Der dritte Weltkrieg — Läßt er sich aufhalten?
„UM Gottes willen und um eurer Kinder und der Zivilisation willen, hört mit diesem Wahnsinn auf!“ Diese leidenschaftlichen Worte wurden kürzlich an die Führer der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gerichtet, die gegenwärtig das größte Wettrüsten der Geschichte betreiben. Der Mann, der sie sprach, war kein schlecht unterrichteter Angstmacher. Es war George F. Kennan, der frühere Botschafter der Vereinigten Staaten in Moskau.
„Keiner wird die Gefahr begreifen, in der wir heute alle schweben“, erklärte Mr. Kennan, „wenn er nicht erkennt, daß die Regierungen in unserer modernen Welt noch nicht gelernt haben, große militärische Einrichtungen zu schaffen und zu unterhalten — besonders solche mit Waffen zur Massenvernichtung —, ohne die Sklaven statt die Herren dessen zu werden, was sie geschaffen haben.“
Viele andere stimmen mit Mr. Kennan in seiner düsteren Einschätzung der heutigen Weltpolitik überein. Ein Regierungsbeamter der Volksrepublik China bemerkte, daß ein Krieg zwischen den Supermächten „unvermeidlich“ sei, und fügte hinzu: „Die nächsten 10 Jahre sind sehr, sehr gefährlich. Sie sind furchterregend. Das sollten wir nie vergessen.“
Weshalb die ganze Aufregung?
In den vergangenen Jahren ist viel von „Entspannung“ zwischen den Supermächten, den USA und der UdSSR, die Rede gewesen. In dieser Zeit hatten viele Leute den Eindruck, daß ein Weltkrieg weniger wahrscheinlich geworden sei. Der erste Vertrag über die Begrenzung der strategischen Rüstung (SALT) wurde im Jahre 1972 zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geschlossen, und im Jahre 1979 folgte die Unterzeichnung von SALT II. Man sprach hoffnungsvoll von einer „Generation des Friedens“.
Das ist nun vorbei. „In den letzten 30 Jahren haben politische Spannungen keinen solch gefährlichen Punkt erreicht wie jetzt“, sagte Mr. Kennan Ende 1980, nur 18 Monate nach der Unterzeichnung von SALT II. „Kein einziges Mal in dieser ganzen Zeit hat es soviel Mißverständnis, Argwohn, Bestürzung und schiere militärische Angst gegeben.“
Wodurch wurden diese Spannungen hervorgerufen? Weshalb ist der dritte Weltkrieg, der einmal als so fern galt, plötzlich so bedrohlich nahe? Politische, wirtschaftliche und technologische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Zusammen tragen sie zu einem Wettrüsten bei, das sich nicht mehr aufhalten läßt, wie Experten befürchten. Wenn dieses Wettrüsten aber nicht aufgehalten wird, so kann es nach Ansicht vieler nur zum Krieg führen.
„In der Geschichte der Neuzeit gibt es kein Beispiel dafür, daß rivalisierende Mächte eine große Militärstreitmacht aufgebaut hätten, ohne daß als Folge davon Feindseligkeiten ausgebrochen wären“, warnte Mr. Kennan. „Und wir haben keinen Grund, zu glauben, daß wir besser oder weiser seien als unsere Vorfahren.“
Warum läßt sich das Wettrüsten nicht aufhalten?
Zu Beginn des Atomzeitalters konnten die Raketen noch nicht sehr genau treffen. Man konnte sich zwar darauf verlassen, daß sie sehr große Ziele trafen, wie zum Beispiel Städte, aber nicht kleine Ziele, wie feindliche Raketensilos. Die Folge davon war das, was Winston Churchill das „Gleichgewicht des Schreckens“ nannte. Beide Seiten richteten ihre Raketen auf feindliche Städte, was gewissermaßen einem Geiselaustausch gleichkam. Beide Seiten wußten, daß das Auslösen eines Atomkriegs den Verlust der eigenen Städte bedeuten würde.
Diese strategische Doktrin, unter dem Namen „Mutual Assured Destruction“ (gesicherte gegenseitige Zerstörung) bekannt, mag dazu beigetragen haben, einen frühen Ausbruch des dritten Weltkriegs zu verhindern, und zwar aus einem besonderen Grund: Es kam nicht darauf an, welche Seite zuerst zuschlug. Ein Atomkrieg wäre auf jeden Fall für beide Seiten verheerend gewesen. Deshalb war der Drang, die erste Bombe abzuwerfen, in früheren Spannungszeiten, wie zum Beispiel während der Kubakrise im Jahre 1962, geringer als heute.