „Statthalter und Könige“ bringen, und das werde „ihnen und den Nationen zu einem Zeugnis“ gereichen (Mat. 10:17, 18). Jehovas Zeugen haben genau das erlebt, was Jesus vorhersagte, und im Einklang mit seinen Worten sind sie darauf bedacht gewesen, solche Gelegenheiten zu nutzen, um Zeugnis abzulegen.

      Manche Beamte haben sich aus Angst davon abhalten lassen, Christi Nachfolgern Gutes zu tun (Joh. 12:42, 43). Das stellte Llewelyn Phillips fest, als er 1948 mit einer Reihe von Regierungsvertretern in Belgisch-Kongo private Unterredungen hatte, um den verfolgten Zeugen dort die Situation zu erleichtern. Er erklärte diesen Männern die Glaubensansichten und Tätigkeiten der Zeugen Jehovas. Doch während der Unterredung fragte ihn der Generalgouverneur nachdenklich: „Und was wird mit mir geschehen, wenn ich Ihnen helfe?“ Er wußte, daß die katholische Kirche in diesem Land großen Einfluß besaß.

      Dagegen gab der Oberhäuptling von Swasiland, König Sobhusa II., nicht viel auf die Meinung der Geistlichkeit. Er hatte schon oft mit Zeugen Jehovas gesprochen, besaß viele Veröffentlichungen von ihnen und war ihnen wohlgesinnt. Jedes Jahr am sogenannten Karfreitag lud er die afrikanischen Geistlichen in seinen königlichen Kral ein. Er erteilte ihnen das Wort, forderte aber auch einen Zeugen Jehovas auf zu sprechen. 1956 sprach der Zeuge über die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und über Ehrentitel von Kirchenmännern. Als er fertig war, fragte der Oberhäuptling die Geistlichen: „Ist das, was Jehovas Zeugen hier sagen, wahr oder falsch? Wenn es falsch ist, dann erklären Sie, wieso.“ Sie konnten es nicht widerlegen. Einmal mußte der Oberhäuptling sogar laut darüber lachen, wie bestürzt die Geistlichen auf die Worte eines Zeugen reagierten.

      Oft war die Polizei damit beauftragt, von Jehovas Zeugen zu verlangen, ihre Tätigkeit zu rechtfertigen. Zeugen von der Versammlung in Tanger (Marokko) fuhren regelmäßig nach Ceuta, einer Hafenstadt an der marokkanischen Küste, die aber unter spanischer Hoheit steht. Als mehrere Zeugen 1967 einmal von der Polizei angehalten wurden, verhörte man sie zwei Stunden lang, und sie konnten in dieser Zeit ein hervorragendes Zeugnis geben. Im Verlauf des Verhörs fragten zwei Polizeikommissare, ob Jehovas Zeugen an die „ Jungfrau Maria“ glaubten. Als sie erfuhren, daß Maria gemäß den Evangelien nach der Jungfrauengeburt noch weitere Kinder bekam und daß diese Jesu Halbbrüder und Halbschwestern waren, holten sie erstaunt Luft und sagten, das stünde nie und nimmer in der Bibel. Die Zeugen zeigten ihnen Johannes 7:3-5, und der eine Beamte sah sich die Passage eingehend an, ohne einen Ton von sich zu geben, worauf der andere sagte: „Gib mir die Bibel. Ich erkläre den Text.“ Der erste Beamte erwiderte: „Bemüh dich nicht. Der Text ist einfach zu klar.“ In einer entspannten Atmosphäre stellten sie viele weitere Fragen, die ihnen beantwortet wurden. Danach wurden die Zeugen in diesem Gebiet kaum noch von den Behörden in ihrer Predigttätigkeit behindert.

      Regierungsmitglieder haben sich mit Jehovas Zeugen und ihrem Predigtwerk gründlich auseinandergesetzt. Einige anerkennen, daß sich das Werk der Zeugen auf die Menschen positiv auswirkt. Als Ende 1959 Vorbereitungen für die Unabhängigkeit Nigerias getroffen wurden, bat Dr. Nnamdi Azikiwe, der Generalgouverneur, darum, W. R. Brown als Vertreter der Zeugen Jehovas einzuladen. Er sagte dem Ministerrat: „Wenn alle Religionsgemeinschaften wären wie Jehovas Zeugen, dann gäbe es keine Mordfälle, keine Einbrüche, keine Jugendkriminalität, keine Gefangenen und auch keine Atombomben. Dann brauchten die Türen Tag und Nacht nicht verschlossen zu werden.“

      In Afrika wurde wirklich eine große geistige Ernte eingebracht. 1975 predigten auf dem afrikanischen Kontinent 312 754 Zeugen die gute Botschaft in 44 Ländern. In neun dieser Länder waren es weniger als 50, die für die biblische Wahrheit eintraten und beim Evangelisierungswerk mitwirkten. Doch für die Zeugen ist das Leben jedes einzelnen kostbar. In 19 Ländern gab es Tausende, die sich als Zeugen Jehovas am Predigtdienst von Haus zu Haus beteiligten. Aus einigen Gebieten wurden enorme Zunahmen gemeldet. In Angola zum Beispiel stieg die Zahl der Zeugen zwischen 1970 und 1975 von 355 auf 3 055. In Nigeria gab es 1975 112 164 Zeugen Jehovas. Es handelte sich nicht lediglich um Personen, die gern Wachtturm-Publikationen lasen oder nur gelegentlich Zusammenkünfte in einem Königreichssaal besuchten. Sie alle waren eifrige Verkündiger des Königreiches Gottes.

      Immer mehr Lobpreiser Jehovas in Asien

      Die Tätigkeit der Zeugen Jehovas auf den Philippinen dehnte sich wie auch in vielen anderen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg rapide aus. Als Joseph Dos Santos am 13. März 1945 aus dem Gefängnis freigelassen wurde, setzte er sich so schnell wie möglich mit dem New Yorker Büro der Watch Tower Society in Verbindung. Er bat um alle Bibelstudienhilfsmittel und organisatorischen Anweisungen, die die Brüder auf den Philippinen während des Krieges entbehren mußten. Dann besuchte er persönlich Versammlungen, um ihre Einheit zu fördern und sie zu stärken. Im selben Jahr fand in Lingayen (Pangasinan) ein Landeskongreß statt, auf dem Anweisungen gegeben wurden, wie wahrheitshungrige Menschen durch Heimbibelstudien unterwiesen werden können. In den Jahren darauf übersetzte und veröffentlichte man mit vereinten Kräften mehr Literatur — und zwar in den einheimischen Sprachen Tagalog, Iloko und Cebuano. Man legte die Grundlage für eine Ausdehnung, die sich auch rasch einstellte.

      Innerhalb von zehn Jahren nach Kriegsende stieg die Zahl der Zeugen auf den Philippinen von rund 2 000 auf über 24 000 an. Und nach weiteren 20 Jahren gab es dort weit über 78 000 Lobpreiser Jehovas.

      Zu den ersten Ländern Asiens, in die Gileadmissionare gesandt wurden, gehörte China. Harold King und Stanley Jones kamen 1947 in Schanghai an, Lew Ti Himm traf 1949 ein. Sie wurden von den drei deutschen Pionieren, die dort seit 1939 tätig waren, willkommen geheißen. Die Einheimischen waren überwiegend Buddhisten und ließen sich nicht ohne weiteres auf ein biblisches Gespräch ein. Sie hatten in ihren Häusern Schreine und Altäre. Mit Spiegeln über Eingängen versuchten sie, böse Geister zu verjagen. Glückssprüche und furchterregende Bilder von buddhistischen Göttern auf rotem Untergrund schmückten die Tore. Doch es war eine Zeit großer Veränderungen in China. Unter der kommunistischen Herrschaft wurde von allen gefordert, sich mit den Gedanken Mao Tse-tungs zu befassen. Nach Arbeitsschluß mußte jeder langen Sitzungen beiwohnen, in denen der Kommunismus erläutert wurde. Trotz alldem predigten die Brüder weiter fleißig die gute Botschaft von Gottes Königreich.

      Viele, die bereit waren, mit Jehovas Zeugen zu studieren, waren zuvor schon durch die Kirchen der Christenheit mit der Bibel in Berührung gekommen. Beispielsweise war Nancy Yuen, die für die Kirche arbeitete und Hausfrau war, dankbar für das, was die Zeugen ihr aus der Bibel beibrachten. Bald beteiligte sie sich eifrig an der Tätigkeit von Haus zu Haus und leitete selbst Bibelstudien. Andere, denen sie predigten, waren als typische Chinesen vom Buddhismus geprägt und wußten nichts von der Bibel. 1956 erreichte man erstmals die Zahl von 57 Verkündigern. Doch im selben Jahr wurde Nancy Yuen, nachdem sie sechsmal wegen Predigens festgenommen worden war, im Gefängnis behalten. Andere wurden entweder verhaftet oder des Landes verwiesen. Am 14. Oktober 1958 wurden Stanley Jones und Harold King inhaftiert. Bis zu ihrer Verhandlung wurden sie zwei Jahre festgehalten und in dieser Zeit ständig verhört. Als sie 1960 schließlich vor Gericht kamen, erhielten sie hohe Gefängnisstrafen. So wurde im Oktober 1958 die öffentliche Tätigkeit der Zeugen Jehovas in China gewaltsam zum Stillstand gebracht. Aber ihr Predigtwerk wurde nie völlig eingestellt. Selbst in Gefängnissen und Arbeitslagern gab es Möglichkeiten zum Zeugnisgeben. Könnte in diesem riesigen Land künftig mehr getan werden? Das würde sich zu seiner Zeit herausstellen.

      Was ereignete sich mittlerweile in Japan? Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten dort nur etwa hundert Zeugen Jehovas gepredigt. Viele gaben ihren Glauben auf, als in den Kriegsjahren brutale Repressalien gegen sie ergriffen wurden. Wenn auch einige wenige an ihrer Lauterkeit festhielten, so schlief doch die organisierte öffentliche Predigttätigkeit ein. Die Verkündigung des Königreiches Jehovas kam in diesem Land jedoch erneut in Gang, als Don Haslett, ein Gileadmissionar, im Januar 1949 in Tokio eintraf. Zwei Monate später konnte ihm seine Frau Mabel dorthin nachreisen. In dem Gebiet hungerten viele nach der Wahrheit. Der Kaiser hatte seinen Göttlichkeitsanspruch aufgegeben. Schintoismus, Buddhismus, Katholizismus und Kyodan (bestehend aus mehreren protestantischen Gruppen in Japan) hatten alle ihr Prestige beim Volk eingebüßt, weil sie die Kriegsanstrengungen Japans unterstützt hatten, die in einer Niederlage geendet hatten.

      Ende 1949 waren 13 Gileadmissionare in Japan tätig. Weitere folgten — insgesamt mehr als 160. Es gab nur sehr wenig Literatur für den Predigtdienst. Einige der Missionare hatten auf Hawaii ein veraltetes Japanisch gesprochen und mußten nun die moderne Sprache lernen. Die übrigen hatten sich ein paar Grundkenntnisse angeeignet, mußten aber häufig zu ihren japanisch-englischen Wörterbüchern greifen, bis sie mit der neuen Sprache einigermaßen vertraut waren. Bald nahmen die Familien Ishii und Miura, die in den Kriegsjahren ihren Glauben nicht aufgegeben hatten, mit der Organisation Kontakt auf und beteiligten sich wieder am öffentlichen Predigtdienst.

      Nach und nach wurden in Kōbe, Nagoya, Osaka, Yokohama, Kioto und Sendai Missionarheime eröffnet. Von 1949 bis 1957 bemühte man sich hauptsächlich, dem Königreichswerk in den Großstädten auf der japanischen Hauptinsel festen Bestand zu geben. Dann zogen die Erntearbeiter in andere Städte. Das Feld war groß. Es lag auf der Hand, daß viele Pionierverkündiger benötigt wurden, wenn in ganz Japan gründlich Zeugnis abgelegt werden sollte. Darauf wurde Nachdruck gelegt; viele meldeten sich, und die Reaktion, die auf die vereinten Anstrengungen dieser fleißigen Verkündiger folgte, war wirklich wunderbar. In den ersten zehn Jahren kamen 1 390 Lobpreiser Jehovas hinzu. Mitte der 70er Jahre gab es über ganz Japan verteilt 33 480 eifrige Lobpreiser Jehovas. Und die Einsammlung ging immer schneller voran.

      In demselben Jahr, als Don Haslett in Japan eintraf, nämlich 1949, erhielt auch das Königreichswerk in der Republik Korea starken Auftrieb. Korea war während des Weltkrieges unter japanischer Herrschaft gewesen, und man hatte die Zeugen grausam verfolgt. Nach dem Krieg kam zwar eine kleine Gruppe zum Studieren zusammen, aber der Kontakt zur internationalen Organisation wurde erst wiederhergestellt, nachdem Choi Young-won 1948 in der amerikanischen Armeezeitung Stars and Stripes einen Bericht über Jehovas Zeugen entdeckt hatte. Im Jahr darauf wurde in Seoul eine Versammlung mit 12 Verkündigern gegründet. Noch im selben Jahr kamen die ersten Gileadmissionare — Don und Earlene Steele. Sieben Monate später folgten sechs weitere Missionare.

      Sie erzielten hervorragende Ergebnisse: Jeder hatte durchschnittlich 20 Bibelstudien, und bis zu 336 Besucher kamen zu den Zusammenkünften. Dann brach der Koreakrieg aus. Die letzte Gruppe von Missionaren war kaum mehr als drei Monate da, als sie schon wieder nach Japan evakuiert wurden. Über ein Jahr verstrich, ehe Don Steele nach Seoul zurückkehren konnte, und es dauerte ein weiteres Jahr, bis Earlene in der Lage war, ihm nachzureisen. Unterdessen waren die koreanischen Brüder standhaft geblieben und hatten eifrig gepredigt, obwohl viele ihr Zuhause verloren hatten und Flüchtlinge waren. Aber jetzt, wo die Kämpfe vorbei waren, war man darauf bedacht, mehr Literatur in Koreanisch herzustellen. Kongresse und der Zustrom weiterer Missionare brachten das Werk in Schwung. 1975 gab es 32 693 Zeugen Jehovas in der Republik Korea — fast so viele wie in Japan —, und es bestand Aussicht auf großes Wachstum, da über 32 000 Heimbibelstudien durchgeführt wurden.

      Wie war die Lage in Europa?

      Das Ende des Zweiten Weltkrieges führte in Europa nicht dazu, daß Jehovas Zeugen ihr biblisches Lehrwerk in völliger Freiheit und ohne Widerstand fortsetzen konnten. Manchenorts wurden sie von Beamten wegen ihrer unerschütterlichen Haltung während des Krieges geachtet. Aber in anderen Gegenden führten gewaltige Wogen des Nationalismus und religiöser Feindseligkeit dazu, daß die Verfolgung weiterging.

      Einige Zeugen aus Deutschland waren nach Belgien gegangen, um sich dort am Predigen der guten Botschaft zu beteiligen. Weil sie das NS-Regime nicht unterstützt hatten, waren sie von der Gestapo gejagt worden. Aber nun beschuldigten belgische Beamte einige dieser Zeugen, Nationalsozialisten zu sein, und sie ließen sie verhaften und dann ausweisen. Trotzdem stieg die Zahl der Zeugen, die in Belgien predigten, in den fünf Jahren nach dem Krieg auf mehr als das Dreifache an.

      Wer steckte oft hinter der Verfolgung? Die katholische Kirche. Wo sie genügend Macht hatte, kämpfte sie unerbittlich, um Jehovas Zeugen auszumerzen. Da die katholischen Geistlichen wußten, daß in der westlichen Welt viele den Kommunismus fürchteten, stachelten sie 1948 in der irischen Stadt Cork zu Anfeindungen gegen Jehovas Zeugen auf, indem sie sie ständig als „kommunistische Teufel“ bezeichneten. Daraufhin wurde Fred Metcalfe im Predigtdienst von einer aufgewiegelten Menge angegriffen, die ihn schlug und trat und seine biblische Literatur auf die Straße warf. Glücklicherweise kam gerade ein Polizist vorbei und trieb den Pöbel auseinander. Trotz alldem harrten die Zeugen aus. Nicht alle Iren waren mit den Ausschreitungen einverstanden. Einigen tat es später sogar leid, daß sie sich daran beteiligt hatten. Die meisten Katholiken in Irland hatten noch nie eine Bibel gesehen. Doch mit liebevoller Geduld konnte einer Anzahl geholfen werden, die Wahrheit, die die Menschen frei macht, anzunehmen (Joh. 8:32).

      In Italien waren 1946 nur rund hundert Zeugen tätig, doch drei Jahre später gab es 64 Versammlungen, die zwar klein, aber fleißig waren. Die Geistlichkeit war beunruhigt. Da die katholischen Geistlichen die von Jehovas Zeugen gepredigten Wahrheiten nicht widerlegen konnten, drängten sie die Regierung, gegen sie einzuschreiten. So wurden im Jahre 1949 Missionare der Zeugen Jehovas des Landes verwiesen.

      Die katholische Geistlichkeit versuchte wiederholt, die Kongresse der Zeugen in Italien zu verhindern oder zu stören. 1948 setzte sie Zwischenrufer ein, um einen Kreiskongreß in Sulmona zu stören. 1950 drängte sie in Mailand den Polizeipräsidenten, die Genehmigung für einen Bezirkskongreß im Teatro dell’Arte rückgängig zu machen. Und 1951 brachte sie die Polizei so weit, daß sie die Genehmigung für einen Kreiskongreß in Cerignola zurückzog. Als die Polizei dagegen 1957 anordnete, einen Bezirkskongreß der Zeugen in Mailand abzubrechen, protestierte die italienische Presse, und im Parlament wurden dazu Fragen aufgeworfen. Die römische Wochenzeitung Il Mondo zögerte nicht, in der Ausgabe vom 30. Juli 1957 zu erklären, daß man zu der Aktion geschritten war, „um den Erzbischof zufriedenzustellen“ — und zwar Giovanni Battista Montini, der später Papst Paul VI. wurde. Es war allgemein bekannt, daß die katholische Kirche jahrhundertelang verboten hatte, die Bibel in den Sprachen des Volkes in Umlauf zu bringen. Aber Jehovas Zeugen legten Wert darauf, daß sich aufrichtige Katholiken selbst davon überzeugten, was die Bibel sagt. Der Gegensatz zwischen der Bibel und den kirchlichen Dogmen war auffallend. Tausende traten aus der Kirche aus, obwohl sich die katholische Kirche sehr bemühte, das zu verhindern, und so gab es 1975 in Italien 51 248 Zeugen Jehovas. Sie alle waren eifrige Evangeliumsverkündiger, und ihre Zahl nahm rapide zu.

      Als im katholischen Spanien 1946 die organisierte Tätigkeit der Zeugen Jehovas allmählich wiederbelebt wurde, überraschte es nicht, daß die Geistlichkeit auch dort weltliche Beamte drängte, ihnen Einhalt zu gebieten. Versammlungszusammenkünfte der Zeugen Jehovas wurden gestört. Man wies Missionare aus. Zeugen wurden inhaftiert, nur weil sie die Bibel oder biblische Literatur besaßen. Oft wurden sie bis zu drei Tage lang in schmutzigen Gefängnissen festgehalten und dann wieder freigelassen — nur um erneut verhaftet, verhört und ins Gefängnis geworfen zu werden. Viele mußten Gefängnisstrafen von einem Monat oder mehr verbüßen. Die Priester drängten weltliche Behörden, jeden aufzuspüren, der mit Jehovas Zeugen die Bibel studierte. Selbst nachdem 1967 ein Gesetz über Religionsfreiheit verabschiedet worden war, änderte sich die Situation nur langsam. Als Jehovas Zeugen 1970 endlich rechtlich anerkannt wurden, zählten sie in Spanien dennoch bereits über 11 000. Und fünf Jahre später gab es mehr als 30 000 eifrige Evangeliumsverkündiger.

      Und wie stand es mit Portugal? Auch dort wurden Missionare des Landes verwiesen. Auf Betreiben der katholischen Geistlichkeit machte die Polizei Haussuchungen bei Zeugen Jehovas, beschlagnahmte ihre Literatur und störte ihre Zusammenkünfte. Im Januar 1963 erließ der Leiter der Sicherheitspolizei von Caldas da Rainha sogar eine schriftliche Anordnung, nach der ihnen das Bibellesen verboten war. Aber die Zeugen gaben ihren Dienst für Gott nicht auf. Als sie 1974 in Portugal rechtlich anerkannt wurden, zählten sie über 13 000.

      In anderen Ländern Europas behinderten die Behörden das Predigen der guten Botschaft, indem sie die Verbreitung biblischer Literatur als kommerzielle Tätigkeit einordneten, die dem Handelsgesetz unterliegt. In einer Reihe von Schweizer Kantonen wandte man das Hausiergesetz darauf an, daß Jehovas Zeugen gegen freiwillige Beiträge Literatur verbreiteten. Da die Zeugen mit ihrer Tätigkeit fortfuhren, kam es zu zahlreichen Festnahmen und Prozessen. Einige Gerichte kamen jedoch zu dem Schluß, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas könne nicht zu Recht als Hausieren betrachtet werden — so zum Beispiel das Obergericht des Kantons Waadt im Jahre 1953. Unterdessen wollte man in Dänemark die Zeit, zu der die Zeugen Literatur anbieten dürften, auf die gesetzlichen Öffnungszeiten der Geschäfte beschränken. Auch das mußte vor Gericht geklärt werden. Trotz Hindernissen fuhren Jehovas Zeugen fort, Gottes Königreich als einzige Hoffnung der Menschheit zu verkündigen.

      Ein weiteres strittiges Problem, vor dem Jehovas Zeugen in Europa und auch anderswo standen, war die christliche Neutralität. Da sie es als Christen nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, sich in Konflikte zwischen gegnerischen Seiten der Welt hineinziehen zu lassen, wurden sie in einem Land nach dem anderen zu Freiheitsstrafen verurteilt (Jes. 2:2-4). Dadurch wurde jungen Männern die Möglichkeit genommen, sich am regulären Predigtdienst von Haus zu Haus zu beteiligen. Eine positive Auswirkung bestand jedoch darin, daß Anwälten, Richtern, Offizieren und Gefängniswärtern ein gründliches Zeugnis gegeben wurde. Selbst im Gefängnis gab es Möglichkeiten zu predigen. In manchen Strafanstalten wurden sie brutal behandelt, doch die Zeugen im Gefängnis Santa Catalina in Cádiz (Spanien) konnten einen Teil ihrer Zeit zum brieflichen Zeugnisgeben nutzen. Und in Schweden erlangten Rechtsfälle, bei denen es um die Neutralität von Zeugen Jehovas ging, große Publizität. So wurde den Menschen auf vielerlei Weise bewußtgemacht, daß Jehova tatsächlich Zeugen auf der Erde hat und daß sie sich fest an biblische Grundsätze halten.

      Noch etwas anderes verschaffte den Zeugen Publizität. Es hatte auch eine starke belebende Wirkung auf ihr Evangelisierungswerk.

      Durch Kongresse Zeugnis gegeben

      Als Jehovas Zeugen 1955 einen internationalen Kongreß in Paris hatten, erhielt ganz Frankreich durch die Fernsehnachrichten einen Eindruck von dem Geschehen. 1969 fand ein weiterer Kongreß in der Nähe von Paris statt, und man konnte sehen, daß der Predigtdienst der Zeugen reiche Früchte getragen hatte. Die Zahl der Täuflinge auf dem Kongreß betrug 3 619, etwa 10 Prozent der durchschnittlichen Besucherzahl. Darüber schrieb die populäre Pariser Abendzeitung France-Soir in ihrer Ausgabe vom 6. August 1969: „Was den Geistlichen anderer Konfessionen Sorgen bereitet, ist nicht die spektakuläre Verbreitung der Publikationen der Zeugen Jehovas, sondern sind vielmehr ihre Bekehrungen. Jeder Zeuge Jehovas hat die Verpflichtung, Zeugnis zu geben oder seinen Glauben zu verkündigen, indem er mit der Bibel von Haus zu Haus arbeitet.“

      Im Sommer 1969 wurden in Europa innerhalb von drei Wochen noch vier weitere große internationale Kongresse abgehalten — in London, Kopenhagen, Rom und Nürnberg. Zu dem Kongreß in Nürnberg kamen 150 645 Besucher aus 78 Ländern. Außer Flugzeugen und Schiffen waren rund 20 000 Autos, 250 Busse und 40 Sonderzüge erforderlich, um die Delegierten zu diesem Kongreß zu bringen.

      Die Kongresse verliehen den Zeugen Jehovas nicht nur Kraft und Rüstzeug für ihren Predigtdienst, sondern gaben der Öffentlichkeit auch die Gelegenheit, mit eigenen Augen zu sehen, was für Menschen Jehovas Zeugen sind. Als für 1965 ein internationaler Kongreß in Dublin (Irland) geplant war, versuchten religiöse Kreise, ihn mit aller Macht zu verhindern. Aber der Kongreß fand statt, und viele Bewohner Dublins nahmen Delegierte bei sich auf. Was war das Ergebnis? „Man hat uns nicht die Wahrheit über euch erzählt“, sagten einige Vermieterinnen nach dem Kongreß. „Die Priester haben uns angelogen, aber da wir euch jetzt kennen, könnt ihr jederzeit gerne wiederkommen.“

      Mit anderen Sprachen konfrontiert

      In den letzten Jahrzehnten haben Jehovas Zeugen in Europa festgestellt, daß die Kommunikation mit Personen anderer Nationalität eine besondere Herausforderung ist. Viele Menschen sind wegen besserer beruflicher Möglichkeiten von einem Land in ein anderes gezogen. Einige europäische Städte sind Sitz großer internationaler Institutionen, deren Mitarbeiter nicht alle die Landessprache sprechen.

      Freilich werden in manchen Ländern seit Jahrhunderten viele Sprachen gesprochen. In Indien gibt es zum Beispiel 14 Hauptsprachen und an die 1 000 kleinere Sprachgruppen und Dialekte. Papua-Neuguinea hat über 700 Sprachen. Die Zeugen in Luxemburg stellten dagegen besonders in den 60er und 70er Jahren fest, daß in ihrem Gebiet Menschen aus über 30 verschiedenen Staaten lebten — und danach kamen noch mindestens 70 weitere Nationalitäten hinzu. Aus Schweden, wo früher nur eine Sprache gesprochen wurde, wird berichtet, daß es dort heute 100 verschiedene Sprachen gibt. Wie haben Jehovas Zeugen dieses Problem angepackt?

      Zunächst bemühten sie sich oft einfach, herauszufinden, welche Sprache der Wohnungsinhaber sprach, und dann versuchten sie, Literatur zu besorgen, die er lesen konnte. In Dänemark wurden Tonbandaufnahmen in Türkisch gemacht, damit aufrichtige Türken die Botschaft in ihrer eigenen Sprache hören konnten. In der Schweiz waren Gastarbeiter aus Italien und Spanien stark vertreten. Was Rudolf Wiederkehr erlebte, als er einigen von ihnen half, ist ein typisches Beispiel für die Anfänge. Er versuchte, einem Italiener Zeugnis zu geben, doch sie konnten sich nicht richtig miteinander verständigen. Was blieb da zu tun? Der Bruder ließ ihm einen italienischen Wachtturm zurück. Trotz des Sprachproblems ging Bruder Wiederkehr erneut hin. Mit dem Mann, seiner Frau und dem 12jährigen Sohn wurde ein Bibelstudium begonnen. Bruder Wiederkehr benutzte für das Studium ein deutsches Buch, beschaffte für die Familie aber italienische Exemplare. Wenn Worte nicht weiterhalfen, ging man zu Gesten über. Manchmal diente der Junge als Übersetzer, denn er hatte in der Schule Deutschunterricht. Die ganze Familie nahm die Wahrheit an und überbrachte sie auch bald anderen.

      Buchstäblich Millionen von Arbeitern aus Griechenland, Italien, Jugoslawien, Portugal, Spanien und der Türkei zogen nach Deutschland und in andere Länder. In ihrer eigenen Sprache könnte ihnen auf geistigem Gebiet wirkungsvoller geholfen werden. Bald lernten eine Anzahl einheimischer Zeugen die Sprachen der Gastarbeiter. In Deutschland sorgte das Zweigbüro sogar für türkischen Sprachunterricht. Zeugen in anderen Ländern, die die notwendigen Sprachkenntnisse hatten, wurden eingeladen, in Gegenden zu ziehen, wo Hilfe dringend nötig war.

      Einige der ausländischen Arbeiter waren noch nie mit Jehovas Zeugen in Berührung gekommen und hatten wirklich geistigen Hunger. Sie waren dankbar für die Anstrengungen, die unternommen wurden, um ihnen zu helfen. Es wurden viele fremdsprachige Versammlungen gegründet. Im Laufe der Zeit kehrten eine Reihe dieser Gastarbeiter in ihre Heimat zurück, um den Predigtdienst in Gegenden aufzunehmen, in denen bis dahin noch nicht gründlich über Gottes Königreich Zeugnis abgelegt worden war.

      Reiche Ernte trotz Hindernissen

      Jehovas Zeugen haben auf der ganzen Erde die gleichen Predigtmethoden. In Nordamerika predigen sie seit über einem Jahrhundert eifrig das Evangelium. Daher überrascht es nicht, daß dort eine reiche geistige Ernte eingebracht worden ist. 1975 waren auf dem Festland der Vereinigten Staaten und in Kanada 624 097 Zeugen Jehovas tätig. Das heißt allerdings nicht, daß man ihrem Predigtwerk in Nordamerika keinen Widerstand entgegengebracht hätte.

      Die kanadische Regierung hatte zwar 1945 das Verbot der Zeugen Jehovas und ihrer rechtlichen Körperschaften aufgehoben, doch in der Provinz Quebec brachte diese Entscheidung nicht gleich Vorteile. Im September 1945 hatten Zeugen Jehovas in Châteauguay und Lachine unter Pöbelangriffen von Katholiken zu leiden. Man verhaftete Zeugen und beschuldigte sie der Aufwiegelung, weil die katholische Kirche in der Literatur, die sie verbreiteten, kritisiert wurde. Mehrere kamen ins Gefängnis, weil sie biblische Veröffentlichungen verbreiteten, die der Polizeichef nicht genehmigt hatte. 1947 waren in Quebec 1 700 Verfahren gegen die Zeugen anhängig.

      Während Musterprozesse durchgefochten wurden, wurde den Zeugen geraten, das Evangelium mündlich zu verbreiten und nur die Bibel zu verwenden — wenn möglich, die katholische Douay-Bibel. Vollzeitverkündiger aus anderen Gegenden Kanadas lernten von sich aus Französisch und zogen nach Quebec, um sich dort an der Förderung der wahren Anbetung zu beteiligen.

      Viele aufrichtige Katholiken ließen die Zeugen in ihre Wohnung und stellten Fragen, erklärten allerdings oft: „Ich bin katholisch, und das bleibe ich auch.“ Doch Zehntausende änderten sich trotzdem, nachdem sie sich selbst davon überzeugt hatten, was die Bibel sagt — weil sie die Wahrheit liebten und Gott gefallen wollten.

      Auch in den Vereinigten Staaten war es notwendig, vor Gericht zu gehen, um das Recht der Zeugen Jehovas auf öffentliches Predigen und den Dienst von Haus zu Haus durchzusetzen. Von 1937 bis 1953 wurden 59 solcher Fälle bis vor das Oberste Bundesgericht in Washington (D. C.) gebracht.

      Nichtzugeteilten Gebieten Aufmerksamkeit geschenkt

      Jehovas Zeugen geht es nicht nur darum, überhaupt die gute Botschaft zu predigen, sondern ihr Ziel ist es, möglichst jedem die Königreichsbotschaft zu überbringen. Deshalb hat die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas jedem Zweigbüro die Verantwortung für einen bestimmten Teil des weltweiten Predigtgebietes übertragen. Den Versammlungen, die innerhalb des Zuständigkeitsbereiches eines Zweigbüros gegründet werden, wird ein Teil dieses Gebietes zum Predigen zugeteilt. Die Versammlung unterteilt das Gebiet dann in Abschnitte, die Gruppen oder einzelnen Versammlungsverkündigern zugewiesen werden können. Diese bemühen sich, jeden Haushalt regelmäßig zu erreichen. Wie steht es aber mit Gegenden, die noch keiner Versammlung zugeteilt sind?

      Im Jahre 1951 wurde eine Liste von allen Verwaltungsbezirken in den Vereinigten Staaten erstellt, um herauszufinden, wo Jehovas Zeugen noch nicht regelmäßig tätig waren. Damals wurden fast 50 Prozent gar nicht oder nur teilweise bearbeitet. Man sorgte dafür, daß Zeugen in den Sommermonaten oder zu anderen günstigen Zeiten in diesen Gegenden predigten, damit dort Versammlungen gegründet würden. Wo niemand zu Hause war, wurde manchmal eine gedruckte Nachricht zusammen mit einer biblischen Veröffentlichung zurückgelassen. Bibelstudien führte man brieflich durch. Später wurden in solche Gebiete Sonderpioniere gesandt, die dem vorgefundenen Interesse nachgingen.

      Diese Vorgehensweise beschränkte sich nicht auf die 50er Jahre. Weltweit werden in Ländern, wo zwar in den Großstädten gepredigt wird, es aber nichtzugeteilte Gebiete gibt, weiterhin gewissenhaft Anstrengungen unternommen, Menschen zu erreichen, die noch nicht regelmäßig besucht werden. In Alaska lebten in den 70er Jahren ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung in abgelegenen Dörfern. Viele von ihnen waren am besten im Winter anzutreffen, wenn der Fischfang fast eingestellt wird. Aber das ist auch die Zeit, in der schlimme Vereisungen und Schneestürme das Fliegen gefährlich machen. Dennoch mußten die Eskimos, Indianer und Aleuten die Gelegenheit erhalten, von der Vorkehrung ewigen Lebens unter Gottes Königreich zu erfahren. Um sie zu erreichen, flog eine Gruppe von 11 Zeugen in einem Zeitraum von zwei Jahren mit kleinen Flugzeugen zu etwa 200 Dörfern, die sich auf ein Gebiet von 844 000 Quadratkilometern verteilten. Finanziert wurde das Ganze durch freiwillige Spenden der einheimischen Zeugen.

      Abgesehen davon, daß solche Predigttouren unternommen wurden, ermunterte man auch reife Zeugen, den Umzug in eine Gegend innerhalb des eigenen Landes zu erwägen, wo der Bedarf an Königreichsverkündigern größer ist. Tausende sind darauf eingegangen. In den Vereinigten Staaten zogen zum Beispiel Eugene und Delia Shuster 1958 von Illinois weg, um in Hope (Arkansas) zu dienen. Sie sind dort mehr als drei Jahrzehnte geblieben, haben interessierte Personen ausfindig gemacht, eine Versammlung gegründet und Neuen geholfen, zu christlicher Reife heranzuwachsen.

      Angeregt von ihrem Kreisaufseher, zogen Alexander B. Green und seine Frau 1957 von Dayton (Ohio) weg, um in Mississippi zu dienen. Als erstes wurden sie nach Jackson gesandt und zwei Jahre später nach Clarksdale. Im Laufe der Zeit diente Bruder Green noch an fünf anderen Orten. Überall dort gab es kleine Versammlungen, die Hilfe brauchten. Um für seinen Lebensunterhalt aufzukommen, reinigte er unter anderem Büros, machte Gartenarbeiten, arbeitete Möbel auf und reparierte Autos. Doch vor allem konzentrierte er sich auf das Predigen der guten Botschaft. Er half den dortigen Zeugen, im Glauben zu wachsen, arbeitete mit ihnen zusammen, um die Menschen in dem Gebiet zu erreichen, und half ihnen oft, einen Königreichssaal zu bauen, bevor er weiterzog.

      Als Gerald Cain 1967 im Westen der Vereinigten Staaten ein Zeuge Jehovas wurde, war ihm und seiner Familie die Dringlichkeit des Evangelisierungswerkes deutlich bewußt. Noch bevor sie sich taufen ließen, planten sie, in einer Gegend zu dienen, wo größerer Bedarf an Verkündigern bestand. Vier Jahre lang arbeiteten sie mit der Versammlung in Needles (Kalifornien) zusammen, deren Gebiet Teile von drei Bundesstaaten im Westen der Vereinigten Staaten umfaßte. Als sie aus gesundheitlichen Gründen wegziehen mußten, suchten sie sich wieder einen Ort aus, wo Hilfe dringend nötig war, und funktionierten dort einen Teil ihres Zuhauses zu einem Königreichssaal um. Es folgten noch weitere Umzüge, aber in ihren Überlegungen spielte es immer eine wichtige Rolle, dorthin zu ziehen, wo sie beim Zeugnisgeben die größtmögliche Hilfe leisten könnten.

      Während die Zahl der Versammlungen zunahm, war in manchen Gegenden ein dringender Bedarf an befähigten Ältesten zu verspüren. Um dem abzuhelfen, haben sich Tausende von Ältesten bereit erklärt, auf eigene Kosten Versammlungen außerhalb ihrer Wohngegend zu unterstützen. Sie fahren in der Woche drei-, vier-, fünfmal oder noch öfter dorthin, um an den Zusammenkünften der Versammlung und am Predigtdienst teilzunehmen und auch um die Herde zu hüten. Das ist nicht nur in den Vereinigten Staaten so gewesen, sondern auch in El Salvador, Japan, den Niederlanden, Spanien und vielen anderen Ländern. In manchen Fällen sind die Ältesten mit ihrer Familie umgezogen, um dem Bedarf abzuhelfen.

      Was ist dadurch erreicht worden? Betrachten wir nur ein Land. Als 1951 zum erstenmal Pläne angekündigt wurden, nichtzugeteiltes Gebiet zu bearbeiten, gab es in den Vereinigten Staaten rund 3 000 Versammlungen mit durchschnittlich 45 Verkündigern. 1975 gab es 7 117 Versammlungen, und die Durchschnittszahl der tätigen Zeugen je Versammlung war auf fast 80 angestiegen.

      Das Zeugnis, das von 1945 bis 1975 für den Namen und das Königreich Jehovas gegeben wurde, stellte alles, was bis dahin erreicht worden war, in den Schatten.

      Die Zahl der Zeugen stieg von weltweit 156 299 im Jahre 1945 auf 2 179 256 im Jahre 1975 an. Jeder einzelne tat seinen Teil, um das Königreich Gottes öffentlich zu verkündigen.

      Im Jahre 1975 waren Jehovas Zeugen in 212 Ländern und Inselgebieten tätig (wenn man von den Landesgrenzen Anfang der 90er Jahre ausgeht). Auf dem Festland der Vereinigten Staaten und in Kanada predigten 624 097 von ihnen. Des weiteren gab es in Europa — die Sowjetunion nicht mitgerechnet — 614 826 Zeugen. Die Bevölkerung Afrikas hörte die biblische Botschaft der Wahrheit von den 312 754 Zeugen, die sich dort an dem Werk beteiligten. In Mexiko und Zentral- und Südamerika dienten 311 641 Zeugen, in Asien 161 598, in Australien und auf den vielen Inseln weltweit 131 707.

      In den 30 Jahren bis 1975 wandten Jehovas Zeugen 4 635 265 939 Stunden für das öffentliche Predigen und Lehren auf. Außerdem ließen sie 3 914 971 158 Bücher, Broschüren und Zeitschriften bei interessierten Personen zurück, um ihnen verstehen zu helfen, wie sie aus dem liebevollen Vorsatz Jehovas Nutzen ziehen könnten. Im Einklang mit dem Auftrag Jesu, Jünger zu machen, machten sie 1 788 147 329 Rückbesuche bei interessierten Personen, und 1975 führten sie durchschnittlich 1 411 256 kostenlose Heimbibelstudien mit Einzelpersonen und ganzen Familien durch.

      Bis 1975 hatte die gute Botschaft tatsächlich bereits 225 Länder und Inselgebiete erreicht. In über 80 Ländern, in denen 1945 zwar schon die gute Botschaft gepredigt worden war, es aber damals noch keine Versammlungen gab, waren eifrige, blühende Versammlungen entstanden. Dazu gehörte die Republik Korea mit 470 Versammlungen, Spanien mit 513, Zaire mit 526, Japan mit 787 und Italien mit 1 031 Versammlungen.

      Zwischen 1945 und 1975 zählten sich die meisten, die Zeugen Jehovas wurden, nicht zu denen, die durch Gottes Geist gesalbt wurden und Aussicht auf himmlisches Leben hatten. Im Frühjahr 1935 nahmen 93 Prozent derer, die sich am Predigtdienst beteiligten, beim Abendmahl von den Symbolen. (Noch im selben Jahr wurde klar, daß die in Offenbarung 7:9 erwähnte „große Volksmenge“ aus Personen besteht, die für immer auf der Erde leben werden.) Bis 1945 war die Zahl der Zeugen, die die Aussicht auf ewiges Leben auf einer paradiesischen Erde haben, so stark angestiegen, daß sie 86 Prozent derer ausmachte, die sich am Predigen der guten Botschaft beteiligten. 1975 betrug die Zahl der geistgesalbten Christen weniger als ein halbes Prozent der gesamten weltweiten Organisation der Zeugen Jehovas. Diese Gesalbten lebten damals zwar in etwa 115 Ländern verstreut, dienten aber weiterhin wie „e i n Leib“ unter Jesus Christus.

      [Herausgestellter Text auf Seite 463]

      „Seit Sie hier sind, sprechen alle von der Bibel“

      [Herausgestellter Text auf Seite 466]

      „Was Sie mir gerade gesagt haben, ist genau das, was ich vor so vielen Jahren in der Bibel gelesen habe“

      [Herausgestellter Text auf Seite 470]

      Tausende zogen innerhalb ihres eigenen Landes in eine Gegend, wo größerer Bedarf an Zeugen bestand

      [Herausgestellter Text auf Seite 472]

      „Der kostbare Lohn“

      [Herausgestellter Text auf Seite 475]

      Befähigte Zeugen wurden in Länder gesandt, wo Hilfe dringend nötig war

      [Herausgestellter Text auf Seite 486]

      Mit kraftvollen biblischen Argumenten stellten die frühen Zeugen in Nigeria die Geistlichkeit und ihre falschen Lehren bloß

      [Herausgestellter Text auf Seite 497]

      Wenn Worte nicht weiterhalfen, ging man zu Gesten über

      [Herausgestellter Text auf Seite 499]

      Ihr Ziel? Möglichst jedem die Königreichsbotschaft zu überbringen.

      [Kasten/Bild auf Seite 489]

      Es wurden große Anstrengungen unternommen, der Bevölkerung Chinas die gute Botschaft von Jehovas Königreich zu überbringen

      Von Chefoo aus wurden zwischen 1891 und 1900 Tausende von Briefen, Traktaten und Büchern verschickt

      C. T. Russell sprach 1912 in Schanghai zur Öffentlichkeit und besuchte 15 Städte und Ortschaften

      Kolporteure verbreiteten von 1912 bis 1918 entlang der chinesischen Küste und bei Reisen ins Inland viel Literatur

      Japanische Kolporteure dienten hier 1930/31

      Von Schanghai, Peking und Tientsin aus wurden in den 30er Jahren Rundfunksendungen in Chinesisch ausgestrahlt; daraufhin kamen aus vielen Teilen Chinas Briefe, in denen um Literatur gebeten wurde

      Pioniere aus Australien und Europa predigten während der 30er und 40er Jahre in Schanghai, Peking, Tientsin, Tsingtau, Peitaiho, Chefoo, Weihai, Kanton, Swatow, Xiamen, Fuzhou, Hankou und Nanking. Andere kamen über die Birmastraße ins Land und predigten in Paoschan, Chungking und Chengdu. In Schensi und Ningbo dienten einheimische Pioniere.

      [Bild]

      In der Gileadschule ausgebildete Missionare, wie zum Beispiel Stanley Jones (links) und Harold King (rechts), dienten hier von 1947 bis 1958 an der Seite eifriger einheimischer Zeugen

      [Karte]

      CHINA

      [Karte/Bilder auf Seite 462]

      Die „Sibia“ diente in Westindien als schwimmendes Missionarheim

      G. Maki

      St. Carter

      R. Parkin

      A. Worsley

      [Karte]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      BAHAMAS

      JUNGFERN-INSELN (USA)

      JUNGFERN-INSELN (BRITISCH)

      INSELN ÜBER DEM WINDE

      LEEWARD-ISLANDS

      WINDWARD ISLANDS

      [Karte auf Seite 477]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      In Afrika floß lebengebendes Wasser der Wahrheit über Landesgrenzen hinweg in viele Richtungen

      SÜDAFRIKA

      GHANA

      KENIA

      MALAWI

      NIGERIA

      SIERRA LEONE

      SAMBIA

      [Bilder auf Seite 464]

      Als Missionare in Bolivien predigten Edward Michalec (links) und Harold Morris (rechts) zuerst hier in La Paz

      [Bild auf Seite 465]

      Das von Zeugen in Peru gebaute Schiff „El Refugio“ wurde benutzt, um den Menschen im oberen Amazonasgebiet die gute Botschaft zu überbringen

      [Bild auf Seite 467]

      Durch Leseunterricht, den Jehovas Zeugen in Mexiko geben, wurden Zehntausende in die Lage versetzt, Gottes Wort zu lesen

      [Bild auf Seite 468]

      Als man Jehovas Zeugen in Argentinien die Freiheit verwehrte, öffentliche Kongresse abzuhalten, kam Bruder Knorr (vorn rechts) mit ihnen auf kleinen Kongressen zusammen, die auf Gehöften und in den Bergen stattfanden

      [Bild auf Seite 469]

      Zu den Tausenden von Zeugen, die umzogen, um in einem Land zu dienen, wo größerer Bedarf an Verkündigern bestand, gehörten auch Familien wie Harold und Anne Zimmerman mit ihren vier kleinen Kindern (Kolumbien)

      [Bild auf Seite 471]

      Als ein Aufruf nach Freiwilligen erging, zogen Tom und Rowena Kitto nach Papua, um dort die biblische Wahrheit zu lehren

      [Bild auf Seite 471]

      John und Ellen Hubler zogen nach Neukaledonien, und 31 weitere Zeugen folgten. Bevor sie weggehen mußten, gab es dort eine fest gegründete Versammlung.

      [Bild auf Seite 473]

      Fuaiupolu Pele von Westsamoa wurde als junger Mann, als er beschloß, ein Zeuge Jehovas zu werden, von seinen Angehörigen und der Gemeinde heftig unter Druck gesetzt

      [Bild auf Seite 474]

      Nachdem Shem Irofa’alu und seine Mitgläubigen davon überzeugt waren, daß Jehovas Zeugen wirklich die Wahrheit lehren, wurden in 28 Dörfern auf den Salomonen Kirchen in Königreichssäle umgewandelt

      [Bilder auf Seite 476]

      Um Anfang der 50er Jahre in Äthiopien predigen zu können, mußten die Zeugen eine Missionsstation einrichten und Schulunterricht geben

      [Bild auf Seite 478]

      Als Gabriel Paterson (hier abgebildet) die Ausweisung drohte, versicherte ihm ein wichtiger Beamter: „Die Wahrheit ... ist wie ein mächtiger Strom; dämmt man ihn ein, so wird er den Damm überfluten“

      [Bilder auf Seite 479]

      1970 wurden auf einem Kongreß in Nigeria 3 775 neue Zeugen untergetaucht; man achtete gewissenhaft darauf, daß jeder einzelne wirklich die Voraussetzungen erfüllte

      [Bilder auf Seite 481]

      Filmvorführungen (in Afrika und in anderen Erdteilen) vermittelten den Zuschauern einen Eindruck von dem Ausmaß der sichtbaren Organisation Jehovas

      [Bild auf Seite 482]

      João Mancoca (hier mit Mary, seiner Frau) hat Jehova jahrzehntelang unter sehr schwierigen Bedingungen gedient

      [Bild auf Seite 483]

      1961 konnte Ernest Heuse jr. mit seiner Familie nach Zaire (damals Kongo) einreisen; er half mit, diejenigen, die Jehova wirklich dienen wollten, religiös zu unterweisen

      [Bilder auf Seite 485]

      Obwohl Mary Whittington erst ein Jahr getauft war und in Kenia keine Zeugen kannte, nahm sie sich vor, anderen die Wahrheit näherzubringen

      [Bild auf Seite 487]

      Mary Nisbet (vorn Mitte) mit ihren Söhnen Robert und George, die in den 30er Jahren in Ostafrika als Pioniere dienten, und ihrem Sohn William mit seiner Frau Muriel (im Hintergrund), die von 1956 bis 1973 in Ostafrika dienten

      [Bilder auf Seite 488]

      Auf den Philippinen wurden 1945 auf einem Kongreß Anweisungen gegeben, wie man durch Heimbibelstudien andere unterweisen kann

      [Bilder auf Seite 490]

      Don und Mabel Haslett, die ersten Missionare der Nachkriegszeit in Japan, im Straßendienst

      [Bild auf Seite 491]

      25 Jahre lang diente Lloyd Barry (rechts) in Japan — zuerst als Missionar, dann als Zweigaufseher

      [Bild auf Seite 491]

      Don und Earlene Steele, die ersten von vielen Missionaren, die in der Republik Korea dienten

      [Bild auf Seite 492]

      Früher wurde Fred Metcalfe manchmal vom Pöbel gejagt, wenn er in Irland die biblische Botschaft verkündigte; als sich die Menschen aber Zeit nahmen und zuhörten, wurden Tausende Zeugen Jehovas

      [Bild auf Seite 493]

      Trotz des Widerstandes der Geistlichkeit strömten Tausende zu den Kongressen der Zeugen in Italien (Rom, 1969)

      [Bild auf Seite 494]

      Unter Verbot wurden die Versammlungszusammenkünfte oft im Freien in Form eines Picknicks abgehalten wie hier in Portugal

      [Bilder auf Seite 495]

      Zeugen im Gefängnis in Cádiz (Spanien) fuhren fort zu predigen, indem sie Briefe schrieben

      [Bilder auf Seite 496]

      Durch große Kongresse konnte die Öffentlichkeit selbst herausfinden, was für Menschen Jehovas Zeugen sind

      Paris (1955)

      Nürnberg (1955)

      [Bilder auf Seite 498]

      Um in Luxemburg jedem die gute Botschaft überbringen zu können, mußten Jehovas Zeugen dort bisher Publikationen in wenigstens 100 Sprachen verwenden

  • Teil 5 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 22

      Teil 5 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde

      Im Jahre 1975 wurden wichtige Entscheidungen getroffen in bezug auf die Art und Weise, wie die Tätigkeit der Zeugen Jehovas von ihrer Weltzentrale aus beaufsichtigt würde. Damals wußten sie nicht, welche Gebiete vor dem Ende des gegenwärtigen Weltsystems noch für ein umfassendes Zeugnis erschlossen würden und in welchem Ausmaß sie noch in den Ländern predigen würden, wo sie schon seit vielen Jahren tätig waren. Doch sie wollten jede sich bietende Gelegenheit voll ausschöpfen. Auf den Seiten 502 bis 520 wird über einige der spannenden Entwicklungen berichtet.

      IN Südamerika hat sich viel verändert. Es ist noch nicht lange her, daß Jehovas Zeugen in Ecuador Pöbelaktionen von Katholiken ausgesetzt waren, daß katholische Priester in vielen Dörfern Mexikos fast wie Könige regierten und daß Jehovas Zeugen in Argentinien und Brasilien von der Regierung verboten wurden. Aber die Verhältnisse haben sich sehr gewandelt. Jetzt sind viele, denen man beigebracht hatte, die Zeugen zu fürchten oder zu hassen, selbst Zeugen Jehovas. Andere hören gern zu, wenn die Zeugen bei ihnen vorsprechen und ihnen die biblische Botschaft des Friedens überbringen. Jehovas Zeugen sind bekannt und werden allgemein respektiert.

      Die Größe ihrer Kongresse und das christliche Verhalten der Anwesenden haben Aufmerksamkeit erregt. Auf zwei großen Kongressen in Brasilien, die 1985 in São Paulo und in Rio de Janeiro gleichzeitig stattfanden, wurde eine Besucherhöchstzahl von 249 351 erreicht. Durch 23 zusätzliche Kongresse, die wegen der interessierten Personen über Brasilien verteilt abgehalten wurden, erhöhte sich die Gesamtzahl der Anwesenden später auf 389 387. Was Jehovas Zeugen in Brasilien als Lehrer des Wortes Gottes bewirkt hatten, wurde offenkundig, als auf diesen Kongressen 4 825 Personen ihre Hingabe an Jehova durch die Wassertaufe symbolisierten. Nur fünf Jahre später — 1990 — war es nötig, 110 Kongresse in ganz Brasilien abzuhalten, um für die 548 517 Besucher Platz zu haben. Diesmal ließen sich 13 448 taufen. Überall im Land freuten sich Hunderttausende von Familien und Einzelpersonen darüber, von Jehovas Zeugen in Gottes Wort unterwiesen zu werden.

      Und was gibt es über Argentinien zu berichten? Jahrzehntelang hatten Jehovas Zeugen dort unter Einschränkungen von seiten der Regierung zu leiden, doch 1985 durften sie sich wieder ungehindert auf Kongressen versammeln. Die 97 167 Anwesenden waren überglücklich, ihren ersten Kongreß zu erleben. In einem Artikel mit dem Thema „Ein wachsendes Königreich — das von Jehovas Zeugen“ äußerte sich das lokale Nachrichtenmagazin Ahora erstaunt über die Ordentlichkeit der Kongreßbesucher in Buenos Aires, darüber, daß sie überhaupt keine rassischen und gesellschaftlichen Vorurteile hatten, über ihre Friedlichkeit und die Liebe, die unter ihnen zu erkennen war. Dann hieß es: „Ob wir ihre Gedanken und Lehren teilen oder nicht, so verdienen doch diese Menschen unseren größten Respekt.“ Viele Argentinier taten jedoch mehr, als ihnen nur Respekt entgegenzubringen. Sie begannen, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren und die Zusammenkünfte im Königreichssaal zu besuchen, um zu beobachten, wie die Zeugen biblische Grundsätze in ihrem Leben anwenden. Darauf trafen diese Beobachter eine Entscheidung. In den folgenden sieben Jahren gaben sich Zehntausende von ihnen Jehova hin, und die Zahl der Zeugen in Argentinien nahm um 71 Prozent zu.

      In Mexiko war die Reaktion auf die gute Botschaft von Gottes Königreich noch außergewöhnlicher. Früher hatten Jehovas Zeugen dort häufig unter Pöbelaktionen zu leiden, die von Priestern angezettelt wurden. Aber aufrichtige Menschen waren sehr davon beeindruckt, daß Jehovas Zeugen nicht zurückschlugen oder Vergeltung übten (Röm. 12:17-19). Außerdem fiel ihnen auf, daß sich alle Glaubensansichten der Zeugen auf die Bibel, Gottes inspiriertes Wort, stützten statt auf menschliche Überlieferungen (Mat. 15:7-9; 2. Tim. 3:16, 17). Sie konnten sehen, daß die Zeugen einen Glauben hatten, der sie bei Anfeindungen aufrechterhielt. Immer mehr Familien sagten gern zu, wenn Jehovas Zeugen ihnen ein kostenloses Heimbibelstudium anboten. 1992 entfielen 12 Prozent der Bibelstudien, die Jehovas Zeugen weltweit leiteten, auf Mexiko, und ein beträchtlicher Anteil davon wurde mit großen Familien durchgeführt. Dadurch schnellte die Zahl der Zeugen Jehovas in Mexiko in die Höhe — von 80 481 im Jahre 1975 auf 354 023 im Jahre 1992 —, und dabei handelte es sich nicht lediglich um Personen, die die Zusammenkünfte besuchten, sondern um eifrige Verkündiger des Königreiches Gottes.

      Auch in Europa trugen außergewöhnliche Ereignisse zur Verbreitung der Königreichsbotschaft bei.

      Erstaunliche Entwicklungen in Polen

      Das Werk der Zeugen Jehovas in Polen war zwar von 1939 bis 1945 (während der nationalsozialistischen und sowjetischen Herrschaft) und erneut ab Juli 1950 (unter sowjetischer Kontrolle) verboten, aber Jehovas Zeugen hörten nicht auf zu predigen. 1939 zählten sie nur 1 039, doch 1950 gab es bereits 18 116 Königreichsverkündiger, und sie waren eifrige — wenn auch vorsichtige — Evangeliumsverkündiger (Mat. 10:16). Kongresse mußten allerdings geheim irgendwo auf dem Land abgehalten werden, zum Beispiel in Scheunen oder Wäldern. Doch von 1982 an gestattete ihnen die polnische Regierung, eintägige kleine Kongresse in gemieteten Einrichtungen zu veranstalten.

      Im August 1985 überließ man Jehovas Zeugen dann die geräumigsten Stadien Polens für vier große Kongresse. Ein Delegierter aus Österreich war überrascht, als er bei seiner Ankunft mit dem Flugzeug über Lautsprecher hörte, daß man Jehovas Zeugen zu ihrem Kongreß in Polen willkommen hieß. Einem älteren polnischen Zeugen, der den Besucher in Empfang nehmen wollte, wurde dadurch bewußt, wie sehr die Regierung ihre Haltung geändert hatte, und er konnte die Freudentränen nicht zurückhalten. Auf diesen Kongressen waren 94 134 Delegierte anwesend, darunter Gruppen aus 16 Ländern. Wußte die Allgemeinheit über das Geschehen Bescheid? Ja, durchaus. Während der Kongresse und danach konnte man Berichte darüber in den großen Zeitungen lesen, im Fernsehen Ströme von Besuchern sehen und im Rundfunk Ausschnitte aus dem Programm hören. Vielen sagte das, was sie sahen und hörten, zu.

      Als die Regierung am 12. Mai 1989 Jehovas Zeugen als religiöse Vereinigung anerkannte, machten sie bereits Pläne für noch größere Kongresse in Polen. Schon nach drei Monaten wurden drei internationale Kongresse mit einer Gesamtzahl von 166 518 Anwesenden abgehalten, und zwar in Chorzów, Poznań und Warschau. Erstaunlicherweise konnten sich Tausende von Zeugen aus der Sowjetunion und aus der Tschechoslowakei eine Reiseerlaubnis beschaffen und die Kongresse miterleben. War das Werk des Jüngermachens der Zeugen Jehovas in diesen Ländern, in denen der Staat jahrzehntelang energisch den Atheismus verfochten hatte, von Erfolg gekrönt? Die Antwort lag auf der Hand, als sich auf diesen Kongressen 6 093 Personen, darunter viele Jugendliche, zur Wassertaufe einfanden.

      Die Öffentlichkeit konnte nicht leugnen, daß die Zeugen anders sind — in positiver Hinsicht anders. Die Presse äußerte sich zum Beispiel wie folgt: „Diejenigen, die — wie sie selbst sagen — Jehova Gott anbeten, schätzen ihre Zusammenkünfte sehr, die bestimmt eine Manifestation der Einheit sind. ... Außerdem kann man sagen, daß die Kongreßbesucher, was Ordentlichkeit, Friedlichkeit und Reinlichkeit betrifft, ein nachahmenswertes Beispiel sind“ (Życie Warszawy). Eine Anzahl Polen begnügte sich nicht damit, die Kongreßteilnehmer zu beobachten. Sie hatten den Wunsch, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren. Durch diese Unterweisung aus Gottes Wort stieg die Zahl der Zeugen Jehovas in Polen von 72 887 im Jahre 1985 auf 107 876 im Jahre 1992 an, und 1992 setzten sie über 16 800 000 Stunden ein, um noch mehr Menschen von der wunderbaren Hoffnung zu erzählen, die in der Bibel dargelegt ist.

      Aber nicht nur in Polen kam es zu begeisternden Veränderungen.

      In Osteuropa öffnen sich weitere Türen

      In Ungarn wurden Jehovas Zeugen 1989 rechtlich anerkannt. 1990 hob die DDR, nur vier Monate nachdem man mit dem Abriß der Berliner Mauer begonnen hatte, das Verbot der Zeugen Jehovas auf, das 40 Jahre bestanden hatte. Einen Monat danach wurde die Christliche Gemeinschaft der Zeugen Jehovas in Rumänien von der neuen rumänischen Regierung offiziell anerkannt. 1991 erklärte das Justizministerium in Moskau, daß es die Satzung der „Religionsorganisation der Zeugen Jehovas in der UdSSR“ offiziell registriert habe. Im selben Jahr wurde das Werk der Zeugen Jehovas in Bulgarien rechtlich anerkannt. In Albanien sprach man Jehovas Zeugen 1992 die rechtliche Anerkennung zu.

      Wie nutzten Jehovas Zeugen die Freiheit, die ihnen gewährt wurde? Ein Journalist fragte Helmut Martin, den Koordinator des Werkes in der DDR: „Wollen Sie sich nun politisch betätigen?“ Schließlich taten das viele Geistliche der Christenheit. „Nein“, antwortete Bruder Martin, „Jesus Christus hat seinen Jüngern einen biblischen Auftrag übergeben, den wir auch als unseren Kardinalauftrag ansehen“ (Mat. 24:14; 28:19, 20).

      Jehovas Zeugen sind ihrer Verantwortung in diesem Teil der Welt bestimmt nicht erst jetzt nachgekommen. Obwohl sie ihre Tätigkeit viele Jahre lang unter sehr schwierigen Bedingungen ausüben mußten, gab es in den meisten dieser Länder Versammlungen (die sich in kleinen Gruppen trafen), und es wurde Zeugnis abgelegt. Aber nun eröffneten sich ihnen neue Möglichkeiten. Sie konnten Zusammenkünfte abhalten und die Öffentlichkeit ungehindert dazu einladen. Sie konnten offen von Haus zu Haus predigen und brauchten keine Angst vor einer Verhaftung zu haben. In diesen Ländern mit einer Bevölkerung von insgesamt mehr als 390 000 000 gab es viel zu tun. Sich völlig darüber im klaren, daß wir in den letzten Tagen des gegenwärtigen Weltsystems leben, schritten Jehovas Zeugen sofort zur Tat.

      Schon vor der rechtlichen Anerkennung hatten Mitglieder der leitenden Körperschaft eine Reihe dieser Länder besucht, um zu sehen, was sie für ihre christlichen Brüder tun konnten. Nachdem die Verbote aufgehoben worden waren, reisten sie in weitere Gebiete und halfen beim Organisieren des Werkes mit. Innerhalb weniger Jahre kamen sie mit Zeugen in Polen, Ungarn, Rumänien, in der Tschechoslowakei, in Rußland, in der Ukraine, in Estland und Weißrußland zusammen und unterhielten sich mit ihnen persönlich.

      Es wurden Kongresse geplant, um die Zeugen in diesen Ländern zu stärken und die Öffentlichkeit auf die Botschaft von Gottes Königreich aufmerksam zu machen. Weniger als fünf Monate nachdem die DDR das Verbot aufgehoben hatte, wurde im Berliner Olympiastadion ein Kongreß abgehalten. Zeugen aus 64 weiteren Ländern folgten gern der Einladung, dem Kongreß beizuwohnen. Sie betrachteten es als Vorrecht, sich zusammen mit ihren christlichen Brüdern und Schwestern, die jahrzehntelang unter heftiger Verfolgung ihre Loyalität gegenüber Jehova unter Beweis gestellt hatten, an diesem Ereignis zu erfreuen.

      Sowohl 1990 als auch 1991 fanden in ganz Osteuropa weitere Kongresse statt. Nachdem in Ungarn 1990 vier regionale Kongresse abgehalten worden waren, plante man für 1991 einen internationalen Kongreß im Budapester Népstadion. Es waren 40 601 Besucher aus 35 Ländern anwesend. 1990 konnten Jehovas Zeugen in Rumänien zum erstenmal nach mehr als 40 Jahren öffentliche Kongresse veranstalten. In jenem Jahr wurden im ganzen Land kleinere Kongresse abgehalten, und dann fanden noch zwei größere statt. 1991 gab es dort acht Kongresse, die von 34 808 Personen besucht wurden. 1990 fanden in Jugoslawien in allen Republiken, aus denen das Land bestand, Kongresse statt. Im Jahr darauf freuten sich 14 684 Zeugen Jehovas, an einem internationalen Kongreß in Zagreb, der Hauptstadt von Kroatien, teilzunehmen, obwohl das Land vom Bürgerkrieg bedroht war. Die Polizei staunte, als sie sah, wie sich Kroaten, Montenegriner, Serben, Slowenen und andere friedlich versammelten, um sich das Programm anzuhören.

      Auch in der Tschechoslowakei wurden rasch Kongresse arrangiert. Zu dem Landeskongreß, der 1990 in Prag stattfand, kamen 23 876 Besucher. Die Stadionverwaltung war von dem, was sie sah, so angenehm berührt, daß sie den Zeugen für ihren nächsten Kongreß die größte Anlage des Landes zur Verfügung stellte. Bei diesem historischen Ereignis im Jahre 1991 füllten 74 587 freudige Kongreßteilnehmer das Strahov-Stadion in Prag. Die tschechischen und die slowakischen Delegierten freuten sich sehr, als in ihren Sprachen die vollständige Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift zum Gebrauch im öffentlichen Predigtdienst, beim persönlichen Studium und in der Versammlung freigegeben wurde, und sie klatschten stürmisch Beifall.

      Ebenfalls 1991 konnten Jehovas Zeugen zum erstenmal in der Geschichte offen Kongresse in Städten der damaligen Sowjetunion abhalten. Nach dem Kongreß in Tallinn (Estland) fand ein Kongreß in Sibirien statt. Vier Kongresse wurden in ukrainischen Großstädten abgehalten und einer in Kasachstan. Die Besucherzahl betrug insgesamt 74 252. Und das Werk des Jüngermachens, das Jehovas Zeugen verrichten, hatte in diesen Gebieten bereits reiche Früchte getragen, denn 7 820 Personen ließen sich taufen. Das war keine emotionelle Entscheidung, die sie aus Begeisterung über den Kongreß trafen. Die Taufanwärter waren über einen Zeitraum von Monaten — in manchen Fällen sogar Jahren — sorgfältig auf diesen Schritt vorbereitet worden.

      Woher kamen alle diese Menschen? Ganz offensichtlich hatte das Werk der Zeugen Jehovas dort nicht gerade erst begonnen. Schon 1887 wurden einer interessierten Person in Rußland Wachtturm-Publikationen zugeschickt. Der erste Präsident der Watch Tower Society reiste 1891 selbst nach Kischinjow (heute in Moldawien). Einige Bibelforscher gingen in den 20er Jahren zum Predigen nach Rußland; allerdings leisteten die Behörden heftigen Widerstand, und die wenigen Gruppen, die sich für die biblische Botschaft interessierten, waren klein. Doch während des Zweiten Weltkrieges und danach änderte sich die Lage. Landesgrenzen verschoben sich, und große Bevölkerungsgruppen wurden umgesiedelt. Als Folge davon befanden sich über tausend ukrainischsprechende Zeugen aus vormals ostpolnischen Gebieten nun in der Sowjetunion. Andere Zeugen, die in Rumänien oder in der Tschechoslowakei gelebt hatten, mußten feststellen, daß ihre Wohnorte plötzlich auch zur Sowjetunion gehörten. Darüber hinaus kehrten Russen, die in deutschen Konzentrationslagern Zeugen Jehovas geworden waren, in ihre Heimat zurück und nahmen die gute Botschaft von Gottes Königreich mit. 1946 waren in der Sowjetunion 4 797 Zeugen tätig. Viele von ihnen wurden im Laufe der Jahre von einem Ort zum anderen deportiert. Eine Anzahl wurde in Straflager gebracht. Wohin sie auch gingen, sie legten Zeugnis ab. Sie nahmen an Zahl zu. Von Lwiw im Westen der Sowjetunion bis Wladiwostok an der Ostküste, direkt gegenüber von Japan, waren Gruppen von ihnen tätig, noch bevor die Regierung ihnen die rechtliche Anerkennung zusprach.

      Heute hören viele gern zu

      Als die Zeugen 1991 in der damaligen Sowjetunion Kongresse abhielten, konnte die Öffentlichkeit sie genauer betrachten. Wie reagierten die Leute? In Lwiw (Ukraine) sagte ein Polizeibeamter zu einem Kongreßbesucher: „Sie zeichnen sich dadurch aus, daß Sie Menschen das Gute beibringen; Sie sprechen über Gott, und Sie beteiligen sich nicht an Gewalttätigkeiten. Wir haben uns darüber unterhalten, warum wir Sie verfolgt haben, und sind zu dem Schluß gekommen, daß wir Ihnen nicht zugehört haben und nichts über Sie wußten.“ Aber nun hörten viele zu, und Jehovas Zeugen halfen ihnen gern.

      Damit die Zeugen ihr Werk in den erwähnten Ländern so wirkungsvoll wie nur möglich verrichten konnten, brauchten sie biblische Literatur. Es wurden große Anstrengungen unternommen, sie schnell zu beschaffen. In Selters/Taunus vergrößerten Jehovas Zeugen ihre Druckerei fast auf das Doppelte. Noch bevor der Ausbau fertig war, wurden zwei Wochen nach Aufhebung des Verbots in der DDR von der Druckerei in Selters aus 23 Tonnen Literatur dorthin gesandt. Von der Zeit, als in osteuropäischen Ländern die Verbote aufgehoben wurden, bis 1992 wurden von Deutschland aus über 9 000 Tonnen Literatur in 14 Hauptsprachen in diese verschiedenen Länder versandt; hinzu kamen 633 Tonnen aus Italien und weitere Literatur aus Finnland.

      Nach vielen Jahren weitgehender Isolation brauchten die Zeugen in manchen Ländern auch Hilfe, was die Aufsicht in den Versammlungen und die organisatorische Leitung betraf. Um diesem dringenden Bedarf gerecht zu werden, nahm man unter anderem in Deutschland, den Vereinigten Staaten und Kanada Verbindung mit erfahrenen Ältesten auf, die möglichst eine der dortigen Sprachen beherrschten. Wären sie bereit, in ein osteuropäisches Land zu ziehen, um der Notlage abzuhelfen? Die Reaktion war überaus erfreulich. Wo es von Vorteil war, wurden auch Älteste eingesetzt, die die Gileadschule oder die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung besucht hatten.

      Im Jahre 1992 fand dann ein bemerkenswerter internationaler Kongreß in St. Petersburg statt, der zweitgrößten Stadt Rußlands. Rund 17 000 Kongreßteilnehmer kamen aus 27 Ländern außerhalb Rußlands. Der Kongreß wurde weit und breit angekündigt. Es kamen Leute, die noch nie von Jehovas Zeugen gehört hatten. Eine Höchstzahl von 46 214 Anwesenden wurde erreicht. Aus allen Gegenden Rußlands kamen Delegierte, einige reisten sogar von der fernöstlich, in der Nähe von Japan gelegenen Insel Sachalin an. Es waren große Gruppen aus der Ukraine, aus Moldawien und aus anderen Ländern, die früher zur UdSSR gehört hatten, vertreten. Die Besucher brachten gute Nachrichten mit. Wie berichtet wurde, kamen in Städten wie Kiew, Moskau und St. Petersburg in einzelnen Versammlungen im Durchschnitt doppelt so viele oder mehr zu den Zusammenkünften, als es Zeugen Jehovas gab. Viele, die mit Jehovas Zeugen die Bibel studieren wollten, mußten auf Wartelisten gesetzt werden. Aus Lettland kamen rund 600 Delegierte und aus Estland noch mehr. Aus einer Versammlung in St. Petersburg ließen sich über hundert auf dem Kongreß taufen. Bei denen, die Interesse zeigen, handelt es sich oft um junge und gebildete Menschen. In diesem riesigen Gebiet, das für die Welt lange als Hochburg des Atheismus galt, ist wirklich ein großartiges geistiges Erntewerk im Gange.

      Felder, die weiß sind zur Ernte

      Auch in anderen Ländern änderte sich die Einstellung zur Religionsfreiheit, und man hob die Einschränkungen auf, die für Jehovas Zeugen galten, oder sprach den Zeugen die rechtliche Anerkennung zu, die man ihnen lange verwehrt hatte. In vielen dieser Gebiete war eine reiche geistige Ernte einzubringen. Es herrschten Verhältnisse, wie sie Jesus seinen Jüngern beschrieb, als er sagte: „Erhebt eure Augen, und schaut die Felder an, daß sie weiß sind zur Ernte“ (Joh. 4:35). Betrachten wir einmal einige Länder Afrikas, auf die das zutraf.

      In Sambia wurde Jehovas Zeugen 1969 verboten, von Haus zu Haus zu predigen. Daraufhin setzten die Zeugen mehr Zeit dafür ein, Heimbibelstudien mit interessierten Personen zu leiten. Manche gingen auf die Zeugen zu, um von ihnen unterwiesen zu werden. Die Regierung lockerte die Einschränkungen nach und nach, und der Besuch der Zusammenkünfte nahm zu. 1992 besuchten 365 828 das Abendmahl des Herrn — das heißt jeder 23. Einwohner Sambias.

      Nördlich von Sambia, in Zaire, hatten Tausende den Wunsch, zu erfahren, was Jehovas Zeugen über eine christliche Lebensweise und Gottes Vorsatz in bezug auf die Menschheit lehren. Als die Zeugen 1990 ihre Königreichssäle aufgrund veränderter Umstände wieder öffnen konnten, strömten in einigen Gegenden bis zu 500 Besucher zu ihren Zusammenkünften. Nach zwei Jahren leiteten die 67 917 Zeugen in Zaire 141 859 Heimbibelstudien.

      In erstaunlich vielen Ländern wurde das Werk frei. 1990 erhielten Wachtturm-Missionare, die 14 Jahre vorher aus Benin ausgewiesen worden waren, die offizielle Erlaubnis zurückzukehren, und weiteren Missionaren stand die Tür offen. Im selben Jahr unterzeichnete der Justizminister der Republik Kap Verde einen Erlaß, wonach die Statuten der dortigen Vereinigung der Zeugen Jehovas gebilligt wurden und man ihnen die rechtliche Anerkennung gewährte. 1991 wurde Jehovas Zeugen in Mosambik (wo sie von den früheren Machthabern heftig verfolgt worden waren) von offizieller Seite Erleichterung zuteil, ebenso in Ghana (wo ihre Tätigkeit von der Regierung unterbunden worden war) und in Äthiopien (wo es 34 Jahre nicht möglich gewesen war, offen zu predigen oder Kongresse abzuhalten). Vor Jahresende wurden sie auch in Niger und im Kongo rechtlich anerkannt. Anfang 1992 hob man im Tschad, in Kenia, Ruanda, Togo und Angola das Verbot der Zeugen Jehovas auf oder sprach ihnen die rechtliche Anerkennung zu.

      Diese Felder waren reif für eine geistige Ernte. In Angola zum Beispiel erlebten die Zeugen innerhalb kurzer Zeit eine Mehrung von 31 Prozent; außerdem leiteten die fast 19 000 Königreichsverkündiger dort annähernd 53 000 Heimbibelstudien. Zur Unterstützung beim Aufbau dieses enormen Programms biblischer Belehrung in Angola und in Mosambik (wo viele Portugiesisch sprechen) wurden qualifizierte Älteste aus Portugal und Brasilien eingeladen, nach Afrika zu ziehen, um ihren Dienst dort fortzusetzen. Missionare, die Portugiesisch sprachen, wurden in das noch zu erschließende Guinea-Bissau gesandt. Und befähigte Zeugen aus Frankreich und anderen Ländern wurden gebeten, bei dem dringenden Werk des Predigens und Jüngermachens in französischsprachigen Ländern wie Benin, Tschad und Togo mitzuhelfen.

      Zu den Gebieten, die besonders viele Lobpreiser Jehovas hervorgebracht haben, gehören ehemalige katholische Hochburgen. Das gilt außer für Lateinamerika auch für Frankreich (wo nach dem Bericht von 1992 119 674 Evangeliumsverkündiger tätig waren), des weiteren für Spanien (wo es 92 282 waren), für die Philippinen (mit 114 335), für Irland (mit einer Wachstumsrate von jährlich 8 bis 10 Prozent) und für Portugal.

      Über einen Kongreß der Zeugen Jehovas, der 1978 in Lissabon stattfand und von 37 567 Personen besucht wurde, schrieb das Nachrichtenmagazin Opção: „Wer in der Pilgerzeit in Fátima war, kann erkennen, daß dieses Ereignis etwas ganz anderes ist. ... Hier findet man keine Glaubensschwärmerei, sondern es ist eine Zusammenkunft, wo Gläubige gemeinsam ihre Probleme, ihren Glauben und ihre religiösen Ansichten besprechen. Sie zeichnen sich durch echtes Interesse füreinander aus.“ In den zehn Jahren darauf nahm die Zahl der Zeugen in Portugal um beinahe 70 Prozent zu.

      Und wie steht es mit Italien? Wegen eines großen Mangels an Anwärtern auf das katholische Priesteramt mußte eine Anzahl Seminare schließen. Viele Kirchen haben keinen Pfarrer mehr. In zahlreichen ehemaligen Kirchen sind nun Geschäfte oder Büros untergebracht. Trotzdem kämpft die Kirche erbittert gegen Jehovas Zeugen. In der Vergangenheit drängte sie Beamte, die Missionare der Zeugen Jehovas auszuweisen, und forderte, daß die Polizei ihre Zusammenkünfte auflöste. In den 80er Jahren veranlaßten die Pfarrer in manchen Gegenden, daß an allen Türen (zufällig auch bei einigen Zeugen Jehovas) Aufkleber angebracht wurden, auf denen stand: „Nicht anklopfen. Wir sind katholisch.“ Die Zeitungen brachten Schlagzeilen wie „Kirche schlägt Alarm wegen Jehovas Zeugen“ und „ ‚Heiliger Krieg‘ gegen Jehovas Zeugen“.

      Als die jüdischen Priester des ersten Jahrhunderts die Apostel zum Schweigen bringen wollten, gab der Gesetzeslehrer Gamaliel klugerweise zu bedenken: „Wenn dieses Unterfangen oder dieses Werk von Menschen ist, wird es umgestürzt werden; wenn es aber von Gott ist, werdet ihr sie nicht stürzen können“ (Apg. 5:38, 39). Was erreichten die katholischen Priester des 20. Jahrhunderts damit, daß sie Jehovas Zeugen zum Schweigen bringen wollten? Das Werk der 120 Zeugen, die es 1946 in Italien gab, wurde nicht umgestürzt. Im Gegenteil, 1992 waren im ganzen Land 194 013 eifrige Zeugen tätig, die mit 2 462 Versammlungen verbunden waren. Sie haben Italien tatsächlich mit ihrer auf Gottes Wort beruhenden Lehre erfüllt. Seit 1946 haben sie über 550 Millionen Stunden dafür eingesetzt, mit ihren Landsleuten über Gottes Königreich zu sprechen. Gleichzeitig haben sie bei ihnen Millionen von Bibeln zurückgelassen sowie mehr als 400 Millionen bibelerklärende Bücher, Broschüren und Zeitschriften. Sie möchten sichergehen, daß die Einwohner Italiens ausreichend Gelegenheit haben, auf der Seite Jehovas Stellung zu beziehen, bevor Harmagedon kommt. Dabei haben sie stets die Worte des Apostels Paulus aus 2. Korinther 10:4, 5 im Sinn: „Die Waffen unserer Kriegführung sind nicht fleischlich, sondern machtvoll durch Gott, um starke Verschanzungen umzustoßen. Denn wir stoßen Vernunftschlüsse und jede Höhe um, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt.“

      Doch Jehovas Zeugen richten ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf ehemalige katholische Hochburgen. Sie wissen, daß Jesus sagte: „Unter allen Nationen [muß] zuerst die gute Botschaft gepredigt werden“ (Mar. 13:10). Und genau dieses Werk verrichten die Zeugen. 1992 waren 12 168 von ihnen damit beschäftigt, den Bewohnern Indiens von Gottes Königreich zu erzählen. Weitere 71 428 predigten in der Republik Korea. In Japan waren es 171 438, und ihre Zahl stieg mit jedem Monat an. Sie gingen auch weiterhin in Gegenden, wo noch kaum oder gar nicht gepredigt worden war.

      So waren sie in der zweiten Hälfte der 70er Jahre zum erstenmal in der Lage, den Bewohnern der Marquesasinseln und Kosraes im Pazifik die Königreichsbotschaft zu überbringen. Sie erreichten auch Bhutan, das an den Süden Chinas grenzt, und die Komoren vor der Ostküste Afrikas. In den 80er Jahren wurde von den Inseln Wallis und Futuna sowie Nauru und Rota, die alle im Südwestpazifik liegen, die erste Predigttätigkeit der Zeugen Jehovas berichtet. Das sind zum Teil relativ kleine Fleckchen Erde, aber es leben dort Menschen, und Menschenleben sind kostbar. Jehovas Zeugen kennen die Prophezeiung Jesu genau, daß die Königreichsbotschaft vor dem Ende „auf der ganzen bewohnten Erde“ gepredigt würde (Mat. 24:14).

      Menschen ansprechen, wo immer und wann immer möglich

      Der Predigtdienst von Haus zu Haus ist zwar nach wie vor die Hauptmethode der Zeugen Jehovas, Menschen zu erreichen, aber sie sind sich bewußt, daß sie nicht einmal durch diese systematische Methode mit jedem in Berührung kommen. Sich der Dringlichkeit ihres Werkes bewußt, gehen sie weiterhin überall, wo Menschen zu finden sind, auf sie zu. (Vergleiche Johannes 4:5-42; Apostelgeschichte 16:13, 14.)

      Wenn in den Häfen Deutschlands und der Niederlande Schiffe auch nur für kurze Zeit anlegen, bemühen sich Jehovas Zeugen, sie aufzusuchen, wobei sie zuerst dem Kapitän und dann der Mannschaft Zeugnis geben. Sie nehmen für die Männer biblische Literatur in vielen Sprachen mit. Auf den Märkten im Tschad (Zentralafrika) sieht man nicht selten einen Zeugen Jehovas, der von einer Gruppe von 15 bis 20 Personen umringt ist, mit denen er über die Hoffnung auf Gottes Königreich spricht. In Auckland (Neuseeland) sind die Zeugen am Samstagmorgen in Schichten tätig, um auf den Flohmärkten mit den Verkäufern an den Ständen und mit den Tausenden von Besuchern zu sprechen. Die Leute an den Busbahnhöfen von Guayaquil (Ecuador) — von denen viele aus entlegenen Winkeln des Landes kommen — werden von Zeugen angesprochen, die ihnen eine Broschüre mit einem zeitgemäßen Thema oder La Atalaya und ¡Despertad! anbieten. Nachtschichtarbeiter in den rund um die Uhr geöffneten Lebensmittelgeschäften von New York werden von den Zeugen am Arbeitsplatz aufgesucht, damit auch sie die gute Botschaft hören können.

      Bei Flügen oder bei Fahrten mit dem Zug, dem Bus oder der U-Bahn sprechen viele Zeugen Jehovas mit den Fahrgästen über wertvolle biblische Wahrheiten. Auch in den Pausen am Arbeitsplatz und in der Schule oder wenn Vertreter an ihrer Tür klingeln, ergreifen sie die Gelegenheit, Zeugnis abzulegen. Sie sind sich darüber im klaren, daß viele dieser Menschen vielleicht nicht zu Hause sind, wenn die Zeugen ihre regulären Besuche machen.

      Während sie anderen Zeugnis geben, vergessen sie auch nicht ihre nahen Angehörigen und entferntere Verwandte. Als Maria Caamano, eine Zeugin aus Argentinien, ihren Angehörigen erzählen wollte, wie tief berührt sie von dem war, was sie aus der Bibel lernte, machten sie sich allerdings über sie lustig oder waren gleichgültig. Sie gab aber nicht auf, sondern unternahm eine 1 900 Kilometer lange Reise, um anderen Verwandten Zeugnis zu geben. Einige reagierten günstig. Nach und nach hörten noch weitere zu. Das Ergebnis war, daß über 80 Erwachsene und mehr als 40 Kinder aus ihrer Verwandtschaft die biblische Wahrheit angenommen haben und sie auch anderen überbringen.

      Michael Regan zog, um seinen Verwandten zu helfen, zurück in seinen Heimatort Boyle (Grafschaft Roscommon) in Irland. Er gab ihnen allen Zeugnis. Seine Nichte war von der Fröhlichkeit und dem guten Verhalten der Kinder Michaels beeindruckt. Bald willigten sie und ihr Mann in ein Bibelstudium ein. Als sie sich taufen ließen, verbot ihr Vater ihnen, das Elternhaus zu betreten. Mit der Zeit wurde er jedoch zugänglicher und nahm einige Veröffentlichungen an — allerdings in der Absicht nachzuweisen, daß Jehovas Zeugen „im Irrtum“ seien. Bald erkannte er jedoch, daß es sich bei dem, was er las, um die Wahrheit handelte, und er ließ sich taufen. Derzeit sind mehr als 20 Verwandte mit der Versammlung verbunden, und die meisten von ihnen sind schon getauft.

      Wie steht es mit Häftlingen? Könnten auch sie aus der Botschaft von Gottes Königreich Nutzen ziehen? Sie werden von Jehovas Zeugen nicht übergangen. In einem nordamerikanischen Gefängnis brachten persönliche Bibelstudien mit den Häftlingen, verbunden mit dem Besuch der regulären Zusammenkünfte, die Jehovas Zeugen in dem Gefängnis abhielten, so gute Ergebnisse, daß die Gefängnisleitung dort Kongresse ermöglichte. Nicht nur Häftlinge besuchten diese Kongresse, sondern auch von außerhalb kamen Tausende von Zeugen. Auch in anderen Ländern werden gewissenhafte Anstrengungen unternommen, inhaftierten Männern und Frauen Zeugnis zu geben.

      Jehovas Zeugen denken nicht, daß sich alle Häftlinge durch ein Bibelstudium bessern. Doch sie wissen aus Erfahrung, daß einigen geholfen werden kann, und sie möchten ihnen die Gelegenheit geben, sich die Hoffnung auf Gottes Königreich zu eigen zu machen.

      Immer wieder bemüht, das Herz zu erreichen

      Jehovas Zeugen sprechen immer und immer wieder bei den Menschen vor. Wie schon Jesu erste Jünger gehen sie „immer wieder“ zu den Menschen in den ihnen zugeteilten Gebieten und bemühen sich, bei ihnen Interesse für das Königreich Gottes zu wecken (Mat. 10:6, 7). In manchen Gegenden können sie nur einmal jährlich alle Haushalte ihres Gebietes aufsuchen; in anderen Gegenden sprechen sie alle paar Monate vor. In Portugal werden die Bewohner von Lissabon und Umgebung, wo auf 160 Einwohner 1 Zeuge Jehovas kommt, etwa jede Woche von den Zeugen besucht. In Venezuela gibt es Städte, in denen die Gebiete mehr als einmal wöchentlich bearbeitet werden.

      Jehovas Zeugen versuchen durch ihre wiederholten Besuche nicht, den Menschen die biblische Botschaft aufzuzwingen. Sie wollen ihnen lediglich die Gelegenheit geben, eine wohlüberlegte Entscheidung zu treffen. Jemand sagt heute vielleicht, er sei nicht interessiert, aber ein andermal mag er wegen einschneidender Veränderungen in seinem Leben oder in den Weltverhältnissen zugänglicher sein. Aufgrund von Voreingenommenheit oder weil sie einfach zu beschäftigt sind, um zuzuhören, haben viele noch nie erfahren, was die Zeugen eigentlich lehren. Wiederholte freundliche Besuche bewirken vielleicht, daß sie doch einmal zuhören. Die Leute sind oft von der Ehrlichkeit und den festen moralischen Grundsätzen der Zeugen in ihrer Nachbarschaft oder an ihrem Arbeitsplatz beeindruckt. Dadurch wird bei manchen mit der Zeit so viel Interesse geweckt, daß sie herausfinden wollen, worum es bei der Botschaft der Zeugen geht. Eine Frau aus Venezuela sagte, nachdem sie gern Literatur und das Angebot eines kostenlosen Heimbibelstudiums angenommen hatte: „Noch nie hat mir jemand das alles erklärt.“

      Freundlich bemühen sich die Zeugen, das Herz ihres Gegenübers zu erreichen. Auf Guadeloupe, wo 1992 auf 57 Einwohner 1 Zeuge Jehovas kam, hört man Wohnungsinhaber oft sagen: „Ich habe kein Interesse.“ Darauf entgegnet Eric Dodote gewöhnlich: „Ich kann Sie verstehen, an Ihrer Stelle würde ich vielleicht auch so denken.“ Dann fährt er fort: „Aber würden Sie nicht auch gern unter besseren Verhältnissen leben, als wir sie heute haben?“ Nachdem er sich die Antwort des Wohnungsinhabers angehört hat, greift er zur Bibel und zeigt, wie Gott in seiner neuen Welt solche Verhältnisse schaffen wird.

      Gebiete noch gründlicher bearbeiten

      In den letzten Jahren ist es in einigen Ländern immer schwieriger geworden, die Menschen in ihrer Wohnung anzutreffen. Häufig sind Mann und Frau berufstätig, und an den Wochenenden gehen sie womöglich außer Haus Freizeitbeschäftigungen nach. Um sich auf diese Situation einzustellen, gehen Jehovas Zeugen in vielen Ländern vermehrt abends von Tür zu Tür. In Großbritannien besuchen einige Zeugen zwischen sechs und acht Uhr abends Personen, die vorher nicht angetroffen wurden, während andere vor acht Uhr morgens vorsprechen, um die Leute zu erreichen, ehe sie zur Arbeit gehen.

      Selbst wo die Menschen zu Hause sind, kann es sehr schwierig sein, ohne vorherige Einladung zu ihnen zu gelangen, da wegen der vorherrschenden Kriminalität oft strenge Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Doch wenn in Brasilien Personen, die schwer zu erreichen sind, auf der Strandpromenade von Copacabana ihren Morgenspaziergang machen, werden sie mitunter von einem eifrigen Zeugen angesprochen, der genauso früh unterwegs ist, um sich mit anderen darüber zu unterhalten, wie durch Gottes Königreich die Probleme der Menschheit gelöst werden. Wer in Paris am späten Nachmittag in seine Wohnung zurückkehrt, begegnet in der Nähe des Hauseingangs vielleicht einem freundlichen Ehepaar, das gern mit einzelnen Bewohnern, die bereit sind, ein paar Minuten zuzuhören, darüber sprechen möchte, wie Gott wahre Sicherheit herbeiführen wird. In Honolulu, New York und vielen anderen Städten bemüht man sich außerdem, die Bewohner von unzugänglichen Blocks telefonisch zu erreichen.

      Wenn es die Zeugen schaffen, in jedem Haushalt jemanden anzutreffen, sind sie trotzdem nicht der Meinung, damit sei alles getan. Sie haben den Wunsch, in jedem Haus so viele Personen wie möglich zu erreichen. Manchmal gelingt ihnen das dadurch, daß sie an verschiedenen Tagen oder zu verschiedenen Zeiten vorsprechen. Als eine Wohnungsinhaberin auf Puerto Rico sagte, sie habe kein Interesse, fragte die Zeugin, ob in dem Haus sonst noch jemand sei, mit dem sie sprechen könne. Daraufhin hatte sie die Gelegenheit, sich mit dem Herrn des Hauses zu unterhalten, der seit 14 Jahren krank und bettlägerig war. Die Hoffnung aus Gottes Wort erwärmte sein Herz. Er gewann wieder Freude am Leben und konnte bald aus dem Bett aufstehen; er konnte die Zusammenkünfte im Königreichssaal besuchen und mit anderen über seinen neugefundenen Glauben sprechen.

      Intensiveres Zeugnis, während das Ende naht

      Noch ein weiterer Faktor hat dazu beigetragen, daß in den letzten Jahren ein intensiveres Zeugnis gegeben wurde. Die Zahl der Zeugen, die als Pionier dienen, ist stark angestiegen. Da sie den dringenden Wunsch haben, soviel Zeit wie möglich für den Dienst Gottes einzusetzen, und liebevoll um ihre Mitmenschen besorgt sind, regeln sie ihre Angelegenheiten so, daß sie monatlich 60, 90, 140 oder mehr Stunden im Predigtdienst verbringen können. Wer den Pionierdienst aufnimmt, beschäftigt sich wie der Apostel Paulus bei seiner Predigttätigkeit in Korinth (Griechenland) „eingehend mit dem Wort“ und bemüht sich, so vielen wie möglich von dem messianischen Königreich Zeugnis zu geben (Apg. 18:5).

      Im Jahre 1975 gab es weltweit 130 225 Pioniere. 1992 waren es im Durchschnitt 605 610 monatlich (allgemeine Pioniere, Hilfs- und Sonderpioniere zusammengenommen). In einem Zeitraum, in dem die Zahl der Zeugen weltweit um 105 Prozent anstieg, gab es also bei denen, die sich am Vollzeitdienst beteiligten, eine Zunahme von 365 Prozent. Dadurch erhöhte sich der Zeiteinsatz für das Predigtwerk von ungefähr 382 Millionen auf über eine Milliarde Stunden im Jahr.

      ‘Der Kleine ist zu einem Tausend geworden’

      Jesus Christus beauftragte seine Nachfolger, bis zum entferntesten Teil der Erde Zeugen von ihm zu sein (Apg. 1:8). Jehova hatte durch seinen Propheten Jesaja vorhergesagt: „Der Kleine selbst wird zu einem Tausend werden und der Geringe zu einer mächtigen Nation. Ich selbst, Jehova, werde es beschleunigen zu seiner eigenen Zeit“ (Jes. 60:22). Aus den Aufzeichnungen geht klar hervor, daß Jehovas Zeugen das von Jesus vorhergesagte Werk tun und ein Wachstum erlebt haben, wie es Gott selbst verheißen hat.

      Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren sie vorwiegend in Nordamerika und Europa zu finden, in Afrika gab es eine Anzahl von ihnen, und kleinere Gruppen existierten über die ganze Erdkugel verstreut. Sie hatten keineswegs in jedem Land die Königreichsbotschaft verkündigt und hatten auch nicht in den Ländern, in denen sie bereits predigten, alle Gegenden erreicht. Die Lage änderte sich jedoch erstaunlich schnell.

      Nehmen wir zum Beispiel den nordamerikanischen Kontinent. Das Festland erstreckt sich von Kanada im Norden bis nach Panama, und dazwischen liegen neun Länder beziehungsweise Territorien. 1945 gab es in diesem riesigen Gebiet 81 410 Zeugen. In vier dieser Länder gab es gemäß Berichten weniger als 20 Zeugen, und in einem Land war überhaupt keine Predigttätigkeit organisiert. Seither wurde in allen diesen Gebieten intensiv und beständig Zeugnis abgelegt. 1992 gab es dort 1 440 165 Zeugen Jehovas. In den meisten dieser Gebiete kommen auf jeden Zeugen nur ein paar hundert Personen, denen er Zeugnis geben kann. Ein Großteil der Bevölkerung wird alle paar Monate von den Zeugen besucht; bei vielen wird jede Woche vorgesprochen. Regelmäßig werden über 1 240 000 Heimbibelstudien mit interessierten Einzelpersonen und Gruppen durchgeführt.

