Costa Rica — Kleines Land, immense Vielfalt
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN COSTA RICA
DASS Costa Rica ein kleines Land ist, wird einem schnell klar, wenn man den außerhalb der Hauptstadt gelegenen Flughafen San José anfliegt. Gerade eben befand man sich noch über dem Karibischen Meer, und Augenblicke später ist man schon im Landeanflug über dem Pazifik. Costa Rica, ein schmaler, gebirgiger und vulkanischer Landstreifen, liegt zwischen Nicaragua und Panama und hat etwa drei Millionen Einwohner. Es ist eines der sieben Länder Mittelamerikas, die die Festlandbrücke zwischen Mexiko in Nordamerika und Kolumbien in Südamerika bilden — auch der Isthmus von Panama gehört dazu. (Siehe Karte auf Seite 17.)
Hat man sich erst einmal etwas orientiert, ist man von der üppigen Schönheit des grünen Landes bezaubert. Wohin das Auge sieht, überall scheint es Palmen, Bananenstauden, Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen sowie vielerlei andere exotische Pflanzen, Büsche und Blumen zu geben. Für den Botaniker ist Costa Rica ein Paradies. Aber bevor wir uns nun von diesem faszinierenden Land gefangennehmen lassen, sehen wir uns noch ein wenig seine Geschichte an.
Eine weitere Entdeckung des Kolumbus
Christoph Kolumbus geriet im Jahr 1502 auf seiner vierten Seereise mit seiner Flotte in der Nähe der Küste des heutigen Honduras in einen Sturm. Auf der Suche nach Schutz, segelte er den Teil Nicaraguas entlang, der heute Moskitoküste heißt, und ankerte vor dem kleinen Küstendorf Cariari. Die Herzlichkeit der Menschen dort und auch die üppige Vegetation machten großen Eindruck auf Kolumbus. Noch stärker beeindruckte ihn allerdings der Goldschmuck, den so mancher Einheimische trug. Goldgierig wie Kolumbus war, ging er davon aus, daß die Küste reich an wertvollen Bodenschätzen sein mußte. Wie es sich herausstellte, wurden seine Hoffnungen zunichte gemacht, jedoch erst nachdem die spanischen Entdeckungsreisenden das Land bereits Costa Rica (reiche Küste) genannt hatten.
Im Lauf der Geschichte löste sich Costa Rica von Spanien und erlangte die Unabhängigkeit. Nach einem kurzen Bürgerkrieg wurde 1949 unter dem Übergangspräsidenten José Figueres die Armee abgeschafft, was Costa Rica in der neuzeitlichen Geschichte zu etwas Einzigartigem macht. Diese drastische Maßnahme ermutigte einige amerikanische Quäker, nach Costa Rica zu ziehen, wo sie in Santa Elena eine Molkereigenossenschaft gründeten. Verglichen mit manchen unruhigen Ländern Mittelamerikas, ist Costa Rica wirklich eine Oase des Friedens gewesen.
Ein Land üppiger Vielfalt
Wir reisten durch einen kleinen Teil des Landes, um die Vulkane Poás und Arenal zu sehen, und waren dabei ganz hingerissen von dem Artenreichtum an Grünpflanzen und Bäumen, von den tropischen Blumen, den durch schwarze Netze geschützten Blumenanlagen und den Erdbeerpflanzungen. Neben den riesigen Blättern des sombrilla del pobre (Sonnenschirm des armen Mannes) kamen wir uns ganz klein vor. Die Berghänge waren mit dunkelgrünen Kaffeesträuchern bedeckt, die voll roter Kaffeekirschen hingen.
Überall in Costa Rica findet man Schmetterlinge. Nicht weit von San José gibt es Schmetterlingsfarmen, wo man Schmetterlinge in ihrer natürlichen Umgebung beobachten und fotografieren kann. In einem Reiseführer steht, daß „es in diesem kleinen Land mehr Schmetterlinge gibt als in den gesamten Vereinigten Staaten“. Weiter heißt es darin, daß man „heute weiß, daß Costa Rica eines der biologisch vielfältigsten Gebiete der Welt ist“. Kein Wunder also, daß Botaniker und Biologen herbeiströmen, um die Vielfalt der Lebensformen im Miniland Costa Rica zu erkunden! (Siehe Kasten.)
