Saris für Millionen
Von unserem Korrespondenten in Indien
ÜBER 300 Millionen Frauen tragen ihn. Menschen in der ganzen Welt bewundern ihn. Und man stelle sich vor: Eine Größe paßt allen! Es handelt sich um den anmutigen indischen Sari. „Der Sari ist das weiblichste Kleidungsstück, das ich je gesehen habe“, sagte Eva aus der Bundesrepublik Deutschland bei ihrer ersten Reise nach Indien. Sie empfand die schlichte Eleganz des Saris als angenehme Abwechslung zu der gewohnten Damenkleidung in westlichen Ländern. Doch erstaunlicherweise ist der Sari lediglich eine fünf bis sechs Meter lange Stoffbahn ohne Säume, Reißverschlüsse, Knöpfe, Haken oder Druckknöpfe.
Ein Kleidungsstück für jeden Anlaß
Der schöne Sari wird nicht nur bei festlichen Anlässen getragen. Inderinnen betrachten ihn als Kleidungsstück für jede Gelegenheit, das sowohl vielseitig als auch praktisch ist. Man braucht eine Inderin nur bei ihrer täglichen Hausarbeit zu beobachten, um dies zu erkennen.
Sie beginnt ihre morgendliche Arbeit in ihrem älteren „Haussari“. Sie holt Wasser, kocht, fegt den Boden, wäscht die Wäsche mit der Hand, arbeitet im Garten, kümmert sich um die Kinder und versorgt die Haustiere. Das alles tut sie in diesem bodenlangen Gewand. Aber ist es nicht äußerst unbequem, alle diese Arbeiten in einem solchen Kleidungsstück zu erledigen?
„Nein, das ist kein Problem“, erklärt Rani, Mutter von zwei Kindern. „Ich kann den gefalteten Teil meines Saris leicht einige Zentimeter anheben und den Stoff in der Taille einstecken. Wenn Besuch kommt, lasse ich den Stoff schnell herunter und kann dann zur Tür gehen. Ich finde das sehr praktisch.“
Praktisch ist auch das pallav oder pallu, das Endstück des Saris, das meist anmutig von der Schulter herabhängt. Um die Schultern gewickelt, spendet es Wärme und sieht schicklich aus. Außerdem kann man damit den Kopf bedecken. Und im Notfall dient das pallav, das als Teil des Kleidungsstückes ja stets zur Hand ist, als Topflappen oder als Handtuch, obwohl man einräumen muß, daß es gefährlich sein kann, es in der Nähe des Herdes zu gebrauchen.
Wenn die Inderin das Haus verläßt, zieht sie sich gewöhnlich einen frischen, sauberen Sari an. Ihre Erscheinung in der Öffentlichkeit, sei es auch nur zum Einkaufen auf dem Markt, ist ordentlich und feminin. Sie kann sich zudem als Mitfahrerin seitwärts auf ein Fahrrad oder einen Motorroller setzen und so durch die überfüllten Straßen der Stadt fahren. Nachts schläft sie sogar in einem Sari.
Es tragen jedoch nicht alle Inderinnen Saris. Religion, Kultur und regionale Vorlieben sind Faktoren, die sich auf die Kleidung auswirken. Rani zum Beispiel trug in der Schulzeit Kleider und Röcke und ging erst zum Sari über, als sie fast erwachsen war. „Als ich damit begann, erwartete man von mir, nur noch Saris zu tragen“, sagt sie. „Ich habe seither nie mehr ein Kleid oder einen Rock getragen.“ Sie bringt es sogar fertig, mit ihrem Sohn Federball zu spielen, indem sie das untere Teil ein wenig anhebt, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben.
Endlose Vielfalt
Saris gibt es in einer großen Vielfalt von Materialien, Farben und Mustern. Sie können aus einfacher handgewebter Baumwolle, aus geschmeidigem Polyester oder aus bedruckter Seide sein. Sie können geblümt, gestreift, kariert, geometrisch oder irgendwie sonst gemustert sein. Oft sind sie schlicht und konservativ. Hochzeitssaris hingegen, häufig in kräftigen Rottönen und reichlich mit Goldfaden bestickt, sind ganz besonders schön.
Inderinnen, die es sich leisten können, kaufen und sammeln gern eine Vielfalt von bunten Saris. „Ich habe 65 Saris“, prahlte die Frau eines wohlhabenden indischen soni (Juweliers). In krassem Gegensatz dazu ist für Hunderttausende von armen Frauen Kleidung ein Luxus. Sie haben vielleicht nur ein oder zwei Saris, die sie tragen, bis sie fadenscheinig und zerrissen sind. Einen neuen anzuschaffen ist für die Familie eine finanzielle Belastung.
Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich die Durchschnittsfrau, die mit ihrem äußerst knappen Haushaltsgeld sorgfältig umgehen muß. Ein Großteil ihrer Garderobe setzt sich höchstwahrscheinlich aus Saris zusammen, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hat. Die kunstvolleren Saris liegen meist ordentlich gefaltet in einer Schublade oder zusammen mit anderen Wertgegenständen der Familie in einer verschlossenen Truhe und werden für besondere Anlässe aufbewahrt.
Möchtest du einen Sari tragen?
„Ich würde meine Frau gern einmal in einem Sari sehen“, sagte ein Mann in einem westlichen Land. Er spricht für viele Männer, denen die feminine Note dieses Kleidungsstückes gefällt. Und für eine Frau, die Saris bislang nur auf Bildern bewundert hat, ist es eine interessante Abwechslung, selbst einen anzuziehen. Warum nicht bei einem besonderen Anlaß einen Sari tragen?
Saris sind in vielen großen Städten in indischen Geschäften erhältlich. Doch wenn es in deiner Umgebung keine zu kaufen gibt, tut es auch ein leichtes Material aus einem gewöhnlichen Stoffgeschäft. Der Stoff muß mindestens fünf Meter lang sein und 1,10 Meter breit. Ein etwas breiterer Stoff wäre für hochgewachsene Frauen vorteilhaft, da sie dann für den Rock mehr Stoff haben, den sie um die Taille herum einstecken können. Farbe und Muster sind ganz dem eigenen Geschmack überlassen. Eine Borte am Rand ist sehr attraktiv.
Daneben werden nur zwei weitere Kleidungsstücke benötigt: ein knöchellanger halber Unterrock mit einem Band in der Taille und eine choli, d. h. eine kurze, taillierte Bluse. Beides sollte in einer Farbe gehalten sein, die zu dem Sari paßt. Da der Sari einen Teil der Taille freigibt, würde es der Anstand gebieten, daß die Bluse nicht zu kurz ist. Auch sollte sie nicht zu tief ausgeschnitten sein. Vielleicht möchtest du dir selbst eine choli nähen. Sonst kannst du irgendeine Bluse mit rundem Ausschnitt und nicht zu weiten Ärmeln nehmen.
Mit einer choli und einem Unterrock (das Band sollte eng, aber nicht unbequem sitzen) bist du nun soweit, die Kunst des Wickelns eines Saris zu erlernen. Eine Inderin wäre natürlich eine große Hilfe, aber du kannst irgendeine Bekannte bitten, dir zu helfen. Laß dich nicht von der riesigen Stoffmenge abschrecken. Mit einem großen Spiegel, ein wenig Geduld und viel Zeit wirst du es schon lernen. Richte dich dabei nach den Abbildungen. Und wenn du nach dem ersten Versuch nicht zufrieden bist, fange wieder von vorn an. Den letzten Schliff gibt ein wenig Schmuck, ähnlich wie ihn Inderinnen tragen.
Betrachte dich dann im Spiegel, damit dir dein verändertes Aussehen ganz und gar bewußt wird. Behalte dein neues Gewand eine Zeitlang an, so daß du dich darin wohl fühlst. Und sei nicht überrascht, wenn man dir Komplimente macht. Schließlich hast du dich in eines der femininsten Kleidungsstücke der Welt gehüllt — den anmutigen und vielseitigen Sari.
[Kasten/Bilder auf Seite 23]
Die Kunst, einen Sari zu wickeln
1. Stecke den Sari, rechts beginnend, von vorn nach hinten unter das Band deines Unterrocks um die ganze Taille herum. Achte darauf, daß der Stoff gerade herabhängt und der untere Rand gleichmäßig lang ist.
2. Lege das freie Ende des Saris locker um dich herum, und hole den übrigen Stoff nach vorn.
3. Lege das Stoffende des Saris, das das pallav bilden soll, in gleichmäßige Längsfalten.
4. Lege das pallav über die linke Schulter, so daß das Ende bis zur Wade reicht oder noch weiter hinunter. Befestige das pallav mit einer Sicherheitsnadel an der choli.
5. Ziehe den Sari um dich herum, bis er im Rücken gut anliegt und sich der übrige Stoff vorn befindet.
6. Lege von rechts nach links gleichmäßige Falten, bis der ganze Stoff aufgebraucht ist. Achte darauf, daß die Falten gleichmäßig fallen.
7. Lege die gesamte Faltenpartie nach links. Stecke die Falten zur linken Seite hin in der Taille ein. Befestige die Falten mit einer Sicherheitsnadel am Unterrock.
8. Das Ergebnis ist die Mühe wert.