      Wie steht es mit Europa? Dieser Erdteil reicht von Skandinavien bis zum Mittelmeer. Vom größten Teil der ehemaligen Sowjetunion abgesehen, war vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa schon umfassend Zeugnis abgelegt worden. Seither sind neue Generationen herangewachsen, und auch ihnen wird anhand der Bibel gezeigt, daß Gottes Königreich bald alle menschlichen Regierungen ablöst (Dan. 2:44). Die Zahl der Königreichsverkündiger ist von wenigen Tausend, die während des Krieges trotz strenger Einschränkungen ihre Predigttätigkeit fortsetzten, bis 1992 auf 1 176 259 angestiegen, die in 47 Ländern, von denen Berichte veröffentlicht wurden, einschließlich Gebieten der ehemaligen UdSSR in Europa und Asien, tätig sind. In fünf Ländern — Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen — gab es je weit über 100 000 eifrige Zeugen. Und was haben all diese Zeugen getan? Aus dem Bericht für 1992 geht hervor, daß sie im Laufe des Jahres mehr als 230 000 000 Stunden für das öffentliche Predigen, für Haus-zu-Haus-Besuche und Heimbibelstudien eingesetzt haben. Bei ihrem Evangelisierungswerk lassen die Zeugen nicht einmal die kleine Republik San Marino, die Fürstentümer Andorra und Liechtenstein oder Gibraltar aus. Das Zeugnis ist wirklich in dem vorhergesagten Ausmaß gegeben worden.

      Auch in Afrika wird überall gepredigt. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, daß die gute Botschaft zwar bis 1945 in 28 Länder des Kontinents gelangte, daß aber in den meisten dieser Länder kaum richtig Zeugnis gegeben wurde. Seit damals ist jedoch viel erreicht worden. 1992 gab es 545 044 eifrige Zeugen auf dem afrikanischen Kontinent, die die gute Botschaft in 45 Ländern predigten. Bei der Abendmahlsfeier im selben Jahr waren 1 834 863 zugegen. Es hat also nicht nur ein erstaunliches Wachstum gegeben, sondern es bestehen auch hervorragende Aussichten auf weitere Mehrung.

      Der Bericht für Südamerika ist nicht weniger bemerkenswert. Obwohl die biblische Botschaft vor dem Zweiten Weltkrieg in 12 der 13 Länder Südamerikas gedrungen war, gab es damals auf dem ganzen Kontinent nur 29 Versammlungen, und in manchen Ländern war noch keine Predigttätigkeit organisiert. Das eigentliche Königreichspredigtwerk lag noch in der Zukunft. Seitdem sind die Zeugen dort angestrengt tätig gewesen. Wer durch das Wasser des Lebens erfrischt worden ist, gibt gern an andere die Einladung weiter: ‘Komm, und nimm Wasser des Lebens kostenfrei’ (Offb. 22:17). 1992 beteiligten sich in Südamerika 683 782 Diener Jehovas in 10 399 Versammlungen freudig an diesem Werk. Einige gingen in Gegenden, wo noch kein gründliches Zeugnis abgelegt worden war. Andere sprachen dort, wo schon gepredigt worden war, immer wieder vor, um die Menschen zu ermutigen: „Schmeckt und seht, daß Jehova gut ist“ (Ps. 34:8). Sie leiteten regelmäßig 905 132 Heimbibelstudien, um interessierten Personen zu helfen, ihre Lebensweise nach den Wegen Jehovas auszurichten.

      Nun zu Asien und den vielen Inseln und Inselgruppen auf der Erde. Was ist dort erreicht worden? Vor der Nachkriegszeit waren viele dieser Gebiete von der Verkündigung des Königreiches nur gestreift worden. Doch Jesus Christus hatte vorhergesagt, die gute Botschaft vom Königreich werde „auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Damit im Einklang wurde in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die gute Botschaft, die schon in 76 dieser Länder, Inseln und Inselgruppen gelangt war, in 40 weitere Gebiete gebracht und in den bereits bearbeiteten Regionen noch intensiver gepredigt. In diesem riesigen Gebiet gab es 1992 627 537 treue Zeugen, denen es große Freude bereitete, Jehovas „Machttaten bekanntzumachen und die Herrlichkeit der Pracht seines Königtums“ (Ps. 145:11, 12). Sie hatten es in ihrem Predigtdienst nicht leicht. Manchmal waren sie stundenlang mit dem Schiff oder Flugzeug unterwegs, um entfernte Inseln zu erreichen. Doch sie setzten 1992 mehr als 200 000 000 Stunden für das Evangelisierungswerk ein und leiteten regelmäßig 685 211 Heimbibelstudien.

      Die Verheißung, ‘der Kleine werde zu einem Tausend werden’, hat sich bestimmt erfüllt — und mehr als das! In über 50 Ländern und Inselgebieten, wo es noch nicht einmal e i n e n „Kleinen“ gab — ja, wo es 1919 keine Zeugen Jehovas gab und sie überhaupt noch nicht gepredigt hatten —, werden heute mehr als tausend Lobpreiser Jehovas gezählt. In einigen dieser Länder verkündigen nun Zehntausende, ja sogar mehr als hunderttausend Zeugen Jehovas eifrig das Königreich Gottes. Weltweit gesehen, sind Jehovas Zeugen „zu einer mächtigen Nation“ geworden — als vereinte globale Versammlung ist ihre Zahl größer als die jeweilige Bevölkerungszahl von mindestens 80 unabhängigen Staaten der Welt.

      Wieviel wird in „anderen Ländern“ gepredigt?

      Im Jahre 1992 gab es weltweit immer noch 24 „andere Länder“ — das heißt Länder, in denen die Regierungen den Zeugen Jehovas strenge Einschränkungen auferlegen und von denen keine ins einzelne gehenden Berichte veröffentlicht werden. Zum Teil ist dort viel gepredigt worden. Dennoch ist in manchen dieser Länder die Zahl der Zeugen ziemlich niedrig. Es gibt dort immer noch Menschen, die die Königreichsbotschaft noch nicht gehört haben. Aber Jehovas Zeugen sind zuversichtlich, daß das Zeugnis im nötigen Ausmaß gegeben wird. Warum?

      Weil die Bibel zeigt, daß Jesus Christus von seinem himmlischen Thron aus das Werk selbst beaufsichtigt (Mat. 25:31-33). Unter seiner Leitung hat ein ‘Engel, der in der Mitte des Himmels fliegt’, die Verantwortung, eine ewige gute Botschaft zu verkünden und „jeder Nation und jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk“ eindringlich zu sagen: „Fürchtet Gott, und gebt ihm die Ehre“ (Offb. 14:6, 7). Keine Macht im Himmel oder auf der Erde kann Jehova davon abhalten, diejenigen, „die zum ewigen Leben richtig eingestellt“ sind, zu sich zu ziehen (Apg. 13:48; Joh. 6:44).

      Kein Fleckchen Erde ist so isoliert, daß die Königreichsbotschaft nicht dorthin gelangen kann. Verwandte machen dort Besuche. Das Telefon und die Post leiten Nachrichten weiter. Geschäftsleute, Arbeiter, Studenten und Touristen kommen mit Menschen anderer Länder in Kontakt. Wie in der Vergangenheit, so wird auch heute die lebenswichtige Botschaft, daß Jehova seinen himmlischen König auf den Thron erhoben und ihm Gewalt über die Nationen gegeben hat, weiterhin auf diesen verschiedenen Wegen bekanntgemacht. Die Engel können sicherstellen, daß Menschen, die nach Wahrheit und Gerechtigkeit hungern und dürsten, erreicht werden.

      Wenn es der Wille des Herrn ist, daß die Königreichsbotschaft in einigen Gebieten, wo die Regierung bislang Schwierigkeiten bereitet hat, freier gepredigt wird, kann Gott Umstände herbeiführen, durch die die Regierungen zu einer Kursänderung veranlaßt werden (Spr. 21:1). Und wo sich vielleicht noch Türen auftun, werden sich Jehovas Zeugen freudig einsetzen, um den Menschen in diesen Ländern, so gut es nur geht, zu helfen, den liebevollen Vorsatz Jehovas kennenzulernen. Sie sind entschlossen, in ihrem Dienst nicht nachzulassen, bis Jehova durch Jesus Christus sagt, daß das Werk getan ist.

      Im Jahre 1992 predigten Jehovas Zeugen in 229 Ländern und Inselgebieten. Bis zu diesem Jahr hatte die gute Botschaft von Gottes Königreich auf die eine oder andere Weise 235 Länder und Inselgebiete erreicht. In 10 dieser Länder gelangte sie zum erstenmal nach 1975.

      Wie gründlich wurde Zeugnis gegeben? In den ersten 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg setzten Jehovas Zeugen 4 635 265 939 Stunden ein, um den Namen und das Königreich Jehovas bekanntzumachen. Wegen der größeren Zahl von Zeugen und des größeren Anteils von Vollzeitdienern wurden in den folgenden 15 Jahren (das heißt in der Hälfte des vorher genannten Zeitraums) 7 858 677 940 Stunden dafür aufgewandt, öffentlich und von Haus zu Haus Zeugnis zu geben und Heimbibelstudien zu leiten. Und das Werk wurde noch weiter intensiviert, denn allein 1990/91 wurden 951 870 021 Stunden Predigtdienst verzeichnet und im Jahr darauf über eine Milliarde Stunden.

      Die Menge an biblischer Literatur, die von den Zeugen verbreitet wurde, um das Königreich bekanntzumachen, und die Vielzahl der Sprachen, in denen sie zur Verfügung steht, sind mit nichts zu vergleichen, was Menschen je auf irgendeinem Gebiet geleistet haben. Die Aufzeichnungen sind unvollständig, aber aus den vorhandenen Berichten geht hervor, daß zwischen 1920 und 1992 in 294 Sprachen 10 107 565 269 Bücher, Broschüren und Zeitschriften sowie unzählige Milliarden Traktate in die Hände interessierter Personen gelegt wurden.

      Zu der Zeit, als dieser Bericht verfaßt wurde, war das weltweite Zeugniswerk noch nicht abgeschlossen. Doch das, was bereits geleistet wurde, und die Umstände, unter denen es bewältigt wurde, sind ein überzeugender Beweis für das Wirken des Geistes Gottes.

      [Herausgestellter Text auf Seite 502]

      Große Kongresse und das christliche Verhalten der Delegierten haben Aufmerksamkeit erregt

      [Herausgestellter Text auf Seite 505]

      „Die Kongreßbesucher [sind], was Ordentlichkeit, Friedlichkeit und Reinlichkeit betrifft, ein nachahmenswertes Beispiel“

      [Herausgestellter Text auf Seite 507]

      In Ländern, wo die Zeugen jahrzehntelang verboten gewesen waren, fanden historische Kongresse statt

      [Herausgestellter Text auf Seite 508]

      In osteuropäische Länder wurden Tausende von Tonnen biblische Literatur versandt

      [Herausgestellter Text auf Seite 509]

      Befähigte Älteste zogen freiwillig in Länder, wo dringend Hilfe benötigt wurde

      [Herausgestellter Text auf Seite 516]

      Sie haben den Wunsch, in jedem Haus so viele Personen wie möglich zu erreichen

      [Herausgestellter Text auf Seite 518]

      Erstaunliches Wachstum und Aussichten auf weitere Mehrung

      [Übersicht/Bilder auf Seite 513]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Zunahme an Verkündigern des Königreiches in Asien

      Indien

      10 000

      5 000

      1950 1960 1970 1980 1992

      Republik Korea

      60 000

      30 000

      1950 1960 1970 1980 1992

      Japan

      150 000

      100 000

      50 000

      1950 1960 1970 1980 1992

      [Bild auf Seite 503]

      In Brasilien mußten 1985 für die vielen Besucher des Kongresses der Zeugen Jehovas das Morumbi-Stadion in São Paulo (unten abgebildet) und das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro gleichzeitig benutzt werden

      [Bilder auf Seite 504]

      Einige Taufanwärter 1989 in Chorzów (Polen)

      [Bilder auf Seite 506]

      Historische Kongresse von 1991

      Prag (Tschechoslowakei)

      Rechts: Tallinn (Estland)

      Rechts: Zagreb (Kroatien)

      Oben: Budapest (Ungarn)

      Rechts: Baia Mare (Rumänien)

      Unten: Ussolje-Sibirskoje (Rußland)

      Oben: Alma-Ata (Kasachstan)

      Links: Kiew (Ukraine)

      [Bilder auf Seite 511]

      Internationaler Kongreß der Zeugen Jehovas 1992 in St. Petersburg (Rußland)

      Eine herzliche internationale Atmosphäre

      Aus Rußland

      Aus Moldawien

      Aus der Ukraine

      Es waren viele junge Leute anwesend

      M. G. Henschel (links) bespricht mit Hilfe eines Dolmetschers das Programm mit Stepan Kozhemba (Mitte)

      Delegierte aus dem Ausland brachten für Zeugen in ganz Rußland russische Bibeln mit

      [Bild auf Seite 512]

      Gemäß diesen italienischen Zeitungsausschnitten erklärte die katholische Kirche in den 80er Jahren Jehovas Zeugen den Krieg

      [Bild auf Seite 514]

      Wenn in Rotterdam (Niederlande) Schiffe anlegen, stehen dort Zeugen bereit, um mit den Männern über Gottes Königreich zu sprechen

      [Bild auf Seite 515]

      Selbst wo das Gebiet oft bearbeitet wird, wie hier in Guadeloupe, versuchen die Zeugen weiterhin, mit der guten Botschaft das Herz ihrer Mitmenschen zu erreichen

  • Missionare fördern die weltweite Ausdehnung
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 23

      Missionare fördern die weltweite Ausdehnung

      DIE eifrige Tätigkeit von Missionaren, die bereit sind, dort zu dienen, wo sie benötigt werden, hat bei der weltweiten Verkündigung des Königreiches Gottes eine wichtige Rolle gespielt.

      Schon lange bevor die Watch Tower Bible and Tract Society eine Missionarschule einrichtete, sind Missionare in andere Länder geschickt worden. Der erste Präsident der Gesellschaft, C. T. Russell, erkannte die Notwendigkeit, daß befähigte Personen in fremden Ländern mit dem Predigen der guten Botschaft begannen und darin die Führung übernahmen. Zu diesem Zweck sandte er folgende Männer aus: Adolf Weber nach Europa, E. J. Coward in die Karibik, Robert Hollister nach Asien und Joseph Booth in den Süden Afrikas. Leider erwies es sich, daß J. Booth mehr an seinen eigenen Plänen gelegen war. Deshalb wurde im Jahre 1910 William Johnston von Schottland nach Njassaland (heute Malawi) geschickt, wo der negative Einfluß von J. Booth besonders zu spüren war. Bruder Johnston erhielt danach den Auftrag, in Durban (Südafrika) ein Zweigbüro der Watch Tower Society zu eröffnen; später diente er als Zweigaufseher in Australien.

      Nach dem Ersten Weltkrieg sandte J. F. Rutherford noch weitere Missionare aus: zum Beispiel Thomas Walder und George Phillips von Großbritannien nach Südafrika, W. R. Brown von seiner Gebietszuteilung Trinidad nach Westafrika, George Young von Kanada nach Südamerika und nach Europa, Juan Muñiz zuerst nach Spanien und dann nach Argentinien, George Wright und Edwin Skinner nach Indien, gefolgt von Claude Goodman, Ron Tippin und anderen. Es waren echte Pioniere, die in Gebiete vordrangen, wo die gute Botschaft nur wenig oder überhaupt nicht gepredigt worden war. Auf diese Weise legten sie eine feste Grundlage für die spätere Ausdehnung der Organisation.

      Es gab noch andere, die, ebenfalls vom Missionargeist angetrieben, aus ihrem Heimatland fortzogen, um in einem anderen Land zu predigen. Zu ihnen gehörten Kate Goas und ihre Tochter Marion, die jahrelang in Kolumbien und Venezuela eifrig tätig waren. Ein weiterer war Joseph Dos Santos; er verließ Hawaii, um einen Predigtfeldzug zu unternehmen, und verrichtete dann 15 Jahre auf den Philippinen seinen Dienst. Und Frank Rice reiste mit einem Frachtschiff von Australien nach Java (heute ein Teil Indonesiens), um dort das Predigtwerk zu eröffnen.

      Im Jahre 1942 nahmen jedoch Pläne für eine Schule Gestalt an, die eigens dazu bestimmt war, Männer und Frauen auszubilden, die bereit waren, irgendwo im weltweiten Gebiet, wo sie benötigt wurden, als Missionare zu dienen.

      Gileadschule

      Da der Weltkrieg in vollem Gange war, schien es vom menschlichen Standpunkt aus unvernünftig zu sein, Pläne zu entwickeln, das Königreichspredigtwerk in fremden Ländern zu erweitern. Doch im September 1942 billigte der Vorstand der zwei hauptsächlichen rechtlichen Körperschaften, deren sich Jehovas Zeugen bedienen, im vollen Vertrauen auf Jehova den Vorschlag N. H. Knorrs, eine Schule einzurichten, in der Missionare und andere für besondere Aufgaben ausgebildet werden sollten. Sie sollte Watchtower Bible College of Gilead genannt werden. Später wurde der Name auf Watchtower Bible School of Gilead (Wachtturm-Bibelschule Gilead) abgeändert. Es wurde kein Schulgeld verlangt, und die Gesellschaft verköstigte die Studenten während ihres Studiums und bot ihnen Unterkunft.

      Albert D. Schroeder, der in der Dienstabteilung im Hauptbüro der Gesellschaft in Brooklyn und als Zweigaufseher in Großbritannien viel Erfahrung gesammelt hatte, gehörte zu denen, die beauftragt wurden, bei der Ausarbeitung des Lehrplans mitzuhelfen. Wegen seiner positiven Einstellung, der Art und Weise, wie er sich für die Studenten verausgabte, und seines aufrichtigen Interesses an ihnen gewann er in den 17 Jahren seines Dienstes als Registrator der Schule und als Unterweiser ihre Zuneigung. Im Jahre 1974 wurde er ein Mitglied der leitenden Körperschaft, und im darauffolgenden Jahr beauftragte man ihn, im Lehrkomitee tätig zu sein.

      Bruder Schroeder und die übrigen Unterweiser (Maxwell Friend, Eduardo Keller und Victor Blackwell) arbeiteten einen fünfmonatigen Kurs aus, in dem auf das eigentliche Bibelstudium besonderer Wert gelegt wurde und auf die Fächer Theokratische Organisation, Biblische Lehren, Öffentliches Reden, Predigtdienst, Missionardienst, Religionsgeschichte, Göttliches Recht, Umgang mit Regierungsvertretern, Internationales Recht und die Führung von Unterlagen sowie auf das Erlernen einer Fremdsprache. Im Laufe der Jahre wurde der Lehrplan zwar einige Male abgeändert, aber das Studium der Bibel und das Evangelisierungswerk hat darin immer an erster Stelle gestanden. Der Kurs soll den Glauben der Studenten stärken und ihnen helfen, Eigenschaften zu entwickeln, die sie benötigen, um den Herausforderungen des Missionardienstes erfolgreich zu begegnen. Es wird die Wichtigkeit betont, völlig auf Jehova zu vertrauen und ihm gegenüber loyal zu sein (Ps. 146:1-6; Spr. 3:5, 6; Eph. 4:24). Man gibt den Studenten nicht gleich auf alles eine Antwort, sondern sie werden geschult, selbst Nachforschungen anzustellen; es wird ihnen geholfen, die Gründe für den Glauben der Zeugen Jehovas zu erkennen und warum diese sich an gewisse Verfahrensweisen halten. Die Studenten lernen, Grundsätze zu erkennen, nach denen sie sich ausrichten können. Auf diese Weise wird eine Grundlage für weiteren Fortschritt gelegt.

      Am 14. Dezember 1942 schickte man die Einladungen an die angehenden Studenten der ersten Klasse. Mitten im Winter wurde im Schulgebäude — es befand sich in South Lansing im Staat New York — die Immatrikulation der 100 Studenten, aus denen diese Klasse bestand, vorgenommen. Sie waren voller Bereitwilligkeit und Eifer, doch auch etwas nervös. Obwohl ihr hauptsächliches Interesse ihrem Studium galt, waren sie sehr gespannt zu erfahren, wohin auf der weiten Erde sie nach der Abschlußfeier wohl gesandt würden.

      Bruder Knorr sagte zu ihnen am Eröffnungstag — es war der 1. Februar 1943 — in einer Ansprache: „Ihr werdet ferner für eine Tätigkeit geschult, die der Tätigkeit des Apostels Paulus, des Markus, des Timotheus und anderer gleicht, derjenigen, die überall im Römischen Reich umherreisten, um die Botschaft vom Königreich zu verkündigen. Sie mußten durch das Wort Gottes gestärkt werden. Gottes Vorsätze mußten sie genau kennen. An so manchen Orten standen sie den Hochrangigen und Mächtigen dieser Welt allein gegenüber. Vielleicht ergeht es euch ebenso; dann wird Gott eure Stärke sein.

      Es gibt noch viele Orte, an denen das Zeugnis vom Königreich erst in sehr geringem Maße gegeben worden ist. Die Bevölkerung befindet sich dort in Finsternis, und die Religion ist daran schuld. In gewissen Ländern, in denen es einige Zeugen gibt, kann man feststellen, daß die Menschen guten Willens die Botschaft bereitwillig annehmen und sich mit der Organisation des Herrn verbinden würden, wenn sie richtig unterrichtet würden. Die gute Botschaft könnte noch Hunderten und Tausenden überbracht werden, wenn es mehr Arbeiter im Felde gäbe. Durch des Herrn Gnade werden es mehr werden.

      Es ist NICHT der Zweck dieser Schule, ordinierte Diener Gottes auszubilden. Ihr seid bereits Diener Gottes und seid schon jahrelang als solche tätig gewesen. ... Diese Schule hat einzig und allein den Zweck, euch weiter auszubilden, damit ihr noch besser befähigt werdet, in dem Gebiet, in das man euch sendet, als Diener Gottes zu amtieren. ...

      Eure Hauptaufgabe besteht darin, das Evangelium vom Königreich von Haus zu Haus zu verkündigen, wie Jesus und die Apostel dies taten. Wenn ihr Menschen gefunden habt, die ein hörendes Ohr haben, solltet ihr Nachbesuche vereinbaren, Heimbibelstudien beginnen und alle diese Personen in einer Stadt oder in einem Dorf zu einer Gruppe [Versammlung] vereinigen. Es wird nicht nur euer Vorrecht sein, Gruppen zu organisieren, sondern ihr müßt diesen Menschen auch helfen, Gottes Wort zu verstehen; ihr müßt sie stärken, ihnen von Zeit zu Zeit eine Ansprache halten, ihnen bei ihren Dienstversammlungen und ihren organisatorischen Problemen helfen. Wenn sie stark und selbständig geworden sind und das Gebiet bearbeiten können, könnt ihr anderswo hingehen und das Königreich in einer anderen Stadt verkündigen. Hin und wieder ist es vielleicht notwendig, zu ihnen zurückzukehren, um sie im allerheiligsten Glauben zu erbauen und Lehrpunkte zu klären. Es ist also eure Aufgabe, euch um die ,anderen Schafe‘ des Herrn zu kümmern und sie nicht im Stich zu lassen (Joh. 10:16). Eure eigentliche Arbeit ist, den Menschen guten Willens behilflich zu sein. Ihr müßt zwar Initiative besitzen, aber die Leitung Gottes suchen.“a

      Nach fünf Monaten beendeten die Studenten der ersten Klasse ihre besondere Ausbildung. Es wurden die Visa besorgt und Reisevorkehrungen getroffen, und dann zogen sie in neun verschiedene Länder Lateinamerikas aus. Bereits drei Monate nach der Abschlußfeier befanden sich die ersten in der Gileadschule ausgebildeten Missionare, die die Vereinigten Staaten verlassen sollten, auf dem Weg nach Kuba. Bis 1992 sind mehr als 6 500 Studenten aus über 110 Ländern geschult worden, und sie waren danach in weit über 200 Ländern und Inselgebieten tätig.

      Bruder Knorr war bis zu seinem Tod, 34 Jahre nach der Eröffnung der Gileadschule, sehr an der Tätigkeit der Missionare interessiert. Wenn nur irgend möglich, besuchte er jede Klasse mehrere Male und hielt Vorträge; außerdem nahm er andere Mitarbeiter aus dem Hauptbüro mit, damit sie zu den Studenten sprechen konnten. Nachdem die Missionare ihren Dienst im Ausland angetreten hatten, besuchte er die Missionargruppen, half ihnen beim Lösen von Problemen und ließ ihnen die nötige Ermunterung zuteil werden. Als die Zahl der Missionargruppen zunahm, sorgte er dafür, daß andere befähigte Brüder ebenfalls solche Besuche machten, so daß allen Missionaren, ganz gleich, wo sie dienten, regelmäßig persönliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

      Diese Missionare waren anders

      Die Missionare der Christenheit haben Kranken- und Waisenhäuser sowie Flüchtlingszentren eingerichtet, um für die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu sorgen. Als selbsternannte Verteidiger der Armen haben sie zu Revolutionen aufgehetzt und sich an Guerillakriegen beteiligt. Im Gegensatz dazu unterweisen die Missionare, die die Gileadschule absolviert haben, die Menschen in der Bibel. Statt Kirchen zu bauen und zu erwarten, daß die Leute zu ihnen kommen, gehen sie von Haus zu Haus, um nach Personen zu suchen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, und diese dann zu belehren.

      Die Missionare der Zeugen Jehovas halten sich eng an Gottes Wort und zeigen den Menschen, wieso die wahre und dauerhafte Lösung der Probleme der Menschheit Gottes Königreich ist (Mat. 24:14; Luk. 4:43). Der Unterschied zwischen diesem Werk und den Missionaren der Christenheit fiel 1951 Peter Vanderhaegen besonders auf, als er sich auf dem Weg in seine Gebietszuteilung in Indonesien befand. Der einzige Passagier an Bord des Frachtschiffs war ein Missionar der Baptisten. Bruder Vanderhaegen versuchte zwar, mit ihm über die gute Botschaft von Gottes Königreich zu sprechen, aber der Baptist gab ihm deutlich zu verstehen, daß es für ihn am wichtigsten sei, Chiang Kai-shek in Taiwan zu unterstützen, der versuchte, auf dem Festland wieder an die Macht zu gelangen.

      Viele andere haben indessen den Wert des Wortes Gottes schätzengelernt. Als Olaf Olson in Barranquilla (Kolumbien) mit Antonio Carvajalino, einem überzeugten Anhänger einer gewissen politischen Bewegung, über die Wahrheit sprach, unterstützte ihn Bruder Olson weder in seiner Meinung, noch verfocht er eine andere politische Ideologie. Statt dessen bot er Antonio an, mit ihm und seinen Schwestern unentgeltlich die Bibel zu studieren. Bald erkannte Antonio, daß Gottes Königreich tatsächlich die einzige Hoffnung für die Armen in Kolumbien und in der übrigen Welt ist (Ps. 72:1-4, 12-14; Dan. 2:44). Antonio und seine Schwestern wurden eifrige Diener Gottes.

      Daß die Missionare der Zeugen Jehovas nichts mit dem Religionssystem der Christenheit zu tun haben, wurde noch auf andere Weise deutlich, und zwar durch etwas, was sich in Rhodesien (heute Simbabwe) zutrug. Donald Morrison sprach bei einem Missionar der Christenheit vor, und dieser beklagte sich, daß Jehovas Zeugen nicht die festgesetzten Grenzen respektieren würden. Welche Grenzen? Nun, die Glaubensgemeinschaften der Christenheit hatten das Land in Bezirke eingeteilt, und jede war ohne die Einmischung einer anderen in ihrem Gebiet tätig. Mit einem solchen Abkommen konnten Jehovas Zeugen aber nicht einverstanden sein. Jesus hatte gesagt, die Königreichsbotschaft solle auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden. Es lag auf der Hand, daß die Christenheit diesem Auftrag nicht nachkam. Die Gileadmissionare waren entschlossen, Christus zu gehorchen und ein gründliches Zeugnis zu geben.

      Diese Missionare wurden ausgesandt, um zu dienen, und nicht, um bedient zu werden. Auf verschiedene Weise war zu erkennen, daß sie sich wirklich bemühten, das zu tun. Es ist nicht verkehrt, materielle Dinge anzunehmen, die aus Wertschätzung für geistige Hilfe freiwillig (nicht erst nach einer Aufforderung) gegeben werden. Doch John Errichetti und Hermon Woodard stellten fest, daß sie, um das Herz der Menschen in Alaska zu erreichen, wie der Apostel Paulus mindestens etwas Zeit darauf verwenden mußten, durch ihrer Hände Arbeit für ihren Unterhalt zu sorgen (1. Kor. 9:11, 12; 2. Thes. 3:7, 8). Ihre Hauptbeschäftigung war zwar das Predigen der guten Botschaft, doch wenn ihnen Gastfreundschaft erwiesen wurde, packten sie auch bei anfallenden Arbeiten zu; beispielsweise halfen sie einem Mann beim Teeren seines Daches, als sie merkten, daß er Hilfe benötigte. Und wenn sie mit dem Schiff von einem Ort zu einem anderen fuhren, legten sie beim Entladen mit Hand an. Die Leute erkannten bald, daß diese Missionare ganz anders waren als die Geistlichkeit der Christenheit.

      In einigen Ländern mußten die Missionare der Zeugen Jehovas eine Zeitlang einer weltlichen Arbeit nachgehen, um sich im Land niederlassen und ihren Dienst dort durchführen zu können. So gab Jesse Cantwell, als er nach Kolumbien kam, an der medizinischen Fakultät einer Universität Englischunterricht, bis sich die politische Lage änderte und die religiösen Einschränkungen aufgehoben wurden. Danach konnte er sich seine Erfahrung ausschließlich in seinem christlichen Dienst als reisender Aufseher der Zeugen Jehovas zunutze machen.

      In vielen Ländern mußten sich die Missionare anfangs mit einem Touristenvisum begnügen, das es ihnen erlaubte, einen oder vielleicht mehrere Monate im Land zu bleiben. Dann mußten sie ausreisen und wieder zurückkehren. Aber sie waren beharrlich und wiederholten diesen Vorgang immer wieder, und zwar so lange, bis sie die erforderlichen Papiere für eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten. Es war ihr Herzenswunsch, Menschen in den Ländern zu helfen, in die sie gesandt worden waren.

      Die Missionare kamen sich nicht besser vor als die einheimische Bevölkerung. John Cutforth — ursprünglich Lehrer in Kanada — besuchte in Papua-Neuguinea als reisender Aufseher Versammlungen und einzelne Zeugen Jehovas in abgelegenen Gebieten. Er setzte sich zu ihnen auf den Boden, aß mit ihnen zusammen und nahm Einladungen an, in ihren Hütten auf einer Matte auf dem Fußboden zu schlafen. Es machte ihm Freude, mit ihnen gemeinsam in den Predigtdienst zu gehen. Außenstehende, die das beobachteten, waren darüber erstaunt, denn europäischen Pastoren von Missionsgesellschaften der Christenheit sagte man nach, daß sie auf Distanz zwischen sich und den Einheimischen bedacht und immer nur bei einigen ihrer Zusammenkünfte mit ihren Gemeindemitgliedern kurz zusammen seien; sie aßen nie mit ihnen gemeinsam.

      Die Menschen, unter denen diese Zeugen Jehovas tätig waren, spürten das liebevolle Interesse der Missionare und der Organisation, die sie ausgesandt hatte. Auf den Brief João Mancocas hin, eines einfachen Afrikaners, der in einer Strafkolonie in Portugiesisch-Westafrika (heute Angola) gefangengehalten wurde, sandte man einen Wachtturm-Missionar, um geistige Hilfe zu leisten. Später nahm Bruder Mancoca auf diesen Besuch Bezug, als er sagte: „Ich zweifelte nicht länger daran, daß dies die wahre Organisation ist, die Gottes Unterstützung hat. Ich sagte mir, daß keine andere Religionsgemeinschaft so etwas tun würde: ohne Bezahlung einen Missionar so weit zu schicken, um eine unbedeutende Person zu besuchen, nur weil sie einen Brief geschrieben hatte.“

      Lebensbedingungen und Bräuche

      In den Ländern, in die Missionare gesandt wurden, war der Lebensstandard oft nicht so hoch wie in ihrem Heimatland. Als Robert Kirk Anfang 1947 in Birma (heute Myanmar) landete, waren die Auswirkungen des Krieges noch immer zu sehen. Nur wenige Häuser hatten elektrisches Licht. In zahlreichen Ländern stellten die Missionare fest, daß die Wäsche nicht mit einer elektrischen Waschmaschine gewaschen wurde, sondern Stück für Stück auf einem Waschbrett oder auf Felsen an einem Fluß. Aber sie waren gekommen, um die Menschen über die biblische Wahrheit zu belehren; deshalb paßten sie sich einfach den örtlichen Verhältnissen an und widmeten sich intensiv dem Predigtdienst.

      In der Anfangszeit kam es häufig vor, daß die Missionare bei ihrer Ankunft von niemandem willkommen geheißen wurden. Sie mußten sich selbst eine Wohnung suchen. Als Charles Eisenhower und elf andere Missionare 1943 auf Kuba eintrafen, schliefen sie die erste Nacht auf dem Fußboden. Am folgenden Tag kauften sie Betten und zimmerten sich aus Apfelkisten Kleiderschränke. In dem Bemühen, die Kosten für Miete, Nahrung und andere Bedürfnisse zu bestreiten, verwendeten alle Missionargruppen die Beiträge, die sie für die Literatur erhielten, sowie die geringe Sonderpionierzuwendung von der Watch Tower Society und vertrauten dabei völlig auf Jehova.

      Bei der Zubereitung der Mahlzeiten mußten sie manchmal umdenken. Wenn es keine Kühlvorrichtungen gab, blieb ihnen nichts anderes übrig, als jeden Tag zum Markt zu gehen. In vielen Ländern wurde nicht auf einem Gas- oder Elektroherd gekocht, sondern auf einem mit Holzkohle oder Holz gespeisten Feuer. George und Willa Mae Watkins, die nach Liberia gesandt wurden, stellten fest, daß ihr Herd nur aus drei Steinen bestand, auf denen ein Eisenkessel stand.

      Und was ist über das Wasser zu sagen? Als Ruth McKay ihr neues Zuhause in Indien betrachtete, sagte sie: „Solch eine Wohnung habe ich noch nie gesehen. In der Küche gibt es kein Spülbecken, nur einen Wasserhahn in einer Ecke mit einer niedrigen Zementeinfassung, die verhindert, daß der ganze Boden naß wird. Es gibt nicht den ganzen Tag Wasser, sondern man muß es speichern, um etwas zu haben, wenn es abgestellt wird.“

      Da die örtlichen Verhältnisse für die Missionare ungewohnt waren, wurden mehrere in den ersten Monaten in dem ihnen zugeteilten Land von Krankheiten geplagt. Russell Yeatts erkrankte nach seiner Ankunft auf Curaçao im Jahre 1946 immer wieder an Ruhr. Doch ein einheimischer Bruder hatte Jehova in einem Gebet so inbrünstig für die Missionare gedankt, daß es für sie undenkbar gewesen wäre, wieder fortzugehen. Als Brian und Elke Wise in Obervolta (heute Burkina Faso) ankamen, fanden sie harte klimatische Bedingungen vor, die alles andere als der Gesundheit förderlich waren. Sie mußten lernen, mit Tagestemperaturen von über 40 Grad Celsius fertig zu werden. Im ersten Jahr ging es Elke wegen der brütenden Hitze und aufgrund von Malaria wochenlang gesundheitlich gar nicht gut. Im nächsten Jahr zog sich Brian eine schwere Hepatitis zu, weswegen er fünf Monate ans Bett gefesselt war. Aber bald konnten sie so viele erfolgversprechende Bibelstudien durchführen, wie es ihnen nur möglich war, ja sogar mehr, als sie eigentlich betreuen konnten. Die Liebe zu diesen Menschen half ihnen durchzuhalten. Außerdem betrachteten sie die Tätigkeit in ihrer Gebietszuteilung als ein Vorrecht und ihre Erfahrungen dort als eine gute Schulung für das, was Jehova mit ihnen in der Zukunft noch vorhatte.

      Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Missionare in ihrer Gebietszuteilung willkommen geheißen — sowohl von Missionaren, die schon früher gekommen waren, als auch von den einheimischen Zeugen. Einige wurden in Länder gesandt, die ziemlich moderne Städte hatten. Von 1946 an bemühte sich die Watch Tower Society auch, jeder Missionargruppe eine geeignete Wohnung und grundlegendes Mobiliar sowie Geld für Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. So brauchten sich die Missionare darum keine Sorgen mehr zu machen, und sie konnten dem Predigtwerk mehr Aufmerksamkeit schenken.

      Das Reisen war in einer Reihe von Ländern ein Erlebnis, das das Ausharren der Missionare auf die Probe stellte. In Papua-Neuguinea passierte es mehreren Missionarinnen, daß ihre Schuhe im Schlamm steckenblieben, als sie sich nach einem Regenguß mit einem vollen Rucksack auf dem Rücken auf einem schlüpfrigen Pfad durch den Busch kämpften. In Südamerika erlebten nicht wenige Missionare das haarsträubende Abenteuer einer Busfahrt auf schmalen Straßen hoch oben in den Anden. Man vergißt es nicht so schnell, wenn der Fahrer des Busses, mit dem man reist, in einer Kurve versucht, am äußeren Rand einer Straße ohne Leitplanken an einem entgegenkommenden großen Fahrzeug vorbeizukommen, wobei man das Gefühl hat, daß der Bus jeden Moment den Abgrund hinunterstürzt.

      In einigen Ländern gehörten Revolutionen anscheinend schon zum Alltag, aber die Missionare der Zeugen Jehovas behielten die Worte Jesu im Sinn, daß seine Jünger „kein Teil der Welt“ seien; deshalb verhielten sie sich in solchen Konflikten neutral (Joh. 15:19). Sie lernten, ihre Neugier zu unterdrücken, damit sie sich nicht unnötigerweise in Gefahr begeben würden. Meistens war es das beste, einfach im Haus zu bleiben, bis sich die Lage beruhigt hatte. In Vietnam wohnten neun Missionare mitten in Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt), als der Krieg über die Stadt hereinbrach. Sie konnten beobachten, wie Bomben abgeworfen wurden, wie es überall in der Stadt brannte und wie Tausende flohen, um sich in Sicherheit zu bringen. Aber sie waren sich bewußt, daß Jehova sie dorthin gesandt hatte, um der nach Wahrheit hungernden Bevölkerung lebengebende Kenntnisse zu vermitteln, und deshalb vertrauten sie darauf, daß er sie beschützen würde.

      Selbst unter relativ friedlichen Verhältnissen war es in manchen Vierteln asiatischer Städte für die Missionare schwierig, ihren Predigtdienst durchzuführen. Schon der bloße Anblick eines Ausländers in den engen Gassen eines Armenviertels von Lahore (Pakistan) lockte eine Menge ungewaschener, ungepflegter Kinder aller Altersklassen an. Schreiend und sich gegenseitig stoßend, gingen sie dem Missionar von Haus zu Haus nach und folgten ihm oft bis in die Wohnungen. Bald kannte die ganze Straße den Preis für die Zeitschriften, und die Leute wußten, daß der Fremde „Christen macht“. Unter solchen Umständen blieb dem Missionar gewöhnlich nichts anderes übrig, als das Gebiet zu verlassen. Das geschah dann oft unter Schreien und Händeklatschen und in einigen Fällen unter einem Steinhagel.

      Häufig mußten sich die Missionare wegen der einheimischen Bräuche umstellen. In Japan lernten sie, ihre Schuhe am Eingang eines Hauses stehenzulassen, ehe sie eintraten. Und sie mußten sich daran gewöhnen, wenn möglich, bei Bibelstudien vor einem niedrigen Tisch auf dem Fußboden zu sitzen. In einigen Regionen Afrikas fanden sie heraus, daß es eine Beleidigung war, jemand etwas mit der linken Hand anzubieten. Außerdem gehörte es sich dort nicht, daß man den Grund seines Besuches erklärte, ohne sich vorher etwas unterhalten zu haben. Man fragte sich zum Beispiel erst gegenseitig, wie es einem geht, woher man kommt und wie viele Kinder man hat. In Brasilien stellten die Missionare fest, daß man nicht an die Tür klopft, wenn man den Wohnungsinhaber sprechen möchte, sondern am Eingangstor in die Hände klatscht.

      Im Libanon wurden die Missionare mit noch ganz anderen Bräuchen konfrontiert. Nur wenige Brüder brachten ihre Frau und ihre Töchter mit in die Zusammenkünfte. Und die Frauen, die anwesend waren, saßen nicht bei den Männern, sondern immer hinten. Da die Missionare den Brauch nicht kannten, sorgten sie bei ihrer ersten Zusammenkunft für beträchtliche Unruhe. Ein Ehepaar hatte sich vorn hingesetzt, und die ledigen Missionarinnen saßen dort, wo gerade ein Platz frei war. Eine Besprechung christlicher Grundsätze nach der Zusammenkunft half, das Mißverständnis auszuräumen. (Vergleiche 5. Mose 31:12; Galater 3:28.) Danach saßen Männer und Frauen nicht mehr getrennt. Mehr Ehefrauen und Töchter besuchten die Zusammenkünfte. Außerdem gingen sie mit den Missionarinnen gemeinsam in den Predigtdienst von Haus zu Haus.

      Die Herausforderung, eine neue Sprache zu lernen

      Die kleine Missionargruppe, die 1949 auf Martinique ankam, sprach nur sehr wenig Französisch. Die Missionare wußten aber, daß die Menschen die Königreichsbotschaft benötigten. Voller Glauben begannen sie mit dem Haus-zu-Haus-Dienst und versuchten, einige Verse aus der Bibel oder einen Auszug aus der von ihnen angebotenen Literatur vorzulesen. Mit Geduld konnten sie ihre Sprachkenntnisse nach und nach verbessern.

      Obwohl sie den Wunsch hatten, den einheimischen Zeugen Jehovas und den Interessierten zu helfen, benötigten sie selbst zuerst Hilfe, und zwar beim Erlernen der Sprache. Diejenigen, die nach Togo gesandt worden waren, stellten fest, daß die Grammatik des Ewe, der Hauptsprache der Einheimischen, ganz anders war als die der europäischen Sprachen und daß der Sinn eines Wortes davon abhängen konnte, in welcher Stimmlage es gesprochen wurde. Zum Beispiel kann das Wort to in hoher Stimmlage Ohr, Berg, Schwiegervater oder Stamm bedeuten; in tiefer Lage hat es die Bedeutung von Büffel. Missionare, die ihren Dienst in Vietnam aufnahmen, mußten sich mit einer Sprache abplagen, in der es für jedes Wort sechs verschiedene Tonhöhen gibt, jede mit einem anderen Sinn.

      Edna Waterfall, die nach Peru geschickt wurde, vergaß nicht so leicht die erste Haustür, an der sie versuchte, in Spanisch Zeugnis zu geben. Ihr brach der kalte Schweiß aus, als sie ihre auswendiggelernte Predigt stammelte, Literatur anbot und mit der Wohnungsinhaberin, einer älteren Dame, ein Bibelstudium vereinbarte. Dann sagte diese in perfektem Englisch: „Einverstanden, das ist alles sehr schön. Ich werde mit Ihnen studieren, und zwar werden wir es in Spanisch tun, um Ihnen zu helfen, Spanisch zu lernen.“ Ganz verwirrt erwiderte Edna: „Sie können Englisch und hören mir seelenruhig zu, wie ich gebrochen Spanisch spreche?“ „Es war zu Ihrem Nutzen“, antwortete sie. Sie hatte recht. Und Edna merkte bald, daß beim Erlernen einer Sprache das Sprechen sehr wichtig ist.

      Als George Fredianelli in Italien die dortige Sprache zu sprechen versuchte, stellte er fest, daß die Wörter, die er gelernt hatte und von denen er dachte, es seien italienische Ausdrücke (in Wirklichkeit waren es aber italianisierte englische Wörter), von den Leuten nicht verstanden wurden. Um dieses Problem zu überwinden, beschloß er, für seine Ansprachen in den Zusammenkünften ein ausgeschriebenes Manuskript zu verwenden. Doch während er das Manuskript vorlas, schliefen viele Zuhörer ein. Er legte deshalb das Manuskript beiseite, begann frei zu sprechen, und sooft er ins Stocken geriet, bat er seine Zuhörer, ihm zu helfen. Sie wurden dadurch wach gehalten, und ihm half es, in seinen Sprachkenntnissen Fortschritte zu machen.

      Um den Missionaren beim Lernen einer neuen Sprache behilflich zu sein, schloß der Gileadkurs in den ersten Klassen Sprachunterricht ein, zum Beispiel Unterricht in Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Japanisch, Arabisch und Urdu. Im Laufe der Jahre wurden über 30 Sprachen gelehrt. Die Absolventen einer bestimmten Klasse gingen aber nicht alle in Länder, wo dieselbe Sprache gesprochen wurde. Deshalb wurde später dieser Sprachunterricht nach ihrer Ankunft in dem ihnen zugeteilten Land durch einen Intensivkurs in der Landessprache ersetzt. Im ersten Monat vertieften sich die Neuankömmlinge täglich elf Stunden lang in ihr Sprachstudium; im folgenden Monat verwendeten sie darauf die Hälfte der Zeit zu Hause, und in der anderen Hälfte gebrauchten sie das Gelernte im Predigtdienst.

      Es wurde jedoch festgestellt, daß das Sprechen der Sprache im Predigtdienst der eigentliche Schlüssel zum Erfolg war. Daher nahm man eine Änderung vor. In den ersten drei Monaten in der neuen Heimat lernen neue Missionare, die die Landessprache nicht beherrschen, jeden Tag vier Stunden unter der Anleitung eines befähigten Lehrers. Und von Anfang an wenden sie das Gelernte an, indem sie sich mit den Einheimischen über Gottes Königreich unterhalten.

      Viele Missionargruppen arbeiteten als Team zusammen, um im Verständnis der Sprache Fortschritte zu machen. Sie besprachen täglich beim Frühstück einige neue Wörter, manchmal bis zu 20, und versuchten dann, diese im Predigtdienst zu gebrauchen.

      Das Lernen der Landessprache trug entscheidend dazu bei, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. In einigen Ländern ist man Ausländern gegenüber mißtrauisch eingestellt. Hugh und Carol Cormican sind als Ledige und als Ehepaar in fünf afrikanischen Ländern tätig gewesen. Sie wissen wohl, daß die Afrikaner gegen die Europäer Mißtrauen hegen. Aber sie sagen: „Wenn man bald die Sprache der Einheimischen spricht, kann man dieses Gefühl abbauen. Und einige, die die gute Botschaft nicht von ihren Landsleuten annehmen wollen, hören uns bereitwillig zu, nehmen Literatur entgegen und studieren, weil wir uns die Mühe machen, mit ihnen in ihrer eigenen Sprache zu reden.“ Deswegen lernte Bruder Cormican fünf Sprachen und Schwester Cormican sechs.

      Natürlich können beim Erlernen einer neuen Sprache auch Schwierigkeiten auftreten. Auf Puerto Rico machte ein Bruder den Menschen an der Tür das Angebot, ihnen eine biblische Botschaft auf Schallplatte vorzuspielen. Wenn ein Wohnungsinhaber dann sagte: „¡Como no!“, schloß er das Grammophon wieder und ging an die nächste Tür. Er verstand immer nur „no“, und es dauerte eine ganze Weile, bis er herausfand, daß der Ausdruck „Warum nicht?!“ bedeutete. Manchmal verstanden es die Missionare jedoch nicht, wenn die Wohnungsinhaber sagten, sie hätten kein Interesse, und fuhren einfach mit ihrer Predigt fort. Für einige verständnisvolle Wohnungsinhaber wirkte sich das zu ihrem Guten aus.

      Es gab auch komische Situationen. Leslie Franks, der nach Singapur gesandt worden war, stellte fest, daß er achtgeben mußte, nicht „Kokosnuß“ („kelapa“) zu sagen, wenn er „Kopf“ („kepala“) meinte, und nicht „Gras“ („rumput“), wenn er „Haar“ („rambut“) meinte. Ein Missionar auf Samoa sprach ein Wort nicht richtig aus und fragte deshalb einen Einheimischen: „Wie geht es Ihrem Bart?“ (Der Mann hatte gar keinen.) In Wirklichkeit wollte sich der Bruder aber höflich nach dem Wohlbefinden der Ehefrau erkundigen. Als in Ecuador ein Busfahrer abrupt anfuhr, verlor Zola Hoffman, die in dem Bus stand, den Halt und fiel einem Mann auf den Schoß. Es war ihr peinlich, und sie wollte sich entschuldigen. Statt dessen sagte sie: „Con su permiso“ („Erlauben Sie bitte“). Als der Mann gutmütig erwiderte: „Nur zu, junge Frau“, brachen die anderen Fahrgäste in Gelächter aus.

      Trotzdem erzielten die Missionare gute Ergebnisse, denn sie bemühten sich eifrig. Lois Dyer — sie kam 1950 nach Japan — erinnert sich an einen Rat von Bruder Knorr: „Gebt euer Bestes, und selbst wenn ihr Fehler macht, tut etwas!“ Sie und viele andere befolgten diesen Rat. In den folgenden 42 Jahren konnten die Missionare in Japan beobachten, wie die Zahl der Königreichsverkündiger dort von einigen wenigen auf über 170 000 anstieg, und die Zunahme geht weiter. Welch schöne Belohnung dafür, daß sie im Vertrauen auf Jehovas Führung bereit waren, sich anzustrengen!

      Das Werk in neuen Gebieten eröffnen, in anderen intensivieren

      In einer großen Anzahl von Ländern und Inselgebieten eröffneten die Missionare der Gileadschule das Predigtwerk oder gaben ihm den nötigen Auftrieb, nachdem andere in begrenztem Maße Zeugnis gegeben hatten. Sie waren anscheinend die ersten Zeugen Jehovas, die in Somalia, im Sudan, in Laos und zahlreichen Inselgebieten rund um die Welt die gute Botschaft predigten.

      In Staaten oder Territorien wie Bolivien, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Äthiopien, Gambia, Liberia, Kambodscha, Hongkong, Japan und Vietnam wurde schon früher in begrenztem Maße gepredigt. Aber in diesen Gebieten erstattete kein Zeuge Jehovas über seine Tätigkeit Bericht, als die ersten Absolventen der Gileadschule eintrafen. Wo es möglich war, gingen die Missionare daran, das ganze Land systematisch zu bearbeiten, wobei sie sich zuerst auf die größeren Städte konzentrierten. Sie ließen nicht wie die Kolporteure in der Vergangenheit einfach Literatur zurück und zogen dann weiter, sondern machten geduldig Rückbesuche bei Interessierten, studierten mit ihnen die Bibel und schulten sie im Predigtdienst.

      In anderen Gebieten gab es vor der Ankunft der Gileadmissionare nur etwa zehn Königreichsverkündiger (in vielen sogar noch weniger). Dazu gehörten Kolumbien, Guatemala, Haiti, Puerto Rico, Venezuela, Burundi, Elfenbeinküste (heute Côte d’Ivoire), Kenia, Mauritius, Senegal, Südwestafrika (heute Namibia), Ceylon (heute Sri Lanka), China und Singapur sowie zahlreiche Inselgebiete. Die Missionare gaben im Eifer für den Predigtdienst ein nachahmenswertes Beispiel, halfen den einheimischen Zeugen Jehovas dabei, ihre Fähigkeiten zu verbessern, gründeten Versammlungen und schulten Brüder, damit diese die Führung übernehmen konnten. In vielen Fällen eröffneten sie das Predigtwerk in jungfräulichem Gebiet.

      Aufgrund dieser Hilfe nahm die Zahl der Zeugen Jehovas langsam, aber sicher zu. In den meisten der erwähnten Länder gibt es jetzt Tausende eifrige Zeugen. Ja in einigen Ländern sind Zehntausende oder sogar mehr als hunderttausend Lobpreiser Jehovas tätig.

      Viele Menschen hörten interessiert zu

      In manchen Gebieten fanden die Missionare eine große Anzahl Personen, die geradezu erpicht darauf waren zu lernen. Als Ted und Doris Klein, Absolventen der ersten Klasse der Gileadschule, 1947 auf den Jungferninseln ankamen, wollten so viele Menschen die Bibel studieren, daß sie häufig erst um Mitternacht ihren Dienst beenden konnten. Der erste öffentliche Vortrag, den Bruder Klein auf dem Marktplatz von Charlotte Amalie hielt, wurde von tausend Personen besucht.

      Joseph McGrath und Cyril Charles wurden 1949 nach Taiwan in das Gebiet der Ami gesandt. Dort mußten sie zwar in strohgedeckten Häusern mit Fußböden aus Erde wohnen, aber sie waren ja gekommen, um den Menschen zu helfen. Einige Angehörige des Volksstammes der Ami hatten Wachtturm-Publikationen erhalten. Was sie darin gelesen hatten, hatte ihnen so sehr gefallen, daß sie auch mit anderen über die gute Botschaft gesprochen hatten. Jetzt konnten ihnen die Missionare helfen, im Glauben zu wachsen. Den Missionaren wurde mitgeteilt, daß 600 Personen an der Wahrheit interessiert seien. Doch insgesamt 1 600 wohnten den Zusammenkünften bei, die die Missionare abhielten, während sie von Dorf zu Dorf zogen. Diese demütigen Menschen waren zum Lernen bereit, aber in vielen Punkten mangelte es ihnen an genauer Erkenntnis. Geduldig gingen die beiden erwähnten Brüder daran, sie zu belehren, und nahmen sich dabei jeweils nur ein Thema vor. In jedem Dorf beantworteten sie oft acht Stunden oder länger Fragen über ein bestimmtes Thema. Außerdem schulten sie die 140 Personen, die den Wunsch äußerten, sich am Zeugnisgeben von Haus zu Haus zu beteiligen. Wieviel Freude das den Missionaren doch bereitete! Es gab indessen noch viel zu tun, wenn man wirklichen geistigen Fortschritt erzielen wollte.

      Etwa 12 Jahre später wurden Harvey und Kathleen Logan — Gileadabsolventen, die in Japan tätig gewesen waren — beauftragt, den Brüdern vom Ami-Stamm weitere Hilfe zuteil werden zu lassen. Bruder Logan verbrachte viel Zeit damit, ihnen die biblischen Grundlehren und Grundsätze näherzubringen und ihnen Kenntnisse über organisatorische Angelegenheiten zu vermitteln. Schwester Logan arbeitete jeden Tag mit den Schwestern im Predigtdienst zusammen, und danach bemühte sie sich, ihnen biblische Grundlehren beizubringen. Im Jahre 1963 sorgte dann die Watch Tower Society dafür, daß in Verbindung mit einem Kongreß, der rund um die Welt abgehalten wurde, Delegierte aus 28 Ländern im Dorf Shou Feng mit den einheimischen Zeugen Jehovas zusammenkamen. Durch all das wurde eine feste Grundlage für weiteres Wachstum gelegt.

      Zwei Missionare, Harry Arnott und Ian Fergusson, trafen 1948 in Nordrhodesien (heute Sambia) ein. Damals gab es schon 252 Versammlungen, die aus einheimischen afrikanischen Zeugen Jehovas bestanden, doch jetzt wandte man seine Aufmerksamkeit auch den Europäern zu, die wegen der Kupferminen dort hingezogen waren. Ihre Reaktion war begeisternd. Es wurde eine Menge Literatur bei ihnen zurückgelassen, und diejenigen, mit denen man die Bibel studierte, machten schnell Fortschritte. In jenem Jahr stieg die Zahl der Zeugen, das heißt derer, die sich am Predigtdienst beteiligten, um 61 Prozent.

      Vielerorts war es nichts Ungewöhnliches, daß die Missionare Personen, die die Bibel studieren wollten, auf die Warteliste setzten. Manchmal waren Verwandte, Nachbarn und Freunde der Interessierten beim Studium anwesend. Mehrere Leute besuchten schon regelmäßig die Zusammenkünfte im Königreichssaal, ehe mit ihnen selbst die Bibel studiert werden konnte.

      In anderen Ländern war jedoch trotz der großen Anstrengungen, die die Missionare unternahmen, die Ernte spärlich. Bereits im Jahre 1953 wurden Wachtturm-Missionare nach Ostpakistan (heute Bangladesch) gesandt, wo die Bevölkerung — zur Zeit über 115 000 000 — vornehmlich aus Muslimen und Hindus besteht. Es wurden enorme Anstrengungen unternommen, um den Menschen dort zu helfen. Aber 1992 gab es in dem Land nur 42 Anbeter Jehovas. In den Augen der Missionare, die in solchen Gebieten dienen, sind jedoch diejenigen, die die Wahrheit annehmen, besonders wertvoll, denn sie sind eine Seltenheit.

      Mitzeugen liebevoll helfen

      Die hauptsächliche Tätigkeit der Missionare ist das Evangelisieren, das Predigen der guten Botschaft vom Königreich. Doch bei dieser Tätigkeit können sie auch den einheimischen Zeugen eine große Hilfe sein. Die Missionare nehmen sie mit in den Predigtdienst und machen ihnen Vorschläge, wie sie mit schwierigen Situationen fertig werden können. Dadurch, daß die einheimischen Zeugen die Missionare beobachten, lernen sie meist, ihren Dienst wirkungsvoller durchzuführen und erfolgreichere Lehrer zu sein. Die einheimischen Zeugen helfen wiederum den Missionaren, sich den Landessitten anzupassen.

      John Cooke sorgte kurz nach seiner Ankunft in Portugal im Jahre 1948 dafür, daß die Haus-zu-Haus-Tätigkeit systematisch durchgeführt wurde. Es gab zwar viele Zeugen dort, die diesen Dienst gern verrichten wollten, aber sie benötigten Schulung. Später sagte er: „Ich werde nie vergessen, wie ich anfangs mit den Schwestern in Almada in den Predigtdienst zog. Ja, zu demselben Haus gingen gleich sechs auf einmal. Stellt euch vor: Sechs Frauen an einer Tür, und eine von ihnen hält die Predigt! Doch nach und nach verstand man vieles besser, und das Werk ging voran.“

      Der beispielhafte Mut von Missionaren half den Zeugen Jehovas auf den Leeward Islands, unerschrocken zu sein und sich von Gegnern, die das Werk behindern wollten, nicht einschüchtern zu lassen. In Spanien half der Glaube eines Missionars den Brüdern, trotz der katholischen faschistischen Diktatur, unter der sie damals lebten, den Haus-zu-Haus-Dienst aufzunehmen. Die Missionare, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan tätig waren, bekundeten auf vorbildliche Weise Takt, indem sie es vermieden, über das Versagen der Nationalreligion zu sprechen, nachdem der japanische Kaiser seinen Anspruch auf Göttlichkeit aufgegeben hatte, und statt dessen überzeugende Argumente für den Glauben an einen Schöpfer unterbreiteten.

      Die Missionare waren sich damals oft nicht bewußt, welch tiefen Eindruck sie durch ihr Verhalten bei den einheimischen Zeugen Jehovas hinterließen. Auf Trinidad spricht man nach vielen Jahren noch heute von Begebenheiten, die die Demut der Missionare sowie ihre Bereitschaft, schwierige Verhältnisse ruhig hinzunehmen, erkennen ließen, und davon, wie fleißig sie trotz der Hitze im Dienst Jehovas tätig waren. Die Zeugen in Korea waren von der aufopferungsvollen Einstellung der Missionare sehr beeindruckt, die zehn Jahre lang darauf verzichteten, das Land zu verlassen und ihre Angehörigen zu besuchen. Die Regierung erteilte nämlich nur in wenigen Notfällen aus „humanitären“ Gründen eine erneute Einreiseerlaubnis.

      Die meisten Missionare hatten Gelegenheit, sich während und nach ihrer Ausbildung in der Gileadschule ein genaueres Bild über die Wirkungsweise des Hauptbüros der sichtbaren Organisation Jehovas zu machen. Häufig war es ihnen möglich, mit Mitgliedern der leitenden Körperschaft Umgang zu pflegen. Später konnten sie in dem ihnen zugeteilten Land den einheimischen Zeugen und den Neuinteressierten aus erster Hand berichten, wie die Organisation funktioniert, und ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Die tiefe Wertschätzung, die sie für die theokratische Wirkungsweise der Organisation vermittelten, war oftmals ein entscheidender Faktor für das Wachstum.

      In zahlreichen Ländern, in die die Missionare geschickt wurden, gab es zur Zeit ihrer Ankunft keine Zusammenkünfte. Deshalb trafen sie die nötigen Vorkehrungen und führten dann die Zusammenkünfte durch. Bis andere befähigt waren, sich am Programm zu beteiligen, hielten sie die meisten Ansprachen selbst. Sie schulten ständig andere Brüder, damit diese lernten, Verantwortung zu übernehmen (2. Tim. 2:2). Die erste Zusammenkunftsstätte war gewöhnlich das Missionarheim. Später sorgte man dann für Königreichssäle.

      Dort, wo es schon Versammlungen gab, trugen die Missionare dazu bei, daß die Zusammenkünfte interessanter und lehrreicher wurden. Man schätzte ihre gut vorbereiteten Kommentare, und bald versuchten andere, sie darin nachzuahmen. Die Brüder gaben aufgrund ihrer Ausbildung in der Gileadschule im öffentlichen Reden und Lehren ein gutes Beispiel, und sie nahmen sich gern die Zeit, einheimischen Brüdern zu helfen, diese Kunst zu erlernen. In Ländern, wo sich die Leute gewöhnlich nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließen und nicht so sehr auf Pünktlichkeit bedacht waren, halfen die Missionare den Brüdern geduldig, zu erkennen, wie nützlich es ist, wenn die Zusammenkünfte pünktlich beginnen; sie ermunterten auch alle, rechtzeitig anwesend zu sein.

      An manchen Orten fanden die Missionare Zustände vor, die zeigten, daß den Brüdern geholfen werden mußte, zu erkennen, wie wichtig es ist, sich eng an Jehovas gerechte Grundsätze zu halten. In Botsuana stellten sie beispielsweise fest, daß einige Schwestern ihren Babys noch immer Schnüre oder Perlen anlegten, um sie vor Schaden zu bewahren, weil sie nicht richtig erkannt hatten, daß dieser Brauch auf Aberglauben und Zauberei basiert. In Portugal wurde durch gewisse Umstände Uneinigkeit hervorgerufen. Mit Geduld, liebevoller Hilfe und, wenn nötig, mit Festigkeit wurde bewirkt, daß sich der geistige Gesundheitszustand merklich verbesserte.

      Missionare, die in Finnland in Aufsichtsstellungen eingesetzt worden waren, wendeten viel Zeit und Mühe auf, um die einheimischen Brüder darin zu schulen, Probleme im Licht biblischer Grundsätze zu betrachten und so Schlußfolgerungen zu ziehen, die mit der Denkweise Gottes übereinstimmen. In Argentinien waren die Missionare den Brüdern auch behilflich, den Wert eines Zeitplans zu erkennen und zu lernen, wie man Unterlagen führt und sie in Ordnung hält. Den loyalen Brüdern in Deutschland, die zufolge ihres Überlebenskampfes in den Konzentrationslagern in ihren Ansichten manchmal zu streng waren, halfen die Missionare, beim Weiden der Herde die milde Art Jesu Christi noch besser nachzuahmen (Mat. 11:28-30; Apg. 20:28).

      Die Tätigkeit einiger Missionare bestand auch darin, mit Regierungsvertretern gewisse Angelegenheiten zu regeln, ihre Fragen zu beantworten und Anträge auf rechtliche Anerkennung des Werkes der Zeugen Jehovas zu stellen. Zum Beispiel versuchte Bruder Joly — er war mit seiner Frau nach Kamerun gesandt worden — fast vier Jahre lang wiederholt, die rechtliche Anerkennung des Werkes zu erwirken. Immer wieder sprach er mit französischen und afrikanischen Beamten. Nach einem Regierungswechsel wurde das Werk schließlich anerkannt. Zu jenem Zeitpunkt waren Jehovas Zeugen in Kamerun schon 27 Jahre tätig, und es gab über 6 000 im Land.

      Den Herausforderungen des Reisedienstes begegnen

      Manche Missionare wurden beauftragt, als reisende Aufseher zu dienen. Australien benötigte besondere Hilfe, denn im Zweiten Weltkrieg waren mehrere Brüder so unweise und verfolgten statt der Königreichsinteressen weltliche Ziele. Im Laufe der Zeit konnte dieser Zustand geändert werden, und als Bruder Knorr 1947 das Land besuchte, hob er hervor, wie wichtig es ist, das Königreichspredigtwerk allem voranzustellen. Danach trugen die Begeisterung, das gute Beispiel und die Lehrmethoden von Gileadabsolventen, die als Kreis- und Bezirksaufseher dienten, dazu bei, unter den Zeugen Jehovas dort eine gottgefällige Atmosphäre zu schaffen.

      Im Reisedienst durfte man keine Mühen und keine Gefahren scheuen. Wallace Liverance fand heraus, daß die einzige Möglichkeit, zu einer Verkündigergruppe in Volcán (Bolivien) — sie bestand aus einer Familie — zu gelangen, ein 90 Kilometer langer Fußmarsch (hin und zurück) war, der ihn bei sengender Hitze durch eine 3 400 Meter hoch gelegene steinige und kahle Gegend führte, wobei er seinen Schlafsack, Nahrung, Wasser und Literatur tragen mußte. Um Versammlungen auf den Philippinen zu besuchen, fuhr Neal Callaway häufig mit überfüllten Bussen, die nicht nur Leute, sondern auch Tiere und landwirtschaftliche Erzeugnisse transportierten. Richard Cotterill begann in Indien seinen Dienst als reisender Aufseher in einer Zeit, als Tausende aus religiösem Haß ermordet wurden. Es war vorgesehen, daß er den Brüdern in Gebieten dienen sollte, wo Unruhen herrschten. Der Schalterbeamte am Bahnhof versuchte, ihn von der Reise dorthin abzubringen. Für die meisten Reisenden war sie tatsächlich wie ein Alptraum, doch Bruder Cotterill liebte seine Brüder sehr, ganz gleich, wo sie lebten und welche Sprache sie sprachen. Voller Vertrauen auf Jehova sagte er: „Wenn es Jehovas Wille ist, werde ich versuchen, dorthin zu gelangen“ (Jak. 4:15).

      Andere zum Vollzeitdienst ermuntern

      Viele, die von den Missionaren belehrt wurden, haben den Eifer der Missionare nachgeahmt und ebenfalls den Vollzeitdienst aufgenommen. In Japan, wo 168 Missionare ihren Dienst verrichtet haben, gab es 1992 75 956 Pioniere; über 40 Prozent der Verkündiger Japans waren in irgendeinem Zweig des Vollzeitdienstes tätig. In der Republik Korea war es ähnlich.

      Eine ganze Reihe Vollzeitdiener aus Ländern, in denen es im Verhältnis zur Bevölkerung viele Zeugen Jehovas gibt, wurden eingeladen, die Gileadschule zu besuchen; von dort aus wurden sie dann ausgesandt, um in anderen Ländern tätig zu sein. Aus den Vereinigten Staaten und Kanada kam eine große Anzahl Missionare, etwa 400 aus Großbritannien, über 240 aus Deutschland, mehr als 150 aus Australien und über 100 aus Schweden; hinzu kommt noch eine Vielzahl aus Dänemark, Finnland, Hawaii, den Niederlanden, Neuseeland und anderen Ländern. Einige Länder, die von Missionaren Hilfe erhalten hatten, stellten später selbst Missionare für den Dienst im Ausland.

      In einer wachsenden Organisation Verpflichtungen übernehmen

      Da die Organisation ständig wächst, haben die Missionare weitere Verpflichtungen übernommen. Viele sind in den Versammlungen, die sie mit aufgebaut haben, als Älteste und Dienstamtgehilfen tätig gewesen. In einer Reihe von Ländern waren sie die ersten Kreis- und Bezirksaufseher. Aufgrund der weiteren Entwicklung hat es sich als nützlich erwiesen, daß die Gesellschaft neue Zweigbüros eröffnete, und einer Anzahl von Missionaren wurde Verantwortung in einem Zweigbüro übertragen. Mehrere Missionare, die die Sprache gut gelernt hatten, wurden gebeten, beim Übersetzen und Korrekturlesen von biblischer Literatur mitzuhelfen.

      Ein besonderer Lohn war es jedoch für sie, wenn diejenigen, mit denen sie Gottes Wort studiert hatten, oder Brüder, zu deren geistigem Fortschritt sie beigetragen hatten, sich für solche Verantwortlichkeiten qualifizierten. Ein Ehepaar in Peru hat zu seiner Freude erlebt, daß einige, mit denen es studierte, als Sonderpioniere tätig sind, die ihrerseits wieder zur Stärkung neuer Versammlungen beitragen und neues Gebiet erschließen. Ein Angehöriger einer Familie, mit der ein Missionar in Sri Lanka studiert hatte, wurde ein Mitglied des dortigen Zweigkomitees. Viele andere Missionare erlebten ähnliche Freuden.

      Sie hatten aber auch mit Widerstand zu kämpfen.

      Trotz Widerstand

      Jesus erklärte seinen Nachfolgern, daß sie wie er verfolgt würden (Joh. 15:20). Da die Missionare gewöhnlich aus dem Ausland kamen, wurden sie meistens ausgewiesen, wenn schwere Verfolgung ausbrach.

      Im Jahre 1967 wurden Sona Haidostian und ihre Eltern in Aleppo (Syrien) verhaftet. Fünf Monate mußten sie im Gefängnis zubringen. Dann wurden sie des Landes verwiesen, ohne daß sie ihr Hab und Gut mitnehmen durften. Margarita Königer aus Deutschland wurde nach Madagaskar gesandt; aber eine Ausweisung nach der anderen führte dazu, daß sie in neue Länder geschickt wurde: nach Kenia, Dahomey (heute Benin) und Obervolta (heute Burkina Faso). Domenick Piccone und seine Frau Elsa wurden wegen ihrer Predigttätigkeit 1957 aus Spanien ausgewiesen, 1962 dann aus Portugal und im Jahre 1969 aus Marokko. Doch in jedem Land wurde dadurch, daß man einer Ausweisung entgegenwirken wollte, Gutes bewirkt. Beamten wurde Zeugnis gegeben. In Marokko bot sich beispielsweise die Gelegenheit, Beamten der Sécurité Nationale, einem Richter des Obersten Gerichtshofs, dem Polizeichef von Tanger und den Konsuln der Vereinigten Staaten in Tanger und Rabat zu predigen.

      Mit der Ausweisung der Missionare konnte dem Werk der Zeugen Jehovas nicht Einhalt geboten werden, wie es sich einige Beamte erhofft hatten. Der bereits ausgestreute Samen der Wahrheit ging oft weiter auf. Zum Beispiel führten vier Missionare nur wenige Monate in Burundi ihren Dienst durch, ehe sie 1964 von der Regierung gezwungen wurden, das Land zu verlassen. Ein Missionar hielt indessen die Verbindung zu einem Interessierten durch Briefe aufrecht, und dieser teilte ihm mit, daß er mit 26 Personen die Bibel studierte. Ein Zeuge Jehovas aus Tansania, der kurz vorher nach Burundi gezogen war, beteiligte sich ebenfalls eifrig am Predigtdienst. Langsam nahm die Zahl der Verkündiger zu, und nun überbringen Hunderte von Zeugen anderen die Königreichsbotschaft.

      In manchen Ländern wandten Beamte vor der Ausweisung brutale Gewalt an, um alle zu zwingen, ihren Forderungen nachzukommen. In Gbarnga (Liberia) wurden im Jahre 1963 400 Männer, Frauen und Kinder, die dort einem christlichen Kongreß beiwohnten, von Soldaten zusammengetrieben. Diese führten die Kongreßteilnehmer zum Militärgelände, drohten ihnen, schlugen sie und verlangten von jedermann, ungeachtet der Nationalität oder Religion, die liberianische Fahne zu grüßen. In der Gruppe befand sich Milton Henschel aus den Vereinigten Staaten. Es waren auch mehrere Missionare darunter, zum Beispiel John Charuk aus Kanada. Ein Gileadabsolvent machte Zugeständnisse, wie er es schon zuvor getan hatte (ohne es jedoch bekanntgegeben zu haben). Zweifellos trug seine Handlungsweise dazu bei, daß andere, die beim Kongreß anwesend gewesen waren, ebenfalls nachgaben. Es stellte sich heraus, wer wirklich Gott fürchtete und wer in die Schlinge der Menschenfurcht geraten war (Spr. 29:25). Danach verwies die Regierung alle ausländischen Missionare der Zeugen Jehovas des Landes, aber noch im selben Jahr erhielten sie durch einen Erlaß vom Präsidenten die Erlaubnis zurückzukehren.

      Oftmals war das Vorgehen von Regierungsvertretern gegen die Missionare auf den Druck der Geistlichkeit zurückzuführen. Manchmal wurde der Druck im verborgenen ausgeübt. In anderen Fällen wußte jeder, woher der Widerstand kam. George Koivisto wird den ersten Vormittag, den er in Medellín (Kolumbien) im Predigtdienst verbrachte, nie vergessen. Plötzlich erschien eine schreiende Rotte von Schulkindern und warf mit Steinen und Lehmklumpen. Die Wohnungsinhaberin, die ihn noch nie zuvor gesehen hatte, nahm ihn schnell mit ins Haus und schloß geschwind die hölzernen Fensterläden. Dabei entschuldigte sie sich fortwährend wegen des Benehmens der Rotte draußen. Als die Polizei kam, gaben einige Leute dem Lehrer die Schuld, denn er habe den Schülern freigegeben. Ein anderer rief: „Nein! Es war der Pfarrer! Er hat über Lautsprecher gesagt, die Schüler sollten hinausgelassen werden, um die Protestantes mit Steinen zu bewerfen.“

      Die Missionare brauchten gottgefälligen Mut und Liebe zu den Schafen. Elfriede Löhr und Ilse Unterdörfer wurden in das Gasteiner Tal in Österreich gesandt. In kurzer Zeit konnten sie bei Personen, die nach geistiger Speise hungerten, eine Menge biblische Literatur zurücklassen. Doch die Geistlichkeit reagierte mit Widerstand. Sie stachelte Schulkinder an, die Missionarinnen auf der Straße anzuschreien und vor ihnen herzurennen, damit die Wohnungsinhaber ihnen nicht zuhörten. Die Leute bekamen Angst. Die Missionarinnen bekundeten jedoch Liebe und Ausdauer und konnten auf diese Weise einige erfolgversprechende Bibelstudien beginnen. Als ein öffentlicher Vortrag gehalten werden sollte, stellte sich der Hilfspfarrer herausfordernd vor die Zusammenkunftsstätte. Aber er verschwand wieder, als die Missionarinnen auf die Straße gingen, um die Leute willkommen zu heißen. Er holte einen Polizisten und kehrte zurück, um die Zusammenkunft zu stören. Das gelang ihm aber nicht. Nach einiger Zeit konnte dort eine eifrige Versammlung gegründet werden.

      Unn Raunholm und Julia Parsons wurden in kleinen Ortschaften in der Nähe von Ibarra (Ecuador) immer wieder mit dem Pöbel konfrontiert, der von einem Geistlichen aufgehetzt worden war. Jedesmal, wenn die Missionarinnen nach San Antonio kamen, verursachte der Geistliche einen Aufruhr. Deshalb beschlossen die Schwestern, ihre Tätigkeit auf einen anderen Ort namens Atuntaqui zu konzentrieren. Aber eines Tages forderte der Dorfpolizist Schwester Raunholm ganz aufgeregt auf, den Ort schnellstens zu verlassen. „Der Priester organisiert gerade eine Demonstration gegen Sie, und ich habe nicht genug Männer, um Sie zu schützen“, erklärte er. Sie kann sich noch lebhaft an die Ereignisse erinnern: „Die Menge war hinter uns her. Die weiß-gelbe Fahne des Vatikans wehte vor der Gruppe, und der Priester rief: ,Es lebe die katholische Kirche!‘ ,Nieder mit den Protestanten!‘ ,Es lebe die Jungfräulichkeit der Jungfrau!‘ ,Es lebe die Beichte!‘ Die Menge wiederholte jeden Spruch Wort für Wort.“ Dann wurden die Zeuginnen von einigen Männern in das Gewerkschaftshaus hineingebeten, wo sie sicher waren. Dort gaben die Missionarinnen all denen Zeugnis, die neugierig hereinkamen, um zu sehen, was vor sich ging. Sie verbreiteten ihre gesamte Literatur.

      Kurse, durch die besondere Bedürfnisse gestillt werden sollen

      Seitdem die ersten Missionare von der Gileadschule ausgesandt worden sind, ist die Organisation der Zeugen Jehovas in erstaunlichem Maße gewachsen. Als die Schule 1943 eröffnet wurde, gab es nur 129 070 Zeugen in 54 Ländern (103 Länder, wenn man von den Landesgrenzen Anfang der 90er Jahre ausgeht). Im Jahre 1992 sind es weltweit 4 472 787 Zeugen in 229 Ländern und Inselgebieten gewesen. Wegen dieses Wachstums haben sich die Bedürfnisse der Organisation geändert. Zweigbüros, die sich früher um weniger als hundert Zeugen in einigen wenigen Versammlungen gekümmert haben, beaufsichtigen jetzt die Tätigkeit von Zehntausenden Zeugen, und eine ganze Reihe dieser Zweige erachten es für notwendig, selbst Literatur zu drucken, um diejenigen auszurüsten, die sich am Evangelisierungswerk beteiligen.

      Um den veränderten Bedürfnissen gerecht zu werden, wurde 18 Jahre nach der Eröffnung der Gileadschule ein zehnmonatiger Schulkurs im Hauptbüro der Gesellschaft eingerichtet, der besonders für Brüder gedacht war, die in den Zweigbüros der Watch Tower Society große Verantwortung trugen. Einige hatten zuvor den fünfmonatigen Gilead-Schulkurs mitgemacht, andere nicht. Für alle Teilnehmer war die besondere Schulung, die sie im Hinblick auf ihre Aufgaben erhielten, von Nutzen. Es wurde behandelt, wie in bestimmten Situationen vorzugehen ist und wie man im Einklang mit biblischen Grundsätzen organisatorische Mängel beheben kann, was zur Vereinheitlichung beitrug. Der Kurs schloß analytische Vers-für-Vers-Betrachtungen der ganzen Bibel ein. Die Teilnehmer erhielten außerdem einen Überblick über die Religionsgeschichte, eine ins einzelne gehende Schulung in der Führung eines Zweigbüros, eines Bethelheims und einer Druckerei und Anweisungen für die Beaufsichtigung des Predigtwerkes, die Gründung neuer Versammlungen und die Erschließung neuer Gebiete. Diese Kurse (dazu gehörte auch der letzte, den man auf acht Monate verkürzte) wurden von 1961 bis 1965 in der Weltzentrale in Brooklyn (New York) durchgeführt. Viele der Absolventen sandte man in die Länder zurück, wo sie zuvor tätig gewesen waren; mehrere wurden in andere Länder geschickt, wo sie einen wertvollen Beitrag zum Werk leisten konnten.

      Als Vorbereitung auf weitere Ausdehnung, die man in Übereinstimmung mit biblischen Prophezeiungen erwartete, wurde am 1. Februar 1976 in den Zweigbüros der Gesellschaft etwas Neues eingeführt (Jes. 60:8, 22). Es sollte nicht wie bisher nur ein Zweigaufseher mit seinem Gehilfen ein Zweigbüro beaufsichtigen, sondern die leitende Körperschaft ernannte drei oder mehr befähigte Brüder dazu, als Zweigkomitee zu amtieren. Größere Zweige konnten sogar ein Komitee aus sieben Mitgliedern haben. Um alle diese Brüder zu schulen, wurde ein besonderer fünfwöchiger Gileadkurs in Brooklyn (New York) geplant. Von Ende 1977 bis 1980 erhielten 14 Klassen, die von Mitgliedern der Zweigkomitees aus aller Welt besucht wurden, in der Weltzentrale diese besondere Schulung. Es war eine günstige Gelegenheit, die Arbeitsvorgänge zu vereinheitlichen und zu verbessern.

      In der Gileadschule wurden weiterhin diejenigen ausgebildet, die langjährige Erfahrung im Vollzeitdienst hatten sowie bereit und in der Lage waren, ins Ausland zu gehen; aber mehr Missionare wurden benötigt. Um die Ausbildung zu beschleunigen, wurden in anderen Ländern Außenstellen der Gileadschule eingerichtet, damit die Studenten nicht erst Englisch lernen mußten, bevor sie die Schule besuchen konnten. Spanischsprachige Studenten absolvierten 1980/81 die Gilead-Kulturschule von Mexiko. Dadurch konnte ein unmittelbarer Bedarf an qualifizierten Verkündigern in Mittel- und Südamerika gedeckt werden. In den Jahren 1981/82, 1984 und 1992 wurden auch in Deutschland Klassen der Außenstelle der Gileadschule unterrichtet. Von dort aus schickte man die Absolventen nach Afrika, Osteuropa, Südamerika und auf verschiedene Inseln. Weitere Kurse wurden 1983 in Indien durchgeführt.

      Da eifrige einheimische Zeugen zusammen mit den Missionaren das Königreichswerk ausgedehnt haben, hat die Zahl der Zeugen Jehovas rasch zugenommen, weshalb neue Versammlungen gegründet wurden. Zwischen 1980 und 1987 stieg die Zahl der Versammlungen weltweit um 27 Prozent an, auf insgesamt 54 911. In einigen Gebieten besuchten zwar zahlreiche Personen die Zusammenkünfte und nahmen am Predigtdienst teil, aber die meisten Brüder waren ziemlich neu in der Wahrheit. Dringend benötigt wurden erfahrene christliche Männer, die als geistige Hirten und Lehrer dienen und im Evangelisierungswerk die Führung übernehmen würden. Aus diesem Grund eröffnete die leitende Körperschaft 1987 die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung als Teil des Gilead-Schulprogramms für biblische Unterweisung. Der achtwöchige Kurs schließt ein intensives Studium der Bibel ein, und den geistigen Fortschritten jedes Studenten wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Organisatorische und rechtliche Angelegenheiten sowie die Verantwortlichkeiten der Ältesten und Dienstamtgehilfen werden besprochen; des weiteren werden die Studenten sorgfältig im öffentlichen Reden geschult. Um die laufenden Schulkurse, in denen Missionare ausgebildet werden, nicht zu beeinträchtigen, wurden für die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung andere Stätten benutzt, und zwar in verschiedenen Ländern. Die Absolventen dieser Schule sind in vielen Ländern, in denen sie dringend gebraucht werden, eine große Hilfe.

      Die vermehrte Schulung, die durch die Wachtturm-Bibelschule Gilead vermittelt wird, hat also mit den veränderten Bedürfnissen einer schnell wachsenden internationalen Organisation Schritt gehalten.

      „Hier bin ich! Sende mich“

      Die Missionare bekunden denselben Geist wie der Prophet Jesaja. Als Jehova ihm eine besondere Dienstgelegenheit vor Augen führte, antwortete er: „Hier bin ich! Sende mich“ (Jes. 6:8). Dieser Geist der Bereitwilligkeit hat Tausende junge Männer und Frauen bewogen, ihre gewohnte Umgebung und ihre Verwandten zu verlassen, um dort, wo sie benötigt werden, dazu beizutragen, daß der Wille Gottes geschieht.

      Familiäre Umstände haben das Leben vieler Missionare verändert. Eine Reihe von ihnen, die Kinder bekamen, nachdem sie den Missionardienst aufgenommen hatten, waren in der Lage, in dem ihnen zugeteilten Land zu bleiben. Sie gingen, soweit es notwendig war, einer weltlichen Arbeit nach und arbeiteten mit der Versammlung zusammen. Einige mußten nach jahrelanger Missionartätigkeit in ihr Heimatland zurückkehren, um für ihre betagten Eltern zu sorgen oder aus anderen Gründen. Aber sie haben es als ein Vorrecht betrachtet, so lange im Missionardienst tätig gewesen zu sein, wie es ihnen möglich war.

      Andere konnten den Missionardienst zu ihrer Lebensaufgabe machen. Um das zu tun, mußten sie verschiedenen Herausforderungen begegnen. Olaf Olson, der sich einer langen Missionarlaufbahn in Kolumbien erfreut hat, gestand: „Das erste Jahr war das schwerste.“ Dem war hauptsächlich so, weil er sich in der neuen Sprache noch nicht richtig ausdrücken konnte. Er sagte weiter: „Hätte ich fortwährend an das Land zurückgedacht, das ich verlassen hatte, so wäre ich unglücklich gewesen, aber ich hatte mich entschlossen, mich ganz und gar auf das Leben in Kolumbien einzustellen, mir die Brüder und Schwestern in der Wahrheit zu Freunden zu machen und mein Leben mit dem Predigtdienst auszufüllen, und so wurde mir mein Gebiet bald zur Heimat.“

      Das Ausharren der Missionare beruhte nicht unbedingt darauf, daß sie die äußeren Umstände ideal fanden. Norman Barber, der von 1947 bis zu seinem Tod im Jahre 1986 in Birma (heute Myanmar) und in Indien tätig gewesen war, drückte es so aus: „Wer sich darüber freut, daß er von Jehova gebraucht wird, dem ist ein Ort ebenso gut wie ein anderer. ... Offen gestanden, das tropische Klima ist nach meinem Begriff kein ideales Klima, in dem ich leben möchte. Auch ist die Art, wie die Menschen in den Tropen leben, nicht die Lebensweise, die ich persönlich wählen würde. Aber es gibt wichtigere Dinge, die in Betracht gezogen werden müssen, als diese unbedeutenden Punkte. Imstande zu sein, Leuten Hilfe zu leisten, die wirklich geistlich arm sind, ist ein Vorrecht, das zu beschreiben Menschenworte nicht ausreichen.“

      Viele andere vertreten denselben Standpunkt. Dieser Geist der Selbstaufopferung hat zum großen Teil zur Erfüllung der Prophezeiung Jesu beigetragen, die besagt, daß vor dem Ende die gute Botschaft vom Königreich auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden wird, allen Nationen zu einem Zeugnis (Mat. 24:14).

      [Fußnote]

      a Der Wachtturm, 15. Februar 1943 (engl.), Seite 60—64.

      [Herausgestellter Text auf Seite 523]

      Die Wichtigkeit, völlig auf Jehova zu vertrauen und ihm gegenüber loyal zu sein, wurde betont

      [Herausgestellter Text auf Seite 534]

      Mit Humor ging es leichter

      [Herausgestellter Text auf Seite 539]

      Geduld, liebevolle Hilfe und, wenn nötig, Festigkeit

      [Herausgestellter Text auf Seite 546]

      „Leuten Hilfe zu leisten, die wirklich geistlich arm sind, ist ein Vorrecht, das zu beschreiben Menschenworte nicht ausreichen“

      [Kasten auf Seite 533]

      Klassen der Gileadschule

      1943—1960: Schule in South Lansing (New York). 35 Klassen mit insgesamt 3 639 Studenten aus 95 Ländern wurden unterrichtet, von denen die meisten als Missionare ausgesandt wurden. Unter den Studenten befanden sich auch Kreis- und Bezirksaufseher, die in den Vereinigten Staaten tätig waren.

      1961—1965: Schule in Brooklyn (New York). 5 Klassen mit insgesamt 514 Studenten wurden unterrichtet, die in Länder geschickt wurden, wo die Watch Tower Society Zweigbüros hat; den meisten Absolventen wurden Verwaltungsaufgaben übertragen. Vier dieser Klassen erhielten zehn Monate Unterricht und eine Klasse acht Monate.

      1965—1988: Schule in Brooklyn (New York). 45 Klassen — jede besuchte die Schule 20 Wochen — mit weiteren 2 198 Studenten wurden geschult, die meisten für den Missionardienst.

      1977—1980: Schule in Brooklyn (New York); ein fünfwöchiger Gileadkurs für die Mitglieder der Zweigkomitees; es wurden 14 Klassen unterrichtet.

      1980—1981: Gilead-Kulturschule von Mexiko; zehnwöchiger Kurs; drei Klassen; 72 spanischsprachige Absolventen wurden auf den Dienst in Lateinamerika vorbereitet.

      1981—1982, 1984, 1992: Außenstelle der Gileadschule in Deutschland; zehnwöchiger Kurs; vier Klassen; 98 deutschsprachige Studenten aus europäischen Ländern.

      1983: Klassen in Indien; zehnwöchiger Kurs in Englisch; drei Gruppen; 70 Studenten.

      Seit 1987: Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung; achtwöchiger Kurs, der an bestimmten Orten in verschiedenen Teilen der Erde durchgeführt wird. Bis zum Jahre 1992 waren Absolventen außerhalb ihres Geburtslandes bereits in über 35 Ländern tätig.

      Seit 1988: Schule in Wallkill (New York). Zur Zeit werden dort zwanzigwöchige Kurse als Vorbereitung für den Missionardienst durchgeführt. Es ist geplant, daß die Schule nach Fertigstellung des Wachtturm-Schulungszentrums in Patterson (New York) dorthin verlegt werden wird.

      [Kasten auf Seite 538]

      Internationale Studentenschaft

      Die Studenten, die die Gileadschule absolvierten, gehörten vielen Nationen an und kamen aus über 110 Ländern.

      Die erste internationale Gruppe war die sechste Klasse (1945/46).

      Für ausländische Studenten beantragte man bei den amerikanischen Behörden ein Visum, das für die Dauer des Studiums gültig sein sollte. Daraufhin erkannte die US-Schulbehörde an, daß in der Gileadschule Bildung vermittelt wird, die mit der von Fachhochschulen und ähnlichen Lehranstalten zu vergleichen ist. Seit 1953 haben daher die Konsuln der Vereinigten Staaten in der ganzen Welt die Watchtower Bible School of Gilead auf ihrer Liste der anerkannten Lehranstalten. Die Schule wurde in der Publikation „Educational Institutions Approved by the Attorney General“ (Vom Justizminister anerkannte Lehranstalten) vom 30. April 1954 aufgeführt.

      [Bilder auf Seite 522]

      Studenten der ersten Klasse der Gileadschule

      [Bild auf Seite 524]

      Albert Schroeder bespricht mit Gileadstudenten Einzelheiten der Stiftshütte

      [Bild auf Seite 525]

      Maxwell Friend hält im Amphitheater der Gileadschule einen Vortrag

      [Bilder auf Seite 526]

      Die Abschlußfeiern der Gileadschule waren theokratische Höhepunkte

      ... einige auf großen Kongressen (New York, 1950)

      ... einige auf dem Schulgelände (wo N. H. Knorr 1956 vor der Bibliothek der Schule eine Ansprache hält)

      [Bilder auf Seite 527]

      Gelände der Gileadschule in South Lansing (New York) in den 50er Jahren

      [Bild auf Seite 528]

      Hermon Woodard (links) und John Errichetti (rechts) in ihrem Dienst in Alaska

      [Bild auf Seite 529]

      John Cutforth verwendet in Papua-Neuguinea Anschauungsmaterial als Lernhilfe

      [Bild auf Seite 530]

      Missionare 1950 in Irland mit dem Bezirksaufseher

      [Bild auf Seite 530]

      Gileadabsolventen 1947 auf dem Weg in ihre Missionarzuteilung in Asien

      [Bild auf Seite 530]

      Einige Missionare mit Glaubensbrüdern 1969 in Japan

      [Bilder auf Seite 530]

      Missionare 1956 in Brasilien

      ... 1954 in Uruguay

      ... 1950 in Italien

      [Bild auf Seite 530]

      Die ersten vier Missionare der Gileadschule, die nach Jamaika gesandt wurden

      [Bild auf Seite 530]

      Das erste Missionarheim in Salisbury (heute Harare) (Simbabwe), 1950

      [Bild auf Seite 530]

      Malcolm Vigo (1956/57 auf der Gileadschule) mit seiner Frau Louise; sie dienten gemeinsam in Malawi, Kenia und Nigeria

      [Bild auf Seite 530]

      Robert Tracy (links) und Jesse Cantwell (rechts) mit ihren Frauen — Missionare im Reisedienst 1960 in Kolumbien

      [Bild auf Seite 532]

      Sprachunterricht in einem Missionarheim in der Côte d’Ivoire

      [Bild auf Seite 535]

      Ted und Doris Klein fanden 1947 auf den Jungferninseln (USA) viele Menschen, die die biblische Wahrheit hören wollten

      [Bild auf Seite 536]

      Harvey Logan (vorn Mitte) in den 60er Jahren mit Zeugen vom Volksstamm der Ami vor dem Königreichssaal

      [Bild auf Seite 540]

      Victor White — ein Bezirksaufseher, der die Gileadschule absolviert hat — hält 1949 auf den Philippinen einen Vortrag

      [Bild auf Seite 542]

      Margarita Königer in Burkina Faso bei einem Heimbibelstudium

      [Bild auf Seite 543]

      Unn Raunholm — seit 1958 im Missionardienst — wurde in Ecuador mehrere Male mit dem Pöbel konfrontiert, den ein Geistlicher anführte

      [Bilder auf Seite 545]

      Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung

      Erste Klasse, Coraopolis (Pennsylvanien, USA), 1987 (oben)

      Dritte Klasse in Großbritannien, in Manchester, 1991 (rechts)

  • Durch menschliche Kraft oder durch Gottes Geist?
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 24

      Durch menschliche Kraft oder durch Gottes Geist?

      DER Auftrag, den Jesus Christus seinen Nachfolgern erteilte, hatte solche Ausmaße, daß er scheinbar nicht zu bewältigen war. Sie sollten, obwohl nur wenige an Zahl, die gute Botschaft von Gottes Königreich auf der ganzen bewohnten Erde predigen (Mat. 24:14; Apg. 1:8). Die Aufgabe war nicht nur ungeheuer groß, sondern sie sollte auch angesichts einer, wie es schien, überwältigenden Übermacht ausgeführt werden, denn Jesus sagte seinen Jüngern offen, daß sie in allen Nationen gehaßt und verfolgt würden (Mat. 24:9; Joh. 15:19, 20).

      Trotz weltweiter Gegnerschaft haben sich Jehovas Zeugen tatkräftig dem Werk gewidmet, das Jesus vorhergesagt hat. Das Ausmaß, in dem das Zeugnis bereits gegeben worden ist, ist verbürgt, und es ist wirklich sensationell. Aber wodurch wurde das möglich? Durch menschliche Kraft oder Genialität? Oder durch die Wirksamkeit des Geistes Gottes?

      Der Bibelbericht über die Wiederherstellung der wahren Anbetung in Jerusalem im sechsten Jahrhundert v. u. Z. erinnert uns daran, daß die Rolle, die Gott bei der Durchführung seines Willens selbst spielt, nicht übersehen werden darf. Weltliche Kommentatoren suchen vielleicht nach einer anderen Erklärung für das, was geschieht. Als jedoch Gott erklärte, wie sein Vorsatz durchgeführt würde, ließ er seinen Propheten Sacharja feststellen: „ ‚Nicht durch eine Streitmacht noch durch Kraft, sondern durch meinen Geist‘, hat Jehova der Heerscharen gesagt“ (Sach. 4:6). Jehovas Zeugen sagen ganz offen, daß genau das auf das Predigen der Königreichsbotschaft heute zutrifft — es geschieht nicht mit Hilfe einer Streitmacht noch durch die persönliche Kraft oder den Einfluß irgendeiner führenden Gruppe von Menschen, sondern durch die Wirksamkeit des Geistes Jehovas. Wird ihre Überzeugung durch Beweise gestützt?