Ein weiteres Beispiel für den Artenreichtum in freier Natur liefert die Vogelwelt Costa Ricas. Man muß schon gut aufpassen, damit man bestimmte Vögel sieht, und dann muß man schnell sein, um sie fotografieren zu können. Wohin die Schwärme der Mönchssittiche auch fliegen, sie machen einen Heidenlärm. Über uns hielten die zopilotes (Rabengeier) mit Argusaugen nach der nächsten Mahlzeit Ausschau. Im Blätterdach ließen sich mitunter die tapsigen Tukane mit ihren riesengroßen Schnäbeln kurz blicken. Wir sahen die Gelbschenkelige Buschammer und den Bentevi, der eine gelbe Brust hat, durch die Bäume huschen. Auch einen Kolibri bekamen wir kurz zu Gesicht, der im Schwirrflug über den Blumen nach dem nächsten Nektartrunk suchte. In dem Vogelpark ZooAve konnten wir uns an allen möglichen einheimischen Vogelarten erfreuen. Dazu gehörten die vielfarbigen Aras, die es verstanden, sich durch ihre ungestüme Art bemerkbar zu machen. Viele andere Vögel mußten leider in Käfigen gehalten werden, darunter auch eine vierköpfige Eulenfamilie, die Seite an Seite saß und ach so weise dreinblickte.
Costa Rica ist berühmt wegen seiner verschiedenen Nationalparks und privaten Schutzgebiete, Indianerreservate und Naturschutzgebiete. Nahezu 27 Prozent des Landes stehen unter Naturschutz; das ist mehr als in irgendeinem anderen Land der Welt. Wer also die Reise antreten möchte, hat die freie Auswahl, was die Art des Terrains und den ökologischen Lebensraum angeht.
Dem Costa-Rica-Reisenden sei zumindest eine kleine Warnung mit auf den Weg gegeben. Wer dort in einem Fahrzeug fährt, dem verzeiht man den Gedanken, daß viele Fahrer vor ihm wohl betrunken sein müssen. Warum? Weil sie oftmals ganz ohne Vorwarnung in Schlangenlinien fahren. Was bezwecken sie damit? Sie weichen den großen Schlaglöchern aus — eine wahre Plage auf den Straßen des Landes. Daher heißt es in einer Broschüre für Touristen über das berühmte Nebelwaldreservat von Monteverde: „Man muß einige Stunden fürchterliche Straßenverhältnisse in Kauf nehmen, bevor man ... [es] erreicht; es ist daher eher ein mehrtägiger Besuch zu empfehlen als ein Kurztrip.“ Wer natürlich in einem Fahrzeug mit guter Federung und Bereifung unterwegs ist, wird von den Löchern weniger spüren.
In Costa Rica gibt es wirklich so viel zu sehen und so viel zu verarbeiten, daß man während eines zweiwöchigen Ferienaufenthalts nur einen oberflächlichen Eindruck von der vielgestaltigen Schönheit dieses faszinierenden Landes gewinnen kann. Ein Hotel hielt einige Tiere in einem Minizoo. Der Wächter erlaubte uns freundlicherweise, die Käfige zu betreten, um einen Tukan und einen geschmeidigen Ozelot zu fotografieren. Zur Vielfalt Costa Ricas tragen auch die gastfreundlichen Menschen bei.
Eine einzigartige Versammlung von ticos
Was ist ein tico? Das ist der geläufige Ausdruck für einen Costaricaner. Er stammt aus dem Spanischen, wo es üblich ist, die Verkleinerungssilbe -ico zu verwenden. Zum Beispiel chiquitico für klein, bonitico für niedlich oder hübsch und jovencitico für jung. In Sarchí, einer kleinen Stadt in ländlicher Gegend, gibt es unter den ticos Kunsthandwerker, die für ihre von Hand bemalten Ochsenkarren berühmt sind — die originellen carretas. Jeder Karren ist ein künstlerisches Meisterwerk für sich. Kleine Nachbildungen davon finden bei den Touristen reißenden Absatz.
