Von der Flasche zu prächtigen Glasperlen
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN NIGERIA
DU BIST in Eile. Du greifst nach einer Flasche, die auf dem Tisch steht, aber sie rutscht dir aus der Hand, fällt zu Boden und zerbricht. Auch das noch! Du fegst die Scherben zusammen und wirfst sie in den Abfalleimer. Das war’s dann für dich.
Würdest du in Bida (Nigeria) wohnen, wäre das erst der Anfang. Inwiefern? Kunsthandwerker des dort lebenden Volkes der Nupe können nämlich aus den Scherben der Flasche eine schöne Glasperlenkette machen. Das ist eine Kunst, die eine Generation an die nächste weitergibt — eine Kunst, die sich im Laufe der Jahrhunderte kaum geändert hat.
Perlenherstellung in Bida
Die Werkstatt ist eine kleine runde Lehmhütte. Mitten im Raum steht auf dem Fußboden ein irdener Brennofen. Die Handwerker packen Holzstücke in den Ofen und zünden sie an. Das Feuer wird mit einem Blasebalg von Hand angefacht. Weitere Holzstücke werden nachgelegt, und schließlich steigt eine rote Flamme über das obere Ende des Brennofens empor. Eine Flasche wird an einem Stab über den Ofen gehängt, und schon bald wird das Glas weich und hängt dort als geschmolzene Masse.
Der Perlenmacher fertigt jeweils nur eine Glasperle an. Neben den Stab, an dem das Glas hängt, legt er einen spitzen Stab über die Feuerstelle. Wenn die Spitze glühend rot ist, hält er ihn an den Klumpen Glasschmelze. Dann dreht er den Stab zwischen den Fingern und wickelt so eine perlengroße Glasmasse um den Stab.
Als nächstes glättet und formt er das Glas mit einem langen, flachen Buschmesser zu einer Perle. Ist er besonders geschickt, arbeitet er mit verschiedenen Farben und überzieht jede einzelne Perle mit einem farbigen Muster. Schließlich löst er mit dem Messer die Perle vorsichtig vom Stab und legt sie zum Auskühlen in eine Schale mit Asche. Jetzt ist sie fertig. Durch das Loch, das der Stab hinterläßt, wird die Perle aufgefädelt. Nun muß er sie nur noch waschen und dann mit weiteren Perlen zu einer Halskette aufreihen.
Die Kunst erlernen
Wie eignet man sich die Kunst der Glasperlenherstellung an? Die Nupekinder beginnen damit, indem sie bei der Arbeit zusehen. Wenn sie das zehnte Lebensjahr erreicht haben, helfen sie mit, das Feuerholz zu sammeln und zu spalten.
Der nächste Schritt ist die Handhabung des Blasebalgs. Er besteht aus zwei zusammenhängenden Stoffsäcken, an denen jeweils ein Stock befestigt ist. Um den Blasebalg zu betätigen, muß der „Bläser“ in jeder Hand einen Stock halten und ihn rasch auf und ab bewegen. Er sollte stark sein und seine Bewegungen koordinieren können. Er muß kräftig genug sein, um die Bälge während der Perlenherstellung gleichmäßig pumpen zu können, was Stunden dauern kann.
Auch muß er den Blasebalg genau in der richtigen Geschwindigkeit pumpen; gute Koordination ist also erforderlich, um dabei einen raschen, beständigen Rhythmus beizubehalten. Pumpt er zu langsam, wird das Glas zum Bearbeiten nicht weich genug, weil die Hitze zu schwach ist. Pumpt er zu schnell, kann die Hitze bewirken, daß das Glas vom Stab ins Feuer tropft.
Der angehende Perlenmacher bedient einen Blasebalg bezeichnenderweise fünf Jahre lang. Schließlich lernt er, wie man Perlen gestaltet. Die Hitze des Feuers ertragen zu lernen ist eine Schwierigkeit dieses Berufes und kann problematisch sein, da sie ja noch zur tropischen Hitze der Sonne hinzukommt.
Das Lernen geht schrittweise vor sich. Nachdem der Lehrling einen erfahrenen Perlenmacher bei der Handhabung der Stäbe unterstützt hat, lernt er, kleine, schlichte Perlen zu formen. Mit der Zeit lernt er, wie man größere Perlen herstellt und wie man Perlen mit einem andersfarbigen Muster überzieht. Beim geübten Perlenmacher sieht alles kinderleicht aus, doch kostet es Zeit, bis man die Kunst beherrscht, eine Reihe von gleich großen, gleich geformten und gleich gemusterten Perlen anzufertigen — eine Perle nach der anderen.
Glasperlen herzustellen ist eine Kunst, die Freude macht. Der Perlenmacher freut sich, überall im Land Menschen mit ihrem bunten Perlenschmuck zu sehen — Kinder mit kleinen Perlen, Frauen mit fein gearbeiteten Perlen und Männer mit schwerem, zeremoniellem Perlenschmuck. Bei Festen haben die Leute Freude daran, um die Werkstatt versammelt, im Takt des Blasebalgs zu singen und zu tanzen.
In dem Buch History of West Africa heißt es: „Die Nupe zählen in der künstlerischen Verarbeitung von ... Glas ... noch immer zu den Besten des Kontinents.“ Dem kann man nur zustimmen. Ein Missionar drückte das so aus: „Wir kauften für unsere Freunde und Angehörigen, die wir im Urlaub besuchen wollten, Glasperlen aus Bida und auch aus anderen Orten. Als wir in die Vereinigten Staaten kamen, haben sich unsere Freunde jedesmal die Perlen aus Bida ausgesucht!“
[Bild auf Seite 26]
Das Erhitzen von Glas über einem Brennofen