      „Nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind“

      Als der Apostel Paulus an die ersten Christen in Griechenland schrieb, erkannte er folgendes an: „Ihr seht eure Berufung, Brüder, daß nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind, berufen wurden, nicht viele Mächtige, nicht viele von vornehmer Geburt; sondern Gott hat das Törichte der Welt auserwählt, damit er die Weisen beschäme; und Gott hat das Schwache der Welt auserwählt, damit er das Starke beschäme; und Gott hat das Unedle der Welt auserwählt und das, worauf man herabblickt, die Dinge, die nicht sind, um die Dinge, die sind, zunichte zu machen, damit sich vor Gott kein Fleisch rühme“ (1. Kor. 1:26-29).

      Jesu Apostel gehörten der Arbeiterklasse an. Vier waren von Beruf Fischer. Einer war ein Steuereinnehmer — ein Beruf, den die Juden verachteten. Die jüdischen Geistlichen betrachteten die Apostel als „ungelehrte und gewöhnliche Menschen“, was anzeigt, daß sie ihre Bildung nicht an höheren Schulen erlangt hatten (Apg. 4:13). Das bedeutet nicht, daß keiner, der eine höhere weltliche oder religiöse Bildung hatte, ein Christ wurde. Der Apostel Paulus hatte zu den Füßen Gamaliels studiert, eines Mitglieds des jüdischen Sanhedrins (Apg. 22:3). Doch, wie die Bibel sagt, gab es davon „nicht viele“.

      Die Geschichte bezeugt, daß Celsus, ein römischer Philosoph des zweiten Jahrhunderts u. Z., darüber spottete, „daß Wollarbeiter, Schuster, Gerber die ungebildetsten und bäurischsten Menschen eifrige Verkündiger des Evangeliums seyen“ (August Neander, Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche, 1. Band, 3. Auflage, 1856). Was bestärkte wahre Christen darin, trotz des Spottes, mit dem sie überschüttet wurden, und der heftigen Verfolgung, die sie im Römischen Reich erleiden mußten, weiterhin die gute Botschaft zu verkündigen? Jesus sagte, daß es Gottes heiliger Geist sein würde (Apg. 1:8).

      In jüngster Vergangenheit ist Jehovas Zeugen ebenso vorgeworfen worden, sie seien überwiegend einfache Leute und bekleideten keine Positionen, derentwegen die Welt zu ihnen aufblicken würde. In der Neuzeit war unter den Dienern Jehovas, die als erste die Königreichsbotschaft in Dänemark bekanntmachten, ein Schuster. In der Schweiz und in Frankreich war es ein Gärtner. In vielen Gegenden Afrikas waren es umherreisende Arbeiter, die die Botschaft weitertrugen. In Brasilien waren Seeleute daran beteiligt. Viele der polnischen Zeugen in Nordfrankreich waren Bergleute.

      Das, was sie aus Gottes Wort mit der Hilfe von Wachtturm-Publikationen gelernt hatten, berührte sie tief, und so wollten sie ihre Liebe zu Jehova dadurch zeigen, daß sie ihm gehorchten; daher machten sie sich an das Werk, das wahre Christen gemäß Gottes Wort tun sollten. Seitdem haben sich Millionen aus allen Schichten an diesem Werk beteiligt. Sie alle sind Evangeliumsverkündiger.

      Jehovas Zeugen bilden die einzige religiöse Organisation der Welt, in der jeder einzelne Außenstehenden Zeugnis gibt, sich bemüht, ihre Fragen mit der Bibel zu beantworten, und sie anspornt, an Gottes Wort zu glauben. Andere Religionsorganisationen erkennen an, daß das alle Christen tun sollten. Einige haben versucht, ihre Kirchenmitglieder dazu zu ermuntern. Aber nur Jehovas Zeugen tun es ausnahmslos. Wer leitet sie an, wer gibt ihnen Rat, wer sichert ihnen liebevolle Unterstützung zu, und wer gibt ihnen Verheißungen, die sie motivieren, das Werk zu tun, dem die anderen aus dem Weg gehen? Man frage sie selbst. In welchem Land sie auch leben, sie werden antworten: „Jehova.“ Wem also gebührt die Ehre dafür?

      Eine Rolle, die für Gottes Engel vorhergesagt wurde

      Als Jesus die Ereignisse beschrieb, die sich während des Abschlusses des Systems der Dinge zutragen würden, zeigte er, daß nicht nur seine Nachfolger auf der Erde an der Einsammlung gerechtigkeitsliebender Menschen beteiligt sein würden. Als er vom Einsammeln der letzten Glieder der 144 000 sprach, die mit ihm am himmlischen Königreich teilhaben würden, sagte er gemäß Matthäus, Kapitel 13: „Die Schnitter sind Engel.“ Und wie groß wäre das Feld, von dem sie die „Söhne des Königreiches“ einsammeln würden? „Das Feld ist die Welt“, erklärte Jesus. Von den äußersten Enden der Erde würden also diejenigen kommen, die eingesammelt werden sollten. Ist das tatsächlich geschehen? (Mat. 13:24-30, 36-43).

      Ja! Als 1914 für die Welt die letzten Tage anbrachen, gab es zwar nur ein paar tausend Bibelforscher, doch die Königreichsbotschaft, die sie predigten, hatte schnell den gesamten Globus umspannt. In Asien, in Ländern Europas, Afrikas, Nord- und Südamerikas sowie auf den Inseln ergriffen einzelne die Gelegenheit, den Königreichsinteressen zu dienen, und sie wurden in eine geeinte Organisation versammelt.

      In Westaustralien wurde zum Beispiel Bert Horton die Königreichsbotschaft überbracht. Religion, wie er sie kannte, interessierte ihn nicht; er beschäftigte sich mit Politik und Gewerkschaftsangelegenheiten. Als ihm seine Mutter jedoch das von der Watch Tower Society herausgegebene Buch Der göttliche Plan der Zeitalter gab und er es zusammen mit der Bibel las, wußte er, daß er die Wahrheit gefunden hatte. Spontan sprach er darüber mit seinen Arbeitskollegen. Sobald er die Bibelforscher ausfindig machen konnte, schloß er sich ihnen an, ließ sich 1922 taufen, nahm den Vollzeitdienst auf und bot sich an, in irgendeinem Gebiet zu dienen, in das Jehovas Organisation ihn senden würde.

      Auf der anderen Seite des Globus machte sich W. R. Brown, der schon auf den karibischen Inseln gepredigt hatte, 1923 auf die Reise nach Afrika, um dort die Königreichsbotschaft zu verbreiten. Er war kein unabhängiger Prediger mit irgendeiner persönlichen Mission. Auch er arbeitete mit Jehovas organisiertem Volk zusammen. Er hatte sich angeboten, dort zu dienen, wo er gebraucht würde, und nahm seine Zuteilung in Westafrika an, wohin ihn das Hauptbüro der Gesellschaft beordert hatte. Denen, die aus seinem Dienst persönlich Nutzen zogen, wurde ebenfalls geholfen zu verstehen, wie wichtig es ist, eng mit Jehovas Organisation zusammenzuarbeiten.

      Die Königreichsbotschaft erreichte auch Südamerika. Hermán Seegelken aus Mendoza (Argentinien) hatte seit langem die Heuchelei sowohl in der katholischen als auch in den protestantischen Kirchen bemerkt. Aber 1929 hörte auch er die Botschaft vom Königreich, nahm sie begierig an und begann, sie anderen mitzuteilen — in Einheit mit Jehovas Dienern auf der ganzen Erde. Ähnliches geschah überall in der Welt. Menschen „aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation“ hörten nicht nur auf die Königreichsbotschaft, sondern stellten sich in den Dienst Gottes. Sie lebten zwar auf der ganzen Erde verstreut und hatten verschiedene Lebenswege eingeschlagen, aber sie wurden in eine geeinte Organisation eingesammelt, um das Werk zu tun, das Jesus für diese Zeit vorhergesagt hatte (Offb. 5:9, 10). Wie ist das zu erklären?

      In der Bibel steht, daß Gottes Engel eine wesentliche Rolle dabei spielen würden. Deshalb würde die Verkündigung des Königreiches auf der ganzen Erde erschallen wie der Klang einer übernatürlichen Trompete. 1935 war die Botschaft in 149 Länder vorgedrungen — in den Norden, Süden, Osten und Westen —, von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende.

      Anfangs hatte nur eine „kleine Herde“ echte Wertschätzung für Gottes Königreich und war bereit, dessen Interessen zu dienen. Das entspricht dem, was in der Bibel vorhergesagt worden ist. Jetzt hat sich ihr eine schnell wachsende „große Volksmenge“ angeschlossen, die in die Millionen geht und aus allen Nationen stammt. Auch das wurde in Gottes Wort vorhergesagt (Luk. 12:32; Joh. 10:16; Offb. 7:9, 10). Es handelt sich nicht um Leute, die einfach behaupten, derselben Religion anzugehören, aber in Wirklichkeit untereinander gespalten sind wegen der Ansichten und Philosophien, durch die die Welt um sie herum zersplittert wird. Man kann auch nicht von ihnen sagen, daß sie bloß über Gottes Königreich reden, dabei aber in Wirklichkeit auf menschliche Regierungen vertrauen. Sie gehorchen Gott als Herrscher sogar, wenn ihr Leben auf dem Spiel steht. In der Bibel wird deutlich erklärt, daß das Einsammeln solcher Menschen, die ‘Gott fürchten und ihm die Ehre geben’, unter der Leitung der Engel durchgeführt wird (Offb. 14:6, 7; Mat. 25:31-46). Die Zeugen sind fest davon überzeugt, daß genau das tatsächlich geschehen ist.

      Während ihres Predigtdienstes haben sie bei zahllosen Gelegenheiten überzeugende Beweise für himmlische Leitung gesehen. Zum Beispiel beendete eine Gruppe von Zeugen in Rio de Janeiro (Brasilien) an einem Sonntag gerade ihren Haus-zu-Haus-Dienst, als jemand aus der Gruppe sagte: „Ich möchte noch etwas länger arbeiten. Ich weiß nicht, warum, aber ich möchte unbedingt noch in dieses Haus gehen.“ Der Leiter der Gruppe schlug vor, es für einen späteren Tag übrigzulassen, doch die Verkündigerin ließ sich nicht davon abbringen. Die Zeugin traf eine Frau an, die mit tränenüberströmtem Gesicht sagte, daß sie gerade um Hilfe gebetet habe. Sie war schon früher von Zeugen Jehovas angesprochen worden, hatte aber kein Interesse an der Botschaft der Bibel gezeigt. Der plötzliche Tod ihres Mannes brachte ihr zu Bewußtsein, daß sie geistige Hilfe brauchte. Sie suchte nach dem Königreichssaal, doch vergebens. Sie hatte ernsthaft zu Gott um Hilfe gebetet, und nun war diese Hilfe an ihrer Tür. Nicht lange danach wurde sie getauft. Sie war davon überzeugt, daß Gott ihr Gebet erhört und das Nötige bewirkt hatte, um für eine Antwort zu sorgen (Ps. 65:2).

      Eine Zeugin Jehovas aus Deutschland, die damals in New York lebte, hatte sich zur Gewohnheit gemacht, Gott um Leitung zu bitten, wenn sie in den Predigtdienst ging. 1987 hielt sie wochenlang auf der Straße nach einer interessierten Frau Ausschau, denn sie wußte nicht, wo die Frau wohnte. Eines Tages betete sie, als sie mit ihrem Dienst begann: „Jehova, du weißt, wo sie ist. Bitte hilf mir, sie zu finden.“ Kurz darauf sah sie die Frau in einem Restaurant sitzen.

      War das bloßer Zufall? In der Bibel steht, daß wahre Christen „Gottes Mitarbeiter“ sind und daß Engel ausgesandt werden, „um denen zu dienen, die die Rettung erben werden“ (1. Kor. 3:9; Heb. 1:14). Nachdem die Zeugin der Frau erzählt hatte, wie sie sie gefunden hatte, nahm die Frau die Einladung an, sich am gleichen Tag hinzusetzen und die Bibel weiter zu erforschen.

      Die gute Botschaft in „unzugänglichen Gebieten“ predigen

      Jehovas Zeugen haben sich beharrlich angestrengt, die Königreichsbotschaft in allen Ländern zu predigen. Aber das allein ist keine hinreichende Erklärung für das, was erzielt wurde. Sie haben miterlebt, daß sich die Königreichsbotschaft in Gebieten ausbreitete, wo ihre eigenen sorgfältig geplanten Bemühungen erfolglos geblieben waren.

      In den 20er und 30er Jahren zum Beispiel wurden mehrfach Gesuche bei Regierungsvertretern der Sowjetunion eingereicht, um die Erlaubnis zu erhalten, biblische Literatur in das Land zu bringen oder dort zu drucken. Damals waren die Antworten negativ. Es gab ein paar Zeugen Jehovas in der Sowjetunion, doch es wurde viel mehr Hilfe benötigt, um das Predigtwerk durchzuführen, das gemäß Gottes Wort getan werden mußte. Könnte irgend etwas getan werden, um diese Hilfe zu bieten?

      Interessanterweise gehörten nach Ende des Zweiten Weltkrieges vormals ostpolnische Gebiete, wo viele Menschen, darunter über tausend Zeugen Jehovas, lebten, plötzlich zur Sowjetunion. Im Konzentrationslager in Ravensbrück haben Hunderte junger Russinnen Mitgefangene kennengelernt, die Zeugen Jehovas waren. Manche von diesen Frauen haben sich während dieser Zeit Jehova hingegeben, und sie gingen später in verschiedene Teile der Sowjetunion zurück. Hunderte waren dadurch, daß man während des Krieges die Grenzen verändert hatte, Bürger der Sowjetunion geworden. Das Ergebnis war von der Sowjetunion nicht beabsichtigt. Die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas hatte diese Entwicklungen nicht bewirkt. Aber sie trugen zur Durchführung dessen bei, was in Gottes inspiriertem Wort vorhergesagt worden war. Der Wachtturm vom 15. April 1946 schrieb in einem Kommentar über diese Entwicklungen: „So wird ersichtlich, wie der Herr seiner Vorsehung gemäß in irgendeinem Lande Zeugen erwecken kann, damit sie dort das Panier der Wahrheit hochhalten und den Namen Jehovas kundtun.“

      Nicht nur in e i n e m Land sagte man Jehovas Zeugen: „Sie dürfen nicht hierherkommen!“ oder: „Sie dürfen hier nicht predigen.“ Das ist überall auf der Erde — buchstäblich in Dutzenden von Ländern — immer wieder vorgekommen, und zwar oft aufgrund von Druck, den die Geistlichkeit auf Regierungsvertreter ausgeübt hat. Einige dieser Länder haben Jehovas Zeugen später einen gesetzlichen Status gewährt. Doch schon bevor das geschah, nahmen die Einwohner zu Tausenden die Anbetung Jehovas auf, des Schöpfers des Himmels und der Erde. Wie wurde das erreicht?

      Die einfache Erklärung findet sich in der Bibel, nämlich, daß Gottes Engel dabei eine führende Rolle spielen, indem sie Menschen aus allen Nationen dringend auffordern: „Fürchtet Gott, und gebt ihm die Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen, und betet den an, der den Himmel und die Erde und das Meer und die Wasserquellen gemacht hat“ (Offb. 14:6, 7).

      Erfolg trotz überwältigender Übermacht

      In einigen Ländern sahen sich Jehovas Zeugen nicht nur mit Verboten konfrontiert, die ihren öffentlichen Predigtdienst betrafen, sondern mit Bemühungen, sie vollständig auszurotten.

      Im Ersten Weltkrieg gaben sich die Geistlichen in den Vereinigten Staaten und in Kanada gemeinsam alle Mühe, dem Werk der Bibelforscher — so nannte man Jehovas Zeugen damals — ein Ende zu setzen. Das ist in der Öffentlichkeit allgemein bekannt. Trotz gesetzlich garantierter Rede- und Religionsfreiheit setzten die Geistlichen Regierungsvertreter unter Druck, Publikationen der Bibelforscher zu verbieten. Viele wurden verhaftet und konnten nicht gegen Kaution freikommen; andere wurden heftig geschlagen. Führende Vertreter der Watch Tower Society und ihre engsten Mitarbeiter erhielten hohe Freiheitsstrafen in Gerichtsverfahren, die sich später als rechtsungültig erwiesen. Ray Abrams schrieb in seinem Buch Preachers Present Arms: „Eine Untersuchung des ganzen Falles führt zu dem Schluß, daß ursprünglich die Kirchen und die Geistlichen hinter dieser Maßnahme standen, um die Russelliten auszurotten“ (die Geistlichen nannten die Bibelforscher verächtlich „Russelliten“). Aber nach dem Krieg traten diese Bibelforscher mit größerer Energie denn je in Erscheinung, um Jehovas König, Jesus Christus, und sein Königreich zu verkündigen. Woher kam diese erneuerte Energie? In der Bibel ist diese Entwicklung vorhergesagt worden, und zwar als Folge davon, daß „von Gott her Geist des Lebens in sie“ kam (Offb. 11:7-11).

      Nachdem in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wurde in Ländern, die unter ihre Herrschaft gerieten, die Verfolgung der Zeugen Jehovas verstärkt. Es kam zu Verhaftungen und brutaler Behandlung. Verbote wurden verhängt. Schließlich, im Oktober 1934, schickten Versammlungen der Zeugen Jehovas überall in Deutschland Einschreibebriefe an die Regierung, in denen sie unmißverständlich erklärten, daß sie keine politischen Ziele verfolgten, sondern daß sie entschlossen waren, Gott als Herrscher zu gehorchen. Zur Unterstützung ihrer christlichen Brüder in Deutschland sandten zur gleichen Zeit Versammlungen der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt Protesttelegramme.

      Am selben Tag, dem 7. Oktober 1934, ballte Adolf Hitler im Büro von Dr. Wilhelm Frick in Berlin seine Fäuste zusammen und schrie hysterisch: „Diese Brut [Jehovas Zeugen] wird aus Deutschland ausgerottet werden!“ Das war keine leere Drohung. Eine Welle von Verhaftungen setzte ein. Laut einer vertraulichen Mitteilung der preußischen Geheimen Staatspolizei vom 24. Juni 1936 wurde ein „Sonderkommando bei der Gestapo“ gebildet, um gegen die Zeugen zu kämpfen. Nach gründlicher Vorbereitung setzte die Gestapo eine Kampagne in Gang, um alle Zeugen Jehovas und alle, die verdächtigt wurden, Zeugen zu sein, einzufangen. Dabei wurde der gesamte Polizeiapparat eingesetzt, so daß kriminelle Elemente „Schonzeit“ hatten.

      Aus Berichten geht hervor, daß schließlich 6 262 deutsche Zeugen verhaftet wurden. Karl Wittig, ein Beamter der früheren deutschen Regierung, der selbst in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert war, schrieb später: „Keine Häftlingskategorie ist ... dem Sadismus der SS-Soldaten in einer solchen Weise ausgesetzt gewesen wie die Bibelforscher; ein Sadismus, der durch eine derartige nicht abreißende Kette physischer und seelischer Quälereien gekennzeichnet war, die keine Sprache der Welt wiederzugeben imstande ist.“

      Was erreichten die Verfolger? In einem Buch, das 1982 herausgegeben wurde, kommt Christine King zu folgendem Schluß: „Nur gegen die Zeugen [im Gegensatz zu anderen religiösen Gruppen] war die Regierung machtlos.“ Hitler hatte geschworen, sie auszurotten, und Hunderte wurden ermordet. Wie jedoch Dr. King feststellt, „ging das Werk [des Predigens von Gottes Königreich] weiter, und im Mai 1945 war die Bewegung der Zeugen Jehovas im Unterschied zum Nationalsozialismus immer noch da“. Ferner betont sie: „Sie waren keine Kompromisse eingegangen“ (The Nazi State and the New Religions: Five Case Studies in Non-Conformity). Warum war Hitler mit seiner gut ausgerüsteten Armee, seiner hervorragend ausgebildeten Polizei und seinen zahllosen Vernichtungslagern nicht fähig, seine Drohung wahr zu machen, diese verhältnismäßig kleine und unbewaffnete Gruppe gewöhnlicher Leute, wie die Welt sie betrachtet, zu vernichten? Warum ist es anderen Nationen nicht gelungen, ihrer Tätigkeit ein Ende zu setzen? Warum sind nicht nur einige wenige, sondern Jehovas Zeugen als Ganzes trotz brutaler Verfolgung festgeblieben?

      Die Antwort liegt in einem weisen Rat, den Gamaliel, ein Gesetzeslehrer, den übrigen Mitgliedern des jüdischen Sanhedrins gab, als es um einen ähnlichen Fall ging, der die Apostel Jesu Christi betraf. Er sagte: „Steht ab von diesen Menschen, und laßt sie gehen (denn wenn dieses Unterfangen oder dieses Werk von Menschen ist, wird es umgestürzt werden; wenn es aber von Gott ist, werdet ihr sie nicht stürzen können); andernfalls mögt ihr vielleicht als solche erfunden werden, die in Wirklichkeit gegen Gott kämpfen“ (Apg. 5:38, 39).

      Somit zeigen die geschichtlichen Tatsachen, daß die scheinbar unausführbare Aufgabe, die Jesus seinen Nachfolgern angesichts einer, wie es schien, überwältigenden Übermacht übertrug, nicht durch menschliche Kraft, sondern durch Gottes Geist bewältigt wird. Es ist so, wie Jesus in einem Gebet zu Gott sagte: „Vater, alle Dinge sind dir möglich“ (Mar. 14:36).

      [Herausgestellter Text auf Seite 547]

      „ ‚Durch meinen Geist‘, hat Jehova der Heerscharen gesagt“

      [Herausgestellter Text auf Seite 548]

      Was bestärkte sie darin, trotz Spott und heftiger Verfolgung weiterhin zu predigen?

      [Herausgestellter Text auf Seite 549]

      Beweise für die Leitung durch Engel

      [Herausgestellter Text auf Seite 551]

      „Der Herr ... [kann] in irgendeinem Lande Zeugen erwecken“

      [Herausgestellter Text auf Seite 553]

      Ein geeintes Volk, dessen Glaube sich angesichts einer, wie es schien, überwältigenden Übermacht als fest erwies

  • Öffentlich und von Haus zu Haus predigen
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 25

      Öffentlich und von Haus zu Haus predigen

      ALS Jesus Christus seine Jünger aussandte, gab er ihnen die Anweisung: „Während ihr hingeht, predigt, indem ihr sagt: ‚Das Königreich der Himmel hat sich genaht‘ “ (Mat. 10:7). Und in seinem prophetischen Auftrag an wahre Christen, die in der Zeit des Abschlusses des Systems der Dinge leben würden, sagte er: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Was bedeutete das?

      Damit war nicht gemeint, daß sie Kirchen bauen, Glocken läuten und darauf warten sollten, daß eine Gemeinde zusammenkäme, der sie einmal in der Woche eine Predigt halten würden. Das griechische Verb, das hier mit „predigen“ (kērýssō) wiedergegeben wird, bedeutet eigentlich „als Herold verkünden“. Tatsächlich geht es nicht darum, vor einer geschlossenen Gruppe von Jüngern Predigten zu halten, sondern darum, eine öffentliche Erklärung abzugeben.

      Jesus selbst zeigte, wie dies zu tun wäre. Er begab sich an Orte, wo er Menschen traf. Im ersten Jahrhundert versammelte man sich regelmäßig in Synagogen, wo aus den Schriften vorgelesen wurde. Jesus ergriff die Gelegenheit, den dort Versammelten zu predigen, und zwar nicht nur in e i n e r Stadt, sondern in vielen Städten und Dörfern in ganz Galiläa und Judäa (Mat. 4:23; Luk. 4:43, 44; Joh. 18:20). Wie die Evangelien erkennen lassen, predigte er noch häufiger an Stränden, an Berghängen, unterwegs, in Dörfern und in den Häusern derer, die ihn willkommen hießen. Wo immer er Leute traf, sprach er mit ihnen über Gottes Vorsatz in Verbindung mit den Menschen (Luk. 5:3; 6:17-49; 7:36-50; 9:11, 57-62; 10:38-42; Joh. 4:4-26, 39-42). Als er seine Jünger aussandte, wies er sie an, die Menschen in ihren Wohnungen zu besuchen, um nach denen zu forschen, die es verdienten, und ihnen von Gottes Königreich zu erzählen (Mat. 10:7, 11-13).

      Jehovas Zeugen der Neuzeit haben sich bemüht, dem Vorbild Jesu und seiner Jünger im ersten Jahrhundert zu entsprechen.

      Die Botschaft von Christi Gegenwart verkündigen

      Charles Taze Russell und seine Gefährten waren tief bewegt, als sie das harmonische Gesamtbild der Wahrheit aus Gottes Wort begriffen und den Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft Christi erkannten. Bruder Russell verspürte die dringende Notwendigkeit, dies bekanntzumachen. Er regelte alles so, daß er dorthin reisen konnte, wo sich Menschen aufhielten, denen er diese biblischen Wahrheiten übermitteln konnte. Er ging zu Zeltmissionen und nutzte die Gelegenheiten, zu den Versammelten zu sprechen, so wie es Jesus in den Synagogen getan hatte. Doch bald wurde ihm klar, daß auf andere Weise mehr erreicht werden könnte. Bei seinem Studium der Bibel fand er heraus, daß Jesus und seine Apostel überwiegend in persönlichen Gesprächen und bei ihren Besuchen von Haus zu Haus predigten. Außerdem wurde ihm bewußt, wie wertvoll es wäre, jemandem nach einem Gespräch etwas Gedrucktes in die Hände zu legen.

      Bereits 1877 hatte Charles Taze Russell die Broschüre The Object and Manner of Our Lord’s Return (Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn) herausgegeben. Zwei Jahre später begann er, regelmäßig die Zeitschrift Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi herauszugeben. Ja, der Zweck bestand darin, zu predigen oder zu verkünden, und zwar wichtige Botschaften in Verbindung mit der Gegenwart Christi.

      Schon 1881 wurden Schriften von Bibelforschern unweit von Kirchen kostenfrei verteilt — nicht direkt an der Kirchentür, doch in der Nähe, so daß religiöse Bürger die Druckschriften entgegennehmen konnten. Viele Bibelforscher gaben Literatur an Bekannte weiter oder versandten sie mit der Post. Im Jahre 1903 wurde im Wacht-Turm empfohlen, bei der Verbreitung der Traktate von Haus zu Haus bemüht zu sein, alle Menschen zu erreichen, statt sich nur auf Kirchgänger zu konzentrieren. Nicht alle beteiligten sich daran, doch eine ansehnliche Zahl war mit Eifer dabei. Es wurde beispielsweise berichtet, daß in den Vereinigten Staaten in einigen Großstädten und in ihren Vororten im Umkreis von mehr als 16 Kilometern praktisch jeder Haushalt aufgesucht wurde. Millionen und Abermillionen von Traktaten oder Broschüren wurden auf diese Weise verbreitet. Damals verkündigten die meisten Bibelforscher die gute Botschaft, indem sie auf vielerlei Weise Traktate und andere Schriften kostenfrei verteilten.

      Andere Bibelforscher — eine begrenzte Anzahl — dienten als Kolporteurverkündiger und setzten den größten Teil ihrer Zeit in diesem Werk ein.

      Eifrige Kolporteure übernehmen die Führung

      Der erste Aufruf an ergebene Männer und Frauen, die einen wesentlichen Teil ihrer Zeit in diesem Dienst einsetzen könnten, erging im April 1881. Sie sollten Wohnungsinhabern und Geschäftsleuten ein Taschenbuch, das biblische Wahrheiten erklärte, und ein Abonnement des Wacht-Turms anbieten. Ihr Ziel bestand darin, wahrheitshungrige Menschen zu finden und ihnen Erkenntnis zu vermitteln. Eine Zeitlang bemühten sich die Verkündiger, mit wenigen Worten Interesse zu wecken und beim Wohnungsinhaber ein Päckchen mit Literatur zur Ansicht zurückzulassen. Nach einigen Tagen kamen sie wieder. Manche Wohnungsinhaber gaben die Literatur zurück, während andere sie erwarben. Häufig ergaben sich Gelegenheiten zu Gesprächen. Über das Ziel bemerkte der Wacht-Turm: „Was wirklich zählt, ist nicht der Verkauf der Päckchen noch das Aufnehmen von Abonnements, sondern die Verbreitung der Wahrheit, indem die Menschen angeregt werden zu lesen.“

      Die Anzahl derer, die sich am Kolporteurwerk beteiligten, war verhältnismäßig klein. In den ersten 30 Jahren schwankte die Zahl zwischen einigen wenigen und etwa 600. Diese Kolporteure waren im wahrsten Sinne des Wortes Pioniere — sie erschlossen neue Gebiete. Anna Andersen harrte beispielsweise Jahrzehnte in diesem Dienst aus. Gewöhnlich war sie mit dem Fahrrad unterwegs und brachte die gute Botschaft in nahezu jede Stadt Norwegens. Andere Kolporteure verließen ihr Heimatland und brachten die Botschaft als erste in Länder wie Finnland, Barbados, El Salvador, Guatemala, Honduras und Birma (heute Myanmar). Einige waren nicht in der Lage, in andere Gebiete zu ziehen, und dienten in ihrem Heimatgebiet als Kolporteurverkündiger.

      Das Werk, das die Kolporteure verrichteten, war herausragend. Im Jahre 1898 berichtete einer von ihnen, der an der Westküste der Vereinigten Staaten tätig war, er habe in den vergangenen 33 Monaten mit seinem Pferdewagen 12 800 Kilometer zurückgelegt, in 72 Städten Zeugnis gegeben, 18 000 Besuche gemacht, 4 500 Bücher zurückgelassen, 125 Abonnements aufgenommen und 40 000 Traktate verteilt. Außerdem hatten 40 Personen die Botschaft angenommen und sogar damit begonnen, anderen davon zu erzählen. Einem Ehepaar in Australien gelang es, 20 000 Bücher in die Hände von interessierten Personen zu legen, und das in nur zweieinhalb Jahren.

      War es eher die Ausnahme oder die Regel, viel Literatur abzugeben? Nun, wie der Bericht für 1909 zeigte, erhielten 625 Kolporteure (die damalige Gesamtzahl) von der Gesellschaft 626 981 gebundene Bücher zum Verbreiten (durchschnittlich tausend pro Kolporteur); darüber hinaus gaben sie viele Schriften kostenfrei ab. Häufig waren sie nicht in der Lage, all die Bücher zu tragen, die sie hätten abgeben können; daher nahmen sie Bestellungen auf und lieferten die Bücher später aus.

      Dennoch wandten einige ein: „Das ist kein Predigen!“ Es war jedoch, wie Bruder Russell erklärte, eine äußerst wirkungsvolle Art des Predigens. Statt nur e i n e Predigt zu hören, kamen die Menschen nun in den Genuß vieler gedruckter Predigten, die sie immer wieder lesen und mit ihrer Bibel vergleichen konnten. Diese Art des Evangelisierens war möglich, weil die Menschen aufgrund der Allgemeinbildung des Lesens mächtig waren. Das Buch Die Neue Schöpfung hob hervor: „Dagegen, daß diese Evangeliumsverkündiger nach modernen Methoden arbeiten, kann ebensowenig etwas eingewendet werden wie dagegen, daß sie nicht zu Fuß oder auf Kamelen, sondern per Bahn das Land durchqueren. Das Wesentliche an der Evangelisation ist die Verkündigung der Wahrheit ..., des Wortes Gottes.“

      Das aufrichtige Interesse der Bibelforscher, ihren Mitmenschen zu helfen, zeigte sich in der Gründlichkeit, die schließlich für ihre Predigttätigkeit charakteristisch werden sollte. Der Wacht-Turm vom Juli 1917 beschrieb, wie man vorging: Zuerst machten die Kolporteure in einem Gebiet Hausbesuche und boten die Schriftstudien an. Danach besuchten die am pastoralen Werka beteiligten Arbeiter diejenigen, deren Namen von den Kolporteuren notiert oder nach öffentlichen Vorträgen abgegeben worden waren. Sie spornten die Menschen an, die Literatur zu lesen, und ermunterten Interessierte, speziell organisierte Vorträge zu besuchen. Außerdem bemühten sie sich, Beröer-Bibelstudien-Klassen einzurichten. Wenn möglich, gingen die Kolporteure erneut durch das Gebiet, und daraufhin folgten die mit dem pastoralen Werk Beauftragten, um mit denen, die Interesse gezeigt hatten, in Verbindung zu bleiben. Später besuchten andere Klassen-Arbeiter dieselben Haushalte mit der „Freiwilligen-Sache“, wie sie die Traktate und andere kostenfreie Schriften nannten. So war es möglich, daß jeder etwas in die Hände bekam, was bei ihm den Wunsch wecken konnte, mehr über Gottes Vorsatz zu erfahren.

      Falls in einem Gebiet nur ein oder zwei Kolporteure tätig waren und keine Versammlung bestand, verrichteten die Kolporteure die Nacharbeit oft selbst. Als zum Beispiel Hermann Herkendell und sein Partner 1908 als Kolporteure nach Bielefeld kamen, wurden sie speziell angewiesen, die Interessierten miteinander bekannt zu machen und eine Versammlung zu gründen. Einige Jahre später erwähnte Der Wacht-Turm andere Kolporteure, die aufgrund intensiver Schulung der Interessierten in jeder kleineren oder größeren Stadt, in der sie tätig waren, Bibelklassen gründen konnten.

      Eine wertvolle Hilfe in diesem Werk war das Buch Die Harfe Gottes, das 1921 erschien. Es war besonders für Neuinteressierte gedacht und erreichte schließlich eine Auflage von 5 819 037 und wurde in 22 Sprachen verbreitet. Um denen weiterzuhelfen, die das Buch erworben hatten, bot die Gesellschaft einen thematischen Bibel-Fernkurs an. Er bestand aus 12 Fragebogen und wurde über einen Zeitraum von 12 Wochen versandt. Das Buch diente als Grundlage für ein gruppenweises Bibelstudium, das in Wohnungen von Interessierten stattfand. Gewöhnlich waren mehrere Bibelforscher zugegen.

      Die Zeugen waren sich jedoch völlig darüber im klaren, daß die Ernte zwar groß, sie selbst aber sehr wenige waren (Luk. 10:2).

      Mit wenigen wurden viele erreicht

      Der Wacht-Turm (engl.) wies darauf hin, daß wahre geistgesalbte Christen die ihnen von Gott übertragene Verantwortung haben, alle aufrichtigen Christen, ob sie nun Kirchgänger waren oder nicht, ausfindig zu machen und ihnen beizustehen (Jes. 61:1, 2). Wie könnte das bewerkstelligt werden?

      Die beiden Bibelforscher J. C. Sunderlin und J. J. Bender, die 1881 nach England gesandt wurden, hätten allein relativ wenig ausrichten können; doch durch die Mithilfe Hunderter junger Männer, die für ihre Arbeit bezahlt wurden, war es ihnen möglich, in kurzer Zeit 300 000 Exemplare der Publikation Speise für denkende Christen unter die Menschen zu bringen. Vor Adolf Weber, der Mitte der 1890er Jahre mit der guten Botschaft in die Schweiz zurückkehrte, lag ein riesiges Predigtgebiet, das sich über mehrere Länder erstreckte. Wie konnte er dieses große Gebiet bearbeiten? Als Kolporteur machte er weite Reisen. Außerdem gab er Anzeigen in Zeitungen auf und veranlaßte Buchhändler, Wachtturm-Publikationen in ihr Sortiment aufzunehmen. Die kleine Gruppe Bibelforscher in Deutschland sorgte 1907 dafür, daß 4 850 000 vierseitige Traktate mit Tageszeitungen ausgeliefert wurden. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg bezahlte ein lettischer Bruder, der ein Mitarbeiter im Hauptbüro der Gesellschaft in New York war, Zeitungsanzeigen in seinem Geburtsland. Der erste Bibelforscher in Lettland war ein Mann, der günstig auf eine dieser Anzeigen reagiert hatte. Allerdings ersetzte diese Art der Bekanntmachung nicht das persönliche Zeugnisgeben und die Suche von Haus zu Haus nach würdigen Menschen. Vielmehr wurde die Verkündigung dadurch noch unterstützt.

      Man veröffentlichte in Tageszeitungen jedoch nicht nur Anzeigen. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als Bruder Russell die Leitung innehatte, wurden auch regelmäßig seine Predigten abgedruckt. Binnen kurzem war ein enormer Aufschwung zu verzeichnen. In mehr als 2 000 Zeitungen mit einer Leserschaft von insgesamt 15 000 000 erschienen die Predigten gleichzeitig, und zwar in den Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Australien und Südafrika. Könnte noch mehr getan werden? Bruder Russell war davon überzeugt.

      Nach zweijähriger Vorbereitungsarbeit wurde im Januar 1914 das „Photo-Drama der Schöpfung“ zum erstenmal vorgeführt, und zwar in vier Folgen. Das achtstündige Programm bestand aus einer Kombination von Filmen, Lichtbildern und Schallplatten. Man konnte es wirklich als eine außergewöhnliche Produktion bezeichnen, die dazu bestimmt war, Wertschätzung für die Bibel und den darin enthaltenen Vorsatz Gottes zu fördern. Es wurde dafür gesorgt, daß täglich in 80 Städten Vorführungen stattfinden konnten. Das Ereignis wurde in der Presse angekündigt und durch Plakate in Schaufenstern und in Fenstern von Privatwohnungen. Zusätzlich wurden Unmengen von Flugblättern verteilt — all das, um die Aufmerksamkeit auf das „Photo-Drama“ zu lenken. Wo immer es gezeigt wurde, erschienen große Menschenmengen. Innerhalb eines Jahres hatten über 8 000 000 Personen in den Vereinigten Staaten und Kanada das „Photo- Drama“ gesehen. Außerdem wurde von hohen Anwesendenzahlen in Großbritannien, auf dem europäischen Festland sowie in Australien und Neuseeland berichtet. Später gab es eine kürzere Version des „Photo-Dramas“ (ohne Filme), die in Kleinstädten und Landgebieten gezeigt wurde. Das „Photo-Drama“ wurde noch mindestens zwei Jahrzehnte in mehreren Sprachen gezeigt. Das Interesse war beachtlich, und aufgrund der abgegebenen Adressen konnten viele Rückbesuche gemacht werden.

      Dann, in den 20er Jahren, stand ein anderes Hilfsmittel zur Verfügung, durch das die Königreichsbotschaft weithin verbreitet wurde. Bruder Rutherford war fest davon überzeugt, daß die Hand des Herrn in dieser Entwicklung eine Rolle spielte. Worum handelte es sich? Um den Rundfunk. Weniger als zwei Jahre nachdem die erste kommerzielle Rundfunkanstalt der Welt mit regelmäßigen Sendungen begonnen hatte (1920), machte sich J. F. Rutherford, der Präsident der Watch Tower Society, den Äther zunutze und verbreitete über den Rundfunk biblische Wahrheiten. Durch dieses Medium konnten Millionen von Menschen gleichzeitig erreicht werden. Weitere zwei Jahre später (1924) nahm die Gesellschaft in New York ihren eigenen Rundfunksender WBBR in Betrieb. Um das Jahr 1933 war der Höhepunkt erreicht, als die Botschaft über 408 Stationen in sechs Erdteile ausgestrahlt wurde. Außer Live-Sendungen standen Aufzeichnungen über eine Vielzahl von Themen auf dem Programm. Damit die Bevölkerung Nutzen daraus ziehen konnte, wurde sie durch Flugblätter umfassend informiert. Die Sendungen trugen dazu bei, starke Vorurteile abzubauen und aufrichtigen Menschen die Augen zu öffnen. Viele Menschen scheuten sich, die Zusammenkünfte der Bibelforscher zu besuchen, und zwar aus Furcht vor den Nachbarn und der Geistlichkeit; doch dieser Umstand hielt sie nicht davon zurück, in der Geborgenheit ihres Heims den Rundfunksendungen zu lauschen. Die Übertragungen waren kein Ersatz für das Zeugnisgeben von Haus zu Haus, allerdings bewirkten sie, daß die biblische Wahrheit in schwer zugängliche Gebiete gelangte, und außerdem ergaben sich ausgezeichnete Möglichkeiten für Gespräche, wenn die Zeugen die einzelnen Haushalte aufsuchten.

      Die Verantwortung eines jeden, Zeugnis zu geben

      Auf die Verantwortung, sich persönlich am Zeugniswerk zu beteiligen, war im Wacht-Turm schon seit Jahrzehnten hingewiesen worden. Doch ab 1919 wurde dieses Thema in Druckschriften und auf Kongressen ständig behandelt. Dennoch hatten viele Verkündiger Schwierigkeiten, Fremden an den Türen gegenüberzutreten, und anfangs beteiligten sich nur wenige Bibelforscher regelmäßig am Zeugnisgeben von Haus zu Haus.

      Zu Herzen gehende biblische Ermunterung enthielt die Wacht-Turm-Ausgabe vom Oktober/November 1919 mit dem Thema „Glückselig sind die Furchtlosen“. Darin wurde vor Menschenfurcht gewarnt, und es wurde die Aufmerksamkeit auf die 300 mutigen Krieger Gideons gelenkt, die hellwach und bereitwillig dienten ungeachtet dessen, was der Herr ihnen gebot, und trotz scheinbar unüberwindlicher Hindernisse. Auch Elisa wurde wegen seiner Furchtlosigkeit und seines Vertrauens zu Jehova lobend erwähnt (Ri. 7:1-25; 2. Kö. 6:11-19; Spr. 29:25). In dem Artikel „Sei guten Mutes“ wurde 1921 betont, daß es nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Vorrecht ist, an der Seite des Herrn gegen die satanischen Mächte der Finsternis zu kämpfen, indem man sich an dem in Matthäus 24:14 vorhergesagten Werk beteiligt. Wer sich wegen seiner Lebensumstände Beschränkungen auferlegen mußte, wurde aufgefordert, nicht entmutigt zu sein, sondern das zu tun, was ihm möglich war.

      Durch eine offene Sprache führte Der Wacht-Turm allen, die sich zu den gesalbten Dienern Gottes zählten, vor Augen, daß sie gemäß der Bibel die Verantwortung haben, das Königreich zu verkündigen. Die Ausgabe vom 15. August 1922 (engl.) enthielt einen äußerst treffenden Artikel, betitelt „Dienst unbedingt erforderlich“, und zwar ein Dienst nach dem Muster Christi, der es mit sich bringt, daß man zu Menschen geht und ihnen von Gottes Königreich erzählt. Noch im selben Jahr wurde gezeigt, daß ein solcher Dienst für Gott nur dann zählt, wenn Liebe die Triebkraft ist (1. Joh. 5:3). In einem Artikel in der Ausgabe vom 15. Juli 1926 hieß es, daß Gott absolut nichts von einer formalistischen Anbetung hält; was er möchte, ist Gehorsam, und das schließt Wertschätzung für jedes Mittel ein, das er benutzt, um seinen Vorsatz auszuführen (1. Sam. 15:22). Bei der Betrachtung des Artikels „Der Auftrag des Christen auf Erden“ im darauffolgenden Jahr wurde die Aufmerksamkeit auf die Rolle Jesu als „der treue und wahrhaftige Zeuge“ gelenkt sowie auf die Tatsache, daß der Apostel Paulus „öffentlich und von Haus zu Haus“ predigte (Offb. 3:14; Apg. 20:20).

      Ausführliche Darbietungen, die die Verkündiger auswendig lernen sollten, erschienen im Bulletin, ihrem monatlichen Dienstanweisungsblatt. Es wurde dazu ermuntert, jede Woche Predigtdienst zu verrichten. Doch die Anzahl derer, die sich am Zeugnisgeben von Haus zu Haus beteiligten, war anfangs sehr klein, und einige, die damit begonnen hatten, gaben wieder auf. 1922 berichteten beispielsweise in den Vereinigten Staaten jede Woche durchschnittlich 2 712 Personen über ihren Predigtdienst. 1924 sank die Zahl auf 2 034. Im Jahre 1926 stieg die Durchschnittszahl auf 2 261, und eine Höchstzahl von 5 937 Verkündigern beteiligte sich in einer Woche besonderer Tätigkeit.

      Gegen Ende des Jahres 1926 ermunterte die Gesellschaft die Versammlungen dann, am Sonntag Zeit für gruppenweises Zeugnisgeben einzuplanen und dabei nicht nur Traktate, sondern auch Bücher zum Bibelstudium anzubieten. 1927 forderte Der Wacht-Turm loyale Christen in den Versammlungen auf, alle, die durch ihre Äußerungen oder Handlungen zu erkennen gaben, daß sie die Verantwortung, öffentlich und von Haus zu Haus Zeugnis zu geben, nicht übernehmen wollten, aus ihrer Stellung als Älteste zu entfernen. Zweige, die keine Frucht hervorbrachten, wurden sozusagen weggenommen, und die verbleibenden wurden beschnitten, damit sie zum Lobpreis Gottes mehr Frucht brächten. (Vergleiche Jesu Gleichnis aus Johannes 15:1-10.) Hat das tatsächlich dazu beigetragen, den Lobpreis Jehovas in der Öffentlichkeit zu mehren? 1928 stieg in den Vereinigten Staaten die Durchschnittszahl derer, die sich wöchentlich am Zeugnisgeben beteiligten, um 53 Prozent!

      Von nun an beschränkten sich die Zeugen nicht mehr darauf, den Menschen lediglich ein Gratistraktat zu überreichen und dann weiterzugehen. Manche führten jetzt kurze Gespräche mit den Wohnungsinhabern, um Interesse an der biblischen Botschaft zu wecken, und boten dann Bücher an.

      Die Zeugen in jener Anfangszeit waren zwar mutig, doch nicht alle zeichneten sich durch Takt aus. Nichtsdestoweniger unterschieden sie sich von anderen Religionsgemeinschaften. Sie sagten nicht nur, daß jeder über seinen Glauben Zeugnis ablegen sollte, sondern sie taten es auch. Und ihre Zahl nahm ständig zu.

      Zeugniskarten und Grammophone

      Gegen Ende des Jahres 1933 wurde eine neue Predigtmethode eingeführt. Jeder Zeuge stellte sich vor und überreichte dem Wohnungsinhaber eine Zeugniskarte mit einer kurzen Botschaft zum Lesen. Das war speziell für neue Verkündiger eine große Hilfe, die damals noch nicht so gut geschult wurden. Gewöhnlich sprachen sie nur ein paar Worte mit dem Wohnungsinhaber, nachdem er die Karte gelesen hatte; einige unterhielten sich etwas länger und gebrauchten die Bibel. Zeugniskarten wurden noch bis weit in die 40er Jahre benutzt. Dadurch wurde eine rasche Bearbeitung des Gebiets möglich; die Zeugen trafen mehr Menschen an, viel wertvolle biblische Literatur gelangte in die Hände der Wohnungsinhaber, ein einheitliches Zeugnis wurde gegeben, und selbst in Sprachen, die die Zeugen nicht beherrschten, wurde die Botschaft überbracht. Manchmal entstanden auch peinliche Situationen. Wenn zum Beispiel die Tür zuging und der Wohnungsinhaber die Karte behalten hatte, mußte der Zeuge erneut klopfen, um sie wiederzubekommen.

      Biblische Vorträge auf Schallplatten spielten in den 30er und zu Beginn der 40er Jahre eine bedeutende Rolle. Einige Zeugen begannen 1934 damit, tragbare Grammophone mitzunehmen, wenn sie in den Dienst gingen. Da das Gerät ziemlich schwer war, ließen sie es zuweilen im Auto oder an einem günstigen Platz, bis sie Personen gefunden hatten, die einen biblischen Schallplattenvortrag hören wollten. Im Jahre 1937 begann man, das tragbare Grammophon an den Türen zu gebrauchen. Die Verfahrensweise war einfach: Nachdem der Zeuge erklärt hatte, daß er eine wichtige biblische Botschaft zu überbringen habe, setzte er die Nadel auf die Platte, und die Predigt lief ab. Kasper Keim, ein deutscher Pionier, der in den Niederlanden diente, war sehr dankbar für seinen „Aaron“, wie er das Grammophon nannte, denn er hatte Schwierigkeiten, auf niederländisch zu predigen. (Vergleiche 2. Mose 4:14-16.) Aus Neugierde hörten sich manchmal ganze Familien die Schallplatten an.

      Um das Jahr 1940 waren 40 000 Grammophone im Gebrauch. Damals wurde ein neues vertikal spielbares Modell vorgestellt. Es war von den Zeugen entworfen und gebaut worden und wurde hauptsächlich auf dem amerikanischen Kontinent eingesetzt. Dieses Gerät rief noch größeres Erstaunen hervor, denn die Platte war nicht zu sehen, wenn sie abgespielt wurde. Mit 78 Umdrehungen pro Minute lief die Platte viereinhalb Minuten. Die Titel waren kurz und bündig: „Königreich“, „Gebet“, „Weg zum Leben“, „Dreieinigkeit“, „Fegefeuer“, „Warum widersteht die Geistlichkeit der Wahrheit?“ Über 90 Vorträge wurden aufgenommen; mehr als eine Million Platten waren im Umlauf. Die Darbietungen waren klar und verständlich — man konnte ihnen gut folgen. Viele Wohnungsinhaber hörten mit Wertschätzung zu; nur wenige lehnten schroff ab. Aber es wurde ein wirkungsvolles und einheitliches Zeugnis gegeben.

      Die gute Botschaft in der Öffentlichkeit mutig verkündigt

      Obwohl Zeugniskarten und Schallplatten größtenteils das „Reden“ übernahmen, war in jenen Jahren außergewöhnlicher Mut geboten, ein Zeuge zu sein. Das Werk als solches machte es erforderlich, daß jeder Zeuge an die Öffentlichkeit trat.

      Im Anschluß an den Kongreß in Columbus (Ohio) im Jahre 1931 verbreiteten Jehovas Zeugen die Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt, in der auch eine Resolution mit dem Titel „Warnung von Jehova“ enthalten war, die „an die Herrscher und das Volk“ gerichtet wurde. Sie erkannten deutlich, daß auf ihnen als Zeugen für Jehova die ernste Verpflichtung ruhte, anderen die Warnung aus Jehovas Wort zu überbringen (Hes. 3:17-21). Sie verschickten die Broschüren nicht einfach mit der Post oder schoben sie unter den Türen durch, sondern übergaben sie persönlich. Die Verkündiger besuchten alle Geistlichen und im Rahmen des Möglichen auch Politiker, Militärs und leitende Angestellte großer Firmen. Darüber hinaus wandten sie sich in annähernd hundert Ländern, in denen Jehovas Zeugen damals das Zeugniswerk organisiert durchführten, an die Allgemeinheit.

      Im Jahre 1933 waren Plattenspieler mit Lautsprecheranlage in Gebrauch, mit denen man auf öffentlichen Plätzen biblische Vorträge abspielte, die sich durch ihre deutliche Sprache auszeichneten. Bruder Smets und Bruder Poelmans montierten ihre Ausrüstung auf ein Dreirad und ließen die Botschaft in Lüttich (Belgien) auf Marktplätzen und in der Nähe von Kirchen erschallen, während sie daneben standen. Nicht selten waren sie täglich zehn Stunden unterwegs. Auf Jamaika strömten die Menschen schnell zusammen, wenn Musik ertönte, also legten die Brüder zuerst eine Musikplatte auf. Als die Menschen aus dem Hinterland auf die Hauptstraßen strömten, um zu sehen, was los war, stießen sie auf Jehovas Zeugen, die die Königreichsbotschaft verkündigten.

      Einige Plattenspieler installierte man auf Booten und in Personenwagen, während die Lautsprecher auf dem Dach angebracht wurden, damit der Vortrag weithin zu hören war. Bert und Vi Horton bereisten Australien in einem Wagen mit einem großen Schalltrichter auf dem Dach, auf dem das Wort „Königreichsbotschaft“ zu lesen war. Ein Jahr lang ließen sie in fast jeder Straße Melbournes aufrüttelnde Bloßstellungen der falschen Religion und die herzerfrischende Botschaft von den Segnungen des Königreiches Gottes erschallen. In dieser Zeit diente Claude Goodman als Pionier in Indien. Mit Hilfe des Lautsprecherwagens und der Schallplattenaufnahmen in verschiedenen Sprachen war es ihm möglich, in Basaren, Parks und auf den Straßen große Menschenmengen zu erreichen — überall, wo Leute anzutreffen waren.

      Als Brüder im Libanon ihren Lautsprecherwagen auf einem Hügel parkten, waren die Schallplattenvorträge bis in die Täler zu hören. Einige Dorfbewohner fürchteten sich, weil sie glaubten, Gott spreche zu ihnen aus dem Himmel, denn sie konnten nicht sehen, woher die Stimme kam.

      Die Brüder erlebten auch einige aufregende Situationen. In Syrien ließ einmal ein Dorfpriester sein Mittagessen stehen, ergriff seinen großen Spazierstock und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge, die sich um den Lautsprecherwagen scharte, um den Vortrag zu hören. Er fuchtelte zornig mit dem Stock und schrie: „Aufhören! Ich befehle Ihnen aufzuhören!“ Die Brüder bemerkten jedoch, daß viele Bewohner auf ihrer Seite waren und zuhören wollten. Einige Leute aus der Menge packten den Priester und trugen ihn nach Hause, wo sie ihn wieder an seinen Mittagstisch setzten. Trotz des Widerstandes von seiten der Geistlichkeit setzten sich die Brüder mutig dafür ein, daß die Bevölkerung Gelegenheit erhielt, die Botschaft zu hören.

      In dieser Zeit machten die Zeugen bei der Ankündigung besonderer Vorträge auch ausgiebig Gebrauch von Plakaten zum Umhängen, mit denen sie durch die Geschäftsviertel gingen, wobei sie Einladungszettel verteilten. Mit dieser Tätigkeit begann man 1936 in Glasgow (Schottland). Noch in demselben Jahr wurde die Methode in London (England) und dann in den Vereinigten Staaten eingeführt. Zwei Jahre danach kam noch hinzu, daß man an Stäben befestigte Plakate durch die Straßen trug. Darauf stand zu lesen: „Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang“b und „Dienet Gott und Christus, dem König“. Bei Kongressen bildeten die Plakatträger manchmal kilometerlange Umzüge. Schweigend gingen sie im Gänsemarsch durch verkehrsreiche Straßen, was in etwa dem Marsch um Jericho glich, als die Streitmacht Israels um die Stadt herummarschierte, bevor die Mauer fiel (Jos. 6:10, 15-21). Von London in England bis Manila auf den Philippinen wurde auf diese Weise mutig öffentlich Zeugnis gegeben.

      Eine weitere Methode des Zeugnisgebens wurde 1940 eingeführt. Im Einklang mit dem Bibeltext, der besagt, daß ‘die wahre Weisheit auf der Straße laut ruft’, begannen Jehovas Zeugen im Februar jenes Jahres damit, die Zeitschriften Der Wachtturm und Trost (heute Erwachet!) auf der Straße anzubietenc (Spr. 1:20). Sie riefen Schlagworte aus, die die Aufmerksamkeit auf die Zeitschriften und ihre Botschaft lenkten. Überall in der Welt — in Groß- und Kleinstädten — wurden Jehovas Zeugen mit ihren Zeitschriften zum vertrauten Anblick. Dieses Werk erfordert Mut, und das war besonders am Anfang der Fall, denn es war eine Zeit heftiger Verfolgung, gepaart mit dem lodernden Nationalismus der Kriegszeit.

      Als die Verkündiger aufgefordert wurden, an diesem öffentlichen Zeugnisgeben teilzunehmen, gingen sie glaubensvoll ans Werk. Die Anzahl derer, die sich daran beteiligten, nahm ständig zu. Sie betrachteten es als ein Vorrecht, auf diese Weise ihre Lauterkeit gegenüber Jehova unter Beweis zu stellen. Doch es gab für sie noch mehr zu lernen.

      Jeder befähigt, seinen Glauben zu begründen

      Ein außergewöhnliches Bildungsprogramm wurde im Jahre 1942 in Angriff genommen. Es begann in der Weltzentrale der Zeugen Jehovas, und vom darauffolgenden Jahr an wurde es weltweit in den Versammlungen der Zeugen eingeführt. Im Vertrauen darauf, daß Gottes Geist auf seinen Zeugen ruhte und Gott sein Wort in ihren Mund gelegt hatte, waren sie entschlossen, dieses Wort zu predigen — selbst wenn Verfolger ihnen die Wachtturm-Publikationen oder die Bibel wegnehmen würden (Jes. 59:21). Es gab bereits Länder, zum Beispiel Nigeria, wo die Zeugen nur die Bibel beim Predigen verwendeten, weil die Regierung alle Wachtturm-Publikationen verboten hatte; selbst Publikationen, die viele Brüder in ihrer Privatbibliothek aufbewahrt hatten, waren beschlagnahmt worden.

      Am 16. Februar 1942 führte Bruder Knorr im Bethelheim in Brooklyn (New York) einen „Fortbildungskurs im theokratischen Dienstamt“ ein. Die Unterweisung erstreckte sich auf Gebiete wie Nachforschungsarbeit, klare und deutliche Ausdrucksweise, Ausarbeiten eines Redeplans, wirkungsvolles Halten von Ansprachen, überzeugende Darlegung von Gedanken und taktvolles Verhalten. Sowohl Brüder als auch Schwestern waren bei dem Kurs willkommen, doch nur Brüder wurden eingeladen, sich eintragen zu lassen und Ansprachen zu halten, für die sie dann Rat erhielten. Der Nutzen zeigte sich bald, und zwar nicht nur in den Ansprachen auf der Bühne, sondern auch im wirkungsvolleren Predigen von Haus zu Haus.

      Im Jahr darauf wurde damit begonnen, diesen Kurs in den Ortsversammlungen der Zeugen Jehovas weltweit einzuführen, und zwar zunächst in Englisch und später auch in anderen Sprachen. Das erklärte Ziel der Schule bestand darin, jedem Zeugen Jehovas zu helfen, Menschen im Haus-zu-Haus-Dienst zu belehren, Rückbesuche zu machen und Bibelstudien durchzuführen. Jedem Zeugen sollte geholfen werden, ein befähigter Diener Gottes zu werden (2. Tim. 2:2). Ab 1959 erhielten auch Schwestern die Gelegenheit, sich in die Schule eintragen zu lassen. Sie wählten für ihre Aufgaben Situationen aus dem Predigtdienst, das heißt, sie wandten sich nicht an die gesamte Zuhörerschaft, sondern an den Partner, der die Rolle des Wohnungsinhabers übernahm. Das war aber noch nicht alles.

      Seit 1926 waren reisende Beauftragte der Gesellschaft mit anderen Zeugen gemeinsam im Predigtdienst tätig gewesen, um ihnen zu helfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern. 1953 auf dem internationalen Kongreß in New York erklärte jedoch Bruder Knorr — die Kreis- und Bezirksaufseher saßen vorn an der Bühne —, daß die Hauptaufgabe aller Diener oder Aufseher darin bestehen sollte, jedem Zeugen zu helfen, ein regelmäßiger Haus-zu-Haus-Verkündiger zu sein. „Jeder“, sagte er, „sollte in der Lage sein, die gute Botschaft von Haus zu Haus zu predigen.“ Um das zu erreichen, wurde ein weltweiter Feldzug in die Wege geleitet.

      Warum wurde so großer Nachdruck darauf gelegt? Betrachten wir beispielsweise die Vereinigten Staaten: 28 Prozent der Zeugen verteilten damals lediglich Handzettel oder standen mit Zeitschriften auf der Straße. Und mehr als 40 Prozent der Zeugen beteiligten sich nur unregelmäßig am Predigtdienst, das heißt, sie ließen Monate verstreichen, ohne sich an irgendeiner Art des Zeugnisgebens zu beteiligen. Liebevolle Unterstützung war nötig, und zwar in Form persönlicher Schulung. Pläne wurden aufgestellt, nach denen allen Zeugen Jehovas, die noch nicht von Haus zu Haus Zeugnis gaben, geholfen werden sollte, sich an den Türen mit Menschen anhand der Bibel zu unterhalten und Fragen zu beantworten. Sie sollten Predigten ausarbeiten, die sie beschäftigten Wohnungsinhabern vielleicht in drei Minuten halten könnten oder anderen in etwa acht Minuten. Das Ziel bestand darin, jedem Zeugen beizustehen, ein reifer christlicher Evangeliumsverkündiger zu werden.

      Nicht nur reisende Aufseher erteilten diese Unterweisung, sondern auch Diener oder Aufseher am Ort. Und in den folgenden Jahren übertrug man weiteren befähigten Zeugen die Aufgabe, andere zu schulen. Über Jahre hinweg war in den wöchentlichen Dienstzusammenkünften der Versammlung in sogenannten Demonstrationen gezeigt worden, wie das Werk durchgeführt werden sollte. Doch nun legte man auch vermehrten Nachdruck auf persönliche Schulung im Predigtdienst.

      Die Ergebnisse waren überwältigend. Die Zahl der Zeugen, die von Haus zu Haus predigten, nahm zu, was auch auf die zutraf, die sich regelmäßig am Predigtdienst beteiligten. Innerhalb von 10 Jahren stieg die Gesamtzahl der Zeugen weltweit um 100 Prozent. Sie machten auch 126 Prozent mehr Rückbesuche bei interessierten Personen, indem sie ihre Fragen beantworteten. Darüber hinaus wurden 150 Prozent mehr regelmäßige Heimbibelstudien mit Personen durchgeführt, die nach der biblischen Wahrheit hungerten. Die Verkündiger erwiesen sich wirklich als befähigte Prediger.

      Wenn man die unterschiedliche Bildung und die verschiedenen Kulturkreise der Zeugen in Betracht zieht sowie die Tatsache, daß sie weltweit in kleinen Gruppen verstreut auf der Erde leben, kann man verstehen, warum die Zeugen nicht Menschen die Ehre dafür geben, daß sie für die Verkündigung der guten Botschaft ausgerüstet und geschult worden sind, sondern Jehova Gott (Joh. 14:15-17).

      Das Predigen von Haus zu Haus — ein Erkennungsmerkmal

      Zu verschiedenen Zeiten haben andere Religionsgemeinschaften ihre Anhänger ermuntert, die Menschen in ihrer Gemeinde zu Hause zu besuchen, um mit ihnen über Religion zu sprechen. Manche haben es versucht. Einige sind vielleicht sogar ein paar Jahre als Missionare tätig, aber das ist dann auch alles. Nur bei Jehovas Zeugen beteiligen sich eigentlich alle, Jung und Alt, Männer wie Frauen, jahrein und jahraus am Predigtdienst von Haus zu Haus. Nur Jehovas Zeugen bemühen sich aufrichtig, im Gehorsam gegenüber dem prophetischen Gebot aus Matthäus 24:14 die ganze bewohnte Erde mit der Königreichsbotschaft zu erreichen.

      Nicht jedem Zeugen Jehovas fällt diese Tätigkeit leicht.d Viele sagten, als sie anfingen, die Bibel zu studieren: „Eins steht fest, von Haus zu Haus gehe ich nie!“ Dennoch beteiligen sich nahezu alle Zeugen Jehovas an dieser Tätigkeit, sofern sie gesundheitlich dazu in der Lage sind. Und viele tun es trotz Gebrechen — zum Beispiel im Rollstuhl und an Krücken. Andere geben telefonisch Zeugnis oder schreiben Briefe, sei es, weil sie ihre Wohnung ständig oder vorübergehend nicht verlassen können oder um mit Menschen in Verbindung zu treten, die sie sonst nicht erreichen können. Warum diese entschiedenen Anstrengungen?

      Während sie Jehova kennenlernen, bewirkt ihre Liebe zu ihm eine völlig neue Einstellung zum Leben. Sie möchten über ihn sprechen. All das Wundervolle, das er für diejenigen bereithält, die ihn lieben, ist einfach zu schön, als daß sie es für sich behalten könnten. Und sie fühlen sich Gott gegenüber verantwortlich, Menschen vor der bevorstehenden großen Drangsal zu warnen (Mat. 24:21; vergleiche Hesekiel 3:17-19). Doch warum sollte dies durch die Tätigkeit von Haus zu Haus geschehen?

      Jehovas Zeugen wissen, daß Jesus seine Jünger anwies, die Menschen in ihren Wohnungen zu besuchen, um ihnen zu predigen und sie zu belehren (Mat. 10:11-14). Auch wissen sie, daß die Apostel nach der Ausgießung des heiligen Geistes zu Pfingsten 33 u. Z. „im Tempel [in Jerusalem] und von Haus zu Haus“ ununterbrochen fortfuhren, die gute Botschaft zu verkündigen (Apg. 5:42). Jeder Zeuge kennt den Text aus Apostelgeschichte 20:20, wo es heißt, daß der Apostel Paulus „öffentlich und von Haus zu Haus“ lehrte. Und sie sehen in der Neuzeit überwältigende Beweise dafür, daß der Segen Jehovas auf diesem Werk ruht. Mit zunehmender Erfahrung im Haus-zu-Haus-Dienst wird diese Tätigkeit, vor der sie sich früher fürchteten, zu etwas, worauf sie sich freuen.

      Die Verkündiger gehen gründlich vor. Sie machen sorgfältige Notizen, damit sie überall dort noch einmal vorsprechen, wo niemand zu Hause war. Aber nicht nur das, sie sprechen auch in jeder Wohnung wiederholt vor.

      Da der Haus-zu-Haus-Dienst so erfolgreich ist, haben Gegner in vielen Ländern versucht, dieser Tätigkeit einen Riegel vorzuschieben. Jehovas Zeugen sind an Behörden herangetreten, damit ihnen das Recht zugestanden würde, von Haus zu Haus zu predigen. Wenn nötig, sind sie vor Gericht gegangen, um das Recht, die gute Botschaft auf diese Weise zu verbreiten, gesetzlich zu befestigen (Phil. 1:7). Und wo bedrückende Regierungen das Verbot ihrer Tätigkeit nicht aufhoben, sind Jehovas Zeugen bei der Verkündigung der Königreichsbotschaft einfach unauffälliger vorgegangen oder haben sich gegebenenfalls andere Methoden zunutze gemacht, um die Menschen zu erreichen.

      Jehovas Zeugen haben zwar Rundfunk und Fernsehen bei der Verbreitung der Königreichsbotschaft genutzt, doch sie erkennen, daß Besuche von Haus zu Haus wegen des persönlichen Kontakts wesentlich erfolgreicher sind. Man kann besser auf die Fragen der einzelnen Wohnungsinhaber eingehen und würdige Personen ausfindig machen (Mat. 10:11). Das war einer der Gründe, weshalb die Watch Tower Society 1957 die Rundfunkstation WBBR in New York verkaufte.

      Jehovas Zeugen betrachten aber ihre Arbeit nicht als abgeschlossen, wenn sie Menschen Zeugnis gegeben haben. Das ist erst der Anfang.

      „Macht Jünger ... lehrt sie“

      Jesus gebot seinen Nachfolgern nicht nur zu predigen. Wie er sollten auch sie lehren (Mat. 11:1). Vor seiner Himmelfahrt gab er seinen Jüngern den Auftrag: „Geht daher hin, und macht Jünger aus Menschen aller Nationen, ... lehrt sie, alles zu halten, was ich euch geboten habe“ (Mat. 28:19, 20). Lehren (griech.: didáskō) unterscheidet sich vom Predigen insofern, als der Lehrer nicht nur verkündigt, sondern auch unterweist, erklärt und Beweise anführt.

      Schon der Wacht-Turm vom April 1881 (engl.) enthielt kurze Anregungen, wie man lehren sollte. Einige der ersten Kolporteure machten es sich zur Aufgabe, bei Interessierten wieder vorzusprechen, um sie zu ermuntern, die Bücher der Gesellschaft zu lesen und sich mit anderen zu einem regelmäßigen Studium des Wortes Gottes zu versammeln. Hierbei verwendete man häufig das Buch Die Harfe Gottes (1921 veröffentlicht). Später wurde sogar noch mehr im Hinblick auf die persönliche Betreuung von Interessierten unternommen. Schallplattenvorträge und gedruckte Studienhilfsmittel spielten dabei eine wesentliche Rolle. Wie kam es dazu?

      Als Ergänzung zu den Rundfunksendungen hatte die Gesellschaft 1933 Schallplattenaufnahmen eingesetzt, die auf transportablen Plattenspielern beispielsweise in Sälen, Parks und vor Fabriktoren abgespielt werden konnten. Schon bald vereinbarten Zeugen, die in ihrem Dienst von Haus zu Haus Interessierte fanden, bei diesen Rückbesuche, um eine der Schallplatten vorzuspielen. Als 1936 das Buch Reichtum herauskam, wurde nach dem Schallplattenvortrag Stoff aus dem Buch besprochen mit dem Ziel, Studien einzurichten, denen dann Interessierte aus der Umgebung beiwohnen konnten. Auf diese Tätigkeit legte man besonders deshalb Nachdruck, weil voraussichtlichen Angehörigen der „großen Volksmenge“ geholfen werden sollte, die Wahrheit kennenzulernen (Offb. 7:9).

      Etwa zu dieser Zeit verstärkte die katholische Hierarchie ihren Druck auf Eigentümer und Leiter von Rundfunkanstalten sowie auf Regierungsstellen in dem entschlossenen Bemühen, die Wachtturm-Sendungen zu unterbinden. In einer Petition, die von 2 630 000 Bürgern in den Vereinigten Staaten unterzeichnet worden war, wurde eine Debatte zwischen einem hohen Vertreter der römisch-katholischen Kirche und J. F. Rutherford gefordert. Kein katholischer Geistlicher war bereit, die Herausforderung anzunehmen. Daher ließ Bruder Rutherford 1937 Schallplattenvorträge mit den Titeln „Offenbar gemacht“ und „Religion und Christentum“ aufnehmen, in denen es um grundlegende Lehren der Bibel und um die Widerlegung unbiblischer katholischer Lehren ging. Derselbe Stoff wurde in den Broschüren Schutz und Aufgedeckt veröffentlicht, und jedem, der die Petition unterzeichnet hatte, wurde ein Exemplar der Broschüre Aufgedeckt persönlich überbracht, damit er sich mit der biblischen Wahrheit, die die katholische Hierarchie zu unterdrücken suchte, vertraut machen konnte.

      Um den Menschen zu helfen, die Streitpunkte klar zu erfassen und die biblische Grundlage dafür zu untersuchen, wurde die Broschüre Musterstudium Nr. 1 gedruckt, die in Zusammenkünften für Interessierte verwendet werden sollte. Diese Broschüre enthielt Fragen und Antworten sowie Schriftstellen, auf die man die Antworten stützen konnte. Zuerst ließ der Studienleiter einen oder mehrere der zuvor erwähnten Schallplattenvorträge ablaufen, so daß sich jeder mit dem Stoff vertraut machen konnte. Dann folgte eine Besprechung anhand der Broschüre, bei der die Bibeltexte eingehend betrachtet wurden. Auf die Broschüre Musterstudium Nr. 1 folgten Nr. 2 und Nr. 3 zusammen mit anderen Schallplattenvorträgen. Studien dieser Art wurden zunächst dort eingerichtet, wo Gruppen interessierter Personen zusammenkamen; doch schon bald richtete man sie auch bei Einzelpersonen und Familien ein.

      Seither sind viele ausgezeichnete Bücher herausgegeben worden, die von Jehovas Zeugen speziell beim Durchführen von Heimbibelstudien benutzt werden. Zu denen, die am weitesten verbreitet wurden, gehören „Gott bleibt wahrhaftig“, Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt und Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben. Es gab auch 32seitige Broschüren wie „Diese gute Botschaft vom Königreich“, Gottes Weg ist Liebe, „Siehe! Ich mache alle Dinge neu“ und viele andere. Danach folgten Broschüren wie Für immer auf der Erde leben!, die sich durch eine sehr einfache, leichtverständliche Darlegung der biblischen Grundlehren auszeichnet.

      Der Gebrauch dieser Hilfsmittel sowie die umfassende Unterweisung in der Versammlung und die persönliche Schulung hatten eine großartige Zunahme der Heimbibelstudien zur Folge. 1950 wurden durchschnittlich 234 952 Bibelstudien durchgeführt — die meisten davon wöchentlich. Studien mit Interessierten, die keine Fortschritte machten, wurden eingestellt. Viele allerdings machten so weit Fortschritte, daß sie selbst Lehrer wurden. Trotz des ständigen Wechsels stieg die Zahl der Bibelstudien laufend, manchmal sogar sprunghaft. 1992 führten Jehovas Zeugen weltweit 4 278 127 Heimbibelstudien durch.

      Zur Durchführung dieses gewaltigen Predigt- und Lehrwerkes in allen Sprachen der Welt machen Jehovas Zeugen ausgiebigen Gebrauch von Druckschriften. Dazu ist eine Verlagsorganisation gigantischen Ausmaßes nötig.

      [Fußnoten]

      a Das pastorale Werk wurde in den Jahren 1915/16 in den etwa 500 Versammlungen organisiert, die Bruder Russell zu ihrem Pastor gewählt hatten. Als ihr Pastor hatte er in einem Brief an sie das Werk beschrieben, das zunächst auf Schwestern beschränkt war. Im darauffolgenden Jahr beteiligten sich auch Brüder an dieser Tätigkeit. Das pastorale Werk wurde von einer ausgewählten Gruppe noch bis 1921 durchgeführt.

      b Dieser Ausspruch war darauf zurückzuführen, daß man unter der Bezeichnung Religion jede Form der Anbetung verstand, die sich auf menschliche Traditionen gründete statt auf Gottes Wort, die Bibel. Als jedoch im Jahre 1950 die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften herausgegeben wurde, wiesen Fußnoten zu Apostelgeschichte 26:5, Kolosser 2:18 und Jakobus 1:26, 27 darauf hin, daß der Ausdruck Religion ohne weiteres sowohl die wahre als auch die falsche Anbetung bezeichnen kann. Dies wurde im Wachtturm vom 1. Juli 1951, Seite 208 sowie in dem Buch Was hat die Religion der Menschheit gebracht? auf Seite 8—10 weiter erläutert.

      c Ein Jahr zuvor führte man in Kalifornien (USA) probeweise den Zeitschriftendienst auf der Straße durch. Bereits 1926 waren die Bibelforscher allgemein damit beschäftigt, auf der Straße Broschüren mit wichtigem Inhalt zu verbreiten. Viel früher noch, nämlich 1881, hatten sie an Sonntagen in der Nähe von Kirchen Literatur verbreitet.

      d Der Wachtturm, 15. August 1981, Seite 12 bis 16.

      [Herausgestellter Text auf Seite 556]

      Wo immer Jesus Leute traf, sprach er mit ihnen über Gottes Vorsatz in Verbindung mit den Menschen

      [Kasten auf Seite 559]

      Besonderer Segen ruht auf der Haus-zu-Haus-Tätigkeit

      „Wie bei Christi erstem Advent schien der besondere Segen des Herrn auf der Haus-zu-Haus-Tätigkeit zu ruhen anstatt auf dem Predigen von der Kanzel“ („Wacht-Turm“, 15. Juli 1892, engl.).

      [Kasten auf Seite 570]

      Warum die Zeugen immer wieder vorsprechen

      „Der Wachtturm“ vom 1. September 1962 erklärte, warum Jehovas Zeugen wiederholt an jeder Tür vorsprechen: „Oft ändern sich die Verhältnisse. Jemand, der heute vielleicht nicht zu Hause ist, mag das nächste Mal dasein. Jemand, der heute vielleicht keine Zeit hat, mag das nächste Mal Zeit haben. Heute kommt vielleicht die Mutter an die Tür, das nächste Mal der Sohn. Die Zeugen bemühen sich nicht nur, jede Familie in ihrem Gebiet aufzusuchen, sondern auch, wenn irgend möglich, mit jeder reifen Person in jeder Familie zu sprechen. Oft ist man in einer Familie geteilter Meinung über die Religion, weshalb ein einzelnes Mitglied nicht immer maßgebend ist für die ganze Familie. Auch ziehen manche Leute wieder aus und andere ein, so daß ein Zeuge nie genau weiß, wen er an einer bestimmten Tür antrifft.

      Nicht nur die Verhältnisse können sich ändern, sondern auch die Leute ... Jemand mag wegen einer Kleinigkeit verärgert sein und im Augenblick keine Lust haben, sich mit jemand, der an seine Tür kommt, auf ein Gespräch über Religion oder über irgend etwas anderes einzulassen. Das heißt aber noch lange nicht, daß er ein andermal auch wieder so gelaunt ist. Es ist auch nicht gesagt, daß jemand, der im vergangenen Monat nichts von Religion wissen wollte, in diesem Monat auch nichts davon wissen will. Vielleicht hat er inzwischen etwas erlebt, was ihn zutiefst erschüttert oder demütig gemacht und bewirkt hat, daß er [sozusagen] hungrig oder sich seiner geistigen Bedürfnisse bewußt geworden ist ...

      Außerdem erscheint vielen die Botschaft, die die Zeugen verkündigen, so sonderbar, daß sie sie gar nicht ernst nehmen. Erst wenn sie sie mehrmals gehört haben, merken sie, worum es eigentlich geht.“

      [Kasten/Bild auf Seite 574]

      „Alles darangesetzt“

      „Wir, die wir uns in der Organisation des Herrn befinden, haben alles darangesetzt, ihre Aufmerksamkeit [die der Welt] auf die Botschaft des Lebens zu lenken. Wir haben Slogans gebraucht, ganzseitige Anzeigen in Zeitungen gesetzt, den Rundfunk, Lautsprecherwagen und Grammophone benutzt, Mammutkongresse veranstaltet, Informationsmärsche organisiert, bei denen Plakate getragen wurden, und ein wachsendes Heer von Verkündigern hat die Botschaft von Haus zu Haus gepredigt. Diese Tätigkeit hat bewirkt, daß sich die Leute für oder gegen das aufgerichtete Königreich Gottes entschieden. Das ist das Werk, von dem Jesus voraussagte, daß es in meiner Generation getan werden würde.“ (1987 von Melvin Sargent eingesandt, als er 91 Jahre alt war.)

      [Bild]

      Melvin Sargent

      [Übersicht auf Seite 574]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Zunahme der Heimbibelstudien:

      4 000 000

      3 000 000

      2 000 000

      1 000 000

      1950 1960 1970 1980 1992

      [Bilder auf Seite 557]

      Zigmillionen von diesen Traktaten wurden unweit von Kirchen, von Haus zu Haus und per Post verteilt

      [Bilder auf Seite 558]

      Kolporteurverkündiger verbreiteten bibelerklärende Schriften

      [Bild auf Seite 559]

      Anna Andersen verbreitete in nahezu jeder Stadt Norwegens biblische Literatur

      [Bilder auf Seite 560]

      Zeitungsanzeigen richteten sich an Menschen, die sonst nicht erreichbar waren

      [Bilder auf Seite 561]

      In mehr als 2 000 Tageszeitungen auf vier Kontinenten erschienen Bruder Russells Predigten gleichzeitig

      [Bilder auf Seite 562]

      Durch das „Photo-Drama der Schöpfung“ erhielten Millionen von Menschen in vielen Ländern ein großartiges Zeugnis

      [Bild auf Seite 563]

      J. F. Rutherford erreichte, daß weltweit Millionen von Menschen über den Rundfunk in ihrer Wohnung ein Zeugnis erhielten

      [Bild auf Seite 564]

      Startbereit, um sich am gruppenweisen Zeugnisgeben in England zu beteiligen

      [Bild auf Seite 565]

      Ab 1933 wurden Zeugniskarten benutzt

      [Bild auf Seite 566]

      Durch biblische Schallplattenvorträge wurde in den 30er und 40er Jahren ein wirksames Zeugnis gegeben

      [Bild auf Seite 567]

      Lautsprecherwagen, manchmal eine stattliche Anzahl (wie hier in Australien), wurden eingesetzt, um die biblische Wahrheit auf öffentlichen Plätzen erschallen zu lassen

      [Bild auf Seite 568]

      Beleuchtete Schilder in Wohnungsfenstern von Zeugen Jehovas gaben sozusagen rund um die Uhr Zeugnis

      [Bild auf Seite 568]

      Durch Plakate und Schilder wurde in der Öffentlichkeit (wie hier in Schottland) furchtlos Zeugnis gegeben

      [Bild auf Seite 569]

      Straßendienst mit den Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Trost“ (wie hier in den USA) begann 1940

      [Bild auf Seite 569]

      Ab 1943 erhielten die Brüder in den Versammlungen Unterweisung im öffentlichen Sprechen

      [Bilder auf Seite 571]

      Mit interessierten Personen werden Heimbibelstudien durchgeführt. Hier sind einige Publikationen zu sehen, die speziell für diesen Zweck bestimmt sind. Sie wurden zunächst in Englisch und später in vielen anderen Sprachen herausgegeben.

      [Bilder auf Seite 572, 573]

      Jung und Alt, Männer wie Frauen — Zeugen auf der ganzen Erde beteiligen sich am Zeugnisgeben von Haus zu Haus

      Rumänien

      Bolivien

      Simbabwe

      Hongkong

      Belgien

      Uruguay

      Fidschi

  • Die Herstellung biblischer Literatur für das Predigtwerk
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 26

      Die Herstellung biblischer Literatur für das Predigtwerk

      DAS geschriebene Wort hat in der wahren Anbetung eine wichtige Rolle gespielt. Jehova gab Israel die Zehn Gebote zunächst mündlich und danach in schriftlicher Form (2. Mo. 20:1-17; 31:18; Gal. 3:19). Gott gebot Moses und nach ihm einer langen Reihe von Propheten und Aposteln zu schreiben, damit sein Wort genau übermittelt würde (2. Mo. 34:27; Jer. 30:2; Hab. 2:2; Offb. 1:11).

      In der Frühzeit wurde meistens auf Schriftrollen geschrieben. Im zweiten Jahrhundert u. Z. kam jedoch der Kodex oder das Buch auf. Es war billiger und einfacher zu handhaben. Und die Christen gehörten zu den ersten Benutzern, da sie erkannten, wie wertvoll es für die Verbreitung der guten Botschaft vom messianischen Königreich Gottes war. Professor E. J. Goodspeed schreibt in seinem Buch Christianity Goes to Press (1940, S. 78) über die ersten Christen als Buchherausgeber: „Sie hielten in dieser Beziehung nicht nur Schritt mit der Zeit, sondern sie waren ihr weit voraus, und die Bücherhersteller der folgenden Jahrhunderte sind ihrem Beispiel gefolgt.“

      Daher verwundert es nicht, daß Jehovas Zeugen heute als Verkündiger von Gottes Königreich in mancher Hinsicht zu den Wegbereitern im Druckereiwesen gehörten.

      Die ersten Bibelforscher mit Literatur versorgen

      Einer der ersten Artikel, die C. T. Russell verfaßte, wurde 1876 im Bible Examiner veröffentlicht, den George Storrs aus Brooklyn (New York) herausgab. Nachdem sich Bruder Russell mit N. H. Barbour aus Rochester (New York) zusammengetan hatte, stellte Russell Geld zur Verfügung für die Herausgabe des Buches Three Worlds (Drei Welten) und des Blattes Herald of the Morning. Er wurde Mitherausgeber des Blattes und benutzte 1877 die Druckerei des Herald, um die Broschüre The Object and Manner of Our Lord’s Return (Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn) herauszubringen. Bruder Russell war in Glaubensfragen und in Geschäftsangelegenheiten bewandert, aber im Schriftsetzen und Umbrechen kannte sich Barbour besser aus.

      Als N. H. Barbour jedoch den sündensühnenden Wert des Loskaufsopfers Jesu Christi leugnete, löste Bruder Russell seine Verbindungen zu ihm. Daher war er auf kommerzielle Druckereien angewiesen, als er 1879 mit der Herausgabe von Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi begann.

      Im folgenden Jahr wurde das erste Traktat einer umfangreichen Serie, die den Zweck hatte, Menschen für biblische Wahrheiten zu interessieren, zur Herausgabe vorbereitet. Diese Arbeit nahm schon bald enorme Ausmaße an. Um sie zu bewältigen, wurde am 16. Februar 1881 Zion’s Watch Tower Tract Society gegründet mit W. H. Conley als Präsidenten und C. T. Russell als Schriftführer und Schatzmeister. Es wurden Vorkehrungen getroffen, daß kommerzielle Betriebe in verschiedenen Städten in Pennsylvanien, New York und Ohio sowie in Großbritannien druckten. 1884 wurde Zion’s Watch Tower Tract Societya mit C. T. Russell als Präsidenten gesetzlich eingetragen, und wie aus ihren Statuten hervorging, handelte es sich nicht nur um eine Verlagsgesellschaft. Ihr eigentliches Ziel war religiöser Natur; sie wurde zur „Verbreitung biblischer Wahrheiten in verschiedenen Sprachen“ gegründet.

      Mit welchem Eifer dieses Ziel doch verfolgt wurde! 1881 wurden innerhalb von vier Monaten 1 200 000 Traktate mit insgesamt 200 000 000 Seiten herausgegeben. (Viele dieser „Traktate“ waren eigentlich kleine Bücher.) Danach stieg die Produktion von Bibeltraktaten, die kostenlos verbreitet wurden, schnell auf zigmillionen Jahr für Jahr. Die Traktate wurden in ungefähr 30 Sprachen gedruckt und nicht nur in Amerika verbreitet, sondern auch in Europa, Südafrika, Australien und anderswo.

      Ein anderer Aspekt der Tätigkeit tat sich auf, als Bruder Russell 1886 das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter vollendete, das erste einer sechsbändigen Serie, die er persönlich schrieb. Er bediente sich der Tower Publishing Companyb zum Herausgeben der ersten vier Bände dieser Serie (1886—1897) sowie von Traktaten und vom Wacht-Turm in den Jahren 1887 bis 1898. Im Laufe der Zeit wurden der Schriftsatz und der Umbruch von den Brüdern im Bibelhaus in Pittsburgh gemacht. Um die Ausgaben niedrig zu halten, kauften sie auch das Papier zum Drucken. Für das eigentliche Drucken und Binden vergab Bruder Russell oft Aufträge an mehrere Firmen. Er plante sorgfältig und orderte lange genug im voraus, um günstige Preise zu erzielen. Vom Erscheinen des ersten Buches, das C. T. Russell verfaßt hatte, bis 1916 wurden insgesamt 9 384 000 Exemplare der sechs Bände hergestellt und verbreitet.

      Die Herausgabe biblischer Literatur endete nicht mit dem Tod Bruder Russells. Im darauffolgenden Jahr wurde der siebte Band der Schriftstudien gedruckt. Er wurde am 17. Juli 1917 für die Bethelfamilie freigegeben. Die Nachfrage war so groß, daß die Gesellschaft Ende des Jahres Bestellungen für 850 000 Exemplare in Englisch bei kommerziellen Druckereien und Buchbindereien aufgegeben hatte. In Europa wurden anderssprachige Ausgaben hergestellt. Außerdem wurden in jenem Jahr 38 Millionen Traktate gedruckt.

      Doch 1918, während eines Zeitabschnitts heftiger Verfolgung, als die führenden Vertreter der Gesellschaft zu Unrecht im Gefängnis saßen, wurde das Hauptbüro (das seinen Sitz in Brooklyn [New York] hatte) aufgelöst. Die Druckplatten wurden zerstört. Die wenigen verbliebenen Mitarbeiter und das Büro zogen wieder nach Pittsburgh, und zwar ins dritte Geschoß eines Gebäudes in der Federal Street 119. War damit die Herstellung von biblischer Literatur beendet?

      Sollten sie selbst drucken?

      Nachdem der Präsident der Gesellschaft, J. F. Rutherford, und seine Gefährten aus dem Gefängnis entlassen worden waren, versammelten sich die Bibelforscher 1919 in Cedar Point (Ohio). Sie dachten über das nach, was Gott im vorhergehenden Jahr zugelassen hatte und was sein Wort darüber anzeigte, was sie in Zukunft tun sollten. Es wurde bekanntgegeben, daß eine neue Zeitschrift, Das Goldene Zeitalter, herausgegeben würde, und zwar als ein Mittel, das auf Gottes Königreich als einzige Hoffnung für die Menschheit hinweist.

      Wie schon in der Vergangenheit beauftragte die Gesellschaft eine kommerzielle Firma mit dem Drucken. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Es gab Arbeitskämpfe in der Druckindustrie und Schwierigkeiten auf dem Papiermarkt. Etwas Verläßlicheres war nötig. Die Brüder beteten darum und hielten Ausschau nach der Führung des Herrn.

      Wo sollten die Büros der Gesellschaft überhaupt ihren Sitz haben? Sollte das Hauptbüro wieder nach Brooklyn verlegt werden? Der Vorstand der Gesellschaft erwog die Angelegenheit, und es wurde ein Komitee ernannt, das die Situation prüfen sollte.

      Bruder Rutherford wies C. A. Wise, den Vizepräsidenten der Gesellschaft, an, nach Brooklyn zu gehen, um sich um die Wiedereröffnung des Bethels zu kümmern und Räumlichkeiten zu mieten, in denen die Gesellschaft mit dem Drucken beginnen konnte. Bruder Rutherford, der gern wissen wollte, welchen Weg Gott segnen würde, sagte: „Geh und stell fest, ob es der Wille des Herrn ist, daß wir nach Brooklyn zurückkehren.“

      „Wie soll ich denn feststellen, ob der Herr will, daß wir zurückkehren?“ fragte Bruder Wise.

      „Wir mußten 1918 von Brooklyn nach Pittsburgh zurück, weil wir keine Kohlen bekommen konnten“,c antwortete Bruder Rutherford. „Dann sollen jetzt die Kohlen den Ausschlag geben. Du gehst hin und bestellst Kohlen.“

      „Was meinst du, wieviel Tonnen ich bestellen soll, damit wir Bescheid wissen?“

      „Wir wollen sichergehen“, empfahl Bruder Rutherford. „Bestelle 500 Tonnen!“

      Genau das tat Bruder Wise. Und mit welchem Ergebnis? Als er bei den Behörden seinen Antrag stellte, erhielt er eine Bescheinigung zum Bezug von 500 Tonnen Kohle — genug, um den Bedarf für einige Jahre zu decken. Doch wohin damit? Man machte einen großen Teil des Kellers im Bethel zum Kohlenkeller.

      Der Ausgang dieses Tests wurde als unmißverständlicher Hinweis auf den Willen Gottes angesehen. Anfang Oktober 1919 nahmen die Brüder erneut ihre Tätigkeit in Brooklyn auf.

      Sollten sie jetzt selbst drucken? Sie bemühten sich, eine Rotationsmaschine für den Zeitschriftendruck zu kaufen, aber ihnen wurde gesagt, daß es in den Vereinigten Staaten überhaupt nur ein paar gebe und daß es viele Monate dauern würde, bis sie eine bekämen. Dennoch waren sie zuversichtlich, daß der Herr eine Möglichkeit eröffnen würde, wenn es sein Wille war. Und das tat er!

      Nur wenige Monate nachdem sie nach Brooklyn zurückgekehrt waren, gelang es ihnen, eine Rotationspresse zu kaufen. Sie mieteten drei Stockwerke in einem Gebäude, das acht Häuserblocks vom Bethel entfernt lag, in der Myrtle Avenue 35. Anfang 1920 hatte die Gesellschaft ihre eigene Druckerei — zwar klein, aber gut ausgestattet. Brüder mit ausreichender Erfahrung im Bedienen der Maschinen stellten sich zur Verfügung, um bei der Arbeit zu helfen.

      In jenem Jahr begann man, den Wacht-Turm auf der Presse der Gesellschaft zu drucken, und zwar beginnend mit der Ausgabe vom 1. Februar. Ab April wurde auch Das Goldene Zeitalter in der eigenen Druckerei hergestellt. Ende des Jahres konnte im Wacht-Turm voll Freude berichtet werden: „Während des größeren Teils des Jahres wurde alle Arbeit am WACHT-TURM, am GOLDENEN ZEITALTER und an vielen Broschüren von geweihten Männern vollbracht; nur ein Beweggrund hat ihre Handlungen geleitet, und dieser Beweggrund ist Liebe zum Herrn und zu seiner Gerechtigkeit. ... Wenn andere Zeitungen oder Zeitschriften ihr Erscheinen wegen Papiermangels oder Arbeitskämpfen vorübergehend einstellen mußten, ging die Produktion unserer Publikationen problemlos weiter.“

      Der Platz in der Druckerei war ziemlich begrenzt, aber es wurde erstaunlich viel geleistet. Von jeder Ausgabe des Wacht-Turms druckte man normalerweise 60 000 Exemplare. Aber auch Das Goldene Zeitalter wurde dort gedruckt, und im ersten Jahr war die Zeitschrift vom 29. September eine Sonderausgabe. Darin wurden diejenigen entlarvt, die an der Verfolgung der Bibelforscher in den Jahren 1917 bis 1920 beteiligt gewesen waren. Vier Millionen Exemplare wurden gedruckt. Einer der Drucker sagte später: „Alle, außer dem Koch, mußten bei der Herstellung dieser Ausgabe mithelfen.“

      Als die Rotationspresse einige Monate in Gebrauch war, fragte Bruder Rutherford die Brüder, ob sie auch Broschüren auf dieser Maschine drucken könnten. Anfangs schien es nicht möglich zu sein. Die Hersteller der Druckpresse sagten, es ginge nicht. Aber die Brüder versuchten es und hatten Erfolg. Sie konstruierten einen Falzapparat und verringerten auf diese Weise die Anzahl der für diese Arbeit notwendigen Arbeiter von 12 auf 2. Wie war ihr Erfolg zu erklären? „Erfahrung und der Segen des Herrn“, so faßte es der Druckereiaufseher zusammen.

      Die Gesellschaft nahm jedoch nicht nur in Brooklyn eine Druckerei in Betrieb. Ein Büro in Michigan beaufsichtigte Arbeiten in einigen Fremdsprachen. Um für das Nötige in Verbindung mit dieser Arbeit zu sorgen, installierte die Gesellschaft 1921 eine Linotype-Setzmaschine, Druckpressen und andere notwendige Ausrüstungsgegenstände in Detroit (Michigan). Dort wurde Literatur in Polnisch, Russisch, Ukrainisch und anderen Sprachen gedruckt.

      Im gleichen Jahr gab die Gesellschaft das Buch Die Harfe Gottes heraus, das so geschrieben war, daß es sich für Neulinge auf dem Gebiet des Bibelstudiums gut eignete. Bis zum Jahre 1921 hatte die Gesellschaft noch nicht versucht, Bücher in eigener Regie zu drucken und zu binden. Sollten sich die Brüder bemühen, auch diese Arbeit selbst in die Hand zu nehmen? Wiederum suchten sie die Führung des Herrn.

      Gott hingegebene Brüder drucken und binden Bücher

      Der Wacht-Turm hatte 1920 berichtet, daß viele Kolporteure gezwungen waren, ihren Dienst aufzugeben, weil Drucker und Buchbinder nicht in der Lage waren, die Aufträge der Gesellschaft zu erfüllen. Die Brüder im Hauptbüro überlegten, daß sie ein größeres Zeugnis von Gottes Vorsatz in bezug auf die Menschheit geben könnten, wenn sie von kommerziellen Produzenten mit all ihren Arbeitskämpfen unabhängig wären. Wenn sie ihre Bücher selbst druckten und bänden, wäre es auch für Gegner schwieriger, das Werk zu behindern. Und sie hofften, im Laufe der Zeit die Kosten für die Bücher senken zu können und sie so der Öffentlichkeit leichter verfügbar zu machen.