Ende 1994 bot sich den ticos die Gelegenheit, in ihrem katholischen Land etwas ganz Besonderes zu sehen. Vom 30. Dezember 1994 bis zum 1. Januar 1995 wurde im nationalen Fußballstadion im Sabana Park (San José) ein Kongreß der Zeugen Jehovas abgehalten. Er stand unter dem biblischen Motto Temor Piadoso (Gottesfurcht); aus dem ganzen Land strömten die Zeugen herbei, und auch kleine Gruppen von Delegierten aus anderen mittel- und südamerikanischen Ländern trafen ein. In Costa Rica gibt es über 15 000 Zeugen Jehovas. Wie hoch würde die Besucherzahl bei diesem besonderen Anlaß sein? Am Freitag kamen 21 726 — Jüngere und Ältere, Eltern und Kinder, alle nett und dezent gekleidet. Am Samstag wuchs die Zuhörerschaft auf 25 539 an, und 681 ließen sich in den drei großen Becken taufen, die auf einer Seite des Spielfeldes aufgestellt worden waren. Am Sonntag belief sich die Anwesendenzahl schließlich auf 27 149. Wie begeistert doch die Missionare, die Pioniere (Vollzeitverkündiger) und all die demütigen Männer, Frauen und Kinder waren, die sich sehr anstrengen, das Gebiet in Costa Rica von Haus zu Haus zu bearbeiten! Und es war wirklich ermunternd, in dem offenen Stadion so viele Familien, die zum Schutz vor der Sonne unter bunten Schirmen saßen, versammelt zu sehen.
Nach Programmschluß holten Tausende ihr Taschentuch hervor und winkten sich gegenseitig zum Abschied zu. Das war ein bewegender Augenblick.
Costa Rica benötigt Gottes neue Welt
Obwohl es in diesem Land vieles gibt, was einen unwillkürlich an ein Paradies denken läßt — die Artenfülle der Tier- und Pflanzenwelt sowie das angenehme Klima —, benötigen die ticos genauso wie die Menschen in anderen Ländern „neue Himmel und eine neue Erde“, die Jehova durch Jesus Christus verheißen hat (Jesaja 65:17; 2. Petrus 3:13; Offenbarung 21:1-4). So wie überall auf der Welt begegnet man auch hier der Armut und sieht Familien, die in unzureichenden Wohnverhältnissen leben. Hinzu kommen Krankheit und Tod, etwas, was vor keinem Menschen haltmacht. Jehovas Zeugen predigen deshalb begeistert die gute Botschaft von der Herrschaft des Königreiches Gottes, um das alle aufrichtigen Christen in dem bekannten Mustergebet oder Vaterunser bitten. Unter dieser verheißenen gerechten Herrschaft wird Costa Ricas immense Vielfalt noch klarer hervortreten — zu Gottes ewigem Lobpreis.
[Kasten auf Seite 19]
Costa Ricas prächtiger Artenreichtum
In dem Buch Costa Rica—A Natural Destination heißt es: „Costa Rica ist reich an Arten. Das kleine Land, das nur drei Zehntausendstel [0,03 Prozent] der Erdoberfläche ausmacht, ist die Heimat von 5 Prozent aller heute bekannten Pflanzen- und Tierarten.“ Es gibt dort zum Beispiel
mindestens 830 Vogelarten, darunter Tukane und Quetzals,
mindestens 35 000 Insektenarten,
mindestens 9 000 Gefäßpflanzenarten,
mindestens 208 Säugetierarten, darunter Ozelote,
mindestens 220 Reptilienarten, darunter große Leguane,
mindestens 160 Amphibienarten, darunter Pfeilgiftfrösche,
mindestens 130 verschiedene Arten von Süßwasserfischen.
Einige Wissenschaftler vermuten, daß es in Costa Rica bis zu einer Million Arten gibt.
[Kasten auf Seite 19]
Vulkane
Man kennt 112 Krater, erloschene und auch aktive. Der beeindruckende etwa 1 500 Meter hohe Arenal ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Wer ihn sehen möchte, sollte sich über das Wetter informieren, bevor er den mühsamen Weg über Straßen voller Schlaglöcher macht. Oftmals verhüllen Wolken den Arenal.
Der Irazú ist etwa 3 400 Meter hoch. Er war von 1963 bis 1965 aktiv.
Der Poás, dessen Höhe etwa 2 700 Meter beträgt, ist ein Berg mit zwei Augen — das eine weiß und brodelnd in dem aktiven Krater und das andere ein blauer See inmitten eines üppigen Dschungels.
[Karte auf Seite 17]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
NICARAGUA
COSTA RICA
Arenal
Monteverde
Poás
Sarchí
San José
Cartago
Limón
PANAMA
[Bilder auf Seite 16, 17]
Seite 16:
Tukan und Vulkan Arenal
Seite 17:
1 Krater des Vulkans Poás
2 Ara
3 Folkloretänze
4 Bromelie
5 „sombrilla del pobre“
6 Leguan
7 Ozelot
[Bilder auf Seite 18]
Bezirkskongreß „Gottesfurcht“ in San José; 681 ließen sich taufen, darunter auch Digna (ganz rechts)