      Das aber erforderte mehr Platz und Maschinen, und die Brüder müßten neue Fertigkeiten erlernen. Würden sie das schaffen? Robert J. Martin, der Druckereiaufseher, erinnerte daran, daß Jehova in Moses’ Tagen ‘Bezalel und Oholiab mit Weisheit des Herzens erfüllt hatte zur Ausführung aller Arbeit’, die zur Errichtung der heiligen Stiftshütte notwendig gewesen war (2. Mo. 35:30-35). Mit diesem Bibelbericht im Sinn war Bruder Martin davon überzeugt, daß Jehova alles Notwendige tun würde, damit seine Diener Literatur herstellen könnten, um das Königreich zu verkündigen.

      Nach sorgfältiger Erwägung unter Gebet kristallisierten sich präzise Pläne heraus. Zurückblickend auf das Geschehene, schrieb Bruder Martin später an Bruder Rutherford: „Der größte Tag war jedoch der, an dem Du fragtest, ob es eigentlich einen stichhaltigen Grund gäbe, daß wir nicht auch unsere Bücher selbst drucken und binden könnten. Das war ein atemraubender Gedanke; denn er bedeutete die Einrichtung einer vollständigen Setzerei, einer galvanischen Anlage, Druckerei und Buchbinderei, das Arbeiten mit einer ganzen Anzahl unbekannter Maschinen, mit Maschinen, von deren Existenz wir überhaupt noch nichts wußten, und die Notwendigkeit, ein Dutzend Handwerke zu erlernen. Aber es schien der beste Ausweg zu sein, den Kriegspreisen, die für die Bücher verlangt wurden, auszuweichen.

      Du mietetest das sechs Stock hohe Gebäude in der Concord Street 18 (zwei Stockwerke wurden von anderen Mietern genutzt), und am 1. März 1922 zogen wir ein. Du kauftest einen vollständigen Maschinenpark zum Setzen, Galvanisieren, Drucken und Binden, das meiste neu, einiges gebraucht, und wir machten uns ans Werk.

      Eine der großen Druckereien, die bisher viel Arbeit für uns getan hatte, hörte von unserem Unternehmen, und ihr Direktor kam, um uns zu besuchen. Er sah unsere neue Einrichtung und bemerkte sehr schlau: ‚Sie haben hier eine erstklassige Druckerei-Anlage, aber niemand, der etwas davon versteht und damit umzugehen weiß. In sechs Monaten wird das ganze Ding Schrott sein, und Sie werden sich überzeugt haben, daß die Leute, die für den Druck Ihrer Bücher in Frage kommen, die sind, die sie immer gedruckt haben und deren Sache es auch ist.‘

      Das klang ja ganz logisch, aber er vergaß den Herrn. Und der Herr ist immer mit uns gewesen. Als wir mit der Buchbinderei beginnen wollten, schickte uns der Herr einen Bruder, der sein Leben lang Buchbinder gewesen war. Er war uns eine große Hilfe; denn er war zu jener Zeit das, was wir am nötigsten brauchten. Mit seinem Beistand und dem Geiste des Herrn, der mit den Brüdern war, die sich bemühten zu lernen, dauerte es nicht lange, und wir stellten Bücher her.“

      Da in dem Gebäude in der Concord Street genug Platz war, wurde der Druckereibetrieb in Detroit mit dem in Brooklyn zusammengelegt. Während des zweiten Jahres in diesen Räumlichkeiten produzierten die Brüder außer Zeitschriften, Traktaten und Handzetteln 70 Prozent der benötigten Bücher und Broschüren. Die wachsende Arbeit machte es im darauffolgenden Jahr erforderlich, auch die beiden noch nicht genutzten Stockwerke des Gebäudes in Beschlag zu nehmen.

      Könnte die Buchproduktion beschleunigt werden? Extra zu diesem Zweck hatten die Brüder eine Druckmaschine in Deutschland bauen und nach Amerika verfrachten lassen, die sie 1926 in Betrieb nahmen. Das war ihres Wissens die erste Rotationspresse, die in Amerika zum Drucken von Büchern benutzt wurde.

      Die Bibelforscher druckten allerdings nicht nur in Amerika.

      Die Anfänge des Druckens in anderen Ländern

      Bruder Russell ließ in Großbritannien bereits 1881 bei kommerziellen Betrieben drucken. In Deutschland geschah das 1903, in Griechenland 1906, in Finnland 1910 und 1913 sogar in Japan. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurden große Mengen Bücher, Broschüren, Zeitschriften und Traktate in Großbritannien, Skandinavien, Deutschland und Polen gedruckt sowie kleinere Mengen in Brasilien und Indien.

      Die Gesellschaft begann 1920, in Brooklyn die Zeitschriften selbst zu drucken, und im selben Jahr wurden Vorbereitungen getroffen, auch unsere Brüder in Europa einen Teil dieser Arbeit tun zu lassen. In der Schweiz hatte eine Gruppe von Brüdern in Bern eine Druckerei eingerichtet. Es war ihr eigener Betrieb. Doch sie alle waren Bibelforscher, und sie stellten für die Gesellschaft zu niedrigen Kosten Literatur in einigen europäischen Sprachen her. Im Laufe der Zeit erwarb die Gesellschaft das Eigentumsrecht für diese Druckerei und vergrößerte sie. Wegen der schweren wirtschaftlichen Notlage in den verarmten Ländern Europas stellte man dort riesige Mengen Literatur zur kostenlosen Verbreitung her. Ende der 20er Jahre wurden Publikationen in über einem Dutzend Sprachen von dieser Druckerei versandt.

      Zur gleichen Zeit zeigte sich in Rumänien großes Interesse an der Königreichsbotschaft. Obwohl unser Werk dort heftig bekämpft wurde, errichtete die Gesellschaft in Cluj eine Druckerei, um die Kosten für die Literatur zu senken und sie den wahrheitshungrigen Menschen in Rumänien und den Nachbarländern leichter zugänglich zu machen. 1924 konnten in dieser Druckerei außer den Zeitschriften und Broschüren fast eine viertel Million gebundene Bücher in Rumänisch und Ungarisch hergestellt werden. Der Verantwortliche für das dortige Werk ging jedoch mit dem ihm Anvertrauten treulos um, und durch sein Verhalten verlor die Gesellschaft ihren Grundbesitz und die Ausrüstung. Trotzdem taten treue Brüder in Rumänien weiterhin alles, was in ihrer Macht stand, um anderen die Wahrheit aus der Bibel zu übermitteln.

      In Deutschland strömten nach dem Ersten Weltkrieg die Leute scharenweise in die Zusammenkünfte der Bibelforscher. Aber die Menschen in Deutschland befanden sich wirtschaftlich in großen Schwierigkeiten. Um biblische Literatur für sie erschwinglich zu machen, begann die Gesellschaft, auch dort selbst zu drucken. 1922 wurde in Barmen erstmals auf Flachformpressen gedruckt; die eine stand auf dem Treppenabsatz im Bethel und die andere im Holzschuppen. Im Jahr darauf zogen die Brüder nach Magdeburg in besser geeignete Räumlichkeiten. Dort hatten sie schöne Gebäude, es kamen noch welche hinzu, und man installierte Druck- und Buchbindereimaschinen. Ende 1925 wurde berichtet, daß die Produktionskapazität dieser Anlage mindestens so groß würde wie die der Maschinen, die damals im Hauptbüro in Brooklyn in Betrieb waren.

      Die Brüder fingen mit dem Drucken meistens klein an. Auch auf Korea traf das zu, wo die Gesellschaft 1922 eine kleine Druckerei eingerichtet hatte, um Literatur sowohl in Koreanisch als auch in Japanisch und Chinesisch zu produzieren. Einige Jahre später schaffte man die Ausrüstung nach Japan.

      Im Jahre 1924 wurden in Kanada und Südafrika kleinere Druckerzeugnisse hergestellt. 1925 stellte man eine kleine Druckpresse in Australien auf und eine weitere in Brasilien. Schon bald verwendeten die Brüder in Brasilien ihre Ausrüstung, um die portugiesische Ausgabe des Wacht-Turms zu drucken. Das Zweigbüro der Gesellschaft in England erhielt seine erste Druckereiausrüstung im Jahre 1926. Der geistige Hunger demütiger Menschen in Spanien wurde dadurch gestillt, daß 1929 Der Wacht-Turm dort auf einer kleinen Presse gedruckt wurde. Zwei Jahre später begann im Keller des Zweigbüros in Finnland eine Druckmaschine zu laufen.

      Inzwischen vergrößerte sich die Weltzentrale.

      Die eigene Druckerei der Weltzentrale

      Seit 1920 hatte die Gesellschaft Räumlichkeiten für die Druckerei in Brooklyn gemietet. Sogar das Gebäude, das sie ab 1922 benutzte, war in keinem guten Zustand. Wenn die Rotationsmaschine im Keller lief, zitterte das ganze Haus. Außerdem wurde mehr Platz gebraucht, um das immer größer werdende Werk zu verrichten. Die Brüder kamen zu dem Schluß, daß die vorhandenen Geldmittel besser verwendet werden würden, wenn sie ein eigenes Druckereigebäude hätten.

      Ein Stück Land, nur ein paar Häuserblocks vom Bethel entfernt, schien ein äußerst wünschenswerter Platz zu sein, daher bemühten sie sich darum. Es stellte sich heraus, daß der pharmazeutische Betrieb Squibb sie überbot; doch als die Firma Squibb auf dem Grundstück bauen wollte, mußte sie 1 167 Pfeiler einrammen, um ein festes Fundament zu erhalten. (Jahre später kaufte die Watch Tower Society diese Gebäude mitsamt dem soliden Fundament von der Firma Squibb.) Wie dem auch sei, das Land, das die Gesellschaft 1926 kaufte, hatte einen Boden mit großer Belastbarkeit, auf dem man bauen konnte.

      Im Februar 1927 zogen die Brüder in ihr nagelneues Gebäude in der Adams Street 117 in Brooklyn. Dort hatten sie fast doppelt soviel Platz wie vorher. Das Gebäude war gut geplant, der Arbeitsablauf verlief von den oberen Stockwerken abwärts durch die verschiedenen Abteilungen bis zur Versandabteilung im Erdgeschoß.

      Damit war das Wachstum jedoch noch nicht abgeschlossen. Innerhalb von zehn Jahren mußte die Druckerei erweitert werden, und weitere Vergrößerungen sollten später erfolgen. Außer den Millionen von Zeitschriften und Broschüren, die jedes Jahr gedruckt wurden, produzierte man 10 000 gebundene Bücher pro Tag. 1942, als zu diesen Büchern auch vollständige Bibeln gehörten, leistete die Watch Tower Society wiederum Pionierarbeit auf einem für die Druckindustrie neuen Gebiet. Die Brüder experimentierten so lange, bis sie das dünne Bibeldruckpapier auf der Rotationspresse verarbeiten konnten — andere Drucker versuchten das erst Jahre später.

      Während hohe Auflagen produziert wurden, übersah man doch nicht Gruppen mit besonderen Bedürfnissen. Schon 1910 halfen ein Bibelforscher in Boston (Massachusetts) und einer in Kanada mit, die Literatur der Gesellschaft in Blindenschrift zu übertragen. 1924 stellte die Gesellschaft in einem Büro in Logansport (Indiana) Publikationen für die Blinden her. Weil die Veröffentlichungen in Brailleschrift damals nur wenig Widerhall fanden, wurde die Arbeit daran 1936 eingestellt, und man legte Nachdruck darauf, Blinden durch Schallplatten sowie durch persönliche Aufmerksamkeit zu helfen. Später, im Jahre 1960, stellte man wieder Literatur in Blindenschrift her — diesmal in größerer Vielfalt, und sie fand immer mehr Anklang.

      Heftiger Verfolgung entgegentreten

      In einer Anzahl Länder wurde trotz extrem schwieriger Umstände gedruckt. Aber unsere Brüder harrten aus in dem Bewußtsein, daß die Verkündigung der guten Botschaft vom Königreich das Werk war, das Jehova Gott durch seinen Sohn zu tun geboten hatte (Jes. 61:1, 2; Mar. 13:10). In Griechenland zum Beispiel hatten die Brüder 1936 ihre Druckerei eingerichtet und gerade erst ein paar Monate in Betrieb, als ein Regierungswechsel eintrat und die Behörden die Anlage schlossen. Ähnlich war es 1940 in Indien. Claude Goodman war monatelang damit beschäftigt, eine Druckmaschine aufzustellen und zu lernen, wie man sie bedient, doch dann stürzte die vom Maharadscha geschickte Polizei herein, lud die Presse auf einen Lastwagen und fuhr damit weg; die sorgfältig sortierten Buchstaben kippte sie in große Blechdosen.

      An vielen anderen Orten mußten die Brüder wegen der Gesetze über den Import von Literatur die Arbeit kommerziellen einheimischen Druckereien übergeben, obwohl die Gesellschaft in einem benachbarten Land eine Druckerei unterhielt, die so ausgerüstet war, daß sie die Arbeit hätte tun können. Das war Mitte der 30er Jahre in Dänemark, Lettland und Ungarn der Fall.

      Im Jahre 1933 unternahm die deutsche Regierung, veranlaßt von der Geistlichkeit, Schritte, die Druckerei der Zeugen Jehovas in Deutschland zu schließen. Die Polizei besetzte die Druckerei der Wachtturm-Gesellschaft in Magdeburg und schloß sie im April jenes Jahres, aber sie konnte kein Belastungsmaterial finden; daher zog sie sich zurück. Trotzdem schritt sie im Juni erneut ein. Um die Königreichsbotschaft weiterhin zu verbreiten, errichtete die Gesellschaft eine Druckerei in Prag (Tschechoslowakei), und ein beträchtlicher Teil der Ausrüstung wurde von Magdeburg dorthin gebracht. Damit wurden in den nächsten Jahren Zeitschriften in zwei Sprachen und Broschüren in sechs Sprachen hergestellt.

      Dann marschierten Hitlers Truppen 1939 nach Prag; deshalb bauten die Brüder schnell ihre Anlagen ab und brachten sie außer Landes. Einiges davon ging in die Niederlande. Dieser Umzug erfolgte genau zur rechten Zeit. Für die niederländischen Brüder war es immer schwieriger geworden, die Verbindung mit der Schweiz aufrechtzuerhalten. Also mieteten sie eine Halle und druckten mit den neu erstandenen Pressen selbst. Allerdings dauerte es nicht lange, bis die nationalsozialistischen Invasoren den Betrieb beschlagnahmten. Immerhin hatten die Brüder, solange es ging, die Ausrüstung in Gebrauch.

      Als in Finnland während des Krieges die Herausgabe des Wachtturms wegen eines Willkürakts seitens der Behörden gezwungenermaßen eingestellt wurde, vervielfältigten die Brüder die Hauptartikel, und Kuriere lieferten sie aus. Nachdem Österreich 1938 unter nationalsozialistische Herrschaft gekommen war, wurde Der Wachtturm auf einem Vervielfältigungsapparat gedruckt, der ständig an einen anderen Platz gebracht werden mußte, damit er nicht der Gestapo in die Hände fiel. Ähnlich war es in Kanada; als die Zeugen im Krieg unter Verbot standen, mußten sie ihre Ausrüstung wiederholt an andere Orte bringen, um ihre Brüder weiterhin mit geistiger Speise versorgen zu können.

      In Australien druckten die Brüder, während das Werk der Zeugen Jehovas verboten war, ihre Zeitschriften selbst, und sie druckten und banden sogar Bücher, was sie dort bis dahin noch nicht einmal unter günstigeren Umständen gemacht hatten. Sie mußten mit der Buchbinderei 16mal umziehen, um die Ausrüstung vor der Beschlagnahmung zu retten, aber es gelang den Brüdern, 20 000 gebundene Bücher rechtzeitig zur Freigabe auf einem Kongreß herzustellen, der 1941 trotz überwältigender Hindernisse durchgeführt wurde.

      Ausdehnung nach dem Zweiten Weltkrieg

      Nachdem der Krieg vorüber war, trafen sich Jehovas Zeugen 1946 auf dem internationalen Kongreß in Cleveland (Ohio). Dort sprach Nathan H. Knorr, der damalige Präsident der Watch Tower Society, über Wiederaufbau und Ausdehnung. Seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte die Zahl der Zeugen um 157 Prozent zugenommen, und die Missionare erschlossen schnell neue Gebiete für das Werk. Bruder Knorr umriß Pläne zur Erweiterung der Einrichtungen in der Weltzentrale, die durch die weltweite Nachfrage nach biblischer Literatur notwendig geworden war. Nach der beabsichtigten Erweiterung würde in der Druckerei mehr als doppelt soviel Platz sein wie in dem 1927 erstellten Gebäude, und für die freiwilligen Mitarbeiter sollte ein beträchtlich vergrößertes Bethelheim zur Verfügung stehen. Diese zusätzlichen Gebäude wurden Anfang 1950 fertiggestellt und bezogen.

      Seit 1950 mußten die Druckerei und die Büros der Weltzentrale in Brooklyn immer wieder erweitert werden. 1992 entsprach die Fläche ungefähr acht Häuserblocks und umfaßte 230 071 Quadratmeter Bodenfläche. Es sind nicht bloß Gebäude zur Herstellung von Büchern. Sie sind Jehova übergeben worden und werden zur Produktion von Literatur benutzt, die dazu bestimmt ist, Menschen über seine Anforderungen zur Erlangung des Lebens zu unterweisen.

      In manchen Gebieten war es nach dem Zweiten Weltkrieg schwierig, die Drucktätigkeit der Gesellschaft wieder in Gang zu bringen. Magdeburg, wo die Gesellschaft einen Druckerei- und Bürokomplex besaß, gehörte zur kommunistisch beherrschten Zone. Die deutschen Zeugen waren wieder in die Gebäude eingezogen, konnten aber nur kurze Zeit darin arbeiten, denn sie wurden erneut beschlagnahmt. Um den Bedürfnissen im westlichen Teil Deutschlands zu entsprechen, mußte dort eine Druckerei errichtet werden. Als Folge der Bombardements war von den Städten nur noch Schutt übriggeblieben. Den Zeugen wurde jedoch eine kleine Druckerei in Karlsruhe, die den Nationalsozialisten gehört hatte, zur Benutzung überlassen. 1948 hatten sie in einem Gebäude in Wiesbaden, das ihnen zur Verfügung gestellt worden war, zwei Flachformpressen stehen, die Tag und Nacht liefen. Im Jahr darauf vergrößerten sie ihre Einrichtungen und vervierfachten die Zahl ihrer Druckmaschinen, um den Bedürfnissen der schnell wachsenden Zahl der Königreichsverkündiger in diesem Teil des weltweiten Predigtgebietes gerecht zu werden.

      Als die Gesellschaft 1946 in Griechenland wieder ungehindert drucken konnte, war die Elektrizitätsversorgung alles andere als zuverlässig. Manchmal war stundenlang kein Strom da. 1977 hatten die Brüder in Nigeria das gleiche Problem. Bis der nigerianische Zweig seinen Generator bekam, nahmen die Brüder in der Druckerei zu jeder Tages- und Nachtzeit, sobald der Strom da war, die Arbeit wieder auf. Mit dieser Einstellung ließen sie keine Ausgabe des Wachtturms ausfallen.

      Nachdem Bruder Knorr 1948 Südafrika besucht hatte, wurde in Elandsfontein Land gekauft; und Anfang 1952 bezog der Zweig die neue Druckerei — die erste, die in Südafrika von der Gesellschaft gebaut worden war. Auf einer neuen Flachformpresse begannen die Brüder, Zeitschriften in acht Sprachen zu drucken, die in Afrika gesprochen werden. 1954 wurde der schwedische Zweig so ausgerüstet, daß Zeitschriften auf einer Flachformpresse gedruckt werden konnten, und 1957 auch der dänische Zweig.

      Als die Nachfrage nach Literatur stieg, wurden für einen Zweig nach dem anderen schnelle Hochdruckrotationsmaschinen bereitgestellt. Kanada erhielt seine erste 1958, 1959 bekam England seine erste. Im Jahre 1975 hatte die Watch Tower Society in ihren Druckereien weltweit 70 große Rotationspressen laufen.

      Ein weltumspannendes Netz, um biblische Wahrheit zu veröffentlichen

      Ende der 60er Jahre wurden vereinte Anstrengungen unternommen, die Drucktätigkeit der Watch Tower Society weiter zu dezentralisieren. Jehovas Zeugen nahmen schnell an Zahl zu. Es wurde mehr Platz benötigt, um biblische Literatur für den eigenen Gebrauch und für die Verbreitung in der Öffentlichkeit herzustellen. Aber die Ausdehnung in Brooklyn ging nur langsam voran, da nur wenige Grundstücke zur Verfügung standen und auch wegen des juristischen Bürokratismus. Man machte Pläne, anderswo mehr zu drucken.

      Also wurde 1969 damit begonnen, eine neue Druckerei zu entwerfen, die bei Wallkill (New York), etwa 150 Kilometer nordwestlich von Brooklyn, gebaut werden sollte. Dadurch würden die Einrichtungen des Hauptbüros vergrößert und erweitert, und nach und nach kämen fast alle Exemplare des Wachtturms und des Erwachet! für die Vereinigten Staaten aus Wallkill. Drei Jahre später wurden Pläne für eine zweite, viel größere Druckerei in Wallkill gezeichnet. 1977 druckten die Hochdruckrotationspressen dort über 18 Millionen Zeitschriften im Monat. 1992 waren große M.A.N.-Roland- und Hantscho-Offsetdruckmaschinen in Betrieb (nur 4 Offsetpressen statt der vorherigen 15 Hochdruckpressen), die eine Produktionskapazität von weit über einer Million Zeitschriften am Tag hatten.

      Als man begann, Pläne für eine Druckerei in Wallkill zu schmieden, wurde Der Wachtturm in 32 der damals 72 Sprachen und Erwachet! in 14 der 26 Sprachen in Brooklyn herausgegeben. Ungefähr 60 Prozent der Weltproduktion wurden in der Weltzentrale hergestellt. Es erschien nützlich, einen größeren Teil der Arbeit außerhalb der Vereinigten Staaten erledigen zu lassen, und zwar von unseren Brüdern statt von kommerziellen Firmen. Wenn in Zukunft das Werk der Zeugen Jehovas durch eine Weltkrise oder durch Einmischung von Regierungen irgendwo auf der Erde behindert würde, könnte also immer noch geistige Speise bereitgestellt werden.

      Daher begann man 1971, fast zwei Jahre bevor die erste Druckerei der Gesellschaft in Wallkill in Betrieb genommen wurde, eine schöne neue Druckerei in Numasu (Japan) zu errichten. Die Zunahme an Königreichsverkündigern in Japan auf mehr als das Fünffache in den vorhergehenden zehn Jahren ließ erkennen, daß in Zukunft viel biblische Literatur benötigt würde. Zur selben Zeit wurde das Zweigbüro in Brasilien erweitert. In Südafrika, wo biblische Literatur in über zwei Dutzend afrikanischen Sprachen hergestellt wurde, geschah das gleiche. Im darauffolgenden Jahr, 1972, wurde der Verlag in Australien auf das Vierfache vergrößert, damit in diesem Teil der Welt jede Ausgabe der Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! ohne lange Transportverzögerungen zur Verfügung stünde. In Frankreich und auf den Philippinen wurden weitere Druckereien errichtet.

      Anfang 1972 unternahmen N. H. Knorr und der Druckereiaufseher M. H. Larson eine Auslandsreise, um zu untersuchen, was geleistet wurde, und die Angelegenheiten so zu organisieren, daß die Einrichtungen bestmöglich genützt würden, sowie um die Voraussetzungen für künftige Erweiterungen zu schaffen. Sie besuchten 16 Länder in Südamerika, Afrika und im Fernen Osten.

      Kurz darauf stellte der japanische Zweig die in seinem Gebiet benötigten Zeitschriften in Japanisch selbst her, so daß er nicht mehr von einer kommerziellen Druckerei abhängig war. Im gleichen Jahr, 1972, begann der Zweig in Ghana, den Wachtturm in drei seiner Landessprachen zu drucken, statt auf Lieferungen aus den Vereinigten Staaten und Nigeria zu warten. Als nächstes begann der philippinische Zweig, den Wachtturm und das Erwachet! in acht Landessprachen zu setzen und zu drucken (außerdem druckte man dort die benötigten englischsprachigen Zeitschriften). Das war ein weiterer bedeutender Schritt zur Dezentralisation der Druckarbeiten der Watch Tower Society.

      Gegen Ende 1975 hatte die Watch Tower Society in 23 Ländern rund um die Erde eigene Druckereien, die biblische Literatur lieferten — in drei Ländern Bücher und an allen 23 Standorten Broschüren oder Zeitschriften oder beides. In 25 weiteren Ländern stellte die Gesellschaft auf eigenen Maschinen kleinere Druckerzeugnisse her.

      Die Gesellschaft baute auch ihre Leistungsfähigkeit auf dem Gebiet der Bücherproduktion aus. In der Schweiz und in Deutschland waren bereits Mitte der 20er Jahre Bücher gebunden worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, und zwar 1948, übernahmen die Brüder in Finnland das Binden von Büchern (zunächst weitgehend mit der Hand), hauptsächlich um den Bedarf des eigenen Landes zu decken. Zwei Jahre später betrieb der deutsche Zweig wieder eine Buchbinderei und übernahm mit der Zeit die Buchbinderarbeiten, die in der Schweiz geleistet wurden.

      Als 1967 — es gab weltweit über eine Million Zeugen — Taschenbücher für den Predigtdienst eingeführt wurden, schnellte die Nachfrage nach dieser Art Literatur in die Höhe. Innerhalb von neun Jahren wurden die Buchfertigungsstraßen in Brooklyn mehr als versechsfacht. 1992 hatte die Watch Tower Society in acht Ländern insgesamt 28 Buchfertigungsstraßen in Betrieb.

      Im gleichen Jahr, 1992, druckte die Watch Tower Society nicht nur in den Vereinigten Staaten biblische Literatur in 180 Sprachen, auch ihre vier größeren Druckereien in Lateinamerika lieferten einen Großteil der Literatur, die sowohl im jeweils eigenen Land als auch in anderen Ländern dieses Erdteils benötigt wurde. In Europa stellten elf weitere Druckereien Literatur her, und sie alle trugen dazu bei, den Bedarf an Literatur in anderen Ländern zu decken. Frankreich versorgte 14 Länder regelmäßig mit Literatur, und der deutsche Zweig, der in mehr als 40 Sprachen druckte, versandte große Mengen Literatur in 20 Länder, darüber hinaus kleinere Mengen in andere Länder. Sechs Druckereien der Watch Tower Society in Afrika stellten biblische Literatur in insgesamt 46 Sprachen her. Elf weitere Druckereien — einige groß, einige klein — versorgten den Nahen, Mittleren und Fernen Osten, Inseln im Pazifik, Kanada und andere Gebiete mit Literatur, die zur Verbreitung der dringenden Botschaft von Gottes Königreich dient. In 27 anderen Ländern stellte die Gesellschaft kleinere Druckerzeugnisse her, die die Versammlungen benötigen, damit alles reibungslos abläuft.

      Neue Methoden, neue Ausrüstung

      In den 60er und 70er Jahren wurde die Druckindustrie revolutioniert. Erstaunlich schnell wurde das Hochdruckverfahren zugunsten des Offsetdrucks aufgegeben.d Die Watch Tower Society schwenkte nicht sofort um. Die Platten für Offsetdruckmaschinen, die auf dem Markt waren, eigneten sich nicht für die hohen Auflagen, in denen die Gesellschaft ihre Literatur herausbrachte. Außerdem würde ein Wechsel dieser Art vollständig neue Setz- und Umbruchmethoden erfordern. Neue Druckmaschinen wären nötig. Neue Techniken müßten erlernt werden. Praktisch die gesamte Druckausrüstung in den Druckereien der Gesellschaft müßte ersetzt werden. Die Kosten wären schwindelerregend hoch.

      Mit der Zeit wurde jedoch offensichtlich, daß das Zubehör für das Hochdruckverfahren nicht mehr lange erhältlich sein würde. Die Haltbarkeit der Offsetplatten verbesserte sich schnell. Der Wechsel mußte vollzogen werden.

      Bereits 1972 hatten drei Mitglieder der Bethelfamilie in Südafrika eine kleine gebrauchte Bogenoffsetmaschine gekauft, weil sie sich stark für die Entwicklungen im Offsetdruck interessierten. Man sammelte einige Erfahrungen, indem man kleinere Druckerzeugnisse damit herstellte. 1974 wurde die Maschine dann benutzt, um das Taschenbuch Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt in Ronga zu drucken. Da man in der Lage war, es schnell zu drucken, konnten Tausende Wahrheitshungrige wertvolle biblische Unterweisung erhalten, bevor das Werk der Zeugen Jehovas in dem Gebiet, wo diese Menschen wohnten, wieder verboten wurde. Eine andere Bogenoffsetmaschine, die dem Zweigbüro in Südafrika, kurz nachdem die Brüder die erste gekauft hatten, geschenkt wurde, wurde nach Sambia versandt und dort in Gebrauch genommen.

      Auch in der Druckerei der Gesellschaft in Deutschland begann man früh mit dem Offsetdruck. Im April 1975 fingen die Brüder an, für Jehovas Zeugen in der DDR, wo das Werk verboten war, auf einer Bogenoffsetmaschine Zeitschriften auf Bibeldruckpapier zu drucken. Im Jahr darauf wurden auf dieser Offsetpresse für die verfolgten Brüder Bücher gedruckt.

      Ebenfalls im Jahre 1975 nahm die Watch Tower Society ihre erste Rollenoffsetmaschine zum Drucken von Zeitschriften in Argentinien in Betrieb. Sie lief allerdings nur etwas über ein Jahr; dann verbot die argentinische Regierung das Werk der Zeugen Jehovas und versiegelte ihre Druckerei. Doch in anderen Ländern setzte sich der Offsetdruck immer mehr durch. Anfang 1978 wurden im Hauptbüro der Watch Tower Society in Brooklyn (New York) auf einer Rollenoffsetmaschine Bücher im Dreifarbendruck hergestellt.e Im gleichen Jahr wurde eine zweite Maschine gekauft. Doch es war viel mehr Ausrüstung nötig, um die Umstellung vollständig durchzuführen.

      Die leitende Körperschaft war davon überzeugt, daß Jehova alles Nötige zur Durchführung des Werkes, das er getan haben wollte, zur Verfügung stellen würde. Im April 1979 und im Januar 1980 wurden Briefe an die Versammlungen in den Vereinigten Staaten verschickt, in denen die Situation erklärt wurde. Es gingen Spenden ein — zunächst langsam, doch im Laufe der Zeit waren genug Mittel vorhanden, um das gesamte weltumspannende Netz von Druckereien der Watch Tower Society für den Offsetdruck auszurüsten.

      Um die vorhandene Ausrüstung zu nutzen und den Übergang zu beschleunigen, erteilte die Watch Tower Society in der Zwischenzeit den Auftrag, das neueste Modell der M.A.N.-Druckmaschinen für den Offsetdruck umzubauen. Zwölf Länder erhielten solche Druckmaschinen, darunter waren sechs, die bis dahin ihre Zeitschriften noch nicht selbst gedruckt hatten.

      Vierfarbendruck

      Der finnische Zweig war der erste, der jede Ausgabe seiner Zeitschriften im Vierfarbenoffsetdruck herstellte; man begann auf einfache Art mit den Ausgaben vom Januar 1981, doch nach und nach wendete man verbesserte Techniken an. Als nächstes wurde in Japan ein gebundenes Buch im Vierfarbendruck hergestellt. Andere Watch-Tower-Druckereien folgten dem Beispiel, sobald die Ausrüstung zur Verfügung stand. Einige der Druckmaschinen sind von der Weltzentrale gekauft und versandt worden, andere sind von Jehovas Zeugen im jeweiligen Land bezahlt worden, in dem sich die Druckerei befand. In wieder anderen Fällen haben die Zeugen eines Landes ihren Brüdern in einem anderen Land die notwendige Ausrüstung geschenkt.

      Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Publikationen mit Bildern immer beliebter, und naturgetreue Farben trugen sehr zu einer ansprechenderen Aufmachung bei. Farben so zu verwenden läßt die gedruckte Seite reizvoller erscheinen und lädt daher zum Lesen ein. An vielen Orten wurde festgestellt, daß die Verbreitung der Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! beträchtlich zugenommen hat, nachdem ihr Erscheinungsbild so verbessert wurde.

      Entwicklung geeigneter Computersysteme

      Zur Unterstützung des Vierfarbendrucks mußte ein computergesteuertes Prepress-System zur Druckvorbereitung entwickelt werden, und die Entscheidung, damit zu beginnen, wurde 1977 getroffen. Zeugen, die auf diesem Gebiet Experten waren, boten sich an, in der Weltzentrale zu arbeiten, um der Gesellschaft schnell das Notwendige an die Hand zu geben. (Kurz darauf, im Jahre 1979, begann eine Gruppe in Japan, zu der schließlich ungefähr 50 Zeugen gehörten, Computerprogramme zu erarbeiten, die für die japanische Sprache notwendig waren.) Man verwendete die erhältliche kommerzielle Computerhardware, und die Zeugen bereiteten die Programme vor, die die Gesellschaft für Verwaltungsaufgaben und für ihre Veröffentlichungen in vielen Sprachen benötigte. Um den hohen Standard beizubehalten und die erforderliche Flexibilität zu erreichen, war es notwendig, spezielle Programme für den Fotosatz zu entwickeln. Für viele der 167 Sprachen, in denen die Watch Tower Society damals druckte, waren keine Programme auf dem Markt, mit denen man den Text erfassen und umbrechen konnte; daher mußten die Zeugen ihre eigenen Programme entwickeln.

      Damals betrachteten die Handelsunternehmen Programme für Sprachen, die nur von kleineren Bevölkerungsgruppen oder Personen mit geringem Einkommen gesprochen wurden, als unrentabel, aber Jehovas Zeugen sind an Menschenleben interessiert. Innerhalb relativ kurzer Zeit waren die von ihnen entwickelten Programme zur Herstellung von Literatur in über 90 Sprachen in Gebrauch. Über die Arbeit der Brüder hieß es in dem angesehenen Seybold Report on Publishing Systems (Band 12, Nr. 1, 13. September 1982): „Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Unternehmungsgeist, die Initiative und den Sachverstand der Wachtturm-Leute zu loben. Es gibt heute kaum jemand, der ehrgeizig oder mutig genug ist, eine solche Aufgabe anzupacken, und das von Grund auf.“

      Das Drucken und das Instandhalten der Geräte würde wesentlich vereinfacht, wenn die Geräte weltweit austauschbar wären. Daher wurde 1979 die Entscheidung gefällt, daß die Watch Tower Society ihr eigenes Fotosatzsystem entwickeln sollte. Statt zu sehr von den Geräten auf dem Markt abhängig zu sein, sollte das Team, das daran arbeitete, die grundlegende Hardware herstellen.

      Somit begann eine Gruppe Zeugen Jehovas auf der Wachtturm-Farm in Wallkill (New York), das vielsprachige elektronische Fotosatzsystem MEPS (Multilanguage Electronic Phototypesetting System) zu entwerfen und herzustellen. Bis zum Mai 1986 hatte das Team, das an diesem Projekt arbeitete, nicht nur MEPS-Computer, -Fotosetzmaschinen und -Grafikbildschirme entworfen und gebaut, sondern auch, was noch wichtiger ist, die erforderliche Software entwickelt, um Texte für Publikationen in 186 Sprachen zu verarbeiten.

      Parallel zur Entwicklung der Software erfolgte die umfangreiche Arbeit, Schriftzeichen zu digitalisieren. Dazu war es notwendig, die bezeichnenden Eigentümlichkeiten jeder Sprache intensiv zu studieren. Jedes Schriftzeichen einer Sprache mußte graphisch gestaltet werden (zum Beispiel jeder Buchstabe als Groß- und Kleinbuchstabe sowie alle diakritischen Zeichen und Satzzeichen, und zwar in verschiedenen Größenbereichen) mit extra Zeichnungen für jeden Schriftschnitt (wie zum Beispiel mager, kursiv, halbfett und fett), möglicherweise in einer Anzahl unterschiedlicher Schriftarten. Für jedes Lateinalphabet waren 202 Zeichen nötig. Die 369 lateinischen Schriften machten daher insgesamt 74 538 Zeichen erforderlich. Die Vorbereitung für die chinesischen Schriftzeichen erforderte 8 364 Zeichnungen für jede Schrift, und später sollen noch mehr dazukommen.

      Nachdem die graphische Arbeit getan war, wurde Software erstellt, durch die es möglich wäre, die Zeichen sauber und mit scharfen Konturen zu drucken. Die Software mußte nicht nur das Lateinalphabet verarbeiten können, sondern auch die Schriften Bengalisch, Dewanagari, Griechisch, Kambodschanisch, Koreanisch, Kyrillisch sowie Arabisch und Hebräisch (die beide von rechts nach links gelesen werden) und Japanisch und Chinesisch (die kein Alphabet haben). 1992 stand die Software zur Verarbeitung von über 200 Sprachen zur Verfügung, und es wurden Programme für Sprachen entwickelt, die von weiteren Millionen Menschen gesprochen werden.

      Die Umstellung in den Zweigen erforderte neue Verfahren und das Erlernen neuer Fertigkeiten. Man schickte Mitarbeiter zur Weltzentrale, damit sie lernten, wie große Rollenoffsetmaschinen aufgestellt, bedient und instand gehalten werden. Einigen wurde beigebracht, wie man mit einem Laserscanner die Farben trennt. Weitere Brüder lernten, mit Computern umzugehen und sie zu warten. Somit können Probleme, die irgendwo in der Welt auftreten, schnell behoben werden, damit das Werk weiterhin vorangehen kann.

      Die leitende Körperschaft erkannte, daß eine starke vereinigende Wirkung erzielt würde, wenn Jehovas Zeugen weltweit den gleichen Stoff in ihren wöchentlichen Zusammenkünften studieren und die gleiche Literatur im Predigtdienst benutzen könnten. In der Vergangenheit war Literatur, die in Englisch herausgegeben worden war, in den meisten anderen Sprachen frühestens vier Monate später erhältlich; in vielen Sprachen dauerte es sogar ein oder mehrere Jahre. Jetzt aber war ein Wechsel möglich. Die vollständig kompatible Ausrüstung in den druckenden Zweigen war ein entscheidender Faktor für das simultane Erscheinen von Literatur in verschiedenen Sprachen. Bis 1984 gelang es, den Wachtturm in 20 Sprachen simultan zu veröffentlichen. Als 1989 die kraftvolle Botschaft, die in dem Buch Die Offenbarung — Ihr großartiger Höhepunkt ist nahe! enthalten ist, wenige Monate nach seinem Erscheinen in der Öffentlichkeit verbreitet wurde, war es in 25 Sprachen erhältlich. Bis 1992 war die Zahl der Sprachen, in denen Der Wachtturm simultan herausgegeben wurde, auf 66 Sprachen angestiegen, die von einem Großteil der Weltbevölkerung gesprochen werden.

      Seit 1979, als das Projekt MEPS in Angriff genommen wurde, hat die Computerindustrie außerordentliche Fortschritte gemacht. Leistungsfähige, vielseitig verwendbare Personalcomputer stehen jetzt zu einem Bruchteil der Kosten früherer Geräte zur Verfügung. Die Watch Tower Society entschied sich, solche Personalcomputer zusammen mit der eigenen Software einzusetzen, um mit den Anforderungen Schritt zu halten, die das Publizieren stellt. Auf diese Weise wurde der Produktionsprozeß stark beschleunigt. Außerdem konnten die Computerprogramme dadurch von mehr Zweigen der Gesellschaft genutzt werden — innerhalb kurzer Zeit waren es 83. Bis 1992 hatte die Watch Tower Society weltweit über 3 800 Computerterminals, die mit den Programmen der Gesellschaft arbeiteten. Nicht alle Zweige, die so ausgerüstet sind, drucken, aber jeder Zweig, der einen kleinen Computer und die Software der Gesellschaft sowie einen kleinen Laserdrucker hat, ist in der Lage, alle Druckvorbereitungsarbeiten zu machen, die für Traktate, Zeitschriften, Bücher und irgendwelche anderen Druckerzeugnisse erforderlich sind.

      Verstärkte Unterstützung für Übersetzer durch Computer

      Könnten Computer auch verwendet werden, um die Übersetzer bei ihrer Arbeit zu unterstützen? Die meisten Übersetzer von Wachtturm-Publikationen arbeiten jetzt an Computerterminals, viele von ihnen in den Zweigbüros der Gesellschaft. Andere, die zu Hause übersetzen und die für ihre Arbeit jahrelang die Schreibmaschine benutzt oder die Manuskripte sogar mit der Hand geschrieben hatten, sind geschult worden, ihre Übersetzung in stationäre Computer (Workstations) oder handliche, tragbare Computer (Laptops) einzugeben, die die Gesellschaft gekauft hat. Die Übersetzung kann leicht direkt am Bildschirm verbessert werden. Wenn die Übersetzung nicht in dem Zweigbüro angefertigt wird, das den Text drucken soll, braucht man ihn nur auf eine dünne flexible Diskette zu übertragen und diese an den druckenden Zweig zur weiteren Bearbeitung zu senden.

      Als sich 1989/90 in vielen Ländern schnelle Regierungswechsel vollzogen, wurde die internationale Verständigung einfacher. Rasch beriefen Jehovas Zeugen ein Seminar für ihre Übersetzer aus Osteuropa ein. Es war dazu gedacht, ihnen zu helfen, die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern, sie in die Lage zu versetzen, die zur Verfügung stehende Computerausrüstung zu benutzen, und es zu ermöglichen, den Wachtturm in ihren Sprachen simultan herauszubringen. Übersetzern in Südostasien wurde die gleiche Hilfe geboten.

      Konnte der Computer aber auch eingesetzt werden, um das Übersetzen zu beschleunigen und die Qualität zu verbessern? Ja. Ab 1989 verwendeten Jehovas Zeugen leistungsfähige Computersysteme, um die Übersetzung der Bibel zu unterstützen. Nach umfangreicher Vorarbeit standen elektronische Dateien zur Verfügung, die es dem Übersetzer gestatten, sich schnell irgendein bestimmtes Wort in der Originalsprache zusammen mit allen Wiedergaben in Englisch gemäß dem jeweiligen Kontext in der Neuen-Welt-Übersetzung auf dem Computerbildschirm anzeigen zu lassen. Er kann auch ein englisches Schlüsselwort wählen und alle Wörter in der Originalsprache abrufen, die mit diesem Wort (und möglicherweise mit anderen Wörtern ähnlicher Bedeutung) wiedergegeben wurden. Dabei zeigt sich oft, daß im Englischen eine Gruppe von Wörtern gebraucht wurde, um die Bedeutung zu übermitteln, die ein einziges Wort der Originalsprache beinhaltet. Dem Übersetzer wird schnell ein tiefer Einblick in das gewährt, was er gerade übersetzt. Es hilft ihm, den besonderen Sinn des Grundwortes in der Originalsprache zu erfassen sowie die genaue Bedeutung, die der Kontext erfordert, und es somit richtig in der eigenen Sprache auszudrücken.

      Erfahrene Übersetzer, die diese Computerdateien verwenden, untersuchen alle Vorkommnisse eines bestimmten Wortes in der Bibel und ordnen jedem dieser Vorkommnisse die Entsprechung in der Zielsprache zu gemäß dem, was der Kontext erfordert. Dadurch wird ein hoher Grad an Übereinstimmung gewährleistet. Die Arbeit eines jeden Übersetzers wird von anderen, die in dem Team mitarbeiten, durchgesehen, damit die Übersetzung dank der Nachforschung und Erfahrung aller wirklich optimal wird. Wenn das erledigt ist, könnte man den Computer eine bestimmte Textstelle aus der Heiligen Schrift anzeigen lassen, wobei jedes Wort des englischen Textes zu sehen ist, eine Nummer, die auf das verweist, was in der Originalsprache steht, und die gewählte Entsprechung in der Zielsprache. Damit ist die Arbeit allerdings noch nicht getan. Der Übersetzer muß den Satz noch so gestalten, daß er sich in der Zielsprache gut liest. Wenn er das tut, ist es jedoch äußerst wichtig, daß er ein klares Verständnis der Bedeutung der Schriftstelle hat. Um ihm dabei zu helfen, wurde ihm am Computer ein sofortiger Zugriff auf veröffentlichte Wachtturm-Kommentare zu dem Bibelvers oder zu einem Ausdruck daraus gegeben.

      Die Zeit für Nachforschungen konnte somit in Grenzen gehalten und ein hohes Maß an Übereinstimmung erreicht werden. Mit dem weiteren Ausbau dieser Möglichkeiten besteht die Hoffnung, daß mehr wertvolle Publikationen schnell zur Verfügung gestellt werden können, sogar in Sprachen, für die nur eine kleine Gruppe von Übersetzern da ist. Die Verwendung dieses Mittels bei der Herstellung von Literatur zur Förderung der Verkündigung der Königreichsbotschaft hat ein breites Gebiet für Veröffentlichungen erschlossen.

      Somit verwenden Jehovas Zeugen in der Neuzeit ebenso wie die ersten Christen die modernsten Mittel, um Gottes Wort zu verbreiten. Weil sie mit der guten Botschaft so viele Menschen wie möglich erreichen wollen, haben sie sich nicht gescheut, neuen Herausforderungen auf dem Gebiet des Publizierens zu begegnen.

      [Fußnoten]

      a Im Jahre 1896 wurde der Name der Körperschaft offiziell geändert in Watch Tower Bible and Tract Society.

      b Das war eine Firma, deren Besitzer Charles Taze Russell war. 1898 übertrug er das Betriebsvermögen der Tower Publishing Company der Watch Tower Bible and Tract Society durch Schenkung.

      c Sie konnten nicht nur deshalb keine Kohlen bekommen, weil wegen des Krieges Kohlen knapp waren. Hugo Riemer, der damals ein Mitarbeiter im Hauptbüro war, schrieb später, daß der Hauptgrund der Haß war, den man auf die Bibelforscher hatte und der zu jener Zeit in New York sehr ausgeprägt war.

      d Beim Hochdruckverfahren druckt die erhabene Oberfläche, auf der spiegelbildlich das erscheint, was gedruckt werden soll. Diese erhabene Oberfläche wird mit Druckfarbe eingefärbt und gegen Papier gepreßt. Beim Offsetdruck werden die druckenden Teile der Platte eingefärbt, die Farbe wird auf einen Gummituchzylinder und von dort auf das Papier übertragen.

      e Von 1959 bis 1971 hatte die Gesellschaft eine Bogenoffsetmaschine in ihrer Brooklyner Druckerei benutzt, um Kalender im Vierfarbendruck zu produzieren, auf denen Themen dargestellt wurden, die mit dem Predigen der guten Botschaft in Verbindung standen.

      [Herausgestellter Text auf Seite 578]

      „Die Kohlen [sollen] den Ausschlag geben“

      [Herausgestellter Text auf Seite 595]

      Das gesamte weltumspannende Netz von Druckereien der Watch Tower Society wurde für den Offsetdruck ausgerüstet

      [Herausgestellter Text auf Seite 596]

      „Uns bleibt nichts anderes übrig, als ... [die] Wachtturm-Leute zu loben“

      [Kasten/Bilder auf Seite 581]

      Schriftsetzen

      Zuerst wurde jeder Buchstabe mit der Hand gesetzt

      Südafrika

      Von 1920 bis in die 80er Jahre waren Linotype-Setzmaschinen in Gebrauch

      Vereinigte Staaten

      An manchen Orten wurde mit einer Monotype-Setzmaschine gesetzt

      Japan

      Jetzt werden Computer benutzt, um den Text zu gestalten

      Deutschland

      [Kasten/Bilder auf Seite 582]

      Plattenherstellung

      Von den 20er bis zu den 80er Jahren wurden Bleiplatten für den Buchdruck hergestellt

      [Bilder]

      1. Gesetzte Zeilen für die zu druckende Seite wurden in sogenannte Schließrahmen aus Metall geschlossen

      2. Mit starkem Druck wurde ein Abdruck des Schriftbildes der Zeilen in eine Mater geprägt, die als Gußform diente

      3. Die Mater (oder Gußform) wurde mit flüssigem Blei ausgegossen, um eine gerundete Druckplatte zu erhalten

      4. Hochstehendes Metall, das nicht drucken sollte, wurde von der Oberfläche der Platte weggefräst

      5. Die Platten wurden vernickelt, um sie haltbarer zu machen

      Später wurden die Negative von Fotosatzseiten positioniert und Bilder einmontiert. Gruppen von Seiten wurden fotografisch auf flexible Offsetdruckplatten übertragen.

      [Kasten/Bild auf Seite 585]

      Beweis für Jehovas Geist

      „Der Erfolg beim Drucken von Büchern und Bibeln auf Rotationsmaschinen, die von Personen mit wenig oder gar keiner Erfahrung bedient wurden [und das zu einer Zeit, als andere das noch nicht taten], ist ein Beweis für Jehovas Aufsicht und die Führung seines Geistes“, sagte Charles Fekel. Bruder Fekel wußte genau, wovon er sprach, denn er hatte über ein halbes Jahrhundert lang einen Anteil an der Entwicklung der Druckarbeiten im Hauptbüro der Gesellschaft. Die letzten Jahre seines Lebens diente er als ein Mitglied der leitenden Körperschaft.

      [Bild]

      Charles Fekel

      [Kasten/Bild auf Seite 586]

      Auf den allmächtigen Gott vertrauen

      Ein Erlebnis, das Hugo Riemer, früher Einkäufer für die Watch Tower Society, erzählte, zeigt, wie die Gesellschaft ihre geschäftlichen Angelegenheiten erledigt.

      Während des Zweiten Weltkrieges war Druckpapier in den Vereinigten Staaten rationiert. Um welches zu erhalten, mußte ein Gesuch bei einer Regierungskommission eingereicht werden. Einmal ließ sich eine bekannte Bibelgesellschaft durch Rechtsanwälte, Großunternehmer, Prediger und andere Personen vor der Kommission vertreten. Ihnen wurde wesentlich weniger bewilligt, als sie beantragt hatten. Nachdem sie ihre Bitten vorgetragen hatten, ließ die Kommission die Vertreter der Watchtower Bible and Tract Society kommen. Als Hugo Riemer und Max Larson vortraten, fragte der Vorsitzende: „Nur Sie zwei?“ Die Antwort war: „Ja. Wir hoffen, daß auch Gott, der Allmächtige, mit uns ist.“ Ihnen wurde alles, was sie brauchten, bewilligt.

      [Bild]

      Hugo Riemer

      [Kasten/Bilder auf Seite 587]

      Druckmaschinen

      Die unterschiedlichsten Pressen sind von der Watch Tower Society zum Drucken verwendet worden

      [Bilder]

      Viele Jahre lang waren Flachformpressen verschiedenster Art in Gebrauch (Deutschland)

      Akzidenzpressen wurden nicht nur benutzt, um Formulare und Handzettel zu drucken, sondern auch Zeitschriften (USA)

      58 dieser M.A.N.-Hochdruckrotationsmaschinen aus Deutschland liefen in den verschiedenen Druckereien (Kanada)

      Jetzt werden in den größeren Druckereien der Gesellschaft Hochgeschwindigkeits- Vierfarbenrollenoffsetpressen benutzt, die in verschiedenen Ländern gebaut wurden

      Italien

      Deutschland

      [Kasten/Bilder auf Seite 588, 589]

      Buchbinderei

      Anfangs wurden Bücher in Watch-Tower-Druckereien zum Teil mit der Hand gebunden (Schweiz)

      Die Massenproduktion in den Vereinigten Staaten erforderte viele getrennte Arbeitsgänge:

      1. Bogen werden gesammelt

      2. Sie werden geheftet

      3. Vorsätze werden angeklebt

      4. Beschnitt

      5. Buchdecken werden geprägt

      6. Decken werden mit den Büchern zusammengeklebt

      7. Pressen der Bücher, bis der Leim abgebunden hat

      Heute werden Bücher oft nicht mehr geheftet, sondern durch Klebebindung zusammengehalten, und schnelle Maschinen können pro Tag je 20 000 Bücher oder mehr produzieren

      [Kasten/Bilder auf Seite 594]

      Erkenntnis über Gottes Königreich gefördert

      Die Watch Tower Society hat zu verschiedenen Zeiten Literatur in über 290 Sprachen hergestellt. 1992 gab sie Literatur in ungefähr 210 Sprachen heraus. Das alles wurde getan, um Menschen zu helfen, Gottes Königreich und das, was es für sie bedeutet, kennenzulernen. Zu ihren bisher am weitesten verbreiteten Bibelstudienhilfsmitteln gehören:

      „Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt“ (1968): 107 553 888 Exemplare in 117 Sprachen

      „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“ (1982): 62 428 231 Exemplare in 115 Sprachen

      „Für immer auf der Erde leben!“ (1982): 76 203 646 Exemplare in 200 Sprachen

      Obige Zahlen sind aus dem Jahr 1992.

      [Kasten/Bilder auf Seite 598]

      Kassettenaufnahmen

      Seit 1978 hat die Watch Tower Society außer Druckerzeugnissen in den Vereinigten Staaten und in Deutschland mit eigenen Geräten auch über 65 Millionen Kassetten produziert und in ihrem Evangelisierungswerk eingesetzt.

      Die gesamte „Neue-Welt-Übersetzung“ gibt es in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch und Spanisch auf Kassette. 1992 war diese Bibelübersetzung außerdem in acht weiteren Sprachen teilweise auf Kassette erhältlich.

      Als Hilfe zur Belehrung kleiner Kinder wurden Tonbandaufnahmen von den Publikationen „Mein Buch mit biblischen Geschichten“ und „Auf den Großen Lehrer hören“ gemacht, die besonders für sie gedacht sind.

      Außerdem werden in einigen Ländern Tonband- aufnahmen für Rundfunksendungen hergestellt.

      Es wurden Aufnahmen von einem Orchester gemacht, dessen Musiker alle Zeugen Jehovas sind. Die Bänder dienen bei Kongressen der Zeugen Jehovas als Begleitung zum Gesang. Außerdem sind schöne Orchester- arrangements dieser Musik erhältlich, die man sich zu Hause anhören kann.

      Dramen (sowohl neuzeitliche als auch aus biblischer Zeit) werden aufgenommen und auf Kongressen aufgeführt, wobei Zeugen als Darsteller dem Publikum helfen, sich die Ereignisse vorzustellen. Einige der Aufnahmen können später im Familienkreis zur Erbauung und Belehrung abgehört werden.

      Die Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Erwachet!“ stehen auf Kassette in Englisch und Finnisch zur Verfügung. Außerdem gibt es den „Wachtturm“ auf Kassette in Dänisch, Deutsch, Französisch, Norwegisch und Schwedisch. Ursprünglich waren die Bänder für Sehbehinderte gedacht, doch viele Tausend andere schätzen sie auch.

      [Bild]

      J. E. Barr im Aufnahmestudio

      [Kasten/Bilder auf Seite 600, 601]

      Videokassetten bei der Verkündigung des Königreiches eingesetzt

      Im Jahre 1990 betrat die Watch Tower Society Neuland, als sie ihre erste Videokassette freigab, die für die Verbreitung in der Öffentlichkeit bestimmt war.

      Man nahm in jenem Jahr an, daß rund um die Erde über 200 000 000 Haushalte Videorecorder verschiedener Bauart besaßen. Sogar in Ländern, in denen es keine Fernsehsender gab, besaßen die Leute Videorecorder. Der Einsatz von Videokassetten als Mittel zur Unterweisung war ein neuer Weg, ein breites Publikum zu erreichen.

      Bereits 1985 war mit der Arbeit an einem Videofilm begonnen worden, der den Besuchern der Weltzentrale der Gesellschaft einiges von dem zeigen sollte, was dort geleistet wird. Im Laufe der Zeit zeigte es sich auch, daß sich neue Mitglieder der Bethelfamilie dank Videofilmen rascher zurechtfinden konnten. Könnte man dieses Mittel zur Unterweisung auch anders verwenden, nämlich um das weltweite Werk des Jüngermachens zu unterstützen? Einige Brüder glaubten das.

      Das Ergebnis war, daß im Oktober 1990 die Videokassette „Jehovas Zeugen — Die Organisation, die hinter dem Namen steht“ freigegeben wurde. Die Reaktion war hervorragend. Es ging eine Flut von Wünschen nach mehr solchen Filmen ein. Um diesem Bedürfnis zu entsprechen, wurde eine neue Abteilung mit Namen Video Services eingerichtet.

      Zeugen, die auf diesem Gebiet Experten sind, haben gern ihre Hilfe angeboten. Man erstand die Ausrüstung. Studios wurden eingerichtet. Ein Kamerateam fing an, in verschiedene Länder zu reisen, um Menschen und Objekte zu filmen, die sich für einen Videofilm eigneten, der den Glauben stärken sollte. Das internationale, nur aus Zeugen Jehovas zusammengesetzte Orchester, das wiederholt bei besonderen Projekten mitgewirkt hatte, lieferte Musik, die die Videofilme abrundete.

      Pläne, mehr Sprachgruppen zu erreichen, wurden in die Tat umgesetzt. Mitte 1992 wurde der Videofilm „Jehovas Zeugen — Die Organisation, die hinter dem Namen steht“ in über einem Dutzend Sprachen verschickt. Er wurde in 25 Sprachen aufgenommen — darunter auch osteuropäische Sprachen. Außerdem liefen Vorbereitungen, ihn für Chinesen sowohl in Mandarin als auch in Kantonesisch aufzunehmen. Die Gesellschaft hat auch die Rechte erworben, den Videofilm „Purple Triangles“ (Lila Winkel) zu reproduzieren und zu verbreiten, der von der Lauterkeit einer Familie von Zeugen Jehovas in Deutschland während der nationalsozialistischen Herrschaft handelt. Innerhalb von zwei Jahren sind weit mehr als eine Million Videokassetten hergestellt worden, die Jehovas Zeugen in ihrem Predigtdienst gebrauchen.

      Besondere Aufmerksamkeit wurde den Taubstummen geschenkt. Es wurde eine Ausgabe des Films „Jehovas Zeugen — Die Organisation, die hinter dem Namen steht“ in amerikanischer Zeichensprache hergestellt. Und man stellte Untersuchungen an in der Absicht, Videofilme zu produzieren, die für Taubstumme in anderen Ländern geeignet sind.

      Währenddessen wurde an einer Serie gearbeitet, die dazu beitragen wird, den Glauben an das Buch zu stärken, das die eigentliche Grundlage des christlichen Glaubens ist: die Bibel. Im September 1992 wurde der erste Teil dieses Programms, „Die Bibel — Genaue Geschichte, zuverlässige Prophetie“, in Englisch fertiggestellt, und anderssprachige Versionen waren in Vorbereitung.

      Videokassetten werden auf keinen Fall Druckerzeugnisse oder das persönliche Zeugnisgeben ersetzen. Die Publikationen der Gesellschaft erfüllen weiterhin eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der guten Botschaft. Der Haus-zu-Haus-Dienst der Zeugen Jehovas bleibt ein Bestandteil ihres Dienstes, der in der Bibel fest verankert ist. Allerdings sind jetzt Videokassetten ergänzend hinzugekommen — ein wertvolles Instrument, um Glauben an Jehovas kostbare Verheißungen zu fördern und Wertschätzung für das zu wecken, was er heute auf der Erde vollbringen läßt.

      [Bilder]

      1. Nachdem der Inhalt in groben Zügen festgelegt ist, wird das Drehbuch ausgearbeitet, und gleichzeitig werden die Videoaufnahmen gemacht

      2. Bilder werden ausgewählt, und die Szenenfolge wird beim Schneiden bestimmt

      3. Speziell komponierte Orchestermusik wird aufgenommen, um den Film abzurunden

      4. Digital aufgezeichnete Musik und Geräusche werden mit dem Kommentar und den Bildern gemischt

      5. Ton- und Bildbestandteile erhalten den letzten Schliff

      [Bilder auf Seite 576]

      Diese ersten Publikationen wurden von kommerziellen Betrieben gedruckt

      [Bild auf Seite 577]

      C. A. Wise machte einen Test, um zu sehen, ob die Bibelforscher ihr Hauptbüro wieder in Brooklyn eröffnen sollten

      [Bilder auf Seite 579]

      Die erste Rotationsmaschine der Gesellschaft wurde eingesetzt, um 4 000 000 Exemplare der aufrüttelnden Ausgabe Nr. 27 des „Goldenen Zeitalters“ zu drucken

      [Bild auf Seite 580]

      R. J. Martin (rechts), der erste Aufseher der gesellschaftseigenen Druckerei in Brooklyn, bespricht sich mit Bruder Rutherford

      [Bild auf Seite 583]

      Eine der ersten Druckereien der Gesellschaft in Europa (Bern, Schweiz)

      [Bilder auf Seite 584]

      In den 20er Jahren errichtete die Gesellschaft in Magdeburg eine Druckerei

      [Bilder auf Seite 590, 591]

      Elandsfontein (Südafrika), 1972

      [Bild auf Seite 590]

      Numasu (Japan), 1972

      [Bild auf Seite 590]

      Strathfield (Australien), 1972

      [Bild auf Seite 590]

      São Paulo (Brasilien), 1973

      [Bild auf Seite 591]

      Lagos (Nigeria), 1974

      [Bild auf Seite 591]

      Wiesbaden (Deutschland), 1975

      [Bild auf Seite 591]

      Toronto (Kanada), 1975

      [Bild auf Seite 597]

      Die Zeugen haben Tausende Schriftzeichen digitalisiert, um den Bedarf an biblischer Literatur in vielen Sprachen zu decken (Brooklyn)

      [Bild auf Seite 599]

      Art-Designer können an Farbmonitoren Bilder elektronisch positionieren, beschneiden und retuschieren

      [Bild auf Seite 602]

      Jehovas Zeugen setzen Computer ein, um das Übersetzen der Bibel zu beschleunigen und zu verbessern (Korea)

  • Gottes heiliges Wort drucken und verbreiten
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 27

      Gottes heiliges Wort drucken und verbreiten

      AM Hauptgebäude des Druckereikomplexes der Weltzentrale von Jehovas Zeugen steht seit Jahrzehnten die anspornende Aufschrift: „Lies Gottes Wort, die Bibel, täglich!“

      Jehovas Zeugen selbst studieren Gottes Wort fleißig. Um den genauen Sinn des Urtextes der inspirierten Schriften herauszufinden, haben sie im Laufe der Jahre Dutzende von verschiedenen Bibelübersetzungen verwendet. Sie werden ermuntert, für das tägliche Bibellesen ein eigenes Programm zu haben. Abgesehen davon, daß sie Gottes Wort thematisch studieren, lesen und besprechen sie die Bibel in den Zusammenkünften ihrer Versammlungen fortlaufend. Dabei geht es ihnen nicht darum, Texte herauszufinden, die ihre Ansichten stützen. Für sie ist die Bibel Gottes inspiriertes Wort. Sie wissen genau, daß es nützlich ist zum Zurechtweisen und zur Erziehung, und sie bemühen sich ernstlich, ihr Denken und Handeln danach auszurichten (2. Tim. 3:16, 17; vergleiche 1. Thessalonicher 2:13).

      Da Jehovas Zeugen davon überzeugt sind, daß die Bibel Gottes heiliges Wort ist, und da sie die darin enthaltene herrliche gute Botschaft kennen, sind sie eifrig bemüht, Bibeln herauszugeben und zu verbreiten.

      Eine Gesellschaft, die Bibeln herausgibt

      Im Jahre 1896 wurde die Bezeichnung Bibel offiziell in den Namen der gesetzlich eingetragenen Körperschaft aufgenommen, die den Bibelforschern zu jener Zeit in ihrem Verkündigungswerk diente. Damals wurde der gesetzlich eingetragene Name Zion’s Watch Tower Tract Society auf Watch Tower Bible and Tract Society abgeändert.a Die Gesellschaft begann zwar nicht sogleich selbst mit dem Drucken und Binden von Bibeln, aber sie wirkte als Herausgeber, indem sie wertvolles Material zur Verfügung stellte und dann kommerzielle Druckereien mit dem Drucken und Binden der Bibeln beauftragte.

      Schon vor 1896 trug die Gesellschaft viel zur Verbreitung der Bibel bei. Nicht um finanziellen Gewinn zu erzielen, sondern um ihren Lesern einen Dienst zu erweisen, lenkte sie die Aufmerksamkeit auf verschiedene Bibelübersetzungen, die erhältlich waren, kaufte sie in großen Mengen ein, um sie preiswert zu bekommen, und gab sie dann zu einem Betrag ab, der oft nur 35 Prozent des Listenpreises ausmachte. Dazu gehörten zahlreiche Ausgaben der King-James-Bibel, die leicht und handlich waren; ferner die größeren „Teachers’ Bibles“ (eine King-James-Bibel mit einer Konkordanz, mit Karten und Randbemerkungen); die Emphatic Diaglott mit einer griechisch-englischen Zwischenzeilenübersetzung; Leesers Übersetzung, in der der englische Text neben dem hebräischen erschien; Murdocks Übersetzung aus dem Altsyrischen; die Newberry Bible mit Randbemerkungen, denen zu entnehmen war, wo in der Ursprache der göttliche Name vorkommt, oder die auf andere wertvolle Einzelheiten im hebräischen und griechischen Text hinwiesen; Tischendorfs New Testament mit Fußnoten, die auf abweichende Lesarten in den drei vollständigsten alten griechischen Bibelhandschriften (Sinaiticus, Vaticanus und Alexandrinus) aufmerksam machten; die Variorum Bible, in deren Fußnoten nicht nur abweichende Lesarten alter Manuskripte wiedergegeben wurden, sondern auch Textteile nach der unterschiedlichen Übersetzung namhafter Gelehrter, und die wörtliche Übersetzung von Young. Außerdem waren bei der Gesellschaft Hilfsmittel erhältlich wie Cruden’s Concordance und die Analytical Concordance von Young mit Kommentaren zu hebräischen und griechischen Wörtern. In den folgenden Jahren bezogen Jehovas Zeugen in der ganzen Welt oft Tausende von Bibeln in den erhältlichen Sprachen von anderen Bibelgesellschaften und verbreiteten sie.

      Soweit bekannt, wurde auf Veranlassung der Gesellschaft schon 1890 eine Sonderausgabe gedruckt, in der ihr Name stand; es war die zweite Ausgabe eines Neuen Testaments (The New Testament Newly Translated and Critically Emphasised), das der britische Bibelübersetzer Joseph B. Rotherham angefertigt hatte. Warum diese Übersetzung? Weil es eine wörtliche Übersetzung war und der Übersetzer sich dabei Forschungsergebnisse zunutze gemacht hatte, die die Erstellung eines genaueren griechischen Textes ermöglichten, und weil er durch verschiedene Mittel dem Leser erkennen half, welche Wörter oder Ausdrücke im griechischen Text besonders betont wurden.

      Im Jahre 1902 wurde auf Veranlassung der Watch Tower Society eine Sonderausgabe der Holman-Parallelbibel (engl.) gedruckt. Sie hatte einen breiten Rand mit Verweisen auf Stellen in Wachtturm-Publikationen, in denen verschiedene Bibelverse erklärt wurden; außerdem enthielt sie ein umfangreiches Sachverzeichnis mit Bibeltextangaben und nützlichen Verweisen auf Publikationen der Gesellschaft. Sie gab den Wortlaut zweier Übersetzungen wieder: den der King-James-Bibel und darunter den der Revised Version, sofern ein Unterschied bestand. Auch hatte sie eine umfassende Konkordanz, die den Benutzer auf unterschiedliche Bedeutungen der Wörter in der Ursprache aufmerksam machte.

      Im gleichen Jahr gelangte die Watch Tower Society in den Besitz der Druckplatten für die Emphatic Diaglott, die den griechischen Text der Christlichen Griechischen Schriften von J. J. Griesbach (Ausgabe 1796 bis 1806) mit einer englischen Zwischenzeilenübersetzung enthielt. Daneben erschien der Text von Benjamin Wilson, einem gebürtigen Engländer, der sich in Geneva (Illinois, USA) niedergelassen hatte. Diese Platten und das alleinige Verlagsrecht waren gekauft und dann der Gesellschaft geschenkt worden. Nachdem die bereits vorhandenen Exemplare verschickt worden waren, ließ die Gesellschaft weitere drucken, die dann 1903 erhältlich waren.

      Vier Jahre später (1907) wurde die Bibelforscherausgabe der King-James-Bibel veröffentlicht. Im Anhang war das „Beröer-Handbuch für Bibellehrer“ beigefügt. Es enthielt kurze Kommentare zu Versen aus der ganzen Bibel mit Hinweisen auf Wachtturm-Publikationen, in denen ausführlichere Erklärungen zu finden waren. Etwa ein Jahr später erschien eine Ausgabe mit einem erweiterten Anhang.

      Diese Bibeln wurden bei den Druckern und Buchbindern in Mengen von 5 000 bis 10 000 Exemplaren bestellt, um die Kosten niedrig zu halten. Die Gesellschaft war daran interessiert, für möglichst viele Menschen verschiedene Bibelübersetzungen und entsprechende Studienhilfsmittel verfügbar zu haben.

      Dann, im Jahre 1926, unternahm die Watch Tower Society in Verbindung mit der Veröffentlichung von Bibeln einen wichtigen Schritt vorwärts.

      Die Bibel auf unseren eigenen Pressen gedruckt

      Erst 36 Jahre nachdem die Watch Tower Bible and Tract Society mit der Veröffentlichung von Bibeln begonnen hatte, ging sie daran, Bibeln in ihrer eigenen Druckerei zu drucken und zu binden. Es handelte sich dabei um die Emphatic Diaglott, deren Druckplatten bereits 24 Jahre im Besitz der Gesellschaft waren. Sie wurde im Dezember 1926 auf einer Flachformpresse in der Druckerei der Gesellschaft in der Concord Street in Brooklyn gedruckt. Bis heute sind von dieser Bibel 427 924 Exemplare hergestellt worden.

      Sechzehn Jahre später, mitten im Zweiten Weltkrieg, unternahm es die Gesellschaft, die ganze Bibel zu drucken. Zu diesem Zweck wurden 1942 von der Firma A. J. Holman in Philadelphia (Pennsylvanien) die Druckplatten für die King-James-Bibel mit Randbemerkungen gekauft. Diese vollständige englische Bibelübersetzung stützte sich nicht auf die lateinische Vulgata, sondern stammte von Gelehrten, die frühere Übersetzungen mit dem hebräischen, aramäischen und griechischen Grundtext vergleichen konnten. Eine von über 150 Dienern Jehovas zusammengestellte Konkordanz wurde beigefügt. Sie sollte Jehovas Zeugen helfen, im Predigtdienst schnell die passenden Schrifttexte zu finden und die Bibel als „Schwert des Geistes“ wirkungsvoll zu gebrauchen, um religiöse Irrtümer bloßzustellen und zu beseitigen (Eph. 6:17). Damit die Bibel für die Allgemeinheit erschwinglich sein würde, druckte man sie auf einer Rotationsmaschine — etwas, was andere Bibeldrucker bis dahin noch nie gewagt hatten. Bis 1992 wurden insgesamt 1 858 368 dieser Bibeln hergestellt.

      Den Zeugen Jehovas ging es aber nicht nur darum, die Menschen mit Bibeln, das heißt mit dem Buch an sich, zu versorgen. Sie wollten ihnen vielmehr helfen, den Namen und den Vorsatz Jehovas, des göttlichen Urhebers der Bibel, kennenzulernen. Es gab eine Übersetzung in Englisch — die American Standard Version von 1901 —, in der der göttliche Name an den über 6 870 Stellen erschien, wo er in den Quellen vorkam, die die Übersetzer bei ihrer Arbeit benutzt hatten. 1944 erwarb sich die Watch Tower Society nach monatelangen Verhandlungen das Recht, einen Satz Druckplatten für diese Bibel herzustellen, der von den Originalen der New Yorker Druckerei Thomas Nelson und Söhne kopiert wurde. In den darauffolgenden 48 Jahren wurden 1 039 482 Exemplare gedruckt.

      Steven Byington aus Ballard Vale (Massachusetts, USA) hatte ebenfalls eine Bibelübersetzung in neuzeitlichem Englisch angefertigt, die den göttlichen Namen an den entsprechenden Stellen wiedergab. 1951 gelangte die Watch Tower Society in den Besitz seines unveröffentlichten Manuskripts, und 1961 erwarb sie das Verlagsrecht. Diese vollständige Übersetzung wurde 1972 gedruckt. Bis 1992 sind 262 573 Exemplare hergestellt worden.

      Inzwischen war jedoch eine andere Entwicklung im Gange.

      Die Herstellung der Neuen-Welt-Übersetzung

      Anfang Oktober 1946 machte Nathan H. Knorr, der damalige Präsident der Watch Tower Society, erstmals den Vorschlag, daß die Gesellschaft eine neue Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften herstelle. Am 2. Dezember 1947 begann man mit den eigentlichen Übersetzungsarbeiten. Der vollständige Text wurde vom gesamten Übersetzungskomitee, zu dem ausschließlich geistgesalbte Christen gehörten, sorgfältig überprüft. Am 3. September 1949 berief Bruder Knorr dann eine Sitzung der Vorstandsmitglieder der New Yorker und der pennsylvanischen Körperschaft ein. Er teilte ihnen mit, daß das Neue-Welt-Bibelübersetzungskomitee die Arbeit an einer neuzeitlichen Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften beendet und das Manuskript der Gesellschaft zur Veröffentlichung übergeben habe.b Es handelte sich dabei um eine neue Übersetzung aus der griechischen Ursprache.

      War eine andere Übersetzung wirklich notwendig? Zu jener Zeit war die gesamte Bibel bereits in 190 Sprachen übersetzt, und zumindest Teile davon waren in 928 weiteren Sprachen und Dialekten erhältlich. Jehovas Zeugen haben zu verschiedenen Zeiten von den meisten dieser Übersetzungen Gebrauch gemacht. Es ist jedoch eine Tatsache, daß diese Übersetzungen überwiegend von Geistlichen und Missionaren der Religionsgemeinschaften der Christenheit angefertigt wurden und mehr oder weniger von den heidnischen Philosophien und den unbiblischen Überlieferungen, die diese Religionsgemeinschaften aus der Vergangenheit übernommen haben, beeinflußt sind, aber auch von den Vorurteilen der Bibelkritik. Außerdem standen immer mehr ältere und zuverlässigere Bibelhandschriften zur Verfügung. Archäologische Entdeckungen trugen zu einem besseren Verständnis der griechischen Sprache des ersten Jahrhunderts bei. Auch haben sich die Sprachen, in die die Bibel übersetzt worden ist, im Laufe der Jahre gewandelt.

      Jehovas Zeugen wollten eine Übersetzung haben, bei der die neusten wissenschaftlichen Kenntnisse ausgewertet wurden, eine Übersetzung, die unbeeinflußt war von den Glaubensbekenntnissen und Traditionen der Christenheit, eine wörtliche Übersetzung, die den Text der ursprünglichen Schriften getreu wiedergab und daher die Voraussetzung für ständiges Wachstum in der Erkenntnis der göttlichen Wahrheit bildete, eine Übersetzung, die für den heutigen Leser klar und verständlich sein würde. Die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften, die 1950 in Englisch freigegeben wurde, entsprach diesem Bedürfnis — zumindest, was diesen Teil der Bibel betraf. Als Jehovas Zeugen sie zu gebrauchen begannen, waren viele davon begeistert, weil sie feststellten, daß sie wegen ihrer modernen Sprache nicht nur leichter zu lesen war, sondern daß sie dadurch auch den Sinn des inspirierten Wortes Gottes besser verstanden.

      Ein besonderes Merkmal dieser Übersetzung ist die Wiedereinführung des göttlichen Namens, des Eigennamens Gottes, Jehova, an 237 Stellen in den Christlichen Griechischen Schriften. Die Neue-Welt-Übersetzung war allerdings nicht die erste Übersetzung, in der der Name wiedereingeführt wurde.c Doch wahrscheinlich war sie die erste, bei der dies im Haupttext von Matthäus bis Offenbarung durchweg geschah. In einer ausführlichen Erklärung im Vorwort wurde der einleuchtende Grund dafür dargelegt.

      Danach wurden die Hebräischen Schriften ins Englische übersetzt und von 1953 an nacheinander in fünf Einzelbänden freigegeben. Wie bei den Christlichen Griechischen Schriften bemühte man sich auch hier, den Wortlaut des Urtextes so wörtlich wie möglich wiederzugeben. Man achtete besonders darauf, den Text einheitlich zu übertragen, die Handlungen oder Zustände, die durch die Verben zum Ausdruck gebracht werden, genau zu übermitteln und eine einfache, für den heutigen Leser leicht verständliche Sprache zu verwenden. Wo immer im hebräischen Text das Tetragrammaton vorkam, wurde es passenderweise mit Gottes Eigennamen wiedergegeben und nicht durch einen anderen Ausdruck ersetzt, wie das bei vielen anderen Übersetzungen üblich geworden ist. Die Artikel im Anhang und die Fußnoten in diesen Bänden ermöglichten es eifrigen Erforschern der Bibel nachzuprüfen, warum eine bestimmte Wiedergabe gebraucht wurde.

      Am 13. März 1960 beendete das Neue-Welt-Bibelübersetzungskomitee die Schlußlesung des Bibelteils, der der fünfte Band werden sollte. Das war 12 Jahre, 3 Monate und 11 Tage nachdem mit der Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften begonnen worden war. Nur wenige Monate später lag dieser letzte Band der Hebräischen Schriften gedruckt vor und wurde zur Verbreitung freigegeben.

      Statt sich nach Beendigung dieses Projekts aufzulösen, arbeitete das Übersetzungskomitee weiter. Man nahm eine umfassende Revision der ganzen Übersetzung vor. 1961 gab die Watch Tower Society dann eine einbändige revidierte Ausgabe der vollständigen Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift in Englisch heraus. Sie war für nur einen Dollar erhältlich, und so konnte sich jedermann — ungeachtet seiner wirtschaftlichen Lage — ein Exemplar des Wortes Gottes beschaffen.

      Zwei Jahre später wurde eine besondere Studienausgabe herausgegeben. In dieser Ausgabe waren die ursprünglichen Einzelbände (unrevidiert) samt ihren Tausenden von wertvollen Fußnoten sowie ihren Abhandlungen im Vorwort und im Anhang in e i n e m Band zusammengefaßt. Sie enthielt auch die wertvollen Querverweise, durch die der Leser auf ähnliche Wörter, ähnliche Gedanken oder Ereignisse sowie auf biographische und geographische Einzelheiten aufmerksam gemacht oder auf die Erfüllung von Prophezeiungen und auf Belegstellen oder Zitate aus anderen Teilen der Bibel hingewiesen wurde.

      Seit der Veröffentlichung der einbändigen Ausgabe von 1961 sind vier weitere revidierte Ausgaben erschienen. Die letzte kam 1984 in großer Schrift heraus und enthielt einen umfangreichen Anhang, 125 000 Querverweise, 11 400 aufschlußreiche Fußnoten und eine Konkordanz. Die besonderen Merkmale dieser Ausgabe helfen Erforschern der Bibel verstehen, warum gewisse Texte so und nicht anders wiedergegeben werden müssen, damit die Wiedergabe genau ist, und wann ein Text unterschiedlich und dennoch korrekt wiedergegeben werden kann. Die Querverweise helfen ihnen auch, die innere Harmonie zwischen den verschiedenen Bibelbüchern zu erkennen.

      In dem Bemühen, Freunde des Wortes Gottes mit der Koine (der griechischen Gemeinsprache), in der der Text der Christlichen Griechischen Schriften abgefaßt worden ist, vertraut zu machen, schuf das Neue-Welt-Bibelübersetzungskomitee die Kingdom Interlinear Translation of the Greek Scriptures (Königreichs-Interlinearübersetzung der Griechischen Schriften). Diese Übersetzung wurde 1969 von der Watch Tower Society veröffentlicht, und 1985 wurde sie revidiert. Als Textgrundlage diente der von B. F. Westcott und F. J. A. Hort zusammengestellte griechische Text (The New Testament in the Original Greek). In der rechten Spalte daneben erscheint der Text der revidierten englischen Ausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung (1984). Zwischen den Zeilen des griechischen Textes erscheint jedoch eine andere Übersetzung, eine sehr buchstäbliche, das heißt eine Wort-für-Wort-Wiedergabe dessen, was das Griechische gemäß der Grundbedeutung und der grammatischen Form jedes Wortes aussagt. Das ermöglicht es sogar Erforschern der Bibel, die nicht Griechisch lesen können, herauszufinden, was im griechischen Urtext tatsächlich steht.

      Sollte die ganze Arbeit in Verbindung mit der Neuen-Welt-Übersetzung nur Personen zugute kommen, die Englisch können? An manchen Orten hatten die Wachtturm-Missionare Schwierigkeiten, genügend Bibeln in den Landessprachen zu bekommen, um diejenigen zu versorgen, die gern ein eigenes Exemplar des Wortes Gottes gehabt hätten. In einigen Ländern war es nichts Ungewöhnliches, daß die Wachtturm-Missionare die Hauptverbreiter der Bibeln waren, die von anderen Bibelgesellschaften gedruckt wurden. Das wurde aber von religiösen Vertretern dieser Bibelgesellschaften nicht immer gern gesehen. Außerdem waren einige dieser Bibeln nicht gerade die besten Übersetzungen.

      Übersetzung in andere Sprachen

      In dem Jahr, in dem die Neue-Welt-Übersetzung als Gesamtband in Englisch erschien, das heißt 1961, wurde eine Gruppe erfahrener Übersetzer zusammengerufen, die den englischen Text in sechs weitere von vielen gesprochene Sprachen übersetzen sollten: Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch und Spanisch. Die Übersetzung aus dem Englischen unter Berücksichtigung des hebräischen und des griechischen Textes war wegen des wörtlichen Charakters der englischen Übersetzung nicht allzu schwierig. Die Übersetzer arbeiteten als ein internationales Komitee mit dem Neue-Welt-Bibelübersetzungskomitee in der Zentrale der Gesellschaft in Brooklyn (New York) zusammen. 1963 waren die Christlichen Griechischen Schriften in diesen sechs Sprachen gedruckt und konnten freigegeben werden.

      Im Jahre 1992 war die vollständige Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift in 12 Sprachen erhältlich — Dänisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Niederländisch, Portugiesisch, Schwedisch, Slowakisch, Spanisch und Tschechisch. Die Christlichen Griechischen Schriften gab es noch in zwei weiteren Sprachen. Das bedeutete, daß diese Übersetzung für ungefähr 1 400 000 000 oder für über ein Viertel der Weltbevölkerung in ihrer Sprache zugänglich war, und noch weit mehr profitierten davon durch übersetzte Zitate, die in 97 anderen Sprachen im Wachtturm erschienen. Doch alle, die den Wachtturm in einer dieser 97 Sprachen lasen, waren begierig, die gesamte Neue-Welt-Übersetzung in ihrer Sprache zu bekommen. 1992 waren bereits Vorbereitungen im Gange, sie in 16 jener Sprachen herzustellen und die Hebräischen Schriften in den 2 Sprachen zu vollenden, in denen es bis dahin nur die Christlichen Griechischen Schriften gab.

      Da diese Bibeln in den eigenen Druckereien der Gesellschaft von freiwilligen Mitarbeitern hergestellt wurden, war es möglich, sie gegen einen geringen Beitrag abzugeben. Als 1972 ein österreichischer Zeuge Jehovas einem Buchbinder die deutsche Neue-Welt-Übersetzung zeigte und ihn fragte, was sie seiner Meinung nach wohl koste, war dieser erstaunt, als er erfuhr, daß der empfohlene Beitrag nur ein Zehntel des Preises betrug, den er genannt hatte.

      Einige Beispiele veranschaulichen, was diese Übersetzung bewirkte. In Frankreich war es von seiten der katholischen Kirche Laien jahrhundertelang verboten, eine Bibel zu besitzen. Katholische Übersetzungen, die es gab, waren verhältnismäßig teuer, so daß nur wenige Familien eine besaßen. Die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften in Französisch wurde 1963 freigegeben, und 1974 erschien dann die vollständige Bibel. Bis zum Jahre 1992 wurden insgesamt 2 437 711 Exemplare der Neuen-Welt-Übersetzung zur Verbreitung in Frankreich versandt, und in dieser Zeitspanne stieg die Zahl der Zeugen Jehovas in Frankreich um 488 Prozent, auf insgesamt 119 674.

      Ähnlich war die Situation in Italien. Das Volk durfte lange Zeit keine Bibel haben. Vom Erscheinen der italienischen Ausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung an bis 1992 wurden 3 597 220 Exemplare verbreitet, vorwiegend die Gesamtausgabe. Die Menschen wollten selbst herausfinden, was in Gottes Wort steht. Interessanterweise stieg die Zahl der Zeugen Jehovas in Italien in jener Zeit rapide an — von 7 801 auf 194 013.

      Als die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften in Portugiesisch herauskam, gab es in Brasilien nur 30 118 Zeugen und in Portugal 1 798. In den darauffolgenden Jahren, bis 1992, wurden insgesamt 213 438 Exemplare der Christlichen Griechischen Schriften und 4 153 738 Exemplare der vollständigen Bibel in Portugiesisch an Einzelpersonen und an Versammlungen in diesen Ländern gesandt. Mit welchem Ergebnis? In Brasilien erhöhte sich die Zahl der tätigen Lobpreiser Jehovas auf mehr als das Elffache und in Portugal auf das Zweiundzwanzigfache. Zehntausende, die noch nie eine Bibel besessen hatten, waren dankbar, eine zu bekommen, und andere schätzten es, eine Bibel zu haben, deren Text sie leicht verstehen konnten. Als die Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift — mit Studienverweisen in Brasilien herauskam, wurde sie in den Nachrichtenmedien als die vollständigste Bibelübersetzung (das heißt mit den meisten Querverweisen und Fußnoten), die es im ganzen Land gebe, bezeichnet. Es wurde ferner erwähnt, daß die Erstauflage zehnmal so hoch sei wie die der meisten einheimischen Ausgaben.

      Die spanische Ausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften wurde ebenfalls 1963 freigegeben, und 1967 folgte dann die vollständige Bibel. Von den Christlichen Griechischen Schriften wurden 527 451 Exemplare hergestellt und von der vollständigen Bibel in Spanisch bis zum Jahre 1992 insgesamt 17 445 782 Exemplare. Das führte in spanischsprachigen Ländern zu einer hervorragenden Zunahme an Lobpreisern Jehovas. In vorwiegend spanischsprachigen Ländern, in denen Jehovas Zeugen tätig sind, stieg ihre Zahl in den Jahren 1963 bis 1992 von 82 106 auf 942 551 an. Außerdem gab es 1992 in den Vereinigten Staaten weitere 130 224 Spanisch sprechende Zeugen Jehovas.

      Nicht nur im Einflußbereich der Christenheit wurde die Neue-Welt-Übersetzung mit Begeisterung aufgenommen. Im ersten Jahr der Veröffentlichung der japanischen Ausgabe wurden im Zweigbüro in Japan eine halbe Million Exemplare bestellt.

      Bis 1992 sind von der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift in den 12 Sprachen, in denen sie bis dahin erhältlich war, 70 105 258 Exemplare gedruckt worden. Außerdem sind 8 819 080 Exemplare von Teilen der Übersetzung gedruckt worden.

      Die Bibel in verschiedener Ausführung

      Die elektronische Textverarbeitung, mit der die Watch Tower Society 1977 begann, war bei der Herstellung von Bibeln und anderen Publikationen eine große Hilfe. Sie ermöglichte es den Übersetzern, bei ihrer Arbeit größere Übereinstimmung zu erzielen; auch erleichterte sie das Drucken der Bibel in verschiedener Ausführung.

      Nachdem der ganze Text der Bibel in den Computer eingegeben worden war, konnte er problemlos mit Hilfe eines elektronischen Fotosatzgeräts in verschiedenen Größen und Formen ausgedruckt werden. 1981 erschien als erstes eine englische Ausgabe in regulärer Größe mit einer Konkordanz und einem Anhang mit nützlichen Angaben. Es war die erste Ausgabe, die die Watch Tower Society auf einer Rollenoffsetmaschine druckte. Nachdem in den im Computer gespeicherten Text wertvolle Revisionen aufgenommen worden waren, wurde 1984 in Englisch eine Ausgabe in großer Schrift veröffentlicht; sie enthielt viele nützliche, zu Forschungszwecken geeignete Merkmale. Von dieser revidierten Ausgabe wurde in jenem Jahr auch eine reguläre englische Ausgabe erstellt, die Querverweise und eine Konkordanz enthielt, aber keine Fußnoten, und ihr Anhang war eher auf den Predigtdienst ausgerichtet als auf ein tiefschürfendes Studium. Im Interesse derer, die eine sehr kleine Ausgabe wünschten, wurde 1987 eine Taschenausgabe in Englisch veröffentlicht. Diese Ausgabe wurde sehr schnell auch in anderen Sprachen herausgebracht.

      Außerdem war man auch darauf bedacht, denen zu helfen, die besondere Bedürfnisse hatten. Darum veröffentlichte man 1985 für Personen, die zwar sehen konnten, aber eine sehr große Schrift benötigten, die vollständige Neue-Welt-Übersetzung in Englisch in vier großen Bänden. Diese Ausgabe wurde bald danach auch in Deutsch, Französisch, Japanisch und Spanisch gedruckt. Schon 1983 war die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften in vier Bänden in englischer Brailleschrift (Blindenschrift) erhältlich. Innerhalb von weiteren fünf Jahren kam die vollständige Neue-Welt-Übersetzung in 18 Bänden in der englischen Brailleschrift heraus.

      Wäre es für einige Personen vielleicht eine Hilfe, wenn sie sich Bibelkassetten anhören könnten? Ganz bestimmt. Also begann die Watch Tower Society auch Bibelkassetten herzustellen. Die erste war Die gute Botschaft nach Johannes; sie wurde 1978 in Englisch freigegeben. Mit der Zeit war die ganze Neue-Welt-Übersetzung in Englisch auf 75 Kassetten erhältlich. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich bald ein Riesenprojekt. Sehr schnell gab es die Kassetten auch in anderen Sprachen. 1992 war die Neue-Welt-Übersetzung ganz oder teilweise in 14 Sprachen auf Kassette erhältlich. Anfangs ließen einige Zweige die Arbeit von weltlichen Firmen machen. Bis 1992 stellte die Watch Tower Society auf ihren eigenen Maschinen über 31 000 000 solche Kassetten her.

      Der Nutzen der Bibelkassetten und ihre Verwendung übertraf bei weitem die ursprünglichen Erwartungen. In der ganzen Welt benutzte man Kassettenrecorder. Vielen, die nicht lesen konnten, wurde auf diese Weise geholfen, aus Gottes heiligem Wort Nutzen zu ziehen. Hausfrauen konnten sich die Kassetten anhören, während sie ihre Hausarbeit verrichteten. Männer hörten sie sich im Auto auf dem Weg zur Arbeit an. Wer von den Zeugen sich Gottes Wort regelmäßig anhörte und darauf achtete, wie die biblischen Namen ausgesprochen und wie gewisse Schrifttexte vorgelesen wurden, hat seine Lehrfähigkeit verbessert.

      Bis zum Jahre 1992 wurden in Nord- und Südamerika, Europa und Asien verschiedene Ausgaben der Neuen-Welt-Übersetzung auf den Pressen der Gesellschaft hergestellt. Insgesamt wurden 78 924 338 Exemplare gedruckt und zur Verbreitung bereitgestellt. Allein in Brooklyn dienten drei riesige Hochgeschwindigkeits-Rollenoffsetmaschinen hauptsächlich der Bibelherstellung. Die Menge der Druckbogen, die auf diesen Maschinen pro Stunde hergestellt werden, entspricht 7 900 Bibeln, und trotzdem ist es manchmal notwendig gewesen, eine zusätzliche Schicht einzulegen.

      Jehovas Zeugen bieten den Menschen jedoch nicht nur eine Bibel fürs Bücherregal an. Sie bieten auch allen, die an der Bibel interessiert sind — ob sie nun eine von Jehovas Zeugen erhalten haben oder nicht —, ein kostenloses Heimbibelstudium an. Diese Studien werden nicht endlos fortgesetzt. Manche Personen nehmen sich das Gelernte zu Herzen, werden getaufte Zeugen und beteiligen sich dann ebenfalls am Belehren anderer. Wenn nach einigen Monaten keine entsprechenden Fortschritte im Anwenden des Gelernten gemacht werden, wird das Studium oft eingestellt, damit andere Personen betreut werden können, die wirklich interessiert sind. 1992 führten Jehovas Zeugen bei 4 278 127 Einzelpersonen oder Familien solche kostenlosen Bibelstudien durch, meistens einmal in der Woche.

      Jehovas Zeugen drucken und verbreiten somit die Bibel auf eine Weise wie keine andere Organisation und betätigen sich als Lehrer des heiligen Wortes Gottes.

      [Fußnoten]

      a Wie aus dem Wacht-Turm vom 15. Juli 1892 (engl.), Seite 210 hervorgeht, war der Name Watch Tower Bible and Tract Society schon einige Jahre vor seiner gesetzlichen Eintragung benutzt worden. Auf einem Traktat der Serie Die alte Theologie, das 1890 in Englisch veröffentlicht wurde, war als Herausgeber die Tower Bible and Tract Society angegeben.

      b Diese Übersetzung wurde der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania zur Veröffentlichung übergeben mit der Bitte, die Namen der Übersetzer nie zu veröffentlichen. Sie wünschten, daß alle Ehre Jehova Gott, dem Urheber seines inspirierten Wortes, zukomme.

      c Schon in einigen früheren Übersetzungen in die hebräische, deutsche und englische Sprache sowie in mehreren von Missionaren angefertigten Übersetzungen war der göttliche Name in den Christlichen Griechischen Schriften wiedereingeführt worden.

      [Kasten auf Seite 609]

      Eine neue Übersetzung

      Als der erste Band der „Neuen-Welt-Übersetzung der Hebräischen Schriften“ in Englisch veröffentlicht wurde, schrieb Alexander Thomson, ein britischer Bibelkritiker: „Originalwiedergaben der Hebräischen Schriften in der englischen Sprache sind äußerst selten. Daher begrüßen wir mit großer Freude die Veröffentlichung des ersten Teils der Neuen-Welt-Übersetzung [der Hebräischen Schriften], 1. Mose bis Ruth. ... Bei dieser Übersetzung hat man sich offenbar besonders bemüht, daß sie durchweg gut zu lesen ist. Niemand könnte sagen, ihr fehle Frische und Originalität. In ihrer Wortwahl greift sie keineswegs auf diejenige früherer Übersetzungen zurück“ („The Differentiator“, Juni 1954, S. 131).

      [Kasten/Bild auf Seite 610]

      „Ein Text als schnelle Übersetzungshilfe“

      In einer Rezension über die „Kingdom Interlinear Translation of the Greek Scriptures“ schrieb Thomas N. Winter von der Universität von Nebraska: „Es ist keine gewöhnliche Interlinearübersetzung: Die Reinheit des Textes wurde bewahrt, und das Englische, das jeweils eine Zeile darunter erscheint, ist einfach die Grundbedeutung des griechischen Wortes. Folglich ist der interlineare Text dieses Buches keineswegs eine Übersetzung. Ein Text als schnelle Übersetzungshilfe wäre eine korrektere Bezeichnung. Eine Übersetzung in flüssigem Englisch erscheint in einer schmalen Spalte am rechten Rand der Seiten. ...

      Als Grundlage diente der Text von Brooke F. Westcott und Fenton J. A. Hort (Nachdruck der Ausgabe 1881), aber die Übersetzung des ungenannten Komitees ist völlig auf den neusten Stand gebracht und ist durchweg genau“ („The Classical Journal“, Ausgabe April/Mai 1974, S. 375, 376).

      [Bild]

      Ausgaben von 1969 und 1985

      [Kasten/Bild auf Seite 611]

      Das Urteil eines Hebraisten

      Professor Dr. Benjamin Kedar, ein Hebraist aus Israel, sagte 1989 über die „Neue-Welt-Übersetzung“: „Bei philologischen Untersuchungen im Bereich Hebräische Bibel und Übersetzungen nehme ich des öfteren Einsicht in die englische, unter dem Namen ‚New World Translation‘ bekannte, Übersetzung. Dabei werde ich jedes Mal in meinem Eindruck bestärkt, daß dieses Werk ein ehrliches Bemühen um ein möglichst genaues Textverstehen erkennen läßt. Es zeugt von solider Kenntnis der Ursprache, gibt deren kommunikative Funktion in gut verständlicher Zielsprache wieder, ohne sich unnötigerweise von der spezifischen Sprachstruktur des Hebräischen zu entfernen. ... Jeder sprachlichen Aussage haftet ein gewisses Maß an Ambiguität an, woraus sich ein Spielraum für Interpretation bzw. Übersetzung ergibt; daher mag die sprachliche Lösung im Einzelfall diskutabel bleiben. Nie jedoch habe ich in der ‚New World Translation‘ eine tendenziöse Absicht, in den Text etwas hineinzulesen, d. h. ... etwas nicht ... Enthaltenes auszusagen, festgestellt.“

      [Übersichten auf Seite 613]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Wachstum der Zeugen Jehovas seit der Veröffentlichung der „Neuen-Welt-Übersetzung“

      Frankreich

      150 000

      100 000

      50 000

      1963 1970 1980 1992

      Italien

      150 000

      100 000

      50 000

      1963 1970 1980 1992

      Portugal und Brasilien

      300 000

      200 000

      100 000

      1963 1970 1980 1992

      Spanischsprachige Länder

      900 000

      600 000

      300 000

      1963 1970 1980 1992

      [Bilder auf Seite 604]

      Einige Übersetzungen, die die ersten Bibelforscher benutzten

      Youngs wörtliche Übersetzung’

      Leesers Übersetzung (Englisch und daneben Hebräisch)

      Tischendorfs „New Testament“ (mit Hinweisen auf verschiedene Lesarten in griechischen Mss.)

      Murdocks Übersetzung (aus dem Altsyrischen)

      „The Emphatic Diaglott“ (Griechisch und Englisch)

      Variorum Bible (mit unterschiedlichen englischen Wiedergaben)

      „The Newberry Bible“ (mit wertvollen Randbemerkungen)

      [Bild auf Seite 605]

      Einleitung zu Rotherhams „New Testament“, um 1890 für die Watch Tower Society gedruckt

      [Bild auf Seite 606]

      Holman-Parallelbibel (engl.), 1902 auf Veranlassung der Watch Tower Society veröffentlicht

      [Bild auf Seite 606]

      Watchtower-Ausgabe der „King-James“-Bibel mit einer besonders zusammengestellten Konkordanz (1942)

      [Bild auf Seite 607]

      „American Standard Version“, eine Übersetzung, in der der göttliche Name, Jehova, über 6 870mal vorkommt; Watchtower-Ausgabe (1944)

      [Bild auf Seite 607]

      Übersetzung von Byington (1972)

      [Bilder auf Seite 608]

      „Neue-Welt-Übersetzung“, zunächst von 1950 bis 1960 in englischer Sprache in sechs Einzelbänden erschienen und später in einem Gesamtband als besondere Studienausgabe

      1961 als einbändiges Werk veröffentlicht

      Ausgabe in großer Schrift mit Studienverweisen, 1984 veröffentlicht

      [Bild auf Seite 612]

      Nach und nach war die „Neue-Welt-Übersetzung“ in mehreren Sprachen erhältlich

      [Bilder auf Seite 614]

      „Neue-Welt-Übersetzung“ als Großdruckausgabe

      ... in Braille (Blindenschrift)

      ... auf Tonkassetten

      ... auf Disketten

  • Prüfen und Sichten in den eigenen Reihen
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 28

      Prüfen und Sichten in den eigenen Reihen

      ZU DER Entwicklung und dem Wachstum der neuzeitlichen Organisation der Zeugen Jehovas gehörten viele Situationen, in denen der Glaube des einzelnen auf eine harte Probe gestellt wurde. So, wie die Spreu vom Weizen durch Dreschen und Worfeln getrennt wird, dienten diese Situationen dazu, herauszufinden, wer ein wahrer Christ ist. (Vergleiche Lukas 3:17.) Alle, die mit der Organisation verbunden waren, mußten zeigen, was in ihrem Herzen war. Dienten sie aus reinem Eigennutz? Folgten sie lediglich einem unvollkommenen Menschen? Oder waren sie demütig, Jehova völlig ergeben und eifrig darauf bedacht, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun? (Vergleiche 2. Chronika 16:9.)

      Der Glaube der Nachfolger Jesu Christi im ersten Jahrhundert wurde ebenfalls geprüft. Jesus sagte seinen Nachfolgern, sie würden, wenn sie treu blieben, mit ihm an seinem Königreich teilhaben (Mat. 5:3, 10; 7:21; 18:3; 19:28). Aber er sagte ihnen nicht, wann sie diesen Lohn erhalten würden. Würden sie trotz der allgemein gleichgültigen und sogar feindlichen Einstellung gegenüber ihrem Predigtwerk die Interessen dieses Königreiches weiterhin loyal an die erste Stelle in ihrem Leben setzen? Das war nicht bei jedem der Fall (2. Tim. 4:10).

      Durch Jesu Lehrmethoden wurden einige auf die Probe gestellt. Die Pharisäer nahmen daran Anstoß, daß er ihre Überlieferungen rundweg verurteilte (Mat. 15:1-14). Sogar viele, die vorgaben, Jesu Jünger zu sein, stießen sich an seiner Art des Lehrens. Als er einmal darüber sprach, wie wichtig es ist, an den Wert seines geopferten Leibes und Blutes zu glauben, waren etliche seiner Jünger über seine bildhafte Sprache schockiert. Ohne eine weitere Erklärung abzuwarten, ‘wandten sie sich ab, den hinter ihnen liegenden Dingen zu, und gingen nicht mehr mit ihm’ (Joh. 6:48-66).

      Aber nicht alle wandten sich ab. Simon Petrus erklärte: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, daß du der Heilige Gottes bist“ (Joh. 6:67-69). Sie hatten genug gesehen und gehört, um davon überzeugt zu sein, daß Gott durch Jesus die Wahrheit über sich selbst und seinen Vorsatz offenbarte (Joh. 1:14; 14:6). Dennoch wurde ihr Glaube weiterhin geprüft.

      Nach seinem Tod und seiner Auferstehung gebrauchte Jesus die Apostel und andere als Hirten für die Versammlung. Sie waren unvollkommen, und ihre Fehler waren für ihre Mitmenschen mitunter eine Prüfung. (Vergleiche Apostelgeschichte 15:36-41; Galater 2:11-14.) Andere Personen hingegen hegten übertriebene Bewunderung für angesehene Christen und sagten: „Ich gehöre zu Paulus“ oder: ‘Ich gehöre zu Apollos’ (1. Kor. 3:4). Sie alle mußten sich davor hüten, aus den Augen zu verlieren, was es bedeutete, ein Nachfolger Jesu Christi zu sein.

      Der Apostel Paulus sagte weitere ernsthafte Schwierigkeiten voraus, indem er erklärte, daß sogar innerhalb der Christenversammlung „Männer aufstehen und verdrehte Dinge reden [würden], um die Jünger hinter sich her wegzuziehen“ (Apg. 20:29, 30). Zudem warnte der Apostel Petrus vor falschen Lehrern unter Gottes Dienern, die versuchen würden, andere mit „verfälschten Worten“ auszubeuten (2. Pet. 2:1-3). Offensichtlich sollten ihr Glaube und ihre Loyalität in Zukunft noch auf eine harte Probe gestellt werden.

      Das Prüfen und Sichten in der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas kam daher nicht überraschend. Aber nicht wenige waren überrascht, wer alles strauchelte und worüber.

      Wußten sie das Lösegeld wirklich zu schätzen?

      Anfang der 1870er Jahre wuchs das Verständnis und die Wertschätzung Bruder Russells und seiner Gefährten im Hinblick auf den Vorsatz Gottes immer mehr. In dieser Zeit wurden sie geistig erfrischt. Doch dann wurden ihr Glaube und ihre Loyalität gegenüber dem Wort Gottes im Jahre 1878 auf eine schwere Probe gestellt. Der Prüfstein war der Opferwert des Leibes Jesu und seines Blutes — dieselbe Lehre, derentwegen viele Jünger Jesu im ersten Jahrhundert gestrauchelt waren.

      Gerade zwei Jahre zuvor, also 1876, hatte sich C. T. Russell mit N. H. Barbour aus Rochester (New York) zusammengetan. Ihre Studiengruppen hatten sich zusammengeschlossen. Russell hatte Geld beigesteuert, so daß Barbours Zeitschrift Herald of the Morning wieder gedruckt werden konnte, wobei Barbour der Herausgeber und Russell der Mitherausgeber war. Außerdem hatten sie gemeinsam ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Three Worlds, and the Harvest of This World (Drei Welten und die Ernte dieser Welt).

      Dann platzte eine Bombe! In der Ausgabe des Herald of the Morning vom August 1878 schrieb Barbour einen Artikel, in dem er Schrifttexte wie 1. Petrus 3:18, Jesaja 53:5, 6 und Hebräer 9:22 vom Tisch fegte und erklärte, die Vorstellung, Christus habe durch seinen Tod für unsere Sünden gesühnt, sei widerlich. Russell schrieb später: „Zu unserer schmerzlichen Überraschung schrieb Barbour ... einen Artikel für den Herald, in dem er die Lehre von der Versöhnung leugnete — leugnete, daß der Tod Christi der Loskaufspreis Adams und seines Geschlechts sei, indem er behauptete, Christi Tod könne zur Bezahlung der Strafe für die Sünden der Menschen nicht mehr nützen, als das Durchstechen einer Fliege mit einer Nadel (wodurch sie leiden und sterben würde) von irdischen Eltern als eine gerechte Sühnung für Verfehlungen ihres Kindes betrachtet werden würde.“a

      Das war von entscheidender Bedeutung. Würde Bruder Russell loyal an dem festhalten, was die Bibel unmißverständlich über Gottes Vorkehrung zur Rettung der Menschheit sagte? Oder würde er menschlichen Philosophien zum Opfer fallen? Obwohl Russell damals erst 26 Jahre alt war und Barbour viel älter war, schrieb Russell gleich für die nächste Ausgabe des Herald mutig einen Artikel, in dem er den sündensühnenden Wert des Blutes Christi entschieden verteidigte und als „eine der wichtigsten Lehren des Wortes Gottes“ bezeichnete.

      Als nächstes bat er J. H. Paton, den anderen Mitherausgeber des Herald, einen Artikel zu schreiben, der den Glauben an das Blut Christi als Grundlage für die Sühne von Sünden rechtfertigen sollte. Paton schrieb diesen Artikel, der dann in der Dezemberausgabe abgedruckt wurde. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen, mit Barbour anhand der Bibel vernünftig über diesen Punkt zu reden, löste Russell schließlich die Verbindung mit ihm und unterstützte die Zeitschrift nicht mehr finanziell. Im Juli 1879 gab Russell eine neue Zeitschrift — Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi — heraus, die von Anfang an im besonderen für das Lösegeld eintrat. Aber damit war noch nicht alles ausgestanden.

      Zwei Jahre später kehrte auch Paton, der damals als reisender Beauftragter des Wacht-Turms diente, der Organisation allmählich den Rücken und veröffentlichte danach ein Buch (sein zweites, das den Titel Day Dawn [Tagesanbruch] trug), in dem er den Glauben an den Sündenfall Adams und damit an die Notwendigkeit eines Erlösers zurückwies. Er schlußfolgerte, der Herr sei ein unvollkommener Mann gewesen, der anderen durch sein Leben lediglich demonstriert habe, wie man sündige Neigungen abtöten könne. Ein weiterer Gefährte, A. D. Jones, gab von 1881 an ein Blatt heraus (Zion’s Day Star [Zions Tagesstern]), das in die gleiche Richtung ging wie der Wacht-Turm, in dem aber einfachere Facetten des Vorsatzes Gottes besprochen werden sollten. Zuerst schien alles in Ordnung zu sein. Doch binnen eines Jahres verwarf Jones’ Blatt das Sühnopfer Christi und nach einem weiteren Jahr den Rest der Bibel. Was war mit diesen Männern geschehen? Sie ließen sich von eigenen Theorien und landläufigen Philosophien so sehr fesseln, daß sie vom Wort Gottes abschweiften. (Vergleiche Kolosser 2:8.) Das von A. D. Jones herausgegebene Blatt erschien daraufhin nur noch kurze Zeit, und schließlich wurde sein Erscheinen ganz eingestellt. J. H. Paton entschloß sich, eine Zeitschrift herauszugeben, in der er das Evangelium nach seinem Gutdünken auslegte, aber sie erreichte nur eine geringe Auflage.

      Bruder Russell machte sich große Sorgen, wie sich all das auf die Leser des Wacht-Turms auswirken würde. Er erkannte, daß dadurch der Glaube jedes einzelnen geprüft wurde. Er wußte nur zu gut, daß manche ihm unterschoben, unbiblische Lehren nur aus einem Geist der Rivalität heraus zu kritisieren. Bruder Russell suchte jedoch keine Anhänger. Er schrieb über die Ereignisse: „Der Zweck dieser Prüfungen und Sichtungen liegt offensichtlich darin, alle herauszusuchen, deren innerste Beweggründe selbstlos sind, die völlig und rückhaltlos dem Herrn geweiht sind, denen es vor allem darum geht, daß des Herrn Wille geschehe, und deren Vertrauen in seine Weisheit, seine Wege und sein Wort so groß ist, daß sie sich durch die Sophistereien anderer oder durch eigene Pläne und Vorstellungen vom Worte des Herrn nicht abbringen lassen.“

      Bediente sich Gott eines sichtbaren Kanals?

      Es gibt natürlich viele Religionsgemeinschaften, und eine beträchtliche Anzahl Prediger verwendet die Bibel bis zu einem gewissen Grad. Gebrauchte Gott im besonderen Charles Taze Russell? Wenn ja, bediente sich Gott dann keines sichtbaren Kanals mehr, als Bruder Russell gestorben war? Das waren entscheidende Fragen, die weitere Prüfungen und Sichtungen nach sich zogen.

      Sicherlich wäre nicht anzunehmen, daß Gott C. T. Russell gebrauchte, wenn dieser sich nicht loyal an Gottes Wort gehalten hätte (Jer. 23:28; 2. Tim. 3:16, 17). Gott hätte sich keines Mannes bedient, der aus lauter Furcht nicht das predigte, was in der Bibel eindeutig niedergeschrieben ist (Hes. 2:6-8). Und Gott hätte sich keiner Person bedient, die sich mit ihrem Bibelwissen nur selbst verherrlichen wollte (Joh. 5:44). Was zeigen also die Tatsachen?

      Wenn Jehovas Zeugen heute auf die Tätigkeit Russells, auf das, was er lehrte, wie er es begründete, und auf das Ergebnis zurückblicken, haben sie keinen Zweifel, daß Charles Taze Russell wirklich von Gott zu einer bedeutsamen Zeit auf besondere Weise gebraucht wurde.

      Diese Überzeugung beruht nicht nur darauf, daß Bruder Russell entschieden für das Lösegeld eintrat. Sie rührt auch daher, daß er Glaubensbekenntnisse, die einige grundlegende Glaubensansichten der Christenheit beinhalteten, unerschrocken verwarf, weil sie mit den inspirierten Schriften nicht harmonierten. Da war zum Beispiel die Dreieinigkeitslehre (die aus dem alten Babylon stammt und erst lange nach Vollendung der Niederschrift der Bibel von sogenannten Christen übernommen wurde) und die Lehre, daß die menschliche Seele von Natur aus unsterblich sei (diese Lehre wurde von Menschen übernommen, die von der Philosophie Platons fasziniert waren und dadurch für Vorstellungen wie die, daß die Seelen im Höllenfeuer ewig gequält würden, empfänglich wurden). Auch etliche Gelehrte der Christenheit wissen, daß diese Lehren unbiblisch sind,b aber im allgemeinen wird das von der Kanzel aus nicht so gepredigt. Im Gegensatz dazu unternahm Bruder Russell einen gründlichen Feldzug, durch den jeder, der wollte, erfahren konnte, was die Bibel in Wirklichkeit sagt.

      Bemerkenswert ist außerdem, was Bruder Russell mit anderen hoch bedeutsamen Wahrheiten tat, die er aus dem Wort Gottes lernte. Er verstand, daß Christus als verherrlichte Geistperson für menschliche Augen unsichtbar wiederkommen würde. Bereits 1876 erkannte er, daß das Jahr 1914 das Ende der Zeiten der Nationen kennzeichnen würde (Luk. 21:24, EB). Andere Bibelgelehrte hatten ebenfalls einige dieser Punkte verstanden und vertreten. Aber Bruder Russell setzte wie keine andere Person oder Gruppe sein gesamtes Vermögen ein, um sie weltweit bekanntzumachen.

      Er legte allen ans Herz, seine Schriften sorgfältig mit dem inspirierten Wort Gottes zu vergleichen, um sich davon zu überzeugen, daß alles, was sie lernten, völlig damit übereinstimmte. Als Antwort auf eine schriftliche Anfrage schrieb Bruder Russell: „Wenn es für die ersten Christen angebracht war, das zu prüfen, was sie von den Aposteln hörten, die, wie sie selbst sagten, inspiriert waren, wieviel wichtiger ist es dann für Sie, sich voll und ganz davon zu überzeugen, daß sich diese Lehren eng an das Lehrmuster der Apostel und des Herrn halten — zumal ihr Autor nicht beansprucht, inspiriert zu sein, sondern lediglich vom Herrn geleitet und gebraucht zu werden, um dessen Herde zu weiden.“

      Bruder Russell behauptete nicht, übernatürliche Fähigkeiten oder göttliche Offenbarungen zu haben; noch wollte er die Ehre für das, was er lehrte, für sich in Anspruch nehmen. Er war ein hervorragender Erforscher der Bibel. Aber er erklärte, sein bemerkenswertes biblisches Verständnis sei „der einfachen Tatsache zu verdanken, daß Gottes rechte Zeit herbeigekommen“ sei. Er sagte: „Wenn ich nicht redete und kein anderer zu finden wäre, so würden sogar die Steine schreien.“ Er bezeichnete sich selbst lediglich als eine Art Zeigefinger, der auf das hinwies, was im Wort Gottes stand.

      Charles Taze Russell suchte keine Ehre von Menschen. Um die Denkweise von Personen zu korrigieren, die dazu neigten, ihn über die Maßen zu verehren, schrieb Bruder Russell 1896: „Da wir dank der Gnade Gottes bis zu einem gewissen Grad im Dienst des Evangeliums gebraucht wurden, ist es hier vielleicht nicht fehl am Platz zu wiederholen, was wir schon oft privat und durch diese Zeilen gesagt haben: Wir wissen zwar die Liebe, die Zuneigung, das Vertrauen und die Gemeinschaft der Mitdiener und des gesamten Haushalts des Glaubens zu schätzen, doch wir möchten nicht, daß wir oder unsere Veröffentlichungen mit Ehre und Huldigung bedacht werden; noch wünschen wir, Ehrwürden oder Rabbi genannt zu werden. Auch wünschen wir nicht, daß sich irgend jemand nach unserem Namen nennt.“

      Als sein Tod nahte, war er nicht der Ansicht, es gäbe nun nichts mehr zu lernen und nichts weiter zu tun. Er hatte oft davon gesprochen, einen siebten Band der Schriftstudien herauszubringen. Auf eine diesbezügliche Frage Menta Sturgeons, seines Reisegefährten, antwortete er: „Jemand anders kann ihn schreiben.“ In seinem Testament äußerte er den Wunsch, daß Der Wacht-Turm unter der Leitung eines Komitees, dessen Mitglieder dem Herrn völlig ergeben sind, weiterhin veröffentlicht werde. Er erklärte, die Männer, die in dieser Eigenschaft dienen würden, sollten „den Lehren der Heiligen Schrift völlig treu sein, besonders der Lehre vom Lösegeld, der Lehre, daß es keine Annahme bei Gott und keine Errettung zum ewigen Leben gibt, außer durch den Glauben an Christum und Gehorsam gegen sein Wort und den Geist desselben“.

      Bruder Russell erkannte, daß es in Verbindung mit dem Predigen der guten Botschaft noch viel zu tun gab. Bei einer Frage-und-Antwort-Stunde in Vancouver (Britisch-Kolumbien, Kanada) im Jahre 1915 fragte man ihn, wann die damals lebenden geistgesalbten Nachfolger Christi damit rechnen könnten, ihren himmlischen Lohn zu empfangen. Er antwortete: „Das weiß ich nicht, doch es muß noch ein großes Werk durchgeführt werden. Und dazu werden wir Tausende von Brüdern und Geld in Millionenhöhe benötigen. Woher das alles kommen soll, weiß ich nicht — der Herr weiß, was er tut.“ Kurz bevor er 1916 seine letzte Vortragsreise antrat, auf der er starb, rief er A. H. Macmillan, der mit Verwaltungsaufgaben betraut war, in sein Büro. Bei dieser Gelegenheit sagte er: „Ich kann das Werk nicht mehr fortsetzen, und doch muß noch ein großes Werk durchgeführt werden.“ Die folgenden drei Stunden beschrieb er Bruder Macmillan das ausgedehnte Predigtwerk, das er gemäß der Bibel voraussah. Auf Bruder Macmillans Einwände entgegnete er: „Das ist kein Menschenwerk.“

      Ein Wechsel in der Leitung führt zu Prüfungen

      Viele Gefährten von Bruder Russell waren felsenfest davon überzeugt, daß der Herr alles überwachte. Auf der Beerdigung Bruder Russells erklärte W. E. Van Amburgh: „Gott hat viele Diener in der Vergangenheit gebraucht und wird es zweifellos auch in der Zukunft tun. Wir haben uns nicht einem Menschen oder dem Werk eines Menschen geweiht, sondern dazu, den Willen Gottes zu tun, wie er ihn uns durch sein Wort und durch seine göttliche Führung offenbaren wird. Gott steht noch am Steuer.“ An dieser Überzeugung hielt Bruder Van Amburgh bis zu seinem Tod fest.

      Leider gab es auch Personen, die Russell angeblich sehr schätzten, aber eine ganz andere Einstellung verrieten. Demzufolge führte die veränderte Situation nach dem Tod Russells zu Prüfungen und Sichtungen. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Belfast (Irland), Kopenhagen (Dänemark), Vancouver und Victoria (Britisch-Kolumbien, Kanada) sowie an anderen Orten sagten sich abtrünnige Gruppen los. In Helsinki (Finnland) standen einige auf dem Standpunkt, daß es nach dem Tod Russells keinen Kanal für geistiges Licht mehr gäbe. Auf das Drängen einiger angesehener Persönlichkeiten hin verließen dort 164 Personen die Organisation. Wurde das von Gott gesegnet? Eine Zeitlang brachten sie ihre eigene Zeitschrift heraus und hielten ihre eigenen Zusammenkünfte ab. Mit der Zeit spaltete sich die Gruppe jedoch, schrumpfte und löste sich in nichts auf; viele kamen gern wieder zu den Zusammenkünften der Bibelforscher. Aber nicht alle kehrten zurück.

      Der Tod von Bruder Russell und die darauffolgenden Entwicklungen waren auch für R. E. B. Nicholson, den Schriftführer des australischen Zweigbüros, ein Prüfstein, durch den sich zeigte, was wirklich in seinem Herzen war. Nach dem Tod Russells schrieb Nicholson: „Über ein Vierteljahrhundert habe ich ihn nicht nur wegen seiner Arbeit, sondern auch wegen seines wunderbaren Charakters geschätzt, mich an den Wahrheiten, die er als ‚Speise zur rechten Zeit‘ verkündet hat, und an seinem Rat erfreut und seine einfühlsame, freundliche, liebevolle Art bewundert, die auf so großartige Weise mit einer inneren Kraft und festen Entschlossenheit gepaart war, alles zu tun und zu wagen, um das, was er als den göttlichen Willen oder die Offenbarung Seines Wortes verstand, auszuführen. ... Zurück bleibt ein Gefühl der Einsamkeit, wenn einem bewußt wird, daß diese große Stütze nun nicht mehr unter uns weilt.“

      Joseph F. Rutherford, der neue Präsident der Watch Tower Society, war nicht der Mann, den Nicholson gern in der Aufsichtsstellung gesehen hätte, die Bruder Russell innegehabt hatte. Nicholson kritisierte ganz offen die Direktheit, mit der in neuen Bibelstudienhilfsmitteln die falsche Religion verurteilt wurde. Bald darauf verließ er die Organisation, wobei er sich einen großen Teil des Eigentums der Gesellschaft aneignete (das er auf seinen Namen hatte eintragen lassen) und die Brüder in Melbourne mit sich riß, die ihrerseits zu ihm aufschauten. Wie konnte es dazu kommen? Offensichtlich war Nicholson einem Menschen nachgefolgt; als es diesen Menschen dann nicht mehr gab, verlor er seine Aufrichtigkeit, und sein Eifer im Dienst des Herrn kühlte ab. Kein einziger derjenigen, die sich damals lossagten, hatte Gelingen. Bemerkenswert ist allerdings, daß Jane Nicholson sich ihrem Mann in seinem abtrünnigen Lauf nicht anschloß, obwohl sie ein zartes Persönchen war. Sie war in erster Linie Jehova Gott ergeben und diente ihm bis zu ihrem Tod im Jahre 1951 als Vollzeitdienerin.

      Viele erkannten, daß sich durch die Ereignisse in den Jahren nach dem Tod Bruder Russells der Wille des Herrn erfüllte. Ein Diener Jehovas aus Kanada äußerte sich dahin gehend in einem Brief an Bruder Rutherford:

      „Lieber Bruder, verstehe das, was ich Dir schreibe, jetzt nicht falsch. Deine Art unterscheidet sich von der Art unseres lieben Bruders Russell wie Tag und Nacht. Viele, ach, unsagbar viele mochten Bruder Russell wegen seiner Persönlichkeit, seiner Art und vieler anderer Dinge; kaum einer lehnte sich gegen ihn auf. So mancher nahm die Wahrheit nur an, weil Bruder Russell es sagte. ... Dann verehrten viele allmählich den Menschen. ... Du weißt bestimmt noch, daß Bruder Russell auf einem Kongreß ganz offen über diese Schwäche vieler wohlmeinender Brüder sprach und seinen Vortrag dabei auf die Begebenheit mit Johannes und dem Engel stützte (Offb. 22:8, 9). Wir wissen alle, was passierte, als er von uns ging.

      Aber Deine Art, Bruder Rutherford, läßt sich mit der von Bruder Russell nicht vergleichen. Selbst Dein Aussehen ist anders. Dafür kannst Du nichts. ... Es wurde Dir in die Wiege gelegt, und Du hattest keine andere Wahl. ... Seitdem Du über die Angelegenheiten der Gesellschaft gesetzt bist, wurdest Du von den Brüdern ungerechtfertigterweise kritisiert und aufs böswilligste verleumdet. Trotz alledem bist Du bis jetzt loyal geblieben und dem Herrn und seinem Auftrag aus Jesaja 61:1-3 ergeben. Wußte der Herr, was er tat, als er Dich an die Spitze stellte? Auf alle Fälle. Früher neigten wir alle dazu, eher das Geschöpf als den Schöpfer zu verehren. Das blieb dem Herrn nicht verborgen. Deshalb setzte er jemand an die Spitze, das heißt, er übertrug jemand die Verantwortung für das Erntewerk, der eine ganz andere Art hatte. Ich weiß, daß Du von niemand verehrt werden möchtest. Aber Du möchtest sehr wohl, daß jeder, der diesen so kostbaren Glauben teilt, an dem Licht teilhat, das nun den Pfad der Gerechten gemäß dem Gutdünken des Herrn erhellt. Und genau das möchte der Herr.“

      Die Frage nach dem „treuen und klugen Knecht“ klären

      Viele, die damals ausgesiebt wurden, hatten sich darauf versteift, daß der von Jesus in Matthäus 24:45-47 (EB) vorhergesagte „treue und kluge Knecht“, der an den Haushalt des Glaubens geistige Speise verteile, eine Einzelperson sei, und zwar Charles Taze Russell. Diese Ansicht wurde insbesondere nach seinem Tod einige Jahre lang im Wacht-Turm geäußert. Sie schien damals aufgrund der führenden Rolle, die Bruder Russell gespielt hatte, berechtigt zu sein. Er selbst förderte diese Ansicht nicht, räumte aber ein, daß die Argumente derer, die dafür waren, einleuchtend klangen.c Allerdings betonte er auch, wer vom Herrn in dieser Weise gebraucht werde, müsse demütig und eifrig darum bemüht sein, den Herrn zu ehren, und wenn der vom Herrn Auserwählte versage, werde er durch einen anderen ersetzt.

      Je mehr und je heller das Licht der Wahrheit jedoch nach dem Tod Bruder Russells schien und je weiter sich das Predigtwerk ausdehnte, das Jesus vorhergesagt hatte, desto offensichtlicher wurde, daß der „treue und kluge Knecht“ (EB) oder der „treue und verständige Sklave“ (NW) mit dem Tod Bruder Russells nicht von der Bildfläche verschwunden war. 1881 hatte Bruder Russell selbst erklärt, dieser „Knecht“ sei die gesamte Gruppe treuer geistgesalbter Christen. Er verstand darunter einen kollektiven Knecht, eine Klasse von Personen, die vereint den Willen Gottes taten. (Vergleiche Jesaja 43:10.) Dieses Verständnis wurde von den Bibelforschern 1927 erneut bekräftigt. Jehovas Zeugen heute betrachten die Zeitschrift Der Wachtturm und ähnliche Publikationen als das Mittel, das der treue und verständige Sklave benutzt, um geistige Speise auszuteilen. Sie behaupten nicht, diese Sklavenklasse sei unfehlbar, aber sie betrachten sie als den einen Kanal, dessen sich der Herr in den letzten Tagen dieses Systems der Dinge bedient.

      Als Stolz zum Hindernis wurde

      Es gab allerdings auch Zeiten, wo manch einer in verantwortlicher Stellung sich selbst als den Kanal für geistiges Licht betrachtete und sich gegen alles stellte, was von der Organisation kam. Einige gaben einfach ihrem Wunsch nach, größeren Einfluß zu haben. Sie wollten andere dazu bringen, ihnen nachzufolgen, oder, wie der Apostel Paulus es ausdrückte, ‘die Jünger hinter sich her wegziehen’ (Apg. 20:29, 30). Das stellte natürlich die Beweggründe und das geistige Standvermögen derer, die sie abspenstig machen wollten, auf die Probe. Hier einige Beispiele:

      Die Bibelforscher in Allegheny (Pennsylvanien) wurden mit speziellen Briefen zu einer Zusammenkunft am 5. April 1894 eingeladen. Bruder und Schwester Russell wurden nicht eingeladen und kamen auch nicht, aber ungefähr 40 Personen waren anwesend. In dem von E. Bryan, S. D. Rogers, J. B. Adamson und O. von Zech unterzeichneten Brief hieß es, daß in der Zusammenkunft Dinge besprochen würden, die für ihr Wohl von „höchster Wichtigkeit“ seien. Die Zusammenkunft erwies sich als ein böswilliger Versuch, andere aufzuhetzen. Die Verschwörer brachten angebliche Ungereimtheiten in den Geschäften Bruder Russells zur Sprache (obwohl die Tatsachen das Gegenteil bewiesen), behaupteten, Bruder Russell hätte zuviel Einfluß (den sie gern selbst gehabt hätten), und beschwerten sich darüber, daß er auf die Verbreitung des Evangeliums durch Druckschriften und auf Bibelklassenzusammenkünfte mehr Wert legte als auf das Halten von Vorträgen (in denen sie sich besser über ihre persönlichen Ansichten hätten auslassen können). Die Versammlung war durch diese Ereignisse tief beunruhigt, und etliche nahmen Anstoß. Aber diejenigen, die sich abwandten, wurden dadurch weder stärker im Glauben, noch setzten sie sich mit größerem Eifer im Werk des Herrn ein.

      Über 20 Jahre später, kurz vor seinem Tod, äußerte Bruder Russell die Absicht, Paul S. L. Johnson, einen brillanten Redner, nach Großbritannien zu senden, um die Bibelforscher dort zu stärken. Aus Respekt vor dem Wunsch Bruder Russells sandte die Gesellschaft Johnson im November 1916 nach Großbritannien. Sobald er jedoch dort war, entließ er zwei Brüder, die von der Gesellschaft mit Führungsaufgaben betraut worden waren. Da er sich selbst als eine wichtige Persönlichkeit betrachtete, behauptete er in Ansprachen und Briefen, seine Tätigkeit sei in der Bibel von Esra, Nehemia und Mordechai vorgeschattet worden. Er beanspruchte, der in Jesu Gleichnis aus Matthäus 20:8 erwähnte Verwalter (oder Beauftragte) zu sein. Er versuchte, die Verfügungsgewalt über das Geld der Gesellschaft zu bekommen, und strengte deshalb vor dem Hohen Gerichtshof in London einen Prozeß an.

      Als dieser Versuch vereitelt wurde, ging er zurück nach New York. Dort buhlte er um die Unterstützung bestimmter Personen, die im Vorstand der Gesellschaft waren. Diejenigen, die er auf seine Seite ziehen konnte, versuchten durch eine Resolution durchzusetzen, daß die Geschäftsordnung der Gesellschaft, die den Präsidenten ermächtigte, alle Angelegenheiten zu regeln, außer Kraft gesetzt würde. Sie wollten, daß alle Entscheidungsgewalt bei ihnen liege. Bruder Rutherford unternahm rechtliche Schritte, um die Interessen der Gesellschaft zu schützen, und alle, die deren Tätigkeit behindern wollten, wurden aufgefordert, das Bethelheim zu verlassen. Als man auf der Jahresversammlung der Anteilseigner der Gesellschaft Anfang des darauffolgenden Jahres den Vorstand mit seiner Geschäftsführung für das kommende Jahr wählte, wurden die Unruhestifter mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Ein paar von ihnen fühlten sich vielleicht im Recht, aber die meisten ihrer Glaubensbrüder zeigten unmißverständlich, daß sie nicht auf der Seite der Unruhestifter standen. Würden diese die Zurechtweisung annehmen?

      P. S. L. Johnson tauchte danach bei den Zusammenkünften der Bibelforscher auf und gab sich den Anschein, mit ihren Glaubensansichten und ihrer Tätigkeit übereinzustimmen. Nachdem er jedoch das Vertrauen einiger gewonnen hatte, säte er Zweifel. Wenn jemand davon sprach, mit der Gesellschaft zu brechen, riet er heuchlerisch davon ab — so lange, bis die Loyalität der Gruppe ganz und gar erschüttert war. Durch Briefe und sogar Reisen versuchte er, nicht nur die Brüder in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Kanada, Jamaika, Europa und Australien zu beeinflussen. Hatte er Erfolg?

      Dieser Eindruck konnte vielleicht entstehen, als in einer Versammlung die meisten dafür stimmten, sich von der Gesellschaft zu trennen. Aber sie glichen einem vom Baum abgesägten Ast — eine Zeitlang grün, dann verdorrt und abgestorben. Auf einem Kongreß der Gegner im Jahre 1918 traten Meinungsverschiedenheiten auf, und es kam zu einem Bruch. Danach spalteten sie sich immer mehr. Einige schlossen sich zu kleinen Sekten zusammen, die eine Zeitlang aktiv waren und einen Führer hatten, zu dem sie aufschauten. Kein einziger von ihnen setzte sich in dem Werk ein, das Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hatte, nämlich auf der ganzen bewohnten Erde von Gottes Königreich Zeugnis abzulegen.

      Während all dieser Ereignisse erinnerten sich die Brüder an das, was in 1. Petrus 4:12 aufgezeichnet ist: „Geliebte, laßt euch das, was unter euch brennt und was euch als Prüfung widerfährt, nicht befremden, als ob euch etwas Befremdendes zustoße.“

      Die eben erwähnten Personen waren nicht die einzigen, die zuließen, daß Stolz ihren Glauben untergrub. Es gab auch noch andere, wie zum Beispiel Alexandre Freytag, der Leiter des Zweigbüros in Genf (Schweiz). Er stand gern im Mittelpunkt, ließ seine persönlichen Ansichten einfließen, wenn er die Publikationen der Gesellschaft ins Französische übersetzte, und benutzte sogar die Einrichtungen der Gesellschaft, um seine eigenen Schriften herauszubringen. In Kanada stimmte W. F. Salter, der im Zweigbüro der Gesellschaft mit Führungsaufgaben betraut war, im Laufe der Zeit nicht mehr mit den Publikationen der Gesellschaft überein und verkündete, er erwarte, der nächste Präsident der Watch Tower Society zu werden; nachdem er entlassen worden war, benutzte er unbefugterweise den Briefkopf der Gesellschaft, um Versammlungen innerhalb und außerhalb Kanadas anzuweisen, von ihm verfaßte Schriften zu studieren. In Nigeria gehörte G. M. Ukoli zu denen, die anfangs voller Eifer für die Wahrheit waren, sich dann aber durch sie materiell bereichern und sich Ansehen verschaffen wollten. Als seine Pläne vereitelt wurden, griff er treue Brüder in der Presse scharf an. Und es gab noch mehr solche Fälle.

      Selbst in neuerer Zeit offenbarten einige Personen in führenden Stellungen eine ähnliche Einstellung.

      Natürlich hatten diese Personen die Freiheit, sich auszusuchen, was sie glauben wollten. Aber wer öffentlich oder privat für Ansichten eintritt, die von dem abweichen, was in den Publikationen einer Organisation steht, die er zu vertreten behauptet, verursacht Spaltungen. Wie gingen Jehovas Zeugen in solchen Situationen vor?

      Sie leiteten keine Verfolgungskampagne gegen solche Leute ein (obwohl die Unruhestifter ihre ehemaligen Glaubensbrüder oftmals beschimpften), noch suchten sie ihnen körperlichen Schaden zuzufügen (wie das die katholische Kirche zur Zeit der Inquisition tat). Vielmehr folgten sie dem inspirierten Rat des Apostels Paulus, der schrieb: „[Behaltet] die im Auge ..., die Spaltungen hervorrufen und Ursachen zum Straucheln geben entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und meidet sie. Denn Menschen von dieser Art sind Sklaven, nicht unseres Herrn Christus, ... durch glatte Worte und schmeichelhafte Reden verführen sie das Herz der Arglosen“ (Röm. 16:17, 18).

      Andere, die diese Ereignisse beobachteten, erhielten dadurch ebenfalls die Gelegenheit zu zeigen, was in ihrem Herzen war.

      Lehrpunkte, die noch besser verstanden werden mußten

      Jehovas Zeugen geben ohne weiteres zu, daß sie ihr Verständnis in bezug auf den Vorsatz Gottes im Laufe der Jahre öfter korrigiert haben. Da die Erkenntnis über den Vorsatz Gottes zunimmt, muß es Veränderungen geben. Das heißt nicht, daß sich der Vorsatz Gottes verändert, sondern daß seine Diener aufgrund der kontinuierlichen Belehrung, die er ihnen gewährt, ihren Standpunkt korrigieren müssen.

      Die Zeugen weisen anhand der Bibel darauf hin, daß dasselbe auch auf Gottes treue Diener in der Vergangenheit zutraf. Abraham hatte ein enges Verhältnis zu Jehova; aber als er aus Ur wegzog, wußte dieser Mann des Glaubens nicht, in welches Land Gott ihn führen würde, und viele Jahre lang war er sich überhaupt nicht sicher, wie Gott seine Verheißung, aus ihm eine große Nation zu machen, erfüllen würde (1. Mo. 12:1-3; 15:3; 17:15-21; Heb. 11:8). Gott offenbarte den Propheten viele Wahrheiten, aber es gab so manches, was sie damals nicht verstanden (Dan. 12:8, 9; 1. Pet. 1:10-12). Ebenso erklärte Jesus seinen Aposteln viele Dinge, aber selbst gegen Ende seines irdischen Lebens sagte er ihnen, daß es für sie noch viel zu lernen gab (Joh. 16:12). Manche Punkte — wie der Vorsatz Gottes, Heiden in die Versammlung zu bringen — konnten die Apostel nicht verstehen, bis sie dann die Erfüllung der Prophezeiung beobachten konnten (Apg. 11:1-18).

      Wie zu erwarten, war es für manchen eine Prüfung, wenn er wegen solcher Veränderungen liebgewordene Ansichten aufgeben mußte. Zudem wurde das Verständnis nicht immer direkt, in einem Zug berichtigt. Aufgrund der Unvollkommenheit neigt man manchmal dazu, von einem Extrem ins andere zu fallen, bevor man eine Sache richtig beurteilt. Das kostet unter Umständen Zeit. Diejenigen, die gern schnell kritisieren, haben daran Anstoß genommen. Hier ein Beispiel:

      Bereits 1880 wurden in den Wachtturm-Publikationen verschiedene Einzelheiten in Verbindung mit dem abrahamischen Bund, dem Gesetzesbund und dem neuen Bund besprochen. Die Christenheit hatte die Verheißung Gottes, daß sich durch Abrahams Samen alle Familien der Erde bestimmt segnen würden, aus den Augen verloren (1. Mo. 22:18). Aber Bruder Russell war lebhaft daran interessiert, wie Gott das bewerkstelligen würde. Er meinte, in der biblischen Beschreibung des jüdischen Versöhnungstages Hinweise darauf gefunden zu haben, wie das in Verbindung mit dem neuen Bund erreicht werden könnte. Als dieselben Bündnisse 1907 erneut besprochen wurden, wobei besonders betont wurde, welche Rolle die Miterben Christi beim Herbeiführen der Segnungen des abrahamischen Bundes für die Menschheit spielten, widersprachen einige Bibelforscher energisch.

      Damals stand einem klaren Verständnis manches im Weg. Die Bibelforscher verstanden noch nicht richtig, welche Rolle das natürliche Israel nun in Gottes Vorsatz spielte. Dieser Punkt war erst dann kein Hindernis mehr, als ganz klar wurde, daß die Juden, als Volk gesehen, nicht daran interessiert waren, von Gott gebraucht zu werden, um sein prophetisches Wort zu erfüllen. Des weiteren verstanden die Bibelforscher nicht richtig, wer die „große Volksmenge“ aus Offenbarung 7:9, 10 war. Das klärte sich erst auf, als sich die Prophezeiung erfüllte und die große Volksmenge in Erscheinung trat. Auch diejenigen, die Bruder Russell heftig kritisierten, hatten kein klares Verständnis in bezug auf diese Fragen.

      Einige, die vorgaben, Glaubensbrüder zu sein, warfen dem Wacht-Turm fälschlicherweise vor, Jesu Rolle als Mittler zwischen Gott und Menschen geleugnet und das Lösegeld sowie die Notwendigkeit einer Sühnung verworfen zu haben. Nichts von alledem stimmte. Aber zu denen, die das verbreiteten, gehörten angesehene Persönlichkeiten, die andere als Jünger hinter sich herzogen. Sie mögen in manchen Punkten, die sie in Verbindung mit dem neuen Bund lehrten, recht gehabt haben, aber segnete der Herr ihre Handlungsweise? Eine Zeitlang hielten ein paar von ihnen Zusammenkünfte ab, aber dann lösten sich die Gruppen auf.

      Im Gegensatz dazu predigten die Bibelforscher die gute Botschaft weiter, wie Jesus seinen Jüngern geboten hatte. Gleichzeitig studierten sie weiterhin Gottes Wort und behielten Entwicklungen im Auge, die auf dessen Bedeutung Licht werfen könnten. In den 30er Jahren waren schließlich die gröbsten Hindernisse zu einem klaren Verständnis der Bündnisse aus dem Weg geräumt, so daß Berichtigungen zu diesem Thema im Wachtturm und in verwandten Publikationen erschienen.d Wie sehr sich diejenigen, die geduldig gewartet hatten, darüber freuten!

      Lagen sie mit ihren Erwartungen richtig?

      Mitunter hegten die Bibelforscher Hoffnungen und Erwartungen, derentwegen sie von Kritikern verspottet wurden. Alle diese Hoffnungen und Erwartungen entsprangen jedoch dem lebhaften Wunsch dieser eifrigen Christen, die Erfüllung der unfehlbaren Verheißungen Gottes mitzuerleben.

      Durch ihr Studium der inspirierten Schriften wußten sie, daß Jehova verheißen hatte, alle Nationen der Erde durch den Samen Abrahams zu segnen (1. Mo. 12:1-3; 22:15-18). Dem Wort Gottes entnahmen sie die Verheißung, daß der Menschensohn als himmlischer König über die ganze Erde regieren wird und eine kleine Herde treuer Menschen von der Erde genommen wird, um mit ihm an seinem Königreich teilzuhaben und als Könige tausend Jahre zu regieren (Dan. 7:13, 14; Luk. 12:32; Offb. 5:9, 10; 14:1-5; 20:6). Ihnen war die Verheißung Jesu bekannt, wiederzukommen und diejenigen zu sich zu nehmen, für die er im Himmel eine Stätte bereitet hätte (Joh. 14:1-3). Sie waren vertraut mit der Verheißung, daß der Messias außerdem einige seiner treuen Vorfahren dazu erwählen wird, als Fürsten auf der ganzen Erde zu dienen (Ps. 45:16). Sie erkannten, daß die Bibel das Ende des bösen alten Systems der Dinge vorhersagte und daß das mit Harmagedon, dem Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen, zusammenhing (Mat. 24:3; Offb. 16:14, 16). Und sie waren sehr beeindruckt von Bibeltexten, die zeigen, daß die Erde erschaffen wurde, um für immer bewohnt zu werden, daß deren Bewohner in wahrem Frieden leben sollten und daß alle, die an das vollkommene menschliche Opfer Jesu Glauben ausüben, ewig im Paradies leben können (Jes. 2:4; 45:18; Luk. 23:42, 43; Joh. 3:16).

      So war es nur natürlich, daß sie sich fragten, wann und wie sich das alles abspielen würde. Gab es in den inspirierten Schriften irgendwelche Anhaltspunkte?

      Aufgrund einer Auslegung der biblischen Chronologie von Christopher Bowen aus England dachten sie, die 6 000 Jahre Menschheitsgeschichte hätten 1873 geendet und man befinde sich nun in der siebten Tausendjahrperiode der Menschheitsgeschichte und damit sicherlich kurz vor dem Beginn des vorhergesagten Millenniums. In der von C. T. Russell verfaßten Bücherserie Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt) wurde auf dementsprechende Folgerungen, die die Bibelforscher ihrem damaligen Verständnis gemäß aus der Bibel zogen, aufmerksam gemacht.

      Das alle fünfzig Jahre wiederkehrende Jubeljahr, ein Erlaßjahr, das Gott im alten Israel eingeführt hatte, betrachtete man als weiteren eventuellen Zeithinweis. Das Jubeljahr folgte auf sieben Siebenjahrperioden, von denen jede mit einem Sabbatjahr endete. Während des Jubeljahrs wurden hebräische Sklaven freigelassen und alle Landerbteile, die verkauft worden waren, zurückgegeben (3. Mo. 25:8-10). Berechnungen, die auf diesem Zyklus von sieben Siebenjahrperioden beruhten, entnahm man, daß vielleicht ein größeres Jubeljahr für die ganze Erde im Herbst 1874 begonnen hatte, daß der Herr in jenem Jahr anscheinend wiedergekommen und nun unsichtbar gegenwärtig war und daß die „Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge“ gekommen waren (Apg. 3:19-21, EB).

      Gestützt auf die Vorstellung, daß die Ereignisse des ersten Jahrhunderts in späteren Ereignissen eine Entsprechung finden würden, schlußfolgerten sie außerdem: Falls Jesu Taufe und Salbung im Herbst des Jahres 29 u. Z. dem Beginn der unsichtbaren Gegenwart im Jahre 1874 entspräche, würde sein Einritt in Jerusalem als König im Frühjahr 33 u. Z. auf den Frühling 1878 als die Zeit hinweisen, in der er seine Macht als himmlischer König übernehmen würde.e Zu dieser Zeit würden sie dann, wie sie dachten, auch ihren himmlischen Lohn empfangen. Als dem nicht so war, schlußfolgerten sie, daß von diesem Zeitpunkt an für alle gesalbten Nachfolger Jesu, die im Tod entschlafen waren, die Auferstehung zu geistigem Leben begonnen habe, da sie ja mit ihm an seinem Königreich teilhaben sollten. Gleichzeitig dachte man, das Ende der besonderen Gunst, die Gott den fleischlichen Israeliten bis 36 u. Z. erwiesen hatte, könnte ein Hinweis darauf sein, daß die besondere Gelegenheit, ein Teil des geistigen Israel zu werden, im Jahre 1881 endete.f

      In dem Vortrag „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“, den J. F. Rutherford am 21. März 1920 im Hippodrom in New York hielt, wurde auf das Jahr 1925 aufmerksam gemacht. Aus welchem Grund dachte man, dieses Jahr sei bedeutend? Wie in einer Broschüre, die ebenfalls 1920 herauskam, gezeigt wurde, ergäbe sich ein Hinweis auf das Jahr 1925, wenn man von dem vermeintlichen Zeitpunkt des Einzugs der Israeliten in das Land der Verheißung an 70 volle Jubeljahre zählen würde (statt nach dem letzten Jubeljahr vor dem Babylonischen Exil zu beginnen und dann bis zum Beginn des letzten Jubeljahres im 50. Zyklus zu zählen). Aufgrund dessen, was in der Broschüre gesagt wurde, hofften viele, daß die Übriggebliebenen der kleinen Herde 1925 ihren himmlischen Lohn empfangen würden. Für dieses Jahr rechnete man auch mit der Auferstehung treuer vorchristlicher Diener Gottes, die als irdische fürstliche Vertreter des himmlischen Königreiches dienen sollten. Wenn sich das wirklich so ereignet hätte, hätte es bedeutet, daß für die Menschheit eine Zeit angebrochen wäre, in der der Tod nicht mehr Herr ist, und Millionen damals Lebender hätten die Hoffnung haben können, niemals sterben zu müssen. Was für eine herrliche Aussicht! Voller Eifer erzählten sie anderen von ihren — wenn auch irrtümlichen — Erwartungen in Verbindung mit diesem Jahr.

      Zwischen 1935 und 1944 stellte sich bei einer Prüfung des gesamten Rahmenbaus der biblischen Chronologie heraus, daß man sich bei der Berechnung der Chronologie aufgrund einer schlechten Übersetzung von Apostelgeschichte 13:19, 20 in der King-James-Bibelg und aufgrund anderer Faktoren um mehr als ein Jahrhundert vertan hatte.h Dadurch entstand später die Vorstellung — die teils als Möglichkeit, teils auch nachdrücklicher formuliert wurde —, daß die mit dem Anfang der Millenniumsherrschaft Christi verbundenen Ereignisse eventuell von 1975 an eintreten würden, weil in jenem Jahr das siebte Jahrtausend der Menschheitsgeschichte anbreche.

      Erwiesen sich die Glaubensansichten der Zeugen Jehovas in diesen Punkten als richtig? Sie hatten sicherlich nicht unrecht, wenn sie glaubten, daß Gott seine Verheißungen auf alle Fälle erfüllen würde. Doch einige ihrer Berechnungen und Erwartungen, die sie damit verknüpften, führten zu großen Enttäuschungen.

      In manchen Versammlungen in Frankreich und der Schweiz ging der Besuch der Zusammenkünfte nach 1925 drastisch zurück. Ebenso herrschte 1975 erneut Enttäuschung, als sich die Erwartungen in bezug auf den Beginn des Millenniums nicht erfüllten. Demzufolge zogen sich einige von der Organisation zurück. Andere wurden ausgeschlossen, weil sie versuchten, den Glauben ihrer Gefährten zu untergraben. Ein Grund dafür war ohne Zweifel die Enttäuschung über das Datum, aber in manchen Fällen lag das Problem tiefer. Einige Personen vertraten die Ansicht, man brauche nicht von Haus zu Haus zu predigen. Andere wiederum beließen es nicht nur dabei, ihren Weg zu gehen; sie arbeiteten erbittert gegen die Organisation, mit der sie einst verbunden waren, und verbreiteten ihre Ansichten über Presse und Fernsehen. Trotz allem war die Zahl der Abtrünnigen relativ klein.

      Obwohl diese Prüfungen zu einer Sichtung führten und einige wie die Spreu waren, die vom Weizen getrennt und weggeblasen wird, blieben andere standhaft. Wieso? Jules Feller erklärte über die Erfahrung, die er und andere 1925 machten: „Wer sein ganzes Vertrauen in Jehova gesetzt hatte, blieb standhaft und setzte seine Predigttätigkeit fort.“ Sie erkannten, daß ein Fehler gemacht worden war, aber daß Gottes Wort in keinem Fall gefehlt hatte und es somit auch keinen Grund gab, die Hoffnung zu verlieren oder in dem Werk nachzulassen, durch das die Menschen auf Gottes Königreich als die einzige Hoffnung der Menschheit hingewiesen werden.

      Einige Erwartungen hatten sich nicht erfüllt, aber das hieß nicht, daß die biblische Chronologie wertlos war. Die von Daniel aufgezeichnete Prophezeiung über das Erscheinen des Messias 69 Wochen nach dem „Ausgehen des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und wieder zu bauen“, erfüllte sich pünktlich im Jahre 29 u. Z.i (Dan. 9:24-27). Das Jahr 1914 war ebenfalls durch die biblische Prophetie gekennzeichnet.

      1914 — Erwartung und Wirklichkeit

      Im Jahre 1876 schrieb C. T. Russell den ersten von vielen Artikeln, in denen er darauf hinwies, daß 1914 die von Jesus erwähnten Zeiten der Nationen endeten (Luk. 21:24, EB). In dem 1889 veröffentlichten zweiten Band der Serie Millennium-Tagesanbruch unterbreitete Bruder Russell auf logische Weise Einzelheiten, die es dem Leser ermöglichten, die biblische Grundlage dafür zu erkennen und selbst nachzuprüfen. Vor 1914 verbreiteten die Bibelforscher in einem Zeitraum von nahezu vier Jahrzehnten Millionen von Publikationen, die das Ende der Zeiten der Nationen in den Brennpunkt rückten. Zwar nahmen ein paar andere religiöse Blätter gleichfalls Notiz von der biblischen Chronologie, die auf das Jahr 1914 hinwies, aber welche andere Gruppe außer den Bibelforschern machte sie laufend weltweit bekannt und bewies durch die Art und Weise, wie sie lebte, ihren Glauben daran, daß die Zeiten der Nationen in jenem Jahr enden würden?

      Je näher das Jahr 1914 rückte, um so größer wurden die Erwartungen. Was würde es bringen? Im Schriftforscher (Band VI, Nr. 1, herausgegeben in Englisch Anfang 1914) schrieb Bruder Russell: „Wenn das Datum und die Chronologie stimmen, werden die Zeiten der Nationen dieses Jahr — also 1914 — enden. Was bedeutet das? Wir wissen es nicht genau. Wir erwarten, daß die messianische Herrschaft ungefähr dann beginnen wird, wenn die Zeit für die Nationen, in der ihnen die Macht gewährt wurde, abläuft. Gemäß unseren Erwartungen — ob richtig oder falsch — werden wunderbare Kundgebungen des göttlichen Gerichts gegen jegliche Ungerechtigkeit stattfinden, und das wird die Zerstörung vieler, wenn nicht aller Einrichtungen unserer Tage bedeuten.“ Er betonte, daß er 1914 nicht das „Ende der Welt“ erwarte und daß die Erde für immer bestehe, daß aber die gegenwärtige Ordnung der Dinge, deren Herrscher Satan ist, vergehen müsse.

      Im Wacht-Turm vom Dezember 1913 hieß es: „Wir sagen, daß nach der besten chronologischen Berechnung, deren wir fähig sind, es sich um annähernd diese Zeit handelt — Oktober 1914 oder später. Ohne dogmatisieren zu wollen, erwarten wir gewisse Ereignisse: 1. das Aufhören der Zeiten der Nationen — der Oberherrschaft der Nationen in der Welt — und 2. die Aufrichtung des messianischen Königreiches in der Welt.“

      Wie würde das geschehen? Damals schien es den Bibelforschern einleuchtend, daß das die Verherrlichung der von Gott Auserwählten einschloß, die mit Christus am himmlischen Königreich teilhaben sollten und noch auf der Erde waren. Aber was dachten sie, als dem 1914 nicht so war? Im Wacht-Turm vom 15. April 1916 (engl.) wurde gesagt: „Wir denken, daß sich die Daten als richtig erwiesen haben. Wir glauben, daß die Zeiten der Nationen abgelaufen sind.“ Dann wurde jedoch offen gesagt: „Der Herr sagte nicht, daß die gesamte Kirche 1914 verherrlicht würde. Wir schlußfolgerten das nur und irrten uns offensichtlich.“

      In gewisser Hinsicht ähnelten sie den Aposteln Jesu. Die Apostel hatten die Prophezeiungen über Gottes Königreich gekannt und auch an sie geglaubt. Aber sie hegten wiederholt falsche Erwartungen, wenn es darum ging, inwiefern und wann sie sich erfüllen würden. Das führte bei einigen zu Enttäuschungen (Luk. 19:11; 24:19-24; Apg. 1:6).

      Als der Oktober 1914 verstrich, ohne daß die erwartete Verwandlung zu himmlischem Leben stattfand, wußte Bruder Russell, daß die Herzen nun einer schweren Prüfung unterzogen würden. Im Wacht-Turm vom Februar 1915 (engl.: 1. November 1914) schrieb er: „Laßt uns uns stets daran erinnern, daß wir in der Prüfungsstunde stehen! Die Apostel hatten eine besonders schwere Prüfungsstunde in der Zeit zwischen den Tagen des Todes des Herrn und den Pfingsttagen. Nachdem der Herr ihnen nach seiner Auferstehung einigemal erschienen war, sahen sie ihn während vieler Tage nicht mehr. Sie wurden nach und nach entmutigt und sagten schließlich: ‚Es hat keinen Zweck, daß wir noch warten.‘ Einer sagte: ‚Ich gehe hin fischen!‘, und andere sagten zu ihm: ‚Auch wir gehen mit dir!‘ Sie waren entschlossen, das Werk des Menschenfischens wieder aufzugeben und ihren Fischereibetrieb wiederaufzunehmen. Sie befanden sich damals in einer besonderen Prüfungszeit. Ähnlich ist es auch heute. Wenn jemand sich aus irgendeinem Grunde bewogen fühlt, den Herrn und die Wahrheit zu verlassen und dem Herrn keine Opfer mehr darzubringen, so ist nicht die Liebe Gottes allein in seinem Herzen wirksam gewesen, sondern auch etwas anderes — vielleicht der Gedanke, daß die Zeit nur kurz sei und seine Weihung nur für eine bestimmte Zeit gelte.“

      Das schien auf einige zuzutreffen. Ihre Gedanken und Wünsche hatten sich hauptsächlich um die Aussicht auf die Verwandlung zu himmlischem Leben gedreht. Als das zum erwarteten Zeitpunkt nicht geschah, wollten sie von der Bedeutung der erstaunlichen Dinge, die 1914 vor sich gingen, nichts mehr wissen. Sie verloren all die kostbaren Wahrheiten, die sie aus Gottes Wort gelernt hatten, aus den Augen und verspotteten diejenigen, die ihnen diese Wahrheiten nähergebracht hatten.

      Demütig prüften die Bibelforscher die Bibel aufs neue, um ihren Standpunkt vom Wort Gottes korrigieren zu lassen. An ihrer Überzeugung, daß die Zeiten der Nationen 1914 abgelaufen waren, änderte sich nichts. Allmählich begriffen sie, wie das messianische Königreich seinen Anfang genommen hatte — daß es im Himmel aufgerichtet wurde, als Jehova seinen Sohn, Jesus Christus, mit Macht bekleidete, und daß dem nicht die Auferweckung der Miterben Jesu zu himmlischem Leben vorausgehen mußte, sondern daß sie später mit ihm verherrlicht würden. Außerdem erkannten sie, daß es zur Ausdehnung des Einflußbereichs des Königreiches nicht nötig war, zuerst die treuen Propheten der alten Zeit aufzuerwecken, sondern daß der König jetzt lebende loyale Christen als seine Vertreter gebrauchte, um Menschen aus allen Nationen die Gelegenheit zu geben, als irdische Untertanen dieses Königreiches ewig zu leben.

      Weitere Prüfungen und Sichtungen folgten, als diese großartige Vision immer deutlicher wurde. Aber diejenigen, die Jehova wirklich liebten und ihm freudig dienten, waren für die Vorrechte des Dienstes, die sich ihnen nun eröffneten, ungemein dankbar (Offb. 3:7, 8).

      Zu ihnen gehörte A. H. Macmillan. Er schrieb später: „Obwohl sich unsere Erwartung, im Jahre 1914 in den Himmel genommen zu werden, nicht erfüllte, liefen die Zeiten der Nationen ... in jenem Jahr ab. ... Wir ließen uns dadurch, daß sich unsere Erwartungen nur zum Teil erfüllten, nicht allzusehr beunruhigen, denn wir hatten mit dem Photo-Drama-Werk und mit der Lösung der durch den Krieg entstandenen Probleme alle Hände voll zu tun.“ Er setzte sich im Dienst Jehovas eifrig ein und beobachtete mit Begeisterung, wie die Zahl der Königreichsverkündiger zu seinen Lebzeiten auf gut über eine Million anstieg.

      Rückblickend sagte er über das, was er mit der Organisation in 66 Jahren erlebt hatte: „Ich habe viele der schweren Prüfungen miterlebt, die über die Organisation kamen und durch die der Glaube ihrer Glieder erprobt wurde. Mit der Hilfe des Geistes Gottes hielt sie diesen Prüfungen jedoch stand und gedieh weiter.“ Über zwischenzeitliche Verbesserungen des Verständnisses sagte er: „Die biblischen Grundwahrheiten, die wir kennengelernt hatten, blieben unverändert. Ich erkannte, daß wir unsere Fehler zugeben und fortfahren sollten, Gottes Wort zu erforschen, um es noch besser zu verstehen. Irgendwelche Änderungen unserer Ansichten änderten nichts an der barmherzigen Loskaufsvorkehrung und an Gottes Verheißung des ewigen Lebens.“

      In seinem Leben hatte Bruder Macmillan gesehen, daß die Bereitschaft zu predigen und die Wertschätzung für die theokratische Organisation zwei Punkte waren, die Glaubensprüfungen mit sich brachten und offenbarten, was wirklich im Herzen des einzelnen war. Inwiefern?

      Predigtdienst und Organisation werden zu strittigen Fragen

      Von der ersten Ausgabe von Zions Wacht-Turm an wurde jeder einzelne wahre Christ mit zunehmendem Nachdruck aufgefordert, anderen die Wahrheit zu verkündigen. Danach wurden die Leser des Wacht-Turms häufig ermuntert, sich des Vorrechts und der Verantwortung, anderen die gute Botschaft zu verkündigen, bewußt zu sein. Viele hatten einen begrenzten Anteil daran, aber relativ wenige gingen im Werk führend voran und predigten von Haus zu Haus, um jedem die Gelegenheit zu geben, die Königreichsbotschaft zu hören.

      Vom Jahre 1919 an wurde die Beteiligung am Predigtdienst jedoch stärker in den Vordergrund gerückt. Bruder Rutherford legte darauf in jenem Jahr in einem Vortrag in Cedar Point (Ohio) größtes Gewicht. In jeder Versammlung, die von der Gesellschaft für den Dienst organisiert werden wollte, ernannte die Gesellschaft einen Dienstleiter, der sich um das Werk kümmern sollte. Er sollte die Führung übernehmen und dafür sorgen, daß die Versammlung das nötige Rüstzeug hatte.

      Im englischen Wacht-Turm erschien 1922 ein Artikel mit dem Thema „Dienst unbedingt erforderlich“. Darin wurde darauf hingewiesen, daß die Menschen die gute Botschaft dringend hören mußten, und die Aufmerksamkeit wurde auf Jesu prophetischen Auftrag in Matthäus 24:14 gelenkt, wobei den Ältesten in den Versammlungen erklärt wurde: „Niemand sollte denken, nur weil er Ältester der Klasse ist, sein gesamter Dienst bestünde lediglich aus mündlichen Predigten. Wenn er die Gelegenheit hat, zu den Menschen zu gehen und ihnen die Botschaft in gedruckter Form in die Hand zu legen, so ist das ein großes Vorrecht und oft noch wirkungsvoller als irgendeine andere Art des Predigens.“ In dem Artikel wurde dann die Frage gestellt: „Kann jemand, der dem Herrn wirklich geweiht ist, zu einer solchen Zeit mit Recht untätig sein?“

      Manche zögerten. Sie erhoben alle möglichen Einwände. Sie hielten es nicht für angebracht, „Bücher zu verkaufen“, obgleich das Werk nicht profitbringend war und sie durch ebendiese Publikationen die Wahrheit über Gottes Königreich kennengelernt hatten. Als von 1926 an dazu ermuntert wurde, am Sonntag mit den Büchern von Haus zu Haus zu predigen, sprachen sich einige dagegen aus, obwohl viele Menschen den Sonntag in der Regel für religiöse Dinge freihielten. Das Grundproblem war, daß sie meinten, es sei unter ihrer Würde, von Haus zu Haus zu predigen. Die Bibel sagt jedoch unmißverständlich, daß Jesus seine Jünger zum Predigen zu den Häusern der Menschen sandte, und der Apostel Paulus predigte „öffentlich und von Haus zu Haus“ (Apg. 20:20; Mat. 10:5-14).

      Je stärker Nachdruck auf den Predigtdienst gelegt wurde, desto mehr zogen sich diejenigen zurück, deren Herz sie nicht drängte, Jesus und die Apostel als Zeugen nachzuahmen. Die Versammlung in Skive (Dänemark) und einige andere Versammlungen schrumpften auf etwa die Hälfte zusammen. Von den ungefähr hundert Personen, die mit der Versammlung in Dublin (Irland) verbunden waren, blieben nur vier übrig. In den Vereinigten Staaten, in Kanada, Norwegen und anderen Ländern kam es zu ähnlichen Prüfungen und Sichtungen. Dadurch wurden die Versammlungen gereinigt.

      Alle, die den Sohn Gottes wirklich nachahmen wollten, sprachen auf die biblische Aufforderung gut an. Ihre Bereitwilligkeit machte es allerdings nicht unbedingt leicht für sie, von Haus zu Haus zu gehen. Manchen fiel der Anfang sehr schwer. Aber durch Vorkehrungen wie das gruppenweise Zeugnisgeben oder besondere Dienstversammlungen wurden sie angespornt. Zwei Schwestern im Norden Jütlands (Dänemark) erinnerten sich noch lange an ihren ersten Tag im Predigtdienst. Sie versammelten sich mit der Gruppe, hörten die Anweisungen und machten sich auf den Weg in ihr Gebiet, doch dann fingen sie an zu weinen. Zwei Brüder beobachteten das und luden die Schwestern ein, sie zu begleiten. Bald strahlten sie wieder. Nachdem alle ein wenig gepredigt hatten, sprudelten die meisten vor Freude über und wollten voller Begeisterung weiterpredigen.

      Dann erschien 1932 im Wachtturm ein zweiteiliger Artikel mit dem Titel „Jehovas Organisation“ (in den Ausgaben vom 15. September und 1. Oktober). Darin wurde gezeigt, daß es unbiblisch sei, die Ältesten der Versammlungen in ihr Amt zu wählen. Die Versammlungen wurden aufgefordert, nur solche Männer in verantwortliche Stellungen einzusetzen, die im Predigtdienst tätig waren und damit der im Namen Jehovas Zeugen zum Ausdruck kommenden Verantwortung gemäß lebten. Diese Männer sollten ein Dienstkomitee bilden. Einer von ihnen wurde auf Empfehlung der Versammlung von der Gesellschaft zum Dienstleiter ernannt. In Belfast (Irland) wurden auf diese Weise noch mehr Personen ausgesiebt, denen es eher um persönliches Ansehen als um demütigen Dienst ging.

      Bis Anfang der 30er Jahre hatten sich in Deutschland die meisten derer, die vom Predigtdienst abrieten, von den Versammlungen abgewandt. Einige andere zogen sich ängstlich zurück, als das Werk 1933 in vielen Ländern Deutschlands verboten wurde. Aber Tausende standen diese Glaubensprüfungen durch und waren bereit, ungeachtet der damit verbundenen Gefahren zu predigen.

      Auf der ganzen Erde nahm die Verkündigung des Königreiches an Schwung zu. Der Predigtdienst wurde ein wichtiger Bestandteil im Leben der Zeugen Jehovas. Die Versammlung in Oslo (Norwegen) beispielsweise mietete am Wochenende Busse, die die Verkündiger in die umliegenden Städte brachten. Sie trafen sich frühmorgens, waren gegen neun oder zehn Uhr im Gebiet, predigten sieben bis acht Stunden und machten sich dann wieder gemeinsam auf den Heimweg. Andere fuhren mit dem Fahrrad aufs Land, die Büchertaschen und Kartons vollgepackt mit Literatur. Jehovas Zeugen taten voller Freude und Eifer vereint den Willen Gottes.

      Als man 1938 der Ernennung verantwortlicher Männer in den Versammlungenj erneut Aufmerksamkeit schenkte, wurde es allgemein begrüßt, daß die Diener nun endgültig ihr Amt nicht mehr durch örtliche Wahlen erhielten. Die Versammlungen nahmen gern Resolutionen an, in denen Wertschätzung für die theokratische Organisation zum Ausdruck gebracht und „die Gesellschaft“ (darunter verstanden sie den gesalbten Überrest oder den treuen und verständigen Sklaven) gebeten wurde, die Versammlungen für den Dienst zu organisieren und alle Diener zu ernennen. Danach nahm die sichtbare leitende Körperschaft die nötigen Ernennungen vor und organisierte die Versammlungen, damit sie vereint und produktiv tätig sein konnten. Lediglich ein paar Gruppen stimmten damals nicht zu und zogen sich von der Organisation zurück.

      Sich ausschließlich der Verbreitung der Königreichsbotschaft widmen

      Die Organisation muß sich ausschließlich dem Werk widmen, das die Bibel für unsere Zeit gebietet, wenn sie weiterhin Jehovas Wohlgefallen haben möchte. Dieses Werk besteht im Predigen der guten Botschaft von Gottes Königreich (Mat. 24:14). Es gab einige wenige Personen, die zwar unermüdlich mit der Organisation zusammenarbeiteten, durch sie aber auch gleichzeitig Projekte fördern wollten, die ihre Gefährten von dieser Tätigkeit ablenken konnten. Als sie deswegen zurechtgewiesen wurden, war das für sie eine echte Prüfung, vor allem wenn sie meinten, edle Beweggründe gehabt zu haben.

      Das geschah in Finnland im Jahre 1915, als einige Brüder eine Genossenschaft mit dem Namen Ararat gründeten und die Leser der finnischen Ausgabe des Wacht-Turms aufforderten, sich dieser wirtschaftlichen Vereinigung anzuschließen. Der Bruder, der diese Sache in Finnland angekurbelt hatte, reagierte demütig, als er von Bruder Russell darauf hingewiesen wurde, daß er und seine Gefährten „von dem wichtigen Werk des Evangelisierens abgelenkt worden waren“. Stolz hinderte hingegen einen anderen Bruder, der über ein Jahrzehnt lang in Norwegen im Dienst Jehovas tätig gewesen war, diesen Rat anzunehmen.

      Während der 30er Jahre entstand in den Vereinigten Staaten ein ähnliches Problem. Eine Reihe Versammlungen gaben ihre eigenen monatlichen Dienstanweisungsblätter heraus, in denen sowohl Hinweise aus dem Bulletin der Gesellschaft als auch Erfahrungen und das Programm für Dienstvorkehrungen am Ort zu finden waren. In einem dieser Blätter, veröffentlicht in Baltimore (Maryland), wurde voller Begeisterung die Predigttätigkeit unterstützt, doch wurden auch bestimmte Geschäftsunternehmen gefördert. Bei einigen Blättern nahm Bruder Rutherford das anfangs stillschweigend hin. Als aber ersichtlich wurde, wozu die Verwicklung in solche Geschäfte führen konnte, hieß es im Wachtturm, daß die Gesellschaft derartiges nicht gutheiße. Das war für Anton Koerber eine echte Prüfung, denn er hatte in der Absicht gehandelt, den Brüdern dadurch finanziell unter die Arme zu greifen. Mit der Zeit setzte er jedoch all seine Fähigkeiten wieder für die Förderung des Predigtwerkes der Zeugen Jehovas ein.

      Von 1938 an tauchte in Australien ein vergleichbares Problem auf, das sich noch verschärfte, als die Gesellschaft verboten war (von Januar 1941 bis Juni 1943). Das Zweigbüro der Gesellschaft ließ sich auf verschiedene kommerzielle Unternehmungen ein, um Bedürfnissen abzuhelfen, was damals berechtigt schien. Damit machte man einen großen Fehler. Man besaß Sägemühlen, über 20 „Königreichsfarmen“, ein Ingenieurbüro, eine Bäckerei und andere Unternehmen. In zwei kommerziellen Druckereien wurden während des Verbots unbemerkt die Publikationen der Gesellschaft weiter hergestellt. Aber durch einige wirtschaftliche Unternehmungen, die unter dem Vorwand geführt wurden, dadurch Geldmittel verfügbar zu haben und die Pioniere in der Verbotszeit zu unterstützen, wurde die christliche Neutralität verletzt. Manche hatten heftige Gewissensbisse. Die meisten blieben zwar in der Organisation, aber das Königreichspredigtwerk im allgemeinen stagnierte auf einmal. Was hielt den Segen Jehovas zurück?

      Als das Verbot des Werkes im Juni 1943 aufgehoben wurde, wurde den Brüdern im Zweigbüro klar, daß diese Unternehmen aufgelöst werden mußten und man sich statt dessen auf das überaus wichtige Königreichspredigtwerk konzentrieren sollte. Das erreichte man innerhalb von drei Jahren, und die Bethelfamilie wurde auf eine normale Größe reduziert. Dennoch mußte die Sache noch vollends bereinigt werden, um das Vertrauen zur Organisation völlig wiederherzustellen.

      Nathan H. Knorr, der Präsident der Gesellschaft, und sein Sekretär M. G. Henschel kamen 1947 speziell nach Australien, um diese Situation zu klären. In einem Bericht über diese geschäftlichen Betätigungen hieß es im Wachtturm vom 1. September 1947: „Es handelte sich dabei nicht um die weltliche Tagesarbeit von Geschwistern, die ihr Leben verdienen, sondern darum, daß sich das Zweigbüro der Gesellschaft mit verschiedenen Industriezweigen befaßte und Verkündiger aus allen Teilen des Landes herbeirief, besonders Pioniere, damit sie in diesen Industrien statt im Predigtdienste des Evangeliums arbeiteten.“ Dadurch waren sie indirekt sogar in Kriegsanstrengungen verwickelt. Bruder Knorr sprach mit den Brüdern auf den Kongressen in jeder Provinzhauptstadt in aller Deutlichkeit über diese Sache. Auf jedem Kongreß wurde eine Resolution angenommen, in der die australischen Brüder ihren Fehler eingestanden und Jehova durch Jesus Christus um Barmherzigkeit und Vergebung baten. Die Organisation mußte, um weiterhin im Verbreiten der Botschaft vom Königreich Gottes völlig aufgehen zu können, manche Prüfungen bestehen und wachsam sein.

      Wenn Jehovas Zeugen auf ihre neuzeitliche Geschichte zurückblicken, sehen sie deutlich, daß Jehova sein Volk wirklich geläutert hat (Mal. 3:1-3). Falsche Standpunkte, Glaubensansichten und Praktiken wurden nach und nach aufgegeben, und wer unbedingt daran festhalten wollte, verschwand mit ihnen. Die übrigen sind nicht bereit gewesen, in bezug auf die biblische Wahrheit zugunsten menschlicher Philosophien Kompromisse einzugehen. Sie folgen nicht Menschen nach, sondern sind ergebene Diener Jehovas. Sie folgen gern der Führung der Organisation, weil sie klar erkannt haben, daß es sich um Jehovas Organisation handelt. Sie freuen sich über das fortschreitende Licht der Wahrheit (Spr. 4:18). Jeder einzelne betrachtet es als ein großartiges Vorrecht, ein eifriger Zeuge Jehovas und Verkündiger des Königreiches Gottes zu sein.

      [Fußnoten]

      a Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi, Sonderausgabe vom 25. April 1894 (engl.), Seite 102—104.

      b Zur Dreieinigkeit siehe die New Catholic Encyclopedia, 1967, Band XIV, Seite 299; Dictionary of the Bible von J. L. McKenzie, S. J., 1965, Seite 899; The New International Dictionary of New Testament Theology, 1976, Band 2, Seite 84. Zur Seele siehe die New Catholic Encyclopedia, 1967, Band XIII, Seite 449, 450, 452, 454; The New Westminster Dictionary of the Bible, herausgegeben von H. S. Gehman, 1970, Seite 901; The Interpreter’s Bible, 1952, Band I, Seite 230; Peake’s Commentary on the Bible, herausgegeben von M. Black und H. H. Rowley, 1962, Seite 416.

      c Wie Bruder Russell erklärte, wandte seine Frau, die ihn später verließ, als erste Matthäus 24:45-47 auf ihn an. Siehe Wacht-Turm vom April 1907, Seite 50, 51; 1. März 1896 (engl.), Seite 47 und 15. Juni 1896 (engl.), Seite 139, 140.

      d Rechtfertigung, Band 2, Seite 258—260, 268, 269; Der Wachtturm, 1. Mai 1934, Seite 131 bis 139; 15. Mai 1934, Seite 147—154; 1. September 1935, Seite 259—269.

      e Daß das Jahr 1878 ein bedeutsames Jahr wäre, schien durch den Hinweis auf Jeremia 16:18 (‘Jakobs Zwiefaches’, EB) und durch Berechnungen bekräftigt zu werden, die zeigten, daß zwischen Jakobs Tod und dem Jahr 33 u. Z., in dem das fleischliche Israel verworfen wurde, offensichtlich 1 845 Jahre verstrichen und daß sich das Doppel dieser Zeit (‘Zwiefache’) von 33 u. Z. bis 1878 erstreckte.

      f Man zog die Parallele noch weiter und erklärte, daß die Verwüstung Jerusalems im Jahre 70 u. Z. (37 Jahre nachdem Jesu Jünger ihm bei seinem Einritt in Jerusalem als König zujubelten) möglicherweise auf das Jahr 1915 hindeute (37 Jahre nach 1878), in dem anarchistische Aufstände, die Gott, wie man meinte, zulassen werde, um den bestehenden Einrichtungen der Welt ein Ende zu machen, ihren Höhepunkt finden würden. Diese Jahreszahl erschien in den Neuauflagen der Schriftstudien. (Siehe Band 2, Seite 99—101, 171, 221, 232, 246, 247 in Englisch; vergleiche die Neuauflage von 1914 mit älteren Auflagen, wie der Auflage der Serie Millennium-Tagesanbruch von 1902.) Das paßte allem Anschein nach gut mit dem zusammen, was bis dahin über das Jahr 1914 veröffentlicht worden war, das das Ende der Zeiten der Nationen kennzeichnete.

      g Vergleiche die Wiedergabe in der Emphasised Bible, einer Übersetzung von J. B. Rotherham; siehe auch die Fußnote zu Apostelgeschichte 13:20 in der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift — mit Studienverweisen.

      h Siehe „Die Wahrheit wird euch frei machen“, Kapitel 11; „Das Königreich ist herbeigekommen“, Seite 164—171; außerdem das Goldene Zeitalter vom 27. März 1935 (engl.), Seite 391, 412. Aus diesen korrigierten Aufstellungen der biblischen Chronologie war klar ersichtlich, daß die genannten Daten, 1873 und 1878, sowie andere damit zusammenhängende Daten, die aufgrund von Parallelen zu Ereignissen im ersten Jahrhundert davon abgeleitet worden waren, auf Mißverständnissen beruhten.

      i Siehe Einsichten über die Heilige Schrift, Band 2, Seite 919—925.

      j Siehe Kapitel 15: „Die Entwicklung der organisatorischen Struktur“.

      [Herausgestellter Text auf Seite 619]

      Das Prüfen und Sichten kam nicht überraschend

      [Herausgestellter Text auf Seite 621]

      Sie lassen sich „vom Worte des Herrn nicht abbringen“

      [Herausgestellter Text auf Seite 623]

      „Wir möchten nicht, daß wir oder unsere Veröffentlichungen mit Ehre und Huldigung bedacht werden“

      [Herausgestellter Text auf Seite 624]

      „Gott steht noch am Steuer“

      [Herausgestellter Text auf Seite 626]

      Der „treue und kluge Knecht“ war mit dem Tod Bruder Russells nicht von der Bildfläche verschwunden

      [Herausgestellter Text auf Seite 627]

      Ein böswilliger Versuch, andere aufzuhetzen

      [Herausgestellter Text auf Seite 628]

      Einige ließen zu, daß Stolz ihren Glauben untergrub

      [Herausgestellter Text auf Seite 629]

      ‘Behaltet die im Auge, die Spaltungen hervorrufen, und meidet sie’

      [Herausgestellter Text auf Seite 630]

      Einige warfen dem „Wacht-Turm“ fälschlicherweise vor, das Lösegeld verworfen zu haben

      [Herausgestellter Text auf Seite 635]

      „Wir schlußfolgerten das nur und irrten uns offensichtlich“

      [Herausgestellter Text auf Seite 636]

      Diejenigen, die Jehova wirklich liebten, waren für die Vorrechte des Dienstes, die sich ihnen nun eröffneten, dankbar

      [Herausgestellter Text auf Seite 638]

      Kann jemand, der dem Herrn wirklich geweiht ist, zu einer solchen Zeit mit Recht untätig sein?“

      [Herausgestellter Text auf Seite 641]

      Falsche Standpunkte, Glaubensansichten und Praktiken wurden nach und nach aufgegeben

      [Kasten/Bild auf Seite 622]

      W. E. Van Amburgh

      W. E. Van Amburgh erklärte 1916: „Dieses große, weltweite Werk ist nicht das einer Person. ... Es ist Gottes Werk.“ Obwohl er miterlebte, wie andere sich abwandten, hielt er an dieser Überzeugung fest, bis er 1947 im Alter von 83 Jahren starb.

      [Kasten/Bild auf Seite 633]

      Jules Feller

      Als junger Mann erlebte Jules Feller schwere Glaubensprüfungen mit. Manche Versammlungen in der Schweiz schrumpften auf die Hälfte und noch weniger zusammen. Er schrieb jedoch später: „Wer sein ganzes Vertrauen in Jehova gesetzt hatte, blieb standhaft und setzte seine Predigttätigkeit fort.“ Bruder Feller war entschlossen, das ebenfalls zu tun, und stand im Jahre 1992 bereits 68 Jahre im Betheldienst.

      [Kasten/Bild auf Seite 634]

      C. J. Woodworth

      C. J. Woodworth schrieb an jemanden, der den Dienst Jehovas aufgab, weil die gesalbten Nachfolger Jesu Christi 1914 nicht in den Himmel kamen, das folgende:

      „Vor zwanzig Jahren glaubten wir beide an die Kindtaufe; an das göttliche Recht der Geistlichkeit, diese Taufe vorzunehmen; daran, daß die Taufe erforderlich ist, um der ewigen Qual zu entgehen; daß Gott Liebe ist; daß Milliarden Geschöpfe von Gott in seinem Bildnis erschaffen wurden und weiterhin erschaffen werden, die sich bis in alle Ewigkeit in den beißenden Schwaden brennenden Schwefels befinden werden und vergeblich um einen Tropfen Wasser betteln, um ihre Qualen zu lindern ...

      Wir glaubten, daß ein Mensch nach dem Tod lebt; wir glaubten, daß Jesus Christus nie starb; daß er nicht sterben konnte; daß niemals ein Lösegeld bezahlt wurde oder bezahlt wird; daß Jehova Gott und sein Sohn, Jesus Christus, ein und dieselbe Person sind; daß Christus sein eigener Vater war; daß Jesus sein eigener Sohn war; daß der heilige Geist eine Person ist; daß eins plus eins plus eins eins ergibt; daß Jesus, als er am Kreuz hing und sagte: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘, lediglich mit sich selbst redete; ... daß heutige Reiche zum Königreich Christi gehören; daß sich der Teufel irgendwo weit weg in einer unauffindbaren Hölle befindet, statt die Reiche dieser Erde zu beherrschen ...

      Ich danke Gott für den Tag, an dem die ,gegenwärtige Wahrheit‘ in mein Haus kam. Sie war so heilsam, so erfrischend für Herz und Sinn, daß ich den Humbug und das Gewäsch der Vergangenheit schnell hinter mir ließ und von Gott gebraucht wurde, um auch Dir die blinden Augen zu öffnen. Wir freuten uns gemeinsam an der Wahrheit und arbeiteten fünfzehn Jahre lang Seite an Seite zusammen. Der Herr hat Dir die Ehre gegeben, als Sprachrohr zu dienen; ich kenne keinen, der die Torheiten Babylons so unsinnig erscheinen lassen konnte wie Du. In Deinem Brief fragst Du: ‚Was geschieht jetzt?‘ Ach, das ist das traurigste an der ganzen Sache. Jetzt geschieht, daß Du Deinem Herzen erlaubst, Dich gegen denjenigen zu verbittern, auf dem der Segen von oben ruht und dessen liebevolle, harte Arbeit die Wahrheit in unser beider Herzen brachte. Du gingst fort und hast einige Schafe mitgenommen. ...

      Wahrscheinlich findest Du mich lächerlich, weil ich am 1. Oktober 1914 nicht in den Himmel kam, aber ich finde Dich nicht lächerlich — o nein!

      In einer Zeit, in der sich zehn der mächtigsten Nationen der Erde in Todesqualen winden, scheint es mir völlig fehl am Platz, den Mann verspotten zu wollen, der als einziger vierzig Jahre lang gelehrt hat, daß die Zeiten der Nationen 1914 enden.“

      Der Glaube von Bruder Woodworth wurde nicht erschüttert, als die Ereignisse im Jahre 1914 nicht wie erwartet abliefen. Ihm wurde lediglich klar, daß es noch viel zu lernen gab. Wegen seiner festen Überzeugung in Verbindung mit dem Vorsatz Gottes verbrachte er von 1918 bis 1919 neun Monate im Gefängnis. Später diente er als verantwortlicher Redakteur der Zeitschriften „Das Goldene Zeitalter“ und „Trost“. Er blieb treu im Glauben und hielt loyal zur Organisation Jehovas, bis er 1951 im Alter von 81 Jahren starb.

      [Kasten/Bild auf Seite 637]

      A. H. Macmillan

      „Ich habe gelernt, daß es besser ist, geduldig zu warten, bis uns Jehova gewisse Dinge in der Bibel erkennen läßt, als sich wegen eines neuen Gedankens beunruhigen zu lassen. Wir erwarteten bisweilen von einem bestimmten Datum mehr, als uns die Bibel zu erwarten berechtigte. Diese Erwartungen erfüllten sich nicht, aber das änderte nichts an Gottes Vorhaben.“

      [Bilder auf Seite 620]

      Ein entscheidender Prüfstein war der Glaube an den sündensühnenden Wert des Opfers Jesu

      [Bilder auf Seite 625]

      Einige, die Russell sehr schätzten, verrieten durch ihre Reaktion auf Rutherfords Wesensart, wem sie wirklich dienten

      [Bilder auf Seite 639]

      Als mehr Nachdruck auf den Predigtdienst gelegt wurde, zogen sich viele zurück; andere zeigten noch größeren Eifer

      „Der Wacht-Turm“, 1. April 1928 (engl.)

      „Der Wacht-Turm“, 15. Juni 1927 (engl.)

      „Der Wacht-Turm“, 15. August 1922 (engl.)

      [Bilder auf Seite 640]

      Als die theokratische Organisation in den Vordergrund gerückt wurde, wurden diejenigen ausgesiebt, die nach persönlichem Ansehen strebten

  • „Gegenstand des Hasses aller Nationen“
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 29

      „Gegenstand des Hasses aller Nationen“

      ALS Jesus den letzten Abend vor seinem Tod mit seinen Aposteln verbrachte, ermahnte er sie: „Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie mein Wort gehalten haben, werden sie auch das eure halten. Alle diese Dinge aber werden sie euch um meines Namens willen antun, weil sie den nicht kennen, der mich gesandt hat“ (Joh. 15:20, 21).

      Jesus dachte dabei nicht bloß an einzelne Fälle von Unduldsamkeit. Erst drei Tage zuvor hatte er gesagt: „Ihr werdet um meines Namens willen Gegenstand des Hasses aller Nationen sein“ (Mat. 24:9).

      Dennoch sagte Jesus zu seinen Nachfolgern, daß sie nicht zu fleischlichen Waffen greifen dürften, wenn sie verfolgt würden (Mat. 26:48-52). Sie sollten ihre Verfolger nicht verunglimpfen oder auf Rache sinnen (Röm. 12:14; 1. Pet. 2:21-23). Könnte es nicht sein, daß sogar diese Verfolger eines Tages gläubig würden? (Apg. 2:36-42; 7:58 bis 8:1; 9:1-22). Rache zu nehmen sollte in jedem Fall Gott überlassen werden (Röm. 12:17-19).

      Es ist allgemein bekannt, daß die ersten Christen von der römischen Regierung grausam verfolgt wurden. Bemerkenswert ist aber auch, daß Jesus Christus in erster Linie von den religiösen Führern verfolgt wurde und daß Pontius Pilatus, der römische Statthalter, Jesus hinrichten ließ, weil sie es verlangten (Luk. 23:13-25). Nach Jesu Tod waren es wiederum die religiösen Führer, die sich als Verfolger der Jünger Jesu hervortaten (Apg. 4:1-22; 5:17-32; 9:1, 2). War es in jüngster Vergangenheit nicht ähnlich?

      Geistliche forderten öffentliche Debatte

      Als die Schriften C. T. Russells immer mehr in Umlauf kamen und die Auflage schließlich zigmillionen Exemplare in vielen Sprachen erreichte, konnten die katholischen und protestantischen Geistlichen seine Ausführungen nicht einfach ignorieren. Verärgert wegen der Bloßstellung ihrer Lehren als unbiblisch und frustriert durch den Verlust von Mitgliedern, verurteilten viele Geistliche Russells Schriften von der Kanzel herab. Sie geboten ihrer Herde, keine Literatur anzunehmen, die von den Bibelforschern verbreitet wurde. Eine Reihe von ihnen versuchten, Regierungsvertreter zu veranlassen, diesem Werk ein Ende zu setzen. An manchen Orten in den Vereinigten Staaten, zum Beispiel in Tampa (Florida), Rock Island (Illinois), Winston-Salem (Nordkarolina) und Scranton (Pennsylvanien), überwachten Geistliche das öffentliche Verbrennen von Büchern, die Russell verfaßt hatte.

      Einige Geistliche hielten es für nötig, Russells Einfluß auszuschalten, und sie wollten ihn in einer öffentlichen Debatte bloßstellen. Eine Gruppe Geistlicher aus der Umgebung des Hauptbüros, in dem Russell arbeitete, schlossen sich Dr. E. L. Eaton, dem Pastor der Bischöflichen Methodistenkirche in der North Avenue in Allegheny (Pennsylvanien), als ihrem Sprecher an. 1903 schlug Eaton eine öffentliche Debatte vor, und Bruder Russell nahm die Einladung an.

      Die folgenden sechs Diskussionspunkte wurden bekanntgegeben: Bruder Russell behauptete fest, aber Dr. Eaton bestritt, daß die Seelen der Verstorbenen ohne Bewußtsein seien, daß das „zweite Kommen“ Christi dem Millennium vorausgehe und der Zweck sowohl seines „zweiten Kommens“ als auch des Millenniums darin bestehe, alle Familien der Erde zu segnen; ferner, daß nur die Heiligen des „Evangeliumszeitalters“ an der ersten Auferstehung teilhätten, aber große Volksmengen durch eine spätere Auferstehung die Gelegenheit zur Rettung erhielten. Dr. Eaton behauptete fest, aber Bruder Russell bestritt, daß nach dem Tod niemand mehr geprüft werde, daß alle Geretteten in den Himmel kämen und daß unverbesserliche Böse ewigen Leiden unterworfen würden. Über diese Diskussionspunkte wurde 1903 in der Carnegie Hall in Allegheny vor jeweils vollbesetztem Haus eine Serie von sechs Debatten abgehalten.

      Was stand hinter der Herausforderung zu debattieren? Albert Vandenberg, der die Angelegenheit von einem historischen Gesichtspunkt aus betrachtete, schrieb später darüber: „Die Debatten wurden jeweils von einem Geistlichen einer anderen protestantischen Denomination geleitet, der als Diskussionsleiter fungierte. Außerdem saßen Geistliche verschiedener Kirchen aus der Umgebung mit Reverend Eaton auf der Rednerbühne, angeblich um ihn mit Texten und auch moralisch zu unterstützen. ... Daß sogar eine inoffizielle Allianz protestantischer Geistlicher gebildet werden konnte, bedeutete, daß sie fürchteten, Russell sei fähig, Mitglieder ihrer Denominationen zu bekehren“ („Charles Taze Russell: Prophet von Pittsburgh, 1879—1909“, veröffentlicht in The Western Pennsylvania Historical Magazine, Januar 1986, S. 14).

      Es gab nur wenig solche Debatten. Sie brachten nicht die Ergebnisse, die sich die Allianz von Geistlichen erhofft hatte. Einige aus Dr. Eatons Gemeinde waren von dem, was sie 1903 bei der Debattenserie gehört hatten, beeindruckt, verließen seine Kirche und beschlossen, sich mit den Bibelforschern zu verbinden. Sogar ein Geistlicher, der dabeigewesen war, erkannte an, daß Russell „den Wasserstrahl auf die Hölle“ gerichtet und das Feuer ausgelöscht hatte. Dessenungeachtet war Bruder Russell selbst der Meinung, daß der Sache der Wahrheit besser gedient sei, wenn Zeit und Mühe für andere Tätigkeiten als Debatten aufgewendet würden.

      Die Geistlichen gaben ihre Angriffe nicht auf. Als Bruder Russell in Dublin (Irland) und Otley (Yorkshire, England) Ansprachen hielt, hatten sie Männer im Publikum postiert, die lautstark Einwände und falsche Beschuldigungen vorbrachten, die gegen Bruder Russell persönlich gerichtet waren. Bruder Russell wurde mit diesen Situationen leicht fertig, wobei er seine Antworten immer auf die Bibel als Autorität stützte.

      Protestantische Geistliche hatten sich ungeachtet ihrer Denomination zu der Evangelischen Allianz vereinigt. In vielen Ländern agitierten deren Vertreter gegen Russell und diejenigen, die seine Literatur verbreiteten. In Texas (USA) zum Beispiel stellten die Bibelforscher fest, daß jeder Geistliche — sogar in den kleinsten Städtchen und in ländlichen Bezirken — mit denselben falschen Beschuldigungen gegen Russell und denselben Entstellungen seiner Lehren ausgerüstet worden war.

      Diese Angriffe gegen Russell führten jedoch manchmal zu Ergebnissen, die die Geistlichen nicht erwartet hatten. Als ein Prediger in New Brunswick (Kanada) von seiner Kanzel aus eine abfällige Predigt über Russell hielt, befand sich in der Zuhörerschaft ein Mann, der die von Bruder Russell verfaßte Literatur selbst gelesen hatte. Er fühlte sich angewidert, als der Prediger bewußt Lügen vorbrachte. Ungefähr in der Mitte der Predigt stand der Mann auf, nahm seine Frau an die Hand und rief seinen sieben Töchtern, die im Chor sangen, zu: „Kommt, Mädchen, wir gehen nach Haus.“ Alle neun gingen hinaus, und der Geistliche mußte mit ansehen, wie der Mann, der die Kirche hatte bauen lassen und die finanzielle Hauptstütze der Gemeinde war, auf Nimmerwiedersehen verschwand. Bald darauf löste sich die Gemeinde auf, und der Prediger ging fort.

      Zu Verspottung und Verleumdung gegriffen

      In dem verzweifelten Versuch, den Einfluß von C. T. Russell und seinen Gefährten zunichte zu machen, sprachen die Geistlichen ihm ab, ein ordinierter christlicher Diener Gottes zu sein. Aus ähnlichen Gründen behandelten die jüdischen religiösen Führer im ersten Jahrhundert die Apostel Petrus und Johannes wie „ungelehrte und gewöhnliche Menschen“ (Apg. 4:13).

      Bruder Russell hatte keine der theologischen Fakultäten der Christenheit absolviert. Doch er sagte mutig: „Wir fordern ... [die Geistlichen] heraus zu beweisen, daß sie jemals eine göttliche Ordination hatten oder daß sie überhaupt daran denken. Sie denken nur an eine sektiererische Ordination oder Autorisation, jeder von seiner eigenen Sekte oder Gruppe. ... Gott ordiniert oder autorisiert einen Menschen zum Predigen dadurch, daß er ihm den heiligen Geist gewährt. Wer immer den heiligen Geist empfangen hat, hat die Macht und Autorität, im Namen Gottes zu lehren und zu predigen. Wer den heiligen Geist nicht empfangen hat, hat für sein Predigen keine göttliche Autorität oder Zustimmung“ (Jes. 61:1, 2).

      Um Bruder Russells Ruf zu schaden, zogen einige Geistliche über ihn her und verbreiteten grobe Lügen über ihn. Eine Lüge, die sie immer wieder vorbrachten und es noch tun, betrifft die Ehe Bruder Russells. Sie haben versucht, den Eindruck zu vermitteln, er hätte unsittlich gehandelt. Wie sehen die Tatsachen aus?

      Im Jahre 1879 heiratete Charles Taze Russell Maria Frances Ackley. 13 Jahre lang hatten sie ein gutes Verhältnis zueinander. Dann wurde das Verhältnis dadurch untergraben, daß man Maria schmeichelte und an ihren Stolz appellierte; aber als das Ziel der Schmeichler klar wurde, schien sie ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Nachdem ein früherer Gefährte Russells über ihn Lügen verbreitet hatte, bat sie ihren Mann sogar, einige Versammlungen besuchen zu dürfen, um die Beschuldigungen zu widerlegen, denn es war behauptet worden, er habe sie schlecht behandelt. Der freundliche Empfang, den man ihr 1894 auf der Reise bereitete, trug jedoch offenbar zu einer allmählichen Änderung ihrer Ansicht über sich selbst bei. Sie wollte sich ein stärkeres Mitspracherecht sichern bei der Entscheidung, was im Wacht-Turm erscheinen sollte.a Als sie feststellte, daß nichts von dem, was sie geschrieben hatte, veröffentlicht wurde, es sei denn, ihr Mann, der Herausgeber der Zeitschrift, war mit dem Inhalt (auf der Grundlage, daß er mit der Heiligen Schrift übereinstimmte) einverstanden, geriet sie völlig außer Fassung. Er bemühte sich sehr, ihr zu helfen, doch im November 1897 verließ sie ihn. Dessenungeachtet beschaffte er ihr eine Wohnung und sorgte für ihren Lebensunterhalt. Jahre später — 1908 — führten Gerichtsverfahren, die sie 1903 angestrengt hatte, zu einem Urteil, das nicht auf Ehescheidung lautete, sondern auf Trennung von Tisch und Bett sowie auf Zahlung von Unterhalt.

      Da sie ihre Forderungen bei ihrem Mann nicht durchsetzen konnte, setzte sie, nachdem sie ihn verlassen hatte, alles daran, seinen Namen in Mißkredit zu bringen. 1903 veröffentlichte sie ein Traktat, das keinerlei biblische Wahrheiten enthielt, sondern Bruder Russell völlig falsch darstellte. Sie versuchte, Geistliche verschiedener Denominationen dafür zu gewinnen, es dort zu verteilen, wo die Bibelforscher ihre besonderen Zusammenkünfte abhielten. Anerkennenswerterweise haben sich damals nicht viele dafür hergegeben. In der Zwischenzeit haben Geistliche jedoch eine andere Einstellung gezeigt.

      Früher hatte Maria Russell diejenigen mündlich und schriftlich getadelt, die Bruder Russell genau das Fehlverhalten vorgeworfen hatten, dessen sie selbst ihn jetzt beschuldigte. Einige religiöse Gegner Bruder Russells haben haltlose Behauptungen, die 1906 während eines Gerichtsverfahrens vorgebracht und auf Anordnung des Gerichts aus dem Protokoll gestrichen wurden, aufgegriffen, um Beschuldigungen zu veröffentlichen, die den Anschein erwecken sollen, er sei ein unmoralischer Mensch und somit als Diener Gottes ungeeignet gewesen. Das Gerichtsprotokoll zeigt indessen klar, daß diese Beschuldigungen falsch sind. Der Rechtsanwalt Frau Russells fragte sie, ob sie glaube, ihr Gatte sei des Ehebruchs schuldig. Sie antwortete: „Nein.“ Es gilt auch zu beachten, daß Frau Russell, als sie 1897 vor einem Komitee von christlichen Ältesten Beschuldigungen gegen ihren Mann erhob, nichts von dem erwähnte, was sie später vor Gericht aussagte, als sie die Geschworenen dazu überreden wollte, einer Scheidung stattzugeben, obwohl die angeblichen Vorfälle in die Zeit vor der Zusammenkunft mit den Ältesten fielen.

      Neun Jahre nachdem Frau Russell den Fall das erste Mal vor Gericht gebracht hatte, schrieb Richter James Macfarlane einen Antwortbrief an einen Mann, der eine Kopie des Gerichtsprotokolls haben wollte, damit einer seiner Mitarbeiter Russell bloßstellen könnte. Der Richter sagte ihm offen, daß das, was er wünsche, Zeit- und Geldverschwendung sei. In seinem Brief hieß es: „Der Grund für ihren [Frau Russells] Antrag und für das Urteil, das aufgrund des Urteilsspruchs der Geschworenen gefällt wurde, war ‚unwürdige Kränkungen‘ und nicht Ehebruch, und die Zeugenaussage zeigt, soviel ich weiß, nicht, daß Russell ‚ein ehebrecherisches Leben mit einer Mitbeklagten‘ führte. Tatsächlich gab es keine Mitbeklagte.“

      Maria Russells verspätetes Eingeständnis erfolgte 1916 während der Beerdigung Bruder Russells in der Carnegie Hall in Pittsburgh. Verschleiert ging sie an den Bankreihen vorbei zum Sarg und legte einen Strauß Maiglöckchen darauf. Es war ein Band daran befestigt, auf dem stand: „Meinem geliebten Mann“.

      Es ist offenkundig, daß die Geistlichen nach derselben Taktik vorgingen wie ihr Gegenstück im ersten Jahrhundert. Damals bemühte man sich, Jesu Ruf zu ruinieren, indem man ihm vorwarf, daß er mit Sündern esse und daß er selbst ein Sünder und Lästerer sei (Mat. 9:11; Joh. 9:16-24; 10:33-37). Solche Beschuldigungen änderten nichts an der Wahrheit über Jesus, doch sie stellten diejenigen bloß, die zu solchen Verleumdungen griffen — und sie stellen diejenigen, die heute zu solchen Taktiken greifen, als solche bloß, die den Teufel zum geistigen Vater haben, dessen Name „Verleumder“ bedeutet (Joh. 8:44).

      Das Kriegsfieber genutzt, um ihre Ziele zu erreichen

      Der Nationalismus, der die Welt im Ersten Weltkrieg überflutet hatte, bot sich als neue Waffe an, die gegen die Bibelforscher verwendet werden konnte. Protestantische und katholische Geistliche konnten ihre Feindschaft hinter der Fassade des Patriotismus zum Ausdruck bringen. Sie nutzten die Kriegshysterie aus und brandmarkten die Bibelforscher als Aufrührer — dieselbe Anklage, die im ersten Jahrhundert von den religiösen Führern Jerusalems gegen Jesus und den Apostel Paulus erhoben wurde (Luk. 23:2, 4; Apg. 24:1, 5). Natürlich mußten die Geistlichen, um eine solche Anklage erheben zu können, selbst für die Kriegsanstrengungen eintreten, doch das schien die meisten von ihnen nicht zu stören, obwohl es bedeutete, junge Männer hinauszuschicken, damit sie Angehörige der eigenen Religion in einem anderen Land töteten.

      Nach Russells Tod gab die Watch Tower Society im Juli 1917 das Buch Das vollendete Geheimnis, einen Kommentar zu Offenbarung, Hesekiel und Hohelied, heraus. Das Buch stellte die Heuchelei der Geistlichkeit der Christenheit rundheraus bloß. Es wurde in verhältnismäßig kurzer Zeit weit verbreitet. Ende Dezember 1917 und Anfang 1918 verbreiteten die Bibelforscher in den Vereinigten Staaten und in Kanada außerdem 10 000 000 Exemplare des Traktats Der Schriftforscher, das eine schonungslose Botschaft enthielt. Dieses vierseitige Traktat im Format einer kleinen Zeitung, betitelt „Der Fall Babylons“, trug den Untertitel „Warum die Christenheit jetzt leiden muß — Das Endergebnis“. Darin wurden katholische und protestantische Religionsorganisationen gemeinsam als neuzeitliches Babylon identifiziert, das bald fallen mußte. Zur Unterstützung des Gesagten war ein Kommentar aus dem Buch Das vollendete Geheimnis über Prophezeiungen abgedruckt, die das göttliche Gericht gegen das „mystische Babylon“ zum Ausdruck brachten. Auf der Rückseite war eine Karikatur, die eine einstürzende Mauer darstellte. Große Steine der Mauer trugen Aufschriften wie „Lehre von der Dreieinigkeit (3 × 1 = 1)“, „Unsterblichkeit der Seele“, „Ewige-Qual-Lehre“, „Protestantismus — Glaubensbekenntnisse, Geistlichkeit usw.“, „Katholizismus — Päpste, Kardinäle usw., usw.“; und alle Steine fielen.

      Die Geistlichen waren wütend über diese Bloßstellung, so wie die jüdischen Geistlichen wütend waren, als Jesus ihre Heuchelei bloßstellte (Mat. 23:1-39; 26:3, 4). Die Geistlichkeit in Kanada reagierte schnell. Im Januar 1918 unterzeichneten über 600 kanadische Geistliche eine Petition, in der die Regierung aufgefordert wurde, die Veröffentlichungen der International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) zu verbieten. Wie in der Winnipeg Evening Tribune berichtet wurde, verurteilte Charles G. Paterson, der Pastor der St. Stephen’s Church in Winnipeg, von seiner Kanzel aus den Schriftforscher, der den Artikel „Der Fall Babylons“ enthielt, worauf sich der Kronanwalt Johnson mit ihm in Verbindung setzte, um ein Exemplar zu erhalten. Kurz danach, am 12. Februar 1918, wurde der Besitz des Buches Das vollendete Geheimnis und des oben gezeigten Traktats durch einen Beschluß der Regierung Kanadas zu einem Verbrechen erklärt, das mit Geld- und Gefängnisstrafe geahndet werden konnte.

      Im selben Monat, am 24. Februar, hielt der neugewählte Präsident der Watch Tower Society, Bruder Rutherford, in den Vereinigten Staaten im Temple Auditorium in Los Angeles (Kalifornien) eine Ansprache. Sein Thema war aufsehenerregend: „Die Welt ist am Ende — Millionen jetzt Lebender mögen nie sterben“. Er unterbreitete Beweise dafür, daß die Welt, wie man sie bis dahin kannte, tatsächlich 1914 geendet hatte, indem er auf den Krieg hinwies, der damals im Gange war, sowie auf dessen Begleiterscheinung Hunger und dies als Teil des von Jesus vorausgesagten Zeichens identifizierte (Mat. 24:3-8). Dann richtete er die Aufmerksamkeit auf die Geistlichkeit, indem er sagte:

      „Als Klasse sind die Geistlichen gemäß der Schrift von allen Menschen auf der Erde die verwerflichsten wegen des großen Krieges, der die Menschheit jetzt plagt. 1 500 Jahre lang haben sie dem Volk die satanische Lehre des Gottesgnadentums der Könige beigebracht. Sie haben Politik und Religion, Kirche und Staat vermischt, haben sich als illoyal gegenüber ihrem von Gott verliehenen Vorrecht erwiesen, die Botschaft vom messianischen Königreich zu verkündigen, und haben sich dazu hergegeben, die Herrscher in ihrem Glauben zu bestärken, daß der König von Gottes Gnaden regiert und daher alles, was er tut, richtig ist.“ Über das Ergebnis sagte er: „Ehrgeizige Könige in Europa rüsteten zum Krieg, weil sie das Gebiet anderer Völker an sich reißen wollten, und die Geistlichen klopften ihnen auf die Schulter und sagten: ‚Tun Sie nach Ihrem Belieben, Sie können nichts falsch machen. Was Sie auch immer tun, es ist richtig.‘ “ Es waren jedoch nicht nur die europäischen Geistlichen, die den Krieg unterstützten; das wußten die Prediger in Amerika nur zu gut.

      Am Tag darauf erschien ein ausführlicher Bericht über den Vortrag in der Morning Tribune von Los Angeles. Die Geistlichkeit war so aufgebracht, daß die Vereinigung der Geistlichen noch am gleichen Tag eine Zusammenkunft abhielt und ihren Vorsitzenden zur Geschäftsleitung der Zeitung schickte, um ihr äußerstes Mißfallen zum Ausdruck zu bringen. Danach wurden die Mitarbeiter in den Büros der Watch Tower Society ständig vom staatlichen Geheimdienst schikaniert.

      Während dieser Periode leidenschaftlicher nationalistischer Gefühle hielten Geistliche in Philadelphia in den Vereinigten Staaten eine Konferenz ab, auf der eine Resolution angenommen wurde, die eine Überarbeitung des Spionagegesetzes forderte, damit Personen, die dagegen verstießen, vor ein Kriegsgericht gestellt und mit dem Tode bestraft werden könnten. John Lord O’Brian, Sonderbeauftragter des Justizministers in Kriegsangelegenheiten, wurde ausgewählt, die Angelegenheit dem Senat vorzulegen. Der Präsident der Vereinigten Staaten ließ nicht zu, daß diese Vorlage zum Gesetz wurde. Aber James Franklin Bell, Generalmajor der US-Armee, enthüllte J. F. Rutherford und W. E. Van Amburgh in einem Wutanfall, was sich auf der Konferenz ereignet hatte und daß man beabsichtigte, die Vorlage gegen die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder der Watch Tower Society zu verwenden.

      Offizielle Akten der US-Regierung zeigen, daß spätestens ab dem 21. Februar 1918 John Lord O’Brian persönlich mit dem Sammeln von Beweismaterial gegen die Bibelforscher zu tun hatte. Der Sitzungsbericht des Kongresses vom 24. April und vom 4. Mai enthält Notizen von John Lord O’Brian, in denen er nachdrücklich argumentiert, daß er die Bibelforscher nicht erfolgreich strafrechtlich verfolgen könne, wenn das Gesetz Äußerungen erlaube über das, „was wahr ist, mit guten Motiven und vertretbaren Zielen“ — wie es in der sogenannten France-Novellierung des Spionagegesetzes festgelegt und vom US-Senat gebilligt worden sei.

      In Worcester (Massachusetts) nutzte „Reverend“ B. F. Wyland das Kriegsfieber aus und behauptete, die Bibelforscher betrieben Propaganda für den Feind. Er veröffentlichte einen Artikel im Daily Telegram, in dem er erklärte: „Eine der patriotischen Pflichten, denen Sie als Bürger gegenüberstehen, ist die Unterdrückung der International Bible Students Association, deren Hauptbüro in Brooklyn ist. Sie hat unter dem Deckmantel der Religion in Worcester deutsche Propaganda betrieben, indem sie ihr Buch ‚Das vollendete Geheimnis‘ verkauft hat.“ Ohne Umschweife sagte er den Behörden, es sei ihre Pflicht, die Bibelforscher zu verhaften und sie daran zu hindern, weiterhin Zusammenkünfte abzuhalten.

      Im Frühling und im Sommer 1918 wurden die Bibelforscher sowohl in Nordamerika als auch in Europa überall verfolgt. Unter den Anstiftern waren Geistliche der Baptisten, Methodisten, Episkopalen, Lutheraner, Katholiken und anderer Kirchen. Ohne Durchsuchungsbefehl beschlagnahmten Beamte biblische Literatur, und viele Bibelforscher warf man ins Gefängnis. Andere wurden vom Pöbel gejagt, geschlagen, ausgepeitscht, geteert und gefedert, oder ihnen wurden Rippen gebrochen oder Schnittwunden am Kopf beigebracht. Einige wurden zu Krüppeln gemacht. Christliche Männer und Frauen wurden ins Gefängnis geworfen und dort ohne Anklage oder Gerichtsverfahren festgehalten. Mehr als einhundert Einzelfälle solch verbrecherischer Behandlung wurden im Goldenen Zeitalter vom 29. September 1920 (engl.) geschildert.

      Der Spionage angeklagt

      Der Höhepunkt kam am 7. Mai 1918, als in den Vereinigten Staaten Haftbefehl gegen J. F. Rutherford, den Präsidenten der Watch Tower Bible and Tract Society, und seine vertrauten Mitarbeiter erlassen wurde.

      Am Tag zuvor waren in Brooklyn (New York) zwei Anklageschriften gegen Bruder Rutherford und seine Gefährten ausgestellt worden. Sollte die eine nicht den gewünschten Erfolg erzielen, wollte man die andere vorlegen. Die erste Anklageschrift, die eine größere Anzahl Einzelpersonen beschuldigte, enthielt vier Anklagepunkte: Zwei beschuldigten sie der Verschwörung als einer Verletzung des Spionagegesetzes vom 15. Juni 1917, und in zwei weiteren wurde ihnen vorgeworfen, ihre illegalen Vorhaben auszuführen oder es zu versuchen. Es wurde behauptet, sie hätten sich verschworen, um zum Ungehorsam und zur Verweigerung der Dienstpflicht in den Streitkräften der Vereinigten Staaten anzustiften, und sie hätten sich verschworen, die Rekrutierung und Anwerbung von Männern für solche Dienste zu behindern, und das, während sich die Nation im Krieg befinde; ferner hätten sie beides versucht oder tatsächlich getan. Die Anklageschrift erwähnte besonders die Veröffentlichung und Verbreitung des Buches Das vollendete Geheimnis. Die zweite Anklageschrift legte einen Scheck, der nach Europa gesandt worden war (er war für das biblische Schulungswerk in Deutschland bestimmt), als gegen die Interessen der Vereinigten Staaten gerichtet aus. Als die Angeklagten vor Gericht gebracht wurden, ging man nach der ersten Anklageschrift mit den vier Anklagepunkten vor.

      Noch eine andere Anklageschrift, in der man sich auf das Spionagegesetz berief, war damals in Scranton (Pennsylvanien) gegen C. J. Woodworth und J. F. Rutherford anhängig. Doch gemäß einem Brief von John Lord O’Brian vom 20. Mai 1918 befürchteten einige im Justizministerium, daß der Bezirksrichter Witmer, vor dem der Fall verhandelt werden sollte, nicht mit ihrer Auslegung des Spionagegesetzes übereinstimmen würde; sie legten es dahin gehend aus, daß die Tätigkeit von Personen zu unterdrücken sei, die aus aufrichtiger religiöser Überzeugung etwas sagten, was andere als Antikriegspropaganda auffassen könnten. Das Justizministerium hielt daher den Fall in Scranton in der Schwebe bis zur Entscheidung des Falles in Brooklyn. Auch lenkte die Regierung die Situation so, daß Richter Harland B. Howe aus Vermont, von dem John Lord O’Brian wußte, daß er mit seiner Ansicht über solche Angelegenheiten übereinstimmte, in dem Fall als Richter im US-Bezirksgericht für den östlichen Distrikt von New York amtieren würde. Mit Isaac R. Oeland und Charles J. Buchner, einem Katholiken, als Vertreter der Anklage kam der Fall am 5. Juni vor Gericht. Während der Verhandlung beobachtete Bruder Rutherford, daß katholische Priester häufig mit Buchner und Oeland konferierten.

      Im Verlauf des Verfahrens zeigte es sich, daß die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder der Gesellschaft und diejenigen, die das Buch zusammengestellt hatten, nicht die Absicht verfolgt hatten, die Kriegsanstrengungen des Landes zu behindern. Die während des Verfahrens vorgebrachten Beweise belegten, daß der Plan, dieses Buch zu schreiben, ja überhaupt der größte Teil der Manuskripte fertig war, bevor die Vereinigten Staaten den Krieg erklärten (am 6. April 1917), und daß der ursprüngliche Vertrag über die Herausgabe unterschrieben worden war, bevor die Vereinigten Staaten das Gesetz verabschiedet hatten (am 15. Juni), das die Angeklagten angeblich gebrochen hatten.

      Die Anklagevertretung verwies auf Zusätze in dem Buch, die im April und Juni 1917 während der Überarbeitung des Textes und beim Korrekturlesen gemacht worden waren. Dazu gehörte ein Zitat von John Haynes Holmes, einem Geistlichen, der nachdrücklich erklärt hatte, der Krieg sei ein Vergehen gegen das Christentum. Einer der Verteidiger wies darauf hin, daß das Werk des Geistlichen mit dem Titel A Statement to My People on the Eve of War (Eine Erklärung an mein Volk am Vorabend des Krieges) zur Zeit des Prozesses in den Vereinigten Staaten immer noch zum Verkauf angeboten wurde. Weder der Geistliche noch der Verleger stand deswegen unter Anklage. Aber die Bibelforscher, die sich auf seine Predigt bezogen, wurden für die Meinung, die darin zum Ausdruck kam, zur Rechenschaft gezogen.

      In dem Buch wurde der Allgemeinheit nicht gesagt, sie habe kein Recht, sich am Krieg zu beteiligen. Aber bei der Erklärung von Prophezeiungen wurde aus Wacht-Turm-Ausgaben von 1915 zitiert, um die Inkonsequenz der Geistlichen aufzuzeigen, die einerseits behaupteten, Christi Diener zu sein, andererseits aber kriegführenden Ländern als Rekrutierungshelfer dienten.

      Als man erfuhr, daß die Regierung etwas gegen das Buch einzuwenden hatte, schickte Bruder Rutherford sofort ein Telegramm an die Druckerei, um die Produktion zu stoppen, und gleichzeitig sandte man einen Vertreter der Gesellschaft zum militärischen US-Geheimdienst. Er sollte herausfinden, um was für Einwände es sich handelte. Sobald man in Erfahrung gebracht hatte, daß die Seiten 247 bis 253 des Buches beanstandet wurden, weil der Krieg im Gange war, gab die Gesellschaft die Anweisung, diese Seiten aus allen Exemplaren des Buches herauszuschneiden, bevor es der Öffentlichkeit angeboten würde. Und als die Regierung die Bezirksstaatsanwälte davon in Kenntnis setzte, daß eine weitere Verbreitung ein Verstoß gegen das Spionagegesetz sei (obwohl die Regierung der Gesellschaft gegenüber eine Stellungnahme zu dem Buch in seiner abgewandelten Form ablehnte), ordnete die Gesellschaft an, das Buch vorerst nicht mehr in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

      Warum solche harten Strafen?

      Ungeachtet all dessen sprachen am 20. Juni 1918 die Geschworenen alle Angeklagten in allen Anklagepunkten schuldig. Am Tag darauf wurden siebenb von ihnen zu je viermal 20 Jahren verurteilt, die gleichzeitig verbüßt werden sollten. Am 10. Juli wurde der achtec zu viermal 10 Jahren verurteilt, die ebenfalls gleichzeitig zu verbüßen waren. Wie hart waren diese Urteile? Der Präsident der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson, räumte in einem Brief vom 12. März 1919 an den Justizminister ein: „Die Freiheitsstrafen sind offensichtlich unangemessen hoch.“ Tatsächlich hatte der Mann, der in Sarajevo die tödlichen Schüsse auf den Thronfolger der österreichisch-ungarischen Monarchie abfeuerte — und damit Ereignisse auslöste, die die Nationen in den Ersten Weltkrieg stürzten —, keine härtere Strafe erhalten. Sein Urteil lautete auf 20 Jahre Gefängnis — nicht viermal 20 Jahre, wie im Fall der Bibelforscher.

      Aus welchem Motiv heraus wurden die Bibelforscher zu langen Freiheitsstrafen verurteilt? Richter Harland B. Howe erklärte: „Nach Meinung des Gerichts stellt die religiöse Propaganda, für die diese Angeklagten energisch eingetreten sind und die sie im ganzen Land sowie unter unseren Verbündeten betrieben haben, eine größere Gefahr dar als eine ganze deutsche Division. ... Jemand, der seinen Glauben verkündigt, hat gewöhnlich viel Einfluß, und wenn er aufrichtig ist, um so mehr. Das verschlimmert ihr begangenes Unrecht, statt es zu mildern. Daher hat das Gericht beschlossen, daß es nur klug ist, diese Leute hart zu bestrafen.“ Interessanterweise sagte Richter Howe, bevor er das Strafurteil verkündete, aber auch, daß die Verteidiger nicht nur die Justizbeamten der Regierung unglaubwürdig gemacht und angegriffen hätten, sondern auch „alle Geistlichen im ganzen Land“.

      Gegen die Entscheidung wurde sofort Berufung eingelegt. Doch Richter Howe lehnte eine Kaution bis zur Verhandlung des Einspruchs willkürlich ab,d und am 4. Juli, bevor ein drittes und letztes Rechtsmittel für eine Kaution eingelegt werden konnte, wurden die ersten sieben Brüder schnell in die Bundesstrafanstalt in Atlanta (Georgia) gebracht. Später wurde bewiesen, daß das äußerst befangene Gericht 130 Verfahrensfehler gemacht hatte. Es dauerte Monate, die für das Berufungsverfahren erforderlichen Papiere vorzubereiten. Inzwischen war der Krieg vorüber. Am 19. Februar 1919 sandten die acht inhaftierten Brüder eine dringende Bitte um Straferlaß an Woodrow Wilson, den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Zahlreiche Bürger schickten Briefe an den neu ernannten Justizminister, in denen sie sich nachdrücklich für die Freilassung der Brüder einsetzten. In Beantwortung der Anfrage des Justizministers empfahl Richter Howe am 1. März 1919 „sofortige Strafmilderung“. Das hätte zwar die Strafdauer verkürzt, aber gleichzeitig wäre dadurch die Schuld der Angeklagten bestätigt worden. Bevor es soweit kam, stellten die Rechtsanwälte der Brüder dem Bundesanwalt eine gerichtliche Verfügung zu, die den Fall vor das Berufungsgericht brachte.

      Am 21. März 1919, neun Monate nachdem Rutherford und seine Gefährten verurteilt worden waren — der Krieg war inzwischen vorüber —, ordnete das Berufungsgericht an, alle acht Angeklagten gegen Kaution aus der Haft zu entlassen, und am 26. März kamen sie in Brooklyn gegen eine Kaution von je 10 000 Dollar frei. Am 14. Mai 1919 entschied das Berufungsgericht in New York: „Die Angeklagten in diesem Rechtsfall hatten nicht das maßvolle und unparteiische Gerichtsverfahren, auf das sie ein Anrecht gehabt hätten, und aus diesem Grunde ist das Urteil aufgehoben.“ Der Fall wurde zurückverwiesen für ein neues Gerichtsverfahren.e Nachdem die Angeklagten jedoch auf Vorladung fünfmal vor Gericht erschienen waren, verkündete der Staatsanwalt am 5. Mai 1920 in einer öffentlichen Gerichtsverhandlung in Brooklyn, daß die Anklage fallengelassen wurde. Warum? Wie aus einem Schriftwechsel hervorgeht, der in den Nationalarchiven der Vereinigten Staaten aufbewahrt wird, fürchtete das Justizministerium, den Fall zu verlieren, wenn er vor unbefangene Geschworene gebracht würde, da die Kriegshysterie abgeklungen war. Der Bundesanwalt L. W. Ross legte in einem Brief an den Justizminister dar, er denke, es wäre für ihre Öffentlichkeitsarbeit besser, wenn sie auf eigene Initiative erklärten, daß der Fall nicht länger verfolgt werde.

      Am selben Tag, dem 5. Mai 1920, wurde die andere Anklage, die im Mai 1918 gegen J. F. Rutherford und vier seiner Gefährten erhoben worden war, ebenfalls fallengelassen.

      Wer waren die eigentlichen Anstifter?

      War das alles wirklich von der Geistlichkeit angestiftet worden? John Lord O’Brian bestritt das. Aber die Tatsachen waren denen, die damals lebten, bestens bekannt. Am 22. März 1919 wurde in der Zeitung Appeal to Reason, die in Girard (Kansas) herausgegeben wurde, folgender Protest geäußert: „Anhänger von Pastor Russell, verfolgt aus Gehässigkeit von der ‚orthodoxen‘ Geistlichkeit, wurden verurteilt und inhaftiert, ohne daß eine Kaution zugelassen wurde, obwohl sie alle nur möglichen Anstrengungen unternahmen, um den Bestimmungen des Spionagegesetzes zu entsprechen. ... Wir erklären, daß diese Anhänger Pastor Russells, unabhängig davon, ob das Spionagegesetz formaljuristisch verfassungsmäßig und ethisch zu rechtfertigen war, auf dessen Grundlage unrechtmäßig verurteilt wurden. Eine vorurteilslose Untersuchung der Beweise wird jeden schnell davon überzeugen, daß diese Männer das Gesetz weder übertreten wollten noch es übertreten haben.“

      Jahre später äußerte sich Dr. Ray Abrams in dem Buch Preachers Present Arms, Seite 183—185 folgendermaßen: „Es ist bezeichnend, daß sich so viele Geistliche energisch an dem Versuch beteiligten, die Russelliten [wie die Bibelforscher abfällig bezeichnet wurden] loszuwerden. Seit langem bestehende religiöse Streitigkeiten und Haßgefühle, die zu Friedenszeiten keinerlei Beachtung vor Gericht erhalten hatten, fanden jetzt, unter dem Einfluß der Kriegshysterie, Eingang in den Gerichtssaal.“ Weiter sagte er: „Eine Untersuchung des ganzen Falles führt zu dem Schluß, daß ursprünglich die Kirchen und die Geistlichen hinter dieser Maßnahme standen, um die Russelliten auszurotten.“

      Das Ende des Krieges beendete indessen nicht die Verfolgung der Bibelforscher. Sie trat lediglich in eine neue Phase ein.

      Priester setzen die Polizei unter Druck

      Da der Krieg nun vorüber war, wurden von der Geistlichkeit andere Streitfragen aufgeworfen, um, falls irgend möglich, die Tätigkeit der Bibelforscher zum Erliegen zu bringen. Im katholischen Bayern und in anderen Teilen Deutschlands wurden in den 20er Jahren zahllose Verhaftungen wegen angeblicher Verstöße gegen die Gewerbeordnung in die Wege geleitet. Als die Fälle jedoch vor Berufungsgerichte gebracht wurden, entschieden die Richter gewöhnlich zugunsten der Bibelforscher. Schließlich, nachdem die Gerichte mit Tausenden von solchen Fällen überschwemmt worden waren, gab das Innenministerium 1930 einen Runderlaß an alle Polizeibeamten heraus, in dem ihnen gesagt wurde, sie sollten keine rechtlichen Schritte gegen die Bibelforscher wegen Verstößen gegen die Gewerbeordnung mehr einleiten. Somit ließ der Druck von dieser Seite für kurze Zeit nach, und Jehovas Zeugen setzten ihre Tätigkeit in Deutschland in außergewöhnlichem Umfang fort.

      Die Geistlichkeit übte in jenen Jahren auch in Rumänien einen starken Einfluß aus. Sie erreichte, daß Verfügungen veröffentlicht wurden, durch die Literatur und die Tätigkeit der Zeugen Jehovas verboten wurde. Doch die Priester fürchteten, daß die Leute vielleicht noch immer in der Literatur, die sie bereits besaßen, lasen und folglich etwas über die unbiblischen Lehren und betrügerischen Behauptungen der Kirche erfahren würden. Um das zu verhindern, gingen Priester tatsächlich mit Gendarmen von Haus zu Haus und suchten nach Literatur, die von Jehovas Zeugen verbreitet worden war. Sie fragten sogar ahnungslose kleine Kinder, ob ihre Eltern solche Literatur angenommen hatten. Wurde irgend etwas gefunden, drohten sie den Leuten Schläge und Gefängnis an für den Fall, daß sie jemals wieder Literatur entgegennähmen. In einigen Dörfern war der Priester gleichzeitig der Bürgermeister und der Friedensrichter, und für jemand, der nicht tat, was der Priester sagte, gab es kaum Gerechtigkeit.

      Was aus jener Zeit über einige amerikanische Beamte, die sich dem Willen der Geistlichkeit fügten, zu berichten ist, ist keineswegs besser. Nach dem Besuch des katholischen Bischofs O’Hara in La Grange (Georgia) ließen zum Beispiel der Bürgermeister und der Justitiar der Stadt im Jahre 1936 Jehovas Zeugen zu Dutzenden verhaften. Während ihrer Haft mußten sie neben einem Misthaufen schlafen, auf Matratzen, die mit Jauche bespritzt waren; in ihrem Essen waren Würmer, und sie wurden gezwungen, in Sträflingskolonnen beim Straßenbau mitzuarbeiten.

      Auch in Polen benutzte die katholische Geistlichkeit jedes nur erdenkliche Mittel, um das Werk der Zeugen Jehovas zu behindern. Sie stachelte die Leute zur Gewalt auf, verbrannte öffentlich die Literatur der Zeugen Jehovas, prangerte sie als Kommunisten an und zerrte sie vor Gericht unter der Anklage, ihre Literatur sei „gotteslästerlich“. Jedoch waren nicht alle Beamten bereit, den Geistlichen willfährig zu sein. Der Staatsanwalt am Berufungsgericht in Posen (Poznań) zum Beispiel weigerte sich, einen Zeugen Jehovas anzuklagen, den die Geistlichkeit unter der Beschuldigung angezeigt hatte, er habe die katholische Geistlichkeit als „Organisation Satans“ bezeichnet. Der Staatsanwalt wies selbst darauf hin, daß der unmoralische Geist, der sich vom päpstlichen Hof Alexanders VI. (1492 bis 1503) aus in der ganzen Christenheit ausgebreitet hatte, wirklich der Geist einer satanischen Organisation war. Und als die Geistlichen einen Zeugen Jehovas der Gotteslästerung beschuldigten, weil er Literatur der Watch Tower Society verbreitet hatte, forderte der Staatsanwalt am Berufungsgericht in Thorn (Toruń) Freispruch und sagte: „Die Zeugen Jehovas nehmen genau den gleichen Standpunkt ein wie die ersten Christen. Verkannt und verfolgt, vertreten sie die höchsten Ideale in einer verderbten und untergehenden Weltordnung.“

      Aus kanadischen Staatsarchiven geht hervor, daß Jehovas Zeugen 1940 in Kanada auf einen Brief aus dem Palast Kardinal Villeneuves von Quebec an den Justizminister, Ernest Lapointe, hin verboten wurden. Später forderten andere Regierungsvertreter eine ausführliche Erklärung der Gründe für dieses Vorgehen, doch die Antworten Lapointes waren für viele Mitglieder des kanadischen Parlaments keineswegs zufriedenstellend.

      Auf der anderen Seite der Erdkugel griff die Geistlichkeit zu ähnlichen Intrigen. Die australischen Staatsarchive enthalten einen Brief des katholischen Erzbischofs von Sydney an den Kronanwalt W. M. Hughes, in dem darauf gedrängt wird, daß Jehovas Zeugen für illegal erklärt werden. Dieser Brief wurde am 20. August 1940 geschrieben, nur fünf Monate bevor das Verbot verhängt wurde. Richter Williams vom Obersten Bundesgericht Australiens sagte später, nachdem er den angeblichen Grund für das Verbot überprüft hatte, es habe „die Konsequenz, daß das Eintreten für die Prinzipien und Lehren der christlichen Religion ungesetzlich und jeder Gottesdienst, den jemand hält, der an die Geburt Christi glaubt, eine ungesetzliche Zusammenkunft sei“. Am 14. Juni 1943 entschied das Gericht, daß das Verbot mit australischem Recht unvereinbar war.

      In der Schweiz forderte eine katholische Zeitung, daß die Behörden die Literatur der Zeugen, die die Kirche als beleidigend ansah, beschlagnahmen sollten. Man drohte, anderenfalls das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen. Und in vielen Ländern geschah genau das.

      Geistliche wenden Gewalt an

      Die katholischen Geistlichen in Frankreich wiegten sich in dem Gefühl, das Volk fest im Griff zu haben, und sie waren entschlossen, diese Monopolstellung durch nichts beeinträchtigen zu lassen. 1924 und 1925 verbreiteten Jehovas Zeugen in vielen Ländern das Traktat Offene Anklage gegen die Geistlichkeit. Es war geplant, daß J. F. Rutherford 1925 in Paris über das Thema „Die Trügereien der Geistlichkeit an den Tag gebracht“ sprechen sollte. Über das, was sich während der Zusammenkunft ereignete, berichtete ein Augenzeuge: „Der Saal war voll besetzt. Bruder Rutherford erschien auf der Bühne und wurde mit freundlichem Applaus empfangen. Er hatte gerade angefangen zu sprechen, als plötzlich ungefähr 50 Priester und Mitglieder der Katholischen Aktion, mit Stöcken bewaffnet, in den Saal stürmten, wobei sie die Marseillaise [die französische Nationalhymne] sangen. Sie warfen Traktate die Treppe hinunter. Ein Priester stieg auf die Bühne. Zwei junge Männer packten ihn und holten ihn herunter. Dreimal verließ Bruder Rutherford die Bühne und betrat sie dann wieder. Schließlich ging er endgültig. ... Die Tische, auf denen unsere Literatur ausgelegt war, wurden umgestoßen und unsere Bücher überall umhergeworfen. Es war ein heilloses Durcheinander.“ Doch das war kein Einzelfall.

      Jack Corr bekam, als er in Irland predigte, oft den Zorn der Geistlichen zu spüren. Einmal zerrte ihn um Mitternacht eine vom Gemeindepfarrer aufgehetzte Menge aus dem Bett und verbrannte dann seine gesamte Literatur auf dem Marktplatz. Als Victor Gurd und Jim Corby in ihrer Unterkunft in Roscrea in der Grafschaft Tipperary ankamen, mußten sie feststellen, daß Gegner ihre Literatur gestohlen, mit Benzin getränkt und angezündet hatten. Rund um das Freudenfeuer standen die Ortspolizei, die Geistlichen und Kinder aus der Gegend, die „Der Glaube unserer Väter“ sangen.

      Bevor sich Jehovas Zeugen 1939 im Madison Square Garden in New York versammelten, hatten Anhänger des katholischen Priesters Charles Coughlin gedroht, die Zusammenkunft zu sprengen. Die Polizei war davon in Kenntnis gesetzt worden. Am 25. Juni sprach Bruder Rutherford zu über 18 000 Anwesenden sowie einer großen internationalen Zuhörerschaft am Radio über das Thema „Herrschaft und Friede“. Nachdem der Vortrag begonnen hatte, strömten mindestens 200 Katholiken und Nationalsozialisten, angeführt von verschiedenen katholischen Priestern, auf den Balkon. Auf ein Signal hin veranstalteten sie ein schreckliches Geheul und riefen „Heil Hitler!“ und „Viva Franco!“ Sie gebrauchten alle möglichen Schimpfwörter und Drohungen und griffen viele Saalordner an, die gegen die Störung einschritten. Es gelang dem Pöbel nicht, die Zusammenkunft zu sprengen. Bruder Rutherford sprach eindringlich und furchtlos weiter. Auf dem Höhepunkt des Tumults erklärte er: „Seht euch heute die Nationalsozialisten und die Katholiken an, die diese Zusammenkunft sprengen möchten, es aber dank der Gnade Gottes nicht können!“ Die Zuhörerschaft brach immer wieder in stürmischen Beifall aus. Die Störung wurde auf der Tonaufnahme verewigt, die man bei dieser Gelegenheit machte, und sie wurde von Menschen in vielen Ländern gehört.

      Wo es jedoch möglich war, bediente sich die katholische Geistlichkeit wie zur Zeit der Inquisition des Staates, um jeden zu unterdrücken, der es wagte, die Lehren und Praktiken der Kirche in Frage zu ziehen.

      Brutale Behandlung in Konzentrationslagern

      In Adolf Hitler hatte die Geistlichkeit einen willigen Verbündeten. 1933, im gleichen Jahr, in dem ein Konkordat zwischen dem Vatikan und dem nationalsozialistischen Deutschland unterzeichnet wurde, setzte Hitler eine Kampagne in Gang, um Jehovas Zeugen in Deutschland zu vernichten. 1935 waren sie im ganzen Land verboten. Aber wer hatte das angezettelt?

      Ein katholischer Priester schrieb in der in Lodz (Polen) erscheinenden deutschsprachigen Zeitung Der Deutsche Weg vom 29. Mai 1938: „Es gibt jetzt e i n Land in der Welt, in dem die sogenannten ‚Ernsten Bibelforscher‘ [Jehovas Zeugen] verboten sind. Das ist Deutschland! ... Als Adolf Hitler an die Macht gekommen war und das deutsche Episkopat seine Bitte wiederholte, sagte Hitler: ‚Diese sogenannten „Ernsten Bibelforscher“ [Jehovas Zeugen] sind Unruhestifter; ... ich betrachte sie als Kurpfuscher; ich dulde nicht, daß die deutschen Katholiken durch diesen amerikanischen Richter Rutherford auf eine derartige Weise beschmutzt werden; ich löse die „Ernsten Bibelforscher“ in Deutschland auf‘ “ (Kursivschrift von uns).

      Waren solche Schritte nur vom deutschen katholischen Episkopat gewünscht? Wie in der Oschatzer Gemeinnützigen vom 21. April 1933 berichtet wurde, sprach der evangelische Pfarrer Otto in einer Rundfunksendung am 20. April von der „engsten Zusammenarbeit“ der Evangelischen Deutschen Kirche des Staates Sachsen mit den politischen Führern des Volkes und erklärte dann: „Als ersten Erfolg bei dieser Zusammenarbeit dürfen wir verbuchen, daß am heutigen Tag für das Gebiet Sachsen die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher und ihre Unterorganisationen verboten worden sind.“

      Danach begann der nationalsozialistische Staat mit einer der grausamsten Christenverfolgungen, über die die Geschichte berichtet. Tausende von Zeugen Jehovas aus Deutschland, Österreich, Polen, der Tschechoslowakei, den Niederlanden, Frankreich und anderen Ländern wurden in Konzentrationslager gebracht. Dort wurden sie der grausamsten und sadistischsten Behandlung unterworfen, die man sich nur vorstellen kann. Es war nichts Ungewöhnliches, daß sie verflucht und getreten wurden und dann stundenlang Kniebeugen machen, springen und kriechen mußten, bis sie ohnmächtig wurden oder vor Erschöpfung zusammenbrachen, wobei die Wachen schadenfroh lachten. Einige mußten mitten im Winter nackt oder nur leicht bekleidet im Hof stehen. Viele wurden geschlagen, bis sie das Bewußtsein verloren und ihr Rücken blutig war. Andere gebrauchte man als Versuchskaninchen für medizinische Experimente. Einige wurden, die Arme hinter dem Rücken zusammengebunden, an den Handgelenken aufgehängt. Obwohl von Hunger und wegen unzureichender Kleidung bei Frost geschwächt, mußten sie schwer arbeiten, viele Stunden am Tag, oft mit bloßen Händen, obwohl Schaufeln und anderes Werkzeug nötig waren. Sowohl Männer als auch Frauen wurden so mißhandelt. Es waren alle Altersgruppen vertreten, von Jugendlichen bis zu Siebzigern. Ihre Peiniger höhnten Jehova lauthals.

      In der Absicht, die Zeugen zu zermürben, befahl der Lagerkommandant von Sachsenhausen, einen jungen Zeugen, August Dickmann, in Anwesenheit aller Gefangenen erschießen zu lassen; dabei mußten sich die Zeugen Jehovas ganz vorn aufstellen, um alles hautnah mitzuerleben. Danach konnten die übrigen Gefangenen gehen, aber die Zeugen Jehovas mußten bleiben. Mit großer Eindringlichkeit stellte der Lagerkommandant ihnen die Frage, wer nun bereit sei, die Erklärung zu unterschreiben — eine Erklärung, mit der man seinem Glauben abschwor und sich bereit erklärte, Soldat zu werden. Nicht einer der über 400 Zeugen ging darauf ein. Dann traten zwei vor. Nein, nicht, um zu unterschreiben, sondern um zu bitten, daß die Unterschrift, die sie beide vor etwa einem Jahr gegeben hatten, annulliert würde.

      Im Lager Buchenwald wurde ähnlich Druck ausgeübt. SS-Obersturmbannführer Rödl erklärte den Zeugen: „Wenn einer sich weigert, gegen Frankreich oder England zu kämpfen, dann müßt ihr sterben!“ Zwei SS-Kompanien in voller Ausrüstung standen am Tor. Kein einziger Zeuge gab nach. Danach wurden sie sehr schlecht behandelt, aber die Androhung des Offiziers wurde nicht wahr gemacht. Es wurde überall bekannt, daß die Zeugen in den Lagern zwar fast alle Arbeiten, die ihnen aufgetragen wurden, verrichteten, aber daß sie sich, obwohl sie systematisch ausgehungert und mit Mehrarbeit bestraft wurden, standhaft weigerten, irgend etwas zu tun, wodurch sie den Krieg unterstützt oder einem Mithäftling geschadet hätten.

      Was sie durchmachten, spottet jeder Beschreibung. Hunderte von ihnen starben. Nachdem die Überlebenden bei Kriegsende aus den Lagern befreit worden waren, schrieb ein Zeuge aus Flandern: „Nur der unerschütterliche Wunsch zu leben, die Hoffnung und das Vertrauen auf ihn, Jehova, den Allmächtigen, und die Liebe zur Theokratie machten es möglich, all dies zu ertragen und den Sieg zu erringen (Römer 8:37).“

      Eltern wurden von ihren Kindern getrennt. Eheleute wurden auseinandergerissen, und manche hörten nie wieder etwas von ihrem Partner. Martin Pötzinger wurde kurz nach seiner Heirat verhaftet und in das berüchtigte Lager in Dachau gebracht, später nach Mauthausen. Seine Frau Gertrud kam in das Lager Ravensbrück. Sie sahen sich neun Jahre lang nicht. Über seine Erlebnisse in Mauthausen schrieb er später: „Die Gestapo versuchte hier alles, um unseren Glauben an Jehova zu zerstören. Hungerrationen, falsche Freunde, Brutalität, tagelanges Torstehen, Auspeitschungen oder an einem drei Meter hohen Pfahl an den auf dem Rücken zusammengebundenen Handgelenken aufgehängt zu werden — all diese und andere Methoden, die zu abscheulich sind, um sie zu erwähnen, wandte man bei uns an.“ Aber er blieb Jehova loyal. Er gehörte zu den Überlebenden, und später diente er als ein Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas.

      Wegen ihres Glaubens inhaftiert

      Jehovas Zeugen waren nicht in den Konzentrationslagern, weil sie Kriminelle gewesen wären. Wenn sich Offiziere rasieren lassen wollten, vertrauten sie das Rasiermesser einem Zeugen an, weil sie wußten, daß kein Zeuge jemals ein solches Werkzeug als Waffe verwenden und damit einen anderen Menschen verletzen würde. Wenn SS-Führer des Vernichtungslagers Auschwitz jemand brauchten, der ihre Wohnung saubermachen oder für ihre Kinder sorgen sollte, wählten sie Zeugen aus, denn sie wußten, daß diese nicht versuchen würden, sie zu vergiften oder zu fliehen. Als das Lager Sachsenhausen bei Kriegsende evakuiert wurde, vertrauten die Wachen einen Wagen mit geraubten Sachen einer Gruppe Zeugen an. Warum? Weil sie wußten, daß die Zeugen ihnen nichts stehlen würden.

      Jehovas Zeugen waren wegen ihres Glaubens inhaftiert. Wiederholt versprach man ihnen, sie aus dem Lager zu entlassen, wenn sie eine Erklärung unterschrieben, in der sie ihrem Glauben abschworen. Die SS tat alles in ihrer Macht Stehende, um die Zeugen zu verleiten oder zu zwingen, diese Erklärung zu unterschreiben. Darauf hatten sie es besonders abgesehen.

      Bis auf wenige Ausnahmen hielten alle Zeugen Jehovas unverbrüchlich an ihrer Lauterkeit fest. Sie litten wegen ihrer Loyalität gegenüber Jehova und ihrer Ergebenheit gegenüber dem Namen Christi. Sie erduldeten nicht nur die unsäglichen Qualen, die ihnen zugefügt wurden, sondern hielten gleichzeitig auch unerschütterlich an ihrer geistigen Einheit fest.

      Ihre Einstellung war nicht: um jeden Preis das eigene Leben retten. Sie bekundeten aufopferungsvolle Liebe zueinander. Wenn einer schwach wurde, teilten andere ihre magere Ration mit ihm. Wenn ihnen jegliche medizinische Behandlung versagt wurde, sorgten sie liebevoll füreinander.

      Trotz aller Bemühungen der Verfolger, es zu verhindern, gelangte Bibelstudienmaterial zu den Zeugen — manchmal in Geschenkpaketen von draußen, ein anderes Mal durch Neuankömmlinge mündlich übermittelt, einmal sogar im Holzbein eines neuen Insassen versteckt oder auf andere Weise, wenn sie außerhalb des Lagers arbeiten mußten. Abschriften gingen von Hand zu Hand; manchmal wurden sie heimlich direkt im Büro der Lagerleitung mit der Maschine angefertigt. Obwohl es sehr gefährlich war, wurden in den Lagern sogar einige christliche Zusammenkünfte abgehalten.

      Die Zeugen fuhren fort zu predigen, daß Gottes Königreich die einzige Hoffnung der Menschheit ist — und das taten sie sogar in den Konzentrationslagern. In Buchenwald bewirkte ihr organisiertes Vorgehen, daß Tausende von Insassen die gute Botschaft hörten. Im Lager in Neuengamme bei Hamburg wurde Anfang 1943 ein intensiver Predigtfeldzug sorgfältig geplant und durchgeführt. Es wurden Zeugniskarten in verschiedenen Sprachen angefertigt, die im Lager gesprochen wurden. Man bemühte sich, jeden Gefangenen zu erreichen. Mit Interessierten führte man ein regelmäßiges persönliches Bibelstudium durch. Die Zeugen predigten so eifrig, daß einige politische Häftlinge schimpften: „Überall hört man nur von Jehova reden!“ Als aus Berlin der Befehl kam, die Zeugen unter die anderen Gefangenen zu verteilen, um ihren Glauben zu schwächen, wurde es ihnen dadurch ermöglicht, mit mehr Menschen zu sprechen.

      Über die mindestens 500 treuen Zeuginnen in Ravensbrück schrieb die Nichte des französischen Generals Charles de Gaulle, nachdem sie freigelassen worden war: „Ich hege für sie große Bewunderung. Sie waren verschiedener Nationalität — deutsch, polnisch, russisch und tschechoslowakisch — und erduldeten um ihres Glaubens willen große Leiden. ... Alle legten den Beweis sehr großen Mutes ab, was schließlich auch der SS Eindruck machte. Sie hätten auf der Stelle die Freiheit erlangt, wenn sie ihrem Glauben abgeschworen hätten; sie wurden aber nicht müde zu widerstehen, ja, es gelang ihnen sogar, Bücher und Traktate ins Lager einzuschleusen.“

      Wie Jesus Christus besiegten sie die Welt, die sie in ihre satanische Schablone pressen wollte (Joh. 16:33). Über die Zeugen schreibt Christine King in dem Buch New Religious Movements: A Perspective for Understanding Society: „Die Zeugen Jehovas waren eine Herausforderung an das totalitäre Konzept der neuen Gesellschaft, und durch diese Herausforderung wie auch durch ihr hartnäckiges Überdauern wurden die Architekten der neuen Ordnung nachweislich beunruhigt. ... Die altbewährten Methoden der Verfolgung, Folterung, Inhaftierung und Verspottung konnten keinen einzigen Zeugen zur Nazi-Ideologie bekehren und waren für die Angreifer ein Schuß nach hinten. ... Zwischen diesen beiden rivalisierenden Forderern der Loyalität herrschte ein erbitterter Kampf, und das um so mehr, als die physisch stärkeren Nazis in vieler Hinsicht nicht so sicher waren, nicht so tief verwurzelt in ihrer eigenen Überzeugung und nicht so sehr überzeugt vom Fortbestand ihres 1 000jährigen Reiches. Die Zeugen hatten keinen Zweifel an ihren eigenen Wurzeln, denn ihr Glaube war schon seit der Zeit Abels offenkundig. Während die Nazis Widerstand unterdrücken und ihre Unterstützer überzeugen mußten, wobei sie häufig auf das Sprachgut und die Vorstellungswelt des sektiererischen Christentums zurückgriffen, waren sich die Zeugen sicher, daß ihre Mitglieder sogar bis in den Tod totale, unnachgiebige Loyalität bekunden würden“ (1982 veröffentlicht).

      Bei Kriegsende kamen über tausend Zeugen, die überlebt hatten, aus den Lagern — ihr Glaube war ungebrochen, und ihre Liebe zueinander war stark. Als die russischen Heere näher rückten, evakuierte die Wachmannschaft schnell das Lager Sachsenhausen. Sie gruppierte die Gefangenen nach ihrer Nationalität. Aber Jehovas Zeugen blieben als eine Gruppe zusammen — 230 waren es aus diesem Lager. Da die Russen schon so nahe waren, wurden die Wachen nervös. Es gab nichts zu essen, und die Gefangenen waren schwach; jeder, der nicht Schritt halten konnte oder aus Erschöpfung hinfiel, wurde erschossen. Tausende Erschossene markierten die Marschroute. Aber die Zeugen halfen sich gegenseitig, so daß nicht einmal der Schwächste auf der Straße liegenblieb. Und das, obwohl einige von ihnen zwischen 65 und 72 Jahre alt waren. Andere Gefangene versuchten, auf dem Weg Essen zu stehlen, und viele wurden dabei erschossen. Im Gegensatz dazu ergriffen die Zeugen Jehovas die Gelegenheiten, entlang dem Evakuierungsweg den Menschen von Jehovas liebevollem Vorsatz zu erzählen, und einige versorgten sie und ihre christlichen Brüder aus Dankbarkeit für die tröstende Botschaft mit Essen.

      Die Geistlichen kämpfen weiter

      Nach dem Zweiten Weltkrieg fuhren die Geistlichen im östlichen Teil der Tschechoslowakei fort, zur Verfolgung der Zeugen Jehovas anzustiften. Während der nationalsozialistischen Herrschaft hatten sie die Zeugen beschuldigt, Kommunisten zu sein; jetzt behaupteten sie, die Zeugen seien gegen die kommunistische Regierung. Wenn Jehovas Zeugen an den Türen der Menschen vorsprachen, forderten manchmal die Priester Lehrer auf, Hunderte von Kindern aus der Schule zu schicken, damit sie die Zeugen mit Steinen bewarfen.

      Ähnlich agitierten katholische Priester 1947 in Santa Ana (El Salvador) gegen die Zeugen. Als die Brüder ihr wöchentliches Wachtturm-Studium durchführten, warfen Jungen Steine durch die offene Tür. Dann zog eine von Priestern angeführte Prozession vorbei. Einige trugen Fackeln, andere Heiligenbilder. Sie riefen: „Lang lebe die Jungfrau!“ und: „Möge Jehova sterben!“ Ungefähr zwei Stunden lang wurde das Gebäude mit Steinen beworfen.

      Mitte der 40er Jahre wurden Jehovas Zeugen in Quebec (Kanada) ebenfalls schrecklich mißhandelt, und zwar vom katholischen Pöbel und von Beamten gleichermaßen. Tag für Tag sprachen Abordnungen vom Bischofspalast bei der Polizei vor und verlangten, man solle dafür sorgen, daß die Zeugen Jehovas verschwinden. Häufig war zu beobachten, daß Polizisten Verhaftungen vornahmen, nachdem sie aus der Hintertür der Kirche gekommen waren. 1949 wurden Missionare der Zeugen Jehovas von aufgebrachten Katholiken aus Joliette (Quebec) vertrieben.

      Aber nicht alle Menschen in Quebec waren damit einverstanden. Heute steht in Joliette an einer der Hauptdurchgangsstraßen ein schöner Königreichssaal der Zeugen Jehovas. Das ehemalige Priesterseminar ist geschlossen worden, die Regierung hat es aufgekauft und in eine Volkshochschule umgewandelt. Und in Montreal haben Jehovas Zeugen große internationale Kongresse abgehalten — 1978 belief sich die Zahl der Anwesenden auf 80 008.

      Dessenungeachtet hat die katholische Kirche jede Möglichkeit genutzt, die Menschen mit eisernem Griff festzuhalten. Durch Druck auf Regierungsvertreter sorgte sie dafür, daß Missionare der Zeugen Jehovas 1949 Italien verlassen mußten und daß in den 50er Jahren Genehmigungen, die die Zeugen eingeholt hatten, um Kongresse abzuhalten, wenn möglich widerrufen wurden. Trotzdem nahmen Jehovas Zeugen an Zahl weiter zu, und 1992 gab es in Italien über 190 000 Evangeliumsverkündiger.

      Wie zur Zeit der Inquisition übernahm die Geistlichkeit in Spanien das Denunzieren und überließ dem Staat die strafrechtliche Verfolgung der Zeugen. In Barcelona zum Beispiel rief der Erzbischof 1954 zu einem Kreuzzug gegen die Zeugen auf, und die Geistlichen benutzten ihre Kanzeln, die Schulen und den Rundfunk, um den Menschen anzuraten, die Zeugen hereinzubitten, wenn sie bei ihnen vorsprachen, und dann schnell die Polizei zu rufen.

      Die Priester befürchteten, das spanische Volk könnte erfahren, was in der Bibel steht, und würde vielleicht sogar öffentlich darüber sprechen. Als Manuel Mula Giménez 1960 wegen des „Verbrechens“, andere über die Bibel belehrt zu haben, in Granada ins Gefängnis gebracht wurde, ließ der Gefängnisgeistliche (ein katholischer Priester) die einzige Bibel aus der Gefängnisbücherei entfernen. Und als ein anderer Häftling Manuel ein Exemplar der Evangelien auslieh, wurde es ihm weggenommen. Aber jetzt ist die Bibel in Spanien in die Öffentlichkeit vorgedrungen, und jeder hat die Gelegenheit, selbst zu sehen, was sie zu sagen hat. 1992 gab es über 90 000 Personen, die Jehova als seine Zeugen anbeten.

      In der Dominikanischen Republik arbeiteten die Geistlichen mit dem Diktator Trujillo zusammen, wobei sie durch ihn ihre Ziele zu erreichen suchten, genauso wie er sie für seine Zwecke benutzte. Nachdem Jehovas Zeugen 1950 in von Priestern verfaßten Zeitungsartikeln heftig kritisiert worden waren, wurde der Zweigaufseher der Watch Tower Society vom Minister des Innern und der Polizei vorgeladen. Während der Zweigaufseher draußen wartete, sah er zwei Jesuitenpriester hineingehen und wieder herauskommen. Unmittelbar danach wurde er in das Büro des Ministers gerufen, und der Minister las nervös einen Erlaß vor, der die Tätigkeit der Zeugen Jehovas verbot. Nachdem 1956 das Verbot für kurze Zeit aufgehoben worden war, benutzten die Geistlichen sowohl den Rundfunk als auch die Presse, um die Zeugen erneut zu verleumden. Ganze Versammlungen wurden verhaftet und aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, die besagte, daß sie ihrem Glauben abschwören und versprechen würden, zur römisch-katholischen Kirche zurückzukehren. Als die Zeugen sich weigerten, wurden sie geschlagen, getreten, ausgepeitscht und mit Kolbenschlägen ins Gesicht übel zugerichtet. Doch sie standen fest, und ihre Zahl nahm zu.

      In Sucre in Bolivien kam es ebenfalls zu Ausschreitungen. 1955, während Jehovas Zeugen einen Kongreß abhielten, umringte eine Gruppe Jungen aus der katholischen Schule Sagrado Corazón die Zusammenkunftsstätte, grölte und warf mit Steinen. Von der Kirche auf der anderen Straßenseite aus wurden alle Katholiken durch einen starken Lautsprecher aufgefordert, die Kirche und die „Jungfrau“ gegen die „protestantischen Ketzer“ zu verteidigen. Der Bischof und die Priester versuchten persönlich, die Zusammenkunft zu sprengen, wurden jedoch von der Polizei aus dem Saal gewiesen.

      Als Jehovas Zeugen im Jahr zuvor in Riobamba (Ecuador) einen Kongreß abhielten, stand auf ihrem Programm der öffentliche Vortrag „Ist Liebe in einer selbstsüchtigen Welt praktisch?“ Doch ein Jesuitenpriester hatte unter der katholischen Bevölkerung feindselige Gefühle entfacht und sie aufgefordert, die Zusammenkunft zu verhindern. Daher konnte man während des Vortrags eine aufgewiegelte Menge rufen hören: „Lang lebe die katholische Kirche!“ und: „Nieder mit den Protestanten!“ Mit gezückten Schwertern hielten Polizisten die Menschenmenge lobenswerterweise zurück. Doch der Pöbel schleuderte Steine gegen die Zusammenkunftsstätte und später auch gegen das Gebäude, in dem die Missionare wohnten.

      Die römisch-katholische Geistlichkeit kämpfte bei der Verfolgung an vorderster Front, doch nicht nur sie. Die griechisch-orthodoxe Geistlichkeit kämpfte genauso heftig und wandte in ihrem kleineren Einflußbereich die gleiche Taktik an. Außerdem haben viele protestantische Geistliche, wo sie meinten, damit durchzukommen, eine ähnliche Haltung gezeigt. In Indonesien zum Beispiel haben sie Pöbelaktionen angeführt, bei denen Bibelstudien in Privatwohnungen aufgelöst und die anwesenden Zeugen Jehovas brutal geschlagen wurden. In einigen afrikanischen Ländern haben sie versucht, Beamte zu beeinflussen, damit diese Jehovas Zeugen aus dem Land ausweisen oder ihnen das Recht entziehen, mit anderen über Gottes Wort zu sprechen. Zwar gehen die Ansichten katholischer und protestantischer Geistlicher in mancher Hinsicht auseinander, aber in ihrer Gegnerschaft gegenüber Jehovas Zeugen sind sie sich im großen und ganzen einig. Gelegentlich haben sie sogar mit vereinten Kräften versucht, Regierungsvertreter zu beeinflussen, damit diese die Tätigkeit der Zeugen unterbinden. Auch wo nichtchristliche Religionen das Leben bestimmen, hat man oft die Regierung dazu benutzt, die Leute gegen Lehren abzuschirmen, die sie veranlassen könnten, ihre angestammte Religion in Frage zu ziehen.

      Manchmal haben sich diese nichtchristlichen Gruppen mit nominellen Christen zusammengetan und mit vereinten Kräften intrigiert, damit der religiöse Status quo erhalten bliebe. Anfang der 50er Jahre verschworen sich in Dekin in Dahomey (heute Benin) ein katholischer Priester und ein Fetischpriester, um Beamte zu veranlassen, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas zu unterdrücken. In ihrer Verzweiflung konstruierten sie Beschuldigungen, die darauf abzielten, alle möglichen feindseligen Gefühle zu erzeugen. Sie beschuldigten die Zeugen, Menschen zum Aufstand gegen die Regierung aufzufordern, keine Steuern zu zahlen und dafür verantwortlich zu sein, daß die Fetische keinen Regen gäben und die Gebete der Priester wirkungslos blieben. Alle diese religiösen Führer fürchteten, daß ihre Anhänger etwas lernen könnten, wodurch sie von Aberglauben befreit und nicht mehr blind gehorchen würden.

      An vielen Orten hat jedoch der Einfluß der Geistlichen langsam nachgelassen. Jetzt erleben sie, daß die Polizei nicht immer hinter ihnen steht, wenn sie die Zeugen schikanieren. Als 1986 ein griechisch-orthodoxer Priester versuchte, einen Kongreß, den Jehovas Zeugen in Larisa (Griechenland) abhielten, mit Hilfe einer aufgewiegelten Menge zu sprengen, schritt der Staatsanwalt mit großem Polizeiaufgebot zugunsten der Zeugen ein. Und manchmal hat die Presse religiöse Unduldsamkeit schonungslos angeprangert.

      Dessenungeachtet haben andere Streitfragen in vielen Ländern Verfolgungswellen ausgelöst. Eine dieser Streitfragen hat mit der Einstellung der Zeugen Jehovas zu Hoheitszeichen zu tun.

      Weil sie nur Jehova anbeten

      In der Neuzeit wurden Jehovas Zeugen zuerst im nationalsozialistischen Deutschland in hohem Maße mit Streitfragen konfrontiert, die nationalistische Zeremonien betrafen. Hitler wollte das deutsche Volk unter Kontrolle haben und machte deshalb den nationalsozialistischen Gruß: „Heil Hitler!“ zur Pflicht. Der schwedische Journalist Björn Hallström, ein Sprecher beim BBC, berichtete, daß man Jehovas Zeugen in Deutschland, wenn sie unter dem NS-Regime verhaftet wurden, meistens auch „Verweigerung des Fahnengrußes und des nationalsozialistischen Grußes“ vorwarf. Bald forderten andere Nationen ebenfalls, daß jeder die Fahne grüßte. Jehovas Zeugen weigerten sich — nicht aus Illoyalität, sondern wegen ihres christlichen Gewissens. Sie respektieren die Fahne, aber den Fahnengruß betrachten sie als einen Akt der Anbetung.f

      Nachdem ungefähr 1 200 Zeugen in Deutschland zu Beginn des NS-Regimes ins Gefängnis gekommen waren, weil sie sich geweigert hatten, den nationalsozialistischen Gruß zu entbieten und ihre christliche Neutralität zu verletzen, wurden in den Vereinigten Staaten Tausende mißhandelt, weil sie sich weigerten, die amerikanische Fahne zu grüßen. In der Woche vom 4. November 1935 wurden in Canonsburg (Pennsylvanien) einige Schulkinder in den Heizungsraum gebracht und verprügelt, weil sie die Fahne nicht gegrüßt hatten. Grace Estep, eine Lehrerin, wurde aus dem gleichen Grund aus ihrer Stellung an der Schule entlassen. Am 6. November weigerten sich William und Lillian Gobitas, die Fahne zu grüßen, und wurden von der Schule in Minersville (Pennsylvanien) gewiesen. Ihr Vater klagte auf Wiederaufnahme seiner Kinder. Sowohl das Bundesbezirksgericht als auch die Berufungsinstanz entschieden den Fall zugunsten von Jehovas Zeugen. 1940 jedoch, als die Nation am Rande des Krieges stand, entschied das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten im Fall Schulbezirk Minersville gegen Gobitis mit acht Stimmen gegen eine, daß der Fahnengruß an öffentlichen Schulen obligatorisch sei. Das führte landesweit zu einer Lawine von Gewalttätigkeiten gegen Jehovas Zeugen.

      Es gab so viele heftige Angriffe auf Jehovas Zeugen, daß Eleanor Roosevelt (die Frau des Präsidenten) die Öffentlichkeit inständig bat, damit aufzuhören. In einer am 16. Juni 1940 landesweit ausgestrahlten Rundfunksendung erwähnte Francis Biddle, oberster Prozeßvertreter vor dem Obersten Bundesgericht, besonders die an Zeugen Jehovas begangenen Greueltaten und sagte, man würde diese nicht tolerieren. Das glättete jedoch nicht die Wogen.

      Unter allen nur denkbaren Umständen — auf der Straße, am Arbeitsplatz, im Predigtdienst an den Türen — wurden den Zeugen Fahnen entgegengestreckt mit der Aufforderung, sie zu grüßen, sonst könnten sie sich auf etwas gefaßt machen! Ende 1940 wurde im Jahrbuch der Zeugen Jehovas folgendes berichtet: „Die Hierarchie und die American Legion [Frontkämpferbund] haben durch den Pöbel, der das Gesetz selbst in die Hand nahm, unbeschreiblich schwer gewütet. Jehovas Zeugen wurden angegriffen, geschlagen, entführt, aus Städten, Kreisen und Staaten vertrieben, geteert und gefedert, sie mußten Rizinusöl trinken, wurden zusammengebunden und wie Vieh durch die Straßen getrieben, kastriert und verstümmelt, von dämonisierten Massen verhöhnt und beschimpft, zu Hunderten ohne Anklage ins Gefängnis geworfen und in Isolationshaft gehalten, und ihnen wurde das Recht verweigert, sich mit Verwandten, Freunden oder Rechtsanwälten zu beraten. Hunderte wurden ins Gefängnis geworfen und in sogenanntem ‚Schutzgewahrsam‘ gehalten; einige wurden nachts erschossen; anderen wurde gedroht, sie zu erhängen, und sie wurden bewußtlos geschlagen. Der Pöbel wandte zahllose Varianten von Gewalttaten an. Vielen wurden die Kleider heruntergerissen, ihre Bibeln und andere Literatur weggenommen und öffentlich verbrannt; ihre Autos, Wohnwagen, Wohnungen und Zusammenkunftsstätten wurden zerstört und in Brand gesetzt ... In zahllosen Fällen, wo die Prozesse in vom Pöbel beherrschten Gemeinden stattfanden, wurden sowohl Rechtsanwälte als auch Zeugen, während sie der Verhandlung beiwohnten, angepöbelt und geschlagen. Fast immer, wenn der Pöbel gewalttätig wurde, standen Polizisten tatenlos daneben und weigerten sich, Schutz zu gewähren, und in Dutzenden von Fällen haben sich die Gesetzeshüter an den Pöbelaktionen beteiligt und manchmal den Pöbel sogar angeführt.“ Zwischen 1940 und 1944 gab es in den Vereinigten Staaten über 2 500 Pöbelangriffe auf Zeugen Jehovas.

      Weil so viele Kinder von Zeugen Jehovas von der Schule gewiesen worden waren, mußten die Zeugen Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre in den Vereinigten Staaten und in Kanada eigene Schulen einrichten, um ihren Kindern eine Schulbildung zu vermitteln. Man nannte sie Königreichsschulen.

      Auch in anderen Ländern sind Jehovas Zeugen hart verfolgt worden, weil sie sich weigerten, Hoheitszeichen zu grüßen oder zu küssen. 1959 wurde in Costa Rica Kindern von Zeugen Jehovas, die an der im Gesetz so genannten „Verehrung nationaler Symbole“ nicht teilnehmen wollten, der Zutritt zu den Schulen verwehrt. Die gleiche Behandlung widerfuhr Kindern von Zeugen 1984 in Paraguay. 1959 bestimmte das Oberste Gericht der Philippinen, daß die Kinder von Zeugen Jehovas trotz religiöser Einwände gezwungen werden könnten, die Fahne zu grüßen. Dessenungeachtet verhielten sich die meisten Schulbehörden den Zeugen gegenüber kooperativ, so daß ihre Kinder die Schule besuchen konnten, ohne ihr Gewissen zu vergewaltigen. In Liberia (Westafrika) bezichtigten Beamte 1963 die Zeugen, dem Staat gegenüber illoyal zu sein; sie sprengten einen Kongreß, den die Zeugen in Gbarnga abhielten, und verlangten, daß alle Anwesenden — sowohl Liberianer als auch Ausländer — der Nationalflagge die Treue gelobten. 1976 erschien ein Bericht mit dem Titel „Jehovas Zeugen in Kuba“, in dem es hieß, daß in den zwei vorhergehenden Jahren tausend Väter und Mütter ins Gefängnis gebracht worden waren, weil ihre Kinder die Fahne nicht grüßen wollten.

      Nicht alle waren mit solch repressiven Maßnahmen gegen Menschen einverstanden, die es aus Gewissensgründen respektvoll ablehnen, sich an patriotischen Zeremonien zu beteiligen. The Open Forum, eine von der südkalifornischen Zweigstelle der amerikanischen Bürgerrechtsunion herausgegebene Zeitung, erklärte 1941: „Es ist höchste Zeit, daß wir in dieser Fahnengrußangelegenheit zur Vernunft kommen. Jehovas Zeugen sind keine illoyalen Amerikaner. ... Sie neigen im allgemeinen nicht dazu, Gesetze zu brechen, sondern führen ein anständiges, ordentliches Leben und leisten ihren Beitrag zum Allgemeinwohl.“ In Argentinien schrieb 1976 ein Zeitungskolumnist des in Buenos Aires erscheinenden Herald ganz offen über die Zeugen: „[Ihre] Glaubensansichten sind nur für Leute anstößig, die denken, der Patriotismus sei hauptsächlich eine Sache des Fahnenschwenkens und des Singens der Nationalhymne und nicht eine Sache des Herzens.“ Er fügte hinzu: „Für Hitler und Stalin waren ... [die Zeugen] schwer verdaulich, und sie behandelten sie abscheulich. Viele weitere Diktatoren, die Gleichschaltung verlangen, haben versucht, sie zu unterdrücken, und es ist ihnen nicht gelungen.“

      Es ist allgemein bekannt, daß einige religiöse Gruppen die Anwendung von Waffengewalt gegen Regierungen, die von ihnen nicht gebilligt wurden, unterstützt haben. Aber Jehovas Zeugen haben sich noch nie irgendwo an einem politischen Umsturz beteiligt. Nicht aus Illoyalität — etwa, weil sie eine andere menschliche Regierung unterstützen würden — weigern sie sich, ein Hoheitszeichen zu grüßen. In jedem Land, in dem sie leben, nehmen sie denselben Standpunkt ein. Sie verhalten sich nicht respektlos. Sie pfeifen oder schreien nicht, um patriotische Zeremonien zu stören; weder spucken sie auf die Fahne, noch trampeln sie darauf herum, noch verbrennen sie sie. Jehovas Zeugen sind nicht regierungsfeindlich. Ihre Haltung stützt sich auf Jesu Äußerung in Matthäus 4:10: „Jehova, deinen Gott, sollst du anbeten, und ihm allein sollst du heiligen Dienst darbringen.“

      Der Standpunkt, den Jehovas Zeugen einnehmen, entspricht dem der ersten Christen in den Tagen des römischen Weltreiches. Über diese ersten Christen heißt es in dem Buch Essentials of Bible History (Elmer W. K. Mould, 1951, S. 563): „Der Akt des Kaiserkultes bestand darin, daß auf einen Altar ein paar Körnchen Weihrauch gestreut oder ein paar Tropfen Wein gesprengt wurden, der vor einem Bildnis des Kaisers stand. Vielleicht sehen wir wegen unseres großen zeitlichen Abstandes von der Situation in dem Akt nichts anderes, als es ... das Erheben der Hand zum Grüßen der Fahne oder eines hervorragenden Staatsmannes ist — ein Ausdruck der Höflichkeit, des Respekts und des Patriotismus. Vielleicht dachten die meisten Leute im ersten Jahrhundert genauso darüber, nicht aber die Christen. Sie sahen darin einen Akt religiöser Verehrung; sie meinten, daß sie dadurch den Kaiser als Gott anerkennen würden und Gott und Christus gegenüber illoyal wären, und weigerten sich, dies zu tun.“

      Gehaßt, weil sie „kein Teil der Welt“ sind

      Weil Jesus sagte, daß seine Jünger „kein Teil der Welt“ seien, mischen sich Jehovas Zeugen nicht in die politischen Angelegenheiten ein (Joh. 17:16; 6:15). Auch in dieser Hinsicht sind sie wie die ersten Christen, über die Historiker sagen:

      „Die Obrigkeit der heidnischen Welt brachte den ersten Christen wenig Verständnis entgegen und war ihnen nicht günstig gesinnt. ... Die Christen weigerten sich, gewisse Bürgerpflichten, die den Römern oblagen, zu erfüllen. ... Sie bekleideten keine politischen Ämter“ (A. K. Heckel und J. G. Sigman, On the Road to Civilization—A World History, 1937, S. 237, 238). „Sie [konnten] nicht bewogen werden an der Civilverwaltung oder der militairischer Vertheidigung des Reiches einen thätigen Antheil zu nehmen ... es war unmöglich, daß Christen, ohne eine heiligere Pflicht zu verläugnen, den Charakter von Kriegern, obrigkeitlichen Personen oder Fürsten annehmen konnten“ (Edward Gibbon, Geschichte des Verfalles und Unterganges des römischen Weltreiches, deutsche Ausgabe von J. Sporschil, 1837, S. 382).

      Diese Haltung ist in der Welt nicht gern gesehen, besonders in Ländern, deren Herrscher verlangen, daß bei bestimmten Tätigkeiten jeder mitmacht, als Beweis dafür, daß er das politische System unterstützt. Das Ergebnis ist so, wie Jesus es sagte: „Wenn ihr ein Teil der Welt wärt, so wäre der Welt das Ihrige lieb. Weil ihr nun kein Teil der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt auserwählt habe, deswegen haßt euch die Welt“ (Joh. 15:19).

      In manchen Ländern besteht Wahlpflicht. Nicht zu wählen wird mit einer Geld- oder Gefängnisstrafe oder Schlimmerem geahndet. Doch Jehovas Zeugen unterstützen das messianische Königreich Gottes, das, wie Jesus sagte, „kein Teil dieser Welt“ ist. Daher lassen sie sich nicht in die politischen Angelegenheiten der Nationen dieser Welt hineinziehen (Joh. 18:36). Es ist eine persönliche Entscheidung; sie zwingen anderen ihre Meinung nicht auf. Wo es an religiöser Toleranz fehlt, haben Regierungsvertreter die heftige Verfolgung damit begründet, daß die Zeugen nicht wählen. Das war zum Beispiel in den Ländern der Fall, die unter nationalsozialistische Kontrolle gekommen waren. Ähnlich war es auch in Kuba. In vielen Ländern waren die Beamten jedoch toleranter.

      An manchen Orten haben die Machthaber allerdings verlangt, daß jeder seine Unterstützung der herrschenden politischen Partei dadurch zeigt, daß er bestimmte Slogans ruft. Tausende von Zeugen Jehovas, die das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, wurden in den 70er und 80er Jahren in Teilen Ostafrikas geschlagen, ihres Lebensunterhalts beraubt und aus ihren Wohnungen vertrieben. Zwar sind Jehovas Zeugen in allen Ländern fleißig und gesetzestreu, aber was politische Streitfragen betrifft, sind sie als Christen neutral.

      In Malawi gibt es nur eine politische Partei, und der Besitz einer Parteimitgliedskarte zeigt die Mitgliedschaft an. Obwohl die Zeugen beispielhaft im Zahlen von Steuern sind, lehnen sie es in Übereinstimmung mit ihrem Glauben ab, Parteimitgliedskarten zu kaufen. Das zu tun käme einer Verleugnung ihres Glaubens an Gottes Königreich gleich. Deshalb unternahmen Ende 1967 Banden von Jugendlichen, die von Regierungsvertretern dazu ermutigt wurden, in ganz Malawi einen radikalen Angriff auf Jehovas Zeugen, der in seiner Obszönität und seiner sadistischen Grausamkeit beispiellos war. Über tausend treue Christinnen wurden vergewaltigt. Manche wurden vor großen Pöbelhaufen ausgezogen und mit Fäusten und Stöcken geschlagen und dann von einem Mann nach dem anderen vergewaltigt. Männern wurden Nägel durch die Füße getrieben und Fahrradspeichen durch die Beine, und dann wurde ihnen befohlen zu laufen. Im ganzen Land wurden ihre Wohnungen und Möbel demoliert und ihre Kleidungsstücke und Nahrungsmittelvorräte vernichtet.

      Nach dem jährlichen Parteitag der Malawi Congress Party im Jahre 1972 kam es zu einem erneuten Ausbruch von Brutalität. Auf diesem Parteitag wurde offiziell beschlossen, Jehovas Zeugen ihre Arbeitsplätze wegzunehmen und sie aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Sogar die dringenden Bitten der Arbeitgeber, diese bewährten Arbeiter behalten zu dürfen, nützten nichts. Wohnungen wurden beschlagnahmt oder zerstört, Ernten vernichtet und Haustiere getötet. Man hinderte die Zeugen daran, aus dem Dorfbrunnen Wasser zu schöpfen. Viele wurden geschlagen, vergewaltigt, verstümmelt oder ermordet. Die ganze Zeit über wurden sie wegen ihres Glaubens verspottet und lächerlich gemacht. Schließlich flohen über 34 000 aus dem Land, um nicht ermordet zu werden.

      Doch damit war noch nicht alles vorbei. Zunächst wurden sie aus einem, später aus einem weiteren Land über die Grenze abgeschoben, direkt in die Hände ihrer Verfolger, die ihre Brutalitäten fortsetzten. Trotz alledem gingen sie keine Kompromisse ein, und sie gaben ihren Glauben an Jehova Gott nicht auf. Sie bewiesen, daß sie wie jene treuen Diener Gottes waren, über die die Bibel sagt: „Andere erhielten ihre Erprobung durch Verspottungen und Geißelungen, in der Tat, mehr als das, durch Fesseln und Gefängnisse. Sie wurden gesteinigt, sie wurden auf die Probe gestellt, sie wurden zersägt, sie starben durch Hinschlachtung mit dem Schwert, sie gingen in Schaffellen, in Ziegenhäuten umher, während sie Mangel, Drangsal, Mißhandlung erlitten; und die Welt war ihrer nicht würdig“ (Heb. 11:36-38).

      Verfolgt in allen Nationen

      Sind es nur verhältnismäßig wenige Nationen, die ihren Anspruch, in ihrem Land herrsche Freiheit, durch solche religiöse Verfolgung Lügen strafen? Keineswegs! Jesus Christus sagte warnend zu seinen Nachfolgern: „Ihr werdet um meines Namens willen Gegenstand des Hasses aller Nationen sein“ (Mat. 24:9).

      Seit 1914, während der letzten Tage des gegenwärtigen Systems der Dinge, ist dieser Haß besonders stark. Kanada und die Vereinigten Staaten eröffneten den Angriff, indem sie während des Ersten Weltkrieges Verbote über biblische Literatur verhängten, und schon bald folgten Indien und Njassaland (heute Malawi) ihrem Beispiel. In den 20er Jahren wurden den Bibelforschern in Griechenland, Italien, Rumänien, Spanien und Ungarn willkürliche Beschränkungen auferlegt. In einigen dieser Länder wurde die Verbreitung biblischer Literatur untersagt; manchmal wurde sogar verboten, daß man privat zusammenkam. Der Angriff verstärkte sich, als in den 30er Jahren weitere Länder hinzukamen. In Albanien, Bulgarien, Estland, Jugoslawien, Lettland, Litauen, Österreich, Polen, einigen Kantonen der Schweiz, an der Goldküste (heute Ghana), in französischen Gebieten Afrikas, auf Trinidad und auf Fidschi wurden Verbote verhängt (einige über Jehovas Zeugen, andere über ihre Literatur).

      Während des Zweiten Weltkrieges waren Jehovas Zeugen, ihr öffentlicher Predigtdienst und ihre biblische Literatur in vielen Ländern verboten. Dies traf nicht nur auf Deutschland, Italien und Japan zu, die unter diktatorischer Herrschaft standen, sondern auch auf eine Reihe von Ländern, die vor oder während des Krieges unter ihre direkte oder indirekte Herrschaft kamen. Darunter waren Albanien, Belgien, Korea, die Niederlande, Niederländisch-Indien (heute Indonesien), Norwegen, Österreich und die Tschechoslowakei. In jenen Jahren erließen ferner Argentinien, Brasilien, Finnland, Frankreich und Ungarn Gesetze gegen Jehovas Zeugen oder ihre Tätigkeit.

      Großbritannien verbot das Werk der Zeugen Jehovas während des Krieges nicht direkt, aber es wies den aus Amerika gebürtigen Zweigaufseher aus und bemühte sich, die Tätigkeit der Zeugen dadurch zum Erliegen zu bringen, daß es für die Zeit des Krieges ein Embargo über ihre biblische Literatur verhängte. Im ganzen Britischen Reich und im Commonwealth wurden Jehovas Zeugen oder aber ihre Literatur verboten. Australien, die Bahamas, Basutoland (heute Lesotho), Betschuanaland (heute Botsuana), Birma (heute Myanmar), Britisch-Guayana (heute Guyana), Ceylon (heute Sri Lanka), Dominica, Fidschi, die Goldküste (heute Ghana), Indien, Jamaika, Kanada, die Leeward Islands (britische Westindische Inseln), Neuseeland, Nigeria, Njassaland (heute Malawi), Nordrhodesien (heute Sambia), Singapur, Südafrika, Südrhodesien (heute Simbabwe), Swasiland und Zypern — überall dort unternahm man Schritte, durch die Feindschaft gegenüber Jehovas Zeugen zum Ausdruck kam.

      Als der Krieg zu Ende war, ließ die Verfolgung von seiten einiger Gruppen nach, aber von seiten anderer nahm sie zu. In den 45 Jahren danach wurde Jehovas Zeugen in vielen Ländern die rechtliche Anerkennung verweigert, außerdem waren sie oder ihre Tätigkeit in 23 afrikanischen, 9 asiatischen, 8 europäischen, 3 lateinamerikanischen Ländern und in 4 Inselstaaten direkt verboten. 1992 waren Jehovas Zeugen in 24 Ländern Einschränkungen auferlegt.

      Das bedeutet nicht, daß alle Regierungsvertreter das Werk der Zeugen Jehovas persönlich bekämpfen. Viele treten für Religionsfreiheit ein und erkennen an, daß die Zeugen für die Allgemeinheit ein Gewinn sind. Sie stimmen nicht mit denen überein, die erreichen wollen, daß man offiziell gegen die Zeugen einschreitet. Bevor die Elfenbeinküste (heute Côte d’Ivoire) ihre Unabhängigkeit erlangte, versuchten zum Beispiel ein katholischer Priester und ein Methodistenprediger einen hohen Beamten zu beeinflussen, Jehovas Zeugen des Landes zu verweisen; sie mußten jedoch feststellen, daß der Beamte nicht der Strohmann für die Geistlichen sein wollte. Als 1990 ein Regierungsvertreter versuchte, das Gesetz von Namibia so zu formulieren, daß Flüchtlinge diskriminiert würden, die als Zeugen Jehovas bekannt waren, ließ die verfassunggebende Versammlung dies nicht zu. Und in vielen Ländern, in denen Jehovas Zeugen verboten waren, sind sie jetzt rechtlich anerkannt.

      Dennoch werden Jehovas Zeugen überall in der Welt auf verschiedene Weise verfolgt (2. Tim. 3:12). An manchen Orten kommt die Verfolgung hauptsächlich von schimpfenden Wohnungsinhabern, gegnerischen Verwandten oder Arbeitskollegen und Schulkameraden, die keine Gottesfurcht haben. Ganz gleich, wer die Verfolger sind und wie sie ihr Vorgehen zu rechtfertigen suchen, Jehovas Zeugen verstehen, was wirklich dahintersteckt, wenn wahre Christen verfolgt werden.

      Die Streitfrage

      In Wachtturm-Publikationen wurde schon lange darauf hingewiesen, daß im ersten Bibelbuch die Feindschaft oder der Haß Satans, des Teufels, und derer, die von ihm beherrscht werden, gegen Jehovas himmlische Organisation und ihre irdischen Vertreter in symbolischer Sprache vorausgesagt ist (1. Mo. 3:15; Joh. 8:38, 44; Offb. 12:9, 17). Besonders seit 1925 hat Der Wacht-Turm aus der Bibel gezeigt, daß es hauptsächlich zwei Organisationen gibt — die Organisation Jehovas und die Satans. Und wie es in 1. Johannes 5:19 heißt, liegt „die ganze Welt“ — das heißt die gesamte Menschheit außerhalb der Organisation Jehovas — „in der Macht dessen, der böse ist“. Deshalb werden alle wahren Christen verfolgt (Joh. 15:20).

      Doch warum läßt Gott das zu? Wird dadurch irgend etwas Gutes erreicht? Jesus Christus erklärte, daß es, bevor er als himmlischer König Satan und seine böse Organisation vernichten würde, eine Trennung der Menschen aller Nationen geben werde, so als trennte ein Hirte im Nahen Osten Schafe von Ziegen. Die Menschen würden die Gelegenheit erhalten, von Gottes Königreich zu hören und auf dessen Seite Stellung zu beziehen. Wenn die Verkündiger dieses Königreiches verfolgt werden, wird folgende Frage noch stärker in den Vordergrund gerückt: Werden diejenigen, die davon hören, den „Brüdern“ Christi und seinen Gefährten Gutes tun und dadurch zeigen, daß sie Christus lieben? Oder werden sie sich mit denen vereinen, die die Vertreter des Königreiches Gottes mit Beschimpfungen überhäufen, oder werden sie vielleicht stillschweigen, während andere das tun? (Mat. 25:31-46; 10:40; 24:14). In Malawi sahen einige ganz deutlich, wer dem wahren Gott diente, und taten sich mit den verfolgten Zeugen zusammen. In den deutschen Konzentrationslagern taten nicht wenige Gefangene und sogar einige Wärter dasselbe.

      Auch wenn man falsche Anklagen gegen Jehovas Zeugen erhebt, sie mißhandelt oder wegen ihres Glaubens an Gott verspottet, fühlen sie sich nicht von Gott verlassen. Sie wissen, daß Jesus Christus dasselbe erlebt hat (Mat. 27:43). Sie wissen auch, daß Jesus durch seine Loyalität gegenüber Jehova den Teufel zum Lügner stempelte und zur Heiligung des Namens seines Vaters beitrug. Jeder Zeuge Jehovas möchte dasselbe tun (Mat. 6:9).

      Es geht nicht um die Frage, ob sie die Qualen überleben und dem Tod entgehen. Jesus Christus sagte vorher, daß einige seiner Nachfolger getötet würden (Mat. 24:9). Er selbst wurde getötet. Aber er schloß niemals Kompromisse mit Gottes Hauptwidersacher, Satan, dem Teufel, dem „Herrscher der Welt“. Jesus besiegte die Welt (Joh. 14:30; 16:33). Die Frage ist also, ob Anbeter des wahren Gottes ihm treu bleiben trotz aller Härten, die sie vielleicht durchstehen müssen. Jehovas Zeugen in der Neuzeit haben den überzeugenden Beweis erbracht, daß sie die gleiche Einstellung haben wie der Apostel Paulus, der schrieb: „Denn wenn wir leben, leben wir für Jehova, und auch wenn wir sterben, sterben wir für Jehova. Darum, wenn wir leben und auch wenn wir sterben, gehören wir Jehova“ (Röm. 14:8).

      [Fußnoten]

      a Die Bibelforscher verstanden damals nicht völlig, was die Zeugen heute aus der Bibel über Männer als Lehrer in der Versammlung wissen (1. Kor. 14:33, 34; 1. Tim. 2:11, 12). So kam es, daß Maria Russell Mitherausgeber des Wacht-Turms war und regelmäßig Beiträge schrieb.

      b Joseph F. Rutherford, Präsident der Watch Tower Society; William E. Van Amburgh, Schriftführer und Schatzmeister der Gesellschaft; Robert J. Martin, Büroleiter; Frederick H. Robison, Mitglied des Herausgeberkomitees des Wacht-Turms; A. Hugh Macmillan, Vorstandsmitglied der Gesellschaft; George H. Fisher und Clayton J. Woodworth, die Das vollendete Geheimnis zusammengestellt hatten.

      c Giovanni DeCecca, der in der italienischen Abteilung im Büro der Watch Tower Society arbeitete.

      d Martin T. Manton, Richter beim Berufungsgericht und eifriger Katholik, lehnte am 1. Juli 1918 einen zweiten Kautionsantrag ab. Als das Bundesberufungsgericht später das Urteil über die Angeklagten aufhob, stimmte Manton als einziger dagegen. Interessanterweise erhielt ein eigens eingerichtetes Berufungsgericht am 4. Dezember 1939 einen Schuldspruch gegen Manton aufrecht, der wegen Mißbrauchs der richterlichen Gewalt, Unehrlichkeit und Betrugs verurteilt worden war.

      e Daß diese Männer ungerechterweise im Gefängnis saßen und keine Straftäter waren, wird durch die Tatsache bewiesen, daß J. F. Rutherford von seiner Zulassung im Mai 1909 an bis zu seinem Tod 1942 ein Mitglied der Anwaltsvereinigung am Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten blieb. In 14 Fällen, in denen zwischen 1939 und 1942 vor dem Obersten Bundesgericht Berufung eingelegt wurde, trat J. F. Rutherford als Rechtsanwalt auf. In den Fällen Schneider gegen Staat New Jersey (1939) und Schulbezirk Minersville gegen Gobitis (1940) trug er persönlich vor dem Obersten Bundesgericht die Begründung des Rechtsmittels vor. Auch A. H. Macmillan, einer der 1918/19 zu Unrecht inhaftierten Männer, wurde vom Leiter der für die Strafanstalten verantwortlichen Bundesbehörde während des Zweiten Weltkrieges als regelmäßiger Besucher in Bundesstrafanstalten der USA zugelassen, um sich der geistigen Belange junger Männer anzunehmen, die dort einsaßen, weil sie für die christliche Neutralität eintraten.

      f In der Encyclopedia Americana, 1942, Band 11, Seite 316 heißt es: „So wie das Kreuz ist auch die Fahne heilig. ... Die Vorschriften und Bestimmungen über die Haltung der Menschen den Landesfahnen gegenüber enthalten gewichtige, ausdrucksvolle Worte, wie z. B. ‚Dienst an der Fahne‘, ... ‚Ehrfurcht vor der Fahne‘ und ‚Hingabe an die Fahne‘.“ In Brasilien wurde im Diário da Justiça vom 16. Februar 1956 auf Seite 1904 berichtet, daß ein Militär anläßlich einer öffentlichen Zeremonie folgendes sagte: „Fahnen sind in der patriotischen Religion zu göttlichem Rang erhoben worden ... Die Fahne wird geehrt und verehrt.“

      [Herausgestellter Text auf Seite 642]

      Jesus Christus wurde in erster Linie von den religiösen Führern verfolgt

      [Herausgestellter Text auf Seite 645]

      „Gott ordiniert oder autorisiert einen Menschen zum Predigen dadurch, daß er ihm den heiligen Geist gewährt“

      [Herausgestellter Text auf Seite 647]

      Das Buch „Das vollendete Geheimnis“ stellte die Heuchelei der Geistlichkeit der Christenheit rundheraus bloß

      [Herausgestellter Text auf Seite 650]

      Christliche Männer und Frauen wurden vom Pöbel angegriffen, ins Gefängnis geworfen und dort ohne Anklage oder Gerichtsverfahren festgehalten

      [Herausgestellter Text auf Seite 652]

      „Die Freiheitsstrafen sind offensichtlich unangemessen hoch“ (Woodrow Wilson, Präsident der Vereinigten Staaten)

      [Herausgestellter Text auf Seite 656]

      Für jemand, der nicht tat, was der Priester sagte, gab es kaum Gerechtigkeit

      [Herausgestellter Text auf Seite 666]

      Die Priester forderten Lehrer auf, Kinder aus der Schule zu schicken, damit sie die Zeugen mit Steinen bewarfen

      [Herausgestellter Text auf Seite 668]

      Die Geistlichen haben die Zeugen mit vereinten Kräften bekämpft

      [Herausgestellter Text auf Seite 671]

      In den Vereinigten Staaten griff der Pöbel Zeugen Jehovas an

      [Herausgestellter Text auf Seite 676]

      Jehovas Zeugen werden überall in der Welt verfolgt

      [Kasten auf Seite 655]

      Die Geistlichkeit zeigt ihre wahren Gefühle

      Die Reaktionen religiöser Zeitschriften auf die Verurteilung J. F. Rutherfords und seiner Gefährten im Jahre 1918 sind bezeichnend:

      ◆ „The Christian Register“: „Wogegen die Regierung hier ganz gezielt vorgeht, ist die Anmaßung, religiöse Ideen, so verrückt und schädlich sie auch sein mögen, dürften ungestraft propagiert werden. Das ist ein alter Trugschluß, und bisher waren wir diesbezüglich allzu sorglos. ... Allem Anschein nach ist es mit dem Russellismus aus und vorbei.“

      ◆ In „The Western Recorder“, einer Publikation der Baptisten, war zu lesen: „Man braucht sich nicht zu wundern, daß der Kopf dieser streitsüchtigen Sekte in einer Anstalt für Aufsässige inhaftiert werden soll. ... Das wirklich komplizierte Problem in diesem Zusammenhang ist, ob die Angeklagten in eine Irrenanstalt oder in ein Gefängnis gebracht werden sollten.“

      ◆ „The Fortnightly Review“ lenkte die Aufmerksamkeit auf den Kommentar in der New Yorker „Evening Post“, in der es hieß: „Wir hoffen, daß die Religionslehrer überall die Urteilsbegründung dieses Richters zur Kenntnis nehmen, nämlich, daß irgendeine Religion zu lehren, ausgenommen die, die mit dem geschriebenen Recht absolut in Übereinstimmung ist, ein schweres Verbrechen ist, das noch größer wird, wenn der Prediger des Evangeliums aufrichtig ist.“

      ◆ „The Continent“ bezeichnete die Angeklagten verächtlich als Nachfolger des verstorbenen „Pastors Russell“ und verdrehte ihre Glaubensansichten, indem er schrieb, sie setzten sich dafür ein, „daß alle, ausgenommen Sünder, davon freigestellt werden sollten, gegen den deutschen Kaiser zu kämpfen“. Die Zeitschrift behauptete, daß laut Aussage des Justizministers in Washington (D. C.) „sich die italienische Regierung vor einiger Zeit bei den Vereinigten Staaten beschwert hat, Rutherford und seine Gefährten ... hätten unter den italienischen Streitkräften eine Menge Antikriegspropaganda in Umlauf gebracht“.

      ◆ Eine Woche später veröffentlichte „The Christian Century“ einen Großteil des obigen Artikels Wort für Wort, was zeigt, daß die Herausgeber damit völlig übereinstimmten.

      ◆ Die katholische Zeitschrift „Truth“ berichtete kurz über die verhängte Strafe und brachte dann die Gefühle ihrer Herausgeber wie folgt zum Ausdruck: „Die Literatur dieser Vereinigung ist voll von bösartigen Angriffen auf die katholische Kirche und ihre Geistlichkeit.“ In dem Bemühen, jeden als „Aufrührer“ abzustempeln, der es wagt, öffentlich eine andere Meinung zu vertreten als die katholische Kirche, wurde hinzugefügt: „Es wird immer offensichtlicher, daß der Geist der Intoleranz eng verknüpft ist mit dem des Aufruhrs.“

      ◆ Dr. Ray Abrams bemerkte in seinem Buch „Preachers Present Arms“: „Als die Herausgeber der Kirchenzeitungen davon erfuhren, daß die Angeklagten zu zwanzig Jahren verurteilt worden waren, jubelten sie praktisch alle, ob klein oder groß, über das Ereignis. Ich konnte nicht ein einziges Wort der Anteilnahme in irgendeinem orthodoxen religiösen Blatt finden.“

      [Kasten auf Seite 660]

      „Aus religiösen Gründen verfolgt“

      „... so gab es im KLM [Konzentrationslager Mauthausen] eine Personengruppe, die nur aus religiösen Gründen verfolgt wurde: Angehörige der Sekte ‚Ernste Bibelforscher‘ bzw. ‚Zeugen Jehovas‘ ... Die Ablehnung, den Treu-Eid auf Hitler zu leisten und die Verweigerung jedweden Militärdienstes — eine politische Konsequenz ihres Glaubens — waren Ursache ihrer Verfolgung“ („Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen“, dokumentiert von Hans Maršálek, Wien 1974).

      [Kasten/Bild auf Seite 661]

      Die SS versuchte die Zeugen zu zwingen, diese Erklärung zu unterschreiben

      Konzentrationslager ..........................

      Abteilung II

      ERKLÄRUNG.

      Ich, - der - die .............................

      geboren am: ..................................

      in: ..........................................

      gebe hiermit folgende Erklärung ab:

      1. Ich habe erkannt, dass die Internationale Bibelforschervereinigung eine Irrlehre verbreitet und unter dem Deckmantel religiöser Betätigung lediglich staatsfeindliche Ziele verfolgt.

      2. Ich habe mich deshalb voll und ganz von dieser Organisation abgewandt, und mich auch innerlich von dieser Sekte freigemacht.

      3. Ich versichere hiermit, dass ich mich nie wieder für die Internationale Bibelforschervereinigung betätigen werde. Personen, die für die Irrlehre der Bibelforscher an mich werbend herantreten oder in anderer Weise ihre Einstellung als Bibelforscher bekunden, werde ich unverzüglich zur Anzeige bringen. Sollten mir Bibelforscherschriften zugesandt werden, so werde ich diese umgehend bei der nächsten Polizeidienststelle abgeben.

      4. Ich will künftig die Gesetze des Staates achten, insbesondere im Falle eines Krieges mein Vaterland mit der Waffe in der Hand verteidigen und mich voll und ganz in die Volksgemeinschaft eingliedern.

      5. Mir ist eröffnet worden, dass ich mit meiner erneuten Inschutzhaftnahme zu rechnen habe, wenn ich meiner heute abgegebenen Erklärung zuwiderhandle.

      ..............................., den ............... .....................................................

      Unterschrift.

      [Kasten auf Seite 662]

      Briefe von zum Tode Verurteilten

      Franz Reiter schrieb vor seiner Hinrichtung mit dem Fallbeil am 6. Januar 1940 aus der Haftanstalt Berlin-Plötzensee an seine Mutter:

      „In meinem Glauben bin ich fest überzeugt, daß ich richtig handle. Ich hätte mich hier noch ändern können, aber das wäre Untreue bei Gott. Wir alle hier wollen Gott treu sein, zu seiner Ehre. ... Wenn ich den Schwur [militärischen Eid] gemacht hätte in meiner Erkenntnis, so würde ich eine Todsünde begangen haben. Das wäre ein Übel für mich. Es gäbe für mich keine Auferstehung. Ich halte mich aber daran, was Christus sagt: ‚Wer das Leben sucht, der wird es verlieren, und wer es verliert um meinetwillen, der wird es erhalten.‘ Und nun, meine liebe Mutter und alle Geschwister! Ich habe heute mein Urteil erhalten und, erschreckt nicht, es lautet auf Tod und wird morgen früh ausgeführt. Ich habe meine Stärke von Gott erhalten, so wie es auch jedem wahren Christen ergangen ist von jeher. Die Apostel schreiben: ‚Wer von Gott geboren ist, kann nicht sündigen‘, und so auch ich. Das habe ich Euch bezeugt und Ihr habt es erkennen können. Meine Lieben alle, macht Euch kein schweres Herz. Es wäre für Euch alle gut, die Heilige Schrift besser zu kennen. Wenn Ihr alle standhaft seid bis in den Tod, so können wir uns bei der Auferstehung wiedersehen ...

      Euer Franz

      Auf Wiedersehen!“

      Berthold Szabo, der am 2. März 1945 in Körmend (Ungarn) durch ein Erschießungskommando hingerichtet wurde, schrieb:

      „Meine liebe Schwester Marika!

      In diesen eineinhalb Stunden, die mir noch verbleiben, möchte ich versuchen, Dir zu schreiben, damit Du unsere Eltern über meine Lage unterrichten kannst, daß mein Tod unmittelbar bevorsteht.

      Ich wünsche ihnen den gleichen inneren Frieden, den ich in diesen letzten Augenblicken in dieser unheilvollen Welt empfinde. Es ist jetzt zehn Uhr, und um halb zwölf werde ich hingerichtet werden; doch ich bin ziemlich ruhig. Ich lege mein künftiges Leben in die Hände Jehovas und seines geliebten Sohnes, Jesus Christus, des Königs, der diejenigen, die ihn aufrichtig lieben, niemals vergessen wird. Ich weiß auch, daß es bald eine Auferstehung derer geben wird, die in Christus starben oder vielmehr einschliefen. Besonders möchte ich erwähnen, daß ich Euch allen Jehovas reichsten Segen wünsche für die Liebe, die Ihr mir geschenkt habt. Bitte gib Vater und Mutter einen Kuß von mir und auch Annus. Sie sollen sich um mich keine Sorgen machen; wir alle werden uns bald wiedersehen. Meine Hand ist jetzt ruhig, und ich werde ruhen, bis mich Jehova wieder ruft. Sogar jetzt werde ich das Gelübde halten, das ich für ihn abgelegt habe.

      Jetzt ist meine Zeit vorüber. Möge Jehova mit Euch sein und mit mir.

      In tiefer Liebe ...

      Berthi“

      [Kasten auf Seite 663]

      Ihr Mut und ihre Überzeugung fielen auf

      ◆ „Trotz der großen Gegnerschaft trafen sich die Zeugen in den Lagern, beteten gemeinsam, stellten Literatur her und bekehrten andere. Gestützt durch ihre Gemeinschaft und sich — ganz im Gegensatz zu vielen anderen Gefangenen — der Gründe bewußt, warum solche Lager bestanden und warum sie derart leiden mußten, erwiesen sich die Zeugen als eine kleine, aber denkwürdige Gefangenenschar, die durch den lila Winkel gekennzeichnet war und wegen ihres Mutes und ihrer Überzeugung auffiel.“ Das schrieb Dr. Christine King in ihrem Buch „The Nazi State and the New Religions: Five Case Studies in Non-Conformity“.

      ◆ In dem Buch „Values and Violence in Auschwitz“ stellt Anna Pawełczyńska fest: „Diese Gruppe von Häftlingen bildete eine geschlossene ideologische Front, die in ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus den Sieg davontrug. Die deutsche Gruppe dieser Sekte war eine winzige Insel unbeugsamen Widerstandes inmitten einer terrorisierten Nation gewesen, und mit derselben Unerschrockenheit traten sie auch im Lager Auschwitz auf. Es gelang ihnen, die Achtung ihrer Mithäftlinge ..., der Funktionshäftlinge und sogar der SS-Führer zu gewinnen. Jeder wußte, daß kein ‚Bibelforscher‘ einen Befehl ausführen würde, der seiner religiösen Überzeugung widersprach.“

      ◆ Rudolf Höß berichtete in seinen autobiographischen Aufzeichnungen, die in dem Buch „Kommandant in Auschwitz“ veröffentlicht wurden, über die Exekution einiger Zeugen Jehovas, die sich geweigert hatten, ihre christliche Neutralität zu verletzen. Er schrieb: „So stellte ich mir die ersten christlichen Märtyrer vor, wie sie in der Arena auf das Zerrissen-werden durch wilde Bestien warteten. Mit völlig verklärtem Gesicht, die Augen nach oben gerichtet, die Hände zum Gebet gefaltet und erhoben gingen sie in den Tod. Alle die dies Sterben sahen, waren ergriffen, selbst das Exekutions-Kommando war benommen.“ (Dieses Buch wurde in Polen unter dem Titel „Autobiografia Rudolfa Hössa-komendanta obozu oświęcimskiego“ veröffentlicht.)

      [Kasten auf Seite 673]

      „Sie sind keine Staatsfeinde“

      „Sie sind keine Staatsfeinde; sie sind lediglich für Jehova.“ „Sie verbrennen keine Musterungsbefehle, sind nicht aufständisch ..., auch beteiligen sie sich in keiner Form an staatsgefährdenden Umtrieben.“ „Die Ehrlichkeit und die Rechtschaffenheit der Zeugen bleiben unveränderlich. Man mag über sie denken, wie man will — und viele Leute denken sehr negativ über sie —, doch sie führen ein vorbildliches Leben“ („Telegram“, Toronto [Kanada], Juli 1970).

      [Kasten auf Seite 674]

      Wer hat die Verantwortung?

      Jehovas Zeugen wissen, daß ihre Verpflichtung zu predigen nicht von der Tätigkeit der Watch Tower Society oder irgendeiner anderen gesetzlich eingetragenen Körperschaft abhängt. „Gesetzt, die Watch Tower Society werde verboten und ihre Zweigbüros in verschiedenen Ländern würden durch staatliche Einmischung gewaltsam geschlossen. Das würde jedoch die Männer und Frauen, die geweiht sind, Gottes Willen zu tun, und auf die er seinen Geist gelegt hat, nicht vom göttlichen Predigtauftrag entbinden oder ihn hinfällig machen. Der Auftrag ‚Predige!‘ ist in seinem Worte deutlich aufgezeichnet. Er geht jedem andern, von Menschen ausgegebenen, voran“ („Der Wachtturm“, 15. Januar 1950). Da sie anerkennen, daß ihre Anweisungen von Jehova Gott und Jesus Christus kommen, fahren sie unbeirrt fort, die Königreichsbotschaft zu verkündigen, ungeachtet des Widerstands, auf den sie stoßen.

      [Kasten auf Seite 677]

      Wie die ersten Christen

      ◆ „Jehovas Zeugen nehmen ihren Glauben weit ernster als die große Mehrheit der Menschen. Ihre Grundsätze erinnern uns an die ersten Christen, die bei den Römern unbeliebt waren und von diesen grausam verfolgt wurden“ („Akron Beacon Journal“, Akron [Ohio], 4. September 1951).

      ◆ „Sie [die ersten Christen] führten ein stilles, keusches und mustergültiges Leben. ... Sie waren in jeder Hinsicht vorbildliche Bürger, nur Weihrauch opferten sie nicht.“ „Wenn das Opfern für den Genius des Kaisers eine Prüfung des Patriotismus blieb, konnte es sich die Staatsgewalt dann leisten, angesichts der Widerspenstigkeit dieser unpatriotischen Christen ein Auge zuzudrücken? Die Schwierigkeiten, die sich für die Christen daraus ergaben, waren denen nicht ganz unähnlich, in denen sich die aggressive Sekte, die als Jehovas Zeugen bekannt ist, während der Kriegsjahre in den Vereinigten Staaten wegen der Frage des Fahnengrußes befand“ (Paul Hutchinson und Winfred Garrison, „20 Centuries of Christianity“, 1959, S. 31).

      ◆ „Das bemerkenswerteste an den Zeugen ist vielleicht ihre Überzeugung, daß sie Gott mehr gehorchen müßten als irgendeiner anderen Macht in der Welt“ (Dr. C. S. Braden, „These Also Believe“, 1949, S. 380).

      [Bilder auf Seite 644]

      „The Pittsburgh Gazette“ machte die Debatten, die sich aus Dr. Eatons Herausforderung an C. T. Russell ergaben, publik

      [Bild auf Seite 646]

      Gegner brachten überall grobe Lügen über die Eheangelegenheiten von Charles und Maria Russell in Umlauf

      [Bilder auf Seite 648]

      Die Geistlichen waren wütend, als 10 000 000 Exemplare dieses Traktats verbreitet wurden, in dem ihre Lehren und Gebräuche im Lichte des Wortes Gottes bloßgestellt wurden

      [Bilder auf Seite 649]

      Zeitungen heizten 1918 die Verfolgung der Bibelforscher an

      [Bilder auf Seite 651]

      Während des Prozesses gegen Mitarbeiter des Hauptbüros der Gesellschaft stand das Buch „Das vollendete Geheimnis“ im Brennpunkt

      Bundesgericht und Postamt, Brooklyn

      [Bild auf Seite 653]

      Zu härteren Strafen verurteilt als der Mörder, dessen Schüsse den Ersten Weltkrieg auslösten. Von links nach rechts: W. E. Van Amburgh, J. F. Rutherford, A. H. Macmillan, R. J. Martin, F. H. Robison, C. J. Woodworth, G. H. Fisher, G. DeCecca.

      [Bilder auf Seite 657]

      Als dieser Kongreß der Zeugen Jehovas 1939 in New York abgehalten wurde, versuchte ein von katholischen Priestern angeführter, ungefähr 200 Mann starker Pöbelhaufen, ihn zu sprengen

      [Bilder auf Seite 659]

      Während des Zweiten Weltkrieges wurden Tausende von Zeugen Jehovas in diese Konzentrationslager gebracht

      Totenkopfabzeichen der SS-Wachen (links)

      [Bild auf Seite 664]

      Teil eines Buches für das Bibelstudium — fotografisch verkleinert —, der in einer Streichholzschachtel für Zeugen ins Konzentrationslager geschmuggelt wurde

      [Bilder auf Seite 665]

      Einige der Zeugen, deren Glaube die Feuerprobe der NS-Konzentrationslager überdauerte

      Mauthausen

      Wewelsburg

      [Bild auf Seite 667]

      Gewalttätiger Pöbelhaufen bei Montreal (Quebec) 1945. Von Geistlichen angestiftete Angriffe gegen die Zeugen kamen in den 40er und 50er Jahren häufig vor.

      [Bild auf Seite 669]

      Tausende Zeugen Jehovas (darunter John Booth, der hier zu sehen ist) wurden verhaftet, als sie biblische Literatur verbreiteten

      [Bilder auf Seite 670]

      Nach einem Urteil des Obersten Bundesgerichts gegen die Zeugen im Jahre 1940 ging eine Welle von Pöbelangriffen über die Vereinigten Staaten hinweg; Zusammenkünfte wurden gesprengt, man schlug die Zeugen und zerstörte ihren Besitz

      [Bilder auf Seite 672]

      An vielen Orten mußten Königreichsschulen eingerichtet werden, weil Kinder von Zeugen von den öffentlichen Schulen gewiesen wurden

  • ‘Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft’
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 30

      ‘Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft’

      DIE heftige Verfolgung, die über Jehovas Zeugen kam, brachte es mit sich, daß sie überall auf der Erde vor Polizeibeamten, Richtern und Herrschern erscheinen mußten. Die sie betreffenden Rechtsfälle gingen in die Tausende, und in Hunderten davon wurden bei höheren Gerichten Rechtsmittel eingelegt, was sich nachhaltig auf die Handhabung des Gesetzes an sich ausgewirkt und wesentlich dazu beigetragen hat, die gesetzliche Garantie der Grundrechte für die Allgemeinheit zu festigen. Darin besteht jedoch nicht das Hauptanliegen der Zeugen Jehovas.

      Sie möchten in erster Linie die gute Botschaft von Gottes Königreich verkündigen. Den Rechtsweg beschreiten sie nicht etwa deshalb, weil sie die Gesellschaft aufwiegeln oder das Recht reformieren wollen. Sie haben das gleiche Ziel, wie es der Apostel Paulus hatte, nämlich ‘die gute Botschaft zu verteidigen und gesetzlich zu befestigen’ (Phil. 1:7). In ihren Augen sind auch Verhandlungen vor Vertretern des Staates — ganz gleich, ob sie auf ihren eigenen Antrag hin oder aufgrund dessen zustande kommen, daß man sie wegen ihrer christlichen Tätigkeit verhaftet hat — Gelegenheiten, Zeugnis zu geben. Jesus Christus erklärte seinen Nachfolgern: „Ihr werdet vor Statthalter und Könige geschleppt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 10:18).

      Eine weltweite Flut von Gerichtsfällen

      Schon lange vor dem Ersten Weltkrieg suchte die Geistlichkeit die Verbreitung von Druckschriften der Bibelforscher in ihrem Einflußbereich zu verhindern, indem sie Druck auf Vertreter des Staates ausübte. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm der Widerstand allerdings zu. In einem Land nach dem anderen legte man Personen, die Christi prophetischem Gebot gehorchen wollten, die gute Botschaft von Gottes Königreich zu einem Zeugnis zu predigen, auf rechtlichem Gebiet alle nur erdenklichen Hindernisse in den Weg (Mat. 24:14).

      Tief bewegt von den Beweisen für die Erfüllung biblischer Prophezeiungen, verließen die Bibelforscher 1922 ihren Kongreß in Cedar Point (Ohio) mit dem Entschluß, die Welt wissen zu lassen, daß die Zeiten der Nationen zu Ende waren und der Herr seine große Macht an sich genommen hatte und vom Himmel aus als König herrschte. „Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich“ lautete ihre Parole. Im gleichen Jahr stiftete die Geistlichkeit in Deutschland die Polizei dazu an, einige Bibelforscher, die biblische Literatur verbreiteten, zu verhaften. Das blieb kein Einzelfall. 1926 kam es in 897 Fällen zu Verhandlungen vor deutschen Gerichten. Ja, es gab so viele Prozesse, daß die Watch Tower Society 1926 in ihrem Zweigbüro in Magdeburg eine Rechtsabteilung einrichten mußte. 1928 waren allein in Deutschland 1 660 Gerichtsverfahren gegen die Bibelforscher eingeleitet worden, und der Druck nahm Jahr für Jahr weiter zu. Die Geistlichkeit wollte dem Werk der Bibelforscher ein Ende bereiten und freute sich, wenn ein Gerichtsentscheid auf einen gewissen Erfolg hindeutete.

      In den Vereinigten Staaten wurden Bibelforscher 1928 in South Amboy (New Jersey) verhaftet, weil sie von Haus zu Haus predigten. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Zahl der jährlichen Verhaftungen wegen Predigens auf über 500. Im Jahre 1936 war ein rascher Anstieg auf 1 149 zu verzeichnen. Um Rechtsberatung bieten zu können, war es nötig, auch im Hauptbüro der Gesellschaft eine Rechtsabteilung einzurichten.

      In Rumänien stieß die intensive Predigttätigkeit bei den damaligen Machthabern ebenfalls auf heftigen Widerstand. Zeugen Jehovas, die biblische Literatur verbreiteten, wurden häufig verhaftet und grausam geschlagen. Von 1933 bis 1939 wurden 530 Gerichtsverfahren gegen die Zeugen angestrengt. Die Gesetze des Landes garantierten jedoch bestimmte Grundrechte, weshalb viele Berufungsfälle beim Obersten Gerichtshof von Rumänien günstig entschieden wurden. Als der Polizei das bewußt wurde, mißhandelte sie zwar die Zeugen und konfiszierte ihre Literatur, versuchte aber, gerichtliche Schritte zu umgehen. Nachdem man der Gesellschaft schließlich gestattet hatte, sich in Rumänien als Körperschaft registrieren zu lassen, versuchten Gegner, das, was mit dieser gesetzlichen Eintragung bewirkt werden sollte, dadurch zu vereiteln, daß sie die Verbreitung der Wachtturm-Literatur durch einen Gerichtsentscheid verbieten ließen. Dieses Verbot wurde zwar von einem höheren Gericht aufgehoben, doch die Geistlichkeit drängte den Kultusminister, die Bewilligung wieder zurückzuziehen.

      Wie in Rumänien wurde auch in Italien und Ungarn unter den damaligen Regierungen biblische Literatur der Zeugen von der Polizei beschlagnahmt. Dasselbe geschah in Japan, Korea und an der Goldküste (heute Ghana). Ausländische Zeugen Jehovas, die nach Frankreich gekommen waren, wurden des Landes verwiesen. In die Sowjetunion durfte viele Jahre lang kein Zeuge Jehovas einreisen, der Gottes Königreich predigen wollte.

      Als von 1933 bis in die 40er Jahre hinein eine Woge des Nationalismus über die Welt hinwegrollte, wurden Jehovas Zeugen in einem Land nach dem anderen verboten. Tausende von Zeugen kamen in dieser Zeit vor Gericht, weil sie aus Gewissensgründen den Fahnengruß ablehnten und ihre christliche Neutralität bewahrten. Gemäß einem Bericht aus dem Jahr 1950 kam es in den zurückliegenden 15 Jahren unter Jehovas Zeugen allein in den Vereinigten Staaten zu über 10 000 Verhaftungen.

      Die über 400 Zeugen in Griechenland, die man 1946 innerhalb kurzer Zeit vor Gericht stellte, waren nicht die ersten in diesem Land, denen das widerfuhr. Zu solchen Gerichtsfällen war es bereits seit Jahren gekommen. Außer Gefängnisstrafen wurden auch hohe Geldstrafen verhängt, die die Brüder finanziell erschöpften. Doch bei der Beurteilung ihrer Lage sagten sie: „Der Herr öffnete den Weg für das Zeugniswerk, die Behörden in Griechenland zu erreichen, die von der Aufrichtung des Königreiches der Gerechtigkeit hörten; auch die Richter an den Gerichten hatten dieselbe Gelegenheit.“ Jehovas Zeugen betrachteten die Sache zweifellos so, wie es Jesu Nachfolger gemäß seinen Worten tun sollten (Luk. 21:12, 13).

      Ein scheinbar aussichtsloser Kampf

      In den 40er und 50er Jahren war die kanadische Provinz Quebec geradezu ein Schlachtfeld. Schon von 1924 an war es wegen des Predigens der guten Botschaft zu Verhaftungen gekommen. Im Winter 1931 wurden bestimmte Zeugen jeden Tag von der Polizei festgenommen, mitunter zweimal täglich. Die Gerichtskosten wurden für die Zeugen in Kanada zu einer großen Belastung. Anfang 1947 stieg die Gesamtzahl der bei den Gerichten der Provinz Quebec gegen die Zeugen anhängigen Verfahren auf 1 300, obwohl sie dort nur eine kleine Gruppe waren.

      Das war zu einer Zeit, als die katholische Kirche einen großen Einfluß hatte, mit dem jeder Politiker und jeder Richter der Provinz rechnen mußte. In Quebec stand die Geistlichkeit allgemein in hohem Ansehen, und die Leute beeilten sich, den Anordnungen des Ortsgeistlichen Folge zu leisten. Das Buch State and Salvation (1989) beschreibt die Lage wie folgt: „Der Kardinal von Quebec hatte einen Thron im Sitzungssaal der gesetzgebenden Versammlung direkt neben dem, der für den stellvertretenden Gouverneur reserviert war. Auf die eine oder andere Weise unterstand Quebec unmittelbar kirchlicher Kontrolle ... Tatsächlich bestand die Mission der Kirche darin, das politische Leben Quebecs der katholischen Vorstellung anzupassen, die Wahrheit sei der Katholizismus, der Irrtum alles Nichtkatholische und Freiheit bestehe darin, die katholische Wahrheit zu reden und zu leben.“

      Vom menschlichen Standpunkt aus schien die Lage nicht nur für die Zeugen in Quebec, sondern auch weltweit aussichtslos zu sein.

      Alle nur erdenklichen Anklagen

      Gegner durchforschten die Gesetzbücher nach etwas, was ihnen als Vorwand dienen konnte, die Tätigkeit der Zeugen zu unterbinden. Meistens beschuldigten sie sie, ohne Gewerbeschein zu hausieren, wodurch sie das Werk als kommerziell hinstellten. Im Widerspruch dazu beschuldigte man anderswo einige Pioniere der Landstreicherei mit der Begründung, daß sie keine Erwerbstätigkeit ausübten.

      In einigen Kantonen der Schweiz versuchten Beamte jahrzehntelang hartnäckig, die Verbreitung von biblischer Literatur durch Jehovas Zeugen als Hausieren einzustufen. Besonders der Staatsanwalt des französischsprachigen Kantons Waadt war entschlossen, alle Entscheide anzufechten, die von unteren Gerichten zugunsten der Zeugen getroffen wurden.

      An einem Ort nach dem anderen erklärte man Jehovas Zeugen, sie benötigten eine Erlaubnis, um ihre Literatur zu verbreiten oder ihre Zusammenkünfte, in denen sie die Bibel studieren, abzuhalten. Aber war eine Erlaubnis wirklich nötig? Die Zeugen antworteten mit Nein. Aus welchem Grund?

      Sie erklärten: „Jehova Gott gebietet seinen Zeugen, das Evangelium von seinem Königreich zu predigen, und Gottes Gebote gehen über alles und müssen von seinen Zeugen befolgt werden. Es steht keiner legislativen oder exekutiven Institution der Erde zu, sich in Jehovas Gesetze einzumischen. ... Keiner herrschenden Macht der Erde steht es zu, das Predigen des Evangeliums zu verbieten; darum könnte auch keine solche weltliche Behörde oder Obrigkeit eine Erlaubnis zum Predigen des Evangeliums ausstellen. Weltliche Behörden haben in dieser Sache nach keiner Richtung hin Vollmacht. Menschen um Erlaubnis für etwas zu ersuchen, was Gott geboten hat, wäre eine Beleidigung Gottes.“

      Meistens deuteten die gegen Jehovas Zeugen erhobenen Anklagen stark darauf hin, daß religiöse Feindschaft im Spiel war. Als zum Beispiel die Broschüren Schau den Tatsachen ins Auge und Heilung verbreitet wurden, lud man den Aufseher des Zweigbüros der Gesellschaft in den Niederlanden 1939 in Haarlem vor Gericht, damit er sich gegen die Anklage verteidigte, eine Gruppe der niederländischen Bevölkerung beleidigt zu haben. Der Vertreter der Anklage führte beispielsweise aus, in der Wachtturm-Literatur sei zu lesen, die katholische Hierarchie ziehe den Leuten auf betrügerische Weise das Geld aus der Tasche, indem sie behaupte, die Toten könnten aus einem Ort befreit werden, an dem sie sich gar nicht befänden — aus dem Fegefeuer, von dem es in der Literatur heiße, die Kirche könne seine Existenz nicht beweisen.

      Im Zeugenstand jammerte „Pater“ Henri de Greeve, der Hauptzeuge der Hierarchie: „Mein größter Grund zur Klage ist, daß Außenstehende den Eindruck bekommen könnten, wir Priester seien nur ein Haufen Schurken und Schwindler.“ Als der Aufseher des Zweigbüros der Gesellschaft in den Zeugenstand gerufen wurde, schlug er die katholische Bibel auf und zeigte dem Gericht, daß das, was in der Broschüre über die katholischen Lehren gesagt wurde, mit der katholischen Bibel übereinstimmt. Der Anwalt der Gesellschaft fragte dann de Greeve, ob er die Lehre vom Höllenfeuer und vom Fegefeuer beweisen könne, worauf de Greeve antwortete: „Ich kann sie nicht beweisen; ich kann sie nur glauben.“ Sogleich wurde dem Richter klar, daß genau das in der Broschüre behauptet wurde. Die Anklage wurde fallengelassen, und der Priester verließ wutentbrannt das Gerichtsgebäude.

      Beunruhigt über die vermehrte Tätigkeit der Zeugen Jehovas im östlichen Teil der Tschechoslowakei, beschuldigte die Geistlichkeit die Zeugen der Spionage. Die Situation glich dem, was der Apostel Paulus erlebt hatte, als ihn die jüdische Geistlichkeit im ersten Jahrhundert der Aufwiegelung beschuldigte (Apg. 24:5). 1933/34 kamen Hunderte von Fällen vor Gericht, bis die Regierung davon überzeugt war, daß es sich um eine völlig grundlose Anschuldigung handelte. Auch in der kanadischen Provinz Quebec wurden in den 30er und 40er Jahren Zeugen Jehovas unter der Anklage der aufrührerischen Verschwörung vor Gericht gebracht. Geistliche — vorwiegend katholische, doch auch protestantische — erschienen sogar persönlich als Zeugen vor Gericht, um gegen sie auszusagen. Was hatten sich Jehovas Zeugen zuschulden kommen lassen? Die Geistlichkeit argumentierte, sie hätten die staatliche Einheit gefährdet, weil aufgrund ihrer Veröffentlichungen Unzufriedenheit gegenüber der katholischen Kirche entstehen könnte. Die Zeugen erwiderten darauf jedoch, daß sie in Wirklichkeit Literatur verbreiteten, die demütigen Menschen Trost aus Gottes Wort vermittelte, und daß die Geistlichkeit darüber in Wut geraten war, weil unbiblische Lehren und Praktiken angeprangert wurden.

      Wie war es Jehovas Zeugen trotz des anhaltenden Widerstandes möglich weiterzumachen? Das war ihrem Glauben an Gott und sein inspiriertes Wort zuzuschreiben, ihrer uneigennützigen Ergebenheit gegenüber Jehova und seinem Königreich sowie der Kraft, die auf der Wirksamkeit des Geistes Gottes beruht. Es verhielt sich so, wie die Bibel sagt: „... damit die Kraft, die über das Normale hinausgeht, Gottes sei und nicht die aus uns selbst“ (2. Kor. 4:7).

      Jehovas Zeugen gehen auf dem Gebiet des Rechts in die Offensive

      Auf Straßen in der Nähe von Kirchen und von Haus zu Haus verbreiteten die Bibelforscher vor dem Ersten Weltkrieg jahrzehntelang in großem Umfang kostenfrei biblische Schriften. Aber dann erließen viele kleinere und größere Städte in den Vereinigten Staaten Verordnungen, die diesem „freiwilligen Werk“ große Hindernisse in den Weg legten. Was konnte dagegen unternommen werden?

      Im Wacht-Turm vom 15. Dezember 1919 (engl.) hieß es: „In dem Glauben, daß es unsere Pflicht ist, jede nur mögliche Anstrengung zu unternehmen, um über das Königreich des Herrn Zeugnis abzulegen, und unsere Hand nicht erschlaffen zu lassen, nur weil wir die Tür sich schließen sehen, sowie in Anbetracht all der systematischen Bemühungen, die sich gegen das freiwillige Werk gerichtet haben, wurden Vorkehrungen dafür getroffen, eine neue Zeitschrift einzusetzen, ... Das Goldene Zeitalter.“a

      Als immer intensiver von Haus zu Haus Zeugnis gegeben wurde, häuften sich jedoch die Versuche, diese Tätigkeit gesetzlich einzuschränken oder zu verbieten. Nicht in allen Ländern bestehen gesetzliche Möglichkeiten, Minderheiten gegen staatlichen Widerstand bestimmte Grundrechte zu sichern. Jehovas Zeugen wußten jedoch, daß die Verfassung der Vereinigten Staaten die Religions-, Rede- und Pressefreiheit garantierte. Daher legten sie bei höheren Gerichten Rechtsmittel ein, wenn Richter durch ihre Auslegung örtlicher Verordnungen das Predigen des Wortes Gottes behinderten.b

      Im Rückblick auf die Ereignisse erklärte Hayden C. Covington, der in Rechtsangelegenheiten der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielte: „Wenn in den Tausenden von Verurteilungen, die von Richtern, Polizeigerichten und anderen unteren Instanzen protokolliert worden sind, keine Berufung eingelegt worden wäre, wäre in der Sache der Anbetung ein Berg von Präzedenzfällen als riesiges Hindernis entstanden. Dadurch, daß wir in die Berufung gegangen sind, haben wir die Errichtung dieses Hindernisses vereitelt. Unsere Anbetungsweise ist im Gesetz der Vereinigten Staaten und anderer Länder verankert worden, weil wir beharrlich waren und gegen nachteilige Entscheidungen Berufung eingelegt haben.“ In den Vereinigten Staaten ging man in Dutzenden von Fällen bis vor das Oberste Bundesgericht.

      Garantie der Grundrechte gefestigt

      Einer der ersten dem Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten vorgetragenen Fälle, bei denen es um den Gottesdienst der Zeugen Jehovas ging, war in Georgia aufgekommen und wurde am 4. Februar 1938 verhandelt. Das Strafgericht von Griffin (Georgia) hatte Alma Lovell wegen eines Verstoßes gegen eine Verordnung verurteilt, in der verboten wurde, Literatur irgendeiner Art ohne Bewilligung des Stadtdirektors zu verbreiten. Schwester Lovell hatte den Leuten unter anderem die Zeitschrift Das Goldene Zeitalter angeboten. Am 28. März 1938 entschied das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten, daß die Verordnung ungültig sei, weil sie die Pressefreiheit konzessions- und zensurabhängig mache.c

      Im darauffolgenden Jahr unterbreitete J. F. Rutherford als Anwalt des Antragstellers dem Obersten Bundesgericht im Fall Clara Schneider gegen Staat New Jerseyd die Begründung des Rechtsmittels. 1940 folgte dann der Fall Cantwell gegen Staat Connecticute, für den J. F. Rutherford die Begründung verfaßte, und Hayden Covington trug sie dem Gericht vor. Der positive Ausgang der beiden Fälle stützte die in der Verfassung garantierte Religions-, Rede- und Pressefreiheit. Aber es gab auch Rückschläge.

      Schwere gerichtliche Rückschläge

      Die Fahnengrußfrage in Verbindung mit schulpflichtigen Kindern von Zeugen Jehovas wurde erstmals 1935 im Fall Carlton B. Nicholls gegen Bürgermeister und Schulausschuß von Lynn (Massachusetts)f vor amerikanische Gerichte gebracht. Der Fall wurde an den Obersten Gerichtshof von Massachusetts verwiesen. Dieses Gericht entschied 1937, daß ungeachtet dessen, was Carleton Nichols jr. und seine Eltern gemäß ihren Worten glaubten, keine Freistellung aufgrund religiöser Überzeugung nötig sei, weil, wie es hieß, „der Fahnengruß und das Treuegelöbnis, um die es hier geht, im rechtlichen Sinne nichts mit Religion zu tun haben. ... Sie betreffen niemandes Ansichten über den Schöpfer. Sie berühren nicht die Beziehungen zu seinem Bildner.“ Als 1937 im Fall Leoles gegen Landersg und 1938 im Fall Hering gegen Staatliche Schulbehördeh die Frage des obligatorischen Fahnengrußes durch das Rechtsmittel dem Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten vorgelegt wurde, war nach Meinung dieses Gerichts keine wichtige verfassungsrechtliche Frage zu klären. 1939 wies das Gericht in derselben Frage noch einmal ein Rechtsmittel ab, und zwar im Fall Gabrielli gegen Knickerbockeri. Am selben Tag bestätigte es ohne Verhandlung den negativen Entscheid der unteren Instanz im Fall Johnson gegen Stadt Deerfieldj.

      Schließlich fand 1940 im Fall Schulbezirk Minersville gegen Gobitisk eine Verhandlung vor dem Obersten Bundesgericht statt. Mehrere prominente Anwälte reichten für beide Seiten des Falls Begründungen ein. J. F. Rutherford trug die Begründung des Rechtsmittels für Walter Gobitas und seine Kinder vor. Ein Mitglied der Rechtsabteilung der Harvarduniversität sprach für den Amerikanischen Bundesverband der Anwaltschaft und die Amerikanische Bürgerrechtsvereinigung und trug Gründe gegen den obligatorischen Fahnengruß vor. Aber ihre Argumente wurden verworfen, und das Oberste Bundesgericht entschied am 3. Juni mit nur einer Gegenstimme, daß Kinder, die die Fahne nicht grüßten, von den öffentlichen Schulen verwiesen werden konnten.

      In den drei folgenden Jahren entschied das Oberste Bundesgericht in 19 Fällen gegen Jehovas Zeugen. Am bedeutsamsten war die ablehnende Entscheidung 1942 im Fall Jones gegen Stadt Opelikal. Rosco Jones war verurteilt worden, weil er Literatur auf den Straßen von Opelika (Alabama) verbreitet hatte, ohne die Konzessionssteuer entrichtet zu haben. Das Oberste Bundesgericht erhielt die Verurteilung aufrecht und erklärte, Regierungen hätten das Recht, für Kundenwerbung eine vernünftige Gebühr festzusetzen, und solche Gesetze seien nicht anfechtbar, selbst wenn örtliche Behörden willkürlich die Genehmigung zurückzögen. Das war ein schwerer Schlag, denn nun konnte jede Gemeinde, die von Geistlichen oder irgendeinem anderen Gegner dazu angestachelt wurde, die Zeugen rechtmäßig fernhalten und, wie die Gegner vielleicht dachten, ihre Predigttätigkeit dadurch stoppen. Doch es geschah etwas Seltsames.

      Das Blatt wendet sich

      In dem Fall Jones gegen Opelika, dessen Entscheidung ein schwerer Schlag für den öffentlichen Predigtdienst der Zeugen Jehovas war, hatten drei Richter erklärt, sie gingen in dem vorliegenden Fall mit dem Mehrheitsentscheid des Gerichts nicht einig und seien darüber hinaus der Meinung, im Fall Gobitis die Grundlage für diesen Mehrheitsentscheid mit geschaffen zu haben. Weiter führten sie aus: „Da wir uns im Fall Gobitis der Urteilsbegründung anschlossen, halten wir dies für eine passende Gelegenheit, zu erklären, daß er nach unserer jetzigen Auffassung ebenfalls falsch entschieden wurde.“ Jehovas Zeugen verstanden dies als einen Wink, dem Gericht erneut die wesentlichen Streitpunkte vorzutragen.

      Man beantragte im Fall Jones gegen Opelika eine neue Verhandlung. In dem Antrag wurden überzeugende Rechtsausführungen unterbreitet. Auch wurde darin deutlich erklärt: „Das Gericht sollte den höchst bedeutsamen Umstand nicht außer acht lassen, daß es in richterlicher Eigenschaft mit Dienern Gottes, des Allmächtigen, zu tun hat.“ Die Bedeutung dessen veranschaulichte man anhand biblischer Präzedenzfälle. Man machte auf den Rat aufmerksam, den der Rechtsgelehrte Gamaliel im ersten Jahrhundert dem höchsten jüdischen Gericht gab, nämlich: „Steht ab von diesen Menschen, und laßt sie gehen ...; andernfalls mögt ihr vielleicht als solche erfunden werden, die in Wirklichkeit gegen Gott kämpfen“ (Apg. 5:34-39).

      Schließlich setzte das Oberste Bundesgericht am 3. Mai 1943 durch seine Entscheidung im Fall Murdock gegen Pennsylvaniena einen Meilenstein, indem es seine frühere Entscheidung im Fall Jones gegen Opelika umstieß. Es erklärte jegliche Konzessionssteuer als Vorbedingung für die Ausübung der Religionsfreiheit in Form der Verbreitung religiöser Literatur als verfassungswidrig. Dieser Fall eröffnete Jehovas Zeugen in den Vereinigten Staaten neue Möglichkeiten; in Hunderten von Fällen konnte seither darauf als maßgeblichen Gerichtsentscheid Bezug genommen werden. Der 3. Mai 1943 war für Jehovas Zeugen wirklich ein denkwürdiger Tag, was die Rechtsstreite vor dem Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten angeht. An diesem Tag entschied das Gericht in 12 von 13 Fällen zu ihren Gunsten (alle wurden zur Verhandlung und gerichtlichen Entscheidung in vier Verfahren zusammengefaßt).b

      Etwa einen Monat später — am 14. Juni, dem Tag der Nationalflagge — hob das Oberste Bundesgericht erneut eine eigene Entscheidung auf, und zwar die im Fall Gobitis. Das geschah in Zusammenhang mit dem Fall Staatliche Schulbehörde von West Virginia gegen Barnettec. Das Gericht erklärte, daß „keine Amtsperson, ob hoch oder niedrig, vorschreiben darf, was in der Politik, im Nationalismus, in der Religion oder in anderen Dingen der Meinungsäußerung rechtsverbindlich sein soll, noch Bürger zwingen darf, durch Wort oder Tat ihren Glauben daran zu bekennen“. Ein Großteil der in der Urteilsbegründung enthaltenen Argumente wurde danach in Kanada vom Berufungsgericht von Ontario bei der Entscheidung im Fall Donald gegen Städtische Schulbehörde von Hamilton übernommen — eine Entscheidung, die aufzuheben das Oberste Bundesgericht von Kanada ablehnte.

      Im Einklang mit der Entscheidung im Fall Barnette entschied das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten noch am selben Tag im Fall Taylor gegen Staat Mississippid, daß Jehovas Zeugen nicht zu Recht des Aufruhrs beschuldigt werden können, wenn sie erklären, warum sie den Fahnengruß verweigern, und lehren, daß sich alle Nationen auf der Verliererseite befinden, weil sie gegen Gottes Königreich sind. Diese Entscheidungen bahnten auch den Weg für weitere günstige Entscheide anderer Gerichte in Fällen von Zeugen Jehovas, deren Kinder den Fahnengruß in der Schule verweigert hatten, sowie in strittigen Fragen, die die berufliche Tätigkeit und das Sorgerecht betrafen. Das Blatt hatte sich tatsächlich gewendet.e

      Eine neue Ära der Freiheit in Quebec

      Auch in Kanada strebten Jehovas Zeugen nach einer Lösung in der Frage der Religionsfreiheit. In den Jahren 1944 bis 1946 wurden Hunderte von ihnen in Quebec während ihres öffentlichen Predigtdienstes verhaftet. Nach kanadischem Recht war Religionsfreiheit garantiert, doch der Pöbel störte Zusammenkünfte, in denen die Bibel betrachtet wurde. Die Polizei kam den Forderungen der katholischen Geistlichkeit nach, den Zeugen Jehovas Einhalt zu gebieten. Richter an örtlichen Strafgerichten beschimpften die Zeugen, während sie gegen die an Pöbelaktionen Beteiligten nicht vorgingen. Was konnte unternommen werden?

      Am 2. und 3. November 1946 veranstaltete die Gesellschaft in Montreal einen Sonderkongreß. Redner erläuterten die Stellung der Zeugen Jehovas vom Standpunkt der Bibel und des Landesgesetzes aus. Dann wurde angekündigt, daß in ganz Kanada 16 Tage lang das Traktat Quebec’s Burning Hate for God and Christ and Freedom Is the Shame of All Canada (Quebecs lodernder Haß gegen Gott, Christus und die Freiheit ist eine Schande für ganz Kanada) in Englisch, Französisch und Ukrainisch verbreitet werden sollte. Darin wurde ausführlich über die heftigen Pöbelangriffe und andere in Quebec gegen Jehovas Zeugen verübte Greueltaten berichtet. Diesem Traktat folgte ein zweites, betitelt Quebec, You Have Failed Your People! (Quebec, du hast dein Volk im Stich gelassen!).

      Die Verhaftungen nahmen in Quebec überhand. Um dieser Situation Herr zu werden, richtete das kanadische Zweigbüro der Watch Tower Society eine Rechtsabteilung mit einer Vertretung in Toronto und in Montreal ein. Als die Presse davon erfuhr, daß Maurice Duplessis, der Ministerpräsident von Quebec, den Restaurantbetrieb von Frank Roncarelli, einem Zeugen Jehovas, absichtlich ruinierte, nur weil dieser für andere Zeugen Kaution leistete, protestierte die kanadische Öffentlichkeit mit aller Deutlichkeit. Am 2. März 1947 starteten Jehovas Zeugen einen landesweiten Feldzug, bei dem sie der Bevölkerung Kanadas vorschlugen, die Regierung um eine Bill of Rights (verfassungsmäßig garantierte Grundrechte) zu ersuchen. Man sammelte über 500 000 Unterschriften — die größte Petition, die dem kanadischen Parlament je vorgelegt worden war. Im Jahr darauf folgte eine noch längere zur Bekräftigung der ersten.

      Inzwischen wählte die Gesellschaft zwei Testfälle aus, in denen vor dem Obersten Bundesgericht Kanadas Rechtsmittel eingelegt wurden. In einem davon, dem Fall Aimé Boucher gegen Seine Majestät den König, lautete die Anklage auf umstürzlerisches Verhalten, was den Zeugen wiederholt vorgeworfen wurde.

      Zu dem Fall Boucher kam es, weil sich der Farmer Aimé Boucher, ein Mann mit einem sanften Wesen, an der Verbreitung des Traktats Quebec’s Burning Hate beteiligt hatte. Hatte er sich aber umstürzlerisch verhalten, indem er die Pöbelangriffe gegen die Zeugen in Quebec bekanntmachte, auf die Mißachtung des Rechts durch Vertreter des Staates hinwies und Beweise dafür vorlegte, daß der katholische Bischof und andere katholische Geistliche zu den Aktionen aufgehetzt hatten?

      Einer der Richter des Obersten Bundesgerichts erklärte nach eingehender Prüfung des Traktats: „Das Dokument trug die Überschrift ‚Quebecs lodernder Haß gegen Gott, Christus und die Freiheit ist eine Schande für ganz Kanada‘; es enthielt zunächst einen Aufruf, ruhig und vernünftig die Angelegenheiten zu bewerten, von denen es handelte und die als Stütze des Titels angeführt wurden; sodann allgemeine Hinweise auf verschärfte Verfolgung, die über die Zeugen als Brüder in Christus gebracht wurde; eine ausführliche Schilderung bestimmter Beispiele der Verfolgung und einen abschließenden Appell an die Bevölkerung der Provinz als Protest gegen Pöbelherrschaft und Gestapotaktiken, damit durch das Studium des Wortes Gottes und den Gehorsam gegenüber seinen Geboten eine ‚reichliche Ernte guter Früchte der Liebe zu Gott und Christus und zur Freiheit des Menschen‘ hervorgebracht werde.“

      Der Gerichtsentscheid hob die Verurteilung von Aimé Boucher auf, wobei drei der fünf Richter lediglich ein neues Verfahren anordneten. Würde das zu einer unparteiischen Entscheidung in den unteren Instanzen führen? Der Anwalt der Zeugen Jehovas beantragte eine Neuverhandlung vor dem Obersten Bundesgericht. Erstaunlicherweise wurde dem Antrag stattgegeben. Während der Antrag dort anhängig war, wurde die Anzahl der Richter am Obersten Bundesgericht erhöht, und einer der ursprünglichen Richter änderte seine Meinung. So wurde Bruder Boucher im Dezember 1950 mit 5 gegen 4 Stimmen von der gegen ihn erhobenen Anklage freigesprochen.

      Anfangs wurde diese Entscheidung sowohl vom zweiten Kronanwalt als auch vom Ministerpräsidenten der Provinz Quebec (der gleichzeitig Kronanwalt war) mißachtet, doch mit der Zeit wurde ihr durch die Gerichte Geltung verschafft. Damit war die wiederholt in Kanada gegen Jehovas Zeugen erhobene Anklage auf umstürzlerisches Verhalten praktisch gegenstandslos geworden.

      In noch einem weiteren Testfall wurde vor dem Obersten Bundesgericht von Kanada ein Rechtsmittel eingelegt. Es handelte sich um den Fall Laurier Saumur gegen die Stadt Quebec, bei dem es um die städtischen Konzessionsverordnungen ging, die bei einer Vielzahl von Verurteilungen in den unteren Instanzen eine Rolle spielten. Im Fall Saumur strebte die Gesellschaft eine endgültige gerichtliche Verfügung gegen die Stadt Quebec an, um zu verhindern, daß die Behörden die Verbreitung der religiösen Literatur der Zeugen Jehovas störten. Am 6. Oktober 1953 fällte das Oberste Bundesgericht seine Entscheidung. Die Antwort war ein „Ja“ für die Zeugen Jehovas und ein „Nein“ für die Provinz Quebec. Diese Entscheidung brachte auch einen Sieg in Tausenden anderen Fällen, in denen derselbe Grundsatz der Religionsfreiheit ausschlaggebend war. Damit begann für das Werk der Zeugen Jehovas in Quebec eine neue Ära.

      Schulung in Rechts- und Verfahrensfragen

      Mit der steigenden Zahl von Gerichtsfällen Ende der 20er Jahre und danach wurde es nötig, Jehovas Zeugen über rechtliche Verfahrensweisen gründlich zu informieren. J. F. Rutherford war selbst Anwalt und hatte gelegentlich auch als Richter fungiert; daher erkannte er, daß die Zeugen in diesen Angelegenheiten Anleitung benötigten. Besonders von 1926 an hatten die Zeugen Nachdruck darauf gelegt, an Sonntagen von Haus zu Haus zu predigen und dabei bibelerklärende Bücher anzubieten. Wegen des Widerstands gegen das Verbreiten biblischer Literatur am Sonntag verfaßte Bruder Rutherford die Broschüre Liberty to Preach (Die Freiheit zu predigen), um den Zeugen in den Vereinigten Staaten zu einem Verständnis ihrer gesetzlichen Rechte zu verhelfen. Er konnte jedoch nicht alle Rechtsangelegenheiten selbst bearbeiten. Deshalb sorgte er dafür, daß noch andere Anwälte im Hauptbüro der Gesellschaft dienten. Außerdem arbeiteten weitere Anwälte, die im ganzen Land verstreut wohnten, eng mit ihnen zusammen.

      Es war ihnen zwar nicht möglich, in all den Tausenden von Fällen anwesend zu sein, in denen Zeugen Jehovas wegen ihrer Predigttätigkeit vor Gericht erscheinen mußten, doch konnten sie wertvollen Rat geben. Deshalb sorgte man dafür, daß alle Zeugen Jehovas in grundlegenden rechtlichen Verfahrensweisen geschult wurden. Das geschah 1932 auf besonderen Kongressen in den Vereinigten Staaten und später im Programm der regelmäßigen Dienstzusammenkünfte der Versammlungen. Im Jahrbuch 1933 der Zeugen Jehovas wurde eine ausführliche „Gerichtsverfahrensordnung“ veröffentlicht (später als zusätzliches Blatt). Diese Anweisungen wurden, wenn es die Umstände erforderten, entsprechend geändert. In der Zeitschrift Trost vom 3. November 1937 (engl.) wurde weitere Rechtsberatung für bestimmte Situationen erteilt, die aufgetreten waren.

      Mit Hilfe dieses Aufschlusses verteidigten sich die Zeugen gewöhnlich selbst vor den örtlichen Gerichten und nahmen nicht die Dienste eines Anwalts in Anspruch. Sie stellten fest, daß sie so vor Gericht oftmals Zeugnis geben und dem Richter die Kernpunkte deutlich vortragen konnten und eine Entscheidung in ihrem Fall nicht allein auf juristischen Erwägungen beruhte. In Fällen mit einer ungünstigen Entscheidung ging man gewöhnlich in die Berufung, doch einige Zeugen saßen eine Haftstrafe ab, statt sich einen Anwalt zu nehmen, der vor einem Berufungsgericht erforderlich gewesen wäre.

      Wenn neue Situationen auftraten und durch Gerichtsentscheide Präzedenzfälle geschaffen wurden, hielt man die Zeugen durch zusätzlichen Aufschluß auf dem laufenden. 1939 wurde zum Beispiel die Broschüre Ratschläge für Königreichsverkündiger gedruckt, um den Brüdern in Rechtskämpfen zu helfen. Zwei Jahre später erschien eine ausführlichere Erörterung in der Broschüre Jehovah’s Servants Defended (Jehovas Diener verteidigt). Darin wurden 50 verschiedene Entscheidungen amerikanischer Gerichte in Fällen von Zeugen Jehovas sowie zahlreiche andere Fälle angeführt oder besprochen, und es wurde erklärt, wie man diese Präzedenzfälle vorteilhaft nutzen konnte. 1943 erhielt jeder Zeuge ein Exemplar der Broschüre Freedom of Worship (Religionsfreiheit), die in den Dienstzusammenkünften der Versammlungen eifrig studiert wurde. Neben wertvollen Auszügen aus Rechtsfällen zeigte diese Broschüre biblische Gründe für bestimmte Vorgehensweisen auf. Als nächstes folgte 1950 die Broschüre Defending and Legally Establishing the Good News (Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft), die den aktuellen Stand der Dinge berücksichtigte.

      Durch all das wurde eine fortschreitende Schulung auf dem Gebiet des Rechts vermittelt. Ihr Ziel bestand jedoch nicht darin, Jehovas Zeugen zu Anwälten auszubilden, sondern darin, für das Predigen der guten Botschaft von Gottes Königreich — öffentlich und von Haus zu Haus — die Wege offenzuhalten.

      Wie ein Heuschreckenschwarm

      Beamte, die sich über das Gesetz hinwegsetzten, behandelten die Zeugen mitunter grausam. Doch ganz gleich, welche Methoden ihre Gegner anwandten, kannten Jehovas Zeugen den Rat aus Gottes Wort: „Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem Zorn Raum; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht Jehova‘ “ (Röm. 12:19). Nichtsdestoweniger hatten sie die Verpflichtung, Zeugnis zu geben, deutlich vor Augen. Wie taten sie das angesichts des Widerstands der Behörden?

      In den 30er Jahren waren die einzelnen Versammlungen der Zeugen Jehovas in der Regel ziemlich klein, doch hielten sie fest zusammen. Wenn es irgendwo zu ernsthaften Schwierigkeiten kam, waren Zeugen aus der Umgebung schnell bereit zu helfen. 1933 hatte man zum Beispiel 12 600 Zeugen in den Vereinigten Staaten zu 78 Divisionen (größeren Gruppen) organisiert. Wenn es in einem Gebiet ständig zu Verhaftungen kam oder es Gegnern gelungen war, Rundfunkanstalten derart unter Druck zu setzen, daß sie die Sendeverträge für die von Jehovas Zeugen vorbereiteten Programme rückgängig machten, wurde das der Gesellschaft in Brooklyn gemeldet. Innerhalb einer Woche wurde Verstärkung in das betreffende Gebiet gesandt, damit konzentriert Zeugnis gegeben werden konnte.

      Je nach Bedarf trafen sich 50 bis 1 000 Zeugen zu einer bestimmten Zeit gewöhnlich auf dem Land in der Nähe des zu bearbeitenden Gebiets. Es waren alles Freiwillige; einige reisten aus einer Entfernung von etwa 300 Kilometern an. Die einzelnen Gruppen erhielten Gebiet, das in 30 Minuten bis höchstens zwei Stunden bearbeitet werden konnte. Während jede Autogruppe in dem ihr zugewiesenen Gebietsteil mit ihrer Tätigkeit begann, sprach ein aus Brüdern gebildetes Komitee bei der Polizei vor, um sie von der Tätigkeit zu unterrichten und eine Liste aller Zeugen abzugeben, die an dem betreffenden Vormittag in dem Ort unterwegs waren. Die Behörden erkannten, daß ihre Kräfte der Überzahl der Zeugen nicht gewachsen waren, und legten ihnen daher an den meisten Orten nichts mehr in den Weg. In einigen wenigen Städten belegten sie allerdings ihre Gefängnisse mit Zeugen, aber das war auch alles, was sie tun konnten. Für jeden Verhafteten hatten die Zeugen einen Anwalt an der Hand, der Kaution hinterlegte. Die Wirkung glich der des symbolischen Heuschreckenschwarms, von dem in Joel 2:7-11 und Offenbarung 9:1-11 die Rede ist. Auf diese Weise war es trotz heftigen Widerstandes möglich, die gute Botschaft weiterhin zu predigen.

      Die Handlungsweise selbstherrlicher Beamter angeprangert

      Man hielt es für nützlich, die Bevölkerung bestimmter Gebiete über die Handlungsweise örtlicher Beamter zu unterrichten. Als Zeugen in Quebec von den Gerichten Verfahren unterzogen wurden, die an die Inquisitionsgerichte erinnerten, sandte man an alle Mitglieder der Legislative in Quebec einen Brief, in dem die Fakten beschrieben wurden. Als sich daraufhin nichts tat, sandte die Gesellschaft je ein Exemplar dieses Briefes an 14 000 Geschäftsleute in der ganzen Provinz. Dann wurden diese Informationen Zeitungsherausgebern zur Veröffentlichung zugestellt.

      In den östlichen US-Bundesstaaten wurde die Öffentlichkeit durch Rundfunksendungen informiert. Im Brooklyner Bethel bildeten einige erfahrene Schauspieler, die geschickte Nachahmer waren, das sogenannte King’s Theater (Die Bühne des Königs). Wenn selbstherrliche Beamte Zeugen Jehovas vor Gericht brachten, wurde die ganze Verhandlung mitstenographiert. Die Schauspieler waren im Gerichtssaal anwesend, damit sie sich mit dem Tonfall und der Redeweise der Polizei, des Anklagevertreters und des Richters vertraut machen konnten. Nachdem man die Rundfunksendung weit und breit angekündigt hatte und man mit einer großen Zuhörerschaft rechnen konnte, spielte das King’s Theater Gerichtsszenen erstaunlich realistisch nach, um die Öffentlichkeit genau davon zu unterrichten, wie sich ihre Beamten verhielten. So ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt, gingen einige dieser Beamten im Laufe der Zeit gewissenhafter vor, wenn sie es mit einem Fall zu tun hatten, der Zeugen Jehovas betraf.

      Vereintes Handeln angesichts der NS-Unterdrückung

      Als die Regierung im nationalsozialistischen Deutschland begann, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas zu unterbinden, bemühte man sich wiederholt um eine Unterredung mit den deutschen Behörden. Aber die Lage wurde nicht erträglicher. Im Sommer 1933 war das Werk in den meisten deutschen Ländern verboten. Am 25. Juni 1933 nahmen Jehovas Zeugen auf einem Kongreß in Berlin eine Erklärung an, in der ihr Predigtdienst und ihre Ziele erläutert wurden. An alle Staatsmänner sandte man ein Exemplar, und Millionen weitere wurden öffentlich verteilt. Dennoch lehnte im Juli 1933 ein Gericht den Antrag auf ein Verwaltungsstreitverfahren ab. Anfang des darauffolgenden Jahres schrieb J. F. Rutherford an Adolf Hitler einen persönlichen Brief wegen dieser Situation und ließ ihn durch einen besonderen Boten überbringen. Dann trat die gesamte weltweite Bruderschaft in Aktion.

      Am Sonntag, den 7. Oktober 1934 versammelten sich vormittags um 9 Uhr alle Gruppen der Zeugen in Deutschland. Sie beteten um die Führung und den Segen Jehovas. Dann sandte jede Gruppe an deutsche Regierungsvertreter einen Brief, in dem alle den festen Entschluß zum Ausdruck brachten, weiterhin Jehova zu dienen. Zum Schluß besprachen sie die Worte ihres Herrn, Jesus Christus, aus Matthäus 10:16-24, und anschließend begaben sie sich hinaus, um ihren Mitmenschen über Jehova und sein messianisches Königreich Zeugnis zu geben.

      Am selben Tag kamen Jehovas Zeugen auf der ganzen Erde zusammen, und nach einem gemeinsamen Gebet zu Jehova sandten sie ein Telegramm mit folgender Warnung an die Hitler-Regierung: „Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen weiterhin zu verfolgen, sonst wird Gott Sie und Ihre nationale Partei vernichten.“ Aber damit hörte die Verfolgung nicht auf.

      Die Gestapo strengte sich noch mehr an, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas völlig zu unterbinden. Nach Massenverhaftungen im Jahre 1936 dachte sie vielleicht, es geschafft zu haben. Aber dann verbreiteten am 12. Dezember 1936 etwa 3 450 Zeugen, die in Deutschland noch frei waren, in einer Blitzaktion im ganzen Land eine gedruckte Resolution, in der deutlich der Vorsatz Jehovas erklärt wurde und die Entschlossenheit der Zeugen Jehovas zum Ausdruck kam, Gott, dem Herrscher, mehr zu gehorchen als Menschen. Die Gegner konnten nicht begreifen, wie eine derartige Aktion möglich war. Als die Gestapo einige Monate später die in der Resolution erhobenen Anschuldigungen zu bagatellisieren suchte, stellten Jehovas Zeugen einen offenen Brief zusammen, in dem die nationalsozialistischen Beamten, die Zeugen Jehovas unmenschlich behandelt hatten, schonungslos mit Namen genannt wurden. 1937 verbreitete man auch diesen Brief überall in Deutschland. So wurden die Taten böser Menschen öffentlich angeprangert. Das bot allen die Möglichkeit, zu entscheiden, wie sie sich selbst gegenüber diesen Dienern Gottes, des Höchsten, verhalten würden. (Vergleiche Matthäus 25:31-46.)

      Weltweite Publizität führt zu Erleichterungen

      Auch andere Regierungen sind mit Jehovas Zeugen hart verfahren, indem sie ihre Zusammenkünfte und ihr öffentliches Predigen verboten haben. In einigen Fällen bewirkten diese Regierungen, daß Zeugen ihre Arbeitsstelle verloren und ihre Kinder von der Schule verwiesen wurden. Mehrere Regierungen sind nicht einmal vor brutaler Gewalt zurückgeschreckt. Doch in denselben Ländern gibt es gewöhnlich eine Verfassung, die Religionsfreiheit garantiert. In dem Bemühen, den verfolgten Zeugen Erleichterung zu verschaffen, hat die Watch Tower Society häufig weltweit ausführliche Berichte über eine derartige Behandlung veröffentlicht. Sie sind in den Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! erschienen, und mitunter werden solche Berichte von der Presse aufgegriffen. Eine Flut von vielen Tausenden von Briefen aus aller Welt mit Appellen zugunsten der Zeugen ergießt sich dann in die Büros von Regierungsvertretern.

      In den Vereinigten Staaten erhielt der Gouverneur von Georgia im Rahmen einer solchen Kampagne im Jahre 1937 in nur zwei Tagen 7 000 Briefe aus vier Ländern, und der Bürgermeister von La Grange (Georgia) wurde ebenfalls mit Tausenden von Briefen überhäuft. Weitere solche Aktionen zugunsten von Jehovas Zeugen wurden in Argentinien (1978 und 1979) durchgeführt, in Äthiopien (1957), Benin (1976), Burundi (1989), in der Dominikanischen Republik (1950 und 1957), in Gabun (1971), Griechenland (1963 und 1966), Jordanien (1959), Kamerun (1970), Malawi (1968, 1972, 1975 und 1976), Malaya (1952), Mosambik (1976), Portugal (1964 und 1966), Singapur (1972), Spanien (1961 und 1962) und Swasiland (1983).

      Als ein Beispiel dafür, was in neuerer Zeit von Jehovas Zeugen weltweit unternommen wird, um ihren unterdrückten Brüdern Erleichterung zu verschaffen, betrachte man die Situation in Griechenland. Über die auf Anstiften der griechisch-orthodoxen Geistlichkeit ausgelöste heftige Verfolgung der dortigen Zeugen Jehovas erschienen 1986 sowohl im Wachtturm als auch im Erwachet! ausführliche Berichte (weltweit in einer Gesamtauflage von mehr als 22 000 000). Zeugen in anderen Ländern wurden eingeladen, im Interesse ihrer Brüder an griechische Regierungsvertreter zu schreiben. Und das taten sie auch. Gemäß einer Meldung der Athener Zeitung Vradyni gingen beim Justizminister mehr als 200 000 Briefe ein, die aus über 200 Ländern stammten und in 106 Sprachen verfaßt waren.

      Als im darauffolgenden Jahr vor dem Berufungsgericht in Hania (Kreta) ein Fall verhandelt wurde, der Jehovas Zeugen betraf, waren Vertreter der Zeugen Jehovas aus sieben weiteren Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Spanien und Vereinigte Staaten) anwesend, und zwar als Prozeßbeteiligte und zur Unterstützung ihrer christlichen Brüder. In einem anderen Fall, der Jehovas Zeugen betraf, wurde nach einer ablehnenden Entscheidung im Jahre 1988 vor dem Obersten Gerichtshof von Griechenland die Europäische Kommission für Menschenrechte angerufen. Dort legte man 16 Juristen aus fast allen Teilen Europas am 7. Dezember 1990 einen Schriftsatz vor, der von 2 000 Verhaftungen und Hunderten von Gerichtsfällen handelte, in denen Zeugen Jehovas in Griechenland verurteilt worden waren, weil sie über die Bibel gesprochen hatten. (Insgesamt kam es in Griechenland von 1938 bis 1992 zu 19 147 Inhaftierungen.) Die Kommission entschied einstimmig, daß der Fall vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt werden sollte.

      In einigen Fällen führt es zu einer gewissen Erleichterung, wenn Verletzungen der Menschenrechte auf solche Weise aufgedeckt werden. Doch ungeachtet dessen, was Richter oder Regenten unternehmen, fahren Jehovas Zeugen fort, Gott als ihrem obersten Herrscher zu gehorchen.

      Die rechtliche Anerkennung erwirken

      Die Befugnis, die wahre Anbetung auszuüben, stammt ganz offensichtlich von keinem Menschen und keiner menschlichen Regierung, sondern von Jehova Gott selbst. In vielen Ländern hat es sich jedoch für Jehovas Zeugen als vorteilhaft erwiesen, als Religionsgemeinschaft gesetzlich registriert zu sein, um den Schutz zu genießen, der durch das weltliche Recht gewährleistet wird. Pläne zum Kauf eines Grundstücks für ein Zweigbüro oder zum Drucken biblischer Literatur in größerem Umfang lassen sich leichter realisieren, wenn rechtliche Körperschaften gegründet worden sind. Im Einklang mit dem Präzedenzfall, den der Apostel Paulus durch die „gesetzliche Befestigung der guten Botschaft“ im alten Philippi schuf, unternehmen Jehovas Zeugen entsprechende Schritte mit demselben Ziel (Phil. 1:7).

      Bisweilen war das sehr schwierig. In Österreich zum Beispiel, wo ein Konkordat mit dem Vatikan der katholischen Kirche finanzielle Unterstützung durch den Staat zusichert, wurden die Bemühungen der Zeugen Jehovas von Behörden mit den Worten abgelehnt: „Sie haben die Absicht, eine religiöse Organisation zu bilden, aber eine Organisation dieser Art kann gemäß dem österreichischen Gesetz nicht gebildet werden.“ 1930 konnte jedoch ein Verein gegründet werden, der der Verbreitung von Bibeln und biblischer Literatur dienen sollte.

      In Spanien geht die Tätigkeit der Zeugen Jehovas im 20. Jahrhundert bis in die Jahre des Ersten Weltkriegs zurück. Aber bereits seit den Anfangsjahren der Inquisition im 15. Jahrhundert hatten die katholische Kirche und der spanische Staat — von wenigen Ausnahmen abgesehen — Hand in Hand gearbeitet. Veränderungen auf politischem und religiösem Gebiet führten dazu, daß einzelnen zwar erlaubt wurde, eine andere Religion zu praktizieren, doch durften sie ihren Glauben nicht öffentlich bekunden. Trotz dieses Umstandes bemühten sich Jehovas Zeugen 1956 und auch 1965 in Spanien um die rechtliche Anerkennung. Echte Fortschritte waren allerdings erst möglich, als das spanische Parlament 1967 das Gesetz über Religionsfreiheit verabschiedete. Am 10. Juli 1970 — die Zeugen in Spanien zählten mittlerweile bereits über 11 000 — wurde schließlich die rechtliche Anerkennung erteilt.

      Im Jahre 1948 beantragte man beim französischen Kolonialgouverneur von Dahomey (heute Benin) die gesetzliche Eintragung der Watch Tower Society. Doch sie erfolgte erst 1966, sechs Jahre nachdem das Land eine unabhängige Republik geworden war. Diese rechtliche Anerkennung wurde dann 1976 aufgehoben und 1990 wieder erteilt, da sich sowohl das politische Klima als auch die behördliche Einstellung zur Religionsfreiheit geändert hatten.

      In Kanada waren Jehovas Zeugen zwar schon jahrelang rechtlich anerkannt, doch der Zweite Weltkrieg lieferte Gegnern einen willkommenen Anlaß, den neuen Generalgouverneur zu überreden, Jehovas Zeugen als illegal zu erklären. Das geschah am 4. Juli 1940. Zwei Jahre danach, als die Zeugen die Gelegenheit erhielten, vor einem Ausschuß des Unterhauses eine Erklärung abzugeben, empfahl dieser Ausschuß nachdrücklich, das über Jehovas Zeugen und ihre rechtlichen Körperschaften verhängte Verbot aufzuheben. Doch erst nach wiederholten längeren Debatten im Unterhaus und nach umfangreichen landesweiten Unterschriftensammlungen für zwei Petitionen sah sich der Justizminister, ein Katholik, gezwungen, das Verbot völlig aufzuheben.

      In Osteuropa mußte sich die Haltung von Regierungen erst grundlegend ändern, bevor es Jehovas Zeugen möglich war, die rechtliche Anerkennung zu erlangen. Nachdem sich die Zeugen jahrzehntelang um Religionsfreiheit bemüht hatten, wurden sie 1989 in Polen und Ungarn anerkannt, 1990 in Rumänien und in der Deutschen Demokratischen Republik (vor der Vereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland), 1991 in Bulgarien und der ehemaligen Sowjetunion sowie 1992 in Albanien.

      Jehovas Zeugen sind bestrebt, sich bei ihrer Tätigkeit an die Gesetze des Staates zu halten. Gestützt auf die Bibel, treten sie nachdrücklich dafür ein, Regierungsvertreter zu achten. Wenn aber menschliche Gesetze den deutlich zum Ausdruck gebrachten Geboten Gottes widersprechen, lautet ihre Antwort: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5:29).

      Wenn Menschen aus Angst grundlegende Freiheiten vergessen

      Wegen des zunehmenden Drogenmißbrauchs unter großen Bevölkerungsteilen und wegen der steigenden Inflation, die häufig sowohl den Mann als auch die Frau zwingt, erwerbstätig zu sein, sehen sich Jehovas Zeugen in den Vereinigten Staaten in ihrem Predigtdienst vor neue Situationen gestellt. Viele Wohngebiete sind tagsüber nahezu menschenleer, und Einbrüche nehmen überhand. Die Menschen leben in Angst. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre wurde eine Unmenge von Verordnungen über genehmigungspflichtiges Werben erlassen, um einen Überblick über den Aufenthalt von Fremden in einem Gemeinwesen zu haben. Einige Städte haben Jehovas Zeugen mit Verhaftungen gedroht, falls sie keine Erlaubnis einholen würden. Aber es war bereits eine feste Rechtsgrundlage geschaffen worden, so daß man sich auf außergerichtlichem Wege um eine Lösung der Probleme bemühen konnte.

      Wo sich Schwierigkeiten ergeben, können Älteste am Ort mit Behördenvertretern eine Lösung ausarbeiten. Jehovas Zeugen weigern sich standhaft, um eine Erlaubnis zu ersuchen, das von Gott gebotene Werk zu verrichten, und die Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert — gestützt durch Entscheidungen des Obersten Bundesgerichts — Religions- und Pressefreiheit, die nicht die Entrichtung einer Gebühr voraussetzen. Jehovas Zeugen haben aber Verständnis für die Angst der Menschen und können sich nötigenfalls damit einverstanden erklären, die Polizei zu benachrichtigen, bevor sie mit ihrer Tätigkeit in einem bestimmten Gebiet beginnen. Falls jedoch kein annehmbarer Kompromiß zu erzielen ist, erläutert ein Anwalt aus der Zentrale der Gesellschaft den örtlichen Behörden auf schriftlichem Wege das Werk der Zeugen Jehovas sowie das Verfassungsrecht, das ihr Recht zu predigen stützt, und ihre Möglichkeit, dieses Recht auf Bundesebene durch Schadenersatzklagen gegen die Stadtgemeinde und ihre Behörden geltend zu machen.f

      In einigen Ländern erweist es sich sogar als nötig, zur Sicherung grundlegender Freiheiten, die lange als selbstverständlich galten, vor Gericht zu gehen. Das war 1976 und auch 1983 in Finnland der Fall. Angeblich um eine Ruhestörung zu vermeiden, wurden in vielen Städten Verordnungen erlassen, mit denen religiöse Betätigungen verboten wurden, die Besuche von Haus zu Haus einschlossen. In Loviisa und in Rauma wurde jedoch vor Gericht darauf hingewiesen, daß das Predigen von Haus zu Haus ein Bestandteil der Religion der Zeugen Jehovas ist und die Regierung diese Methode des Evangelisierens genehmigt hatte, als sie die Statuten der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas bewilligte. Weiter wurde ausgeführt, daß viele Menschen die Besuche der Zeugen begrüßen und es eine Beschränkung der Freiheit wäre, eine solche Tätigkeit zu verbieten, nur weil sie nicht von jedem geschätzt werde. Nach dem erfolgreichen Abschluß dieser Fälle hoben viele Ortschaften und Städte ihre Verordnung wieder auf.

      Das Verfassungsrecht mitgestaltet

      Die Tätigkeit der Zeugen Jehovas hat in einigen Ländern wesentlich zur Gestaltung des Rechts beigetragen. Jeder amerikanische Jurastudent weiß nur zu gut, was Jehovas Zeugen in den Vereinigten Staaten zur Verteidigung der Bürgerrechte beigetragen haben. An das Ausmaß ihres Beitrages erinnern Artikel wie „Was das Verfassungsrecht den Zeugen Jehovas zu verdanken hat“ (erschienen in der Minnesota Law Review vom März 1944) und „Ein Katalysator für die Entwicklung des Verfassungsrechts: Jehovas Zeugen vor dem Obersten Bundesgericht“ (veröffentlicht in der University of Cincinnati Law Review, 1987).

      Ihre Gerichtsfälle bilden einen bedeutenden Teil des amerikanischen Rechts, was die Religions-, Rede- und Pressefreiheit angeht. Diese Fälle haben nicht nur zur Wahrung der Grundrechte der Zeugen Jehovas, sondern auch der der gesamten Bevölkerung wesentlich beigetragen. In einer Ansprache an der Drake-Universität sagte Irving Dilliard, ein bekannter Autor und Redakteur: „Ob man es nun gern hört oder nicht, Jehovas Zeugen haben mehr getan, um mitzuhelfen, unsere Grundrechte zu wahren, als irgendeine andere religiöse Gruppe.“

      Über die Situation in Kanada ist im Vorwort des Buches State and Salvation—The Jehovah’s Witnesses and Their Fight for Civil Rights zu lesen: „Die Zeugen Jehovas belehrten den Staat und das kanadische Volk darüber, worin der gesetzliche Schutz nonkonformistischer Gruppen in der Praxis bestehen sollte. Überdies führte die ... Verfolgung [der Zeugen in der Provinz Quebec] zu einer Reihe von Fällen, die in den 40er und 50er Jahren bis vor das Oberste Bundesgericht von Kanada gelangten. Diese Fälle haben auch einen wichtigen Beitrag zur Einstellung der Kanadier gegenüber den Bürgerrechten geleistet, und sie bilden heute in der kanadischen Rechtslehre das Fundament der Bürgerrechte.“ „Ein Resultat“ des Rechtsstreits der Zeugen um Religionsfreiheit, so heißt es in dem Buch, „waren die langanhaltenden Diskussionen und Debatten, die zur Charter of Rights führten“, die heute einen Teil des kanadischen Grundgesetzes bildet.

      Der Vorrang des Gesetzes Gottes

      Die Rechtsgeschichte der Zeugen Jehovas liefert jedoch in erster Linie den Beweis für ihre Überzeugung, daß Gottes Gesetz über allen anderen steht. Ihrem Standpunkt liegt das Verständnis der Streitfrage der universellen Souveränität zugrunde. Sie erkennen Jehova als den allein wahren Gott und den rechtmäßigen Souverän des Universums an. Daher halten sie unerschütterlich an dem Standpunkt fest, daß alle Gesetze oder Gerichtsentscheide, die verbieten, einem Gebot Jehovas nachzukommen, ungültig sind und daß eine menschliche Instanz, die derartige Beschränkungen festlegt, ihre Befugnis überschreitet. Sie nehmen denselben Standpunkt ein wie die Apostel Jesu Christi, die erklärten: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5:29).

      Mit Gottes Hilfe sind Jehovas Zeugen entschlossen, die gute Botschaft von Gottes Königreich auf der ganzen bewohnten Erde allen Nationen zu einem Zeugnis zu predigen, bevor das Ende kommt (Mat. 24:14).

      [Fußnoten]

      a Die erste Ausgabe erschien am 1. Oktober 1919 (dt.: 1922). Die Zeitschrift — wie auch Trost und Erwachet!, von denen sie abgelöst wurde — erfuhr eine außergewöhnliche Verbreitung. 1992 erschien Erwachet! in 67 Sprachen mit einer Auflage von 13 110 000.

      b Wenn Zeugen Jehovas wegen ihres Zeugnisgebens vor Gericht kamen, legten sie grundsätzlich Berufung ein, statt eine Geldstrafe zu zahlen. Wurde die Berufung abgewiesen, gingen sie ins Gefängnis, statt die Geldstrafe zu zahlen, sofern das Gesetz diese Möglichkeit vorsah. Die beharrliche Weigerung der Zeugen, Geldstrafen zu zahlen, trug dazu bei, daß einige Beamte es aufgaben, ständig gegen die Zeugnistätigkeit einzuschreiten. Unter bestimmten Umständen wird vielleicht immer noch so vorgegangen, doch zeigte Der Wachtturm vom 1. September 1975, daß man in vielen Fällen eine Geldstrafe zu Recht als eine gerichtliche Strafe ansehen könnte, weshalb ihre Zahlung ebensowenig ein Schuldeingeständnis wäre, wie der Antritt einer Gefängnisstrafe ein Schuldbeweis ist.

      c Lovell gegen Stadt Griffin, 303 U.S. 444 (1938).

      d Schneider gegen Staat New Jersey (Stadt Irvington), 308 U.S. 147 (1939).

      e 310 U.S. 296 (1940).

      f 297 Mass. 65 (1935). Bei dem Fall handelte es sich um einen achtjährigen Schüler; die richtige Schreibweise seines Namens ist Carleton Nichols.

      g 302 U.S. 656 (1937) (aus Georgia).

      h 303 U.S. 624 (1938) (aus New Jersey).

      i 306 U.S. 621 (1939) (aus Kalifornien).

      j 306 U.S. 621 (1939) (aus Massachusetts).

      k 310 U.S. 586 (1940). Walter Gobitas (richtige Schreibweise), der Vater, war mit seinen Kindern William und Lillian vor Gericht gegangen, um die Schulaufsichtsbehörde davon abzuhalten, den beiden Kindern den Besuch der öffentlichen Schule in Minersville zu verwehren, weil die Kinder nicht die Landesfahne grüßten. Das Bundesbezirksgericht und die Berufungsinstanz entschieden zugunsten der Zeugen Jehovas. Daraufhin legte die Schulaufsichtsbehörde beim Obersten Bundesgericht in dem Fall ein weiteres Rechtsmittel ein.

      l 316 U.S. 584 (1942).

      a 319 U.S. 105 (1943).

      b Im Kalenderjahr 1943 wurden beim Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten in 24 Fällen Klageschriften oder Rechtsmittelanträge eingereicht.

      c 319 U.S. 624 (1943).

      d 319 U.S. 583 (1943).

      e Von 1919 bis 1988 wurden beim Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten insgesamt in 138 Fällen, die Zeugen Jehovas betrafen, Rechtsmittelanträge eingereicht. In hundertdreißig Fällen geschah dies durch Jehovas Zeugen; in acht Fällen durch ihre Prozeßgegner. In 67 Fällen lehnte das Oberste Bundesgericht ein Rechtsmittelverfahren ab, weil nach damaliger Ansicht des Gerichts keine wichtigen Fragen der Bundesverfassung oder des Bundesrechts vorlagen. In 47 der von dem Gericht behandelten Fälle lautete die Entscheidung zugunsten der Zeugen Jehovas.

      f Jane Monell gegen Amt für Soziale Dienste der Stadt New York, 436 U.S. 658 (1978).

      [Herausgestellter Text auf Seite 680]

      In einem Land nach dem anderen wurden Jehovas Zeugen verboten

      [Herausgestellter Text auf Seite 682]

      Die Anklage wurde fallengelassen, und der Priester verließ wutentbrannt das Gerichtsgebäude

      [Herausgestellter Text auf Seite 693]

      Einige Beamte gingen schließlich gewissenhafter vor, wenn sie es mit einem Fall zu tun hatten, der Zeugen Jehovas betraf

      [Kasten auf Seite 684]

      Ein Zeugnis vor dem Obersten Bundesgericht der USA

      Als Joseph F. Rutherford, ein Mitglied der Anwaltskammer von New York und Präsident der Watch Tower Society, in seiner Eigenschaft als Rechtsberater im Fall „Gobitis“ vor dem Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten erschien, lenkte er die Aufmerksamkeit darauf, wie wichtig es ist, sich der Souveränität Jehovas Gottes zu unterwerfen. Er sagte:

      „Jehovas Zeugen sind diejenigen, die für den Namen des allmächtigen Gottes, der allein den Namen JEHOVA trägt, Zeugnis ablegen. ...

      Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß Jehova Gott vor mehr als sechstausend Jahren verhieß, durch den Messias eine gerechte Regierung aufzurichten. Er wird dieses Versprechen zur rechten Zeit erfüllen. Die gegenwärtigen Ereignisse, im Licht der Prophezeiungen betrachtet, lassen erkennen, daß diese Zeit nahe ist. ...

      Jehova Gott ist der alleinige Quell des Lebens. Niemand sonst kann Leben vermitteln. Der Staat Pennsylvanien kann kein Leben geben. Die amerikanische Regierung kann es nicht. Gott erließ dieses Gesetz [das die Anbetung von Bildern verbietet], wie Paulus erklärt, um sein Volk vor dem Götzendienst zu bewahren. Das sei nur eine Kleinigkeit, sagen Sie. So verhielt es sich auch mit der Tat Adams, als er die verbotene Frucht aß. Es ging nicht um den Apfel an sich, sondern um den Akt des Ungehorsams gegenüber Gott. Die Frage ist, ob der Mensch Gott oder einer menschlichen Institution gehorchen wird. ...

      Ich erinnere daran (was kaum nötig ist), daß dieses Gericht im Fall ‚Kirche gegen Vereinigte Staaten‘ die Ansicht vertrat, Amerika sei eine christliche Nation; und das bedeutet, daß Amerika dem göttlichen Gesetz gehorchen muß. Es bedeutet außerdem, daß dieses Gericht die Tatsache als offenkundig anerkennt, daß Gottes Gesetz allen anderen überlegen ist. Und wenn ein Mensch aufrichtig glaubt, daß Gottes Gesetz über allem steht, und er sich gewissenhaft daran hält, darf keine menschliche Instanz ihn dazu zwingen, gegen sein Gewissen zu handeln. ...

      Erlauben Sie mir bitte, darauf hinzuweisen, daß zu Beginn jeder Gerichtsverhandlung der Gerichtsdiener folgendes erklärt: ‚Gott beschütze die Vereinigten Staaten und dieses ehrenwerte Gericht.‘ Und ich sage nun, Gott möge dieses ehrenwerte Gericht davor bewahren, einen Fehler zu begehen, der das Volk der Vereinigten Staaten in ein totalitäres System führt und alle Grundrechte, die die Verfassung garantiert, zunichte macht. Diese Angelegenheit ist jedem Amerikaner heilig, der Gott und sein Wort liebt.“

      [Kasten auf Seite 687]

      Die Anfechtung der Urteile erreicht

      Für die Entscheidung des Obersten Bundesgerichts der Vereinigten Staaten im Fall „Schulbezirk Minersville gegen Gobitis“, daß von Kindern der Fahnengruß verlangt werden könne, stimmten 1940 acht von neun Richtern. Nur Richter Stone war anderer Meinung. Zwei Jahre später jedoch, als die Richter ihren abweichenden Standpunkt im Fall „Jones gegen Opelika“ festlegten, ergriffen drei weitere Richter (Black, Douglas und Murphy) die Gelegenheit, ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen, daß der Fall „Gobitis“ falsch beurteilt worden war, weil er der Religionsfreiheit eine untergeordnete Stellung beimaß. Das bedeutete, daß vier von neun Richtern im Fall „Gobitis“ eine Revision des Urteils befürworteten. Zwei der Richter, die die Religionsfreiheit bagatellisiert hatten, waren inzwischen in den Ruhestand getreten. Zwei neue Richter (Rutledge und Jackson) saßen auf der Richterbank, als der nächste Fahnengrußfall vor das Oberste Bundesgericht kam. Beide stimmten 1943 im Fall „Staatliche Schulbehörde von West Virginia gegen Barnette“ nicht zugunsten des obligatorischen Fahnengrußes, sondern zugunsten der Religionsfreiheit. Mit 6 gegen 3 Stimmen nahm das Gericht somit einen völlig anderen Standpunkt ein als in fünf früheren Fällen („Gobitis“, „Leoles“, „Hering“, „Gabrielli“ und „Johnson“), in denen bei diesem Gericht Rechtsmittel eingelegt worden waren.

      Im Fall „Barnette“ sagte Richter Frankfurter in der Begründung seines abweichenden Standpunkts: „Wie wir aus der Vergangenheit wissen, ändert das Gericht von Zeit zu Zeit seinen Standpunkt. Ich glaube jedoch, daß dieses Gericht niemals vor den Fällen der Zeugen Jehovas (außer geringfügigen Abweichungen, die nachfolgend umrissen werden) Entscheidungen umgestoßen hat, um die Macht des demokratischen Staates einzuschränken.“

      [Kasten auf Seite 688]

      „Eine uralte Form missionarischen Evangelisierens“

      Im Jahre 1943 erklärte das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten im Fall „Murdock gegen Pennsylvanien“ unter anderem:

      „Die Verbreitung religiöser Traktate von Hand ist eine uralte Form missionarischen Evangelisierens — so alt wie die Geschichte der Druckpressen. In verschiedenen religiösen Bewegungen hat diese Tätigkeit in all den Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Dieser Form des Evangelisierens bedient sich heute eine Vielzahl von Religionsgemeinschaften, deren Kolporteure das Evangelium in Tausende und aber Tausende von Wohnungen tragen und durch persönliche Besuche Anhänger für ihren Glauben suchen. Es ist mehr als Predigen; es ist mehr als die Verteilung religiöser Schriften. Es ist eine Kombination aus beidem. Der Zweck ist ebenso evangelisch wie die Erweckungsversammlung. Diese Art religiöser Tätigkeit nimmt unter dem 1. Zusatzartikel [zur US-Verfassung] dieselbe hohe Stufe ein wie die Anbetung in den Kirchen und das Predigen von den Kanzeln. Sie kann denselben Schutz beanspruchen wie die anerkannteren und herkömmlicheren Religionsbräuche. Sie kann auch denselben Anspruch wie die anderen auf die Garantien der Rede- und Pressefreiheit erheben.“

      [Kasten auf Seite 690]

      „Gleiches Recht für alle“

      Unter der obigen Schlagzeile schrieb 1953 eine prominente kanadische Journalistin folgendes: „Mit einem großen Freudenfeuer auf dem Parlamentshügel sollte der Entscheid des Obersten Bundesgerichts von Kanada im Fall Saumur [den Jehovas Zeugen vor Gericht gebracht hatten] gefeiert werden, mit einem Freudenfeuer, das eines großen Anlasses würdig ist. Nur wenige Entscheidungen in der kanadischen Rechtsgeschichte können von größerer Bedeutung gewesen sein als diese. Und nur wenige Gerichte können Kanada einen größeren Dienst erwiesen haben als dieses Gericht. Keinem sind Kanadier, die das Erbe ihrer Freiheit schätzen, zu größerem Dank verpflichtet. ... Die Entscheidung läßt sich gar nicht mit einem so großen Freudenfeuer feiern, wie sie es verdienen würde.“

      [Kasten auf Seite 694]

      Eine mutige Erklärung an den nationalsozialistischen Staat

      Am 7. Oktober 1934 sandte jede Versammlung der Zeugen Jehovas an die deutsche Regierung einen Brief folgenden Inhalts:

      „AN DIE REICHSREGIERUNG:

      Das in der Heiligen Schrift enthaltene Wort Jehovas ist höchstes Gesetz. Es ist unsere einzige Richtschnur, weil wir uns Gott geweiht haben und wahre, aufrichtige Nachfolger Christi Jesu sind.

      Im vergangenen Jahre haben Sie im Widerspruch zu Gottes Gesetz und in Verletzung unserer Rechte uns verboten, uns als Zeugen Jehovas zu versammeln, um Gottes Wort zu erforschen, ihn anzubeten und ihm zu dienen. In seinem Wort befiehlt uns Gott, unser Zusammenkommen nicht zu versäumen (Hebräer 10:25). Er befiehlt uns weiter: ‘Ihr seid meine Zeugen, daß ich Gott bin ..., geht und überbringet dem Volke meine Botschaft’ (Jesaja 43:10, 12; Jesaja 6:9; Matthäus 24:14). Es besteht ein direkter Widerspruch zwischen Ihrem Gesetz und Gottes Gesetz. Wir folgen dem Rat der treuen Apostel und ‚müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen‘, und das werden wir auch tun (Apostelgeschichte 5:29). Daher teilen wir Ihnen mit, daß wir um jeden Preis Gottes Gebote befolgen, daß wir uns versammeln werden, um sein Wort zu erforschen, und daß wir ihn anbeten und ihm dienen werden, wie er geboten hat. Wenn Ihre Regierung oder Ihre Regierungsbeamten uns Gewalt antun, weil wir Gott gehorchen, so wird unser Blut auf Ihrem Haupte sein, und Sie werden Gott, dem Allmächtigen, Rechenschaft ablegen müssen.

      Mit politischen Angelegenheiten haben wir nichts zu tun, sondern sind Gottes Königreich unter der Herrschaft Christi, seines Königs, völlig ergeben. Wir werden niemandem Leid oder Schaden zufügen. Es würde uns freuen, mit allen Menschen Frieden zu halten und ihnen nach Möglichkeit Gutes zu tun. Da aber Ihre Regierung und Ihre Beamten weiterhin versuchen, uns zum Ungehorsam dem höchsten Gesetz des Universums gegenüber zu zwingen, müssen wir Ihnen kundtun, daß wir durch seine Gnade Jehova Gott gehorchen wollen und daß wir ihm völlig vertrauen, daß er uns von aller Bedrückung und allen Bedrückern befreien wird.“

      [Kasten auf Seite 697]

      Zeugen unter Verbot erklären ihren Standpunkt

      Die Organisation der Zeugen Jehovas wurde von der kanadischen Regierung im Jahre 1940 verboten. Danach wurde in mehr als 500 Fällen Anklage erhoben. Was konnten die Angeklagten zu ihrer Verteidigung vorbringen? Mit Entschlossenheit, doch respektvoll, gaben sie vor Gericht in etwa Erklärungen wie die folgende ab:

      „Ich habe keinen Grund, mich wegen dieser Bücher zu entschuldigen. Sie zeigen den Weg zum ewigen Leben. Ich glaube aufrichtig, daß darin der Vorsatz des allmächtigen Gottes erklärt wird, auf der Erde ein gerechtes Königreich aufzurichten. Für mein Leben waren sie der größte Segen überhaupt. Meiner Meinung nach wäre es eine Sünde gegen den Allmächtigen, die Bücher und die darin enthaltene göttliche Botschaft zu vernichten, ebenso wie es eine Sünde wäre, die Bibel zu verbrennen. Jeder einzelne muß sich entscheiden, ob er das Mißfallen der Menschen oder das des allmächtigen Gottes auf sich nehmen will. Ich meinerseits habe auf der Seite des Herrn und seines Königreiches Stellung bezogen und bemühe mich, den Namen des Allerhöchsten, der Jehova lautet, zu ehren. Und wenn ich dafür bestraft werde, müssen diejenigen, die die Strafe verhängen, dies vor Gott verantworten.“

      [Kasten auf Seite 698]

      Der Standpunkt von kanadischen Regierungsmitgliedern

      Folgende Erklärungen wurden im Jahre 1943 von einigen Mitgliedern des kanadischen Unterhauses abgegeben, als der Justizminister aufgefordert wurde, das Verbot der Zeugen Jehovas und ihrer rechtlichen Körperschaften aufzuheben:

      „Das Justizministerium legte dem Ausschuß kein Beweismaterial vor, das es gerechtfertigt hätte, Jehovas Zeugen zu irgendeiner Zeit zu einer illegalen Organisation zu erklären. ... Es ist eine Schande für Kanada, daß Menschen wegen ihrer religiösen Überzeugung so verfolgt werden, wie es mit diesen armen Menschen geschieht.“ „Nach meiner Meinung wird das Verbot aus rein religiösen Vorurteilen aufrechterhalten“ (Angus MacInnis).

      „Die meisten von uns haben die Erfahrung gemacht, daß es sich bei ihnen um ungefährliche Leute handelt, frei von jeglicher Absicht, dem Staat zu schaden. ... Warum ist das Verbot nicht aufgehoben worden? Es kann nicht etwa deswegen sein, weil man fürchtet, diese Organisation wirke sich nachteilig auf die Wohlfahrt des Staates aus oder ihre Tätigkeit unterlaufe die Kriegsanstrengungen. Dafür hat es niemals auch nur das geringste Anzeichen gegeben“ (John G. Diefenbaker).

      „Man muß sich fragen, ob die Maßnahmen gegen Jehovas Zeugen in erster Linie auf ihre Einstellung zur katholischen Kirche zurückzuführen sind und nicht auf ihre angeblich subversive Einstellung“ (Victor Quelch).

      [Kasten auf Seite 699]

      Der Sache der Religionsfreiheit gedient

      „Es wäre nicht gerecht, würde man diesen kurzen Überblick über die Schwierigkeiten, die Jehovas Zeugen mit dem Staat gehabt haben, abschließen, ohne auf den Dienst hinzuweisen, den sie dank ihrer Beharrlichkeit der Sache der durch unsere Verfassung zugesicherten Religionsfreiheit geleistet haben. Sie haben in den letzten Jahren die Gerichte mehr in Anspruch genommen als irgendeine andere religiöse Gruppe und haben in den Augen der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, sie seien engstirnig; doch sie sind ihrer innersten Überzeugung treu geblieben und haben dadurch bewirkt, daß die Bundesgerichte eine Reihe von Entscheidungen fällten, durch die die Religionsfreiheit der amerikanischen Bürger sichergestellt und ausgedehnt wurde und durch die ihre Grundrechte erhalten blieben und noch erweitert wurden. In den fünf Jahren von 1938 bis 1943 gelangten etwa einunddreißig Fälle, in die sie verwickelt waren, vor das Oberste Bundesgericht, und die Urteile, die in diesen und auch in späteren Prozessen gefällt wurden, haben im allgemeinen wesentlich zur Förderung der in der Bill of Rights verankerten Grundrechte und im besonderen zum Schutz der Religionsfreiheit beigetragen“ (Anson Phelps Stokes, „Church and State in the United States“, Bd. III, 1950, S. 546).

      [Kasten/Bilder auf Seite 700, 701]

      Sie freuen sich über ihre Religionsfreiheit

      In vielen Ländern, in denen Jehovas Zeugen früher keine uneingeschränkte Religionsfreiheit gewährt wurde, können sie sich heute öffentlich zur Anbetung versammeln und ungehindert die gute Botschaft von Gottes Königreich verkündigen.

      Quebec (Kanada)

      In den 40er Jahren wurden die wenigen Zeugen hier in Châteauguay vom Mob angegriffen. 1992 versammelten sich in der Provinz Quebec mehr als 21 000 Zeugen ungehindert in ihren Königreichssälen.

      St. Petersburg (Rußland)

      1992 stellten sich auf dem ersten internationalen Kongreß der Zeugen Jehovas in Rußland 3 256 Personen zur Taufe dar

      Palma (Spanien)

      Nachdem Jehovas Zeugen in Spanien 1970 rechtlich anerkannt worden waren, kündeten große Schilder an ihren Zusammenkunftsstätten von ihrer Freude, sich öffentlich versammeln zu können

      Tartu (Estland)

      Die Zeugen in Estland sind dankbar, daß sie seit 1990 ungehindert biblische Literatur erhalten

      Maputo (Mosambik)

      Jehovas Zeugen wurden 1991 rechtlich anerkannt, und ein Jahr später verrichteten in der Hauptstadt und Umgebung mehr als 50 Versammlungen voller Freude ihren Predigtdienst

      Cotonou (Benin)

      Viele waren überrascht, als sie 1990 zu einer Zusammenkunft kamen und ein Banner sahen, auf dem Jehovas Zeugen öffentlich willkommen geheißen wurden. Damals erfuhren sie, daß das über ihre Religionsgemeinschaft verhängte Verbot aufgehoben worden war.

      Prag (Tschechoslowakei)

      Im Bild unten sind einige Zeugen zu sehen, die Jehova 40 Jahre unter staatlichem Verbot dienten. 1991 freuten sie sich, auf einem internationalen Kongreß der Zeugen Jehovas in Prag anwesend zu sein.

      Luanda (Angola)

      Als 1992 das Verbot aufgehoben wurde, freuten sich über 50 000 Einzelpersonen und Familien, daß sie ungehindert mit Jehovas Zeugen die Bibel studieren konnten

      Kiew (Ukraine)

      In diesem Land werden die Zusammenkünfte (meist in gemieteten Sälen) gut besucht, besonders seit 1991, als Jehovas Zeugen rechtlich anerkannt wurden

      [Bilder auf Seite 679]

      In 138 Fällen, bei denen es um Zeugen Jehovas ging, wurden beim Obersten Bundesgericht der USA Rechtsmittelanträge eingereicht. Hayden Covington (hier zu sehen) diente von 1939 bis 1963 bei 111 dieser Fälle als Anwalt.

      [Bild auf Seite 681]

      Maurice Duplessis, Ministerpräsident von Quebec, kniet Ende der 30er Jahre öffentlich vor Kardinal Villeneuve und steckt ihm einen Ring an den Finger als Beweis für die engen Bande zwischen Kirche und Staat. In Quebec wurden Jehovas Zeugen besonders heftig verfolgt.

      [Bild auf Seite 683]

      W. K. Jackson, ein Mitarbeiter der Rechtsabteilung im Hauptbüro der Gesellschaft, diente zehn Jahre als Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas

      [Bild auf Seite 685]

      Rosco Jones; sein Fall, bei dem es um den Predigtdienst der Zeugen Jehovas ging, kam zweimal vor das Oberste Bundesgericht der USA

      [Bilder auf Seite 686]

      Richter des Obersten Bundesgerichts der USA, die im Fall „Barnette“ mit 6 gegen 3 Stimmen zugunsten der Religionsfreiheit den obligatorischen Fahnengruß ablehnten. Damit stieß das Gericht die zuvor im Fall „Gobitis“ gefällte eigene Entscheidung um.

      Kinder, die in die Fälle verwickelt waren

      Lillian und William Gobitas

      Marie und Gathie Barnette

      [Bild auf Seite 689]

      Aimé Boucher wurde vom Obersten Bundesgericht Kanadas freigesprochen; durch dieses Urteil wurden die gegen Jehovas Zeugen erhobenen Anklagen, die auf Staatsgefährdung lauteten, abgewiesen

      [Bilder auf Seite 691]

      Dieses Traktat (in drei Sprachen) unterrichtete alle Bürger Kanadas über die in Quebec gegen Jehovas Zeugen verübten Greueltaten

      [Bilder auf Seite 692]

      Es wurde nötig, Jehovas Zeugen über rechtliche Verfahrensweisen gründlich zu informieren, damit sie dem Widerstand im Predigtdienst begegnen konnten; hier sind einige der einschlägigen Veröffentlichungen zu sehen, die sie benutzten

  • Von Gott auserwählt und geleitet — Wie?
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 31

      Von Gott auserwählt und geleitet — Wie?

      „ES IST ganz logisch, daß es nur e i n e wahre Religion geben kann. Dies ist in Übereinstimmung mit der Tatsache, daß der wahre Gott ‚nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens‘ ist (1. Korinther 14:33). Die Bibel sagt, daß es in Wirklichkeit nur ‘e i n e n Glauben’ gibt (Epheser 4:5). Wer bildet denn heute die Gemeinschaft der wahren Anbeter? Wir sagen ohne Zögern, daß es Jehovas Zeugen sind.“ So heißt es in dem Buch Du kannst für immer im Paradies auf Erden lebena.

      „Wieso sind Sie sich so sicher, daß Sie die wahre Religion haben?“ mögen manche fragen. „Sie haben keine übernatürlichen Beweise — wie zum Beispiel Wundergaben. Und mußten Sie nicht im Laufe der Jahre Ihre Ansichten und Lehren ändern? Worauf beruht also Ihre Überzeugung, daß Sie von Gott geleitet werden?“

      Diese Fragen lassen sich besser beantworten, wenn wir zunächst betrachten, wie Jehova sein Volk in alter Zeit auserwählt und geleitet hat.

      Von Gott auserwählt — in biblischer Zeit

      Im 16. Jahrhundert v. u. Z. versammelte Jehova die Israeliten am Berg Sinai und ermunterte sie, sein auserwähltes Volk zu werden. Zuerst teilte Jehova ihnen jedoch mit, daß sie bestimmte Bedingungen erfüllen müßten. Er sagte zu ihnen: „Wenn ihr meiner Stimme genau gehorchen ... werdet, dann werdet ihr bestimmt mein besonderes Eigentum ... werden“ (2. Mo. 19:5). Durch Moses legte Jehova die Bedingungen deutlich dar, worauf das Volk antwortete: „Alle Worte, die Jehova geredet hat, wollen wir tun.“ Danach schloß Jehova mit den Israeliten einen Bund und gab ihnen sein Gesetz (2. Mo. 24:3-8, 12).

      Von Gott auserwählt — welch ein erhabenes Vorrecht! Aber dieses Vorrecht brachte für die Israeliten die Verpflichtung mit sich, dem Gesetz Gottes genau zu gehorchen. Ungehorsam würde dazu führen, daß sie als Nation verworfen würden. Um ihnen eine heilsame Furcht einzuflößen, damit sie ihm gehorchen würden, bewirkte Jehova höchst eindrucksvolle übernatürliche Zeichen — „ein Donnern und Blitzen begann“, und „der ganze Berg zitterte sehr“ (2. Mo. 19:9, 16-18; 20:18, 20). Während der nächsten ungefähr 1 500 Jahre hatten die Israeliten eine einzigartige Stellung — sie waren Gottes auserwähltes Volk.

      Im ersten Jahrhundert u. Z. trat jedoch eine Wende ein. Israel verlor seine bevorrechtigte Stellung, als Jehova sich von ihm abwandte, weil es seinen Sohn verworfen hatte (Mat. 21:43; 23:37, 38; Apg. 4:24-28). Damals brachte Jehova die auf Christus gegründete frühe Christenversammlung hervor. Zu Pfingsten 33 u. Z. goß Jehova seinen heiligen Geist auf Jesu Nachfolger in Jerusalem aus und machte sie zu einem ‘auserwählten Geschlecht, einer heiligen Nation, einem Volk zum besonderen Besitz’ (1. Pet. 2:9; Apg. 2:1-4; Eph. 2:19, 20). Sie wurden „Gottes Auserwählte“ (Kol. 3:12).

      Nur unter bestimmten Voraussetzungen konnte man dieser auserwählten Nation angehören. Jehova legte genau fest, welchen Erfordernissen auf sittlichem und geistigem Gebiet man entsprechen mußte (Gal. 5:19-24). Wer die Bedingungen erfüllte, konnte von ihm auserwählt werden. War man einmal von Gott auserwählt, kam es allerdings darauf an, daß man fortfuhr, Gottes Gesetzen zu gehorchen. Nur diejenigen, die ‘ihm als dem Herrscher gehorchten’, würden weiterhin seinen heiligen Geist empfangen (Apg. 5:32). Personen, die ihm nicht gehorchten, liefen Gefahr, aus der Versammlung hinausgetan zu werden und ihr Erbe im Königreich Gottes zu verlieren (1. Kor. 5:11-13; 6:9, 10).

      Aber was würde anderen die Gewißheit geben, daß Gott die frühe Christenversammlung dazu auserwählt hatte, Israel als „die Versammlung Gottes“ abzulösen? (Apg. 20:28). Die Wahl, die Gott getroffen hatte, war offenkundig. Nach dem Tod Jesu verlieh er den Gliedern der frühen Christenversammlung Wundergaben und zeigte dadurch, daß sie nun seine Auserwählten waren (Heb. 2:3, 4).

      Bedurfte es in biblischer Zeit immer übernatürlicher Zeichen oder Wunder, damit man erkennen konnte, wer von Gott auserwählt und geleitet wurde? Nein, keineswegs. Wundertaten gehörten nicht zum Alltag der biblischen Geschichte. Die meisten Menschen, die in biblischer Zeit lebten, wurden niemals Zeuge eines Wunders. Die Mehrzahl der Wunder, von denen die Bibel berichtet, ereigneten sich zur Zeit Mose und Josuas (16. und 15. Jahrhundert v. u. Z.), Elias und Elisas (10. und 9. Jahrhundert v. u. Z.) und Jesu und seiner Apostel (1. Jahrhundert u. Z.). Andere treue Menschen, die von Gott zu einem bestimmten Zweck auserwählt wurden — zum Beispiel Abraham und David —, beobachteten oder erlebten Kundgebungen der Macht Gottes, aber es gibt keine Beweise dafür, daß sie selbst Wunder wirkten (1. Mo. 18:14; 19:27-29; 21:1-3; vergleiche 2. Samuel 6:21; Nehemia 9:7). Von den Wundergaben im ersten Jahrhundert wurde in der Bibel vorhergesagt, daß sie „weggetan“ würden (1. Kor. 13:8). Und das geschah, als die letzten von den 12 Aposteln und von denen, die durch sie die Wundergaben empfangen hatten, starben. (Vergleiche Apostelgeschichte 8:14-20.)

      Von Gott auserwählt in unserer Zeit?

      Nach dem ersten Jahrhundert breitete sich der vorhergesagte Abfall ungehindert aus (Apg. 20:29, 30; 2. Thes. 2:7-12). Viele Jahrhunderte lang leuchtete die Lampe des wahren Christentums nur spärlich. (Vergleiche Matthäus 5:14-16.) In einem Gleichnis wies Jesus jedoch darauf hin, daß sich beim ‘Abschluß des Systems der Dinge’ der „Weizen“ (wahre Christen) deutlich vom „Unkraut“ (Scheinchristen) unterscheiden würde. Der Weizen, das heißt die „Auserwählten“, würden wie im ersten Jahrhundert in e i n e wahre Christenversammlung eingesammelt werden (Mat. 13:24-30, 36-43; 24:31). Jesus bezeichnete die gesalbten Glieder dieser Versammlung auch als den ‘treuen und verständigen Sklaven’ und wies darauf hin, daß sie in der Zeit des Endes geistige Speise austeilen würden (Mat. 24:3, 45-47). Dem treuen Sklaven würde sich „eine große Volksmenge“ wahrer Anbeter aus allen Nationen anschließen (Offb. 7:9, 10; vergleiche Micha 4:1-4).

      Woran wären wahre Anbeter in der Zeit des Endes zu erkennen? Würden sie immer recht haben, und wären ihre Ansichten unfehlbar? Jesu Apostel waren nicht über jede Korrektur erhaben (Luk. 22:24-27; Gal. 2:11-14). Wie die Apostel, so müssen wahre Nachfolger Christi auch heute demütig sein, bereit, Zucht anzunehmen und wenn nötig Änderungen vorzunehmen, um ihre Gedanken immer mehr mit Gottes Gedanken in Übereinstimmung zu bringen (1. Pet. 5:5, 6).

      Welche Gruppe erwies sich als die eine wahre christliche Organisation, als die Welt 1914 in die letzten Tage eintrat? In der Christenheit gab es zahlreiche Kirchen, die behaupteten, Christus zu vertreten. Doch die Frage ist: Welche von ihnen — wenn überhaupt eine — genügte den biblischen Anforderungen?

      Die eine wahre Christenversammlung mußte eine Organisation sein, die sich nach der Bibel als ihrer ersten Autorität ausrichtet, eine Organisation, die nicht lediglich einzelne Verse zitiert und das übrige verwirft, wenn es nicht ihrer derzeitigen Theologie entspricht (Joh. 17:17; 2. Tim. 3:16, 17). Sie mußte eine Organisation sein, deren Angehörige — nicht nur einige, sondern alle — Christus wirklich darin nachahmen, kein Teil der Welt zu sein. Wie hätte sie also, so wie die Kirchen der Christenheit es wiederholt getan haben, sich politisch betätigen können? (Joh. 15:19; 17:16). Die wahre Christenversammlung mußte für den göttlichen Namen, Jehova, Zeugnis ablegen und das Werk verrichten, das Jesus geboten hatte — das Predigen der guten Botschaft von Gottes Königreich. Wie im ersten Jahrhundert wären nicht nur einige wenige, sondern alle, die der Versammlung angehören, eifrige Evangeliumsverkündiger (Jes. 43:10-12; Mat. 24:14; 28:19, 20; Kol. 3:23). Wahre Anbeter wären außerdem für ihre aufopferungsvolle Liebe zueinander bekannt, eine Liebe, die sie über Rassenunterschiede und Landesgrenzen hinweg zu einer weltweiten Bruderschaft vereint. Es würde nicht genügen, wenn diese Liebe in einzelnen Fällen zu erkennen wäre; sie mußte ein auffallendes Merkmal der gesamten Organisation sein (Joh. 13:34, 35).

      Als 1914 die Zeit des Endes begann, wurde offensichtlich keine der Kirchen der Christenheit den biblischen Maßstäben für die e i n e wahre Christenversammlung gerecht. Wie stand es jedoch mit den damals als Bibelforscher bekannten Zeugen Jehovas?

      Erfolgreiche Suche nach Wahrheit

      Als junger Mann kam C. T. Russell zu der Überzeugung, daß die Lehren der Bibel in der Christenheit in großem Maße entstellt wurden. Er glaubte ferner, daß die Zeit gekommen war, wo Gottes Wort verstanden werden sollte, und daß Menschen, die die Bibel aufrichtig studierten und sie in ihrem Leben anwandten, Verständnis erhalten würden.

      In einer Biographie von Russell, die kurz nach seinem Tod erschien, hieß es: „Er war nicht Gründer einer neuen Religion und machte auch nie einen solchen Anspruch. Er belebte nur die großen Wahrheiten, die Jesus und die Apostel gelehrt hatten, wieder und stellte sie in das Licht des zwanzigsten Jahrhunderts. Er sagte nicht, daß er eine besondere Offenbarung von Gott empfangen habe, sondern er hielt dafür, daß die von Gott bestimmte Zeit zum Verstehen der Bibel herbeigekommen wäre und daß er, da er dem Herrn und seinem Dienst völlig geweiht war, gewürdigt worden war, sie zu verstehen. Da er sich der Entwicklung der Früchte und Gnaden des Heiligen Geistes widmete, erfüllte sich bei ihm auch die Verheißung Gottes: ‚Denn wenn diese Dinge bei euch sind und reichlich vorhanden, so stellen sie euch nicht träge noch fruchtleer hin in bezug auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesu Christi‘ (2. Pet. 1:5-8)“ (Der Wacht-Turm, Februar 1917, S. 20).

      Die von C. T. Russell und seinen Gefährten unternommene Suche nach dem Verständnis der Bibel war erfolgreich. Sie liebten die Wahrheit und glaubten, daß die Bibel das inspirierte Wort Gottes ist (2. Tim. 3:16, 17). Sie verwarfen sowohl die evolutionistischen Vorstellungen Darwins als auch die den Glauben zerstörenden Ansichten der Bibelkritiker. Da sie die Heilige Schrift als höchste Autorität anerkannten, lehnten sie außerdem die unbiblischen Lehren von der Dreieinigkeit, von der Unsterblichkeit der Seele und von der ewigen Qual ab — Lehren, die in heidnischen Religionen wurzeln. Einige der „großen Wahrheiten“, die sie annahmen, waren folgende: Jehova ist der Schöpfer aller Dinge; Jesus Christus ist Gottes Sohn, der sein Leben als ein Lösegeld für andere hingegeben hat; bei seiner Wiederkunft würde Jesus als Geistgeschöpf unsichtbar gegenwärtig sein (Mat. 20:28; Joh. 3:16; 14:19; Offb. 4:11). Ihnen war auch klar, daß der Mensch eine sterbliche Seele ist (1. Mo. 2:7; Hes. 18:20).

      Zwar wurden nicht alle diese Wahrheiten von den mit Russell verbundenen Bibelforschern enthüllt; vieles davon wurde schon vorher von aufrichtigen Personen, die sich als Christen bekannten, verstanden, und manche bezogen für ihre Glaubensansichten Stellung, obwohl diese unbeliebt waren. Erfüllten sie aber alle biblischen Erfordernisse für die wahre Anbetung? Waren sie beispielsweise wirklich kein Teil der Welt, wie Jesus es von seinen wahren Nachfolgern vorhergesagt hatte?

      Wodurch unterschieden sich die ersten mit Russell verbundenen Bibelforscher, außer durch ihre Einstellung zur Bibel, noch von anderen? Zweifellos dadurch, daß sie ihre Glaubensansichten eifrig verbreiteten und großen Wert auf die Verkündigung des Namens und des Königreiches Gottes legten. Obwohl sie relativ wenige waren, predigten sie die gute Botschaft bald in zahlreichen Ländern und Inselgebieten. Und waren sie wirklich kein Teil der Welt als Nachfolger Christi? In gewisser Hinsicht schon. Aber vom Ersten Weltkrieg an erkannten sie ihre diesbezügliche Verantwortung immer deutlicher, und heute ist die Entschlossenheit, kein Teil der Welt zu sein, ein charakteristisches Merkmal der Zeugen Jehovas. Man bedenke, daß sie, als andere religiöse Gruppen den Völkerbund und später die Vereinten Nationen willkommen hießen, das Königreich Gottes und nicht eine von Menschen geschaffene Organisation als die einzige Hoffnung für die Menschheit verkündigten.

      Wurden aber nicht einige Glaubenslehren der Zeugen Jehovas im Laufe der Jahre geändert? Weshalb waren solche Änderungen nötig, wenn Jehovas Zeugen wirklich von Gott auserwählt und geleitet wurden und wenn ihre Lehren sich von Anfang an auf die Bibel stützten?

      Wie Jehova sein Volk leitet

      Die Angehörigen der einen wahren christlichen Organisation empfangen heute weder Offenbarungen von Engeln, noch sind sie von Gott inspiriert. Was ihnen jedoch zur Verfügung steht, ist die inspirierte Heilige Schrift, in der Gottes Gedanken und sein Wille geoffenbart werden. Als Organisation und als einzelne müssen sie die Bibel als die göttliche Wahrheit annehmen, sie sorgfältig studieren und sie in sich wirksam werden lassen (1. Thes. 2:13). Doch wie gelangen sie zu dem richtigen Verständnis des Wortes Gottes?

      In der Bibel selbst heißt es: „Sind Deutungen nicht Sache Gottes?“ (1. Mo. 40:8). Wenn sie beim Bibelstudium auf eine schwerverständliche Textstelle stoßen, müssen sie nach anderen inspirierten Textstellen forschen, in denen das betreffende Thema näher beleuchtet wird. Somit lassen sie die Bibel sich selbst auslegen, und auf diesem Weg suchen sie das in Gottes Wort dargelegte „Muster“ der Wahrheit zu verstehen (2. Tim. 1:13). Durch seinen heiligen Geist leitet oder führt Jehova sie zu einem solchen Verständnis. Damit sein Geist sie aber führen kann, müssen sie dessen Früchte hervorbringen; sie dürfen ihn nicht betrüben oder ihm entgegenwirken, und sie müssen für sein Drängen empfänglich bleiben (Gal. 5:22, 23, 25; Eph. 4:30). Überdies stärken sie ihren Glauben fortgesetzt durch die eifrige Anwendung des Gelernten, und das trägt dazu bei, daß sie ein immer klareres Verständnis darüber erlangen, wie sie in der Welt, von der sie kein Teil sind, Gottes Willen tun müssen (Luk. 17:5; Phil. 1:9, 10).

      Jehova hat sein Volk stets zu einem klareren Verständnis seines Willens geführt (Ps. 43:3). Sein Vorgehen könnte folgendermaßen veranschaulicht werden: Für jemand, der längere Zeit in einem dunklen Raum war, ist es gewiß am besten, wenn er dem Licht allmählich ausgesetzt wird. In ähnlicher Weise hat Jehova seine Diener dem Licht der Wahrheit ausgesetzt; er hat sie fortschreitend erleuchtet. (Vergleiche Johannes 16:12, 13.) Der Spruch hat sich bewahrheitet: „Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Licht, das heller und heller wird, bis es voller Tag ist“ (Spr. 4:18).

      Daß ein klares Verständnis des Willens und der Vorsätze Jehovas sich oft allmählich einstellt, wird durch Jehovas Handlungsweise mit seinen auserwählten Dienern in biblischer Zeit bestätigt. So verstand Abraham nicht völlig, wie Jehovas Vorsatz in Verbindung mit dem „Samen“ verwirklicht werden würde (1. Mo. 12:1-3, 7; 15:2-4; vergleiche Hebräer 11:8). Daniel erfaßte nicht, wie sich die von ihm aufgezeichneten Prophezeiungen schließlich erfüllen würden (Dan. 12:8, 9). Als Jesus auf der Erde war, gab er zu, daß er nicht wußte, an welchem Tag und zu welcher Stunde das gegenwärtige System der Dinge enden würde (Mat. 24:36). Die Apostel begriffen zunächst nicht, daß Jesu Königreich ein himmlisches Königreich sein würde, daß es nicht im ersten Jahrhundert aufgerichtet werden sollte und daß sogar Nichtjuden es erben könnten (Luk. 19:11; Apg. 1:6, 7; 10:9-16, 34, 35; 2. Tim. 4:18; Offb. 5:9, 10).

      Es sollte uns nicht überraschen, daß Jehova auch in neuerer Zeit sein Volk oft als eine voranschreitende Organisation geleitet und es in bezug auf biblische Wahrheiten schrittweise erleuchtet hat. Die Wahrheiten selbst ändern sich nicht. Wahrheit bleibt Wahrheit. Jehovas Wille und sein Vorsatz — dargelegt in der Bibel — stehen unveränderlich fest (Jes. 46:10). Aber das Verständnis, das seine Diener von diesen Wahrheiten haben, wird nach und nach klarer, und zwar zu der von Jehova vorgesehenen Zeit, „zur rechten Zeit“ (Mat. 24:45; vergleiche Daniel 12:4, 9). Es kann daher vorkommen, daß Gottes Diener wegen eines menschlichen Irrtums oder wegen einer auf falschen Annahmen beruhenden Begeisterung ihren Standpunkt ändern müssen.

      Zum Beispiel haben Jehovas Zeugen aus Eifer und Begeisterung für die Rechtfertigung der Souveränität Jehovas mehrmals in ihrer neuzeitlichen Geschichte verfrühte Erwartungen gehegt, was die Zeit anbelangt, wann Satans böses System der Dinge enden würde (Hes. 38:21-23). Jehova hat die genaue Zeit jedoch nicht im voraus geoffenbart (Apg. 1:7). Deshalb mußte Jehovas Volk seine Ansichten in diesem Punkt berichtigen.

      Solche Berichtigungen des Standpunkts bedeuten nicht, daß sich Gottes Vorsatz geändert hat. Auch besteht deswegen kein Grund zu der Annahme, das Ende dieses Systems liege noch in ferner Zukunft. Im Gegenteil! Die Erfüllung biblischer Prophezeiungen über den ‘Abschluß des Systems der Dinge’ bestätigt, daß das Ende nahe ist (Mat. 24:3). Läßt demnach die Tatsache, daß Jehovas Zeugen verfrühte Erwartungen gehegt haben, darauf schließen, daß sie nicht von Gott geleitet werden? Nein, genausowenig wie die Frage der Jünger, ob das Königreich in ihren Tagen unmittelbar bevorstünde, darauf schließen ließ, daß sie nicht von Gott auserwählt worden waren und nicht von ihm geleitet wurden (Apg. 1:6; vergleiche Apostelgeschichte 2:47; 6:7).

      Warum sind sich Jehovas Zeugen so sicher, daß sie die wahre Religion haben? Weil sie das, was die Bibel über die Erkennungsmerkmale wahrer Anbeter sagt, glauben und annehmen. Ihre neuzeitliche Geschichte, die in vorhergehenden Kapiteln der vorliegenden Veröffentlichung behandelt wurde, zeigt, daß sie nicht lediglich als einzelne, sondern als Organisation die Erfordernisse erfüllen: Sie treten für die Bibel als Gottes heiliges Wort der Wahrheit ein (Joh. 17:17), sie halten sich völlig von weltlichen Angelegenheiten getrennt (Jak. 1:27; 4:4), sie legen für den göttlichen Namen Jehova Zeugnis ab und verkündigen Gottes Königreich als die einzige Hoffnung der Menschheit (Mat. 6:9; 24:14; Joh. 17:26), und sie haben echte Liebe zueinander (Joh. 13:34, 35).

      Wieso ist Liebe ein hervorragendes Erkennungsmerkmal von Anbetern des wahren Gottes? An welcher Art Liebe sind wahre Christen zu erkennen?

      [Fußnote]

      a Herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft.

      [Herausgestellter Text auf Seite 705]

      War man einmal von Gott auserwählt, kam es darauf an, daß man fortfuhr, Gottes Gesetzen zu gehorchen

      [Herausgestellter Text auf Seite 706]

      Woran wären wahre Anbeter in der Zeit des Endes zu erkennen?

      [Herausgestellter Text auf Seite 707]

      „Er sagte nicht, daß er eine besondere Offenbarung von Gott empfangen habe“

      [Herausgestellter Text auf Seite 708]

      Sie lassen die Bibel sich selbst auslegen

      [Herausgestellter Text auf Seite 709]

      Jehova hat sein Volk als eine voranschreitende Organisation geleitet und es in bezug auf biblische Wahrheiten schrittweise erleuchtet

  • „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid“
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 32

      „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid“

      ES WAR am 14. Nisan 33 u. Z., am letzten Abend des irdischen Lebens Jesu. Er wußte, daß sein Tod nahe bevorstand, doch er dachte nicht an sich, sondern nutzte die Gelegenheit, seine Jünger zu stärken.

      Jesus wußte, daß die Jünger nach seinem Weggang Schwierigkeiten haben würden. Sie würden um seines Namens willen „Gegenstand des Hasses aller Nationen“ sein (Mat. 24:9). Satan würde versuchen, sie zu entzweien und zu verderben (Luk. 22:31). Als Folge des Abfalls würden plötzlich Scheinchristen auftreten (Mat. 13:24-30, 36-43). Und ‘wegen der zunehmenden Gesetzlosigkeit würde die Liebe der meisten erkalten’ (Mat. 24:12). Was würde nun seine wahren Jünger angesichts all dessen zusammenhalten? In erster Linie ihre Liebe zu Jehova, sie würde als einigendes Band dienen (Mat. 22:37, 38). Doch sie sollten auch einander lieben, und zwar auf eine Weise, wie es in der Welt nicht üblich wäre (Kol. 3:14; 1. Joh. 4:20). An welcher Art Liebe wären Jesu wahre Nachfolger gemäß seinen Worten deutlich zu erkennen?

      An jenem letzten Abend auferlegte Jesus seinen Jüngern folgendes Gebot: „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe, daß auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe unter euch habt“ (Joh. 13:34, 35). An jenem Abend erwähnte Jesus die Liebe mehr als 20mal, und dreimal sprach er von dem Gebot, ‘einander zu lieben’ (Joh. 15:12, 17). Natürlich dachte Jesus nicht nur an seine 11 treuen Apostel, die an dem betreffenden Abend bei ihm waren, sondern an alle, die sich im Laufe der Zeit zum wahren Christentum bekennen würden. (Vergleiche Johannes 17:20, 21.) Das Gebot, einander zu lieben, würde für echte Christen „alle Tage bis zum Abschluß des Systems der Dinge“ bindend sein (Mat. 28:20).

      Doch meinte Jesus, daß irgend jemand, ganz gleich, wo er lebt, allein schon dadurch zu einem wahren Jünger wird, daß er seinen Mitmenschen freundlich und liebevoll begegnet?

      ‘Habt Liebe unter euch’

      An diesem Abend sprach Jesus auch viel über die Einheit. „Bleibt in Gemeinschaft mit mir“, forderte er seine Jünger auf (Joh. 15:4). Er betete darum, daß seine Nachfolger „alle eins seien“, und fügte hinzu, „so wie du, Vater, in Gemeinschaft bist mit mir und ich in Gemeinschaft bin mit dir, daß auch sie in Gemeinschaft mit uns seien“ (Joh. 17:21). In diesem Zusammenhang gebot er ihnen: ‘Habt Liebe unter euch’ (Joh. 13:35). Diese Liebe sollten sie also nicht nur gegenüber einigen guten Freunden oder innerhalb einer einzigen Versammlung bekunden. Der Apostel Petrus wiederholte Jesu Gebot, als er später schrieb: „Habt Liebe zur ganzen Bruderschaft“ (1. Pet. 2:17; vergleiche 1. Petrus 5:9). Sie sollten also eine festgefügte, internationale Bruderschaft bilden. Besondere Liebe müßte allen innerhalb der weltweiten Familie von Gläubigen zuteil werden, weil sie als Brüder und Schwestern betrachtet würden.

      Wie würde sich diese Liebe zeigen? Was wäre so einmalig, so anders an ihrer Liebe zueinander, daß man darin den klaren Beweis für echtes Christentum erkennen könnte?

      „So wie ich euch geliebt habe“

      „Du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst“, hieß es in Gottes Gesetz, das er Israel mehr als 1 500 Jahre vor dem irdischen Dasein Jesu gegeben hatte (3. Mo. 19:18). Diese Nächstenliebe war jedoch nicht die Art Liebe, durch die sich Jesu Nachfolger von anderen unterscheiden sollten. Jesus dachte an eine Liebe, die sich durch weit mehr auszeichnen würde, als andere so zu lieben wie sich selbst.

      Das Gebot, einander zu lieben, war, wie Jesus sagte, „ein neues Gebot“. Neu nicht deshalb, weil es jüngeren Datums war als das Gesetz Mose, sondern neu, was das Ausmaß betrifft, in dem die Liebe geübt werden sollte. Liebt einander, „so wie ich euch geliebt habe“, hatte Jesus erklärt (Joh. 13:34). Jesu Liebe zu seinen Jüngern war stark und beständig. Sie war aufopferungsvoll. Jesus offenbarte diese Liebe, indem er mehr als nur einige gute Taten für sie vollbrachte. Er war um ihr geistiges Wohl besorgt, und wenn nötig, kümmerte er sich auch um ihre physischen Bedürfnisse (Mat. 15:32-38; Mar. 6:30-34). Der größte Beweis seiner Liebe bestand darin, daß er sein Leben für sie hingab (Joh. 15:13).

      Das ist die alles übertreffende Liebe, die das „neue Gebot“ fordert, die Liebe, die unter treuen Nachfolgern Jesu herrschen sollte (1. Joh. 3:16). Wer erbringt heute den unverkennbaren Nachweis, dem „neuen Gebot“ zu gehorchen? Die in der vorliegenden Publikation unterbreiteten Beweise deuten unmißverständlich auf eine einzige weltweite Gemeinschaft von Christen hin.

      Sie sind weder für eine besondere Kleidung noch für ungewöhnliche Bräuche bekannt, sondern für ein starkes und herzliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie haben sich den Ruf erworben, daß ihre Liebe Rassenunterschiede und Landesgrenzen überwindet. Man weiß von ihnen, daß sie sich weigern, gegeneinander zu kämpfen, selbst wenn sich die Staaten, in denen sie leben, an Kriegen beteiligen. Außenstehende sind beeindruckt, wie sehr sie sich in Notzeiten füreinander einsetzen, zum Beispiel bei Naturkatastrophen oder wenn einige ihrer Glaubensbrüder verfolgt werden, weil sie Gott gegenüber die Lauterkeit bewahren möchten. Sie sind bereit, Härten zu ertragen und Gefahren auf sich zu nehmen, um ihren Brüdern und Schwestern beizustehen, für die Christus sein Leben niedergelegt hat. Ja, sie sind bereit, füreinander zu sterben. Die Liebe, die sie an den Tag legen, ist unvergleichlich in einer Welt zunehmender Selbstsucht. Es handelt sich um Jehovas Zeugen.a

      Diese Liebe war zum Beispiel zu beobachten, nachdem der Hurrikan „Andrew“ am Montag, den 24. August 1992 in den frühen Morgenstunden die Küste Floridas (USA) verwüstet hatte. Durch den Sturm waren etwa 250 000 Menschen obdachlos geworden. Zu den Betroffenen gehörten auch Tausende von Zeugen Jehovas. Innerhalb kürzester Zeit unternahm die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas Schritte, indem sie ein Hilfskomitee einsetzte und Hilfsgelder zur Verfügung stellte. Christliche Aufseher in dem betroffenen Gebiet suchten eilends die einzelnen Zeugen auf, um deren Bedürfnisse zu ermitteln und um ihnen beizustehen. Bereits am Montagmorgen, am Tag des Sturms, schickten Zeugen in Südkarolina einen Lastwagen mit Generatoren, Kettensägen und Trinkwasser auf den Weg zu dem Hunderte von Kilometern entfernten Katastrophengebiet. Zusammen mit weiteren Hilfsgütern, die gespendet worden waren, trafen am Dienstag Hunderte von auswärtigen Freiwilligen ein, die ihre Brüder beim Reparieren von Königreichssälen und Wohnhäusern unterstützten. Eine Frau, die keine Zeugin war und die in der Nähe eines Königreichssaals wohnte, bemerkte zu den Hilfsmaßnahmen: „Das kann nur die christliche Liebe sein, von der die Bibel spricht.“

      Wäre es mit dieser Liebe schon nach ein oder zwei freundlichen Handlungen zu Ende? Würde sie nur gegenüber Menschen der eigenen Rasse oder Nationalität geübt werden? Keineswegs! Aufgrund instabiler politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse verloren 1992 in Zaire über 1 200 Zeugen Jehovas ihre ganze Habe. Andere Zeugen in Zaire kamen ihnen schnell zu Hilfe. Obwohl selbst hart bedrängt, unterstützten sie Flüchtlinge, die aus dem Sudan nach Zaire gekommen waren. Bald trafen Hilfsgüter aus Südafrika und Frankreich ein; unter anderem Maismehl, gesalzener Fisch und Medikamente — Waren, die sie wirklich gebrauchen konnten. Immer wieder wurde geholfen, je nachdem wie die Lage es erforderte. Unterdessen wurde in vielen anderen Ländern auf ähnliche Weise Hilfe geleistet.

      Diese Liebe macht Jehovas Zeugen jedoch nicht selbstgefällig. Ihnen ist klar, daß sie als Nachfolger Jesu beständig auf der Hut sein müssen.

      [Fußnote]

      a Siehe Kapitel 19: „In Liebe zusammenwachsen“.

      [Herausgestellter Text auf Seite 710]

      An welcher Art Liebe wären Jesu wahre Nachfolger gemäß seinen Worten deutlich zu erkennen?

      [Herausgestellter Text auf Seite 711]

      Sie sollten eine festgefügte, internationale Bruderschaft bilden

      [Kasten auf Seite 712]

      „Zeugen kümmern sich umeinander — und um andere“

      Unter dieser Überschrift berichtete der „Miami Herald“ über die Hilfsmaßnahmen der Zeugen Jehovas in Südflorida, nachdem der Hurrikan „Andrew“ im August 1992 schwere Verwüstungen angerichtet hatte. In dem Artikel hieß es: „Diese Woche schlägt niemand in Homestead den Zeugen die Tür vor der Nase zu — selbst wenn jemand noch eine Tür haben sollte. Etwa 3 000 freiwillige Helfer, Zeugen Jehovas, sind aus dem ganzen Land in das Katastrophengebiet gekommen, um vor allem ihren Mitgläubigen zu helfen, aber auch anderen. ... Rund 150 Tonnen an Lebensmitteln und sonstigen Hilfsgütern wurden über das Organisationszentrum, das sich im Kongreßsaal im Westen des Bezirks Broward befindet, zu zwei Königreichssälen im Raum Homestead geschleust. Von den Sälen schwärmen jeden Morgen Hilfstrupps aus, die die beschädigten Häuser von Mitzeugen wieder instand setzen. ... Eine in dem betroffenen Gebiet vorübergehend eingerichtete Küche gibt dreimal täglich Mahlzeiten für bis zu 1 500 Personen aus. Es gibt aber nicht nur heiße Würstchen und andere Schnellgerichte. Die Helfer erhalten selbstgebackenes Brot, selbstgemachte Lasagne, frische Salate, Eintopf, Pfannkuchen und ‚arme Ritter‘ — alles aus gespendeten Zutaten“ (31. August 1992, Seite 15A).

  • Weiterhin beständig wachen
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 33

      Weiterhin beständig wachen

      „DA Jesus deutlich sagte, daß kein Mensch Kenntnis hat von ‚jenem Tage oder der Stunde‘, in der der Vater seinem Sohn die Anweisung geben wird, gegen Satans böses System der Dinge zu ‘kommen’, mögen sich manche fragen: ‚Warum ist es so dringlich, in Erwartung des Endes zu leben?‘ Es ist deshalb so dringlich, weil Jesus sozusagen im gleichen Atemzug sagte: ‚Haltet ständig Ausschau, bleibt wach ... Wacht also beharrlich‘ (Markus 13:32-35)“ (Der Wachtturm, 1. Dezember 1984).

      Jehovas Zeugen haben nun schon jahrzehntelang Ausschau gehalten. Wonach? Danach, daß Jesus mit Königreichsmacht kommen würde, um an Satans bösem System der Dinge Gericht zu üben und der ganzen Erde den vollen Nutzen seiner Königreichsregierung zukommen zu lassen (Mat. 6:9, 10; 24:30; Luk. 21:28; 2. Thes. 1:7-10). Als beständig Wachende wissen sie, daß das „Zeichen“ der Gegenwart Jesu seit 1914 zu sehen ist und daß für das gegenwärtige System der Dinge in jenem Jahr die letzten Tage angebrochen sind (Mat. 24:3 bis 25:46).

      Doch bis jetzt ist Jesus noch nicht als Urteilsvollstrecker und Befreier gekommen. Wie sehen Jehovas Zeugen also ihre gegenwärtige Situation?

      ‘Die volle Gewißheit ihres Verständnisses’

      Als weltumspannende Versammlung haben sie ‘die volle Gewißheit ihres Verständnisses’ (Kol. 2:2). Das heißt nicht, daß sie der Meinung sind, sie würden jede Einzelheit der Vorsätze Jehovas verstehen. Sie durchforschen die Bibel weiterhin aufmerksam und lernen immer hinzu. Das, was sie lernen, ändert an ihrer Grundeinstellung zu den fundamentalen Wahrheiten des Wortes Gottes jedoch nichts. Sie haben, was diese Grundwahrheiten betrifft, ‘volle Gewißheit’; sie haben sie erkannt und haben nun schon jahrzehntelang daran festgehalten. Doch durch das, was sie lernen, verstehen sie immer besser, wie gewisse Schrifttexte in das Gesamtbild der biblischen Wahrheit hineinpassen und wie sie den Rat aus Gottes Wort in ihrem Leben noch vollständiger anwenden können.

      Jehovas Zeugen haben auch ‘volle Gewißheit’, was Gottes Verheißungen betrifft. Sie vertrauen darauf, daß sie sich alle bis in die kleinste Einzelheit erfüllen werden, und zwar zu der von Gott bestimmten Zeit. Sie haben gesehen und erlebt, wie sich biblische Prophezeiungen erfüllt haben, und das gibt ihnen die volle Gewißheit, daß für die gegenwärtige Welt die „Zeit des Endes“ angebrochen ist und daß sich Gottes Verheißung einer gerechten neuen Welt bald erfüllen wird (Dan. 12:4, 9; Offb. 21:1-5).

      Was sollten sie also tun? „Haltet ständig Ausschau, bleibt wach“, gebot Jesus, „denn ihr wißt nicht, wann die bestimmte Zeit da ist. ... Wacht also beharrlich, ... damit er [der Herr] euch, wenn er plötzlich eintrifft, nicht schlafend finde. Was ich aber euch sage, sage ich allen: Wacht beständig“ (Mar. 13:33, 35-37). Jehovas Zeugen sind sich der Notwendigkeit, beständig zu wachen, völlig bewußt.

      Der Übereifer, den sie gelegentlich in bezug auf die Erfüllung gewisser Prophezeiungen gezeigt haben, ändert nichts an der Tatsache, daß sich die Beweise dafür, daß wir in der Zeit des Abschlusses des Systems der Dinge leben, seit dem Ersten Weltkrieg gehäuft haben. Bestimmt ist es weit besser, der Verwirklichung der Vorsätze Gottes eifrig — oder gar übereifrig — entgegenzusehen, als geistig zu schlafen und sie nicht wahrzunehmen. (Vergleiche Lukas 19:11; Apostelgeschichte 1:6; 1. Thessalonicher 5:1, 2, 6.)

      Was setzt beständiges Wachen voraus?

      Beständig wachen — Wie?

      Wachsame Christen legen ihre Hände nicht einfach abwartend in den Schoß. Weit davon entfernt! Sie müssen geistig fit bleiben, damit Jesus, wenn er als Urteilsvollstrecker kommt, für sie als Befreier kommt (Luk. 21:28). „Gebt ... auf euch selbst acht“, sagte Jesus warnend, „damit euer Herz niemals durch unmäßiges Essen und unmäßiges Trinken und Sorgen des Lebens beschwert wird und jener Tag plötzlich, in einem Augenblick, über euch kommt wie eine Schlinge. ... Bleibt also wach“ (Luk. 21:34-36). Wachsame Christen müssen also in erster Linie ‘auf sich selbst achtgeben’, mit anderen Worten, sie müssen sorgfältig darauf achten, daß sie täglich so leben, wie ein Christ leben sollte. Sie müssen sich ihrer christlichen Verpflichtungen voll bewußt sein und dürfen nicht unchristlich handeln wie die Welt, ‘die in der Macht dessen liegt, der böse ist’ (1. Joh. 5:19; Röm. 13:11-14). Sie müssen bereit sein, wenn Christus kommt.

      Wer ist bisher wirklich wachsam und geistig fit geblieben? Gemäß dem Geschichtsbericht in den vorausgehenden Kapiteln des vorliegenden Buches sind es Jehovas Zeugen. Sie nehmen die für Christen verbindlichen Verpflichtungen offensichtlich ernst. In Kriegszeiten sind sie zum Beispiel bereit gewesen, Gefängnisstrafen, ja sogar den Tod auf sich zu nehmen, weil sie sich ihrer Verpflichtung, kein Teil der Welt zu sein und einander aufopfernde Liebe zu erweisen, voll bewußt waren (Joh. 13:34, 35; 17:14, 16). Personen, die sie in ihren Königreichssälen, bei ihren großen Kongressen oder am Arbeitsplatz beobachten, sind von ihrem ‘vortrefflichen Wandel’ beeindruckt (1. Pet. 2:12). In der heutigen Welt, die „jedes sittliche Gefühl verloren“ hat, sind Jehovas Zeugen dafür bekannt, daß sie ein ehrliches, sittenreines Leben führen (Eph. 4:19-24; 5:3-5).

      Beständig zu wachen bedeutet jedoch mehr, als nur ‘auf sich selbst achtzugeben’. Ein Wächter muß anderen mitteilen, was er sieht. Ebenso müssen wachsame Christen, die in der gegenwärtigen Zeit des Endes das Zeichen der Gegenwart Christi deutlich sehen, anderen die „gute Botschaft vom Königreich“ verkündigen und sie warnend darauf hinweisen, daß Christus bald kommen und an dem gegenwärtigen bösen System der Dinge Gericht üben wird (Mat. 24:14, 30, 44). Auf diese Weise helfen sie anderen, sich als solche zu erweisen, denen die „Befreiung“ in Aussicht steht (Luk. 21:28).

      Wer hat durch die Verkündigung der Warnung seine Wachsamkeit bewiesen? Jehovas Zeugen sind für ihren Eifer, mit dem sie den Namen und das Königreich Gottes verkündigen, in der ganzen Welt bekannt. Sie überlassen das Predigen nicht einer auserwählten Klasse von Geistlichen. Sie haben erkannt, daß alle Gläubigen verpflichtet sind zu predigen. Sie betrachten es als einen wesentlichen Bestandteil ihres Gottesdienstes (Röm. 10:9, 10; 1. Kor. 9:16). Zu welchen Ergebnissen hat das geführt?

      Daß sie heute eine ständig wachsende Versammlung bilden, zu der Millionen von Verkündigern in über 220 Ländern und Inselgebieten gehören (Jes. 60:22; vergleiche Apostelgeschichte 2:47; 6:7; 16:5). Einige der mächtigsten Regierungen der Geschichte haben ihr Werk verboten, haben sie sogar verhaftet und eingesperrt. Aber Jehovas Zeugen haben nicht aufgehört, Gottes Königreich zu verkündigen. Ihre Entschlossenheit gleicht der der Apostel, die, als man ihnen befahl, nicht mehr zu predigen, erklärten: „Wir aber, wir können nicht aufhören, von den Dingen zu reden, die wir gesehen und gehört haben.“ „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 4:18-20; 5:27-29).

      „Harre ihrer“

      Jehovas Zeugen befinden sich heute in einer ähnlichen Lage wie die judäischen Christen im ersten Jahrhundert. Jesus hatte ihnen ein Zeichen gegeben, an dem sie erkennen konnten, wann es an der Zeit war, aus Jerusalem zu fliehen, um der Vernichtung zu entgehen. Wenn sie Jerusalem von Heeren umlagert sehen würden, sollten sie zu fliehen beginnen, sagte Jesus (Luk. 21:20-23). Etwas mehr als 30 Jahre später (66 u. Z.) war Jerusalem von römischen Heeren umlagert. Als sich die römischen Streitkräfte aus unerklärlichen Gründen plötzlich zurückzogen, befolgten die judäischen Christen die Anweisung Jesu und flohen — nicht nur aus Jerusalem, sondern aus ganz Judäa — nach Pella, einer Stadt in Peräa.

      Dort, in Sicherheit, warteten sie. Das Jahr 67 u. Z. kam und ging. Das Jahr 69 löste das Jahr 68 ab. Noch immer war Jerusalem frei. Sollten sie zurückkehren? Schließlich hatte Jesus ihnen nicht gesagt, wie lange sie warten sollten. Falls jemand zurückkehrte, so war er zu bedauern, denn im Jahre 70 u. Z. kamen die römischen Heere wieder, und zwar so zahlreich, daß sie einer nicht aufzuhaltenden Flut glichen, und diesmal zogen sie sich nicht wieder zurück. Sie zerstörten die Stadt und töteten über eine Million Menschen. Wie glücklich müssen jene judäischen Christen in Pella doch gewesen sein, daß sie Jehovas bestimmte Zeit für die Urteilsvollstreckung abgewartet hatten.

      Ähnlich verhält es sich mit denen, die heute beständig wachen. Sie sind sich dessen voll bewußt, daß es immer schwieriger wird, auf das Kommen Jesu zu harren, je länger die Zeit des Endes andauert. Sie haben aber den Glauben an die Worte Jesu nicht verloren: „Wahrlich, ich sage euch, daß diese Generation auf keinen Fall vergehen wird, bis alle diese Dinge geschehen“ (Mat. 24:34). Mit dem Ausdruck „diese Dinge“ sind die verschiedenen Bestandteile des kombinierten „Zeichens“ gemeint. Dieses Zeichen ist seit 1914 zu sehen und wird in der „großen Drangsal“ seinen Höhepunkt erreichen (Mat. 24:21). Die „Generation“, die 1914 am Leben war, schwindet nun sehr schnell dahin. Das Ende kann nicht allzuweit entfernt sein.

      Währenddessen sind Jehovas Zeugen fest entschlossen, beständig zu wachen, in dem vollen Vertrauen darauf, daß Gott alle seine Verheißungen zu der von ihm bestimmten Zeit erfüllen wird. Sie nehmen sich das zu Herzen, was Jehova zu dem Propheten Habakuk sagte. Weil es den Anschein hatte, als würde er die Bosheit, die im Königreich Juda in der letzten Hälfte des siebten Jahrhunderts v. u. Z. vorherrschte, dulden, sagte er zu Habakuk: „Schreib die Vision [über das Ende der bedrückenden Zustände] auf, und leg sie deutlich auf Tafeln dar, damit der davon Vorlesende es geläufig tun kann. Denn die Vision ist noch für die bestimmte Zeit, und sie geht keuchend dem Ende zu, und sie wird keine Lüge mitteilen. Selbst wenn sie [scheinbar] säumen sollte, so harre ihrer; denn sie wird sich ganz bestimmt bewahrheiten. Sie wird sich nicht verspäten“ (Hab. 1:2, 3; 2:2, 3). Jehovas Zeugen vertrauen auch darauf, daß Jehova gerecht ist, und das hilft ihnen, das Gleichgewicht zu bewahren und seine „bestimmte Zeit“ abzuwarten.

      F. W. Franz (der sich 1913 taufen ließ) brachte die Empfindungen der Zeugen Jehovas deutlich zum Ausdruck. Er sagte 1991 als Präsident der Watch Tower Society:

      „Unsere Hoffnung ist etwas Gesichertes, und sie wird sich an jedem einzelnen der 144 000, die zur kleinen Herde gehören, in einem Ausmaß erfüllen, wie wir es uns nicht vorgestellt haben. Wir vom Überrest, die wir 1914 bereits gelebt haben, als wir alle erwarteten, in den Himmel zu kommen, haben unsere Wertschätzung für diese Hoffnung nicht verloren, sondern sind genauso davon überzeugt wie eh und je und schätzen sie um so mehr, je länger wir auf ihre Verwirklichung warten. Darauf zu warten lohnt sich, selbst wenn es eine Million Jahre dauern würde. Ich schätze unsere Hoffnung höher ein als je zuvor, und ich möchte meine Wertschätzung dafür nie verlieren. Die Hoffnung der kleinen Herde ist auch eine Zusicherung dafür, daß sich die Erwartung der großen Volksmenge anderer Schafe auf eine Weise verwirklichen wird, die unsere kühnsten Vorstellungen übertrifft, wobei auch nicht die geringste Möglichkeit eines Fehlschlags besteht. Deshalb halten wir bis zur Stunde an dieser Hoffnung fest, und wir werden weiterhin daran festhalten, bis Gott bewiesen hat, daß er seine ,kostbaren und überaus großen Verheißungen‘ erfüllt“ (2. Pet. 1:4; 4. Mo. 23:19; Röm. 5:5).

      Wir gehen mit Riesenschritten der Zeit entgegen, in der Christi Gegenwart in Königreichsmacht für die ganze Menschheit deutlich erkennbar werden wird. Dann werden die Wachsamen „die Erfüllung der Verheißung empfangen“ (Heb. 10:36). Ihre Erwartungen werden sich auf eine Weise erfüllen, wie sie es sich nie vorgestellt hätten. Wie glücklich und wie dankbar werden sie dann dafür sein, daß sie in den letzten Tagen des gegenwärtigen Systems der Dinge beständig gewacht und Gottes Königreich eifrig verkündigt haben!

      [Herausgestellter Text auf Seite 713]

      Die volle Gewißheit, daß für die gegenwärtige Welt die „Zeit des Endes“ angebrochen ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 714]

      Sorgfältig darauf achten, täglich so zu leben, wie ein Christ leben sollte

      [Herausgestellter Text auf Seite 715]

      Wer hat durch die Verkündigung der Warnung seine Wachsamkeit bewiesen?

      [Herausgestellter Text auf Seite 716]

      „Ich schätze unsere Hoffnung höher ein als je zuvor, und ich möchte meine Wertschätzung dafür nie verlieren“ (F. W. Franz)

      [Kasten/Bild auf Seite 717]

      Berichte über die weltweite Zeugnistätigkeit

      Jahr Länder

      1920 ....... 46

      1925 ....... 83

      1930 ....... 87

      1935 ...... 115

      1940 ...... 112

      1945 ...... 107

      1950 ...... 147

      1955 ...... 164

      1960 ...... 187

      1965 ...... 201

      1970 ...... 208

      1975 ...... 212

      1980 ...... 217

      1985 ...... 222

      1992 ...... 229

      Gesamtzahl der Länder und Inselgebiete

      Die Zahl der Länder wurde nach den Landesgrenzen zu Beginn der 90er Jahre berechnet, nicht nach den politischen Grenzen, die zum Beispiel bestanden, als frühere ausgedehnte Reiche über Gebiete herrschten, die jetzt in mehrere unabhängige Staaten aufgeteilt sind.

      Jahr Vers.

      1940 ....... 5 130

      1945 ....... 7 218

      1950 ...... 13 238

      1955 ...... 16 044

      1960 ...... 21 008

      1965 ...... 24 158

      1970 ...... 26 524

      1975 ...... 38 256

      1980 ...... 43 181

      1985 ...... 49 716

      1992 ...... 69 558

      Gesamtzahl der Versammlungen

      Vor 1938 führte man keine fortlaufenden Aufzeichnungen über die Gesamtzahl der Versammlungen weltweit.

      Jahr Verk.

      1935 ......... 56 153

      1940 ......... 96 418

      1945 ........ 156 299

      1950 ........ 373 430

      1955 ........ 642 929

      1960 ........ 916 332

      1965 ...... 1 109 806

      1970 ...... 1 483 430

      1975 ...... 2 179 256

      1980 ...... 2 272 278

      1985 ...... 3 024 131

      1992 ...... 4 472 787

      Gesamtzahl der Königreichsverkündiger

      Das Verfahren zur Ermittlung der Verkündigerzahl wurde in den 20er Jahren und Anfang der 30er Jahre mehrmals geändert. Versammlungsberichte wurden der Gesellschaft nicht nur einmal im Monat, sondern wöchentlich zugesandt. (Mit der monatlichen Berichterstattung begann man offiziell im Oktober 1932.) Klassen-Arbeiter (Versammlungsverkündiger) mußten gemäß dem „Bulletin“ vom 1. Januar 1929 (engl.) mindestens 3 Stunden pro Woche (12 Stunden pro Monat) im Predigtdienst stehen und Vorposten (Verkündiger in abgelegenem Gebiet) mindestens 2 Stunden pro Woche.

      Jahr Pioniere

      1920 .......... 480

      1925 ........ 1 435

      1930 ........ 2 897

      1935 ........ 4 655

      1940 ........ 5 251

      1945 ........ 6 721

      1950 ....... 14 093

      1955 ....... 17 011

      1960 ....... 30 584

      1965 ....... 47 853

      1970 ....... 88 871

      1975 ...... 130 225

      1980 ...... 137 861

      1985 ...... 322 821

      1992 ...... 605 610

      Pioniere

      Die nebenstehenden Zahlen beziehen sich auf allgemeine Pioniere, Hilfspioniere, Sonderpioniere, Missionare, Kreisaufseher und Bezirksaufseher. Pioniere waren früher als Kolporteure bekannt und Hilfspioniere als Hilfskolporteure. Für die meisten Jahre ist der Monatsdurchschnitt angegeben.

      Jahr Bibelst.

      1945 ........ 104 814

      1950 ........ 234 952

      1955 ........ 337 456

      1960 ........ 646 108

      1965 ........ 770 595

      1970 ...... 1 146 378

      1975 ...... 1 411 256

      1980 ...... 1 371 584

      1985 ...... 2 379 146

      1992 ...... 4 278 127

      Heimbibelstudien

      In den 30er Jahren wurden einige Studien mit Einzelpersonen durchgeführt, aber man war vor allem bemüht, Menschen zu zeigen, wie sie selbst die Bibel studieren konnten, und Studien zu organisieren, an denen weitere Interessierte aus dem Umkreis teilnehmen konnten. Später wurde mit Einzelpersonen, die echtes Interesse bekundeten, bis zur Taufe studiert. Noch später wurde empfohlen, das Studium so lange fortzusetzen, bis der Betreffende ausgerüstet war, ein reifer Christ zu werden.

      Jahre Stunden

      1930–35 ......... 42 205 307

      1936–40 ......... 63 026 188

      1941–45 ........ 149 043 097

      1946–50 ........ 240 385 017

      1951–55 ........ 370 550 156

      1956–60 ........ 555 859 540

      1961–65 ........ 760 049 417

      1966–70 ...... 1 070 677 035

      1971–75 ...... 1 637 744 774

      1976–80 ...... 1 646 356 541

      1981–85 ...... 2 276 287 442

      1986–92 ...... 5 912 814 412

      Gesamtzahl der Stunden

      Bis Ende der 20er Jahre war es nicht allgemein üblich, die Zeit zu berichten. Das Verfahren, nach dem man die Stunden zählte, wurde mehrmals geändert: Anfang der 30er Jahre wurde nur die Zeit für das Zeugnisgeben von Haus zu Haus berücksichtigt; Rückbesuche wurden nicht mitgerechnet. Obwohl der nebenstehende Bericht wirklich eindrucksvoll ist, gibt er nur annähernd die gewaltige Menge an Zeit wieder, die Jehovas Zeugen dem Werk der Verkündigung des Königreiches Gottes gewidmet haben.

      Jahre Verbr. Lit.

      1920–25 ......... 38 757 639

      1926–30 ......... 64 878 399

      1931–35 ........ 144 073 004

      1936–40 ........ 164 788 909

      1941–45 ........ 178 265 670

      1946–50 ........ 160 027 404

      1951–55 ........ 237 151 701

      1956–60 ........ 493 202 895

      1961–65 ........ 681 903 850

      1966–70 ........ 935 106 627

      1971–75 ...... 1 407 578 681

      1976–80 ...... 1 380 850 717

      1981–85 ...... 1 504 980 839

      1986–92 ...... 2 715 998 934

      Verbreitete Literatur

      In den Zahlen für die Jahre vor 1940 sind, mit wenigen Ausnahmen, die Zeitschriften nicht eingeschlossen, die bereits zu Millionen verbreitet wurden. Die Zahlen ab 1940 schließen Bücher, Broschüren und Zeitschriften ein, nicht jedoch die Hunderte von Millionen Traktate, durch die ebenfalls Interesse für die Königreichsbotschaft geweckt wurde. Die Gesamtzahl von 10 107 565 269 Exemplaren an Literatur, verbreitet von 1920 bis 1992 in über 290 Sprachen, zeigt deutlich, daß ein bemerkenswertes weltweites Zeugnis gegeben wurde.

      Jahr Anw. Teiln.

      1935 ....... 63 146 ... 52 465

      1940 ....... 96 989 ... 27 711

      1945 ...... 186 247 ... 22 328

      1950 ...... 511 203 ... 22 723

      1955 ...... 878 303 ... 16 815

      1960 .... 1 519 821 ... 13 911

      1965 .... 1 933 089 ... 11 550

      1970 .... 3 226 168 ... 10 526

      1975 .... 4 925 643 ... 10 550

      1980 .... 5 726 656 .... 9 564

      1985 .... 7 792 109 .... 9 051

      1992 ... 11 431 171 .... 8 683

      Anwesende und Teilnehmer beim Gedächtnismahl

      Die zur Verfügung stehenden Anwesendenzahlen von Gedächtnismahlfeiern vor 1932 sind oft unvollständig. In manchen Jahren wurden nur die Zahlen von Gruppen veröffentlicht, die mindestens 15, 20 oder 30 Personen berichteten. Interessanterweise waren in den meisten Jahren, für die Zahlen vorliegen, wenigstens einige der Anwesenden keine Teilnehmer. Die Differenz betrug im Jahre 1933 ungefähr 3 000.

  • Wichtige Ereignisse in der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Wichtige Ereignisse in der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas

      1870 Charles Taze Russell und eine Gruppe aus Pittsburgh und aus Allegheny (Pennsylvanien, USA) beginnen, systematisch die Bibel zu studieren

      1870—75 Russell und seine Studiengefährten erkennen, daß Christus, wenn er wiederkommt, für menschliche Augen unsichtbar sein muß und daß der Zweck seiner Wiederkunft unter anderem darin besteht, alle Familien der Erde zu segnen

      1872 Russell und seiner Studiengruppe wird der Wert des Loskaufspreises bewußt, den Christus für die Menschheit beschaffte

      1876 Im Januar erhält C. T. Russell eine Ausgabe des Herald of the Morning (Herold des Morgens); er trifft sich mit N. H. Barbour, dem Herausgeber, im Sommer in Philadelphia (Pennsylvanien)

      In einem von C. T. Russell verfaßten Artikel, der in Brooklyn (New York) in der Oktoberausgabe des Bible Examiner (Prüfer der Bibel) erscheint, wird darauf hingewiesen, daß 1914 die Zeiten der Nationen enden

      1877 Veröffentlichung des Buches Three Worlds (Drei Welten) als Ergebnis gemeinsamer Bemühungen von N. H. Barbour und C. T. Russell

      C. T. Russell veröffentlicht im Verlag des Herald of the Morning in Rochester (New York) die Broschüre The Object and Manner of Our Lord’s Return (Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn)

      1879 Wegen Barbours Einstellung zum Lösegeld entzieht Russell im Mai dem Herald of the Morning jede Unterstützung

      Erste Ausgabe von Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi, Juli 1879 (engl.)

      1881 Erste von den Bibelforschern herausgegebene Traktate; vor 1914 wurden jährlich viele Millionen Traktate in 30 Sprachen verbreitet

      Zion’s Watch Tower Tract Society wird gegründet; Aufruf „1 000 Prediger gesucht“ — einige sollen Kolporteure sein, andere sollen für die Verbreitung der biblischen Wahrheit soviel Zeit wie möglich einsetzen

      In Großbritannien werden in größeren Städten 300 000 Exemplare der Publikation Speise für denkende Christen an Kirchgänger verteilt

      1883 Der Wacht-Turm erreicht China; eine ehemalige presbyterianische Missionarin beginnt dort bald, anderen Zeugnis zu geben

      1884 Die Publikation Speise für denkende Christen erreicht Liberia (Afrika); ein dankbarer Leser bittet in einem Brief um weitere Exemplare zur Verbreitung

      Die Statuten von Zion’s Watch Tower Tract Society werden in Pennsylvanien eingereicht; die amtliche Eintragung erfolgt am 15. Dezember

      1885 Wachtturm-Publikationen werden bereits von einigen wahrheitshungrigen Menschen in Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien gelesen

      1886 Der göttliche Plan der Zeitalter erscheint als erster Band der Serie Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt)

      1889 In der Arch Street in Allegheny (Pennsylvanien) wird das Bibelhaus gebaut, das dann als Hauptbüro der Gesellschaft dient

      1891 Erste als Kongreß oder Hauptversammlung bezeichnete Zusammenkunft der Bibelforscher (19. bis 25. April) in Allegheny (Pennsylvanien)

      1894 Die Gesellschaft sendet reisende Aufseher aus, die die Versammlungen planmäßig besuchen und die schließlich Pilgerbrüder (heute Kreis- und Bezirksaufseher) genannt werden

      1900 In London (England) wird das erste Zweigbüro der Watch Tower Society eröffnet

      Die Bibelforscher haben bereits in 28 Ländern Zeugnis gegeben, und die Botschaft, die sie predigen, ist in 13 weitere Länder vorgedrungen

      1903 Eifrige Verbreitung kostenloser Traktate von Haus zu Haus an Sonntagen; davor wurden Traktate oft in der Nähe von Kirchen auf der Straße verteilt

      1904 Predigten von C. T. Russell beginnen regelmäßig in Zeitungen zu erscheinen; weniger als zehn Jahre später werden sie von ungefähr 2 000 Zeitungen gedruckt

      1909 Das Hauptbüro der Gesellschaft wird im April nach Brooklyn (New York) verlegt

      1914 Im Januar wird in New York erstmals das „Photo-Drama der Schöpfung“ gezeigt; noch vor Jahresende haben es mehr als 9 000 000 Personen in Nordamerika, Europa und Australien gesehen

      Am 2. Oktober verkündet C. T. Russell im Speisesaal des Bethels in Brooklyn: „Die Zeiten der Nationen sind vorbei“

      Die Bibelforscher predigen emsig in 43 Ländern und Inselgebieten; 5 155 Personen geben anderen Zeugnis; beim Gedächtnismahl werden 18 243 Anwesende gezählt

      1916 C. T. Russell stirbt am 31. Oktober im Alter von 64 Jahren während einer Bahnfahrt durch Texas

      1917 Am 6. Januar wird J. F. Rutherford Präsident der Gesellschaft, nachdem ein dreiköpfiger geschäftsführender Ausschuß die Angelegenheiten der Gesellschaft etwa zwei Monate lang verwaltet hat

      Am 17. Juli wird das Buch Das vollendete Geheimnis der Bethelfamilie in Brooklyn übergeben; vier Personen, die als Mitglieder des Vorstands der Gesellschaft gedient haben, erweisen sich als Gegner; danach sind viele Versammlungen gespalten

      1918 Der Vortrag „Die Welt ist am Ende — Millionen jetzt Lebender mögen nie sterben“ wird zum ersten Mal am 24. Februar in Los Angeles (Kalifornien) gehalten; in Boston (Massachusetts) lautet das Thema am 31. März: „Die Welt ist am Ende — Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“

      Am 7. Mai werden gegen J. F. Rutherford und seine vertrauten Mitarbeiter Haftbefehle auf Bundesebene erlassen; die Gerichtsverhandlung beginnt am 5. Juni; sie werden am 21. Juni (einer am 10. Juli) zu hohen Freiheitsstrafen in einer Bundesstrafanstalt verurteilt

      Im August wird das Hauptbüro in Brooklyn geschlossen; die anfallende Arbeit wird für über ein Jahr wieder in Pittsburgh erledigt

      1919 Die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder der Gesellschaft und deren Mitarbeiter werden am 26. März gegen eine Kaution freigelassen; am 14. Mai hebt das Berufungsgericht das Urteil der unteren Instanz auf, und ein Wiederaufnahmeverfahren wird angeordnet; am 5. Mai des folgenden Jahres zieht die Behörde die Anklage zurück und stellt das Verfahren ein

      Um festzustellen, ob das Werk der Bibelforscher wiederbelebt werden kann, hält J. F. Rutherford am 4. Mai in Clune’s Auditorium in Los Angeles (Kalifornien) den öffentlichen Vortrag „Die Hoffnung für die bedrängte Menschheit“; der Saal kann die Menge der Zuhörer nicht fassen, und der Vortrag muß wiederholt werden

      Kongreß der Bibelforscher vom 1. bis 8. September in Cedar Point (Ohio); die Herausgabe der Zeitschrift Das Goldene Zeitalter (heute Erwachet!) wird angekündigt

      Als Ansporn für den Predigtdienst wird das Bulletin (heute Unser Königreichsdienst) herausgegeben

      Gemäß dem Jahresbericht beteiligen sich 5 793 Bibelforscher in 43 Ländern und Inselgebieten an der Predigttätigkeit; die berichtete Zahl der Anwesenden beim Gedächtnismahl beträgt 21 411

      1920 Die Watch Tower Society beginnt, in Brooklyn selbst zu drucken

      1922 Am 26. Februar wird in Kalifornien erstmals ein biblischer Vortrag von J. F. Rutherford im Rundfunk übertragen

      Kongreß der Bibelforscher vom 5. bis 13. September in Cedar Point (Ohio); Aufruf „Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich“

      Eine Aktion der Geistlichkeit in Deutschland zielt darauf ab, Bibelforscher, die biblische Literatur verbreiten, verhaften zu lassen

      1924 Am 24. Februar beginnt der WBBR (der erste eigene Rundfunksender der Watch Tower Society), ein Programm auszustrahlen

      1925 Der Wacht-Turm vom 15. April behandelt die Geburt des Königreiches Gottes im Jahre 1914 und zeigt, daß es zwei verschiedene, einander bekämpfende Organisationen gibt — Jehovas und Satans Organisation

      1926 Es wird dazu ermuntert, beim Predigen von Haus zu Haus an Sonntagen Bücher anzubieten

      1928 In New Jersey (USA) werden Bibelforscher verhaftet, weil sie beim Predigen von Haus zu Haus Literatur verbreitet haben; innerhalb eines Jahrzehnts kommt es in den Vereinigten Staaten zu über 500 jährlichen Festnahmen

      1931 Der Name Jehovas Zeugen wird am 26. Juli auf einem Kongreß in Columbus (Ohio) und danach auf weiteren Kongressen auf der ganzen Erde durch eine Resolution angenommen

      1932 In dem Werk Rechtfertigung, Band 2 wird erklärt, warum biblische Wiederherstellungsprophezeiungen sich nicht an den natürlichen Juden, sondern am geistigen Israel erfüllen

      Die Einrichtung der „Wahlältesten“ wird in Übereinstimmung mit den Erläuterungen in den Wachtturm-Ausgaben vom 15. September und vom 1. Oktober abgeschafft

      1933 In Deutschland werden Jehovas Zeugen verboten. Während der heftigen Verfolgung, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs andauert, werden 6 262 Zeugen verhaftet und verbringen insgesamt 14 332 Jahre in Haft; 2 074 von ihnen werden in Konzentrationslager eingeliefert und verbringen dort insgesamt 8 332 Jahre

      Mit Hilfe von Plattenspielern und Lautsprecheranlagen (manchmal auf Autos installiert) lassen die Zeugen Aufnahmen von biblischen Vorträgen auf öffentlichen Plätzen ablaufen

      1934 Die Zeugen verwenden tragbare Grammophone, um für Interessierte Schallplatten mit kurzen biblischen Predigten abzuspielen

      1935 In einem am 31. Mai in Washington (D. C.) gehaltenen Kongreßvortrag wird gezeigt, daß es sich bei der „großen Schar“ um eine irdische Klasse handelt; auf dem Kongreß lassen sich 840 Personen taufen; die Hoffnung, daß treue Diener Gottes, die jetzt am Leben sind, auf einer paradiesischen Erde ewig leben werden, wird nun immer mehr hervorgehoben

      In Honolulu (Hawaii) bezeichnet man zum ersten Mal eine Zusammenkunftsstätte als Königreichssaal

      1936 Königreichsverkündiger tragen erstmals Plakate, auf denen biblische Vorträge für die Öffentlichkeit angekündigt werden

      Es wird dazu ermuntert, mit interessierten Personen anhand der Bibel und des von der Gesellschaft herausgegebenen Buches Reichtum Studien zu beginnen; oft sind es Gruppenstudien

      1937 Die Zeugen spielen direkt an den Haustüren Schallplatten mit biblischen Ansprachen auf tragbaren Grammophonen ab

      1938 Im Einklang mit den Wachtturm-Ausgaben vom 1. und vom 15. Juli werden Aufseher in den Versammlungen nicht mehr durch ein demokratisches Verfahren, sondern auf theokratische Weise ausgewählt

      Für jeweils mehrere Versammlungen werden Zonenversammlungen organisiert (heute Kreiskongresse genannt)

      1939—45 In 23 Nationen des Britischen Reiches und des Commonwealth werden Jehovas Zeugen oder ihre biblische Literatur verboten

      1940 Zur regulären Tätigkeit der Zeugen Jehovas gehört von nun an die Verbreitung der Zeitschriften Wachtturm und Trost auf den Straßen

      Die am 3. Juni vom Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten gefällte Entscheidung, wonach der Fahnengruß ohne Rücksicht auf jemandes religiöse Überzeugung Pflicht bleiben soll, löst im ganzen Land Pöbelaktionen gegen Jehovas Zeugen aus

      1941 Obwohl der Zweite Weltkrieg in Europa wütet und sich nach Afrika und Asien ausbreitet, wird eine Höchstzahl von 109 371 tätigen Zeugen in 107 Ländern und Inselgebieten erreicht und damit die 100 000er-Grenze überschritten

      1942 J. F. Rutherford stirbt am 8. Januar in San Diego (Kalifornien)

      Am 13. Januar wird N. H. Knorr der dritte Präsident der Gesellschaft

      Im Laufe des Jahres werden insgesamt 11 325 143 Exemplare des Wachtturms in verschiedenen Sprachen gedruckt

      Am 16. Februar wird ein Fortbildungskurs im theokratischen Dienstamt für Mitarbeiter des Hauptbüros der Gesellschaft eröffnet

      Die Watch Tower Society druckt auf eigener Presse (einer Rotationsmaschine) eine vollständige Ausgabe der King-James-Bibel

      1943 Die erste Klasse der Wachtturm-Bibelschule Gilead beginnt am 1. Februar mit ihrem Unterricht

      Auf Kongressen im April wird für die Versammlungen der Zeugen Jehovas der Kurs im theokratischen Dienstamt eingeführt (heute Theokratische Predigtdienstschule genannt)

      Das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten entscheidet 20 von 24 Fällen zugunsten von Jehovas Zeugen; das Oberste Bundesgericht Australiens hebt das Verbot, das über die dort lebenden Zeugen verhängt worden war, am 14. Juni auf

      1945 Vom 1. Oktober an hängt die Stimmberechtigung bei der Wahl des Vorstands der Gesellschaft nicht mehr von Geldspenden ab

      Jeden Monat werden durchschnittlich 104 814 kostenlose Heimbibelstudien durchgeführt

      1946 Während der vorangegangenen sieben Jahre wurden über 4 000 Zeugen Jehovas in den Vereinigten Staaten und 1 593 in Großbritannien wegen ihrer christlichen Neutralität verhaftet und zu Freiheitsstrafen zwischen einem Monat und fünf Jahren verurteilt

      In diesem ersten Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligen sich 6 504 Personen als Pioniere am Vollzeitdienst

      Die Zeitschrift Erwachet! (vorher Das Goldene Zeitalter und Trost) erscheint; im Laufe des Jahres werden 13 934 429 Exemplare gedruckt

      In Griechenland werden über 470 Zeugen vor Gericht gestellt, weil sie biblische Lehren verbreitet haben

      1947 Bei den Gerichten von Quebec (Kanada) sind 1 700 Verfahren anhängig, die das Evangelisierungswerk der Zeugen Jehovas betreffen

      Es gibt bereits mehr als 10 000 Versammlungen, weltweit insgesamt 10 782

      1950 Am 2. August wird auf dem Kongreß in New York die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften freigegeben

      1953 Am 1. September beginnt ein umfangreiches Programm, durch das Jehovas Zeugen im Predigen von Haus zu Haus geschult werden

      1957 Jehovas Zeugen setzen für die Verkündigung des Königreiches Gottes und die Durchführung von Bibelstudien mit Neuinteressierten in 169 Ländern und Inselgebieten 100 135 016 Stunden ein

      1958 Zu dem internationalen Kongreß „Göttlicher Wille“ in New York kommen 253 922 Personen aus 123 Ländern und Inselgebieten; 7 136 lassen sich taufen

      1959 Ab 9. März wird in South Lansing (New York) erstmals die Königreichsdienstschule für Versammlungsaufseher und reisende Aufseher durchgeführt

      1961 Eine erste Gruppe von Zweigaufsehern der Gesellschaft besucht in Brooklyn (New York) einen besonderen Lehrgang, der 10 Monate dauert und der zu größerer Einheitlichkeit im weltweiten Werk der Zeugen Jehovas beitragen soll

      Die Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift — die ganze Bibel in einem Band — erscheint in Englisch

      1963 Freigabe der Neuen-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften in 6 weiteren Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch und Spanisch); andere Sprachen sollen in späteren Jahren folgen

      Über eine Million Zeugen Jehovas sind in 198 Ländern und Inselgebieten tätig; die Jahreshöchstzahl an Verkündigern beträgt 1 040 836; es lassen sich 62 798 Personen taufen

      1965 Jehovas Zeugen nehmen ein renoviertes Theater in New York als ihren ersten Kongreßsaal in Gebrauch

      1967 In Malawi werden Jehovas Zeugen Opfer brutaler Verfolgung, die sich in mehreren lang anhaltenden Wellen über Jahre hinweg fortsetzt

      1969 Die Zahl der Heimbibelstudien überschreitet eine Million; es werden durchschnittlich 1 097 237 Studien berichtet

      1971 Die leitende Körperschaft wird erweitert; ab 1. Oktober übernimmt jedes Jahr turnusgemäß ein anderes Mitglied der Körperschaft den Vorsitz

      1972 Vom 1. Oktober an liegt die örtliche Aufsicht über die Versammlungen der Zeugen Jehovas nicht mehr jeweils bei einer Einzelperson, sondern bei einer Ältestenschaft

      1974 Weltweit wird eine Verkündigerhöchstzahl von 2 021 432 erreicht; die Zahl der Pioniere steigt von 94 604 im Jahre 1973 auf 127 135 an

      1975 Die leitende Körperschaft wird reorganisiert; die Verantwortung für einen Großteil des Werkes wird am 4. Dezember sechs Komitees zugewiesen, die am 1. Januar 1976 die Arbeit aufnehmen

      1976 Ab 1. Februar unterstehen die Zweigbüros der Watch Tower Society nicht mehr nur einem Aufseher, sondern der Aufsicht von je einem Komitee aus drei oder mehr geistig reifen Männern

      1977 Von nun an erhalten Zehntausende von Pionieren auf der ganzen Erde eine spezielle Schulung durch die Pionierdienstschule

      1984 Jehovas Zeugen führen durchschnittlich 2 047 113 Heimbibelstudien durch

      1985 Man trifft Vorkehrungen, die weltweite Bautätigkeit der Gesellschaft vom Hauptbüro aus zu koordinieren, indem man freiwillige Helfer ins Ausland sendet

      Laut Bericht beteiligen sich 3 024 131 Personen in 222 Ländern und Inselgebieten am Königreichspredigtwerk; im Durchschnitt sind 322 821 Pioniere tätig; 189 800 Personen lassen sich im Laufe des Jahres taufen

      1986 Regionale Baukomitees werden ernannt, die den Bau von Königreichssälen koordinieren helfen

      1987 Das Werk des Jüngermachens wächst beständig; es werden 3 005 048 Bibelstudien — viele davon wöchentlich — mit Einzelpersonen und ganzen Familien durchgeführt; die Gesamtzahl der Neugetauften beträgt in diesem Jahr 230 843

      Am 1. Oktober wird die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung eröffnet; der erste Kurs findet in Coraopolis (Pennsylvanien) statt

      1989 Veränderungen in Osteuropa ermöglichen die Durchführung von drei großen internationalen Kongressen in Polen und weiteren Kongressen in anderen Ländern während der folgenden Jahre

      1990 Die Aufhebung von Einschränkungen, denen Jehovas Zeugen in Ländern Afrikas und Osteuropas unterworfen waren, erleichtert das Evangelisieren unter zusätzlichen 100 000 000 Menschen

      Eine neue Höchstzahl von 4 017 213 Königreichsverkündigern wird erreicht; die Zahl der Pioniere steigt auf 536 508; dem dringenden Werk der Verkündigung des Königreiches werden insgesamt 895 229 424 Stunden gewidmet

      1991 Durch die Aufhebung von Verboten in Osteuropa und Afrika kann die gute Botschaft von Gottes Königreich weiteren 390 000 000 Menschen besser überbracht werden

      1992 Der Wachtturm hat eine durchschnittliche Auflage von 15 570 000 Exemplaren in 111 Sprachen; vom Erwachet!, das in 67 Sprachen erhältlich ist, werden im Durchschnitt 13 110 000 Exemplare gedruckt

      Größtes Zeugnis, das jemals gegeben wurde, da sich 4 472 787 Personen in 229 Ländern und Inselgebieten an der Verkündigung des Königreiches beteiligen; durchschnittlich 605 610 Pioniere jeden Monat; für die öffentliche Zeugnistätigkeit werden 1 024 910 434 Stunden eingesetzt; 4 278 127 Bibelstudien werden durchgeführt; 301 002 neue Jünger lassen sich taufen

  • Die Herausgabe des Wachtturms
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Die Herausgabe des Wachtturms

      Die erste Ausgabe vom Juli 1879 (engl.) hatte den Titel Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi. Die Zeitschrift, in der die Lehre vom Loskaufsopfer Jesu Christi verteidigt wurde, sollte dazu dienen, den Haushalt des Glaubens mit geistiger Speise zu versorgen. Um deutlicher auf das Ziel der Zeitschrift hinzuweisen, wurde der Titel zum 1. Januar 1909 auf Der Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi abgeändert. Vom 1. Januar 1939 an hob man die Tatsache, daß Christus bereits im Himmel als König regierte, stärker hervor und nannte die Zeitschrift Der Wachtturm und Verkündiger des Königreiches Christi. Zum 1. März 1939 wurde sie dann in Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich umbenannt, und damit wurde die Aufmerksamkeit vor allem auf Jehova gelenkt, den universellen Souverän, der seinem Sohn Herrschaftsgewalt gegeben hat.

      Anfangs erschien der Wacht-Turm als achtseitige Monatsschrift. 1891 wurde er auf 16 Seiten erweitert, und von 1892 an kam er halbmonatlich heraus. 1950 erhielt er in vielen Sprachen ein neues Format mit 32 Seiten.

      Die Übersetzung des Wacht-Turms in andere Sprachen kam nur langsam in Gang. Ein Probeexemplar wurde 1883 in Schwedisch veröffentlicht und wie ein Traktat verwendet. Von 1886 bis 1889 wurde die Zeitschrift in kleinem Format in Deutsch gedruckt. Erst 1897 erschien der Wacht-Turm erneut in Deutsch, diesmal auf Dauer. Im Jahre 1916 wurde er in 7 Sprachen gedruckt: Dänisch-Norwegisch, Deutsch, Englisch, Finnisch, Französisch, Polnisch und Schwedisch. Als das Predigen der guten Botschaft 1922 an Schwung gewann, erhöhte sich die Zahl der Sprachen, in denen die Zeitschrift herausgegeben wurde, auf 16. Doch im Jahre 1993 erschien er regelmäßig in 112 Sprachen — denjenigen, die von einem Großteil der Erdbevölkerung gesprochen werden. Dazu zählten nicht nur Sprachen wie Englisch, Spanisch und Japanisch, in denen Millionen Exemplare von jeder Ausgabe gedruckt wurden, sondern auch Palau, Tuvalu und andere, in denen nur einige hundert Exemplare verbreitet wurden.

      Viele Jahre lang galt Der Wachtturm hauptsächlich als eine Zeitschrift für die „kleine Herde“ geweihter Christen. Die Verbreitung war noch ziemlich begrenzt; 1916 wurden pro Ausgabe nur 45 000 Exemplare gedruckt. Aber von 1935 an wurde wiederholt betont, daß man die „Jonadabe“ oder die „große Volksmenge“ dazu ermuntern sollte, den Wachtturm regelmäßig zu beziehen und zu lesen. Abonnements auf den Wachtturm wurden 1939, als auf der Titelseite erstmals das Königreich hervorgehoben wurde, in einem vier Monate dauernden internationalen Abonnementsfeldzug in der Öffentlichkeit angeboten. Infolgedessen stieg die Zahl der Abonnements auf 120 000. Im Jahr danach wurde Der Wachtturm regelmäßig den Menschen auf den Straßen angeboten. Die Auflage kletterte in die Höhe. Anfang 1993 wurden pro Ausgabe in allen Sprachen insgesamt 16 400 000 Exemplare gedruckt.

  • Erwachet! — eine Zeitschrift, die ein breites Publikum anspricht
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Erwachet! — eine Zeitschrift, die ein breites Publikum anspricht

      Erwachet! hieß ursprünglich Das Goldene Zeitalter. Die erste englische Ausgabe erschien am 1. Oktober 1919. Die Zeitschrift brachte Berichte über zahlreiche Wissensgebiete. Sie führte den Lesern vor Augen, was in der Welt vor sich ging, und zeigte, daß die wirkliche Lösung für die Probleme der Menschheit die Millenniumsherrschaft Christi ist, mit der tatsächlich ein „goldenes Zeitalter“ für die Menschheit anbrechen wird. Die Gestaltung der Titelseite wurde mehrmals verändert, aber die Botschaft blieb dieselbe. Das Goldene Zeitalter war für die Verbreitung in der Öffentlichkeit bestimmt, und jahrelang hatte es eine weit höhere Auflage als Der Wacht-Turm.

      Beginnend mit der Ausgabe vom 6. Oktober 1937, wurde der Titel auf Trost abgeändert. Das war sehr passend, weil viele unter bedrückenden Verhältnissen lebten und die Welt während des Zweiten Weltkriegs aus den Fugen geriet. Der Trost, den die Zeitschrift spendete, war jedoch von einer Art, wie sie nur bei denen Anklang findet, die echte Liebe zur Wahrheit haben.

      Ab der Ausgabe vom 22. August 1946 wählte man den Titel Erwachet! Es wurde Wert darauf gelegt, Menschen die Bedeutung der Weltereignisse zum Bewußtsein zu bringen. Der Inhalt der Zeitschrift stützte sich auf Informationen aus den üblichen Nachrichtenquellen, aber man hatte auch eigene Korrespondenten in verschiedenen Ländern. Die ausgeglichenen, praktischen und tiefgründigen Artikel in Erwachet!, die eine Vielfalt von Themen behandeln, ermuntern die Leser, der wichtigsten Botschaft dieser Zeitschrift Beachtung zu schenken, nämlich, daß sich durch die Weltereignisse biblische Prophezeiungen erfüllen, die beweisen, daß wir in den letzten Tagen leben und daß Gottes Königreich bald allen, die seinen Willen kennenlernen und tun, ewige Segnungen bringen wird. Die Zeitschrift ist ein wirkungsvolles Hilfsmittel bei der weltweiten Verkündigung der guten Botschaft vom Königreich Gottes und führt zu tiefer schürfendem Stoff hin, wie er im Wachtturm und in gebundenen Büchern dargelegt wird.

      Von Erwachet! wurden Anfang 1993 pro Ausgabe 13 240 000 Exemplare in 67 Sprachen gedruckt.

  • Genaue Erkenntnis aus Gottes Wort erwerben und danach handeln
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Abschnitt 2

      Genaue Erkenntnis aus Gottes Wort erwerben und danach handeln

      Wie gelangten Jehovas Zeugen zu ihren Glaubensansichten? Wie kamen sie zu ihrem Namen? Wodurch unterscheiden sie sich von anderen Glaubensgemeinschaften? Diese Fragen werden in den Kapiteln 10 bis 14 beantwortet.

      [Ganzseitiges Bild auf Seite 118]

  • In einer Bruderschaft vereint
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Abschnitt 3

      In einer Bruderschaft vereint

      Ist es möglich, daß Millionen von Menschen aus allen Nationen und Sprachen als eine echte Bruderschaft zusammenarbeiten?

      Die geschichtlichen Tatsachen über Jehovas Zeugen der Neuzeit antworten mit einem deutlichen Ja! Dieser Abschnitt (Kapitel 15 bis 21) erklärt, wie ihre Organisation arbeitet. Er vermittelt ein Bild von dem Eifer, mit dem sie Gottes Königreich verkündigen, und von der Liebe, die man beobachten kann, wenn sie zusammenarbeiten und sich in Krisenzeiten umeinander kümmern.

      [Ganzseitiges Bild auf Seite 202]

  • Verkündigung der guten Botschaft auf der ganzen bewohnten Erde
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Abschnitt 4

      Verkündigung der guten Botschaft auf der ganzen bewohnten Erde

      Wie ist die Verkündigung des Königreiches Gottes als die einzige Hoffnung der Menschheit über die ganze Erde ausgedehnt worden? Die Kapitel 22 bis 24 enthalten einen begeisternden Bericht mit herzerfreuenden Erfahrungen von denen, die sich an der Verkündigung beteiligt haben.

      [Ganzseitiges Bild auf Seite 402]

  • Königreichspredigtwerk durch die Herstellung biblischer Literatur gefördert
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Abschnitt 5

      Königreichspredigtwerk durch die Herstellung biblischer Literatur gefördert

      Auf der ganzen bewohnten Erde predigen — wie würde das erreicht werden? Wie dieser Abschnitt (Kapitel 25 bis 27) zeigt, hat man sich weltweit verschiedener Einrichtungen zur Herstellung von Bibeln und biblischer Literatur bedient, um Menschen aus allen Nationen zu erreichen.

      [Ganzseitiges Bild auf Seite 554]

  • Schmähungen und Drangsalen ausgesetzt
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Abschnitt 6

      Schmähungen und Drangsalen ausgesetzt

      Jesus Christus machte seine Nachfolger darauf aufmerksam, daß Prüfungen sie erwarteten — manche aufgrund menschlicher Unvollkommenheit, andere wegen falscher Brüder und viele durch Verfolgung von seiten der Gegner. Die Kapitel 28 bis 30 schildern, was Jehovas Zeugen in der Neuzeit erlebt haben und wie sie, gestützt durch ihren Glauben, aus Prüfungen siegreich hervorgegangen sind.

      [Ganzseitiges Bild auf Seite 616]

  • Ein Volk, das eindeutig „sein eigen ist, eifrig für vortreffliche Werke“
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Abschnitt 7

      Ein Volk, das eindeutig „sein eigen ist, eifrig für vortreffliche Werke“

      Warum glauben Jehovas Zeugen, daß sie von Gott geleitet werden? Was kennzeichnet sie als wahre Jünger Jesu Christi? Nach welchem weiteren großen Ereignis halten sie Ausschau, da sie doch verkündigen, daß Gottes Königreich bereits vom Himmel aus herrscht? Diese Fragen werden im letzten Abschnitt (Kapitel 31 bis 33) beantwortet.

      [Ganzseitiges Bild auf Seite 702]

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